Frühlingsgesänge
Reading edition
I
Wir wallen, von Trompetenbraus umbrandet, Und unter Strahlen, die sich kreuzen schräg. Wir treiben los vom Fels, auf dem gestrandet, Wir nicht mehr hofften, daß ein Sturm fortfegt
Uns Wracks. In goldenen Äthers Glast gewandet Uns Adler öffnen den verworrenen Weg. Verhüllet noch von Dunst der Ufer Lande. Wir schwanken auf der Wogen jähem Steg.
Nochmals Musik in unerhörtem Schwalle! Die Arme strecket aus, begrüßend alle Auftauchend aus Verschüttung neue Stätte!
Noch klirren unter furchtbarem Krawalle Gewaltiger Kriege langer Donner Ketten. Doch Himmel, Himmel sinken, die uns retten.
II
Wir sind zermalmt für euerer Freuden Welt. Ja, unter Lobgesängen in der großen Stunde Wächst hoch zu Gott empor in ewigem Bunde Die Menschheit. Unserer Schmerzen Leib zerfällt.
Wir sind zermalmt für euerer Freuden Welt. Wenn Donner dröhnend in die Runde kracht, — Kanonenfutter wir in letzter Schlacht — Da unser Sturm an Salven breit zerschellt.
Im hellen Abende gehn blütenblaß Die Engel mit verwundenen Strahlenfächern. Sie führen schwarzes Volk aus dem Gelaß
Der Kerkerschluchten und aus Burgenlöchern. Es splittert grüner Himmel dünnes Glas. Die Ouvertüre rattert jubelnd-blechern.
III
Glorie der Freude in dem harten Glanz Des Tages. Tag, der jauchzend auferstanden! Da unsere Städte prasselnd niederbrannten, Leid, unser Leid — in Nächte Feuer schwands.
Frisch wehet Luft. Die Gegend scheint gereinigt. Die weite Wiese sanfter Strom zerschneidet. Wir laben unsere Körper, schlimm gepeinigt, In mildem Bade, abendlich bereitet
Aus zarter Röte, dünnen Äthers Fülle. Wie lange lag mein heiliges Land doch brach! — Ein alter Herr spaziert mit goldener Brille,
Dem tänzeln Knabenkinder kreischend nach. Die Straße, schmal von Grün besäumt und flach, Wirft sich empor. Signale stehen stille.
IV
Der Dichter, der die reichen Bürger haßt, — o heiliger Tag! — ward heute früh geschaßt. Die Erde, Erde dreht im Sonnenglast Und wölbt sich jauchzend hoch, ein Goldpalast.
„Ein wenig seid ihr alle aufgewacht, Seid atemlos ins helle Glück Entführte. Ein wenig seid ihr alle Aufgeschürte, Da dürftige Glut ward lodernd angefacht.
Ihr solltet in den kleinen Wolken baumeln, Als gelbe Schmetterlinge trunken taumeln! Wir werden unsere mürben Glieder schwingen,
Die wir noch mit der Auferstehung ringen, Daß uns die Lüfte ätzend-scharf durchdringen. Durch unsere Adern warme Länder raunen.“
V
Die große Glocke in die Runde tackt. Die Sonne hat das grobe Eis zerhackt. Gott füllt den Raum, ein leuchtender Smaragd. Vollbusig wackelt eine Kindermagd.
Vom Wirtschaftsgarten tutet ein Konzert. (. . . ein runder Flötenbläser alfredkerrt . . ) Der Kürassier klirrt mit dem Säbelschwert. Die Landschaft qualmt. Die Straße wird geteert.
Ein weißer Strom sich durchs Geklüfte zwingt. Den Gnadenfraß ein gelber Kranker schlingt. Ein heller Stern in trübem Schwall aufblinkt.
Vorm Spiegel sich das kleine Mädchen schminkt, Das bald vom hohen Turm aufs Pflaster springt. Am Himmel leuchtend sich ein Engel schwingt.