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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Viertes Kapitel. Sittliche Zustände.

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Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.

Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast überall – und ich habe genaue Informationen angestellt – bleiben sich Mann und Frau beide in der Ehe treu oder ein jedes geht seiner Wege. Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.

Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber lediglich deswegen, weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster, weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren Leben zeigen. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter nach.

Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.

Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht, und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren« vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, bezahlen aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken bleiben.

Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen freien Verkehr aus Liebe nicht für unsittlich, sondern für natürlich halten, für Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb herabsinken darf.

Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«

Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants; was dazwischen liegt, wird weniger scheel angesehen, weil die Möglichkeit vorliegt, von einem Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden.

Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie Schreiber und in Bureaux arbeitende Kaufleute nennen.

Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß: »Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht, Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«

Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht wohl begreifen, ja, so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue, heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und Chikanen der Sozialdemokratie in die Arme treiben, umsomehr, als das gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser, höflicher und menschenwürdiger behandelt, als es die anderen thun.

Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise; er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf nehmen.

Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und ging.

Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über den Buchhalter.

»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen, der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«

Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich ihm alles sagen würde.

»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab' ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem Direktor hat er doch nichts gesagt!«

»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!«

Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.

Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie 'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S–straße, besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können doch Nachts von Hause wegbleiben?«

Ich bejahte.

»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch an, wenn möglich eine etwas dekolletierte Taille. Wo wohnen Sie denn?«

Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben, irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.

»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich, »da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, die sind neidisch.«

Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus; draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor Scham und Zorn.

Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er frug nicht einmal, ob ich sein Schatz werden wolle, er beorderte mich einfach zu sich, wie eine Sklavin.

Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich, gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich auf einen Schutthaufen. Wenn er da drinnen geahnt hätte, wie ich hier mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, wie ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!

Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich mit lautem Hurra empfangen.

»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«

Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.

»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!«

Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm nicht, so kann sie sicher sein, in wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen muß, wird sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? Wer unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind? Der Staat sicherlich nicht!

Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei. O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und reich ist, mit einem Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute« Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht hier reformierend eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« –

Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich arbeitete; dort war ein junger Prokurist, der wußte, wer ich war und infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark nicht an.«

Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; und das waren Arbeiterinnen auf dem Lande. –

Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der Unmöglichkeit.

Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff; ist der Schatz beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen anderen.

Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den Beschützer und vor allem – denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.

An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft vorkommt.

So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. –

Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht; es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden.

In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen, wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.

Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war, das waren die verheirateten Frauen. Neben mir saß eine etwa 30jährige, kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz unglaubliche Redensarten führte.

Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar.

Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere Arbeit.

Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem Vorkommnis machen.

Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende Tag war ein Sonntag gewesen.)

Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht entblödete, als Mädchen, vor allen umstehenden Arbeitern, so etwas zu sagen.

Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war!

Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen jedoch immer sanfter, äußerlich wenigstens gesitteter bleiben. –

Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben, ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!« Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. – Schon der Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine zweifelhafte Moral.

Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz besitze.

»Ich hatte einen,« erklärte ich.

»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.

»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines Doctor juris wenigstens in der »Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«

Aber da kam ich gut an.

»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na, da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie sich hier keinen neuen Schatz suchen?«

Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos« war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde, der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß ich ihnen bald so »nahe« treten würde.

Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.

Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein gleich elendes Dasein, wie das Deine! –

Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber; eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. –

An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies. Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen zu erregen.

Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. –

Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, je nach ihrem Beruf, trennen. Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu bewunderungswürdig anständig zu nennen ist.

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