Zweites Kapitel. Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.
Reading edition
Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen, im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und weniger erholt als vor der Mittagspause an die Arbeit zu gehen.
Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und Geschrei.
Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war.
Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; Fleisch habe ich in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen. Diejenigen, die den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen vor der Löhnung wurde zur Mittagsnahrung vielfach nur solcher Kaffee mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz streuten.
Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen, ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.
Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.
In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich niemals eine Arbeiterin, nur arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.
Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl, das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten männlichen Arbeiter gern verkehren.
Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen, ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich schnell verschlungen.
Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten.
Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten gleich, so würden sie nicht beständig so hungrig sein, immer bereit, neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren.
Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch- und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen können und die ganze Familie beisammen ist.
Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser essen könnten, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden, aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!
Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse, Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.
Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte, aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre Dummheit entgegentreten; hier ist allein thatkräftige Aufklärung am Platze.
In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt, um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich nur im »Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre eigene Kleidung Witze machend.
Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.
Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach unentbehrlich. –
Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, Kämme und Spangen, ja, viele tragen zur Taille passende Schleifen im Haar.
Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich konnte ich nicht finden.
Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten.