Die Stadt der Qual
Reading edition
I
Stadt du der Qual: — in Höllenschlunde eingeschlossen Von eherner Gebirge Ring und Festungswalle . . . Dein Dulder-Körper blüht, rinnenden Lichts begossen, Azurene Meere sprengen deiner Grüfte Halle!
Stadt der Qual: — die Toten atmen in den Gängen, Ein Marsch beginnt mit Trommelkrach und buntem Spiel. An schmalen Schultern lehnen Hyazinthenstengel. Aus silbernen Kesseln wirbeln Düfte Weihrauch schwül.
Stadt du der Qual: — erbaut an des Verfalles Ende Raget dein Dom, die dürre Knospe des Jahrhunderts. Wir mit den Tüchern schwenkend uns zum Morgen wenden. Wir gehn, verfaulte Wracks, in Abends Schatten unter. —
Sie speiet aus ihr schwarzes Blut und im Geschirre Der hageren Flüsse brüllet auf sie wie ein Stier. Die Sonnenheilige durch Dächerwildnis irret Und hauchet aus in Todes rosigem Geschwür.
Sie winket mit den Türmen nach der goldenen Schwester, Die sterbend träufelt Öl auf ihre eisernen Locken. Ein zorniger Sturm beruft das himmlische Orchester, Das stöhnet auf mit Flammenschrei und Donners Glocken.
Ein Kind zuckt knallend hin, das spielet Ball im Hofe. Des Dämmers Schwall würgt keuchend Giebel und Balkone. Es prasseln Scheiter aus der Stube kleinem Ofen. Der nackte König wandelt mit der Dornenkrone.
Es prallen Salven ihm vom Marktplatz gell entgegen. Kasernen, die in Reihenmassen aufgebrochen, Sie überkreuzen ihn mit wirren Säbelschlägen. Geschütze heiser von dem Stachelhügel pochen.
Es flammen weit im Rund der Räume Baldachine. Man hetzet Minen auf die Blöden, die wie Hasen Aufflüchten, stürzend in die dampfenden Latrinen, In Grubenteich, wo träge Schlangenkröten grasen.
Die Schimmelwände der Gefängnisse zerbröckeln. Als Seliger Brücke glänzt der Purpurwunde Streifen. Wie Fackeln starren hoch der Lanzen rostige Nägel. Zertrümmerte Gerüste schleiert Winters Reife.
Der König ward als Fraß den Hunden vorgeworfen, Die kotzten ihn verreckend an den Ecken wieder. Des Königs welker Leib stinkt wie von Pest verdorben, Doch gelber Strahlen Bündel sprüht sein Haargefieder.
Der König ist versoffen in der Huren Gosse. Der König schwemmet langsam durch die Kotkanäle. Sein Bauch erdröhnt im Tunnel. In der Hände Flossen Hält er das Schilfrohr-Zepter, ewiger Nacht vermählet.
Der König sickerte in gieriger Poren Schächte, Die stoßen dumpfen Dunst, der Marterängste Schweiß. Der Mond blitzt krumm. Ihn schwingt als Beil der Schlächter, Ein Engel schwarz in blendender Orifeuer Kreis.
Die weißen Betten schweben durch der Zimmer Decken Und gondeln, Schiffe, durch die Lüfte mit Gebraus. Zementene Uferdämme Wogenstrom belecket Und Straßen steigen finster in die Welt hinaus.
Wie Ziegen meckernd hopsern schief die Invaliden. Die braunen Kuttenmönche schwirren mit Geflüster, Es wallen aus den Toren Fahnenzüge düster. Es stehen Sieche auf. Es kommen Jungfraun nieder.
Die Nonnen winzelnd an den Kreuzaltären bangen Mit Lila-Augen brennend unter Spitzenhauben. Kalk spritzet über die verrannzten Butterwangen. Wild scheuchen Fledermäuse auf, die Schar belaubend.
Der süße Wein, der in der Priester Kelche quoll, Zerschliß die Magendärme ruckweis an den Hüften. Geheul Vergifteter an Wasserbrunnen scholl. Signale trillern auf. Ein Brand ward angestiftet.
