Fünftes Kapitel.
Reading edition
An der Schwelle der Mongolei.
Die Neugier eines Mandarinensohnes. — Telegraph und Opium. — Im Kampf mit dem Schmutze. — Kalgan. — Zwischen Ta Tsum-ba und Tu-tung. — Fertig.
Die mongolische Ebene mit ihrer ozeanartigen Beschaffenheit hat die Eigentümlichkeit, daß sie sich höher erhebt als die höchsten Berge. Sie scheint von einer ungeheueren Flut emporgehoben worden zu sein, 1500 Meter hoch. Man hat gesagt, China sei das Land des Widersinns; hier hat man ein phantastisches Beispiel davon: die Berge unten und die Ebene oben. Unterhalb der unermeßlichen Steppen zeichnen sich die Berge von Kalgan ab mit den längs ihrer Kämme verstreuten Türmen der letzten Mauer.
Der Anblick dieses Horizontes, der in der Richtung unseres Zieles frei und offen vor uns liegt, flößt uns neuen Mut ein. Seit zwölf Stunden waren wir unterwegs, aber unsere Müdigkeit ist verschwunden. Vorwärts, vorwärts! Und eilenden Schrittes stiegen wir die steilen Abhänge der Dünen hinab in der Richtung auf die sandige Ebene von Hsin-wa-fu. Hinter uns verdämmerte in der Ferne der Lien-ya-miao, den wir am Morgen überschritten hatten.
Die Ebene ist bedeckt von alten Gräbern, einstürzenden Bogen, Steinen, baufälligen kleinen Pagoden. Wir näherten uns einer großen Stadt, und die Umgebungen der großen Städte sind dem Gedächtnis der Verstorbenen geweiht; der Tod heiligt alle, die hier bestattet liegen und deren Geister viel Bedeutung und viel Einfluß auf das Leben der Bewohner besitzen. Hsin-wa-fu ist die Hauptstadt des Bezirks und Sitz eines Gouverneurs; es hat eine Garnison und sogar ein kleines Fort, das nach dem Einfalle der Fremden errichtet und vorsichtigerweise in einem kleinen Erlengebüsch vor den Toren versteckt wurde.
Wir sahen die Mauern ihre Zinnen über die brennende Ebene erheben, zitternd im Widerprall der Sonnenstrahlen, als unsere Aufmerksamkeit von einer großen Staubwolke in Anspruch genommen wurde, die sich in der Richtung auf Hsin-wa-fu erhob. Nach kurzer Zeit bemerkten wir, daß sie von einer Anzahl Reiter herrührte, die im Galopp auf uns zusprengten und sich rasch näherten. Nach der Kleidung zu urteilen, waren es Chinesen jedes Standes. An der Spitze der Gruppe ritten die beiden verdächtig aussehenden Soldaten, die nach uns gesehen hatten, als wir in Schan-schui-pu die Brotfladen aßen. Diese Leute kamen also unsertwegen. Als sie in unsere Nähe gelangt waren, hielten sie, ohne sich im mindesten die Mühe zu nehmen, uns zu begrüßen, beobachteten uns einige Minuten mit offenbarer Unzufriedenheit, wandten dann ihre Pferde und sprengten mit verhängtem Zügel davon.

Einmarsch in Hsin-wa-fu.
Einen Augenblick hatten wir uns mit der Hoffnung geschmeichelt, sie seien gekommen, um uns Gastfreundschaft anzubieten, und hatten uns für diesen Fall unseren ganzen Vorrat von chinesischen Begrüßungs- und Höflichkeitsformeln zurechtgelegt. Wir konnten uns nun dieses Reitermanöver nicht erklären. Pietro aber hatte Zeit gefunden, mit einem der beiden Soldaten zu sprechen, und belehrte uns:
„Haben gesehen jungen Mann gekleidet blaue Seide, zu Pferd vor allen andern?“ fragte er.
