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Peking-Paris im Automobil

Siebzehntes Kapitel.

Reading edition

In der Steppe.

Die Steppe. — Das Telegraphenamt in Kainsk. — Die Bremse brennt. — Omsk. — Das Erwachen Sibiriens. — Müdigkeit. — Nochmals die Steppe. — Ein Steppenbrand. — Ischim.

Das Automobil hatte in Kolywan seinen täglichen Bedarf an Benzin und Fett vorgefunden, wie dies an allen Haltepunkten bis zur Beendigung unserer Reise der Fall war. Wir füllten daher die Behälter niemals vollständig, um das Gewicht der Maschine nicht über Gebühr zu erhöhen, sondern führten bei der Abfahrt nur so viel bei uns, daß es für 700-800 Kilometer reichte.

Am 13. Juli früh 4 Uhr rollten wir in der Richtung auf Kainsk dahin, das 340 Kilometer von Kolywan entfernt ist. Der Himmel war bedeckt und drohte wieder mit Regen. Eine Stunde nach der Abfahrt begann es auch wolkenbruchartig zu regnen; es war aber nur ein kurzes Bad. Um 7 Uhr hatte ein frischer Ostwind bereits die Wolken zerstreut, und die Sonne strahlte vom heitersten Himmel, den es in der Welt geben kann.

Die Straße würde in Europa nicht einmal den Namen eines Feldweges verdient haben; sie war aber fest, eben und gleichmäßig, und wir fanden sie wunderbar, trotz der Sümpfe, die sich zu beiden Seiten hinzogen und die von sehr hohem, dichtem Pflanzenwuchs bedeckt waren. Scharen von Vögeln erhoben sich aus ihnen; weiße Reiher, Bekassinen, Wasserhühner mit plumpem Fluge und wahre Wolken von Krähen mit weißer Brust, die bisweilen, überholt von der Schnelligkeit des Automobils, es wie toll umflatterten, schließlich dagegen anstießen und in todähnlicher Erstarrung niederfielen. Eine Menge Schmetterlinge blieb am Kühler hängen, der davon bedeckt war wie der Kasten eines Sammlers.

Wir waren glücklich, nach so langer Zeit wieder den Genuß voller Fahrt kosten zu können. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Werstpfähle, die rasch an uns vorüberglitten; an manchen Strecken kamen wir bis auf 60 Kilometer in der Stunde! Aber wir wurden durch eine Unzahl von winzigen Brücken aufgehalten, die schon von fern sichtbar waren, weil die Holzbrüstungen mit weißen, schwarzen und roten Streifen bemalt waren und mitunter den Eindruck machten, als ständen unbewegliche Gruppen von Menschen mitten in den Feldern. Sie waren so kurz, daß, wenn die Vorderräder die Ausgangsrampe hinabfuhren, die Hinterräder sich noch auf der Eingangsrampe befanden, und oft kam es vor, daß das Automobil in dieser Stellung mit dem Motorgehäuse auf die Dielung aufstieß, „auf den Bauch schlug“, wie wir sagten. Um dies zu verhindern, mußten wir die Brücken mit großer Vorsicht passieren.

Durch die wenigen Dörfer, die wir antrafen, fuhren wir mit großer Geschwindigkeit. Es war ein Feiertag. Wir begegneten Prozessionen von Muschiks. Ihnen voran schritten die Popen, mit dem Chormantel bekleidet, auf dem Kopfe die Mitra, die in ihrer Form an die russische Kaiserkrone erinnert; hinterher die Frauen, den Kopf verhüllt mit roten Tüchern, in kurzen Männerjacken und hohen Männerstiefeln. Die Prozessionen nahmen die ganze Breite der Straße ein und schritten langsam in Unordnung dahin, Kreuze und Heiligenbilder tragend, singend und betend.

Um die heilige Handlung nicht zu stören, hielten wir; aber unsere Vorsicht war unnütz. Die Gebete und Gesänge verstummten, die Frommen mit Einschluß der Popen vergaßen für einen Augenblick den lieben Gott, um uns verzückt in voller Muße zu betrachten; alle Heiligenbilder wandten sich nach unserer Seite und zeigten uns die schwarzen goldumrahmten Gesichter byzantinischer Heiliger. Erst nach einem Weilchen setzte sich die Prozession wieder in Bewegung; die Gesänge ertönten lauter und feuriger, um Vergebung für die Unterbrechung zu erlangen. Zweifellos hatte das Automobil ihrer Andacht großen Schaden zugefügt. Die Küster in den Kirchen, die festlich läuteten, wie es der Brauch will, wenn die Prozession ihren Umzug hält, hörten auf zu läuten und verfolgten, aus der erhöhten Lage der Glockentürme Vorteil ziehend, mit den Blicken das Automobil, das in der Ferne in seiner Staubwolke, die sich auf die Felder niedersenkte, dahinjagte.

Kirgise.
Kirgise.

Kirgise.

Am Nachmittag gelangten wir in die eigentliche Steppenregion, die Steppe von Barabinsk, die an die mongolischen Steppen erinnert. Nur waren die mongolischen weit saftiger grün, wasserreich, von Zwergbaumgruppen und winzigen Gebüschen belebt. Wir sahen hier Pflanzen wieder, die, wie namentlich Birken, in der Taiga Riesengröße erreichen, aber in der Steppe ganz niedrig bleiben, erbärmliche Karikaturen ihrer selbst, die den Wunsch hegten, sich klein zu machen und im Gras zu verstecken. Große Sümpfe und Seen erglänzten jeden Augenblick am undeutlich erkennbaren Horizont; wenn wir sie von fern sahen, glaubten wir, auf irgendein unbekanntes Meer zuzusteuern.

