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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Vierzehntes Kapitel. Stellenlos.

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Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet, das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen, Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und heimatloser Dienstmädchen gehört – aber sie alle repräsentieren noch nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin entgegensieht.

Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner Genossinnen erhalten; was ich mitteile, habe ich selber erlebt, es deckt sich mit dem, was mir die andern erzählten.

Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu suchen«.

Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres« erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«

»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«

»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir gethan.«

Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden.

Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten Bibeln Gebrauch zu machen.

Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.

»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte.

»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.

»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner« werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte. Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich mich allenfalls melden könnte.

»Nu nee,« schnurrte sie.

»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich schüchtern zu bemerken.

»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen! Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.«

Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und Stellenlose,« oder so ähnlich.

»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.«

»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.

Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.

Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für »Arme« zu sprechen sei.

Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So, so« bereit.

Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere Zeit für uns Fromme gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir, ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.«

Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen nicht empfangen will, oder derjenige, der sie so empfängt und unterstützt der größere Pharisäer? –

Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«

»Hefterin«, war meine Antwort.

Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten, gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war.

Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen ich noch nicht gearbeitet hatte.

In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter; wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner livreeartigen Kleidung.

»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner Begleiterinnen.

»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner, wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr fortkommt!«

Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um eine Erfahrung reicher.

In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte. Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen.

Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an. Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.

Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin – das war sie nämlich – zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form gewählt.

Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips. Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.

Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann ein Spiel Karten vor.

»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach und meinte dann:

»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?«

Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die »Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich! Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und versiegelte sie den Brief und übergab ihn mir geheimnisvoll.

»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik; geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, daß es keiner merkt.«

Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich dann von Kopf zu Füßen.

»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die Stelle sei lila!«

Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog, allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner »Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. Ich sollte ihr, wenn ich die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und dem Aufseher den der zweiten Woche. Ich ging darauf ein und bezahlte ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit. Darnach sollte ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich wöchentlich 2 Mark erhalten sollte. Man denke sich in die Lage eines armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle Unterstützung findet, wo muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden, wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, es muß sich prostituieren. –

An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die »Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem, hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion elenden, übelriechenden Käse.

Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung, saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen Schluck aus seinem Schnapsglas.

Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes, beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«

»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.

»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde. »Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«

»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.

»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen, wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!«

»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?«

»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere, hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!«

Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden, wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen. Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. –

Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das »segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose, die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller Suppe zu reichen!

Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an Eure Wände schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände: »Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld einbringen.«

Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem« Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten brave Menschen sein.

Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine« thun zu wenig, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen, zu viel, um die Mädchen heranzuziehen.

Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will – sie kann es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können – sehe sie nun, wie sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt, sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das arbeitslose, aber anständige Mädchen, so gern übersah.

Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen: moralischer Tod oder leiblicher Tod!

Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen Schutz findet – so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen aller Frauen gegen die Gesetze, die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der Prostitution in die Arme läuft!

An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit leben können! Vor allem aber an alle die tausend und tausend Frauen, die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen, Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen »Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes, an sie wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein, reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr hinauf-, sondern herabsehen kann! –

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