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Peking-Paris im Automobil

Achtes Kapitel.

Reading edition

Die Stadt der Wüste.

Das ferne Gebirge. — Ein Bild der Verödung ringsum. — Die Stadt der Wüste. — Ein geheimnisvolles Automobil. — Auf der Antilopenjagd. — Urga.

Udde war unsere zweite Vorratstation, und wir fanden hier Benzin, Öl, Fett, das alles von Peking mit einer Karawane gekommen und in einem wirren Haufen von Paketen und Fässern in einem Winkel des Hofes beieinanderlag. Unterwegs war etwas Benzin durch die Ritzen der beschädigten Fässer gelaufen; trotzdem hatten wir zur Genüge davon, um die Behälter der Maschine zu füllen; wir ließen auch noch einige volle Behälter zurück und baten die Telegraphisten, sie unseren Kollegen für den Fall auszuhändigen, daß sie ihrer bedürften.

Am 20. Juni kurz vor Tagesanbruch kam ein Mongole von dem mehr als einen Li von der Telegraphenstation entfernten Brunnen von Udde und überbrachte uns Nachrichten. Am Brunnen hatte er Karawanenführer angetroffen, die nach einem langen Nachtmarsche von Süden her dort angelangt waren; sie hatten ihm berichtet, daß „die fremden Wagen“ am vorhergehenden Abend 180 Li (etwa 80 Kilometer) von Udde entfernt gelagert hätten. Die Entfernung erschien uns etwas übertrieben; die Karawane konnte in der Nacht nicht mehr als 100-110 Li zurückgelegt haben, und die Automobile mußten sich etwa 60 Kilometer von uns entfernt befinden. Der Fürst beschloß, zwei Tage in Urga, der Hauptstadt der Mongolei, wo wir am Abend des folgenden Tages einzutreffen gedachten, auf sie zu warten, wie wir dies auch in Kalgan getan hatten.

Im Westen funkelten noch einige Sterne, als wir nach Tauerin, der nächsten, über 300 Kilometer entfernten Telegraphenstation, aufbrachen, nachdem wir eine Tasse guten heißen Tees geschlürft und uns unter Danksagungen von unseren beiden Telegraphisten verabschiedet hatten.

Der Morgen war frisch, und wir hatten uns in unsere Pelze gehüllt, die kaum genügten, um uns zu erwärmen. Aber drei Stunden später hatten wir sie schon über die Rücklehnen unserer Sitze gelegt. Um 9 Uhr begannen wir von neuem unter den Qualen der Hitze zu leiden.

Wir hätten schwören können, daß die Hitze von Tag zu Tag zunehme; in Wahrheit aber wurde sie uns nur fühlbarer infolge der überaus großen Empfindlichkeit unserer kranken Haut. Als der Tag vorschritt, brachte uns nicht einmal der Luftzug der raschen Fahrt mehr Erleichterung. Wir hatten manchmal die Empfindung, als seien wir von dem glühenden Atem eines Ofens umgeben, als näherten wir uns allzusehr einer unsichtbaren Feuersbrunst. Der unaufhörliche, quälende Durst peinigte uns wieder; die übermäßige Trockenheit der Luft dörrte uns die Kehle aus, und es war uns, als ob wir ganz austrockneten. Das Antreffen eines Brunnens war ein Fest.

Ich erinnere mich als eines der köstlichsten Genüsse der Minuten, in denen ich meine Lippen an den Rand des mit frischem Wasser gefüllten Eimers setzen konnte. Es war ein Trinken in vollen, langen, gierigen Zügen, mit den Füßen im Schmutz, der sich um den Brunnen angehäuft hatte, das Gesicht nach unten gewandt, fast eingetaucht in das Wasser, das überfloß, in den Hals rann und sich über die Kleider ergoß; so groß war unsere Gier, rasch zu trinken, viel zu trinken, uns an der erquickenden Frische zu laben, die in Strömen in uns hineinrann.

In der mongolischen Steppe.
In der mongolischen Steppe.

In der mongolischen Steppe.

Als die Hitze wieder begann, standen wir unter dem Banne eines unstillbaren Verlangens, das uns nicht verlassen wollte; wir stürzten im Geiste eingebildete Getränke hinunter. Ettore dachte gewöhnlich an ein großes Glas eiskalten Bieres, das durch den Schaum getrübt war, aber nach und nach vom Grunde aus immer klarer wurde und in der Kehle prickelte, während an der beschlagenen Außenseite Tropfen zwischen den Fingern herabrannen. Alle Augenblicke bot er mir sein Glas Bier an; ich revanchierte mich dafür großmütig mit Eiskaffee. Ich weiß nicht, warum der Eiskaffee zu meiner geistigen Lieblingserfrischung in der Wüste wurde. Seltsam, wir nahmen uns ernstlich vor, bei unserer Rückkehr wahre Orgien im Trinken zu feiern, uns in Wahrheit daran zu erquicken, als müsse uns dieser Durst bis in unsere Häuslichkeit verfolgen. Und wir empfanden großes Bedauern um alle Biere und alle Eiskaffees, die wir früher getrunken hatten, ohne uns ihren unermeßlichen Wert zu vergegenwärtigen, ohne die Glückseligkeit zu fühlen, die daraus entspringen kann.

Mit Udde waren auch die Felsen verschwunden. Stundenlang zog sich der Weg durch eine endlose Reihe von Tälern hin, die von niedrigen sandigen Hügeln von rötlicher Farbe eingeschlossen waren. Auf den Hügeln fanden wir mitunter eine kurze steinige Strecke, mitunter auch schweren Sand, der den Motor ermüdete, aber im allgemeinen konnte sich das Gelände für den Automobilsport nicht besser eignen. Die Maschine wurde des öftern auf jungfräulichen Ebenen zur Maximalgeschwindigkeit angetrieben; wir wichen von jeder Spur eines Pfades ab, verließen die Fußtapfen der Kamele und drückten die Spur unserer Räder einem Boden auf, der überhaupt noch nicht betreten worden war.

Zum erstenmal jagte ein Automobil mit all seiner Kraft außerhalb der tyrannischen Schranken der Straße hin, Herr seiner selbst, seinem Ungestüm nach Laune und Belieben folgend wie ein freies Roß. Wir freuten uns über diese weiten schnellen Fahrten, die unsere Flucht unterstützten. Wir empfanden die Angst vor der Einsamkeit und Stille immer beklemmender. Auf Hunderte von Kilometern waren wir die einzigen lebenden Wesen; wir litten unter einem unbestimmten geheimen tiefen Gefühl des Grauens über diese Vereinsamung, über das wir uns keine Rechenschaft ablegen konnten. Es war die Vorstellung einer uns weithin rings umgebenden Feindseligkeit, einer erbitterten Gegnerschaft der Erde selbst. Wir betrachten die Erde stets als eine großartige Persönlichkeit, nennen sie Mutter Erde, finden sie bald lächelnd, bald ernst, wir legen ihr Sprache und Leidenschaften bei; sie hat Gesichtszüge, die Empfindungen erwecken; es liegt etwas in ihr, was einer Seele gleicht, einer großen Seele. Wir fühlen dies instinktmäßig; wenn wir allein in einer Gegend sind, so haben wir Empfindungen von Freude oder von Trauer, die von dem herrühren, was sich unseren Augen darbietet, Empfindungen, die die unerforschliche Emanation eines geheimnisvollen Lebens sind, das uns umgibt. Dort draußen entsprang aus diesem Geheimnis Abneigung. Man möchte sagen, die Wüste liebe ihre Stille und verteidige sie. Sie ist ein unermeßlicher Friedhof, der nicht entweiht werden will.

