De Profundis
Reading edition
I
Es rauschen die Flammen. Ich leide. Ich leide. Das schuf der Sehnsucht gefährlicher Drang. Einst liebten wir heiß uns und innig beide, Doch unser Leben im Blut, im Blut versank.
O ihr Engel Gottes mit den blassen Händen Über den Sterbenden schwebend in den leuchtenden Höhen! Wer kann das Unabwendbare wenden? Wer macht das Geschehene ungeschehn?!
Vielleicht ist’s nicht viel. Nur matt und gewöhnlich. Höchst albern, nur von Zeit zu Zeit Ein Aufbrüllen wie ein Tier. Ganz unversöhnlich. Ein schwirrender Tumult trunkenster Zerrissenheit.
II
O alle die Nächte, o alle die Nächte, Die ich durchirrte und die ich durchsuchte und die ich durchlitt: Waren unendliche brausende Schächte, In die ich, sausender Ball, mit Sturmgewalt Dem sicheren Halt Einer allmächtigen Hand entglitt.
Nun winzele ich furchtbar durch die windige Nacht, In der der sündige Geist der großen Toten haust. Ich bin ein Hund verlaust, Aussätzig und voll ekler Niedertracht.
III
Singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte. Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht! Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
Schwer schallt aus ewig dröhnendem Dunkel euerer ziehenden Kolonnen und Scharen Marschtritt, gedämpfter Waffen- und Trommelklang. Feuerschein. Rasende Automobile an schimmernden Palästen vorfahren. Auf glänzenden Treppen der Damen und Kavaliere flimmernder Gang.
Liebende. Einsam und weinend am düsteren Gestade Schmutzigen Stroms, der träg durch die Vorstadt hinzieht. Höret die alte, die ewige Bitte um die lichte, die himmlische Gnade Verhallen im Strudel der Wasser als Schlummer- und Todeslied!
Rote Laternen blinken und winken aus finsteren Gassen. Schwarze Schatten gebückt hinschleichen, die Böses tun. Fabriken, Lagerräume, Baracken, die öd, die verlassen Im falben Scheine des Mondes gleich großen schlafenden Heerlagern ruhn.
Aus verfeuchteten Kellern gebärender Weiber schallende Schreie. Schwarzer Zug. Geheul. Begräbnis. Glockenton. Horchet begeistert, wie sich erleuchteten Saals eine neue Meinung durchsetzt in stürmischer Diskussion!
Volk. Fahnen. Ernst. Eiserne Fäuste. Rußig. Ruhig. Mann, Weib und Kind. Geruch der Fäulnis steigt auf aus den blutverschweißten Hemden, doch die, wie ich glaube, einst leuchtend gleich purpurenen Rosen sind! —
Blühen dann wieder des Sonntags die himmlischen Feste, Flattern Bänder weit, wehen Wimpel bunt über dem ländlichen Grün. Man tanzt. Ist fröhlich. Unterhält sich so am besten. Hoch am blauen Himmel wieder die weißen Wolken ziehn.
Aber schon brausen und sausen über Brücken und Viadukte Die Züge. Durchs Abendgold Heimführend die Fröhlichen, die Vergnügten. Dumpf der Zug in der dämonischen Bahnhofshalle einrollt.
Niederströmt die Masse. Die Ketten Klirren. Der irdische Dämon Hölle und Feuer schürt . . . Und doch —: singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte! Von euch verdorben. In euch verirrt. Von euch verführt. Doch sterbend vom Schein himmlischen Lichtes berührt . . .
Denn plötzlich schrillen empor Sturmglocken und Pfeifen. Ekstatisch schwillt ein unendlicher Brand. Wasser stürzen. Rote Flammenfangarme in die schwarze Nacht hineingreifen. Millionen versinken. Tief glüht das Land . . .
Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte, Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht. Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
IV
Da ich überwand Im steten Aufwärtssteigen selig mich mühend Glühende Gipfel: sei mir gegrüßt Ebene, weites blühendes Land!
Du Sinn der Erde! Wie oft hat mich dein Blühen Aufgeweckt und der herbe Duft deiner Saaten. Wie oft hat mir der Geruch deiner Fluren verliehen Hoffnung und Mut zu neuen Taten.
Ach, deiner verschwenderischen Fruchtbarkeit Goldener Segen War oft als stille Hoffnung über meinem tiefen Leid, Als ein heller Himmelstrost über meiner argen Schmach gelegen.
