Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Reading edition
Das Ziel rückt näher.
Wechselnde Bilder. — Landsberg a. d. W. — Popularität ist lästig. — Berlin. — Von der Spree zum Rhein. — Auf belgischem Boden.
Von der Höhe des alten Kirchturmes von Preußisch-Stargard schlug es 6 Uhr, als wir am 5. August auf dem menschenleeren Marktplatz die Maschine bestiegen.
Seit Moskau hatten wir nicht mehr bis zu so später Stunde geruht; aber die Güte der Straße gestattete uns, etwas länger im Bett zu bleiben, da wir sicher waren, rasch den festgesetzten Haltepunkt zu erreichen. Heute abend sollten wir in Landsberg a. d. W. sein, das nur 130 Kilometer von Berlin entfernt liegt. Das Programm zu unserem Empfange beruhte auf dieser Voraussetzung. Am nächsten Tage sollten wir um 9 Uhr in Küstrin eintreffen, wo uns viele Automobile des Kaiserlichen Klubs erwarten wollten, um uns nach Berlin zu geleiten; unseren Einzug in diese Stadt sollten wir punkt 12 Uhr halten; auf 1 Uhr war ein Frühstück im Kasino des Automobilklubs angesetzt.
Statt dessen waren wir schon am selben Tage in Berlin; wir waren zu schnell gefahren! Seine Gastfreunde warten zu lassen, ist schlimm, aber früher anzukommen, ist noch schlimmer! Wir mußten unseren groben Verstoß, der das ganze Empfangsprogramm über den Haufen warf, nach Möglichkeit wieder gutmachen, und dies geschah dadurch, daß wir uns in der Hauptstadt der Pünktlichkeit als nicht angekommen betrachteten! Offiziell waren wir noch unterwegs nach Berlin, und das Bankettprogramm blieb für den nächsten Tag bestehen. Nur der feierliche Empfang war unrettbar ins Wasser gefallen!
Der Weg von Preußisch-Stargard an war entzückend; der Himmel war strahlend heiter, wie wir ihn seit langer Zeit nicht gesehen hatten. Fast sechs Wochen lang waren wir vom Regen verfolgt worden. Es war auch der erste Tag, seit wir die Mongolei verlassen hatten, an dem wir in den ersten Morgenstunden nicht unter der Kälte litten. Je weiter wir auf unserer raschen Fahrt nach Süden kamen, desto mehr fühlten wir die Sommerwärme unsere Glieder umspielen. Welch angenehme Empfindung war diese Rückkehr in eine Atmosphäre wie unsere heimische, die wonnige Heimkehr ins Vaterland! Mit welcher Freude legten wir die Pelze zum Gepäck!
Von 6 bis 11 Uhr fuhren wir sogar 60 Kilometer in der Stunde und erfreuten uns an der unendlichen Poesie der mit reifendem Getreide und Blumen bedeckten Felder; hier und da tauchten Gehölze auf, zwischen denen die spitzen roten Dächer friedlicher Dörfer hervorlugten. Durch wie viele kleine Städte wir gekommen sind, weiß ich nicht mehr; phantastisch verwirrten sich kaum gesehene und wieder verschwundene Dinge, Bilder, die wie ein Blitz vor unseren Augen vorüberzuckten, während uns bei unserer schwindelerregenden Schnelligkeit der Wind um die Ohren sauste!
Mitunter führte die Straße so tief in das Dunkel der Wälder hinein, daß wir an die sibirische Taiga erinnert wurden. Die Kiefernwälder hauchten in der Sonnenwärme ihren Duft aus. Für kurze Zeit kehrten wir in die von der Hand des Menschen unberührt gebliebene Natur zurück. Schlankes Wild springt über die Straße, wie in den Wäldern des Urals. Nach wenigen Minuten aber schwindet der Schatten und der Wald liegt in weiter Ferne hinter uns. Unser Blick schweift über sonnenbeschienene Felder, auf denen Landleute das Getreide mähen. Es kommen riesige, mit Garben und Heu beladene Wagen, auf denen Scharen lustiger, die blitzenden Sensen in die Höhe haltender Leute sitzen.
