Siebentes Kapitel. Die Stellung des Mädchens.
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Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines Gutes, das jene nicht besitzt: der Freiheit.
Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld, das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im übrigen unbekümmert um diese.
Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche, beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben.
Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit Schaden an Körper und Seele genommen hätten, wenigstens nicht mehr, als es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre. Ich fand, daß dadurch die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren« Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird.
Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben, deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere, deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit kommt man früh genug.«
Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde.
»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.«
Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht.
Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen, auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde, um zum Arzt zu gehen.
Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank; dafür altern sie aber – wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit – sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand.
Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung der Mädchen aus; sie haben davon meist keinen Begriff. Wenn die Mädchen heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne die geringsten Vorkenntnisse der gerade in diesen Kreisen so notwendigen hauswirtschaftlichen Kenntnisse; in allen andern Schichten der Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen, oder sie braucht nicht derart mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher einmal etwas verderben. In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen Familie von der Frau ab, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit »..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich, Geht die Wirtschaft hinter sich.«
Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende und rettende Wohlthätigkeit: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, es ist eine Arbeit, die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation.
Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang. Wenn wir dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer schlechten Frau werden könnte.
Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen, von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte, erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht segensreich wirken; wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch hauswirtschaftliche Kenntnisse.
Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.
Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab, bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist, dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern!
Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen von jenen Kreisen versündigt. Die überhand nehmende Prostitution ist der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes strandet!