O, und wie liebte ich deiner Wälder Brausen, Das Sausen des Sturms über die Heide. Das Rauschen deiner großen Ströme. O Wandermusik! Welch fröhlich Geleite!
Ihr fliehenden, ziehenden Wolken hoch dort oben! Ihr purpurglühenden in dunkel wehenden, bewegten Lüften! Ihr Feuerwolken, Feuerrosen! Glut über meinem Menschenhaupt! O Frühling du! Himmlischer Heros du! Verschwender du in Blut und Düften! Ich nenn mich deinen besten Held. Ich habe dir geglaubt . . .
Sieh, alle Menschenherrlichkeiten und Verworfenheiten, Wenn auch seltsamst verworren noch, trag ich in meinem irdischen Menschenblut. Aus tiefstem Niederfall hast du erbarmend dich mich jäh erhoben. Dereinst, das weiß ich, herrsch ich königlich. Du gabst mir Kraft dazu und Mut.
Goldene Schätze sind in mir enthalten. Einst werde ich die Arme ausbreiten, Einst werde ich Schwingen entfalten Zum Flug in die sternenen Unendlichkeiten.
So träume ich oft, und mein himmlisches Schweben Geht verzückt von hinnen zu silbernen Wolken hin. Die großen Städte im Abendrot heben Ihre blinkenden Zinnen. Brücken, Wälder, Ströme vorüberfliehn. So wird alles Traurige, dein irdisches Leben, O Mensch einst unter dir vorüberziehn
Überwunden, klein und doch so bedeutend Und das alles in einem großen kosmischen Zusammenhang Und du wirst kaum mehr unterscheiden Können, wo ist von diesem Ding das Ende und wo von jenem der Anfang . . . Du wirst staunen nur. Über alles dich tief verwundern. Jahrhunderte brechen auf. Deine blaue Glocke, Himmel, wird herrlich läuten. Deiner Engel Posaunen schmettern den Triumphgesang.
V
Ich komme spät nachts noch betrunken ins Bierlokal: Ganz am Ende der Stadt gelegen. Verrufen. Wild Lärmt man der versunkenen Nacht nach. Dem Sonntag entgegen. Im Saal Das Gedröhn und Getön der erhitzten Stimmen zunimmt und furchtbar anschwillt.
Vier Weiber. Sehr schmutzig. Verschwitzt. Fett. Höchst gemein. Musizierend. Klavier. Zwei Geigen. Die Älteste schmetternd mit tropfendem Mund singt. Man säuft. Füllt sich den ausgetrockneten Schlund mit Schnaps, mit Branntwein. Rülpst. Stopft sich hinein, Während draußen vielleicht die schöne Welt schon im erwachenden Morgen aufklingt.
Ich sitz in der Mitte. Umbrandet. Da entlockt zärtlich der verwirrte Tumult Dem müden Gehirn phantasievoll ein rührend Bild. Das tilgt, o Mensch, das überdeckt einst reichlich all deine Schuld. Du kniest hin wie ein Kind. Du neigst deine Stirn. Du Ärger wirst weich und mild.
Dort oben, o sieh: sie spielen auf jenem Podium — O, wer dies nur einmal sah, es sicherlich nie mehr vergißt! — Die Engel, die Engel, die lichten, blondgelockt, die weißen. Ringsum, ringsum Die muffige Luft vom goldenen Klingen ihrer heiligen Gesänge duftend angefüllt ist!
Was soll mir da der helle Tag noch? Oh, so sagt mir. Ich lausche ja hier einem Lied, So himmlisch entrückt. Dem kommt so leicht nicht mehr eins meiner Erde gleich. Kein Rauschen der Ströme. Kein Klang der Glocken. Kein Lerchenschlag . . . Mein Gemüt Erblickt ein unnennbar süßes Himmelreich.
VI
Wir wandern heimwärts durch die eisige Nacht Wir Saufkumpane. Unser Schritt hallt schwer. Versprengte wir wie nach verlorener Schlacht. Gaslicht schwimmt gelb im weißen Flockenmeer.
Wir Schar. Zerschlagen und zermalmt. Gehirn zersetzt schon Wahn. Wir haben Zum Letzten wohl geludert. Pest und Qualm Und Dirnenpack und Luis und Straßengraben.