Wir sehnten uns danach, wenigstens einen Baum zu sehen. Ein Baum ist ein Gefährte, ein riesenhafter Freund, der im Schatten seiner geöffneten Arme Gastlichkeit und Ruhe bietet. Seit Kalgan hatten wir jedoch keine Bäume gesehen. Allerdings hatten wir gestern nicht weit von Udde solche anzutreffen geglaubt; am Ufer eines ausgetrockneten steinigen Gießbaches bemerkten wir sieben in einer Reihe stehende Bäume — sieben Wunder. Wir näherten uns ihnen und bemerkten, daß es tamarindenartige Sträucher waren von weit unter Mannshöhe; die Kahlheit des Bodens hatte uns über die Größenverhältnisse getäuscht. Jedenfalls betrachteten wir sie als große Seltenheit und erfreuten uns an ihrem Dasein und an ihrer Form.

Es war 10 Uhr geworden, als die Steppe wieder auftauchte.

Das Gras begann zaghaft die Talgründe mit Grün zu bekleiden, dann dehnte es sich über die Hügel aus und wurde einheitlicher und dichter. Im Grünen ließ sich ein Gezwitscher von Vögeln vernehmen, anfangs unbestimmt, unterbrochen, fern, dann lauter, zusammenhängend, wohlklingend. Es waren Tausende von Wüstenlerchen, von eigenartigen Rebhühnern mit weißer Brust und von Schopfreihern. Um das Automobil herum erhoben sich ganze Wolken dieser fröhlichen Bewohner der Luft; zuzeiten waren wir von ihnen vollständig eingehüllt. In der Nähe mußte sich also Wasser befinden. In der Tat fuhren wir kurz darauf an kleinen schlammigen, mit gelbem Rohr bedeckten Sümpfen vorbei, deren Ufer von Wasservögeln wimmelten, von weißen Flamingos, die unbeweglich auf den langen roten Beinen standen, von Enten mit schwarzem Kopf und von Wildgänsen. Mitunter hob eine von unserer Ankunft überraschte Antilope den feinen Kopf aus dem Grase und schoß dann pfeilschnell von dannen.

Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.
Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.

Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.

Die Geschwindigkeit des Automobils zeigte uns wechselnde Landschaftsbilder, die den Karawanen unbekannt sind. Im Laufe einer Stunde waren wir aus der Sandwüste in die Steppe gelangt; der träge Gang des Kamels würde einen Tag dazu gebraucht haben, das heißt eine Zeit, in der der Wechsel gar nicht zum Bewußtsein kommt. Im Fluge durcheilten wir eine vollständig ebene Fläche, eine Fahrt von 60 Kilometern ohne Unterbrechung, die, wie wir hofften, nicht eher enden würde als auf unserem neuen Halteplatz. Aber die Fahrt ging zu Ende, die Ebene ging zu Ende, die Steppe ging zu Ende, es verstummte der Gesang der Lerchen, und wir steuerten vorsichtig in eine steinige, traurige, nackte, öde Gegend! Von neuem waren wir von der Wüste eingefangen. Wir machten an einem Brunnen mitten im Lager einer chinesischen Karawane halt. Die Karawanenführer traten halbnackt aus ihren blauen Zelten und näherten sich uns.

„Wie weit ist es bis Tauerin?“ fragten wir.

Sie wiesen nach Norden mit einer ausdrucksvollen Handbewegung, die sagen sollte: Sehr, sehr weit.

„Wieviel Li?“

Sie wußten es nicht. Einer von ihnen sagte:

„Zwei Tagereisen.“

Ein anderer erzählte ein langes und breites von Tauerin, von einem Berge, bezeichnete uns einen Punkt, an dem die Straße eine kleine Anhöhe emporstieg, und es gelang uns zu verstehen, daß Tauerin am Fuße eines Berges liegen müsse und daß der Berg von jenem Punkte der Straße aus sichtbar sei.

Wir hatten uns nicht getäuscht. In der Tat bemerkten wir, als wir die Maschine über die Anhöhe trieben, am Horizonte die Umrisse eines riesigen Felsens, eines Gibraltars der Wüste. Er konnte nicht weniger als 70 Kilometer entfernt sein, und wir sahen ihn nur infolge der außerordentlichen Durchsichtigkeit der Atmosphäre. Er war blaßblau, und wie aus dem Meere, wenn Land in Sicht kommt, so verloren wir ihn aus den Augen; er entschwand zeitweilig unseren Blicken, sein Umriß zerfloß, und die Vision löste sich in strahlende Lichtfülle auf. Wir mußten geduldig mit dem Auge die Linie des Horizontes absuchen, um die zitternde, flüchtige Erscheinung wieder aufzufinden.

Der Weg stieg an, und der Berg von Tauerin ging unter wie ein Gestirn. Es begann eine neue endlose Reihe von ausgedörrten Tälern und Anhöhen. Auf jedem Hügel erwarteten wir unser Gibraltar in größerer Nähe zu sehen. Aber wir sahen überhaupt nichts mehr. Die Stunden gingen vorüber und schienen uns eine Ewigkeit. Wir fühlten uns müde, abgespannt, als sei unsere Kraft in den mächtig arbeitenden Motor übergegangen. In Wahrheit beflügelten wir ihn dermaßen durch unser beständiges Verlangen, begleiteten ihn mit solcher Willensanspannung, daß wir tatsächlich eine physische Schwäche spürten. Der Weg war nicht immer leicht fahrbar, und wir folgten jeder Bewegung der Maschine mit einer Aufmerksamkeit, die unser ganzes Nervensystem anspannte.

Der große Felsen kam nicht wieder zum Vorschein. Stets wiederholten wir mit erneuter Zuversicht: „Dort werden wir ihn sehen in wenigen Minuten ...“ Nichts. Jede Enttäuschung brachte uns um Hunderte von Kilometern zurück. Nach vier Stunden war unser Glaube zu Ende.

„Jener Berg war eine durch die Telegraphendrähte hervorgerufene optische Täuschung!“ rief ich aus und zeigte auf die seltsamen, verschwommenen Formen, die die Verkürzung der langen Reihe der Stangen am Horizonte zeichnete.

„Wenn es ein Berg gewesen wäre, so wäre er nicht verschwunden“; bemerkte Ettore weise.