Sprungkünstler hüpfen über Dach der Irren Horten. Mit Peitschen produzieren sich die Flagellanten. Es züngeln grüne Gase pfauchend aus Aborten. Es platzen rauschend vor den Häusern die Hydranten.
Da reißet auf des Wolkenschlammes zähes Siegel. Es fahren Schwäne auf dem Seee ruhig-glatt. Hoch wölbet sich der zarten Bläue flacher Spiegel, Der Armen Klagetöne klopfen traurig-matt.
„. . . Ich bin die Stadt der Qual . . . Die Schmerzen anderer Städte Sind in den Zellen meines Kerkers eingezogen. In meinem tiefsten Bau ringt alles Leid verkettet. Aus meinen Kuppeln widerstrahlt der Gnade Bogen.
Ich bin die Stadt der Qual . . . Die irdische Kreatur Zerstäubt in mir, wie Fliegenschwarm in Schwefel. Ich bin zerfetzet ganz von der Verdammung Schwur. Ohnmachten mich in kurzer Lieder Träume schläfern.
Ich bin die Stadt der Qual . . . Fluch klebt an meiner Stirne, Doch werd ich einst auf Flammenteller hochgereichet Zu Gottes Speise . . . der gefallenem Gestirne Mit Lilienhand die Furche aus dem Antlitz streichet.“
II
Weh euch! Weh euch! Die ihr den König ausgespeiet, Besudelt mit der Finger Dreck den Hermelin. Er tummelt sich im trüben Teich mit Wimmelschleien Und Molchenbrut in fleckigen Schwerterschilfen dünn.
Weh euch! Denn er erwacht mit silberner Zymbel Schellen Und schroffem Blitz, der eueren morschen Fels zerhaut, Er wird sich nackt im Traum vor euere Weiber stellen, Ein Adler, rasselnd mit den ehernen Flügeln laut.
Weh euch! So tragt wie Büßer euer Haupt gesenkt Und schleicht die Mauern lang, die wie ein Alb euch drücken, Der Rosenkränze Stricke um das Handgelenk, Erfrorener Sterne Haufen in den Augenlücken.
. . . Da Bettelweiber auf der Kirchen Stufen hocken Und ums Portal, das klafft, sich kreischend raufen. Ein härener Sack hängt das Gestirn in Wolkenflocken, Durch die der Abendengel düstere Schatten laufen.
Laternen schlingen gierig auf der Nebel Grunde, Aus denen fahler Pferde Vier, sich bäumend, steigen. Raketen sprühen aus der Reiter heulendem Munde. Verbrannte Blätter sich die Horizonte neigen.
. . . Wir warten, während rings die Autobusse sausen, Geduldig. Hupen bohren durch uns scharlach-schrill. Wo sich die Wunden kratzen, sich die Armen lausen Und Buden jammern unter herbstlichem Geknüll.
Kommt eine schwarze Fahne nicht herabgewehet? Bedecket uns mit schleimiger Blässe finsterem Grind? Nah hinter uns der Morde böse Schatten stehen. Wer bricht ins Knie? Ein heißer Blutquell rinnt.
O Regen! Deiner grünen Wassermassen Stürze Verwaschen Haus und Wald. Es bröckelt mein Gesicht. . . . Und stampfen platschend durch der Straßen gelbe Pfützen. Uns schützt kein sicherer Unterstand. Uns hellt kein Licht . . .
O Regen! Färbest Wände aschenfahl uns: Tinte Und grauer Trauer Schleier über uns gezogen, Bewegt leicht von unerforschter Pohle Winde. Ein blonder Star hat uns zu irrer Fahrt bewogen . . .
O Regen! Leise schluchzend schied der Tag verweinet, Da webet bleiche Laken dichtes Schneegefäll. In Kneipenlöchern dumpf der Hunde Völker greinen, Und Clowne kreiseln winzelnd um ein Zirkuszelt.
