Krankenhaus
Reading edition
I
Gott brauset mächtig in den Werken, Die rings umwandeln sich, vergehend und geschehend. Im donnernden Flug der weißen Wolkensärge, In Wetterzorn und klirrendem Geträn.
Da wir des Abends wurden eingeliefert, An hoher Decke klebte Perlenlicht. Wir wollen uns behalten, nie verlassen, Uns wenden zu das schreckliche Gesicht.
Es steigen kühl zu uns herein Wälder, Wiesen und der Berge Flor, Auch die Stadt will gegenwärtig sein Mit Brutplätzen und der Menschen Chor.
Die sich zwängten durch die Gitterstangen, Streuend Träume durchs Gezell —: Klagemeer und Schrei hat sie empfangen, Flackern böser Augen, fieberhell . . .
Ja, Bitternis ward in die Brunnen eingelassen. Nicht herzet Goldluft mehr uns innig-lieb. Gott, den wir in uns faulen lassen, Verfärbt die Ströme unseres Blutes trüb.
Mit Mondes Sichel, jäh gekrümmt, Pflügt auf er den verpönten Leib. Wir haben Gott in Jammer eingenommen, Berauschet uns an seinem giftigen Leib.
Gott schreit in uns nach blauer Heimat Frieden. Gott gräbt empor sich in Erschütterungsstößen. Der Schlafe Ruh sei ihm wie uns beschieden! Daß wir in ihm, daß er in uns sich löse!
II
Erwachend aus dem Taumel der Narkosen Wir fanden uns zerrissen und geschnürt. Die Mauern stieben auf wie Blätter lose, Doch lindert Spritze Schnitte und Geschwür.
Wir blicken traurig auf den runden Hof, Wo kreisen mummelnd blaue Kittelrupfen. Wir schlagen jauchzend Purzelbäume oft. Die Wärter uns mit eisernen Pinseln tupfen.
O flögen immer wir durchs Luftgeglänze, Wo Strahlentürme aus den Wolken blitzen! O segelten wir mit den ewigen Lenzen! Ein Heiland war bereit, uns zu beschützen! . . .
So sind wir jung durch jede Nacht gewallt, Das Dunkel aber fraß sich in die Hirne. Es schuppet sich das fleckige Antlitz alt. Empor wir schwanken zwischen den Gestirnen.
Oft, wenn wir drehn uns nach den Brüdern hin, Dünkt endlos uns gestreckt der Betten Reihe. Im Flammenhorizont der Priester kniet, Der Sonne bricht als Todesarzeneie.
In Wartezimmern hocken wir gebückt. In Magenhöhlen rinselt Eiter frisch. Im Mutterleibe wird ein Mensch zerstückt. Wir liegen lang auf weißem Marmortisch.
Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal Einander zu, erlebend süße Nähe, Wenn man uns reicht das letzte Abendmahl, Uns salbet ein mit Öles weichem Schnee.
III
Der Marter Gott hat liebend uns umarmet, Als Sehnsucht Not uns in die Fieber warf. Auf Dächergletscher wandelten wir Arme, Gepeitschet von den freien Winden scharf.
Erhebet euch, ihr teuflischen Matratzen! Euch Siechetücher Hauch der Himmel schwelle! Der heiße Kopf wie eine Bombe platze! Der Leiber Grab bestürz der Hitze Welle!
Wir Elenden zergehn, in Krämpfen weinend, Gestäubet aus. Uns packen an Visionen. Das heilige Tier im Dämmertraum erscheinet. Wir schlürfen ein karbolische Ozone.
Nicht Frieden mehr die düstere Stirn umheitert. Es raschelt schnell der Schläfer Atemtakt. Wir Wachenden noch Bittgebete leiern. Wir kuschen uns in grauer Kissen Sack.
O Qualen letzte Schlacht im Lazarette, Trostloser rot umzirkter Höllenstadt! Mit argem Fleische fahren fort die Betten. Schon brennen Kerzen in den Gängen matt.
Ihr Mädchen mit den weißen Spitzenhauben! Du Arzt im Mantel, der wie Frühjahr weht! Wir liegen in Verbänden naß umlaubet. Ein Licht beträuft kühl unserer Wunden Beet.
Tag! Endetest mit Tobsucht und Gebrülle Uns Irrer aus den Dauerbädern bang! O Trauer deck uns zu mit Tränenhülle, Aus der Station mit Schwesternachtgesang!
Im Garten aber hinter schwarzem Gitter Der Engel steht bei alten Bäumen schwank. Er schüttelt sein Gefieder voll Geflitter. Ein Stern zersprüht in seines Haars Gerank.
Er flieget auf zu Mondes grüner Klippe, Die bald das Meer des Morgens übergraut. Es fährt sein Schwert uns zwischendurch die Rippen. Wir sterben, rufend seinen Namen laut.