„Und doch konnte es nichts anderes als ein Berg sein“, schloß Don Scipione, den ich im stillen für eigensinnig hielt.

Wir mußten uns überzeugen, daß wir noch weit vom Ziele entfernt waren, und verfielen in melancholisches Brüten.

Mongolenfrau aus Urga.
Mongolenfrau aus Urga.

Mongolenfrau aus Urga.

An diesem Tage war mir der Platz auf dem Tritte zugefallen, der ungewohnte und nicht immer angenehme Empfindungen in mir erregte. Er nötigte mich, in gekrümmter Haltung zur Seite geneigt zu sitzen, die Füße nach links auf dem Trittbrett, außerhalb des Automobils, den Kopf nach rechts gewandt, eine Stellung, wie sie einer badenden Nymphe angemessen, aber für eine lange Fahrt reichlich unbequem ist. Das Gesicht, das sich in der Höhe des Motorkastens befand, erhielt alle heißen Ausströmungen der Maschine. Dazu kam ein stetes Schwanken des Gleichgewichts bei den Wendungen und während der harten Stöße des Automobils; man mußte sich an irgendeinen vorspringenden Teil festklammern, um nicht infolge unvorhergesehener Wirkungen der Zentrifugalkraft herausgeschleudert zu werden. Alles das will bei einer Spazierfahrt nichts besagen und ist vielleicht sogar amüsant. Es ist aber von ernster Bedeutung bei einer vielstündigen Fahrt, wenn Müdigkeit und Langeweile allmählich Muskeln und Gehirn erschlaffen lassen, wenn die erzwungene Unbeweglichkeit, das Schweigen, die Eintönigkeit des Weges, die Hitze, das lange Wachsein allmählich ein Abspannen der Nerven, eine Betäubung hervorbringen, die nicht Schlaf ist, wohl aber ein Vergessen seiner selbst, des Ortes und der Zeit, eine unbezwingliche Mattigkeit und Bewußtlosigkeit. Man verfällt in ein Delirium der Ruhe und Untätigkeit. Das Auge blickt verständnislos. Alles verliert seine Bedeutung und seinen Reiz. Ich erinnere mich, eine unbestimmbare Zeit hindurch die Umdrehung eines Rades beobachtet zu haben, dessen breiter Pneumatikreifen mir ein grauer, gleichmäßig herabstürzender Wasserfall von ewiger Dauer zu sein schien und der mich wie ein Strudel anzog. Der Boden zu meinen Füßen schoß vorbei wie jene seltsamen, grauenerweckenden Ströme, die wir in unseren Fieberträumen überschreiten. Einmal erschien mir alles dunkel, verworren dahinzujagen. Nur eines begriff ich: ich war in Gefahr, zu stürzen. Nur ein kleiner Teil meines Wesens war noch wach, in dem verdunkelten Bewußtsein wachte der Instinkt wie ein Soldat auf Posten und schlug Alarm. Aber ich vermochte nicht mehr auf ihn zu hören. Ich fühlte, daß ich fiel, und leistete keinen Widerstand, es überkam mich eine wohlige Gleichgültigkeit ... Mehr als einmal packte mich eine Hand kräftig an der Schulter, und ich hörte die Stimme des Fürsten mir zurufen:

„Achtung! Sie fallen!“

Und ich erwiderte sofort mit dem Schamgefühl dessen, der in trunkenem Zustande überrascht worden ist:

„Nein, nein, es hat keine Gefahr.“

Unvermutet kam der Berg wieder zum Vorschein. Er war ungefähr 15 Kilometer entfernt und schien aus einem riesenhaften Felsblock mit senkrechten Wänden zu bestehen; er erhob sich über einem Hügel, der vielleicht von den Trümmern des Felsens herrührte. Augenscheinlich bildete die lange Reihe von Ebenen und Anhöhen, durch die wir soeben gekommen waren, in ihrer Gesamtheit eine weite Einsenkung, eine riesige Höhlung, eine „Gobi“, und dieser Umstand hatte uns daran gehindert, den Berg von Tauerin nach seinem ersten fernen Erscheinen wieder zu erblicken. Je näher er kam, desto seltsamer erschien er.

Es war nicht ein einzelner Felsblock; es war eine Gruppe von Klippen, eine Anhäufung von Felsen, eine Kolonie von Schären, etwas wie ein ungeheuerer Obo, errichtet von dem Glaubenseifer eines Volkes von Titanen. Dreiviertel Stunde später fuhren wir zwischen Steinen und Blöcken in eine phantastische Gegend ein.

Wir stiegen den Abhang des erwähnten Hügels hinan, der von dem Felsen mit seinen bizarren, furchterregenden Umrissen überragt wurde. Wir hatten den Eindruck, als befänden wir uns in einer ungeheueren Ruine, als wären wir an einem Orte, an dem eine Welt zusammengebrochen war. Diese riesigen, seltsamen Steine schienen aus der Höhe herabgefallen zu sein, umgestürzt, fortgeschleudert, zertrümmert von der Wut einer unermeßlichen Katastrophe. Zu der Verödung gesellte sich die Wüste. Die Wüste schlummerte nicht mehr auf stillen, weiten Ebenen; hier bäumte sie sich ungestüm auf und nahm gewalttätige Formen an; sie schien sich nicht mehr zur Abwehr, sondern zur Zermalmung zu rüsten.

Die Maschine fuhr auf der Karawanenstraße mühsam bergan, und ihr Schnaufen wurde vom Echo zurückgeworfen. Wir suchten zwischen den Felsen nach der Telegraphenstation; ohne es zu bemerken, hatten wir unseren Führer, die Telegraphendrähte, verloren und befanden uns wie verlassen in jener unheimlichen Einsamkeit. Es gelang uns nicht, unseren schmerzlich ersehnten Zufluchtsort zu entdecken.

Aus einem Loche schlüpfte ein Fuchs heraus, der, anstatt erschreckt zu fliehen, uns eine lange Strecke begleitete; gelehrig wie ein Hund, kehrte er uns die spitze, gestreifte Schnauze zu und schleppte die prächtige, langbehaarte Rute hinter sich her. Dann verschwand er.

Wir gelangten auf den westlichen Gipfel der Anhöhe. Die Felsen rundeten sich nach dieser Seite ab und nahmen die Gestalt von riesigen Tiergruppen an. Wir fuhren bergab, der Ebene zu.

Mit einem Male sahen wir über diesem ungeheueren Steinhaufen vier goldene Kugeln in der Sonne glänzen. Sie waren von gleicher Größe, hielten sich in derselben Höhe und waren symmetrisch verteilt. Wir betrachteten sie mit angespannter, stummer Aufmerksamkeit. Sie schwebten über dem Felsengewirr, das zur Linken der Straße herabfiel, einige hundert Meter vor uns. Als wir unseren Weg fortsetzten, entdeckten wir zwischen den Blöcken einen breiten Zwischenraum, und unsere Neugierde ging in Verwunderung über, die Verwunderung in sprachloses Staunen, je mehr die verworrenen Bilder in diesem von der Sonne grell beleuchteten Zufluchtsorte feste Gestalt annahmen. Einige Minuten später brachten wir das Automobil zum Stehen, um mit gierigen Augen das unglaubliche Schauspiel einer Stadt zu betrachten, einer Stadt seltsamen Aussehens, einer Märchenstadt!