Auf dieser ganzen unermeßlichen Ebene öffnen sich überall Wasserspiegel; Blau wechselt mit Grün, das Kräuseln der Wellen mit der Unbeweglichkeit des Landes. Auf einer langen Strecke fuhren wir an den Ufern des malerischen Sees von Ubinsk dahin, einer weithin erglänzenden Wasserfläche. Über die zahlreichen Flüsse setzten wir auf bequemen Barken.

In der Steppe sahen wir auch Jurten wieder; es waren kirgisische, die sich in nichts von den mongolischen unterscheiden; diese kleinen Kuppeln stellen vielleicht die einzige Gebäudeform dar, die den Orkanen der Ebene widersteht. Es sind die Wohnungen aller Völker, die den weiten Raum und die Einsamkeit lieben.

Gegen 7 Uhr gelangten wir nach Kainsk, das von Dutzenden von Windmühlen umgeben ist, deren große unbewegliche Flügel am freien Horizont aussehen wie große Kreuze auf einem Kirchhofe von Riesen. Unsere Ankunft blieb beinahe unbemerkt, weil gerade Jahrmarkt war und in der Mitte des Marktplatzes ein Zirkus und ein Karussell aufgeschlagen waren. Drehorgeln und Trompeten erklangen; die Ausrufer schrien, und die ganze Bevölkerung, die sich um jene wunderbaren Dinge zusammendrängte, wandte der Straße, auf der wir ankamen, den Rücken zu. Aber Soldaten sahen uns, drehten sich um, riefen ihre Kameraden, und im Nu stand die Menge wie auf Kommando mit dem Rücken gegen die Buden und mit den verwunderten Gesichtern uns zugekehrt. Die Drehorgeln und Trompeten unterbrachen ihre Melodien, und die Ausrufer blickten von der Höhe ihrer Estraden auf uns mit feindseliger Neugier herab wie auf glückliche Konkurrenten. Wir fuhren durch die verödeten Straßen, um einen Gasthof zu suchen, und fanden den erbärmlichsten und schmutzigsten von ganz Sibirien.

Es gelang mir nicht, in das Telegraphenamt von Kainsk zu kommen. Ich wurde zurückgewiesen, als wäre ich gekommen, um eine Dynamitbombe dort niederzulegen. Ein junger Mensch begleitete mich. Die Türe des Telegraphenamtes war geschlossen. Wir klopften, und eine gereizte Stimme schrie mir hinter der Tür zu:

„Wer sind Sie?“

Ich nannte Namen und Stand.

„Kommen Sie morgen wieder!“

„Ich kann nicht. Ich reise bei Tagesanbruch ab und habe ein Telegramm zu befördern.“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

„Öffnen Sie; ich werde Ihnen meine Ausweispapiere zeigen. Befördern Sie keine Telegramme?“

„O ja. Aber ich kenne Sie nicht.“

Es war also ein Telegraphenamt ausschließlich für Bekannte.

„Ich muß an den Gouverneur von Tomsk telegraphieren.“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

Die Stimme hatte einen drohenden Klang angenommen. Ich beharrte aber auf meiner Forderung. Der Mann hinter der Tür schrie mir etwas zu, was ich nicht verstand, was aber der junge Mensch sehr gut zu verstehen schien. Er ergriff eiligst die Flucht und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen.

„Was ist denn los?“ fragte ich ihn.

Immer noch laufend, antwortete er mit der Geste jemandes, der ein Gewehr abfeuert, und stieß dabei die einsilbigen aber beredten Worte „Bum! bum!“ hervor.

Meine Zeitung mußte also an diesem Abend ohne Bericht über unsere Fahrt bleiben. „Besser ist immer,“ dachte ich bei mir, „ohne Bericht als ohne Berichterstatter“, und kehrte nach der Herberge zurück.

Ergänzung des Wasservorrates in einem sibirischen Dorfe.
Ergänzung des Wasservorrates in einem sibirischen Dorfe.

Ergänzung des Wasservorrates in einem sibirischen Dorfe.

Bei Kainsk überschritten wir den Om in kurzer Entfernung von dem Orte auf einer sonderbaren Holzbrücke, die sich gesenkt hatte, so daß sie sich fast vollständig unter Wasser befand. Wir nannten sie die Brückenfurt. Es war am 14. Juli 4 Uhr morgens. Wir setzten unsere rasche Fahrt über eine unermeßliche Ebene fort, aus der wir bis zur europäischen Grenze nicht mehr herauskommen sollten. Wir hatten keine andern Höhen mehr zu erwarten als den Ural.

Nach zwei Stunden regnete es in Strömen, und die Straße wurde sofort unpassierbar, so daß wir an einem Eisenbahnübergang Zuflucht im Bahnwärterhäuschen suchten. Wir wollten nicht wieder zur Umwicklung des Rades mit der Kette greifen, um durch diesen Schmutz zu kommen. Ich habe zu erwähnen vergessen, daß das Manöver mit der Kette seine Unzuträglichkeiten, sogar sehr schwerer Art, im Gefolge hatte, die es uns unrätlich erscheinen ließen; die Kette zerschnitt den Pneumatikreifen und, was schlimmer war, sie schädigte die Speichen des Rades, indem sie ihre Befestigung am Radkranze lockerte. Das linke Laufrad begann uns Sorge einzuflößen: es hatte Risse in den Speichenhöhlungen und knirschte mitunter. Ein Radbruch bedeutete, unrettbar auf der Straße liegenzubleiben. Wir mußten vorsichtig sein.