Wir kommen durch Czersk, Flatow, Dörfer, die kleinen Städten gleichen, im Unterschied zu Rußland, wo viele Städte großen Dörfern gleichen. Wir kommen durch Deutsch-Krone und treffen um 11 Uhr in Landsberg a. d. W. ein; beide Städte haben schon einen gewissen Anstrich von Klein-Berlin. Während wir langsam die Hauptstraße entlang fahren, ruft eine ängstliche Stimme: „Fürst Borghese!“
Jemand läuft hinter unserem Automobil her. Der Fürst erkennt in dem uns Verfolgenden einen der Direktoren der „Itala“-Werke. Außer Atem, ohne Hut, mit geröteten Augen begrüßt er uns freudig. Ihm folgt ein blonder Kollege von mir, vom „Berliner Lokalanzeiger“, auch er mit bloßem Kopfe. Sie waren die ganze Nacht im Automobil umhergefahren und hatten uns von Stadt zu Stadt gesucht; sie waren bis Dirschau gekommen und hatten vergebens nach uns gefragt. Zweimal waren sie unter den Fenstern des kleinen Gasthofes in Pr.-Stargard vorübergefahren, in dem wir sanft inkognito schliefen. Sie glaubten schon an irgendeine furchtbare Katastrophe und vermuteten, wir seien samt dem Automobil zugrunde gegangen, als sie von dem Fenster einer Bierstube aus uns unvermutet vorüberkommen sahen!
Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft unter der Menge, die sich um uns ansammelte.
„Die Chinesen!“ ruft man, „die Chinesen!“
Wie auf Zauberschlag erscheinen Zeitungskorrespondenten und Photographen. Die Straßenbahnwagen halten, und die Fahrgäste betrachten uns verwundert durch die Wagenfenster. Die Schaffner vergessen ihren Dienst und stellen sich auf die Plattform; Polizisten eilen herbei, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Staubbedeckt, mit unseren scheußlichen, in Petersburg eingeweihten Automobilbrillen, die uns das Aussehen von Fröschen verleihen, halten wir uns dieser Bewunderung so wenig würdig, daß wir uns in eine Bierstube flüchten, um Bier und Ruhe zu finden. Dann entschließen wir uns zur Weiterfahrt nach Berlin, und um 1 Uhr rollen wir von neuem in der offenen Landschaft dahin. Einige Stunden später begegnen wir drei beflaggten Automobilen; es sind „Itala“-Maschinen aus Berlin. Sie sind besetzt mit Kollegen vom Automobilsport und Journalismus, unter denen sich Korrespondenten der hauptsächlichsten Blätter Italiens befinden. Der Telegraph hatte, während wir in Landsberg ahnungslos das frische Bier tranken, den Berliner Zeitungen die Nachricht unserer Ankunft gemeldet, und die Herren waren uns entgegengefahren. Es ertönen Evvivas und Hochs, Grüße und Händedrücke werden ausgetauscht, bis sich unsere Karawane in Bewegung setzt.
Wir halten in dem Städtchen Müncheberg, wo wir uns erinnern, daß wir noch nicht gefrühstückt haben; in einem kleinen Restaurant essen wir in einer Laube Frankfurter Würstchen, trinken eiskaltes Bier und halten den Interviewern stand, während ein Kranz von photographischen Apparaten sich darin gefällt, unsere Gesichtszüge im Bilde zu verewigen. Ein Zeichner porträtiert uns von allen Seiten. Nicht bewegen können wir uns, ohne irgendeinen Photographen zu erzürnen; dieser bittet uns, ihm das Profil zuzuwenden, jener, geradeaus in das Objektiv zu schauen. Wir wollen fort. Nein, wir können nicht. Gebieterische Stimmen erschallen: „Einen Augenblick noch halten Sie still! So!“ Die Popularität ist lästig. Die Wüste Gobi hatte doch ihre guten Seiten!
Nachdem endlich Platten und Films erschöpft sind, wird uns die Freiheit wiedergegeben. Wir nehmen auf den Automobilen Platz, die sich in Bewegung setzen, und rollen auf Berlin zu inmitten einer dichten Staubwolke, ohne etwas vor oder hinter uns zu sehen. Wir jagen dahin, wie in Sibirien an den nebelerfüllten Morgen, wenn sich der Weg auf wenige Schritt Entfernung in geheimnisvollem Grau verlor.

Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.
Wir haben am Automobil die Flagge entfaltet, die wir in den letzten Tagen um den Schaft gewickelt hatten, um sie zu schonen. Es ist noch die wollene Marineflagge, die uns von der italienischen Marinebesatzung in Peking überreicht worden war. Wie war die Flagge dort draußen so frisch! Ihre Farben glühten in der Sonne. Jetzt ist sie zerrissen, verblichen, schmutzig und nicht zu erkennen: von allen Winden ist sie zerfetzt, von allen Regengüssen ausgewaschen worden. Und doch ist sie uns so lieb und teuer; wenn wir sie hinter uns wehen, in der Luft flattern hören, ist es uns, als vernähmen wir die Stimme eines Freundes!