„Ja; nun, und?“
„Junger Mann sein Sohn des Mandarinen. Haben gesehen dicken Mann mit Brille und Strohhut wie mein Hut? Dicker Mann sein großer Gelehrter, Lehrer von Sohn von Mandarin. Andere sein Freunde, Beamte, Diener ...“
„Was wollten sie denn?“
„Wollen sehen laufen Automobil. Automobil nicht laufen, alle weggehen nicht zufrieden.“
Sie hatten nicht unrecht, diese alle, müssen wir gestehen. Es wird dem Sohne des Mandarinen von Hsin-wa-fu nicht alle Augenblicke die Gelegenheit geboten, die berühmte abendländische Maschine zu sehen, die rasch wie der Wind fährt. Und nun wurde die Ankunft des Ki-tscho amtlich aus Peking mittels einer telegraphischen Depesche des Wai-wu-pu gemeldet. Man weiß, daß einer von ihnen mit schwindelerregender Schnelligkeit durch die Dörfer und Flecken gerast ist und in Schem-pao-wan übernachtet hat. Soldaten werden zur Erkundung ausgeschickt und kommen, die Sporen in die Weichen der Pferde gedrückt, mit der Nachricht zurück: „Er ist da!“ Um ihn zu sehen, muß man einen weiten Weg machen, und es bildet sich eine regelrechte Expedition, die im Galopp davonsprengt. Das fremde Wundertier erscheint am Horizont, es nähert sich. Es scheint langsam anzukommen, vielleicht ist dies aber nur die Folge der Ungeduld. Noch kurze Zeit, und der Sohn des Mandarinen nebst Lehrer und Begleitern stoßen schließlich auf einen langsam sich bewegenden massiven Wagen, gezogen von einem Esel, einem Maultier, einem Pferde, die wiederum von einer willigen Schar von Söhnen des Himmels unterstützt werden! Nein, im Grunde hatten sie gar nicht so unrecht, wenn sie sich von uns sehr enttäuscht zeigten.
Beim Betreten der Vorstadt, die sich wie ein ungeordnet hinausgeworfener Teil der zu eng gebauten Stadt ausnimmt, erwartete uns eine große Menschenmenge, die durch das Kommen und Gehen der Reiterschar des Mandarinen neugierig geworden war. Sie umringte uns, wobei sie einen Höllenstaub aufwirbelte, und geleitete uns zu einer Karawanserei.
Unser Einzug glich mitnichten einem Triumphzug. Es wurde uns jener volkstümliche Empfang zuteil, wie er gewöhnlich wandernden Seiltänzergesellschaften bereitet wird; dasselbe Publikum, gutgelaunt, neugierig, zerlumpt, begierig auf den Beginn der Vorstellung und bereit, sich im Augenblick des Einsammelns zu zerstreuen. Wir betraten den Hof der Herberge, und die Leute drängten nach. Das Automobil hielt in der Mitte, und das Publikum bildete einen Kreis um dasselbe. Es gab keine Möglichkeit, die Leute zu entfernen. Was will man? Da draußen sieht man Europäer so selten, kommt so wenig mit ihnen in Berührung, daß man keine Möglichkeit hat, sie näher kennen zu lernen; deshalb haßt man sie auch nicht. Wir hatten ein wohlwollendes, geduldiges Publikum. Es interessierte sich für unsere Kleider, bewunderte uns vom Hute bis zu den Schuhen, lächelte beim Klang unserer Worte und wartete. Es wartete auf irgendein wunderbares Vorkommnis, würdig der Wesen, die für Wundertiere gelten; zum Überfluß erzählten unsere Kulis der Menge von den phänomenalen Leistungen des Ki-tscho.
Ettores Eigenliebe stand unter dem Druck mehrerer Atmosphären; er litt Qualen des unbefriedigten Ehrgeizes. Seitdem wir dem Sohne des Mandarinen begegnet waren, hätte er am liebsten die das Automobil ziehenden Menschen und Tiere losgeschirrt und wäre mit voller Geschwindigkeit in Hsin-wa-fu eingefahren. Schließlich fühlte er plötzlich das Bedürfnis einer Entladung; er drehte die Kurbel des Motors, faßte das Steuerrad und senkte den Auslösungshebel. Das Automobil schoß vorwärts und begann einen rasenden Lauf rund um den Hof, inmitten einer unbeschreiblichen Verwirrung, einer kopf- und besinnungslosen Flucht. Die Zuschauer wußten nicht, wohin sie sich retten sollten, sie liefen hin und her, als wären sie mit einem wildgewordenen Stier in einen Raum eingeschlossen. Aber bald sahen sie ein, daß der Stier abgerichtet war, daß er sich regelmäßig innerhalb des Kreises bewegte, daß er genau auf dieselben Punkte zurückkehrte und nicht die mindeste Absicht hatte, ein Blutbad anzurichten. Jetzt blieben sie stehen. Doch in diesem Augenblick drohte ihnen eine andere, bedeutend ernstere Gefahr. Sie war durch das Tor in Gestalt einer Schar mit Stöcken bewaffneter chinesischer Soldaten eingetreten, die unter dem Befehl eines Offiziers standen, der seinem Äußern nach mehr einem Kuli glich, aber mit goldenen Tressen geschmückt war. Die Stöcke erhoben sich über die Köpfe der Menge und sausten auch auf deren Schultern nieder. Doch nicht lange, denn nach wenigen Sekunden befand sich keine Schulter mehr im Bereich der Stöcke; der Hof war leer.

