Neuntes Kapitel. Wohnungen und Schlafstellen.
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»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden.
Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf Vergrößerung der Wohnung sehen.
Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen« nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.
Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen noch viel schrecklicher sein muß.
Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die Kinder in diesen Räumen verkommen müssen, daß die Erwachsenen keinen erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen, denn sie sich Abends niedergelegt haben.
Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort, ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich; abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. Ich habe bei keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist, sonst in der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern.
Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei Töchtern in einem Bett, oder Vater und Mutter mit einem Kinde und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern – aber natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles »Familie«.
Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.
Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. Hier schliefen die drei Personen, die Mutter in einem ordentlichen Bett, das eine der Kinder in einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett. Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem Photographenatelier, der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um eine gute Stube zu haben.
Ähnliches habe ich oft gesehen; das tollste jedoch an »Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene, schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem Sopha ein Bruder der Tante und in einer Hängematte (!!!), die vom Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark, jedoch ohne Koffer; ich habe mir nie erklären können, wo diese Leute ihre Sachen lassen.
Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um ½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich 3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann Tantièmen.
Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen Kammer.
Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen, im Benehmen, wie in der Kleidung. Die Schlafgängerinnen und jene, die in erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind gesitteter, manierlicher, reinlicher.
Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als Trägerin des Schönen, des Guten, der Ideale!« Es ist ein sonderbares Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück, wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu widerlegen; ich sage einfach: je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie.
Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter, denn unsere Gegner; wir legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu wirken; wir gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten Mitteln.
Warum thun unsere Gegner nichts für ihre Bestrebungen, warum bauen sie jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral, warum bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« bleiben?
Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That? Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?
Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen sie nicht die Wohnungen der Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie hochschätzenden Gatten? Wir unweiblichen Geschöpfe können das doch nicht!
Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die »sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene, Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen jener Unwissenden?
Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?
Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! –
Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen.
Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«, raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen.
Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen berücksichtigen.
Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17 Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und die will ich hier wortgetreu wiedergeben:
1.
Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn, das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung allens für uns allein. Es grüßt sie
Frau .......
2.
Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist nebenan, ein früstük kostet 10 fennige.
Alexander ........ Maschinist.
Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben mich aber nie wiedergesehen.
Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte, ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen. Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte an die Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das andere.
Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes alt sein konnte; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.
Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen.
Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von 4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee. Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl, in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich; meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten.
Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung, Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen vergaben diese Familien in den seltensten Fällen.
Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.
In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte.
Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume stand.
»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.
»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend ausgezogen bis in den Korridor hinein!«
Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank, die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich, ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.
Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging.
Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen, daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer Schlafstelle suchen!« –
Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen, sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.
Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.
Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir richtiger scheint, sie wollen glauben, daß dann jedes Schamgefühl im Mädchen ersterbe, ersterben müsse, trotz der hohen Bildung, die es erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich möchte sagen: Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!
Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, weil sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts zusammenführt, denn Sinnlichkeit!
Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen Mutter die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die »edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung geschlechtlicher Ausschweifungen?
Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger verdammenswert!
Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.
Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den »hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen zu ertränken.
Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten vulgo Spielereien hat, das von Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie – natürlicher und deswegen moralischer – dem Schatz gegenüber empfindet.
Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering.
Die Fabrikmädchen lassen sich verführen ohne geschminkte Heuchelei, die feinen Dämchen aber verführen selber, d. h. sie reizen den Mann durch Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen, daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und spielen das »keusche Gretchen«.
Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons« beliebte Ware sind.
»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.«
»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu erzielen.«
»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«
»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten Fällen.«
»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«
»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm den höchsten Zauber verleiht.«
»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« –
Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch jedenfalls aus den feinen Kreisen genommen. Wie müßten jene Frauen, die bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage der Fabrikmädchen kämen? –