Übrigens hatte uns Sibirien gelehrt, die Ungeduld zu bemeistern. Es brachte uns etwas von dem Fatalismus bei, der den Grundzug des slawischen Nationalcharakters bildet und der wahrscheinlich gerade von der Gewohnheit herrührt, sich unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenüberzusehen, die der Rauheit des Klimas entspringen. Man kann dort draußen das dringendste Geschäft zu erledigen haben, man kann unter dem Drucke der größten Notlage stehen, aber wenn das Wetter halt gebietet, muß man sich darein fügen und gehorchen. Die Notwendigkeit, sich vor dieser Gewalt zu beugen, unabsehbar lange Zeit zu warten, breitet schließlich Heiterkeit über diesen erzwungenen Verzicht auf die eigene Unabhängigkeit; man unterwirft sich instinktiv den höheren Mächten; man beugt gelehrig und ohne Widerstreben das Haupt vor dem Wetter wie vor den kaiserlichen Ukasen, vor der Überschwemmung wie vor den Anordnungen der Polizei. Bei dem einen wie bei dem andern sagt man: „Nitschewo!“ Der oberste Autokrat Rußlands ist nicht der Zar, es ist das Klima.

Wie lange Zeit werden wir hier liegenbleiben müssen? Der Himmel war dunkel und mit Regen beladen, als hätte es überhaupt noch nie geregnet! Der Bahnwärter erklärte, wir hätten noch etwa 60 Kilometer des schlechtesten Geländes vor uns, dann aber würde die Straße auch bei Regenwetter gut, weil sie sandig sei. Nach einer Stunde bemerkten wir, daß die Wolken nicht mehr von Westen nach Osten zogen, sondern in Unordnung und in phantastischer Flucht geradeswegs nach Süden getrieben wurden. Der Wind war also umgeschlagen. Wir waren dahin gelangt, daß wir uns besser auf die sibirischen Winde verstanden als die Kalendermacher. Westwind: „Regen“; Südwind: „Veränderlich und Nebel“; Nord- oder Ostwind: „Heiter“! Es regnete noch immer, aber wir waren so fröhlich geworden, als sei die Sonne bereits zum Vorschein gekommen. Wir selbst heiterten uns früher auf als der Himmel. So bestiegen wir die Maschine, ohne länger zu warten, und fort ging es.

Noch keine Stunde war vergangen, so wurde das Wetter ausgezeichnet, die Straße gut, auf vielen Strecken sogar sehr gut. Wir rechneten manchmal eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde aus und hielten bequem eine mittlere Geschwindigkeit von 35 Kilometern. Das unendliche Panorama der Steppe entrollte sich mit gleicher Eintönigkeit. Dörfer waren vereinzelt und bestanden aus sehr kleinen Isbas; es fehlt in diesen Gegenden an Holz, und die armseligsten Häuser Ostsibiriens und Transbaikaliens würden hier Palästen gleichen. Wir erblickten winzige Wohnungen, in denen die hochgewachsenen Muschiks gewiß immer sitzen mußten wie die Heiligen auf den Fresken Giottos. Die Sonne begann glühendheiß zu brennen.

Sibirische Muschiks.
Sibirische Muschiks.

Sibirische Muschiks.

Ohne Unfall hofften wir bis Omsk zu gelangen. Aber gegen Mittag befanden wir uns in einer unvorhergesehenen Gefahr, die die schlimmsten Folgen hätte nach sich ziehen können. Ganz plötzlich verspürten wir einen Brandgeruch, und als wir uns sofort umwandten, bemerkten wir, daß die Maschine eine dichte Rauchwolke hinter sich ließ. Der Rauch strömte unter dem Wagen hervor.

„Die Bremse!“ riefen wir; „die Bremse brennt!“

Wir hatten schon einen solchen Unfall erlebt und waren daher auch über seine Entstehungsursache keinen Augenblick im Zweifel. Wir brachten das Automobil zum Stehen und sprangen ab. Flammen loderten empor. Die Lage war diesmal sehr ernst. Die große Geschwindigkeit hatte uns infolge des Luftzuges daran verhindert, den Brand sofort zu bemerken. Das Feuer mußte viel eher ausgebrochen sein, ehe sich der Geruch bemerkbar machte. Die Flammen, die während der Fahrt infolge des Luftzuges und des gewaltigen Windstromes, den die rasende Umdrehung des Geschwindigkeitsgetriebes erzeugte, niedergehalten worden waren, schlugen jetzt flackernd in die Höhe. Die Ursache des Feuers lag wie das vorige Mal in der übermäßigen Reibung der Bremse, die sich von selbst anlegte infolge einer Beschädigung, die wir nicht erkennen konnten, ohne die Maschine auseinanderzunehmen. Diesmal hatte sich nicht nur das Schmierfett der Bremse entzündet, sondern es begann auch schon der hölzerne Fußboden der Karosserie zu brennen. Wir befürchteten die sofortige Explosion des Benzins, von dem wir in den Behältern gegen 200 Kilo mit uns führten!

Die geringste Beschädigung des Rohres, das das Benzin in den Motor leitet und das wenige Zentimeter von der Flamme entfernt war, hätte genügt, eine Katastrophe herbeizuführen.

„Wasser! Wasser! Rasch!“ riefen wir.