Unser chinesisches Publikum.
Nach diesem vollen Erfolge nahmen die Soldaten strategische Stellungen ein: zwei Mann am Tore, zwei zu beiden Seiten des Automobils, zwei als Wache auf der Straße, der Offizier in der Küche der Herberge. Der Mandarin von Hsin-wa-fu hatte mit Schutz und Verteidigung nicht gegeizt. Später schickte er einen Beamten mit der Frage, wann wir abzureisen gedächten. Konnte er diensteifriger sein, als er war?
In Hsin-wa-fu gibt es etwas, was ich nie vergessen werde: das Telegraphenamt.
Vor allem, weil ich vier Kilometer zu gehen hatte, um es zu finden, und natürlich vier Kilometer zurück, und an diesem Tage hatten wir bereits ihrer fünfzig zurückgelegt. In einer einsamen Straße innerhalb der Mauern senken sich die Telegraphendrähte von ihren Stangen herab auf ein Haus, das schweigend wie ein Tempel daliegt. In dem Tempel traf ich zwei Telegraphisten an, vertieft in eine wichtige, delikate Beschäftigung, die das chinesische Gesetz neuerdings verboten hat: sie rauchten Opium; sie waren auf dem Kang hingestreckt, hielten ihre klarinettenähnlichen Pfeifen in der Hand und waren eingehüllt in den duftenden schweren dichten Rauch des Betäubungsmittels.
„Kann ich ein Telegramm aufgeben?“ fragte ich höflich, nachdem wir die üblichen Grüße ausgetauscht hatten.
Tiefes Schweigen. Ich setzte mich. Nach einigen Minuten begann ich von neuem:
„Ich möchte ein Telegramm aufgeben ...“
Einer der Raucher näherte sich mir, machte sich im Zimmer etwas, ich weiß nicht was zu schaffen, ging zur Tür und rief, man solle den Tee bringen.
„Wollen Sie ein Telegramm von mir befördern?“ rief ich nochmals.
Jetzt begann ein Gedanke im Kopfe des kaiserlichen Beamten zu dämmern. Er betrachtete mich und sagte in einem halbwegs verständlichen Englisch:
„Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und Peking. Drei Stunden am Tage mit Kalgan und drei Stunden mit Peking. Von 7 bis 11 mit Kalgan und ...“
„Sehr schön. Mein Telegramm geht nach Europa. Nehmen Sie Telegramme nach Europa an?“
Tiefes Schweigen. Der Tee kam an. Ich trank eine Tasse davon, während ich mich daran machte, das Telegramm zu schreiben.
„Nehmen Sie also Telegramme nach Europa an? Ja oder nein?“
Der Beamte betrachtete mich gelassen, als habe er mich jetzt erst erblickt, und antwortete mit Seelenruhe:
„Europa? Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und mit ...“
„Und mit Peking, ich weiß, aber ...“
„Drei Stunden am Tage mit Kalgan und drei ...“
„Und drei Stunden mit Peking, ich weiß!“
„Von 7 bis 11 mit ...“
„Mit Kalgan, ich weiß, das genügt mir! Danke. Auf Wiedersehen!“
Ich stürmte wütend hinaus, Worte murmelnd, die wenn sie auch reich an energischer Ausdruckskraft sind, es doch nicht verdienen, mit Hilfe der Druckpresse verbreitet zu werden.

Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.
Wir wollten die ganze Strecke von Hsin-wa-fu bis Kalgan, etwa 40 Kilometer, mit dem Motor zurücklegen, mit Ausnahme des Passes von Yu-pao-tung, einem sehr steilen, aber kurzen hügeligen Übergang, der ungefähr in der Mitte des Weges lag. Ein Teil unserer Leute war schon nach Yu-pao-tung vorausgeschickt worden und hatte um Mitternacht die Herberge verlassen. Wir fanden jedoch die Straße so schlecht, sumpfig, steinig und sandig, daß wir für die ersten 15 Kilometer noch auf die Beförderung durch Ziehen angewiesen waren.
Am 14. Juni 5 Uhr früh nahmen wir langsam unseren Marsch wieder auf unter dem eintönigen Geräusch der Schritte der an die Seile gespannten Chinesen. An Dünen vorbei bewegten wir uns durch weite sandige Ebenen.
Die Menge des Sandes, die die Winde der Mongolei aus der Wüste in die der Grenze benachbarten chinesischen Landschaften tragen, ist unglaublich. Der Sand häuft sich vom Norden her an jeder Felsspitze, an jedem Hindernis auf, gleich dem von Stürmen gepeitschten Schnee. An den Mauern von Hsin-wa-fu hat er sich so hoch emporgetürmt, daß er sie schließlich beinahe begraben hat. Nur die Zinnen ragen noch hervor.
In einer halben Stunde hatten wir den Paß von Yu-pao-tung passiert, eine steile Einsattelung von wildem Aussehen, die sich aber in der Tat ziemlich freundlich erwies, da sie uns keine andern Schwierigkeiten in den Weg legte als eine Böschung von 40% Steigung und die Anwesenheit einiger Steine, die sich willig beiseite schieben ließen, um den Weg freizugeben. In dieser kleinen Schlucht zieht sich abgesondert, erhöht und deswegen gut erhalten, ein Stück Straße hin, das mit breiten Steinen gepflastert ist, die nicht aus der Gegend stammen und von dem Berge Schi-schan jenseits von Kalgan hierhergeschafft worden sein müssen. Es ist dies ein überraschender Rest alter chinesischer Zivilisation. Es hat also einmal wirkliche schöne, bequeme Straßen gegeben! Was war China in jenen fernen Zeiten? Welcher Verkehr, welcher Strom von Reichtum ergoß sich über Täler und Ebenen, auf wunderbaren Straßen und über prächtige Brücken nach Peking? Wie viele Jahrhunderte sind seitdem verstrichen?
Vor einem kleinen, zierlichen, von Bäumen umgebenen Tempel machen wir halt, um den Motor in Ordnung zu bringen und alles Nötige vorzubereiten, damit wir ohne fremde Hilfe bis Kalgan gelangen können. Maultiertreiber, Landleute, Kinder waren herbeigekommen, und, von den Kulis ausgesprengt, hatte sich die Kunde von dem Ereignis weithin verbreitet und war auch in den Tempel gedrungen. Ein junger Mönch erschien oben auf der Treppe, die zu dem Heiligtume führte, sah herunter und verschwand, um kurz darauf wiederzukommen, am Arme einen alten Mönch mit gebeugtem zitterndem Haupte stützend und führend. Wir bemerkten, daß der Greis blind war. Der Jüngling berichtete ihm alles, was sich zutrug. So nahm der Blinde, ohne zu sehen, teil an der wunderbaren Fahrt des Zauberwagens durch jene Gegenden, die er so gut kannte durch das Licht und die Erinnerungen seiner Jugend.

Erste Begegnung mit Mongolen.
Diese Blindheit erschien uns als ein Symbol, als das Symbol der chinesischen Psyche. War nicht um uns ein Volk versammelt, das ausschließlich von der Vergangenheit zehrte, und erlebte es nicht, ohne ihn recht zu sehen, den mächtigen Einbruch einer ihm unbekannten Gegenwart? Was anderes ließen wir unter diesen Völkerschaften zurück als die Erinnerung an eine geheimnisvolle Gewalttat?