Unmerklich rinnt auch diese Nacht zum Tag. So schwarz in Grau. Von unerhörter Qual Brecht ihr empor: rote Glorie und Glockenschlag. Verstörte, Tote wir im Morgenstrahl . . .
VII
Rasche Jugend, du sinkst und fällst, Rasche Jugend verblühend! Die du all Licht, o all Licht enthältst, Stark und über die Maßen so kühn.
Und wenn du jetzt auch scheiden mußt, — du harrst ja schon im weißen Kleid Des Todes wehen Abschieds — Oh, wer hat so wie ich gewußt Um allen Schmerz, von deiner Freude Und blutiger Nacht und dumpfem Tag! Wer bot so frei die offene Brust Den Stürmen wilden Lebens dar, So fromm und ohne Klage?
Wer hat so wie ich getan Alles, was du nur wolltest? Wer stieg so kühn die steile Bahn! Oh, nun leuchte du mir stolz voran So glühend, warm umgoldet Und wie in diesem letzten Strahl Die sinkende Abendsonne! O deiner Kämpfe tiefster Sinn! Jetzt weiß ich erst, daß ich gesegnet bin Und daß ich segnen kann.
Und wenn du jetzt auch scheiden mußt, — du harrst ja schon im weißen Kleid Des Todes wehen Abschieds — Leb wohl, dein seliges Licht vereint Uns doch für alle, alle Zeit. Reiß mich empor zur Ewigkeit, O stürmisches Brausen deines trunkenen Liedes!
Rasche Jugend, du sinkst und fällst, Rasche Jugend verblühend! Die du all Licht, o all Licht enthältst, Stark und über die Maßen so kühn.
VIII
Ich, der Gottes Angesicht Nacht für Nacht geschaut: Ich dünke mir ein festlich grelles Flackerlicht Dem abendlichen Tage anvertraut. Ich bin ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
Es rauschen Bäume schwer im Wind, Mein Wald, du wirst entlaubt. Wir die aus dunkler Erde sind, Wir neigen schwer das Haupt. Wir sind ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
Wo lacht dem Leid der heilige Stern? Erwachst du große Güte? Ich hab dich liebe Welt so gern, Ich hab dich lieben Herrn so gern, Dich Jesu, Schmerzensblüte. Auch du ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
Und hab ich alles recht bedacht, Den Schmerz und auch die Freude, Den hellen Tag, die dunkle Nacht Und Lust und Liebe, beide — Ich bin ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
IX
Die trunkenen Nächte! Die trunkenen Nächte! — Oh, meine Jugend du, blutende du! Empor, empor und Aufstehn, o auferstehn! Die schlaffen Muskeln wieder strecken! Die matten Flügel wieder spreiten! Die müden Schwingen wieder entfalten Der Sonne zu! O wieder Morgenröte-Umarmungen!
Ja empor und aufstehn! Wenn es nicht anders geht, Dich aufreißen, dein wimmerndes Herz ausreißen, Dich aufreißen aus Traumdämmerungen, Abendruhen Mit der kalten höhnischen Gelassenheit und Grausamkeit der Starken über die Vergewaltigten.
Dann Mit gebreiteten Armen springen ins Morgenrot, Fliegen im Strahl der Sonne über die großen Städte hin, Über namenlose Finsternisse hin, Donnergründe, brausende Geheimnisse hin, Höher empor Über alle Not, alle Armut, alle Schmerzen hin, Höher, höher empor Dem Aufgang zu!
Ja empor und auferstehn! Empor aus Qualmigen Verbrecherhöhlen, empor aus fettigen Dirnenspelunken Mit dem roten gedämpften Ampellicht, mit dem geputzten Schielen Weißhaariger Kupplerinnen, all der plumpen bäuerischen, Jämmerlichen Koketterie der Fleischschau. Empor aus Spielhöllen, dem stieren Blick, dem Münzengeklirr, Empor aus Zuhälterkneipen, Ställen voll Absinthgerüchen, Schmierigen Aborten, Samengestank und Eitergeträufel, Dem Geklimper all der Tamburins, Klaviers und Musikautomaten. Empor aus Freudenhäusern, den Kneiplokalen der Homosexuellen, Empor aus Asylen, Krankenhäusern, Zuchthäusern. Empor aus Irrenanstalten, Pestbaracken, all den Gehegen Tobender Alkoholiker, Ächzender Tuberkulöser, Demaskierter Syphilitiker . . .