Wir konnten sie von der Höhe überblicken. Felsen umgaben sie von allen Seiten und vertraten die Stelle von Mauern. Die goldenen Kugeln bildeten die Bekrönung von vier großartigen Tempeln, die sich nach Süden zu aneinanderreihten. Diese heiligen Gebäude hatten nichts gemein mit dem Tempel, den wir in der Nähe von Pang-kiang gesehen hatten, dem Tempel des alten unbeweglichen Priesters. Sie waren auf großen Plattformen von Holz errichtet, wie die buddhistischen Bauten Japans; sie schienen ganz aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holze zu bestehen; sie hatten Dächer, die an den Ecken aufgebogen waren wie die chinesischen, aber ohne in jene charakteristische Linie auszulaufen, die dem Dache eines Zeltes gleicht und die vielleicht im Zelte ihren Ursprung hat, ihre Firste endeten im Gegenteil in Giebeln. Auf der äußersten Spitze befand sich immer eine goldene Kugel. Diese Gebäude glichen einander und standen jedes abgesondert von den übrigen. Ihre Großartigkeit rührte von ihrer isolierten Lage her. Rings umher keine Pflanze, kein Anzeichen von Grün, nur Sand und Felsen. Die Stadt lag ein wenig entfernt und ließ ehrfurchtsvoll einen freien Raum zwischen sich und ihren Tempeln.

Man kann sich keine seltsamere Stadt vorstellen. Sie bestand aus einer Menge kleiner weißer Häuser aus Kalk und Holz, mit quadratischen, regelmäßigen Dächern, aus geraden und breiten Straßen. Die Stadt und die Tempel schienen neu, aber ausgestorben. Die Straßen waren verlassen. In dem hellen Lichte, das in sie einströmte, bemerkten wir kein menschliches Wesen. Der Ort, der unversehens wie durch Zauberei vor uns auftauchte, schien unbewohnt zu sein. Oder besser, nicht von Menschen bewohnt, weil wir von Zeit zu Zeit Hunde bemerkten, die durch die Straßen liefen, an den Häusern entlang schlichen und sich an den schattigen Stellen auf allen vieren ausstreckten. Die Stadt schwieg wie die sie umgebende Wüste.

Wer mochte in diesen Gegenden leben? Mönche, sicherlich. Wir glaubten uns plötzlich vor einem Bergneste des Lamaismus zu befinden. Wir ließen das Automobil stehen und näherten uns der Lamastadt, indem wir auf einen mächtigen Felsblock kletterten. Nur Menschen, die im Gebet und in religiöser Vertiefung ihren Lebenszweck erblicken, konnten eine solche Regungslosigkeit und solches Schweigen beobachten. Da drang von irgendeinem Punkte eine laute, helltönende, frohe Kinderstimme zu uns empor. Ihr Klang genügte, um uns zu sagen, daß dort nicht nur Mönche wohnten. Wir stiegen nicht zu den Häusern hinunter, aus Furcht, einen gefährlichen Fanatismus zu erwecken. Auch hatten wir große Eile, unseren Lagerplatz aufzusuchen. Wir kehrten daher zum Automobil zurück und setzten unsere Nachforschungen nach der Telegraphenstation fort. Die geheimnisvolle Stadt entschwand unseren Blicken.

Wir bemerkten einen Hirten, der eine kleine, im Schatten der Felsblöcke grasende Herde bewachte, aber zu weit entfernt war, als daß wir mit ihm hätten sprechen können. So begannen wir auf der nördlichen Seite des Berges hinunterzufahren. Die Telegraphenstation war noch immer nicht sichtbar. Wir kehrten daher zurück und beschlossen, die Lamas der heiligen Stadt zu befragen.

Von neuem in die Nähe der Stadt gelangt, begaben wir uns zu Fuß nach dem bewohnten Teile. Irgend jemand hatte uns gesehen. Männer eilten aus den Straßen heraus und stiegen, von Hunden begleitet, zu uns empor, allen voran ein Greis. Der Fürst wandte sich mit einem Zeichen des Grußes an ihn. Der Alte wich zurück und floh. Der Gruß wurde bei einem jungen Manne wiederholt, der ihn glücklicherweise festen Fußes und mit einem der Sachlage entsprechenden Mute entgegennahm.

Wie aber sollte man einen mongolischen Lama nach dem Wege zu einer Telegraphenstation fragen? Nachdem wir alle chinesischen Worte, die zum Ziele führen konnten, gebraucht, alle Gesten, die nach unserer Meinung Drähte, Stangen, Häuschen, Telegraphieren bezeichneten (an dieser Stelle der Mimik ahmten wir mit der Stimme das Geräusch des Stiftes in einer Weise nach, die uns vollkommen erschien: tick-tick tick, tick-tick tick), wiederholt hatten, erzielten wir nur das eine praktische Resultat, daß das ganze Lamaistenkloster von Tauerin lachte. Das war wenigstens etwas! Das Mißtrauen verschwand, der Humor besiegte den Widerstand, die Mönche drängten sich vertraulich um uns und freundeten sich mit uns an. Aber den Weg zur Station fanden wir nicht.

Der Fürst hatte jetzt eine glückliche Idee; er holte sein Notizbuch hervor und zeichnete Striche, die die Telegraphenstangen darstellen sollten, versah sie mit Isolatoren und spannte Drähte dazwischen. Die Lamas verfolgten seine Arbeit mit gespanntem Interesse, stießen einander an und reckten die Hälse. Es waren Männer jeden Lebensalters, mit glattrasiertem Kopf und Gesicht, in Kutten und Mäntel von gelber und roter Farbe gehüllt. Viele trugen den Mantel auf dem bloßen Körper, wie eine Toga über die linke Schulter geschlagen, und bedeckten mit einem Zipfel des Mantels den Kopf. Kutten, Mäntel und Menschen waren gleichmäßig schmutzig; Wasser ist in der Wüste selten. Wer ahnt, was für ein aufregendes Erlebnis unsere Ankunft für jene Eremiten war, die sich von der Welt abgeschlossen haben, um die heiligen Schriften des Buddhismus zu studieren und über sie nachzudenken! Die Mongolen tragen ihre aus dem fernen Tibet stammenden heiligen Bücher mit sich in die ödesten Gegenden; sie verbergen sie wie einen Schatz. Sie sind der Ansicht, daß die milde Lehre Buddhas nur in der Einsamkeit und Stille vollständig begriffen werden könne.