Wir fuhren in Schlangenlinien durch Flußbetten, auf vom Wasser ausgehöhlten Straßen. Als wir auf dem Grunde eines breiten Grabens entlang fuhren, blieben wir plötzlich im Moraste stecken. Die Räder drehten sich, ohne festen Halt zu finden, wühlten den Pfuhl auf, bohrten sich in ihn ein und versanken.
„Mit aller Kraft rückwärts!“ rief der Fürst.
Die Räder drehten sich in entgegengesetzter Richtung, aber das Automobil bewegte sich nicht einen Millimeter.
Der Motor wurde warm, und man mußte befürchten, daß er sich erhitzte. Chinesen, die vom Markte in Kalgan zurückkehrten, kamen auf dem Rande des Grabens vorbei. Wir baten sie, uns zu helfen, aber sie nahmen ihre Beine in die Hand und flohen davon, unter dem Gewicht ihrer Traghölzer schwankend. Das große Ding, das heulte, schnaufte und Rauch ausstieß, hatte sie erschreckt. Wir hatten uns schon resigniert dazu entschlossen, die Ankunft der Kulis abzuwarten; nach einer halben Stunde jedoch bemerkten wir, daß die herniederbrennende Sonne zum Teil den von den Rädern weggeschleuderten Morast getrocknet und hartgemacht hatte, und erneuerten unsere Anstrengungen. Nach einigen Minuten stellten wir fest, daß die Maschine sich, wenn auch fast unmerklich, zu bewegen begann. Die Räder drehten sich mit einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern die Stunde, und das Automobil lief 90 Zentimeter. Es gelang uns, es einen Meter, dann zwei, dann fünf zurückzubringen. Und nun von neuem mit aller Kraft vorwärts! Es fuhr dieselbe Strecke vorwärts, stöhnend und den Rauch explosionsartig ausstoßend. Langsam machte es Fortschritte, wobei es in allen Teilen erzitterte, und gelangte endlich auf trockenes Gelände. Hier schoß es mit einem Male mit einem Katzensprung vorwärts — das Automobil war frei!
Kalgan liegt hinter Bäumen versteckt an der Mündung eines Tales. Wir erblickten es unvermutet bei einer Biegung der Straße. Es erschien mit einem Schlage mit seinem eigenartigen chinesischen Panorama, ähnlich jenen Städten, die man auf den gewirkten Tapeten von Fukien sieht. In malerischer Mannigfaltigkeit zieht die Stadt sich am Ufer eines breiten steinigen Flusses — des Ta-ho („Großer Fluß“) — hin und hebt sich mit ihren alten Pagoden, Peilos (Votivbogen) und seltsam geformten Tempeldächern von dem Alpenhintergrunde ab, den die braunen, steilen Abhänge des Schi-schan bilden. Sie ist unregelmäßig gebaut und besteht aus bunt durcheinander gemischten Gruppen von Hütten, Palästen, Bäumen, aus einem wirren Haufen von Gebäuden und Pflanzen, der sich an der großen steinernen Brücke über den Ta-ho zusammenzudrängen scheint, um sich am andern Ufer fortzusetzen.
Wir haben die Brücke nicht benutzt. Die antiken monumentalen chinesischen Brücken flößten uns allzu großen Respekt ein, und wir zogen die Furten vor. Wir stiegen in das Flußbett hinab, wo ein ganzes Volk von Gerbern damit beschäftigt war, in der Strömung hohe Stapel mongolischer Ziegenfelle mit flockiger Wolle zu waschen. In der Luft machte sich der Geruch von Leder und Gerberlohe bemerkbar; er kam aus der Stadt, durch deren enge Gassen wir fuhren. Wir zogen an von Zäunen umgebenen Lehmhütten, an Vorstadtwohnungen vorüber, die einen primitiven Anblick boten und schon von der Nachbarschaft unzivilisierter Volksstämme Zeugnis ablegten. Endlich gelangten wir auf einen Markt, der von Mongolen in Pelzmützen wimmelte; er war mit Buden besetzt, stand voller Wagen und Pferde und hallte von Geschrei und Lärmen wider. Die Leute sahen uns erstaunt nach, und wir fühlten, wie uns das Schweigen folgte wie das Kielwasser einem Schiffe. Soldaten in roten Jacken liefen vor einer Sänfte einher, die von berittenen Offizieren umgeben war, von denen einer feierlich einen roten Sonnenschirm, das Abzeichen des Kommandos, trug. In der Sänfte saß ein Großmandarin, der Gerichtspräsident von Kalgan, ein schöner Chinese, fett und rund, ähnlich jenen Porzellanpagoden mit wackelndem Kopfe, die stets ja zu sagen scheinen. Wir betraten die „Oberstadt“, die sich an den Wall anlehnt. Mitten auf dem Wege erwartete uns ein Europäer.
