Päan des Aufruhrs
Reading edition
I
Inmitten der Getümmel, knochig und robust, Steh ich, befeuernd den Tumult mit Schrei. Es schneiden Messer durch die steile Brust, Den Acker, hackend Fleisch zu Mampf und Brei.
Ich euerer Länder preisgekrönter Akrobat! Mit Muskeln straff, drauf spitze Schwerter tanzen. Aus Winkeln aufgeschrien zu großer Tat, Aus Kneipen und Bordellen, Gräuel und Wanzen.
Als unterm Tor ich einst mein erstes Mädchen küßte, Die Arme heftig um die eckigen Hüften schlang, Wie saftige Frucht zerpressend runde Brüste . . . O erster Rausch, der Geist und Blut beschwang!
Durch fernste Träume irrend, brauner Weiber Schöße, Die sich gebärdeten, Verrückte toll, Bis daß ich niedersank, entblößet, Ermattet schwer, da Tag und Stadt verscholl . . .
Hah! Rasselnd atmen schon die Lungen Der Sonne, die zerreißet euch zu Fetzen. Die Himmel brechen, plötzlich aufgesprungen, Auf euch herein mit Wassersturz und Schloßenklötzen.
Ihr Hurenvölker, Metzen, aller Länder Schlampen! Die euch zermalmt, steinerne Flut, sie naht. Es schaukeln düsterer jener Monde Lampen. Ihr kochet aus in heißem Würgebad.
Verrecket! Aus Gestank und dumpfem Bette Zerrt schon der Sturm euch, schmeißt euch in die Helle, Wo ihr erstarret. Rettet Euch auf die Speicher, flüchtet in die Keller!
Auch dort, auch dort faßt es euch an und schleppet Euch an den Ort, wo spritzen Körperstümpfe. Verlaustes Pack! Verhuret und verneppet, Bis tief ins Blut verdorben, in den Sümpfen
Der Unzucht fett wie Kröten aufgequollen Mit triefenden Augen, Mäulern voll Gequak! Es faßt euch an! Mit einem wundervollen Bravourschwung schleudernd in den kalten Tag!
Hah! Schon erblindet! Aus den schwarzen Löchern Quillt gelber Schleim . . . „Gewährt uns doch den Stoß!“ . . . Ihr zappelt, hänget Lumpen von den Dächern, Ihr treibet, Klumpen Haut, in Flüssen groß. —
Zerstampfet ist des Reiches fade Herrlichkeit. Wir Bären heben unsere blanken Eisentatzen. An unseren Zähnen kleben Haar und Därme. Speit Aus den Fraß! Fast unsere Bäuche platzen.
II
Ich wecke dich, verdrängte Kraft! O Anarchie! Die Schienen steigen, Harfen, aufgerissen. Die Länder überschwemmet weit der Sümpfe Vieh, Versoffene Himmel auf die Erde pissen.
Verdammet ewig! Kraftlos, ausgegoren . . . Hah! Ihr verröchelnd in verstopften Rinnen, Versauten Kübeln. Gitterspitzen bohren Euch durch die Schädel. Spinnen
Ihr, die ihr tastend steile Schächte ziehet Und mischet euch in Stürze, die sich trüben. Die Augen Glas und maßlos vorgetrieben, Verbrannt ihr über Dächer gen den Himmel fliehet.
Verdammet ewig! Schwerterblitze schwingen, Es brechet auf aussätzige Kastenbrust. Da schreien Trommeln, alle Türme klingen. Hah! Ungestört in nie erträumter Lust!
Verdammet ewig! Ordnet euch zum Zug! Schon wallen Fahnen. Schwarze Chore klopfen. Ihr ausgehöhlt von spitzer Hagel Tropfen, Hinwegrasiert von steilgestellter Winde Flug . . .
Verdammet ewig! Eng das Himmelreich, Nieder die Tore, wo ihr tretet ein, Der Weg verschottert . . . regenaufgeweicht. Hah! Vorwärts marsch in euer Qualdasein!
Hah! Zögert nicht! Verfault in grünen Ecken. Da einer wahrte noch die Kerze gelb. Wo Arme steif an Schimmelleichen stecken, Wie Kreuze . . . Heiliges Nachtgewölb,
Das nicht mehr Mond durchfurchet, nicht die Schar Der Feuersterne mehr, da es zu spät Geworden. Netzehaar, Das, finsterer Wald, traurig herniederweht.
III
Stellet wie Schirme Hände vor euere Lichter, Daß nicht der Sturm sie verlösche, der aufsprang zur Nacht! Schließet die Reihen! Scharet euch dichter! Daß wir werden, Brüder, heil an den Morgen gebracht!
Brücken bäumet euch! . . . Teiche voll stinkender Fische Rasend sich drehen, eitriger Wolken Säcke, Schalen auf grüner Wälder wehenden Tischen. Vulkane schwälend vergrabene Himmel belecken.
In die Arme euch fallet . . . Ein Irrer, wo glotzet An einsamer Straße, der bös prophezeit: „Fraß und Trank, ihr Räuber und Mörder, auskotzet! Euer Morgen, der schöne, ist weit, ist weit . . .
Auf den Hügel euch schwinget, ob ihr erspähet Der Sonne Ball. Landschaft, die schwebt. Nicht die Mauer der Nebel zerfallet. Die bläulichten Seeen Erwachen. Voll Glanz ein Gebirg sich erhebt . . .
Erstarrend am Wege ihr, schlaget die Mäntel um! Hüllet euch ein, erwartend, was nie erscheinet! Beweget nur Arme, die Hände, die Beine stumm! Uhren nie schlagend, Schlagwerk, das weinet.
Vergesset den Takt nicht! Rennet nicht, jaget nicht durch! Lauschet! . . . Ists nichts?! . . . Kommt da nicht wer gegangen?! — — Die Augen hinfließen, schallender Winde Gefurch. Bäume hoch greifen, knackender Äste Zangen.
Einmal noch singet! . . . Auf eueren Köpfen Hocken der Wetter Bäuche. Ach, ihr so maßlos gewachsen. Oder treiben jene so tief?! . . . Einst dreckige Töpfe Ihr, trauriger Tollheiten jetzt brennende Achsen.
War es nicht Rausch, nicht Wahn? Wie ward es erfunden? Einer träumte. Der schrie es herum. Rausch und Wahn . . . Einst mit Gärten umwunden Die Stirnen, jetzt Öden, verwelket und plump . . .
Keiner schrickt auf mehr. Nirgends ertönet mehr Klage. Waldung mit Körper sich mischet, Haare mit Meer und Grün, Aber im Finstern pfeifend ein Knochenturm raget, Trotzend den Völkern der Stürme und Hagel kühn . . .“