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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Erstes Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen.

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Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in einer Fabrik und noch weniger in einem Saal gearbeitet habe; so oft ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in 3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre erfahren würden.

Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich nicht eine, die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte ich in meinem Vorwort, daß ich nur von der sächsischen Arbeiterin spreche.

Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen, Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.

Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B. wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare (Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem Zustande.

In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige; wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not.

An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht führte, und nun fehlte ihr selbst dies.

Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir – einen Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. –

Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich – glücklicherweise – abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur Aushülfe angenommen wurde.

Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen murrend in den Kauf nahmen.

Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete.

In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren Handarbeiterinnen.

Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur Arbeit zurück – und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten nicht den Mut, offen vorzugehen.

Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark.

In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes.

Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6- bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.

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