Früher hatten wir mit Leichtigkeit Wasser in der Nähe gefunden. Ich ergriff einen Topf und stürzte zu den Gräben, die sich zu beiden Seiten der Straße hinzogen. Sie waren trocken. Vergebens suchte ich wenigstens nach feuchtem Straßenschmutz im Grase. Der sandige Boden war wie ausgedörrt. Fünfzig Schritte vor uns befand sich eine kleine Brücke. Unter ihr würde ich doch sicherlich Wasser finden, wenigstens eine Lache. Atemlos lief ich hin. Nichts!

„Mut!“ riefen wir uns zu.

„Werfen wir Sand darauf!“

„Lappen! Wo sind die Lappen?“

„Die Kleider!“

Ettore warf seinen wasserdichten Mantel über die Flamme, der Fürst seinen Pelz. Das entzündete Fett verlöschte, aber die Karosserie brannte noch immer. Wir rissen die Dielen heraus, löschten sie mit Erde, schabten die brennenden Stellen mit dem Messer heraus und ließen die ganze versengte Oberfläche zu Asche werden. Endlich waren die Flammen gebändigt; mit Lappen, die wir mit dem wenigen, von dem Kühlapparat herabtröpfelnden Wasser befeuchteten, erstickten wir den Rest des Brandes. Wir spähten nach jeder Spur von Rauch und beobachteten das Automobil so lange mit gespanntester Aufmerksamkeit, bis wir die Überzeugung gewannen, daß die Gefahr vorüber war. Dann stießen wir einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und betrachteten uns lächelnd und ein wenig geistesabwesend.

„Auch diesmal ist es also gut abgelaufen!“ riefen wir aus.

„Die Maschine so weit zu bringen, um zu sehen, wie sie hier mitten in der Steppe in einem Feuerwerk zugrunde geht!“

„Ein Glück ist es, daß wir den Brand noch rechtzeitig bemerkten!“

„Wenn das Benzin explodiert wäre, wären wir alle drei in die Luft geflogen!“

„Auf die Maschine! Auf die Maschine! Es ist schon spät!“ mahnte der Fürst.

„Nach Omsk, nach Omsk!“

Ettore hatte die beschädigte Bremse ganz herausgenommen und verzichtete darauf, sich ihrer in Zukunft zu bedienen. Es blieb nur noch die Handbremse, die nicht so rasch wirkte wie die Fußbremse, aber gewiß ebensoviel leistete. Dann setzten wir die Fahrt fort.

Bei dem Dorfe Jurjewo hatten wir über einen kleinen Fluß zu setzen. Die Bauern fürchteten vielleicht, das Automobil könne das Fährboot beschädigen, denn sie wollten uns um keinen Preis übersetzen.

„Das Boot,“ sagten sie, „ist für Menschen, für Pferde und für Telegas bestimmt. Das da ist weder ein Mensch, noch ein Pferd, noch eine Telega; also kann es nicht übergesetzt werden.“

Alle Beredsamkeit des Fürsten vermochte nicht sie umzustimmen. Da kam aber das Schreiben des Ministers zum Vorschein! Eine Viertelstunde später waren wir am andern Ufer des Flusses.

Einbooten bei Omsk.
Einbooten bei Omsk.

Einbooten bei Omsk.

Kurz vor Omsk setzten wir zum zweiten Male über den Om. Eine Menge Muschiks in ihren Sonntagskleidern wohnte am jenseitigen Ufer der kurzen Überfahrt bei. Die Art unserer Fortbewegung erschien der Standesperson eines benachbarten Dorfes im höchsten Grade verdächtig. Der Mann, der halb wie ein Bauer gekleidet war, aber eine Beamtenmütze trug, benutzte den Umstand, daß wir, um Wasser in den Kühler zu füllen, halten mußten, dazu, ein Aktenstück zu holen und im Laufschritt zurückzukehren. Wir wollten gerade unsere Fahrt wieder aufnehmen, als uns der Mann in gebieterischem Tone „Halt!“ zurief.

Wir betrachteten ihn mit einer Gleichgültigkeit, die seine Amtswürde schwer verletzen mußte, denn er rief empört:

„Halt! sage ich, halt!“

Nein! Wir hatten schon viele dieser kleinen Dorfdespoten kennen gelernt, die sich die Miene gaben, sogar den Lauf der Flüsse lenken zu können, die ihre Macht mißbrauchten, um dem Nächsten alle möglichen Schikanen zu bereiten, die, unwissend und habgierig, uns nach Namen, Vornamen, Stand, Nationalität gefragt, Erklärungen aller Art abgefordert und die gegebenen Antworten feierlich in ein Notizbuch eingetragen hatten, wobei sie uns mit der strengen Miene eines Richters ansahen. Einen Fremden behandelten sie nur darum als Verbrecher, weil er ihr Machtgebiet passierte! Nein, der gute Mann mochte rufen, so viel er wollte: wir hatten keine Lust, die Zahl der unvorhergesehenen Aufenthalte zu vermehren, ein albernes Verhör zu bestehen, die Papiere vorzuzeigen, um jenem Miniaturtyrannen eine Genugtuung zu bereiten. Er rannte aus Leibeskräften hinter uns her und schrie fortwährend:

„Halt, im Namen des Gesetzes!“

Da erhob ich mich, drehte mich um, und indem ich mich am Gepäck anhielt, schnitt ich unserem Verfolger mit würdevollem Ernst die abscheulichste Grimasse, die ich vor langen, langen Jahren in der Schule gelernt hatte! Starr über solche Frechheit, blieb er stehen, und wir fuhren lachend weiter.