O du mein Schrei auch Schrei der Zeit! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu! Brecht auf!
X
Die Wünsche, die ich Tags gedacht, Sehnsüchte, die ich Tags nicht stillen konnte, Werden die Ängste meiner Nacht. Ich rings in Feuern steh, In der Geliebten meine Mutter seh, Meinen Vater wie einen Fraß der Hunde.
Aus den Wänden trete ich, Geschändet am Geschlecht, Der weiße Leib Beglüht und fein gehüftet, So ganz und echt: Ich Weib.
Ich hebe meine furchtbar spitzen Hände, im innern Mark Längst leer und schlimm vergiftet, Will um meine Sehnsucht zu übertören Allen, o allen gehören, Geb mich jedem Bettler hin, Nur kummervoll besorgt, daß ich Gefallen fände, Und kühn, Daß ich sie alle niederkrallen könnte.
Schon höre ich die Dämmerung fallen. Klänge wiegen mich in die Welt. O Tag! Jetzt bin ich allen Träumen fremd . . .
Sei gütig! Dein Toben Will sich erlösen. Was du gewesen Im träumenden Bösen Befreit sich nach oben.
XI
Wie mag noch lieben, wer dich klar gesehn? Was kann vor deinem Bild bestehn? Was hat noch Anmut, was noch Sinn, Du gute Himmelskönigin!
Oh, all das Gute, Das du mir getan, Wo faß ich es an?
Du trugst auf deinen wunden Lenden Mich, der dich bittend traf. Du sprengeltest mit Zitterhänden Weichen Traum durch meinen Schlaf.
Oh, all das Gute, Das du mir getan, Wo faß ich es an?
Oh, all das Gute, Das du mir getan, Ich verblute, Ich sterbe dran.
XII
Oh, einmal dich umarmen Noch, an dir niedersinken! Einmal noch das warme Gold des Abends trinken!
Wieviel haben wir geweint Um uns! Nun soll das Schwerste erst kommen . . . Wirst du mir einst entführt, Muß ich wohl sterbend hinfallen.
XIII
Gottes gute Sonne ist erloschen Und die böse Nacht drückt schwer. Meines Blutes Verlangen Weiß von keinem Frieden mehr.
In der Ferne ruht ein Glühen Über dem entschlafenen Land. Was mich bitter traf, wird blühen Einst. Darum lächle ich so unverwandt.
Darum hat ein großes Hoffen Meinem Herzen sich auf ewig eingeprägt. Alles Irdische, das mich so schwer betroffen, Ist von jenem Schmerz, der einst das Wunder wirkt.
Es entgleitet meinen müden Armen Jetzt der Leib, den nicht mehr Wärme hält. Sieh, mein Tod ist ein entzückt ekstatisch und erbarmend Niedersinken, wie die Abendsonne niederfällt.
Übertu du heimatliches Leuchten Der Natur mit mild versöhnendem Glanz Alle Qualen meines Herzens, Daß, gleich sprühenden Sternenreigen, Himmlische Wonnen mich umfahen, blühend ganz.
XIV
Aufgepeitscht, von roten Flammenschlünden Irr umtobt, glüh ich in nächtiger Haft. Weh zerfetzt, selig verblutend Schau ich stier in ein entzücktes Land.
Brausend kreisen unermeßliche Ströme Blutes, Unerschöpfliche Kelche spenden dunklen Wein, Daß wir ganz trunken und sinnlos werden, Daß unser Leib im wirbelnden Strudel der Lust verbraust. Mond und Sterne, der leuchtende Glanz im nächtlichen Blau, Erster Lichtschimmer vom kommenden Tag, Zerstieben in Purpurglut. Aber hoch, hoch über allem, über allem noch Begreifbaren Der Welt, in letzter, höchster, traurigster Nachteinsamkeit Spannt sich, spannt sich ein Schoß, spreizt sich zur Gruft, Flammend enthüllen sich tiefste, nie erschaute Röten, Scharlachen aufgetan, nie geahnt, Deren brennende Reize kein irdisches Aug erfaßt . . .
XV
Wir ringen. Wir ringen. Doch wir wissen, wir werden die dunklen Gewalten Einst noch bezwingen Und unsere Kämpfe werden uns nicht dumpf behalten, Sie werden nur unsere Kräfte entfalten Und uns beschwingen Und uns den Triumph bringen.
