Einleitung.
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Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des Betriebes wußten, wer ich war.
An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen beschäftigt sind.
Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah, daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich mich zu benehmen hatte.
Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen – übrigens die Hübscheste aus der ganzen Fabrik – aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck. Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen konnte.
Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier kommen ließ.
Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher, ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten besser und höflicher, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.
Glücklicher Weise erging es mir in der ersten Fabrik so gut, denn wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht doch noch ins Korn geworfen hätte.
Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß, je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren. Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken arbeitete, waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten.
Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten.
Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen, die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt verheiratete Frauen sind.