Um 4 Uhr bekamen wir Omsk in Sicht, das in einer sandigen Ebene liegt. Wir wurden wieder von einem Polizeioffizier erwartet. In wenig mehr als zwölf Stunden hatten wir von Kainsk aus 390 Kilometer zurückgelegt!

Wir langten in Omsk zur Stunde des sonntäglichen Spazierganges an. Auf den hölzernen Fußsteigen bewegte sich langsam die friedliche Masse der Bürger, die mit der Miene dessen, der seinen besten Anzug trägt, Luft schöpften. Es schritten Offiziere und Beamte in großer Uniform mit ihren Familien vorüber, die Kinder an der Hand führend. Es war die Atmosphäre einer Provinzstadt, die ausruht. Dann überschritten wir auf einer schönen Brücke den Om, in der Nähe seines Zusammenflusses mit dem Irtysch.

An den Ufern ziehen sich die Docks hin; an den Landungskais liegen einige jener großen, eleganten Passagierdampfer, die im Sommer den Irtysch bis nach Tobolsk hinab und aufwärts bis Semipalatinsk befahren, 1500 Kilometer seines Laufes. Wir sahen ein Bild von Tätigkeit und neuzeitlichem Wesen, das wie eine Offenbarung auf uns wirkte; wir glaubten uns schon mitten in Europa. In Irkutsk hatten wir die politische, in Tomsk die geistige Hauptstadt des asiatischen Rußlands angetroffen; hier in Omsk fanden wir die kommerzielle Hauptstadt.

Omsk ist der Mittelpunkt riesiger gewerblicher Tätigkeit. Es beherrscht durch seine Lage ganz Westsibirien. Es sammelt auf dem Flußwege alle Schätze des fruchtbaren Landes auf einem Punkte an und wirft sie mittels der Eisenbahn auf die europäischen Märkte. Man spricht davon, es durch eine besondere Linie mit der turkestanischen Eisenbahn zu verbinden; dann wird es das Herz Zentralasiens werden. Diese alte Stadt, der der Fortschritt verjüngtes Leben eingehaucht hat, hat das Aussehen einer Pionierstadt, einer Stadt, die sich vom Schlummer erhebt, einer neuen Stadt auf neuem Boden, ohne zu überwindende Überlieferungen, ohne zu schützende Gewohnheiten. Das deutlichste Zeichen dieser Lebenskraft, die jetzt zum Durchbruch kommt, unabhängig von jeder Fessel der Vergangenheit, äußert sich in der weiten Verbreitung der Maschinen. Auf den Kais des Flusses sahen wir nichts als Maschinen, zu Tausenden waren sie bereit, nach den jungfräulichen Steppen von Kulundinsk und Naiman versandt zu werden. Es waren die neuesten Maschinen der landwirtschaftlichen Industrie, selbst Maschinen, die die Abneigung gegen Neuerungen von so vielen zivilisierten Ländern Europas ferngehalten hat. Ändern ist schwieriger als Neuschaffen; Omsk schafft neu. Unermeßliche Strecken „schwarzer Erde“, die bisher von menschlicher Arbeit völlig unberührt geblieben sind, werden von den amerikanischen Doppelpflügen aufgerissen, mit den vollkommensten Sämaschinen befruchtet und mit Hilfe der sinnreichsten Maschinen, die die Zivilisation zu diesem Zwecke erfindet, bebaut.

Omsk empfängt und verkauft für mehr als 20 Millionen Mark landwirtschaftliche Maschinen für die neuzubestellenden Ackerflächen. Selbst die Kirgisen, die nie ein Ackergerät in der Hand gehabt haben, fahren den Irtysch bis nach Omsk hinauf, um Maschinen zu kaufen. Sie beginnen mit dem Besten, was es gibt. Viele Industrien, die noch gestern dort draußen fast unbekannt waren, erwachen und gewinnen auf dem Weltmarkte Bedeutung. Ein mit Kühlwagen ausgestatteter Sonderzug überschreitet täglich die Grenzen Sibiriens und befördert frische Butter, die zu zwei Dritteln auf den englischen Markt gelangt. Im vergangenen Jahre hat die Gegend zwischen Omsk und Kurgan für nahezu 100 Millionen Mark Butter ausgeführt. Das Sibirien der Überlieferung, das trostlose Land der Verbannung, die eisige Heimat hungriger Wölfe, existiert nicht mehr, wenn es überhaupt je existiert hat. Es erweist sich als ein Land, das weit unternehmungslustiger und reicher ist als Rußland. Niemand vermag jetzt, bei dem Schauspiele seines ersten Erwachens, zu sagen, was die Zukunft ihm vorbehalten hat.

Im Hotel wurden wir herzlich von einem „Lokalkomitee für die Fahrt Peking–Paris“ begrüßt, das zum Teil aus Engländern, Deutschen und Norwegern bestand, den Vertretern der großen Handelshäuser, denen ein so großer Anteil an dem Aufschwung des neuen Lebens gebührt, das diese Gegenden durchströmt. Vom Balkon herab rief jemand:

„Viva l’Italia!“

Wir bemerkten einen Herrn, der seinen Hut schwenkte und nach seinem Gruße von oben herab herunterkam, um uns in förmlicher Weise zu begrüßen. Es war ein englischer Berichterstatter, der von der „Daily Mail“ uns bis hierher entgegengeschickt worden war, ein sympathischer Kollege, der uns dann von Omsk während des Restes unserer Reise auf der Eisenbahn folgte.