Durch alle Erdenkämpfe werden wir zuletzt Das Herz unberührt Doch noch heimwärtstragen Und durch alles, was uns jetzt Noch mit Schmerz verführt Und zu Boden drückt. Wenn auch jetzt noch dämonisch die Flammen über uns zusammenschlagen Und unsere Augen rot das Leid benetzt, Einst werden wir sagen: Es ist uns schön geglückt.
O daß ein jeder auf seine herrliche Jugendzeit Stolz sei und sich derer freut! Wo wir den Wert der Dinge erforschen, Das Alte vergessen, Das Neue ermessen, Fanatisch den alten hergebrachten Rechten Entgegenwirken und aus den morschen, Zerfallenen Reichen neue Reiche aufrichten Und die Grenzen der neuen mit Ekstase verfechten.
Was wir dabei entheiligen, Was zerstörerische Glut zerreißt, Wird sich einst wunderbar an jedem Aufstieg beteiligen, So daß sich am Ende doch alles als gut erweist. So laßt uns glühen Und ernst bestehen nach heißem Bemühen!
XVI
Du enteilst mir, schwere Nacht. Schon bist halb du, heller Tag erwacht. Kalt sinkt Stern um Stern. Glocken läuten fern. Goldenes Feuer! Blauer Morgenschein! Herz! Bald sollst du geborgen sein! . . .
XVII
Trink! Es ist ja nur Wein! Trink ihn zur Neige. Mehr als Wein: es ist mein einsamstes Leid Nicht in mir, nicht in dir zur Erlösung Meiner irdischen Qualen gelangt. Trink! Es ist ja nur Wein, trink ihn, mein Leben! Trink ihn, Geliebte, es ist ja nur Wein! Doch tiefer denn alles. In ihm funkelt die Sonne, Spiegel der Sterne, des Monds, Abglanz des Alls, Traumschein des Ewigen, Lippen Gottes . . . Trink, es ist ja nur Wein, oh, wär es mein Blut, Wäre es mein Herz, o wären es jubelnde Ströme! Schlösse den Mund auf ewig ein einziger Kuß, Der von den blühenden Lippen Gottes käme! —
Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen! Schattenumrissen droht der glühende Schlund, Letzten Verhängnisses voll, im Antlitz des Todes. Nur im Bann des strahlenden Leibes, Nur in der Kraft des Sehnsuchtgedankens Kehrt das Heimweh über die Stätte der Erde Zu den Gefilden der Heimat, selig und klar . . .
Sieh: eine Seele verblutet, eine Seele entfacht Blutige Leuchten in den Stürmen der Nacht! Gellende Jubel, so schreien geängstigt die Glocken, Wo nur Verderben die menschliche Hoffnung birgt.
Heilige Himmelfahrt du! Im Brausen des Feuers Tiefste Ergriffenheit und wie ein Segen von Gott Kindliche Trauer im flackernden Taumel des Herzens. Heilige Himmelfahrt du, die Toten erwachen, Ihre Macht, die lebendiger ist als menschlichen Sinnen Je nur verständlich. Die gnadlos walten! Heilige Himmelfahrt du! Einer der Reinsten, die je Auf dem Wege zu Gott die Hände erhoben: Sende die Engel des Friedens gütig herab, Daß die Marter der Zeit und unsere Leiden Golden verklärt an deinem Herzen entruhn! Sieh, wie diese glühenden Flammenschwerter Schlägt unsere Inbrunst zu dir, Gott, Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen! Sende die Engel des Friedens gütig herab! — Wenn unser Leib zu Asche — sende die Engel herab! Vater! Sende die Engel herab!
XVIII
Hoch, bekränzt von aller Traurigkeiten Goldenem Schein umsternt, weit über diesem Erdenland, Sah ich, wie ein armer Leib in allen Herrlichkeiten Gottes jubeltönend aufschlug und erstand.