Die Vorstellungen werden jählings abgebrochen. Der Primadonnen Phantasiekostüme — Feuer! Wirr krümmen sich der Rennmotore Eisenknochen. Tragflächen reißen mittendurch und Höhensteuer.
Wo sind wir hin auf brüchiger Gassen Pfad gelanget? Und der es ruft, versinkt wie Stein in gröhlendem Sumpf. Auf öden Ackerfeldern wachsen Lanzenstangen, Durchschossene Tornister und Gamaschenstrumpf. —
„Wir sind die Untergänge vor ersehntem Ziele. Wir sind die Trauernden beim Tangorausch der Zeit. Wir sind die Fallenden in der Erfüllung Streit. Wir sind die Untersten im knäulichten Gewühle.
Wir brannten kreischend ab mit Sardes Königsfeste. Wir ließen murrend uns ins Land Ägypten schleppen. Wir litten den Erstickungstod im Burgenneste Und waren Flucht Napoleons aus Rußlands Steppe.
Wir schlangen innig-heiß den Todesblock der Guillotine Und taten gerne mit bei Metzel und Gegräuel. Wir wühlen uns durch Fleisches Gänge als Trichine. Wir offenbaren uns am Kopf als Eiterbeule . . .“
. . . Schon wirbeln Fackeln durch die kubischen Räume leer. Aus rissigen Spalten prasseln flammende Geschwader. Mit weißem Krach zerbirst der Finsternisse Krater. Aus rußigen Stollen stößt ein roter Höllenspeer.
In andern Welten wird die Erde fortgeboren, Geschleudert durch vergilbten Äther, glühender Samen. Sie spiegelt sich entflüchtend in der Meere Rahmen Und in der blendenden Gletscher Ebene, kahlgeschoren.
Es plaudern Stürme über dem entrückten Werk Mit nackten Einsamkeiten, die sich zitternd scharen. Aus blauen Schalen träufeln flimmernd Sonnenhaare, Die ballen drehend sich zu goldenem Klumpenberg.
Da jeder Name sank, in Dunkelheit vergessen, Da jeder Schall erstarb, in Dunkelheit getauchet. Ihr mögt der Dunkelheiten Reiche kaum ermessen, Die blähen, Moore, endlos sich mit schwangerem Bauche.
Die Dunkelheiten haben unseren Sinn verstöret. Die Dunkelheiten halten Weg und Platz verborgen. Die Dunkelheiten haben Raum und Ort verzehret. Die Dunkelheiten rückten donnernd vor den Morgen.
Wir werden eingelullet sein . . . In nassen Gräbern Der Nächte wie in Bettlersärge eingezwängt. In Marmorplatten sich die blasse Wölbung fängt. Des Winds Hyänen schnuppernd durch die Grüfte stöbern.
III
Es klingeln alle Türme. Lautlos auf Kanälen, Schwarzsilbergründig der Paläste Reih durchschneidend, Erdolchen Gondeln sich. Aus branddurchrasten Sälen Sich Lichtteppiche grell wie Treppen aufwärtsbreiten.
Da wiegen Stürme sich, im Meer zur Ruh gelegt, Und schreiten Regen, Tröster über trockener Flur. Des Mondes Sichel blitzet groß im Nachtgeheg Und ein Komet schleppt zischend seine Feuerschnur.
Melodisch atmen Bäume, Teiche und Gesträucher In Parkanlagen. Manchmal seufzet eine Bank. Das Tulpenbeet entbrennt, ein weitverzweigter Leuchter Und goldene Ströme poltern in der Klüfte Schrank. —
O Schlaf! Durchwalle zymbelnd unsere Gemächer Und wen du antriffst schmerzzerrückt, den lulle ein! Umzirke ihn! Traum, laß ihn weinend schwächer! Gestrengen Engel rühr zu Wehmut auf dies Leiblichsein!
O Stadt der Qual! Zu Marter Zwang erkoren! Da wanken wir an Humpelkrücken, welk-zerbrochen. Wir haben Halt und Spur im Labyrinth verloren. In Einsamkeit vereist, zerbarsten unsere Knochen.
