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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Zehntes Kapitel. Religion.

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Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße. Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, wer viel betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben. Es ist auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig, fromm sein. Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel. Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott, aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind. Bis zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde: »Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast uns nichts mehr zu sagen!«

Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an diesen Zuständen. Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und »väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger, wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze rein hieltest!«

Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.«

Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:

»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran, daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?«

Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?«

Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen.

Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.

Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu meiner Äußerung verhielten.

Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na, dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil, sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten.

Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer, schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten.

Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, um den Pfarrer zu ärgern. Von den selben weiß ich mit voller Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.

Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis, daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige ist.

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