Wir beschlossen, in Omsk zwei Tage zu bleiben, denn wir bedurften der Ruhe. Während der Fahrt waren wir von der nervösen Erregung des ununterbrochenen Wachens aufrechterhalten worden. Fahren war, auch wenn keine Zwischenfälle eintraten, gleichbedeutend mit fieberhafter Tätigkeit. Sobald wir aber haltmachten, fühlten wir mit einem Male eine unsagbare Mattigkeit auf uns lasten. Das lange beständige Wachbleiben und die überstandenen Strapazen machten sich jetzt mit einem Schlage geltend; es schien, als kehrten sie zurück und verlangten ihren Lohn an Ruhe. Die mittlere Dauer unseres Schlafes hatte vier Stunden täglich betragen. Wenn wir an unserem Haltepunkte anlangten, hatten wir jeden Abend nach einer oberflächlichen Toilette noch eine lange Arbeit vor uns. Der Fürst begab sich mit der Polizei auf die Suche nach dem Benzinvorrat; Ettore reinigte die Maschine und setzte sie zu der Fahrt des nächsten Tages instand; ich hatte meinen Bericht zu schreiben, und zwar so deutlich wie möglich, um eine fehlerfreie Übertragung zu ermöglichen, und mußte dann, was viel langwieriger und schwieriger war, die Telegraphenbeamten bewegen, ihn zu befördern! Die Länge der Depeschen entsetzte alle Beamte; eine Depesche von 1000 bis 2000 Worten zu befördern, hielten sie für einen Wahnsinn, zu dessen Mitschuldigen sie sich um keinen Preis machen wollten! So suchten sie tausend Vorwände, um mich zum Verzicht auf die Beförderung zu veranlassen. Es war fast nie vor 10 Uhr abends, ehe wir einen Bissen zu essen bekamen, und oft schliefen wir auf der bloßen Erde. Um 2, 3 des Morgens waren wir schon wieder auf den Beinen. Mit unserer Arbeit war noch etwas anderes verbunden, das uns mehr als die körperliche Anstrengung mitnahm: es war die Angst, mitunter Aufregung, oft Ungewißheit, es waren die beständigen starken Eindrücke, die Entmutigungen, die Wagnisse, die plötzlichen Entschließungen — all das Drum und Dran eines unablässigen Kampfes. Frischer und unbefangener wollten wir unsere Reise fortsetzen.

Zu den Eigenschaften, die ich am Fürsten bewunderte, gehörte die körperliche und die noch größere geistige Widerstandsfähigkeit. Er war ermüdet, wußte es aber zu verbergen. Auch widerstrebte es ihm, vor Fremden müde zu scheinen. An dieser Herrschaft über sich selbst hielt er unverrückbar fest. Wenn wir eingeladen waren oder Gäste bei uns sahen, so schien er das Bett ganz zu vergessen; er hüllte sich in die lächelnde Unempfindlichkeit des Diplomaten und hielt unbegrenzte Zeit aus. Kaum aber waren die Fremden gegangen, so war auch der Diplomat verschwunden und Don Scipione schlief tief und fest. Ich gestehe, daß ich mich in Omsk von der Müdigkeit wie von einer Krankheit gepackt fühlte; wie die Verhungerten, die vor großem Hunger nicht mehr zu essen vermögen, war es mit mir so weit gekommen, daß ich nicht mehr schlafen konnte. Aber die Reaktion trat ein, und zwar auf die seltsamste Weise.

Am Abend des 16. Juli kehrte ich nach dem Hotel zurück, als ich mit einem Male die Beine unter mir wanken fühlte und wie ein Betrunkener weiterging. Zu gleicher Zeit umnebelte sich mein Blick; ich sah den Himmel grün, und es schien mir, als hätten die Vorübergehenden sämtlich erst ein bläuliches und dann ein schwarzes Gesicht; es umgab mich undurchdringliche Dunkelheit. Ich fühlte, daß die Menge mich neugierig ansah, lehnte mich an die Mauer und legte die Hand an die Stirn. In diesem Augenblicke näherte sich eine leere Droschke. All meine Kraft zusammenraffend, rief ich:

„Kutscher! Kutscher!“

Ich sah, wie der Wagen auf meinen Ruf hin wendete. Dann erinnere ich mich an nichts mehr.

Was sich zugetragen hat, ist leicht zu erraten, wenn ich sage, daß, als ich wieder zu mir kam, ich mich an derselben Stelle am Boden liegen fand. Ich war vor Schlaf, vor Müdigkeit umgesunken. Mit der Empfindung, im Bett zu liegen, erwachte ich. Als ich die Augen aufschlug, war ich ganz erstaunt, so viele Füße mit Stiefeln sich in unmittelbarer Nähe meines Kopfkissens bewegen zu sehen! Dann kehrte plötzlich die Erinnerung zurück, und ich erhob mich etwas verwirrt. Die Droschke stand noch da und wartete auf mich. Wie lange hatte ich regungslos und ohne Bewußtsein gelegen? Wer weiß es?