Es war Herr Dorliac, der Direktor der Filiale der Russisch-Chinesischen Bank, der uns seine Gastfreundschaft anbot.
Dankbar nahmen wir die freundliche Einladung dieses Eremiten der Zivilisation an, der fern von seinesgleichen in einer Art von chinesisch-europäischem oder sagen wir russisch-chinesischem Hause wohnt und die Eingeborenen in die Geheimnisse des Wechselgeschäfts einweiht. Der Hof der Bank wurde zur Werkstatt Ettores, die Geschäftsräume zum Quartier umgewandelt. In wenigen Stunden nahm die „Itala“ wieder ihr normales Aussehen an, nachdem Ettore der Packkiste den Abschied gegeben und die Karosserie mit ihren Behältern wieder an Ort und Stelle gebracht hatte. Hier fanden wir unseren ersten Reservevorrat an Benzin und Öl vor. Um eine etwaige Erwärmung des Motors zu vermindern, wurden in Voraussicht hoher Temperaturen an den Zylindern Auspuffrohre angebracht, wie die Rennmaschinen sie besitzen; sie sind an das Motorgehäuse angeschraubt und ähneln zwei kleinen Phonographenschalltrichtern; durch sie können die glühendheißen Benzindämpfe unmittelbar nach ihrer Entstehung ins Freie entweichen.
Die Arbeiten Ettores wurden von einer riesigen Zuschauermenge überwacht. Die Polizeibehörden hatten sechs Soldaten zur Bewachung des Einganges der Bank geschickt mit dem Befehl, niemand eintreten zu lassen. Ein großer Irrtum! Jeder chinesische Soldat hat natürlich eine gewisse Anzahl Freunde, Verwandte, Gläubiger, gegen die er sich gefällig und liebenswürdig zeigen muß, indem er sie durchläßt, wenn er Wache steht. Die Anzahl aber der Gläubiger, der Verwandten und Freunde von sechs Chinesen beträgt die Hälfte der Einwohnerschaft einer Stadt. Dies war der Grund, warum durch eine mit Riegeln verschlossene, durch Balken verrammelte und von sechs Schildwachen behütete Tür eine Menschenflut in ununterbrochenem Andrang hereinströmte. Wären die Wachtsoldaten zwölf an der Zahl gewesen, die Bank wäre demoliert worden. Viele Zuschauer waren auf die nächsten Dächer gestiegen, und Scharen von Neugierigen pilgerten nach dem Berge Schi-schan, wo sie ungeachtet der Gefahr der Bergstürze, die auf dem Schi-schan unausgesetzt Opfer fordern, auf die Felsenvorsprünge kletterten und von weitem nach den Geheimnissen Europas spähten.
Es kamen Missionare zu Besuch, die auf chinesische Art gekleidet waren, aber europäische Hüte trugen; sie erzählten mit großer Anschaulichkeit von den Greueln des Boxeraufstandes in Kalgan, bei welchem sicherlich aus jedem Missionar ein Schlachtopfer und ein Märtyrer geworden wäre, wenn nicht alle Missionare vorher nach der Mongolei entflohen wären. Einer von ihnen gab uns wertvolle Aufschlüsse über die Mongolei, die er genau kannte. Vor soundso viel Jahren war er dorthin gegangen, um Bibeln zu verteilen und Pferde zu kaufen, wobei er nach beiden Seiten ausgezeichnete Geschäfte gemacht hatte. Auch die russische, aus drei Mitgliedern bestehende Kolonie fand sich vollzählig ein, und beim Samowar hörten wir ihre tiefen Stimmen liebevoll und mit einer Art Heimweh von Sibirien sprechen. Da wir uns in diesem Augenblick unter Europäern befanden, russischen Tee und die ausgezeichneten Erzeugnisse der russischen Küche zu uns nahmen, so unterlagen wir beinahe der Illusion, schon mehrere tausend Kilometer zurückgelegt zu haben. Wir hatten jedoch, ach! nicht mehr als ungefähr 240 hinter uns, davon nur 95 mit dem Motor.

Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.
Es war in der Tat ein Tag, der den gesellschaftlichen Anforderungen gewidmet war. Die chinesischen Behörden hatten, abgesehen von der Stellung einer Wache, in der Stadt eine uns betreffende Bekanntmachung anschlagen lassen. Die Bewohner von Kalgan wurden darin von unserer Ankunft benachrichtigt; sie sollten uns als Freunde betrachten, da wir keine feindliche Absicht hätten, und uns demgemäß mit Achtung begegnen; die Bewohner sollten sich unserer Maschine nicht in den Weg stellen, sie sollten sich ihr gar nicht nähern und noch weniger sie berühren, da daraus das größte Unglück entstehen könne; Zuwiderhandelnde würden ins Gefängnis gesperrt und zu noch festzusetzenden Strafen verurteilt werden. Zahlreiche amtliche Anschläge auf rotem Papier von quadratischem Format verkündeten diese Bekanntmachung, um die sich die Bevölkerung an den Straßenecken in Scharen drängte, um sie zu lesen. Wir waren den Behörden einen Dankbesuch schuldig und statteten diesen ab, indem wir uns zum Ta Tsum-ba, zum Stellvertreter des Wai-wu-pu, begaben, der höchststehenden Persönlichkeit in der Stadt, dessen Amtsgewalt sich auf die Mongolei erstreckt, einer Art Minister des Grenzbezirks, dessen persönlicher Name Te Tsui lautet. Auf seinem Hause wehte die gelbe Flagge mit dem Drachen.
Der Ta Tsum-ba erwartete uns. Er und sein Gefolge hatten sich zu unserem Empfange in große Gala geworfen: gestickte Kleider, Hüte, wie sie bei festlichen Gelegenheiten getragen werden, überragt von Knöpfen in allen Farben, Pfauenfedern, die von diesen Knöpfen auf den Nacken herabwallten, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze. Sobald er uns sah, drückte er sich nach der chinesischen Etikette selbst herzlich die Hand; alle Anwesenden taten dasselbe, und dann folgten Verbeugungen, höfliche Worte, Wünsche, daß man lange leben möge, alles gewürzt durch zahlreiche Tassen Tee, der mit Rosen und Jasmin parfümiert war, und überreichliche Süßigkeiten von geheimnisvoller Zusammensetzung, die der Ta Tsum-ba uns mit seinen eigenen langnägeligen, mit Jaderingen geschmückten Fingern reichte — eine ganz außerordentliche Ehre.
Die Besorgnisse Te Tsuis waren dieselben wie die des Wai-wu-pu. Er fragte, ob wir unterwegs Messungen vorgenommen oder Aufzeichnungen über die Straße gemacht hätten ...
„Messungen? Aufzeichnungen? Niemals!“ erwiderte der Fürst.
„Und in Irkutsk,“ fragte der Ta Tsum-ba weiter, „in Irkutsk benutzen Sie doch sicherlich den Zug?“
„Nein.“
„Und doch benutzen alle, die durch die Mongolei nach Europa reisen, in Irkutsk den Zug!“ bemerkte der Würdenträger verwundert. „Er ist sehr bequem. In zehn Jahren wird der Zug auch hier halten.“

Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze Nacht ertönt.
Nach dem Besuche beim Ta Tsum-ba kam der beim Tu-tung an die Reihe, bei dem tatarischen General, den der tatarische Hof von Peking jedem chinesischen Gouverneur zur Kontrolle an die Seite setzt; er befehligt die Regierungsmilizen und ist daher allmächtig, er ist der eigentliche Schutzherr des gesamten Mandarinentums der Provinz. Der Tu-tung von Kalgan heißt Tschen Sung. Er bewohnt einen tempelähnlichen, von einer roten Mauer umgebenen Palast, und von den hohen Fahnenstangen, die mit seltsamen Anhängseln geschmückt sind, die den Fu, die Amtswohnung, anzeigen, weht neben der Drachenflagge auch die militärische Standarte.
