Dreizehntes Kapitel. Die Hausindustrie.
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»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand. Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter die Frau fast ausschließlich die Hüterin der Sittlichkeit und des Gemütslebens.«
Dies ungefähr waren die Worte, die Dr. Brinkmann in seinem Vortrage in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und die Kinder ständig zu bewachen.
Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen.
In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h. immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.
Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart wird.
Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen, neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, – ein friedliches Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken kann.
Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll, sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit ist.
Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie.
Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu bearbeitenden Boden verbietet.
Die Frauen tragen dergestalt viel dazu bei, daß Sittlichkeit und Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der Fabrik arbeitenden Manne das Gemüt erhalten. Und wenn es auch tief zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer.