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Peking-Paris im Automobil

Dreizehntes Kapitel.

Reading edition

Der Einsturz der Brücke.

Das Automobil auf der Bahnstrecke. — Die „Sechzehnte Rangierstation“. — Die alte Brücke. — Das Automobil stürzt. — Die Rettung. — Tanchoi.

Am 30. Juni früh 4½ Uhr verließen wir bei strahlend heiterem, aber kaltem Wetter Myssowaja zum zweiten Male und schlugen wiederum den am 28. zurückgelegten Weg ein. Wir nahmen zwei lange, uns vom Starosten überlassene Bretter mit, die wir auf dem Gepäck festbanden. Wir sahen voraus, daß wir sie brauchen würden, um auf unserer Fahrt zwischen den Schienen über die Weichen in der Nähe der Stationen hinwegzukommen.

Der Gedanke, mit dem Automobil auf einer Eisenbahnstrecke zu fahren, erschien uns so abenteuerlich, daß wir die Ausführbarkeit bezweifelten. Der Gedanke hatte sich unserem Geiste zuerst als die natürlichste Sache von der Welt dargestellt; als wir aber näher darüber nachdachten, fanden wir ihn schließlich widersinnig. Am Tage zuvor war die einzige Schwierigkeit das Ausbleiben der Erlaubnis gewesen; jetzt, da wir den seltsamen Plan ausführen wollten, sahen wir eine Menge Schwierigkeiten. Würden die Räder zwischen den Schwellen nicht steckenbleiben? Wie sollten wir über die in Ausbesserung begriffenen Strecken hinwegkommen? Würden wir rasch genug von der Strecke herunterkommen, um einem etwaigen Extrazuge auszuweichen? Würden die Schienenbolzen nicht die Pneumatiks zerreißen? Und wenn alles gut ging, konnten die Stöße einer langen Fahrt über die Schwellen hinweg nicht die ernstesten Folgen für die Festigkeit und Ausdauer der Maschine haben? Auf all diese Fragen antworteten wir: „Vedremo!“ und gingen vorwärts.

Wir wollten die Strecke auf der kleinen Station in der Nähe des Mischikaflusses betreten, an der wir zum ersten Male vor zwei Tagen gehalten hatten. Die abenteuerliche Fahrt sollte genau an dem Orte beginnen, wo der erste Gedanke daran entstanden war. Der nächste Zug nach Irkutsk würde von Myssowaja nicht vor 8 Uhr abgehen, und der nächste Zug nach Werchne-Udinsk würde mittags vorüberkommen. Wir würden also Zeit haben, zwischen dem einen und dem andern den Bahnhof von Tanchoi zu erreichen, das etwa 60 Kilometer von Myssowaja entfernt ist. Tanchoi ist die Erbin der Schiffahrt von Myssowaja. Der neue Hafen der Trajektboote wird vorgezogen, weil er dem Westufer des Sees näherliegt; die Überfahrt der Dampfer zwischen Tanchoi und der Station Baikal auf dem linken Ufer der Angara ist nur 40 Kilometer lang. Es gibt Flüsse, die breiter sind als diese Strecke, wie z. B. der Pará und der La-Plata bei Buenos Aires.

Wir legten geduldig zum zweiten Male den alten verödeten Weg zurück, der so malerisch und so schwierig ist, mit seinen zahllosen, dem Einsturz nahen kleinen Brücken, seinen steilen Abhängen und seinen Anhöhen, die man im Sturm nehmen mußte, den Weg, der sich bald an dem klaren See hinzieht, bald im Schatten der Wälder verbirgt. Wir hatten diesmal den Vorteil, ihn zu kennen. Der Fürst erinnerte sich bei seinem erstaunlichen Gedächtnis an alles. Er sagte zu Ettore, welcher steuerte: „Jetzt kommt ein Abhang; bremse! Jetzt kommen wir an die Brücke, die sich nach rechts hinüberneigt; halte dich links!“ Aber all dieses Wissen bewirkte nicht, daß wir mit größerer mittlerer Geschwindigkeit als 9 Kilometer die Stunde fuhren, so daß wir erst gegen 8 Uhr bei der kleinen Station an der Mischika anlangten.

Am Ufer des Baikal-Sees.
Am Ufer des Baikal-Sees.

Am Ufer des Baikal-Sees.

Wir trafen wiederum den Stationsvorsteher und den Gendarmen, der an seine Vorgesetzten telegraphieren wollte. Der Stationsvorsteher hatte keine Nachricht von der Genehmigung unseres Gesuches erhalten, wohl aber der Gendarm. Dieser teilte uns mit, daß sämtliche Gendarmen und Wachtposten längs der Strecke von Irkutsk den Befehl erhalten hätten, uns passieren zu lassen. Der Stationsvorsteher seinerseits erklärte:

„Ich widersetze mich nicht. Ich weiß von nichts. Ich übernehme aber auch keine Verantwortung.“

Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.
Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.

Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.

Der Gendarm erklärte: „Ich werde Sie begleiten, und Sie werden überall durchkommen.“

So erhielten wir den schlagendsten Beweis von der Allmacht des Gendarmen in Sibirien.

Um dem wackeren Krieger einen Platz im Automobil zu überlassen, kletterte ich auf das Gepäck im hinteren Teile der Karosserie, auf das ich mich rittlings setzte, allerdings ein wenig durch die Anwesenheit der langen Bretter behindert, aber befriedigt durch die erhöhte Stellung, die mich die Dinge um mich herum von einem ganz neuen Gesichtspunkt aus betrachten ließ. Der Gendarm saß auf dem Tritte.

Um die Weichen und Signalvorrichtungen, die in großer Anzahl in der Nähe der Station vorhanden sind, zu umgehen, suchten wir weiterhin in der Entfernung von einem Kilometer einen Übergang von der alten Straße nach der Eisenbahn. Der Eisenbahndamm war ein paar Meter hoch, der Übergang aber bestand in einer kleinen Treppe zum Gebrauch des nächsten Bahnwärters, die sich wenig zum Aufstieg eines Automobils eignete. Dies war aber keine Schwierigkeit, die irgendwelchen Eindruck auf uns gemacht hätte. Mit Hilfe alter Schwellen, die wir in geschickter Weise aneinanderlegten, und der beiden Bretter konstruierten wir eine Fahrbahn, die die Maschine im Fluge benutzen konnte.

Endlich befanden wir uns auf der Strecke. Mit den rechten Rädern ragte die Maschine über das Geleis hinaus; wir luden in Eile die Bretter wieder auf, befestigten sie gut und nahmen unsere Plätze ein. Ich saß von neuem oben auf dem Gepäck wie ein Araber auf dem Höcker eines Dromedars. Wir fuhren los.

Der erste Eindruck war entzückend. Diese herrliche gleichmäßige, ebene, glänzende Straße war nach all den Abhängen, dem Gestrüpp, den Gebüschen, den Gräben der vormaligen Heerstraße von verführerischem Reiz. Geradlinig und über die umliegende Landschaft erhöht, machte sie den Eindruck einer Schwebebahn, einer riesigen Hängebrücke. All das war neu und gefiel uns vielleicht nur darum so gut. Wir fuhren langsam; wenn die Schwellen auch sehr nahe aneinanderlagen und mit einer Sandschicht bedeckt waren, teilten sie doch dem Automobil eine Schaukelbewegung, eine Art leichten Galopps mit. Als aber die Geschwindigkeit zunahm, wurde der Galopp heftig und ging schließlich in ein fürchterliches wildes Schütteln über, das die Maschine in Stücke zu reißen drohte. Wir begnügten uns daher mit einem ganz leichten Galopp, mit der Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Stunde. So gelangten wir zu dem ersten Bahnwärterhäuschen.

Der Wärter war natürlich ebensowenig wie der Stationsvorsteher über unsere Fahrt unterrichtet worden, die unter dem hohen und ausschließlichen Schutze der Polizei vor sich ging. Der Ärmste begriff nichts von dieser seltsamen Lokomotive, die ruhig neben den Schienen fuhr, er betrachtete sie voller Entsetzen und hielt sie schließlich gewiß für ein neuerfundenes Gefährt, das seine Probefahrt machte. Er stürzte in sein Häuschen, kam sofort wieder mit dem Stabe heraus, der „freie Fahrt“ bedeutet, und nahm die vorschriftsmäßige Stellung ein. Der Gendarm befahl zu halten, stieg ab, näherte sich dem Manne und ließ sich die rote Fahne reichen, die dieser zusammengerollt an seinem Gürtel trug. Dann schwenkte er dieses revolutionäre Abzeichen, kehrte äußerst befriedigt auf das Automobil zurück und rief:

„Um den Zügen das Haltesignal zu geben!“

Wir fuhren über zahlreiche kleine Brücken, die so breit waren wie die Schwellen und über tiefe Gebirgsströme führten, deren Gewässer wir durch die breiten Zwischenräume zwischen den einzelnen Schwellen schäumen sahen. Diese durchlöcherten Brücken, die aus voneinander abstehenden Bohlen bestehen, die nur von den Schienen zusammengehalten zu werden scheinen, sehen zum Entsetzen leicht und gebrechlich aus. Man weiß, daß sie fest sind, aber man sieht es nicht. Das Automobil fuhr mit den linken Rädern zwischen den Schienen und mit den rechten Rädern auf den schmalen, nach außen vorspringenden Teilen der Schwellen. Auf den Brücken rollten daher die rechten Räder im wahren Sinne des Wortes am Rande des Abgrundes hin; es handelte sich nur um wenige Zentimeter. Für einen stets aufmerksamen Führer mit sicherer Hand bot diese Fahrt in technischer Hinsicht keine Schwierigkeiten. Aber es war in jenen Augenblicken unmöglich, sich einer leichten, instinktiven, geheimen Erregung zu entziehen, die uns die Fäuste ballen ließ und nicht gestattete, das Auge von dem Laufrad und seiner Bewegung auf dem schmalen Rande, auf den in den leeren Raum hinausragenden Balkenenden abzuwenden. Man konnte sich nicht vollständig von dem Gedanken freimachen, daß, alles in allem genommen, unsere Sicherheit von den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes abhing, und daß auch der Geschickteste einen Augenblick der Schwäche, des Unglücks haben kann; er kann einer Sinnestäuschung unterliegen, der Ermüdung infolge der fortwährenden Anspannung und Aufmerksamkeit anheimfallen.

Bald sollten wir die große eiserne Brücke über die Mischika passieren, die von fern aussah wie ein riesiger roter, 20 Meter über dem Flusse aufgehängter Käfig. Zur Sicherung der Brücke waren an beiden Enden mit Gewehren bewaffnete Soldaten aufgestellt. Alle Brücken von einer gewissen Bedeutung werden auf diese Weise militärisch bewacht. Man glaubt, eine Eisenbahn in Kriegszeiten zu befahren, die in einem dem Feinde zugänglichen Landstrich einem Handstreiche ausgesetzt ist. Der Eindruck, den man erhält, ist traurig, traurig vor allem, weil in der Tat ein Feind erwartet wird, und dieser Feind Rußlands ist russischer Herkunft!

Der Fluß, der uns zwei Tage zuvor aufgehalten hatte, toste jetzt im Schatten des Urwaldes um die hohen Pfeiler. Wir empfanden Genugtuung darüber, ihn zu überschreiten; es war uns, als ob wir Revanche nähmen. Als wir die Brücke hinter uns hatten, fuhren wir einige Zeit am Ufer des Sees entlang, den die Eisenbahn begleitet und von oben beherrscht. Dann entfernte sich der See, und die Wälder begannen von neuem. Die Gleichmäßigkeit der Straße, die uns anfangs so gut gefallen hatte, wurde uns langweilig. Eine regelmäßige, ebene Straße darf nur dann auf Verzeihung für ihre Einförmigkeit hoffen, wenn sie ein schnelles Dahineilen gestattet. An einer Stelle fanden wir die Strecke in der Ausbesserung begriffen. Eine Schar Arbeiter verlegte das Niveau einer Kurve. Die Schwellen lagen offen da, und der Galopp des Automobils nahm eine unheimliche Natur an. Es war nicht möglich, die Schnelligkeit zu mäßigen, weil die Gefahr bestand, daß wir steckenblieben; die Maschine sprang daher rasch über die Schwellen, lief von einer zur andern und stieß mit den Pneumatiks, deren Bruch wir jeden Augenblick befürchteten, gegen sie an. Zum Glück kehrten wir nach einigen hundert Metern dieses teuflischen Tanzes auf normales Gelände zurück. Wir gelangten an eine Station.

Es war 9¼ Uhr.

Die Station hat keinen Namen, sie hat nur eine Nummer. Sie erhebt sich in völlig unbewohnter Gegend und ist nicht zur Bequemlichkeit der Reisenden errichtet. Sie ist eine sogenannte „Dienststation“, angelegt zur Zeit des Japanischen Krieges wie so viele andere, um die Leistungsfähigkeit der Strecke durch Vermehrung der Zahl der Kreuzungspunkte zu erhöhen. Sie heißt „Sechzehnte Rangierstation“.

Wir werden die „Sechzehnte Rangierstation“ nicht sobald aus dem Gedächtnis verlieren!

Der Stationsvorstand, ein junger, blonder, höflicher Mann, teilte uns mit, daß der Zug aus Myssowaja gleich vorbeikommen werde und daß wir daher unsere Fahrt auf der Strecke nicht fortsetzen könnten. In Wahrheit fehlte bis zur Ankunft des Zuges noch über eine halbe Stunde, aber die Benachrichtigung war verständig, und es war weise, zur Seite zu fahren, um zu warten. Der Stationsvorsteher riet uns, die Fahrt auf der alten, noch gangbaren Heerstraße fortzusetzen und ihr bis zu einem in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamme liegenden Übergang zu folgen, wo wir auf die Strecke zurückkehren könnten. In der Tatsache wollte er aber in Ermangelung von Anordnungen nicht gestatten, an der Station auf die Strecke zurückzukehren, und schickte uns daher in höflicher Weise weit aus seinem Dienstbereiche weg. Wir befolgten seinen Rat. Es handelte sich im Grunde genommen um wenige Kilometer, und wir hatten deren Hunderte auf dem verödeten Wege zurückgelegt. Wir folgten getreulich einem Pfade, den er uns gezeigt hatte, und eine Stunde später rollten wir auf dem Grase der vermaledeiten Straße dahin.

Auch hier war genau wie auf jenen Strecken, die wir schon kannten, kein Zeichen eines vor kurzer Zeit erfolgten Verkehrs, nicht eine Wagenspur zu entdecken. Dichte Gebüsche rahmten sie zu beiden Seiten ein. Wir verloren die Station sofort aus den Augen und befanden uns von neuem in der grünenden und blühenden Einsamkeit. Wir hatten kaum einen halben Kilometer zurückgelegt, als sich uns eine alte Holzbrücke zeigte.

Sie war gegen 20 Meter lang und über 3 Meter breit. Sie reichte nicht an die Breite der übrigen Brücken heran und unterschied sich anscheinend von ihnen durch die Zusammensetzung der Bretter, durch eine gewisse Rohheit der Ausführung. Die Straßenbrücken bewahrten in der Regel, auch wenn sie vermorscht, gesprungen und halb verfallen waren, die Spuren einer großen Gewissenhaftigkeit der Arbeit, sie hatten etwas von einem alten Schiffe an sich. Man sah sofort, daß jene Brücke aus dem Holze einer andern eingestürzten erbaut war. Es fehlte jede Spur eines Geländers; sie war etwas krummgezogen und wies die Unregelmäßigkeiten und Unachtsamkeiten eines Provisoriums auf. Aber wir waren schon über viele provisorische Brücken gefahren, die nicht besser ausgesehen hatten. Sie überbrückte einen kleinen, drei bis vier Meter tiefen Fluß, dessen Ufer so dicht mit Gebüsch und Strauchwerk bewachsen waren, daß es schien, als wollten die Pflanzen ihre Zweige vereinigen.

Ettore mäßigte die Geschwindigkeit und hielt einige Augenblicke still, um zu prüfen. Vor jedem Hindernisse machten wir zum Zwecke der Beobachtung kurzen Halt, nahmen es in Augenschein, ohne das Automobil zu verlassen, sahen rasch den Übergang an und entschlossen uns sofort. Wir hatten Auge und Geist an tausend Problemen der Straße geübt, die untereinander so ähnlich und doch so verschieden waren. Sie wurden sofort nach der Analogie mit andern beurteilt. Mit sicherem Gefühle wandten wir die aus der Praxis gewonnenen Methoden an, wußten, wo rasches Handeln und wo Vorsicht nottat, erkannten instinktiv die Stellen, auf denen die Räder hinüberkommen konnten, errieten den widerstandsfähigsten Teil eines Brettes wie die Tiefe eines Gewässers oder die Tragfähigkeit eines sumpfigen Bodens. Hier gab es einen Augenblick des Zögerns, eine flüchtige Vorahnung der Gefahr. Aber es war nur ein Augenblick. Nicht jedes Bedenken war vollständig zerstreut, aber wir hatten, wenn wir auf Schwierigkeiten stießen, eine einfache Art, uns damit abzufinden; wir sagten nur: „Versuchen wir es!“

Der Gendarm war abgesprungen. Er hatte nicht unsere Erfahrung in bezug auf alte Brücken und urteilte nur nach seinem unbefangenen gesunden Menschenverstande. Er hielt es für notwendig, sich die Sache aus der Nähe zu besehen, in den Fluß hineinzuwaten und die Balken zu untersuchen.

„Warten Sie! Warten Sie!“

Er schickte sich zur Besichtigung an.

Der Fürst befahl Ettore:

„Fahre zu, aber langsam!“

Das Automobil fuhr auf den Bretterboden, der erzitterte, ein wenig knirschte und schwankte, wie es so viele andere unter dem Gewicht der Maschine getan hatten.

Das umgestürzte Automobil.
Das umgestürzte Automobil.

Das umgestürzte Automobil.

Wir wurden dadurch nicht besonders beunruhigt. Aber während dieser Überfahrten empfindet man stets ein undefinierbares Gefühl banger Erwartung und faßt die Geisteskräfte zusammen; man verfolgt aufmerksam den Gang der Maschine; man bietet die ganze Kraft seines Denkens auf, als wolle man die Energie des Geistes zu der Arbeit der Materie hinzufügen, um mit der mächtigen Willensspannung zu helfen, zu stützen, zu schieben, zu leiten. Ich erinnere mich nicht, daß wir in solchen Augenblicken je ein Wort gewechselt hätten.

Der vordere Teil des Automobils war schon über die Hälfte der Brücke gekommen und näherte sich dem grasbewachsenen Rande der Straße. Die Gefahr schien vorüber. Mit einem Male hörten wir ein fürchterliches Krachen! Die Fahrbahn hatte unter dem Gewicht des hinteren Teiles der Maschine nachgegeben, sie brach und splitterte auseinander; die ganze Brücke öffnete sich und stürzte zusammen. Dieser sich plötzlich auftuende Schlund erschien uns, die wir uns in der Mitte befanden, in diesem Moment so breit und tief wie ein Abgrund.

Der Motor schwieg. Das Fahrzeug wich in demselben Augenblick, in dem es zum Stehen kam, mit einer plötzlichen, schweren Bewegung zurück und schlug mit seinem unteren Teile auf die Reste der Fahrbahn auf. Dann erhob es in unaufhörlicher Bewegung, die uns nicht zum Nachdenken und zur Besinnung kommen ließ, die Vorderräder in die Luft, während es mit dem hinteren Teile versank und in einer fürchterlichen Pendelschwenkung eine senkrechte Stellung annahm. So stürzte das Automobil in den Fluß hinab bis auf den Grund und riß uns alle mit sich unter dem fürchterlichen Getöse von zersplitterten, geborstenen, losgerissenen Brettern und Balken. Als der Wagen in das Wasser des Flusses eintauchte, blieb er nicht stehen. Er setzte seine Kreisbewegung fort und stürzte nach hinten, um auf den Rücken zu fallen, bis ihn ein Balken aufhielt. Er blieb rücklings liegen, mit den Rädern nach oben, den Rücken gegen den Grund gekehrt; kaum daß die Laternen und der Kühler aus den Trümmern der Brücke über die Reste der zerbrochenen Balken und Bretter hervorragten. All dies war das Werk weniger Sekunden. Das Automobil hatte mit der Langsamkeit eines Dickhäuters eine Art Saltomortale nach rückwärts ausgeführt.

Erst später bekamen wir eine klare Vorstellung von dem Vorgefallenen. Im Augenblicke des Sturzes selbst konnten wir nur undeutlich sehen; alle unsere Geisteskräfte waren auf uns selbst gerichtet; das Beobachtungsfeld beschränkte sich auf unsere unmittelbare Nähe; jeder von uns hatte sein eigenes Abenteuer, seinen eigenen Kampf, sein eigenes Ringen mit der Gefahr zu bestehen. Später erstatteten wir uns gegenseitig Bericht. Ich bewahre lebhafter die Erinnerung an das Gefühlte als an das Gesehene. Mit größerer Anschaulichkeit rufe ich mir das, was in mir vorging, in das Gedächtnis zurück als das, was sich um mich herum abspielte. Ich hatte rittlings auf dem Gepäck gesessen; mein Sturz war also der tiefste. Als ich das erste Krachen hörte, glaubte ich nur an ein teilweises Einbrechen des Automobils, an ein Einklemmen der Räder in die Risse eines zersprungenen Brettes, und an eine lästige und ermüdende Panne denkend, rief ich:

„Na, da haben wir’s!“

Einen Augenblick später befand ich mich unter der Brücke, in einem plötzlichen, unheilverkündenden Halbdunkel, angeklammert an die Seile, mit denen das Gepäck verschnürt war. Das Automobil sank immer tiefer und zerbrach das Holz. Ich hatte den Eindruck, als würde ich niemals den Boden erreichen. Ich ließ mich mitziehen, zusammengekrümmt unter einem Hagel von Brettern, die mich von hinten trafen, mir auf die Schultern fielen, die mit einem immer mehr wachsenden, unaufhörlich krachenden Getöse zusammenstürzten. Ich erinnere mich, nicht ohne Befriedigung festgestellt zu haben, daß ich keinen heftigen Schmerz empfand, und mehrmals hatte ich gedacht: „Bis jetzt geht alles gut!“ Ich hielt uns schon für gerettet, als ich sah, daß die mächtige Rückseite des Automobils, die noch aus dem Wasser emporragte, sich langsam nach hinten bewegte. Das Gehäuse des Ölbehälters, der sich unter den Füßen des Führers befindet, hing jetzt senkrecht über meinem Kopfe und übergoß mich mit Fluten heißen Öles. Ich wurde ganz naß und fühlte das Öl über mein Gesicht rinnen. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß die beiden Sitze, die der Fürst und Ettore einen Augenblick zuvor noch eingenommen hatten, leer waren.

Unter der Gefahr, zerquetscht zu werden, suchte ich mich freizumachen. Allein es war mir unmöglich; ich fand mich zwischen dem Gepäck und den heruntergestürzten Brettern eingeklemmt. Vergebens spannte ich alle meine Kräfte an, mich der Gefahr zu entziehen. Zum Glück hatte ein rettender Balken das Automobil in seiner langsamen Kreisbewegung aufgehalten. Ich hörte oben die Stimme des Fürsten schmerzerfüllt aufschreien. Ich erblickte seine gestiefelten Beine, die sich verzweifelt über mir hin und her bewegten und ebenfalls von Öl trieften. Mit einem Male schwieg er. Zur selben Zeit erschien Ettore an meiner Seite und rief mir zu:

„Kommen Sie hier heraus!“

„Ich kann nicht!“ erwiderte ich.

„Aber so kommen Sie doch!“ wiederholte er angstvoll. — „Rasch! Wenn der Balken bricht, sind Sie tot!“

„Ich kann nicht!“ entgegnete ich. „Hilf mir, ziehe mich heraus!“

Er faßte mich energisch unter den Schultern und zog mich aus jener Enge hervor. Wir waren nun alle drei auf den Füßen, fragten einander und tauschten Ausdrücke höchster Befriedigung. Als wir die Lage des Automobils prüften, riefen wir:

„Es ist unglaublich! Wir sind wie durch ein Wunder gerettet!“

Fürst Borghese hatte sich, als das Automobil in die Tiefe stürzte, mit einem instinktiven Schwunge nach rückwärts gewandt und an einen Balken angeklammert; in dieser Stellung war er verblieben, bis die Maschine beim Umstürzen sich gerade gegen seinen Rücken lehnte. Er war zwischen dem Balken und dem Motorgehäuse eingeklemmt, zusammengepreßt, beinahe erstickt. In diesem Augenblicke hatte er den Schrei ausgestoßen, der mich veranlaßte, nach oben zu schauen. Mit jener Riesenkraft, die der Mensch in der Gefahr findet, hatte er einen Augenblick das Automobil heben und sich freimachen können. Er vermochte sich nicht mehr zu erinnern, wie er imstande war, sich von seinem Sitze zu erheben und sich an das Brett anzuklammern. Die Ereignisse dieses entscheidenden Augenblicks waren aus seinem Gedächtnis ausgelöscht. Das enge Zusammenpressen hatte ihm zwei starke Quetschungen an Rücken und Brust verursacht; wenn er tief Atem holte, empfand er lebhaften Schmerz. In aller Ruhe sprach er seine Meinung dahin aus, daß einige der letzten Rippen an der linken Seite gebrochen seien. Ettore hatte nur eine Hautabschürfung davongetragen. Er war auf seinem Führerplatze geblieben und hatte sich an das Steuerrad festgeklammert, bis schließlich sein Kopf unten war und die Beine in die Luft ragten. Dann hatte er sich durch die Öffnung der Brücke nach unten fallen lassen. Als er sich umsah, hatte er mich in meiner gefährlichen Lage entdeckt und war zu meiner Rettung herbeigeeilt. Ich hatte mir beim Sturz Schäden zugezogen, deren Umfang ich nicht kannte; bei jeder Bewegung spürte ich einen Schmerz im Rücken, und es war mir nicht möglich, die Beine vollständig zu heben; sie versagten den Dienst; ich schleppte sie in kleinen Schritten vorwärts. Ich mußte mich später stützen lassen. Vierzehn Tage lang habe ich mich nur mit Anstrengung und mit schleichenden Schritten fortbewegen und jede Stufe nur mit Mühe und Seufzen ersteigen können. Während dieser Zeit glaubte ich meinen Reisegefährten zur Last zu fallen. Im Gesicht hatte ich mehrere Hautabschürfungen, von denen ich aber nicht weiß, wodurch sie hervorgerufen worden sind; ich erinnere mich nur, daß das Öl der Maschine sie mir vortrefflich geheilt hat. All diese Quetschungen konnten uns aber nichts von unserem Glücke rauben, dem Glücke, uns alle am Leben zu wissen.

Das Automobil nach seinem Saltomortale.
Das Automobil nach seinem Saltomortale.

Das Automobil nach seinem Saltomortale.

Die Reaktion der Freude brach jetzt durch. Die Gefahr war vorüber und hinterließ in uns nur noch die Empfindung eines Albdrucks. Wenn man träumt, man stürze von einer Höhe herab, so ist man beim Erwachen froh, nur geträumt zu haben. Wir verlebten einen Augenblick dieser unsagbaren Befriedigung. Wir lachten, wenn wir das umgestürzte Automobil ansahen, als hätte es sich mit uns einen Scherz gemacht. Wir photographierten es von allen Seiten, wobei wir uns die wenig angenehmen Stellungen zeigten, die wir kurz zuvor eingenommen hatten.

„Ich lag hier, so!“

„Ich unter jenen Brettern!“

„Ich bin dort hineingefallen!“

„Wenn der Balken nicht gehalten hätte!“ — „Wir wären plattgedrückt worden! Haha!“

Der Gendarm hatte das Ende nicht abgewartet. Er war laut um Hilfe rufend nach der Station gerannt. Wir hörten ihn in der Ferne unaufhörlich angstvolle Rufe ausstoßen.

Der erste Gedanke Don Scipiones galt dem Automobil. Er betrachtete es aufmerksam und rief:

„Ich finde keinen ernstlichen Schaden! Sieh einmal her, Ettore!“

Ettore untersuchte die Maschine.

„Mir erscheint sie heil und ganz.“ Und er lachte vergnügt.

Sofort machte er sich an die Arbeit. Er löste die Seile des Gepäcks und brachte die Rucksäcke, die Ballen, die Kissen, das Zeltdach in Sicherheit. Das Benzin sickerte aus den oberen Verschlüssen der Behälter, die nach unten zu liegen gekommen waren. Er zog die Schrauben an und rettete, was noch übrig war. Der Spaten hatte sich umgebogen wie ein Blatt Papier; die Spitzhacke war zerbrochen, die eiserne Fahnenstange hatte sich verbogen; der Kasten mit den Ersatzstücken hatte Beulen bekommen: der hintere Benzinbehälter war ebenfalls verbeult; die Ledergurte, die die Ersatzgummireifen hielten, waren zerrissen; die aus Myssowaja mitgebrachten Bretter fanden wir in Splitter verwandelt wieder. Die Maschine aber war unversehrt; die eine der langen Eisenstangen, die das Differenzialwerk tragen, war etwas verbogen (sie hatte sich in dem Augenblick verbogen, als das Automobil mit dem Bauche auf die Brückenbahn geschlagen war), und das Messingrohr, in der das Wasser aus den Zylindern nach dem Kühler fließt, war leicht eingedrückt, und zwar war dies vermutlich auf des Fürsten Rücken geschehen. Nichts weiter. Verschiedenen glücklichen Umständen war es zu danken, daß die Maschine unversehrt geblieben war.

Der Sturz war rasch gewesen, aber nicht plötzlich. Wir fuhren langsam; die Brücke war infolge des Gewichts, nicht infolge der Schnelligkeit zusammengebrochen. Der Einsturz der Fahrbahn war, so rasch er auch eingetreten war, doch nur nach und nach vor sich gegangen. Das Automobil hatte in seinem Sturz Bretter und Balken zertrümmern müssen, und all dieses Holz, das es auf seinem Wege antraf, konnte den Sturz zwar nicht aufhalten, aber es milderte seine Wucht. Was das Automobil aber außerdem geschützt hat, war die hinten befestigte Ladung Ersatzgummireifen. Als es sich vorn soweit erhoben hatte, daß es eine senkrechte Stellung einnahm, war es gerade auf die Gummireifen gefallen: es hatte sich auf Kautschuk gesetzt. Dies hob die Wirkung des Stoßes auf. Es muß ein furchtbarer Stoß gewesen sein, weil die schützenden Gummireifen ganz in das Bett des Flusses gedrückt waren, so daß wir sie aus der Höhlung ausgraben mußten. Ein Balken und einige unbenutzte Pneumatiks hatten uns und das Automobil gerettet. Hätte sich der Balken etwas abseits befunden, oder wären die Pneumatiks an einer andern Stelle gewesen, die Fahrt hätte ihr Ende gefunden! Es braucht nicht gesagt zu werden, daß wir dem rettenden Balken ein viel größeres, wohlbegründetes Verdienst beimaßen.

Wenige Minuten erst waren verstrichen, als wir von der Station her Leute im Laufschritt herbeieilen sahen, allen voran den Gendarmen, erhitzt, keuchend, atemlos. Sein Gesicht verklärte sich zu einem Lächeln der Befriedigung, als er uns alle wohlbehalten erblickte. Hinter ihm rannte der Stationsvorstand. Der arme Mann hatte Gewissensbisse. Er begrüßte uns in freudiger Erregung, aus Dankbarkeit, daß wir uns lebend hatten wiederfinden lassen, und von diesem Augenblicke an widmete er sich uns ganz. Er verwandte seine ganze Tätigkeit, seine Klugheit, seine Autorität zu unseren Gunsten; er wollte uns nicht mehr von sich lassen und half uns, begleitete uns, führte uns bis zum Abend. Er hatte eine Schar Arbeiter, die auf der Strecke arbeiteten, mitgebracht; es waren diejenigen, die wir kurz vor der Station angetroffen hatten, gegen zwanzig Sibirier, groß und stark, rauh, geschickt, charakteristische Kerle mit ihren langen roten Blusen, ihren weiten Beinkleidern, ihren hohen Stiefeln, ihrem unordentlich herunterhängenden Haar. Sie hatten Seile und Äxte bei sich. Der sibirische Holzfäller, der Sieger über die Riesen des Waldes, ist ein Meister im Gebrauche der Axt. Sie gingen sofort ans Werk. Die Rettung der Maschine wurde in Angriff genommen.

Der Stationsvorsteher leitete die Arbeiten. Das Automobil wurde mit Seilen umwunden, die um das Motorgehäuse geschlungen wurden, und die gespannten Seile an Baumstämme befestigt, um zu verhüten, daß die Maschine ihre Lage verändere. Dann rissen die Arbeiter die Brücke vollends ein. Sie schlugen alles nieder, was von ihr übriggeblieben war, indem sie ihre Arbeit mit dem Gesange schwermütiger Lieder begleiteten. Die Balken fielen rasch einer nach dem andern unter kräftigen, wohlgezielten Axtschlägen und wurden beiseite geschafft und übereinandergeschichtet. Das Automobil war von allen Seiten freigelegt. Nun teilten sich die Leute in zwei Gruppen und befestigten zwei Seile am Automobil, das eine vorn, das andere hinten, das erstere zum Ziehen, das zweite zum Lenken; nach Kommando stellten alle mit vereinten Kräften die Maschine allmählich auf ihre vier Räder. Sie befand sich wieder in ihrer gewöhnlichen Stellung im Bett des Flusses. Nun mußte sie noch auf die Straße gezogen werden.

Es war der zweite Abschnitt der Rettung, der jetzt begann.

Es wurde ein ausgezeichnetes Mittel dazu gefunden. Hinter dem Automobil wurde der Teil der Brücke, den wir bereits hinter uns gehabt hatten und der unversehrt geblieben war, mit leichter Mühe durch das Wegschlagen der Stützbalken in eine schiefe Ebene verwandelt. Darauf wurden zwei Seile an dem hinteren Teile des Chassis befestigt, die wackeren Sibirier spannten sich an die Seile, und mit der Kraft ihrer Arme zogen sie singend die Maschine auf der schiefen Ebene langsam auf die Straße.

Der erste Helfer beim Sturz des Automobils.
Der erste Helfer beim Sturz des Automobils.

Der erste Helfer beim Sturz des Automobils.

Die Arbeit hatte drei Stunden gedauert.

Die braven Leute schienen mit unserer Rettung zufrieden zu sein, ein wenig aus Eigenliebe und ein wenig, weil man Dinge, die uns Mühe kosten, stets liebgewinnt. Sie interessierten sich lebhaft für die Einzelheiten des Automobils. Sie wollten wissen, ob es laufen könne, ob es „lebendig“ sei, wie sie sich bildlich ausdrückten. Wir aber waren ängstlich geworden; wir sehnten uns nach Gewißheit. Hatte uns der Schein nicht betrogen? War die Maschine wirklich unverletzt? Ettore stellte auf dem Steuerrade die Vergasungs- und die Zündungstasten in „Marschstellung“ und drehte die Kurbel an.

Kein Laut war vernehmbar. Es war, als erwarteten wir einen Urteilsspruch. Die Kurbel drehte sich ein-, zwei-, dreimal. Die Maschine blieb stumm. Ettore versuchte es noch mehrmals vergebens. Er strengte seine ganze Kraft an und wurde schließlich zornig. Der Motor blieb untätig.

„Vielleicht ist Öl in die Zylinder gedrungen,“ rief er, „und die Zündung funktioniert nicht. Wollen einmal nachsehen!“

Er öffnete das Motorgehäuse, schraubte die Verschlüsse der Zylinder ab und trocknete diese mit einem Tuche, dann trocknete er die „Hämmerchen“, damit das Öl durch seine isolierende Wirkung nicht den elektrischen Strom unterbreche, brachte alles wieder an Ort und Stelle, zog die Schrauben an und drehte an der Kurbel. Bei der zweiten Drehung begann der Motor zu arbeiten. Sein gewohntes Getöse erscholl plötzlich, laut, triumphierend und ließ das ganze Automobil wie vor übermächtiger Ungeduld schnaufen. Es war die Antwort auf die stumme Frage, die jeden Gedanken von uns beherrscht hatte. Das Automobil hatte gesprochen. „Hurra!“ riefen die Sibirier und schwenkten ihre Mützen.

Die Vorbereitungen zur Abfahrt nahmen noch viel Zeit in Anspruch. Ettore brauchte zwei volle Stunden, um die Maschine wieder in Ordnung zu bringen. Er wollte alles auf das genaueste nachsehen. Währenddessen bot der Stationsvorsteher dem Fürsten und mir Gastfreundschaft in seinem Hause an, wohin er mich Schritt für Schritt geleitete, indem er mich dabei brüderlich stützte, weil die vertrackten Beine mir den Dienst versagten. Er setzte uns Tee, Milch, dampfenden Schtschi, die inhaltsreiche Nationalsuppe, vor und bot uns Betten an. Um 2 Uhr war das Automobil reisefertig.

Das Vorderteil des Automobils wird an Bäume gebunden.
Das Vorderteil des Automobils wird an Bäume gebunden.

Das Vorderteil des Automobils wird an Bäume gebunden.

Freimachung von den Brückenresten.
Freimachung von den Brückenresten.

Freimachung von den Brückenresten.

Der Einsturz der Brücke am Baikalsee.

Wir warteten noch die Vorüberfahrt einer Lokomotive ab, die telegraphisch von Myssowaja gemeldet worden war. Die Lokomotive flog wie der Blitz vorüber. Wir kehrten auf die Strecke zurück. Der Stationsvorsteher wollte uns begleiten, und wir ließen den Gendarmen zurück, der nicht abgeneigt schien, dem Automobilsport zu entsagen, nachdem er dessen Gefahren aus der Nähe kennen gelernt hatte. Der Stationsvorsteher setzte sich auf den Tritt, der Fürst nahm auf der Rücklehne der Sitze Platz, Ettore steuerte, ich wurde auf den Sitz neben ihm verladen und zwei der stärksten Arbeiter standen hinten auf den Vorsprüngen der Federn und hielten sich mit den Händen an den Seilen des Gepäcks fest wie zwei Lakaien an den Riemen einer Staatskutsche. Es befanden sich also sechs Personen und ein Gepäckballen auf dem Rücken der Maschine, die dies aber nicht allzusehr zu empfinden schien. Wie am Vormittage fuhren wir die Geleise entlang. Der Stationsvorsteher sah jeden Augenblick nach der Uhr; er erwartete zwei Züge, einen von Tanchoi, den andern von Myssowaja. Bei einem Straßenübergang verließen wir auf sein Geheiß die Strecke und fuhren auf der Heerstraße weiter. Vielleicht wollte er uns beweisen, daß er bei dem Rate, den er uns am Vormittage gegeben hatte, in gutem Glauben gehandelt habe. An den Brücken stiegen die Arbeiter ab und liefen voran, um sie zu besichtigen. Wenn ihr Urteil zweifelhaft war, rief der Stationsvorsteher:

„Vorwärts! Mit der allergrößten Geschwindigkeit!“

Mit voller Kraft schossen wir dahin. Für die ebenen Brücken, die in der Mitte nicht anstiegen, war der Rat vortrefflich. In zwei, drei Sekunden befanden wir uns auf der andern Seite, und die Widerstandskraft eines Brettes oder eines Balkens steht im umgekehrten Verhältnis zur Zeit der Belastung. Jeder Teil der Brücke hatte nur einen beinahe unmeßbaren Augenblick zu halten und hatte keine Zeit zu brechen. Bei jeder genommenen Brücke äußerte unser Lotse geräuschvoll seine Genugtuung, klatschte in die Hände und rief begeisterte Kommandoworte wie ein Offizier auf dem Schlachtfelde:

„Vorwärts! Mut! Frisch drauf los!“

Über einen Bach mußten wir uns einen Übergang zimmern. Es war ein Werk von fünf Minuten.