XIX
Ich bin ein Namenrufer über weites Land, Selbst namenlos, und Namenlose sind es, Die ich rufe. Im warmen Hauch des goldenen Morgenwindes Schmerzlich Erweckte aus uralt schattigem Bezirk zu neuem Leben. Um ihre grabzerfetzten Lippen ein gelindes, Letztes, doch starres Lächeln der Verwesung, Manche in der Anmut eines holden Kindes, Träumerisch, im Frieden endlicher Genesung, Manche in den dunklen Trauertrachten Verstorbenster Ahnen, manche in den funkelndsten Schauerprachten Stolzester verdorbenster Frauen. Über marmorglänzende Fluren hin, in samtenen Prunkgemächern oder in der blassen Helligkeit Der Abendlichter. Immer ists, als Hörte ich Orgeln brausen, Große dumpfe Orgeln irgendwo, So im Aufgang von den Himmelshöhen, So im dunklen Wehn Des Abendwindes. Oder hellen Silberklang geschwungener Gefäße Oder lallendes Hinträumen junger sterbender Seelen, Weinen oder die Andacht blasser Frauen, Zwischen offenen gespreizten Schößen Wunden und entzückte Dolche, funkelnden Berückenden Schimmer heiliger Geräte, Kinderstimmen tönend durch die seltsam hohen Feierlichen spitzgewölbten Hallen. Alles Ferne, Trübe, Grausam-Schöne irgendwo . . .
Was ich litt, Blinkt auf darin in tausend Narben Und stöhnt nach Reinigung. Und was ich lebte, um was ich stritt, Durchspringt in tausend Farben Grell kreischend den Weltenraum, Vereinigung Im Höchsten heischend und Entfaltung, Gigantische Kräfte zur Vollendung dauernder Gebärden In mystischer Verzücktheit und Gestaltung. —
O Friedensstätten siegverklärte! Nach irdischer Not und Tod und schwerem Krieg! O ihr Begehrten! Ihr Vielgeliebten! Ihr von leuchtenden Sonnenstürmen Und ewigen Sternglorien Beglückten! Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder, Reiche der Seligen ihr, ewiger Träume bleiche Heimatstätten Und der Schwermut müde schweigende Gewässer, Wenn der silberne Mond zuhöchst zur Neige kommt. Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder, Euch noch ungesehene, euch nur geahnte, euch Einst herrlich leuchtende Gestade Im Morgenlicht!
Euch, euch grüße ich In stürmischer Nacht von hohem Wanderschiffe, dessen Mürber Kiel zersplittert, dessen Stolze Masten jählings berstend übersinken, dessen Rumpf mit dumpfer Donnerstimme in ewige Vergessenheit zerkracht. Durch Tod und durch Gewittersturm Ist mein hohes Heimwehlied der einzige Gesang der Nacht.
O blutiger Aufruhr! Flammenstöße! O ihr meines irdischen verbrauchten Leibs Zerschellende Mächte! O Stimme Gottes, Die durchs Dunkel dringt, Die Firmamente leuchten macht, Die Sterne aus bewährten Bahnen reißt, Mit einem Hauch Frühlinge aus Trümmern weckt, Gräber sprengt, Tote Herzen wieder schlagen macht. O Stimme Gottes, die die Brust beengt Uns Menschen, daß der Rasende den Leib sich aufreißt Und zerfleischt, den Körper peitscht, sich bis aufs Blut Zerbeißt und steinigt. Entstellt, zermartert und gepeinigt Zum Tod sich hinschleppt, bis auf Flügeln der Ohnmacht er entschwebt, Bis ganz das Tönen deiner reinen Stimme ihn durchdringt, Bis ganz das stille Leuchten deiner Harmonie ihn süß durchdringt, Bis ganz dein milder Glanz ihn sanft umhüllt Und den Erlösten Blaue Nächte und die Sterne trösten.
Du Freudensturm des Lichts! Du Wort, du Tat! Du Sonnengold und Traum der Nacht! Du Tag der Erde! Du Wonne! Jubelglanz! Du All, du Nichts, versteinende Gebärde! Du Sammelruf! Bezirk des ewigen Heils! Umworbene Stadt! Engel der Morgenröte du und heißer Kampf! Gefährte Und Hilfe der Schlacht! Zärtlich Leuchten, Siegesklang und Harmonie, Du goldener Schnitt, du Schwerkraft, Mittelpunkt Und Sinn der Welt! Ausatmen und Ertrinken! Natur! Du Frucht im Schoß, du Nein und Amen, Du Ewig-Wacher, Nie-Vergessender, du Heiß-Erträumter! Du grausam Unbarmherziger, du, du — nein Nie-Beirrter! Sieh unsere Hände hält ein Fluch gebunden, Doch unsere Kämpfe führen deinen Namen. O Volk Verlaufener! O Volk Verirrter! O Volk Geschändeter! Zu Wut und Haß Emporgeschäumter! O Volk Geächteter! O Volk Verblendeter! Mit Wunden Gleich Frühlingssaaten überströmt. Blutüberströmt . . .