Nachdem der Fürst die Drähte gezeichnet hatte, ging er an die Darstellung der Telegraphenstation, in der sich die Drähte vereinigten, und tippte dann mit dem Finger darauf, um anzudeuten, daß dies der Gegenstand unserer Fragen, der eigentliche Zweck seiner langen Arbeit sei. Da begriffen die Lamas den Sinn der Hieroglyphen! Gestikulierend und laut durcheinanderrufend setzten sie sich in Bewegung, um uns die Richtung zu zeigen. Auf die Straße gelangt, blieben sie beim Anblick des Automobils erstaunt stehen. Sie umringten es und betrachteten es mißtrauischen Blickes. Eine Menge Hunde war den Mönchen gefolgt und schnüffelte indiskret überall herum. Ettore glaubte den Augenblick gekommen, die Maschine in Bewegung zu setzen. Er drehte die Kurbel zweimal mit Macht herum, der Motor trat lärmend und brausend in Tätigkeit, und die Hunde und die Lamas flohen Hals über Kopf der heiligen Stadt zu!

Zum Glück hatten wir begriffen, daß die Telegraphenlinie sich in östlicher Richtung auf engen, sich zwischen den Felsen hindurchwindenden Pfaden hinziehe. Ich weiß nicht, wie es dem Automobil glückte, die steilen Abhänge bis zur Höhe des Hügels hinaufzuklimmen, eine Art Gang zwischen den Felsblöcken zu passieren und auf der andern Seite wieder hinunterzugelangen. Tatsache ist, daß wir auf eine Wiese kamen, auf der schon der Abendschatten lag — und mitten auf der Wiese lag die dritte Telegraphenstation der Mongolei, klein wie ihre Mitschwestern, wie diese ein Lehmbau und doch in unseren Augen so verlockend!

„Wissen Sie schon?“ fragte uns der chinesische Telegraphist in großer Eile — „es ist ein anderes Automobil vorübergekommen. Es fuhr nach Urga.“

„Ist es möglich?“

„Ja, es hat hier nicht gehalten. Es fuhr rasch wie der Wind.“

„Teufel noch mal!“

„Ich habe es ganz deutlich gesehen, es kam aus der Richtung von Udde her.“

„Wann denn?“

„Vor einigen Stunden.“

Wer konnte uns überholt haben? Wir hatten nichts gesehen. Vielleicht, während wir den Weg suchten ... Oder war einer der „de Dion-Bouton“ die ganze Nacht durch gefahren und uns zuvorgekommen?

„Sind Sie ganz sicher?“ fragten wir. „War es ein Automobil?“

„Ganz sicher. Es kam von Udde, fuhr nach Urga, und ich habe sofort telegraphiert.“

„War es so wie das unsrige?“

Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.
Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.

Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.

„Viel kleiner; o, viel kleiner.“

„Bitte in Udde wegen aller Automobile einmal anzufragen.“

„Sofort.“

Und der dienstfertige Chinese setzte sich an den Apparat. Einen Augenblick später erhob er sich und erklärte würdevoll:

„Udde speist. Es bittet um fünf Minuten Frist, um zu Ende zu essen.“

Als Udde gespeist hatte, sandte es die erbetenen Nachrichten, die der Telegraphist uns nach und nach übersetzte, wie er sie von dem Papierstreifen ablas.

„Die ‚Itala‘ hat Udde heute morgen um 4 Uhr verlassen ...“

„Sehr gut. Und dann?“

„... Der ‚Spyker‘ hat gestern 100 Li nördlich von Pang-kiang halten müssen aus Mangel an Benzin, das ihm mit einem Kamele zugesandt wurde ... Die ‚de Dion-Bouton‘ sind heute 1 Uhr nachmittags zusammen in Udde eingetroffen und um 2 Uhr weitergefahren.“

„Sonst nichts?“

„... Der dreirädrige ‚Contal‘ ist bis jetzt weder in Pang-kiang noch in Kalgan gemeldet worden ... Der Tu-tung von Kalgan hat berittene Soldaten ausgeschickt, um ihn zu suchen. — Das ist alles.“

Es war klar, daß der „Spyker“ sich mindestens 400 Kilometer hinter uns befand und die beiden „de Dion-Bouton“ 250. Das Geheimnis des Automobils, das einige Stunden vorher durchgekommen war ohne anzuhalten, war aufgeklärt. Wie hatten wir es nicht sofort verstehen können!

„Das waren wir“, erklärten wir dem erstaunten Chinesen. „Wir waren es, die dort vorbeifuhren. Wir haben nicht gehalten, weil wir das Telegraphenamt nicht sahen, das wir auf allen Seiten des Hügels suchten, nur nicht auf der richtigen.“

„Das Automobil, das vorüberfuhr, erschien mir kleiner“, bemerkte er zweifelnd.

„Infolge der Entfernung.“

„Das ist wahr. Die Entfernung verkleinert alles.“

Nachdem er diese tiefe Wahrheit ausgesprochen hatte, zeigte sich der Telegraphist vollkommen überzeugt.

Bei der Berechnung der zurückgelegten Strecke stellte es sich heraus, daß wir das erste Tausend Kilometer von Peking aus hinter uns hatten. Um dies Ereignis festlich zu begehen, beschlossen wir, ein opulentes Mahl zu halten. Ein Hirt und Lama, der in diese Gegend gekommen war, verkaufte uns ein Lamm, das wir ihm mit Stücken eines Silberbarrens bezahlten (gemünztes Geld hat bei den Mongolen keinen Kurs), die wir ihm gewissenhaft auf einer kleinen in Kalgan gekauften Wage zuwogen. Das Lamm, das den geschickten Händen des Telegraphisten anvertraut wurde, erschien einige Stunden später wieder vor uns in der Gestalt eines riesigen Stückes dampfenden gekochten Fleisches, das uns als das köstlichste Gericht der Welt vorkam.

Vor den zusammengelegten Knochen zündeten wir uns dann unsere Zigaretten an und unterhielten uns beim Scheine einer in den Hals einer Flasche gesteckten Kerze eingehend über die nahe Wüstenstadt, deren Weichbild von keinem weiblichen Fuße betreten werden darf, von unserer Reise, von dem nächsten Haltepunkte. Wir hatten Müdigkeit, Durst, alle Leiden der langen Tagereise vergessen, dreizehn endlos lange Stunden der Fahrt in glühender Sonnenhitze, in aufreibender Anspannung der Nerven, unter tausend Zweifeln und Ängsten.

Wie klein und verächtlich erschienen uns nun die überwundenen Schwierigkeiten! Die Zukunft spornte uns dermaßen an, daß wir keine Zeit verloren, zurückzublicken. Diese Neigung, Schlimmes zu vergessen, macht das größte Glück des Menschen aus. Jeden Morgen fühlten wir uns beim Aufbruch stark und bereit zu neuen Anstrengungen, weil wir die Erinnerung an den vorigen Tag verloren hatten. Ein wohltätiger Schleier breitete sich über die überstandenen Leiden. Und beim Aufbruch glaubten wir immer, alle Schwierigkeiten seien zu Ende. Im Vergessen und im Hoffen liegen die Quellen unserer Kraft! Unsere Fahrt glich in vielen Stücken dem Leben.