Um 4 Uhr durchschneiden wir den großen Kranz von Fabriken mit rauchenden Schornsteinen, die Berlin umgeben und von fern einer riesigen, die Anker lichtenden Flotte ähnlich sehen. Schließlich kommt eine große Straße, die anfangs von schüchternen Häusern eingefaßt wird. Wir gelangen auf einen breiten Boulevard, die Frankfurter Allee: die Häuser nehmen großstädtischen Charakter an, die Straße füllt sich mit immer reger werdendem Verkehr, der mit der Zeit fieberhaft wird. Wir befinden uns in der Königstraße, im Zentrum von Berlin.
Viele Leute erraten aus dem seltsamen Aussehen unseres Automobils, daß wir aus Peking kommen. Hier und dort begrüßt uns jemand. Wir fahren unter der Stadtbahn durch, auf der die Züge donnern. Wir kommen durch das monumentale Berlin: hier ist das Rathaus, dort das königliche Schloß. Wir gelangen auf die berühmte, stolze, belebte, aristokratische Straße „Unter den Linden“. Eine dichte Menschenmenge wartet vor dem Hotel Bristol, über ihr erglänzen die Helme der Schutzleute, die einen Kordon bilden.
Kaum steigt Fürst Borghese ab, so wird er begrüßt, umringt, umdrängt; die Menge folgt ihm und dringt mit uns ins Hotel ein, sie überflutet den Flur, die Salons, die Bureaus, bis es uns endlich gelingt, einen Fahrstuhl zu erreichen, der uns in die ersehnte Einsamkeit unserer Zimmer bringt.
Die Bankette finden programmgemäß statt.
Am 6. August mittags gibt der Kaiserliche Automobilklub uns zu Ehren in seinem prachtvollen Heim ein luxuriöses Dejeuner, bei dem der ganze Prunk einer offiziellen Feier entwickelt wird. Abends feiert uns eine zwanglosere Vereinigung von Landsleuten in der herzlichsten und wärmsten Weise durch ein Diner. Zwischen diesen beiden Festen wird uns eine Erfrischung (warum spricht man nur immer von „Erfrischungen?“ Unsere Sprache hat bisweilen Ausdrücke voll ungesuchter Ironie) von den französischen Journalisten geboten, die aus Paris gekommen sind, um mit uns zusammenzutreffen. Die Pariser Gastlichkeit und Berichterstattung sind bis hierher vorgedrungen, und zwar im Automobil. Der angesehenste der Pariser Kollegen ist unstreitig der Vertreter des „Matin“, des Houx, der seinen glänzenden schriftstellerischen Eigenschaften neuerdings noch eine religiöse Tätigkeit zugesellt hat, die darauf hinausgeht, eine französische Kirche zu gründen, deren Oberpriester er einige Tage lang gewesen ist. Er ist natürlich der Leiter, ich möchte beinahe sagen, der geistliche Leiter der journalistischen Brüderschaft.
Unser Automobil kostet inzwischen einen Vorgeschmack der Ruhe. Bekränzt mit Blumen und Lorbeer zeigt es sich Unter den Linden im großen Schaufenster der „Itala“-Gesellschaft. Die Menge drängt sich, es zu sehen; die Tür des Geschäfts ist geschlossen, um ein Eindringen zu verhüten; die Schutzleute müssen immer wieder die Straße säubern und den Verkehr herstellen. Wir sind gekränkt, unser „Tier“ dort zu sehen; sein unerwarteter Stolz beleidigt uns. Er macht Reklame!
Am Morgen des 7. August waren wir, bevor noch der Diener an unsere Türen klopfte, um uns zu melden, daß die Stunde des Aufbruchs gekommen sei, durch das Trommeln des Regens an die Fensterscheiben geweckt worden. Wir sahen eine neue lange, traurige Tagereise im Regen vor uns; in ungewohnter Liebenswürdigkeit hatte das Wetter aber nur die Straße sprengen wollen, um den Staub niederzuschlagen.