Zertrümmert seufzt des Kirchendomes Pyramide. Der Himmel greint, verschlissen-grau, ein Aufwaschtuch. Auf offene Gräber träuft der Schneee bleicher Flieder. Verweilet nicht im Zug betäubenden Geruchs!
Steigt weiter, wo euch nicht zerwirkte Gassen hindern, Wo dichter Ölwald rauschend sich herniederneigt! In warmer Bucht die Schwanenschiffe überwintern, Bis einst ein Frühjahr guten Wind und Sonne zeugt.
. . . Es zuckte manchen diese Hoffnung um die Lippen Und hatten sterbend wohl dies Wort geformet, daß Wie Säulen gold aufleuchteten der Tode Klippen Und Marmorprunk . . . Da aus der flammenden Steppen Gras
Nahte im Schwarm von Vögeln geisterhaft der Hauch. Von Paradiesen, ob von Höllen er Bescheid uns brächte, Wir wußtens nicht. Vertrauten gläubig nur, daß auch, Wenns schlimm wär, wir uns wehrten nicht, nur dulden möchten.
Und wurden eingesargt in zorniger Mächte Kampf. Der Rache Gott war furchtbar vor uns hingetreten. Mit gelber Flüsse Schwert. Mit Augen, Feuerdampf. Mit Schultern bergebreit, von Brand und Blitz umwehten.
Die Brücken krachten, vor ihm auf die Kniee fallend. Die Häuser sich wie Hände ineinanderschoben. Die Eisenbahnen gröhlend durch die Straßen wallten, Die haben Schlangen züngelnd sich emporgehoben
Und sausten Geißeln durch die Lüfte mit Gesirre Und krümmten pfeifend sich wie Hydren in der Faust Des Ewigen. Wie Riesenbienen Plätze schwirrten. Es schnellten Geysirstrudel aus der Klüfte Bau.
So daß wir dumpf verwandt uns fühlten blutiger Gosse. Ach Brüder ihr, im Morgen Kreide und kaput! Ihr Schwestern hingeklatscht, mit breitem Mund verschlossen, Grau übertüncht von Puders Moderstaub und Schutt.
Vergeßt die Körper, quer zerhackt und aufgetrennt! Zerfetzte Därme, die wie Bündel Würmer schleifen. Der Leichen violetten Dunst! Das Instrument! Der Watten Flockenbausch! Der Klebepflaster Streifen!
Sie heulen schallend, grindig-blind ans Licht geworfen. Es grinsen Totgeburten. Wüst stinkt Fleisch an Fleisch. Die süße Milch gerinnt in Mütter Brust verdorben Und Lungen bröckeln unter ratterndem Geräusch.
Wir aber hören schon zerstampfte Länder schreiten Und Tiere kreischen aus der Meere schwarzem Sumpf. Die Sonne löst sich donnernd in Azurgebreiten Und viele blonde Engel kichern im Triumph.
Wir sind zerfasert mürber Seele und verhuret, Voll Flecken und zerschlissen wehet unser Kleid. Auf unser Antlitz ätzen Laster krumme Spuren Und Narben zucken im geschwollenen Schoße weit.
In den versunkenen Gewölben klappern wir Gerippe Und winden uns und flattern auf im herrlichen Zug. Verschnürte Häuteklumpen wir aus Särgen kippen. Schon heilige Jungfraun geußen Öl in ihren Krug.
So haben wir den Schmerz zu unserer Braut erwählet. Das Muskelfleisch aufscheuern die Gewänder hären. Der Schmerz ist heilig. Er wird Tat und Werk gebären. Verhaltene Kräfte zünden. Uns dem Tod vermählen.
Der Schmerz wird das Gehirn in harte Folter spannen, Daß kalte Feuer sprühend diesen Raum entfachen. Der Schmerz wird unsere armen Stunden streng bewachen Und rinnen tönend-silbern aus den Opferkannen.
Der Schmerz wird Ewigkeit bestürmen und ergründen Und Babel selig preisen und den Himmel spalten, Daß unsere Augen wohl in große Sterne münden, Daß unser armer Leib nicht spät zur Nacht erkalte . . .