Tauerin liegt am Rande der Wüste. Im Süden von Tauerin trostlose Unfruchtbarkeit, im Norden die grüne Pracht der Steppe. Jener hohe Felsen scheint als Wahrzeichen, als Leuchtturm an seinen Platz gestellt zu sein, um den unterwegs befindlichen Wanderern die Grenze zwischen der toten und der lebenden Erde anzuzeigen, um den einen zu sagen: „Bereitet euch vor zum Ende“, den andern: „Mut!“

Die Strecke zwischen Tauerin und Urga erschien uns bezaubernd, vielleicht weil wir aus der Wüste Gobi kamen. Wir fanden alles entzückend: das Gras, den Weg, den Himmel. Denn auch der Himmel hatte sich verändert; er war bewölkt, und wir bewunderten die Wolken, die sich darin gefielen, ihre langen, flüchtigen Schatten wie riesige, zarte Liebkosungen über uns hingleiten zu lassen. Wir fuhren 50 Kilometer die Stunde, zuweilen 60. Das Gelände war leicht gewellt, und wir ließen uns die sanften Abhänge hinabgleiten mit dem ganzen Ungestüm der Geschwindigkeit und des Schwergewichts. Wir waren fröhlich, fanden tausenderlei zu sprechen, machten uns auf alles aufmerksam, was wir sahen, und dachten laut.

Ettore fragte, um wieviel Uhr wir in Kalgan eintreffen würden — ja, in Kalgan, da Ettore in seiner Vorliebe für Vereinfachung die Namen aller durchfahrenen und der noch zu durchfahrenden Orte unterdrückte, zur bequemeren Bezeichnung aber ein paar übriggelassen hatte. Und diese paar wandte er ohne Unterschied auf alle an. Es war eine Art Kauderwelsch; Kalgan bedeutete: „jene Stadt, welche ...“ Ettore hatte ein schlechtes Gedächtnis für Geographie; die Namen gingen an ihm vorüber, ohne haften zu bleiben, wie Vögel im Fluge; war es ihm aber gelungen, sich eines Namens zu bemächtigen, so ließ er ihn nicht mehr los und er mußte ihm die Stelle aller andern vertreten, die ihm entwischt waren. Seine aufrichtige Gleichgültigkeit gegen die Reiseroute hatte ihre beneidenswerten Seiten; wir lachten wohl über seine geographischen Schnitzer, aber nicht, weil es Schnitzer waren, sondern wegen seiner frischen Naivität, wegen des Zutagetretens seiner ungekünstelten Schlichtheit; wir empfanden neben ihm den reinen Genuß, den die Berührung mit der Seele eines großen intelligenten Kindes verleiht. Für Ettore bestand die Reise aus zwei einleuchtenden Wahrheiten: nämlich erstens, daß wir zwei bis drei Monate alle Tage oder wenigstens fast alle Tage vom frühen Morgen bis zum Abend fahren müssen, und zweitens, daß, um anzukommen, das Automobil beständig gut gelenkt, überwacht, behorcht, nachgesehen, geprüft, besorgt, geputzt, geölt, eingefettet werden muß, wobei er niemals ermüden darf, sondern im Gegenteil dem Wagen seine ganze Aufmerksamkeit, Erfahrung, Intelligenz und Energie widmen muß. Dies war gerade Ettores Lieblingsarbeit. Wenn er abends an den Haltepunkten eintraf, so aß und schlief er nicht eher, als bis er die Maschine in Ordnung gebracht hatte; stundenlang lag er in den unglaublichsten Stellungen unter dem heißen Bauche des Automobils, von dem siedendes Öl heruntertropfte; zuweilen erhob er sich, von einem Zweifel ergriffen, zu den unmöglichsten Stunden vom Lager, und dann hörten wir ihn mitten in der Nacht Verschlüsse abschrauben, Stücke wegnehmen, um die feinsten Konstruktionsteile zu besichtigen und hierauf alles wieder an Ort und Stelle zu bringen. Bei Tagesanbruch war er stets in tadelloser Bereitschaft, nach — Kalgan zu fahren!

Ein Brunnen der südlichen Mongolei.
Ein Brunnen der südlichen Mongolei.

Ein Brunnen der südlichen Mongolei.

An diesem Morgen stießen wir wieder auf große Pferdeherden, die ihre prächtigen Manöver um uns herum ausführten. Wir erblickten Jurten; schwarze, zottige Hirtenhunde verfolgten uns; Schafherden stillten an Brunnen ihren Durst, Karawanen begegneten uns am hellen Tage. Alles stimmte uns heiter. Wenn wir nicht sprachen, sangen wir. Der Fürst pfiff beim Steuern seine Lieblingsarie, die „Petite Tonkinoise“, die ich passend begleitete.

In der Ferne weideten einige Antilopenherden; vom Automobil aufgeschreckt, ergriffen sie die Flucht quer über die Straße vor uns. Wir hatten diese seltsame, den Antilopen eigene Art des Fliehens, die die armen geängstigten, über unsere Schnelligkeit entsetzten Tiere uns auf 20–30 Meter nahebrachte, noch nicht beobachtet. Die Jäger kennen diese sonderbare Taktik gut und sprengen daher nicht direkt auf das Wild zu, dessen Lauf viel rascher ist als der eines mongolischen Pferdes, sondern biegen etwas von der geraden Richtung ab, um es von der einen Seite zu fassen, da sie wissen, daß die Antilopen auf Flintenschußweite an ihnen vorüberstürmen werden. Dieses Vorüberjagen im rechten Winkel zur Richtung des Feindes ist ein primitives Schutzmittel gegen die Verfolgung. Die Tiere nehmen an, ihr Ungestüm werde den Gegner aus der Richtung bringen und ihn zu einem Zeitverlust zwingen, indem er eine andere Richtung einschlagen muß und dann erst wieder die Verfolgung aufnehmen kann.

Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.
Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.

Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.

Mit einem Male bemerkte ich in der Steppe, einige Kilometer von uns entfernt, einen außergewöhnlich langen Streifen von rötlicher Farbe, der sich mit großer Geschwindigkeit fortbewegte. Er wandte sich nach rechts, in sich selbst erzitternd und von einer leichten Staubwolke verhüllt.

„Seht dort!“ rief ich und deutete mit der Hand darauf.

Im ersten Augenblick wußten wir nicht, um was es sich handelte.

„Es läuft wie ein Zug.“

„Es sind Tiere.“

„Es sind Antilopen.“

„Ja, ja. Man sieht es jetzt ganz deutlich.“

„Da ist eine allein, den andern voraus.“

„Betrachten Sie die Beine, welches Gewimmel!“

„Ein wunderbarer Anblick!“

„Prächtig!“

„Wieviel mögen es sein?“

„Wer weiß? Vielleicht ein halbes Tausend.“

„Ein ganzer Stamm Antilopen.“

Wir waren den Tieren bis auf 500 Meter nahegekommen und erkannten ganz deutlich das gewaltige Rudel, das sich auf der Flucht eng zusammendrängte. Es war im Begriff, nach gewohnter Taktik quer über die Straße hinwegzusetzen.

