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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Fünftes Kapitel. Sparsamkeit und Ehrlichkeit.

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»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff Sparsamkeit überhaupt nicht.

Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags Bier zu trinken.

Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein, unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie.

Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.

»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor einem Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken, man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«

Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem engen, übelriechenden, feuchten Hof um.

Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als nur spazieren zu gehen.

Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für andere mitsorgen sollen!

Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung, die Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur einmal, wie die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde.

Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in Anspruch nimmt.

Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In diesen Kreisen ist das Rauchen ein sozialer Schaden; es hemmt zuweilen den Aufschwung einer ganzen Familie.

So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein kleines Beispiel beweisen.

In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise (Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3 beanspruchte. Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte.

»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier trinken!«

Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte er doch nicht lassen – und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, das die Krankheit erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte. Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist, raucht er nicht mehr. –

Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater. Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind.

Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine der bestangestellten Frauen.

Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann: »Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!«

Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich (es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren.

Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige, geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«

Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, da mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden. Die Leute reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.«

Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der gleichen Quantität Kleider meines Töchterchens nicht aufwarten können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. Es fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist, während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach einem Teller Suppe lechzten. Und diese Zustände habe ich nicht einmal, sondern oft getroffen.

Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun – so kommt es, daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen en vogue ist, und ganz speziell bei den verheirateten Frauen.

Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, die sie in ihre Sonntagskleider heften.

In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder Tricothandschuhe, vor allem aber Militärhandschuhe; man glaube aber nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin ein Paar dedizieren; sie verkauft sie weit unter dem Ladenpreis, macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser »guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen Handschuhe in die Hände bekommen.

Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten Dinge meist auf der Retirade.

Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen hatte. Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!! Die Diebin wurde indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können. Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an einem anderen Ort Arbeit gesucht.

Diese Art der moralischen Lynchjustiz wurde fast durchwegs ausgeführt; mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben müssen. Ich glaube, daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen.

Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.

Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden, die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos verloren.

Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind, diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten.

Man ersieht daraus, daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum edle Früchte tragen?

Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, wer nicht ganz ordinär sein will, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine. Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt.

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