Schlußbetrachtungen.
Reading edition
Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man – wenn man irgend einen Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt – ersehen, daß die Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen geweinter Thränen herbeigeführt!
Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten! Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen; das weibliche Geschlecht muß einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen!
Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl der Frauen, die dahin vegetieren, murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!
Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? An den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen, an denjenigen, die der Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!
Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit zeitigt die krassesten Auswüchse – der Tag der Frauenrebellion wird kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben, sondern korrumpiert werden! –
Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht scheuen!
Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit!
Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der Mode gekleidet zu gehen!
Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt, sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet, wenn sie Unglücklichen helfen kann!
Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll!
Druck von H. Ginzel, Berlin W., Yorkstraße 43.