Hatte mir niemand Hilfe geleistet, hatte ich mich selbst wieder von der schmutzigen Straße erhoben? Ach ja, dies gehört auch zu den Sitten des Landes. Wenn alle diejenigen, die auf den Straßen einer sibirischen Stadt umfallen, aufgehoben werden sollten, da hätte man viel zu tun! Ich war einfach für einen Betrunkenen der besseren Stände gehalten worden. Ein Rausch ist in Sibirien so allgemein, daß er für ehrenhaft gilt, und daher wird er auch respektiert. Hätte mich die Menge auf den Füßen stehend angetroffen, so hätte sie mich mißtrauisch oder verächtlich ansehen können; da sie mich aber ausgestreckt am Boden liegen fand, so konnte sie nicht umhin, mich zu achten. Ich erwarb mir dadurch eine Art sibirisches Bürgerrecht. Ich stieg in den Wagen; der Kutscher drehte sich um und sagte mir in freundlichem Tone:

„Ich fahre langsam, Väterchen; aber Sie würden gut tun, wenn Sie sich hier festhielten!“

Und er wies auf den Eisenstab hinter seinem Sitze. —

Das Automobil bedurfte keiner Arbeit, abgesehen von der Beschädigung der Bremse, die sofort behoben wurde. Im übrigen wären bedeutendere Reparaturen auch unmöglich gewesen. Als der Fürst die Vorbereitungen zu der Fahrt traf, hatte er nach Omsk einige Ersatzstücke befördern lassen; aber die russische Zollbehörde — oder war es die österreichische? man weiß es nicht genau — hatte sie irgendwo zurückgehalten. Die Pneumatiks der Vorderräder, die die ganze Fahrt von Peking aus mitgemacht hatten, wurden ausgewechselt, die Maschine von oben bis unten geputzt und in ihren empfindlichsten Teilen auf das sorgfältigste nachgesehen. Ettore war von diesem Automobil begeistert, das sich trotz aller Anstrengungen und so vieler Katastrophen so wacker hielt. Hätte aber das Automobil denken und empfinden können, so wäre es gewiß in Ettore verliebt gewesen, der ihm alle seine Zuneigung weihte. Er trieb die Geduld und die Gewissenhaftigkeit so weit, daß er an jedem Haltepunkt eingehende und schwierige Untersuchungen anstellte, wie die Chauffeure sie sonst nur von Zeit zu Zeit vornehmen. Alle Abende schraubte er die Deckel los, die die Kugelgelenke der Gangwechsel und des Differenzialwerks hermetisch verschließen, um sich zu vergewissern, ob sie regelmäßig funktionierten, und um das Öl und Fett zu erneuern, in denen jene laufen. Die Karosserie, die der Weg von Tomsk aus den Fugen gebracht hatte, wurde mit Stahlblechen und Stahlschrauben ausgebessert.

Zuschauer beim Pneumatikwechsel.
Zuschauer beim Pneumatikwechsel.

Zuschauer beim Pneumatikwechsel.

In Omsk stellten wir die Reiseroute nach Kasan fest. Es führen zwei Wege dorthin: ein kurzer und ein langer. Natürlich war der kurze vom Pariser Komitee gewählt worden. Er führt von Omsk über Kurgan, Tscheljabinsk und Ufa und hält sich dicht an der Eisenbahn. Aber das russische Komitee in Petersburg hatte geraten, den längeren Weg einzuschlagen, weil er der bessere sei; es war der über Tjumen, Jekaterinburg und Perm nach Kasan; er biegt nach Norden um und steigt bis zum 58. Breitengrade empor. Dieser große Bogen von drei Grad lockte uns allerdings weniger als der gerade Weg, der bekanntlich der beste sein soll. Aber wir verließen uns auf die Weisheit des Petersburger Komitees, das uns prächtige, eigens für uns gezeichnete Straßenkarten hatte zukommen lassen. Auf ihnen war die Route mit allen Höhenprofilen und den in Werst angegebenen Entfernungen zwischen den einzelnen Dörfern dargestellt. Die Arbeit hatte ungeheuere Geduld erfordert und war uns von außerordentlichem Nutzen. Wir fühlten uns dem Komitee zu Petersburg, ebenso aber auch den kleineren Komitees in den andern Städten für ihre unendliche Liebenswürdigkeit zu herzlichem Dank verpflichtet.

Am 16. Juli waren die beiden „de Dion-Bouton“ in Mariinsk eingetroffen.

Am 17. früh 3 Uhr wurden wir von einem altmodischen winzigen Automobil, das einem Kinderwagen glich, einem seltenen Prachtstück des sibirischen Automobilsports, aus den Toren von Omsk geleitet. Es wurde von drei unserer neuesten Freunde, Mitgliedern des Omsker Komitees, bestiegen.

Die Stadt schlief noch. Der Om lag im blassen Schimmer der Morgenröte unbeweglich da; die dunkeln Schatten der Schiffe mit den hohen Schornsteinen drängten sich an den tagsüber so geschäftigen Ufern. Als wir auf die Straße nach Tjumen gekommen waren, wo keinerlei Irrtum mehr möglich war, bog das kleine Automobil zur Seite, und wir wechselten Abschiedsgrüße mit unseren Führern.

Der Himmel war heiter, man konnte von einem italienischen Himmel sprechen. Die Sonne erhob sich über dem flachen Horizont, und wir trieben die Maschine zur dritten und vierten Geschwindigkeit an. Vornübergebeugt durchschnitten wir die Luft, die die Kleider blähte und die Flagge am hinteren Teile des Automobils flattern ließ. Wir fühlten uns berauscht von der wiedergewonnenen Freiheit, und schließlich schlugen wir das rasende Tempo ein, das wir in den mongolischen Ebenen angenommen hatten.

Abfahrt von Omsk.
Abfahrt von Omsk.

Abfahrt von Omsk.