Im Augenblick, als wir das Automobil bestiegen, kam hier und da schon der blaue Himmel zum Vorschein. Der nasse Asphalt der breiten Allee „Unter den Linden“ spiegelte diese glückverkündende Heiterkeit des Himmels wider. Neben unserem Automobil warteten Automobile des Kaiserlichen Klubs, um uns bis Potsdam das Geleit zu geben, andere, Privatleuten gehörige Automobile und von Neugierigen gemietete waren erschienen, unserer Abfahrt beizuwohnen. Kurz, es schien hier das gesamte Automobilwesen vertreten zu sein, die Automobile des Luxus und die der Arbeit, die Aristokratie und die Demokratie des Motors.
Um 5 Uhr trafen die Vertreter der französischen Zeitungen ein. Sie fuhren auf drei „Itala“-Maschinen, die an beiden Seiten in großen Buchstaben die Inschrift: „Pékin–Matin“ trugen, in welchen Wortlaut der gewandte „Matin“ im letzten Augenblick die Inschrift „Peking–Paris“ umgeändert hatte.
Alles ist bereit, die Maschinen setzen sich in Bewegung. Ein begeistertes „Evviva!“ ertönt aus der Menschenmenge um uns, die großenteils aus Italienern besteht. Einige hatten den Mut gehabt, sich bei Tagesgrauen zu erheben; zahlreiche Herren dagegen waren noch nicht zu Bett gegangen und kamen im Gesellschaftsanzug. „Hoch! Glückliche Reise!“ Die Rufe wiederholen sich. Der Automobilzug entfernt sich durch die menschenleere Straße.
Immer wieder fahren Wagen aus der Reihe heraus und bleiben Seite an Seite mit uns, um ihre Abschiedsgrüße und guten Wünsche zu wiederholen und uns Blumen zuzuwerfen. Wir erheben keinen Einspruch mehr und nehmen alle Huldigungen hin. Wir sind nicht einmal mehr überrascht wie in Moskau, wo wir den ersten Beifall vernahmen. Wir lassen uns die Popularität gefallen als eine unvorhergesehene, unerwartete und das Maß überschreitende Belohnung für die frühere Einsamkeit. Die uns umgebende Atmosphäre der Anteilnahme bewegt uns tief; das Wohlwollen der Menge, wenn es auch unverdient ist, dringt uns doch ans Herz: dankbar lauschen wir dieser unablässigen, ernsten Stimme, die uns zuruft: „Glückliche Heimkehr!“
Die in Unordnung geratene Gruppe der Automobile, über denen deutsche und italienische Flaggen wehen, fährt durch das Brandenburger Tor und durchquert die berühmte Siegesallee, wo aus dem üppigen Grün des Tiergartens die Bildsäulen der großen deutschen Männer herausschimmern, wie zu phantastischer Heerschau aufgereiht. Nach wenigen Minuten befinden wir uns auf den noch schweigsamen Straßen der vorstädtischen Quartiere. Die Automobile wecken sie durch den mißtönenden Klang sämtlicher Hupen und Hörner, eine barbarische Fanfare, ein tolles modernes Hallali!
Bald entschwinden die Kuppeln und Zinnen unserem Blick; wir kommen in eine Villen- und Gartenstadt. Berlin mit seiner ernsten Pracht liegt schon fern, auch diese Stadt nur noch eine flüchtige, freundliche Erinnerung wie Petersburg, wie Moskau! Wir haben jetzt keine andere Hauptstadt mehr vor uns als Paris.
Nach Paris also!
Der Fürst steigert die Geschwindigkeit. Nicht alle können uns folgen. Die letzten Abschiedsrufe verklingen in der Ferne. Wer nicht die Kraft hat, uns zu folgen, schickt uns seinen Gruß nach. Wir bleiben allein mit den Wagen des Automobilklubs, die uns vorausfahren, und denen der französischen Kollegen, die uns folgen: sieben große Automobile, die mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde dahinjagen.
Um ½6 Uhr kommen wir durch Potsdam mit seinen niedrigen, weißen Häusern, die in grüne Gebüsche eingebettet sind — wie um besser die Stille zu bewahren, die sich für einen kaiserlichen Hofhalt geziemt. Die Stadt ist von melancholischen, träumerischen Seen und Kanälen umgeben, auf deren klaren Fluten kleine, weiße Jachten schaukeln. Wir befinden uns in einer aristokratischen Umgebung, die den Ackerbau verschmäht.