Du Unbeirrter! O segne mich, den Trunkenen, Begeisterten, von dir zu dir Entflammten, Dein Kind, dir Held zugleich und Priester, o Meister! Der Seine tiefsten Träume nicht erfüllte noch gestaltete, der nie zur hellen Tat entbrannte, der sie nun unberührt An dein Herz wieder niederlegt, o Meister und Verwalter. Woher Sie erdwärts niederstiegen und entstammten . . . Ich, auch einer der Versunkenen, Verführten und Verdammten. O daß deine reine Gnade unverhüllt und licht Sich mir zuneige und erwäge, doch daß dein Gericht Mein Leid unwägbar und ganz unvergleichbar finde . . . (Ach Worten gliche keins. Und Worte wären Winde und Sünde für dies!) . . . Bis deine unnennbare Güte den so weh Entflammten Aus grauen Mitternächten Im dröhnenden Aufstrom sprühender Gewitternächte Zu blühenden Lichtwelten schön entführt. —
Daß ich aus allen meinen glühendsten Ekstasen, Die mich hinschleudern und zerknirschen, drosseln, Mich kalt umpacken, den Nacken brechen, Gleich wirbelnden, aufpeitschenden Orkanen, die blühende Gelände mit einem Hauch verwehn, Daß ich aus allen Orgien, die meine kranken, getäuschten Sinne feiern, Und stolzen, ungebärdigen Gewalttaten, Entblößenden Räuschen und allen Trunkenheiten, Willküren, rohen Anmaßungen, Aufrührerischem Trotz und Mord, Aus allem Wühlen, Sehnen, Branden, Ringen, Aus allen Stürzen in Abgründe und Zusammenbrüchen, Aus allen Anfechtungen und Verzweiflungen, Aus allen Ängsten, Lastern und Versuchungen Und allen Verirrungen und Halluzinationen Und allen Peinigungen des herrischen Geschlechts, das Alles überwächst und sich ins Unermessene erdehnt:
Daß ich mich einst aufhebe, Den Staub abschüttle, der an zerschrundenen Flügeln haftet, Traurige Augen öffnend und das Herz erschließend, Daß ich mich einst aufhebe, Schwingen spanne, In jenes Land hinfindend, Mit einem letzten Anflug gläubigen Muts und frommer Kraft:
Wo du in Reinheit der azurenen Höhe, Im schimmernden Chaos, wo goldene Sonnen schwanken, Und alle Gestirne tönende Lichtreigen inbrünstig um deine Majestäten ranken, Wo jauchzende Chore ihn umgeben und reiner Himmelswonnen brausende Melodien, Wo harte Engel ihn umschweben mit Blitzen und sausendem Speergewimmel, die ihn Zu Bronnen des Lebens schön geleiten, zum Herzen Gottes, die der Einsamkeit Gewandung von ihm abtun, Seiner schmerzhaften Erdenzeiten Verhärmte Schatten. O gleißende zitternde Lichtblitze, ewige Gnadenwonnen! O du inmitten kreisender Sonnen stürmische Erhöhung: Bis die Adern von tanzendem Blut und die Brüste von schimmernden Gluten geschwellt, Und die Augen von himmlischen Feuern entbrannt und erhellt: Sein Geist als Geist Gottes durchstürmt die brechende Welt. —
O Herrlicher du, senke der Flammen schlagende Fahnen auf uns mit glühendem Bewenden! Du Ewiger, lenke den Marsch der Verdammten gnädig aus finsteren Bahnen zu blühenden Enden! Du Ewiger, sprenge die irdischen Bande! Mache uns frei! O Herrlicher du, erfülle die Länder mit großem Triumphgeschrei!
Kür uns zu Helden, gekrönt mit leidlosem Kranz! Daß über unsere schmerzentstellten Stirnen hinströme der Glanz Endloser Güte unendlicher Macht! Schimmernder Frieden du! Segen du unserer Nacht!
Daß wir an deinem Herzen ausruhn! Daß unseren Schmerzen sich Himmel auftun!