Fortwährend begegneten wir Karawanen von Telegas, deren Kutscher noch schliefen. Taub gegen unsere Signale, erwachten sie erst, wenn wir ihnen ganz nahegekommen waren; sie rieben sich die Augen, in der Meinung zu träumen, und waren wie alle sibirischen Kutscher so betäubt, daß sie nicht einmal daran dachten, ihre in wilder Flucht durchgehenden Pferde zu beruhigen.

Dörfer trafen wir nur vereinzelt an; es fehlt an Bauholz dazu.

Nach drei Stunden gelangten wir an das Ufer des Irtysch, auf dem rote Bojen schaukelten. Die Dampfer gehen bis nach Tobolsk. Am Ufer des Flusses begegneten wir einer Karawane von Bauern, die von Omsk zurückkehrten, wo sie amerikanische Mähmaschinen und Eggen gekauft hatten und nun warteten, um auf das andere Ufer übergesetzt zu werden. Es waren deutsche Einwanderer. Sie sollen mit ihrem neuen Vaterlande zufrieden sein. Ein großer Anteil an der Umwandlung Sibiriens entfällt auf Angehörige der deutschen Rasse.

Über den Irtysch setzten wir auf einer Fähre, die wieder von vier Pferden getrieben wurde. Die Werstpfähle glitten nur so an uns vorüber. Um 10 Uhr bemerkten wir am Horizont eine große Rauchsäule. Es war eine ungeheuere Wolke, an den Säumen, wo die Sonne sie beschien, weiß und im Innern schwarz wie eine Gewitterwolke. Sie wälzte sich dampfend nach Westen. Als wir näherkamen, sahen wir sie immer höher, dichter, ausgedehnter werden. Wir dachten, daß eine ungeheuere Feuersbrunst ein Dorf verheere, beobachteten die Richtung der Wolke und zogen die Karte zu Rate. Die Feuersbrunst befand sich auf unserem Wege. Vielleicht brannte Abatsk. Es lag gerade dort.

Mit ängstlicher Spannung beobachteten wir, ohne ein Wort zu sprechen, diese Wolke, die ins Riesenhafte wuchs, nach und nach den halben Himmel einnahm und von Zeit zu Zeit langsame Veränderungen zeigte, indem sie sich auf der einen Seite auflöste und auf der andern verdichtete. Dann gewahrten wir, daß es ein Steppenbrand war. Das ausgedörrte Gras und die Gebüsche lieferten dem Feuer unerschöpfliche Nahrung.

Abatsk fanden wir unversehrt. Vor jedem Hause standen aber mit Wasser gefüllte Gefäße und Gruppen von Menschen an den Brunnen. Das Dorf setzte sich in Verteidigungszustand. In geringer Entfernung waren Männer mit dem Auswerfen eines Grabens beschäftigt. Zahlreiche Telegas aus den benachbarten Ortschaften brachten Bauern, die mit Spaten, Hacken und andern Geräten bewaffnet waren.

Der Weg wurde wieder eintönig. Wir stießen auf Sandhügel, die uns an unsere Ankunft in Kiachta erinnerten, und nachmittags auf Birkengehölze. In der Nähe jener Gehölze lag Ischim, unser Haltepunkt, ein weißes, stilles Städtchen. Um 3 Uhr kamen wir an. Wir hatten 355 Kilometer zurückgelegt.

Ischim ist klein und liegt einsam in der Ebene, dem Anschein nach unbewohnt. Einmal im Jahre wird es zu einer großen Stadt. Viele seiner Häuser öffnen sich nur zu dieser Zeit. Es ist berühmt als Mittelpunkt einer großen, jährlich stattfindenden Messe, die, wie die Bewohner von Ischim behaupten, der von Nischnij-Nowgorod gleichkommt. Wir sahen die Stadt jedoch während ihrer langen Ruheperiode.

Ein reicher Kaufmann beherbergte uns in seinem Hause. Wir fanden die patriarchalische Gastlichkeit von Kiachta und Irkutsk wieder, eine gedeckte Tafel und ein offenes Haus für Freunde und die Behörden. Während wir den Speisen und Getränken alle Ehre widerfahren ließen, wurde uns mitgeteilt, daß die Bewohner von Ischim uns zu sehen wünschten. Das Volk hat es nicht gern, wenn man es warten läßt, nicht einmal das von Ischim. Wir gingen also hinaus.

Eine große Menge war in den Hof gedrungen und umlagerte das Automobil. Bei unserem Erscheinen brach ein Beifallssturm los. Als wir diesen mit der Würde, die die Gelegenheit erforderte, über uns hatten ergehen lassen, kehrten wir in das Haus zurück. Aber nein, das Volk war noch nicht zufriedengestellt, zum Donnerwetter nein! Es wollte uns im Automobil fahren sehen. Wir waren so unvermutet in die Stadt gelangt, daß uns niemand gesehen hatte. Es war also unsere Pflicht, diese unverzeihliche Vernachlässigung wieder gutzumachen. Wir bestiegen das Automobil, und in fünf Minuten waren wir durch sämtliche Straßen gefahren. Die Rückkehr in den Hof war großartig. Die Volksbegeisterung kannte keine Grenzen. Ich wurde von meinem Sitze gezogen, auf die Schultern der Menge gehoben und im Triumph umhergetragen. Das Volk von Ischim hatte mich für den Fürsten gehalten!

Ich rief, ich sei nicht der Fürst, und wurde endlich freigegeben. Der Fürst aber hatte sich schon in Sicherheit gebracht.

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