Aber bald ändert sich das Bild. Von neuem sind wir inmitten des Reichtums der Felder. Wir nehmen von den gastlichen Freunden des Automobilklubs Abschied. Um ½7 Uhr passieren wir Brandenburg und begegnen Scharen von Arbeitern, die auf dem Zweirad aus ihren Wohnungen auf dem Dorfe kommen und rasch dahinfahren, ein Bündel auf dem Rücken und eine große Pfeife mit Porzellankopf im Munde. Oft müssen wir langsamer fahren, um Milchwagen vorbeizulassen, die von einem Menschen und einem Hunde gemeinschaftlich gezogen werden.
Eine Batterie, die sich zur Felddienstübung begibt, versperrt die Straße; einige Minuten halten wir mit den Pferden gleichen Schritt und fahren zwischen den Soldaten mit blitzenden Helmen und inmitten des Dröhnens der Protzkasten und Lafetten. Einige Soldaten erkennen uns und lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen, ohne gegen die Disziplin zu verstoßen; sie flüstern ihren Kameraden etwas zu, die sich umwenden und sofort Platz machen, um uns vorbeizulassen.
Später begegnen wir einer Husarenpatrouille auf Vorposten, die unbeweglich im Sattel sitzt, die lange Lanze mit dem schwarzweißen Fähnchen umgekehrt in der Hand haltend, um sich durch das Flattern nicht dem markierten Feinde zu verraten. Augenscheinlich geraten wir auf den Kriegsschauplatz. In der Tat erhebt sich dort in der Ferne die Staubwolke einer Kavallerieestadron, die gestreckten Galopps vorübersprengt.
Als wir um 8 Uhr in Magdeburg eintreffen, werden wir durch ein neues militärisches Schauspiel zum Halten veranlaßt, ein Infanterieregiment marschiert vorbei. Die Soldaten singen im Chore ein Lied, und wir empfinden den starken Eindruck, den dieser Gesang kräftiger, tiefer Soldatenstimmen auf jeden macht.
Ein Augenblick, und die Szene wechselt.
Wir fahren über den Marktplatz von Magdeburg mit seinen heiteren Farben, seinem regen Leben, den überall sichtbaren weißen Hauben der Bäuerinnen; eine alte Kirche wirft den langen, schmalen Schatten ihrer gotischen Türme über all das geräuschvolle Treiben. Aber so interessant die Städte auch sein mögen, sie machen uns doch ungeduldig, weil sie uns aufhalten.
Wir sind nur zufrieden, wenn auf dem Automobil der Übersetzungshebel bis zur vierten Geschwindigkeit herabgedrückt ist und das Fahrzeug davonschießt, wie ein Meteor die Luft zerteilend. Der Fürst will möglichst rasch vorwärts; um sicher am 10. August, dem in Moskau festgesetzten Datum, in Paris einzutreffen, zieht er es vor, sich lieber nahe am Ziel einige Tage Ruhe zu gönnen, als die Tagesleistungen zu verkürzen. Es überkommt ihn die seltsame Furcht, daß er jetzt, gerade jetzt, am Eintreffen verhindert werden könnte, und er will sichergehen. Es ist das Ankunftsfieber, an dem wir leiden.
Der Himmel hat sich umzogen. Um 9 Uhr kommen wir durch Helmstedt mit seinen alten malerischen Toren, sodann durch Königslutter, aus dem ich mich nur blumengeschmückter Fenster und mit Grün bedeckter Mauern entsinne, hierauf durch das große, geräuschvolle Braunschweig, wo bei unserer Ankunft ein heftiges Gewitter ausbricht.
Der Regen peitscht uns ins Gesicht. Als wir uns aber Hannover nähern, strahlt die Sonne wieder. An einer Straßenbiegung stoßen wir auf Automobile: wir werden festlich empfangen. Mitglieder des Automobilklubs sind nebst vielen Landsleuten erschienen, um uns zu begrüßen. Gegen Mittag treffen wir in Hannover ein. Nachdem wir zu einem auserlesenen Frühstück eingeladen worden waren, wir wissen nicht genau, wo und von wem, das uns aber auf jeden Fall sehr gut geschmeckt hat, brechen wir um 2 Uhr wieder auf, während sich die Begrüßungen erneuern.
Dann begegnen wir einer Schar Knaben auf dem Wege zur Schule; die Bücher unter dem Arme, gehen sie gut gezogen in Gliedern nebeneinander her, unter ihren grünen Mützen schauen sie ernst drein. Sie erkennen uns; augenscheinlich haben sie die Berliner Zeitungen gelesen. An jedem Orte sind die Knaben unsere eifrigsten Bewunderer. Sie bringen uns Huldigungen aus dem Stegreife dar, und der Ernst schwindet für einen Augenblick aus ihren Zügen. Unsere Reise muß in ihren jugendlichen Köpfen als eine unendlich größere Leistung erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist.