„Wir wollen ihnen nach!“ rief ich.

Der Fürst schaltete den Ganghebel auf die vierte Geschwindigkeit ein. Das Automobil sauste stärker und lauter, schoß nach vorn und flog über den harten Sand des Pfades. In wenigen Sekunden bemerkten wir, daß das ganze Rudel nicht mehr Zeit haben würde, vor uns die Straße zu überschreiten, was uns mit einer Art grausamer Genugtuung erfüllte.

„Welche Geschwindigkeit haben wir?“ fragte ich.

„Neunzig bis hundert“, erwiderte Ettore.

Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.
Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.

Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.

Wir fühlten um unsere Gesichter einen Sturm, einen Orkan wehen. Mir kam der Gedanke, die Mauserpistole zu nehmen, um eines von den Tieren zu schießen, es dann hinten auf das Gepäck zu schnallen und im Triumph nach Urga zu schaffen. Aber ich konnte meine Absicht nicht in die Tat umsetzen. Mit überraschender Schnelligkeit hatten die Antilopen die Richtung geändert und flohen, in zwei Gruppen geteilt, von denen die eine rechts, die andere links an uns vorüberjagte. Einige Augenblicke befanden wir uns inmitten dieser seltsamen Herde, eingehüllt von dem Staube, den das Stampfen der feinen, nervigen und schnellen Hufe aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit stürzte eines der zaghaften, vor Schreck wahnsinnigen Tiere, überschlug sich, wurde von den andern getreten oder übersprungen, richtete sich mit einem Satze auf und stürmte weiter. Wir schrien in der Aufregung der Jagd; wir schrien, weil wir in gewissen Augenblicken, die alle Roheit und Leidenschaftlichkeit in uns wiedererwecken, in die ursprüngliche Wildheit zurückfallen und weil wir keine andere Waffe besaßen als die Stimme. Da wir nicht töten konnten, vergnügten wir uns daran, zu erschrecken, und unser Geschrei steigerte den Schrecken der Opfer bis zur höchsten Todesangst. Rasch jagte dieses stürmische Durcheinander von gelben schlanken Rücken seitwärts in rasender Flucht von dannen und verschwand in der Ferne in der Steppe.

Um 10 Uhr morgens gelangten wir in eine bergige, aber leicht zu passierende Gegend. Wir verließen die mongolischen Ebenen für immer. Die Gebirge Ostsibiriens und Transbaikaliens entsandten zu uns ihre äußersten Ausläufer, ihre letzten Erhebungen. Bald kamen wir in ein Tal, das uns endgültig die grenzenlose Ausdehnung der Ebenen verbarg, die wir betäubt und unklaren Geistes verließen wie jemand, der nach einer langen Seereise das Land wieder betritt.

Jurten und Herden wurden häufiger. Wir begegneten einem Mongolen, der in rote kostbare Seide gekleidet war, begleitet von einem andern, der zerlumpt genug aussah, um für den Sklaven des ersteren zu gelten. Die beiden hatten sich ins Gras gesetzt und ruhten, wobei sie die Zügel ihrer Pferde um den Arm geschlungen hatten. Als sie uns erblickten, erhoben sie sich jäh vor Schreck und schickten sich an zu fliehen; aber es war zu spät, und einen Augenblick später fuhren wir rasch an ihnen vorbei. Als sie bemerkten, daß wir keine feindliche Absicht hatten, wagten sie uns nachzusehen und brachen in ein nichtendenwollendes Gelächter aus. Dieser Wagen, der von selbst lief, mußte auf sie wie eine überaus komische Erscheinung, wie ein heiterer Unsinn wirken, als hätten wir vergessen, die Pferde vorzuspannen, und als hätte der Wagen, noch zerstreuter als wir, sie nicht vermißt und wäre in gleichem Tempo weitergefahren! Sie lachten und krümmten sich vor Lachen, die Hände auf die Knie gestützt.

Eine ungeheuere Menge dicker Murmeltiere sprang im Grase herum; es waren ihrer Tausende, und zwar von der Art, die die Engländer „Präriehunde“ nennen. Sie liefen nach ihren Höhlen in der Erde; bevor sie sich aber versteckten, verfehlten sie nicht, uns neugierig zu betrachten, wobei sie auf den Hinterbeinen saßen, in einer komischen Stellung, die etwas Menschenähnliches an sich hat. Wenn die Höhle zu weit entfernt war, als daß die klugen Tierchen sie hätten erreichen können, fielen sie plötzlich, wie vom Blitze getroffen, um und stellten sich tot, um rasch wieder aufzuleben, sobald wir vorüber waren. Wir begrüßten die Anwesenheit der Murmeltiere mit großer Genugtuung, weil wir wußten, daß sie die Umgegend von Urga in großen Mengen bevölkern. Sie kündigten uns die Nähe der Hauptstadt der Mongolei an. Es war 11 Uhr, als wir uns am Fuße des Bogda-ola, des „Heiligen Gebirges“, befanden. Wir hatten den Tolafluß erreicht, an dessen Ufern die Stadt liegt.

Die Gipfel des Bogda-ola waren mit einem dichten, dunkeln Walde kleiner Kiefern bedeckt, der bis in die Täler und Schluchten herabreichte. Es waren die ersten Bäume, die wir nach einer Reise von etwa 1200 Kilometern zu Gesicht bekamen! Wir betrachteten sie mit hoher Freude. Wir hatten Weiden, Pappeln, Erlen dort hinten an der Grenze des alten China zurückgelassen und fanden jetzt Kiefern vor; von der vielgestaltigen Flora der gemäßigten Zone gelangten wir zu der der kalten. Der Anblick dieser Landschaft ließ uns erkennen, welche Strecke wir zurückgelegt hatten. Wir befanden uns schon inmitten einer nordischen Strenge, wir merkten, daß Sibirien nahe war.

In das weite Tal des Tola einbiegend, gewahrten wir in westlicher Richtung Urga, undeutlich wie in einem Spiegel, durchsetzt mit weißen Gebäuden, die Tempel sein mußten. Wir hatten noch einen langen Weg zurückzulegen, ehe wir die Stadt erreichten. Der Tola und ein Netz seiner Nebenflüsse kreuzen oft die Straße. Von Russen erbaute Brücken führen darüber; aber die Mongolen ziehen es vor, durchzuwaten. Schließlich folgten wir ihrem Beispiel und fuhren entschlossen in den Fluß hinein, wobei wir uns an die Spuren der Räder und Schuhe hielten und mit voller Geschwindigkeit vorwärtseilten, um nicht einzusinken. Diese Durchfahrt der großen grauen Maschine, um die herum das Wasser wie um ein Torpedoboot hoch aufspritzte, war ein eigenartiger Anblick.