Wir hörten den Zug von Myssowaja vorüberbrausen. Kurz darauf gelangten wir wieder an einen Straßenübergang in gleicher Höhe mit dem Bahndamm. Der Stationsvorsteher wollte seine Schlacht weiter kommandieren, aber die beiden auf der alten Heerstraße zur Erkundung vorgeschickten Arbeiter sagten, daß auf jener Strecke alle größeren Brücken eingestürzt seien. Wir begannen wieder über die Schwellen der Eisenbahn zu galoppieren. Tanchoi kam näher. Bei einem neuen Straßenübergang lief uns ein Bahnwärter entgegen und machte uns Zeichen. Als er ganz außer Atem uns erreicht hatte, rief er:

„Verlaßt die Strecke! Der Zug kommt! Er ist von Tanchoi abgegangen.“

Das Automobil sollte in der Nähe des Bahnwärterhäuschens von der Strecke herunterfahren; aber an jener Stelle lagen die Schwellen bloß. Die Räder blieben stecken, und alle Kraftanstrengungen des Motors vermochten nicht den schweren Wagen von der Stelle zu bringen. Die Leute schoben vergebens. Man hätte die Maschine herausheben müssen. Wir hörten schon den Pfiff des Zuges, der sich näherte, durch eine Kurve unseren Blicken verborgen. Es war keine Zeit zu verlieren. Mit alten Schwellen, die an der Seite der Strecke aufgespeichert lagen, suchten wir in fieberhafter Eile den Rädern kleine schiefe Ebenen zu verschaffen, die ihnen das Loskommen erleichtern sollten. Der Motor arbeitete heftig. Inzwischen hörten wir das Brausen des Zuges und sahen seinen Rauch in der Ferne zwischen den Bäumen. Don Scipione rief mir zu:

„Steigen Sie jetzt schon ab, da Sie nicht springen können; steigen Sie ab!“

Aber die Beine versagten auf einen Augenblick ihren bescheidenen, so notwendigen Dienst. Glücklicherweise hob ein letzter gemeinsamer mächtiger Ruck das Automobil aus den Vertiefungen und brachte es außer Gefahr.

Wir ließen den Zug vorüber — es war ein ganz gewöhnlicher Güterzug, gar nicht wert der Ehre, daß wir uns seinetwegen so abgerackert hatten — und setzten unsere Fahrt auf der Strecke fort. Eine Stunde später gelangten wir nach Tanchoi, einer ganz neu angelegten Stadt, die uns einen Rundblick auf funkelnagelneue Dächer darbot. Es war spät; der Himmel war grau, wolkig und dunkel geworden. Es war kalt.

Die Bevölkerung kannte bereits unser Brückenabenteuer und war herbeigeströmt, um uns ankommen zu sehen. Alle begrüßten uns feierlich. Einige junge Leute verstiegen sich sogar zu Beifallsklatschen. Die Straße wurde von mit Gewehren bewaffneten Soldaten frei gehalten. Ein Polizeioffizier näherte sich, grüßte und überreichte dem Fürsten ein Papier: es war die formelle Erlaubnis des Generalgouverneurs von Sibirien, die ganze Eisenbahnstrecke bis nach Irkutsk befahren zu dürfen, eine Erlaubnis, die telegraphisch nach Myssowaja geschickt worden war, um uns nicht auf die Ankunft der Post warten zu lassen.

Wir schlugen unser Hauptquartier im Bahnhofsrestaurant auf und besprachen bei einer guten, wohlverdienten Flasche Champagner unsere weiteren Pläne. Sollten wir die Eisenbahnlinie weiter benutzen? Wir hatten 60 Kilometer auf ihr zurückgelegt. Die Fahrt bot keinerlei Schwierigkeiten; sie war von banaler Einfachheit. Von Tanchoi an hätten wir nicht einmal mehr die Aufregung gehabt, Zügen zu begegnen, weil das Automobil jetzt die amtliche Eigenschaft eines Extrazuges angenommen hatte. Wir erkundigten uns, ob es möglich sei, von Tanchoi aus wieder die alte Heerstraße zu benutzen. Aber die Nachrichten, die wir erhielten, benahmen uns alle Hoffnung: die Straße existierte nicht mehr. Alle Brücken waren zerstört.

Die Eisenbahnstrecke war das eine Auskunftsmittel, das Trajektboot das andere. Da wir die Heerstraße nicht verfolgen konnten, mußten wir zu einem von beiden greifen. Warum sollten wir die Eisenbahnstrecke dem Dampfschiffe vorziehen? Wir waren bis zum äußersten Zipfel des Sees gelangt und hatten nur noch eine Strecke von 40 Kilometern Seelänge vor uns. Zweifellos konnten wir uns ohne Gewissensbisse über diese schmale Stelle setzen lassen, wie wir uns über einen Fluß übersetzen ließen.

Gerettet!
Gerettet!

Gerettet!

Wir beschlossen uns einzuschiffen. Aber der Benutzung des Dampfschiffes auf jenem schmalen Arme des Sees stellte sich eine ernste Schwierigkeit entgegen: der Hafen von Tanchoi ist ausschließlich Kriegshafen.

Seit die Eisenbahn um das südliche Ufer des Sees herumgeführt worden ist, dürfen sich die Reisenden nicht mehr auf den großen staatlichen Trajektbooten einschiffen. Sie müssen den Zug oder Privatschiffe außerhalb der Häfen von Baikal und Tanchoi benutzen. Jene Schiffahrtslinie mit ihren riesigen Dampfeisbrechern bleibt der ausschließlichen Benutzung durch das Heer vorbehalten. Das Gesetz gestattet keine Ausnahmen. Schiffe und Landungsplätze wurden sofort zu einem „militärischen Geheimnis“. Selbst den Beamten und ihren Familien ist es verboten, sich ihnen zu nähern. Konnten wir Fremden hoffen, die Erlaubnis dazu zu erhalten? Wir versuchten es und telegraphierten noch einmal nach Irkutsk. Wir hatten die unbestimmte Furcht, den Behörden schließlich lästig zu fallen, aber die Brücken waren daran schuld!