Wir wenden uns nach Minden, um das wir herumfahren; von der Stadt sehen wir nur die Gärten und die spitzen Dächer hinter Bäumen. Wir kommen durch Städte, Flecken, Dörfer, von denen wir nicht einmal die Namen auf der Karte aufsuchen — so rasch ist unsere Fahrt. Und dann verleiht das Unbekannte den Dingen, die wir sehen, einen geheimnisvollen Zauber.
In manchen kleinen Städten fahren wir durch Straßen, an denen hohe, alte Häuser sich mit ihren dreieckigen Giebeln nach vorn neigen und Balustraden und Fenster wie auf der Suche nach Licht vorspringen lassen; mittelalterliche Häuser, die, in das Holz ihrer Fassaden geschnitzt, drei bis vier Jahrhunderte alte Daten, alte Sprichwörter, Rittergestalten tragen, die den Eindruck hervorrufen, als betrachteten sie voll maßlosen Staunens das Automobil, das bei seinem Vorbeifahren ihre lange Ruhe stört.
Um 5 Uhr befinden wir uns in Bad Oeynhausen, einem an Mineralquellen reichen Orte. Ein Reporter springt auf das Automobil und interviewt den Fürsten im Fluge. Überall sieht man auf Fahrstühlen ausgestreckte Kranke; einer von diesen erhebt sich mit Mühe und ruft „Hoch!“ Alle die Unglücklichen, die sich in unserer Nähe befinden, begrüßen uns, von Begeisterung ergriffen, und bewegen sich auf ihrem Schmerzenslager. Wir lächeln, aber dieser Gruß von seiten des Leidens und der Schwäche an die triumphierende Gesundheit und Kraft ließ uns längere Zeit verstummen.
Um 7 Uhr gelangen wir nach Bielefeld, wo wir halten, um zu übernachten.
Unser erster Gedanke ist der, ein einfaches arithmetisches Exempel auszurechnen. Wir messen auf der Karte die Entfernungen zwischen den einzelnen Städten und gelangen zu einer Reihe Posten, deren Resultat uns einen Freudenschrei entlockt. Die Summe beträgt 680.
Paris ist nur noch 680 Kilometer entfernt!
Am folgenden Tage, 8. August, überschreiten wir um 6 Uhr abends bei Eupen die belgische Grenze und gelangen nachts nach Lüttich. An diesem Tage sind wir also von Westfalen an den Rhein, vom Rhein nach Belgien mit solcher Geschwindigkeit gefahren, daß alles um uns herum von Stunde zu Stunde wechselte, der Tag uns aber lang wie ein Leben erschien. Die Eindrücke überstürzen sich in unserem Geiste, sie verjagen und verdrängen einander aus dem Gedächtnis. Die Ereignisse des Morgens lassen am Abend nur noch eine dumpfe Erinnerung zurück.
Vielleicht ist dies eine Folge der Aufregung, die uns beherrscht, der unbestimmten, uneingestandenen Angst, die uns befällt infolge der Nähe des Zieles, infolge der Erwartung, daß der Traum langer Monate endlich in Erfüllung gehen soll. Alle unsere Geisteskräfte streben in einer Art Beklemmung vorwärts. Jede Geschwindigkeit erscheint unserer Sehnsucht zu klein, wir leben nicht so sehr in der Gegenwart wie in der Zukunft; daher verschwindet die Vergangenheit ganz. Es geht unseren Gedanken geradeso wie den Bildern, die wir im Vorbeijagen sehen: kaum zeigen sie sich, so werden sie schon von der Staubwolke verdeckt, die hinter uns herwirbelt.
In Bielefeld wurde — es ist überflüssig, es noch besonders zu erwähnen — Fürst Borghese zu einem Bankett eingeladen. Ich glaube, selbst wenn wir in einem Walde haltgemacht hätten, würden wir einen gedeckten Tisch und ein „Lokalkomitee“ haben auftauchen sehen, um uns mit erlesener, herzlicher Gastlichkeit zu begrüßen! In Deutschland wollten alle Sektionen des Automobilklubs uns feiern, und da es in Bielefeld keine Sektion gibt, so kamen Mitglieder des Kölner Klubs auf einem Rennwagen herüber. Sie waren abgefahren mit dem festen Vorsatz, uns zu finden, wo wir auch seien!