Urga ist nicht eine einzelne Stadt; es gibt drei Urga: ein chinesisches, ein mongolisches und ein russisches, die mehrere Kilometer voneinander entfernt liegen. Drei große Rassen, die slawische, die mongolische und die chinesische, wohnen dicht beieinander, ohne sich jedoch zu vermischen. Es herrscht zwischen ihnen noch ein Rest jahrhundertealter Gegnerschaft. Die drei Städte scheinen von feindlichen Völkerschaften bewohnt zu sein; sie haben das Aussehen verschanzter Lager. Sie sind von sehr hohen Palissaden umgeben, wie sie in der Kriegführung der Alten üblich waren, um den Ansturm der angreifenden Reiterei zu brechen. Hohe Palissaden umgeben auch die einzelnen Häuser und Tempel. Nach außen sieht man nichts von dem Familienleben der Bewohner; die Straßen sind nichts als eintönige, düstere und gleichförmige Gänge zwischen Holzmauern.

Gefahr muß also auch heute noch bestehen; diese Verteidigungswerke können nicht lediglich traditionelle Bedeutung haben. In der Tat hat das russische Konsulat — eine Villa im sibirischen Stile, die isoliert zwischen der Chinesen- und der Mongolenstadt liegt — rings ein Glacis und Laufgräben; es ist von breiten Gräben und von Netzen aus Eisendraht, von Wolfsgruben, den modernsten und wirksamsten Annäherungshindernissen, umgeben; es hat Kanonen und eine Besatzung von transbaikalischen Kosaken. Weiterhin, gegen Westen zu, in der Nähe der Mongolenstadt, hat sich auch der tatarische General, der Tu-tung von Urga, der Kommandant der chinesischen Besatzung, in eine Festung von quadratischem Umriß eingeschlossen. Sie wird durch Erdwerke, die durch Balken verstärkt und mit Zinnen und Schießscharten versehen sind, verteidigt und an den Ecken von Militärposten bewacht. Chinesen und Russen haben sich wie in einem eroberten Lande eingenistet. Wer ist der wirkliche Herr?

Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.
Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.

Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.

Sicher nicht jener göttlich verehrte Herrscher des mongolischen Volkes, der Chutuktu, der lebende Buddha, der fast ganz abgeschlossen in einem etwas abseits gelegenen Lamakloster wohnt, zu welchem die meisten Gebäude gehören, die man aus der Ferne sieht. Buddha gefällt sich darin, ein menschliches Leben zu führen, indem er in den Körper dreier Männer eingeht — nur dreier in der ganzen Welt. Einer von diesen ist der Dalai Lama von Lhasa, der zweite der von Urga, der dritte der von Peking, das Oberhaupt von zwölfhundert Lamas des großen Tempels von Jung-ho-kung. Obgleich alle drei die Seele Buddhas besitzen, herrscht zwischen ihnen doch ein merkbarer Rangunterschied. Der von Tibet ist der am höchsten, der von Peking der am wenigsten angesehene; der Unterschied besteht in der Größe der Segenskraft. Sie werden nicht nach ihrem inneren Werte verehrt, sondern nach dem Nutzen, den sie stiften. Als vor zwei Jahren der Dalai Lama von Tibet aus Lhasa entfloh, das durch den Vormarsch der Engländer bedroht war, und sich nach Urga flüchtete, verließen die wackeren Mongolen ihren einheimischen Gott zugunsten des weit mächtigeren tibetischen. So konnte man damals das seltsame Schauspiel erbitterter Feindschaft zwischen zwei Buddhas beobachten.

Um diese in Ungnade gefallene Gottheit von Urga schlingen sich die Fäden der politischen Intrige. Ein kluger, energischer und ehrgeiziger Mann an der Spitze des mongolischen Volkes könnte der chinesischen Oberhoheit gefährlich werden. Wahrscheinlich rührt daher die seltsame Erscheinung, daß der lebende Gott niemals ein Mann, sondern stets ein Kind ist. Sich anbeten zu lassen, ist eine Aufgabe, die auch ein Kind erfüllen kann. Dieser Jüngling gelangt nie zu voller Reife. Wenn er die Schwelle des Mannesalters erreicht, stirbt er. Er stirbt unvermutet, auf geheimnisvolle Weise. Aber er hat bereits seinen Nachfolger ernannt, und ein anderes Kind besteigt den tragischen Altar. Dieser plötzliche Tod ist eines der regelmäßigsten Wunderzeichen der Gottheit: die Seele des Gottes kann nur in einem Kinde wohnen. Es geht jedoch das Gerücht, daß das heilige Kind — erdrosselt wird!

Der letzte Großlama hat das kritische Alter glücklich überstanden. Das gewohnte Wunder erleidet daher eine Verzögerung, die man durch den wirksamen Schutz erklären will, den der russische Konsul — ein geschickter Diplomat burjatischen Stammes, der dem mongolischen nahe verwandt ist — ausübt. Der Konsul ist ein vertrauter Freund des lebenden Buddha und hat freien Zutritt in die heiligen Bezirke. Der chinesische Gouverneur dagegen ist weit davon entfernt, über den Großlama die alte Macht und Autorität auszuüben; man sagt sogar, er sei diesem von Herzen zuwider. Wenn aber die lebende Gottheit noch am Leben ist, so scheint sie in einen Zustand gebracht worden zu sein, der infolge frühzeitiger Laster und des Mißbrauchs alkoholischer Getränke nahe an Idiotismus grenzt. Man kann sagen, daß wenigstens der Verstand des Großlama erdrosselt worden ist.

Sicher ist, daß man angesichts jener verschanzten Lager, der Befestigungen, der Intrigen, der grausigen Mordgeschichten, und beim Anblick seltsam gekleideter Reiter, die im Galopp durch die Straßen längs den Befestigungswerken aus Holz sprengen, den Eindruck hatte, als lebe man hier in einer mittelalterlichen asiatischen Stadt. Das plötzliche Erscheinen eines Automobils in dieser Welt bildete einen Kontrast, der etwas Widersinniges an sich hatte.

Der Großlama besitzt selbst ein Automobil, ein kleines Fahrzeug, das ihm der russische Konsul geschenkt hat, vielleicht um ihn für die Rivalität des tibetischen Buddha zu entschädigen. Das Fahrzeug hat aus eigener Kraft noch keinen einzigen Schritt gemacht. Kaum war es in Urga angekommen, so ließ der verkörperte Buddha es im Hofe von zwei Männern im Kreise herumschieben, in der Hoffnung, es werde von selbst seinen Lauf beginnen und seine Umfahrt beenden. Dann entschloß er sich dazu, einen Ochsen vorspannen zu lassen, und schickte es nach seiner Sommerresidenz, wo es verrostet, in der Erwartung, daß eine andere europäische Macht einen Chauffeur dazu schenkt.

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