In unserem Hauptquartier erhielten wir viele Besuche von kleinen Beamten, höflichen, dienstfertigen Leuten, die bereit waren, für uns auf das Telegraphenamt zu laufen und Erkundigungen einzuziehen. Auch sie fragten, ob wir denn nicht überfallen worden seien, und drückten auf unsere verneinende Antwort hin ihre Befriedigung aus, die aber nicht frei von Verwunderung war. Diese Frage wurde in ganz Sibirien immer wieder an uns gerichtet, selbst von Polizeibeamten, ja sogar von Gouverneuren, und alle wunderten sich, daß wir nicht wenigstens von Muschiks ausgeplündert worden seien.

Ich glaube, daß die herrschenden russischen Klassen den Muschik nicht kennen. Sie haben sich so abgeschlossen, daß sie nicht wissen, wie er lebt und wie er denkt, so daß sie sich von ihm einen ganz falschen Begriff gebildet haben. Sie sprechen von ihm wie von einem zu fürchtenden stumpfsinnigen Wesen, einem Tiere, das man nur durch Schrecken regieren könne, um nicht selbst unter seine Schreckensherrschaft zu geraten. Wir sind mehr mit dem Muschik in Berührung gekommen als mit den Beamten, die ihn beherrschen, und daher empfinden wir für ihn Teilnahme und Achtung. Ich glaube auch, daß Sibirien von der amtlichen Welt verkannt wird, daß man wohl seine unbenutzt liegenden Reichtümer kennt, aber nicht seine schlummernden Kräfte, daß man den Sibirier von gestern mit dem von heute verwechselt, und daß man keine Ahnung von dem Sibirier von morgen hat. Sibirien bereitet große Überraschungen vor. Die Behauptung der gebildeten Sibirier, Sibirien sei der am weitesten vorgeschrittene Teil des Russischen Reiches, könnte zur Wahrheit werden! Es ist ein Land, das durch Verbannte, das heißt durch Leute von Intelligenz, durch Auswanderer, das heißt durch Leute von Unternehmungsgeist, und durch Kosaken, das heißt durch Leute von Kühnheit, bevölkert worden ist. Es sind dies die Grundbestandteile eines auserlesenen Volkes, das moderne Maschinen und moderne Ideen aufnimmt. Die transsibirische Eisenbahn, einzig zu Eroberungszwecken erbaut, als Militärstraße geplant, ruft durch ihren Verkehr eine langsame und unerwartete Umwälzung hervor.

Aber ich schweife von meinem Gegenstande ab. Kehren wir in das Bahnhofsrestaurant von Tanchoi zurück.

In dieses Restaurant trat nach einiger Zeit eine Schar von etwa 15 Männern, denen man es trotz der großen landesüblichen Kapuzen, der Kosakenstiefel und der Pelzmützen auf eine Meile Entfernung hätte ansehen können, daß sie keine Russen waren. Wie hätten wir nicht sofort ihre Nationalität erkennen sollen, als wir ihre schwarzen, lebhaften Augen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge, ihre ungestümen Gestikulationen sahen? In freudiger Überraschung wandten wir uns an sie.

Übergang über eine alte Holzbrücke auf der verlassenen sibirischen Straße.
Übergang über eine alte Holzbrücke auf der verlassenen sibirischen Straße.

Übergang über eine alte Holzbrücke auf der verlassenen sibirischen Straße.

„Wie kommt ihr in aller Welt hierher?“ fragten wir, sie begrüßend.

„So viele Italiener in diesem Winkel Transbaikaliens?“

„Wir arbeiten in einem Kohlenbergwerk in der Nähe; wir haben von Ihrer Ankunft gehört und sind gekommen, um Sie zu begrüßen. Viva l’Italia!“

Fragen und Antworten kreuzten sich:

„Eine schwierige Reise, wie?“ — „Sie kommen also aus Peking? Ich bin dort gewesen, als ich an der Eisenbahn von Pao-ting-fu arbeitete.“ — „Wir kennen die chinesischen Straßen! Wir sind ein Jahr dort gewesen, um Brücken auf der mandschurischen Strecke zu bauen.“

„Brücken zu bauen?“

„Jawohl. Eisenbahnbrücken.“

„Aber arbeiten Sie nicht in einem Bergwerk?“

„Wir arbeiten einstweilen dort bis zum Bau der Amureisenbahn, der nahe bevorsteht.“ — „Der Bergbau bringt nichts ein.“ — „Wir haben auch auf den Linien hier gearbeitet. Maurerarbeiten.“

„Wie sind Sie aber schließlich hierhergekommen, in diesen äußersten Winkel Sibiriens?“

„Wir haben an den rumänischen Eisenbahnen gebaut, dann an den kaukasischen, dann an den turkestanischen, dann in Sibirien, in der Mandschurei, in Zentralasien. Übrigens, wissen Sie nichts über die Amurbahn?“

„Und Sie kehren nicht nach Italien zurück?“

„Alle Wetter, gewiß!“ — „Wir arbeiten mit dieser Absicht.“ — „Es würde uns gerade fehlen, in Sibirien zu bleiben!“ — „Um uns die Nase zu erfrieren.“

Aufstieg auf der alten Straße am Baikalsee.
Aufstieg auf der alten Straße am Baikalsee.

Aufstieg auf der alten Straße am Baikalsee.

Wir verweilten in dieser Gesellschaft von modernen Freimaurern, die die Welt durchstreifen, um Eisenbahnen zu bauen, wie ihre Vorgänger vor 600 Jahren Europa durchstreiften, um Kirchen zu bauen. Dann gingen wir ins Theater, um — zu schlafen.

Im Theater zu schlafen ist eine ziemlich verbreitete Sitte, aber während der Vorstellung! Für uns war es anders. Das kleine hölzerne Theater von Tanchoi befand sich in einer Ruheperiode, und die Polizei hatte in Ermangelung eines Gasthofes drei Betten auf die Bühne stellen lassen, in denen wir schlafen sollten. Das Theater war elektrisch beleuchtet und für eine demnächst stattfindende Dilettantenvorstellung von Eisenbahnbeamten geschmückt. Der Vorhang war aufgezogen, die elektrischen Batterien überströmten uns mit einer Flut von Licht — eine Stunde lang mühten wir uns ab, den Ausschalter zu suchen. Mitten in all diesem Glanze sah es aus, als ob wir drei, die wir uns auszogen und uns seufzend und stöhnend über unsere Quetschungen, die bei jeder Bewegung schmerzten, zu Bett legten, ein Stück aus dem Stegreif spielten!

Draußen schritten bewaffnete Schildwachen auf und ab. Tanchoi wachte, als ob man für jene Nacht einen Angriff der „Leute von Sachalin“ befürchtete.

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