Das schnelle Automobil aus Köln diente uns von Bielefeld an als Führer. Aber der Führer sauste mit der schwindelerregenden Schnelligkeit von etwa 90 Kilometern in der Stunde voran und verführte uns und die andern Fahrzeuge, die die Pariser Journalisten trugen, zu einer rasenden, verzweifelten Jagd. In der aufgewirbelten Staubwolke schossen wir blitzschnell durch die Landschaft wie die apokalyptischen Reiter.
Um dieses Übermaß von Schnelligkeit wieder wettzumachen, wollte es die Nemesis, daß der Führer verschiedene Male den Weg verlor. Einmal, bei Wiedenbrück, wurden wir genötigt, die richtige Straße quer über die Felder zu suchen; so konnten sich unsere Gefährten einen kleinen Begriff von den zu den besseren gehörenden Wegen in Sibirien machen!
Um 10½ Uhr sind wir schon zwischen den Hügeln der Rheingegend; bergauf und bergab geht es auf gewundenen Wegen, die sich durch eine ununterbrochene Reihe von Dörfern und Flecken hinziehen; alle starren von Fabrikschornsteinen und sind vom Getöse der Arbeit erfüllt.
Wir kommen in einen Ort, über dem dichter Rauch einen düsteren Schatten breitet: nach Barmen mit seinen zahllosen industriellen Betrieben. Wie fern von uns liegen die idyllischen Landschaften Preußens und Pommerns und die malerischen, altertümlichen Städte Brandenburgs, auf deren mittelalterlichen Plätzen sich die riesigen, rohausgeführten Rolandsäulen erheben, die über Gemüsemärkten Wache halten!
Um 11 Uhr öffnet sich unvermutet das leuchtende Rheintal vor uns. Funkelnd flutet der mächtige, zauberhafte Strom in Schlangenwindungen dahin; an seinen Ufern erhebt sich ein Wald von Spitzen: es ist Köln, überragt von den riesigen spitzen Doppeltürmen seines Doms.
In Köln ziehen wir mit einem langen Ehrengeleite von Automobilen ein. Wir überschreiten den rasch dahinströmenden, klaren Rhein auf der Schiffsbrücke und werden nach dem Kasino des Kaiserlichen Automobilklubs geleitet, wo wir ein durch zahlreiche Trinksprüche gewürztes luxuriöses Frühstück vorfinden. Der Fürst antwortet mit einer Rede, die, glaube ich, seine fünfzigste ist, seitdem wir europäischen Boden betreten haben! Man sieht hieraus, daß man, um eine Automobilfahrt von Peking nach Paris zu unternehmen, auch Redner sein muß!
Um 3 Uhr brechen wir wieder auf. Der flinke Lotse vom Vormittag fährt wieder voran, um uns den Weg zu zeigen. Aber in dem benachbarten Dorfe Müngersdorf rennt er infolge seiner übermäßigen Schnelligkeit gegen ein Haus, zertrümmert die Wand und fährt durch sie hindurch, glücklicherweise ohne die Bewohner zu verletzen. Ich weiß nicht genau, wie sich der Unfall ereignet hat; als wir ins Dorf kamen, fanden wir das Lotsenautomobil umgestürzt am Boden liegen neben dem aufgerissenen Hause, durch dessen ungeheuere Bresche man das bescheidene Mobiliar erblickte, während der Automobilfahrer unerschrocken vor den herbeigeeilten, empörten Bauern stand und, auf die Trümmerstätte deutend, zu uns sagte:
„Messieurs! Regardez ce que j’ai fait!“
Hierauf setzen wir unsere Fahrt allein fort, nachdem wir mit den Mitgliedern des Automobilklubs, die uns bis Müngersdorf gefolgt sind, herzliche Abschiedsgrüße getauscht haben.
Die Nachricht von unserer Durchfahrt ist überallhin telegraphiert worden: viele Leute rufen uns „Adieu“ zu. In einigen Städten haben die Lehrer ihre Schüler vor den Schulen aufgestellt, damit diese das Automobil, das von Peking kommt, sehen können — ein vortrefflicher Ansporn für das Studium der Geographie. Die Kinder begrüßen uns mit hellen, fröhlichen Stimmen. Reihen von blonden Schülerinnen klatschen voll Begeisterung in die Hände.
Um 5 Uhr fahren wir in die Vorstädte Aachens ein. Leute strömen in Menge herbei, begrüßen uns mit Hochrufen und guten Wünschen, als wir vor einem Café halten, um einige Gläser frischen Bieres zu leeren. Wir finden einen neuen dienstwilligen Lotsen, der aber die Straße verfehlt und die Richtung nach Brüssel einschlägt. Wir bemerken es noch rechtzeitig und wenden uns Lüttich zu. Rasch nähern wir uns der Grenze.
Nach so vielen festlichen Empfängen wird uns schließlich auch ein weniger wohlwollender Gruß zuteil: eine alte Bäuerin, die am Fenster steht, während wir im Schritt durch ihr Dorf fahren, ballt wütend die Fäuste gegen uns und ruft uns giftig zu:
„Ich erkenne euch wieder, ihr Kanaillen! Ihr seid es, die mir am Donnerstag meine Henne überfahren haben! Zahlt jetzt gefälligst!“
Die Beschuldigung ist zwar ungerecht, aber sie kränkt uns nicht. Wir setzen unseren Weg in fieberhafter Eile fort.
Jetzt sind wir an der Grenze, einer harmlosen Grenze ohne Ketten, an der wir kaum den bescheidenen Pfahl bemerken, der das Ende des deutschen Gebietes bezeichnet. Das Zollamt liegt entfernt von der Straße, und wir verlieren eine halbe Stunde, bis wir es finden.
Unsere Ankunft in Belgien erzielt bei der Bevölkerung einen Heiterkeitserfolg. Der Telegraph hat uns diesmal nicht angemeldet; unsere Reiseroute ist nicht bekannt. Für die Leute, die uns sehen, sind wir komische Wesen auf einem komischen Automobil.
In Verviers schreit eine alte Krämerin:
„Oh, les laids!“ (Sind die aber häßlich!)
Kurz darauf ruft ein Kutscher in überzeugtem Tone:
„Oh, les laids!“
Der Ruf scheint ein neuer Gruß zu sein. Er pflanzt sich fort. Von allen Seiten hören wir: „Oh, les laids!“ Wir selbst zweifeln keinen Augenblick daran, daß der Ruf ganz aufrichtig gemeint ist. Alle bleiben stehen, betrachten uns und lachen, als sähen sie die komischste Maskerade. Wir müssen in der Tat aussehen wie drei Landstreicher auf einem Automobil!
Plötzlich hält uns ein Polizist an, dem unsere Erscheinung ebenfalls verdächtig vorkommt.
„Wer sind Sie?“ fragt er den Fürsten, der am Steuerrade sitzt.
„Fürst Scipione Borghese“, erwidert dieser ehrerbietig.
Der Polizist glaubt, man wolle ihn zum besten haben, steckt eine barsche Miene auf und donnert:
„Sie, Sie ein Fürst? Sie?“
Don Scipione macht eine Bewegung, als wollte er sagen: „Ja freilich!“
„Das ist nicht wahr!“ nimmt der Polizist wieder energisch das Wort. „Sie sind ein belgischer Chauffeur. Ich erkenne Sie wieder.“
Auch er erkannte uns wieder! Genau wie die Alte mit der Henne!
„Ich erkenne Sie wieder; verstanden? Und ich nehme Sie in Strafe, weil Sie zu rasch gefahren sind. Sie kennen das Reglement sehr gut. Zehn in der Stunde“ — er zieht sein Notizbuch hervor, befeuchtet die Spitze des Bleistifts und fügt hinzu: „Ihr Name und Ihre Adresse?“
„Fürst Scipione Borghese, Adresse: Palazzo Borghese in Rom.“
„Wie? Noch einmal? Nun hört mir aber der Spaß auf! Zeigen Sie Ihre Papiere!“
Die Papiere werden vorgezeigt. Der Polizist prüft sie und ruft:
„Das sind nicht Ihre Papiere. Sie sind ein Chauffeur! Weshalb geben Sie sich für einen Fürsten aus? ... In einem solchen Aufzuge! Schämen Sie sich etwa, nur ein Chauffeur zu sein? Jeder verdient sein Brot, wie er kann! Woher kommen Sie?“
„Aus Peking.“
„Aus ... Peking? Borghese ... Ah!!“
Das Gesicht des Polizisten erhellt sich. Er besinnt sich — jetzt versteht er — bedauert tief — geht von der Strenge zur Ehrerbietigkeit über — grüßt — und ruft dienstbeflissen:
„Passez, Monseigneur! Bon voyage!“
Eine halbe Stunde später treffen wir in Lüttich ein, gerade als die Straßenlaternen angezündet werden.