Wiederum gestickte Kleider, Festhüte mit langen roten Fransen, Knöpfe, Jaderinge, Pfauenfedern, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze, Selbsthändedrücke, Verbeugungen, höfliche Worte, parfümierter Tee, Champagner und Süßigkeiten.
Auch der Tu-tung ist ein Freund der Eisenbahn, selbstverständlich, wenn die Eisenbahn von Chinesen gebaut ist. Aber er ist ein Feind der Tunnels. Er ist einmal mit der Eisenbahn gereist, auf der Linie von Hankou; er ist daher kein lediglich platonischer Kenner; er spricht aus Erfahrung. Solange man im Freien fährt, ist alles gut; wenn man aber in einen Tunnel kommt, so ist der Eindruck ein sehr unangenehmer.
„Aber es ist doch keinerlei Gefahr dabei“, bemerkte Fürst Borghese.
Das wußte der tatarische General sehr wohl, daß keine Gefahr dabei war, Teufel noch mal! Der unangenehme Eindruck rührte von der Dunkelheit her.
„Man nimmt an, es sei Nacht!“ warf der Fürst lachend ein.
Ah, das ist nicht dasselbe. Der Tu-tung gibt durch den Dolmetscher eine Erklärung und enthüllt dadurch etwas von den unbekannten Horizonten der chinesischen Seele, etwas von der fein entwickelten orientalischen Empfänglichkeit für Sinneseindrücke.
„Die Dunkelheit der Nacht und die der Tunnels sind durchaus verschiedene Dinge. Sie gleichen sich nicht im geringsten. Die der Nacht ist süß, die der Tunnels herb ... Es besteht zwischen beiden ein so großer Unterschied wie zwischen Freude und Schmerz ... Die Dunkelheit der Nacht löst, die Dunkelheit der Tunnels bedrückt ...“
Nach dieser Vorlesung über die verschiedenen Dunkelheiten kehrten wir zur Bank zurück, gerade noch zur rechten Zeit, um den Gegenbesuch des Ta Tsum-ba entgegenzunehmen. Es kamen kleine Wagen mit den Beamten des Gefolges an. Die ganze Umgebung war gedrängt voll Menschen, deren Rufe uns die Annäherung des Mandarinen verkündeten. Eskortiert von Soldaten, erschien eine von einer Menschenschar getragene Sänfte im Hofe, und heraus stieg Te Tsui in prächtiger, goldgestickter Kleidung, mit einer Amethystkette um den Hals, einen Fächer in der Hand. In der Russisch-Chinesischen Bank hörte man nichts als das Rauschen von Seidenstoffen.

In der südlichen Mongolei.
Beim Weggehen wollte der Ta Tsum-ba den Ki-tscho sehen. Er fand die Vorrichtung, die Hupe ertönen zu lassen, ohne mit dem Munde hineinzublasen, sehr sinnreich. Aufmerksam beobachtete er, wie die Maschine vorwärts und rückwärts fuhr, und stieg dann wieder in seine Sänfte, nachdem er uns nach europäischer Sitte die Hand gedrückt hatte — ein Zugeständnis an unsere Gebräuche, das er der Persönlichkeit der Fremden und der Natur des Ortes gemacht hatte.
„Tsou-ba! Platz!“ riefen die Soldaten der Menge zu, die Stöcke in der Luft schwingend, und das Gefolge entfernte sich.

Unser Lager in der Mongolei.
Dann kam der Tu-tung mit einem noch größeren Gefolge. Wir waren ganz geschwollen von Stolz und Tee, namentlich aber von Tee. Nicht auszurechnen ist die Zahl der Tassen, die die Etikette uns zu trinken genötigt hatte. Es war Nacht, und immer noch erhielten wir Höflichkeitsbesuche. Der Samowar des Herrn Dorliac war beständig in Tätigkeit und dampfte wie eine Lokomotive. Zur Stunde des Abendessens kam noch E-Le-He-Tai. Er ist Mandarin und Dolmetscher des Wai-wu-pu, spricht und schreibt englisch und hatte keine Gelegenheit gefunden, uns während der Anwesenheit des Ta Tsum-ba seiner Freundschaft zu versichern. Um sie uns auszudrücken, kam er, in rote Seide gehüllt; er sah darin aus wie ein chinesischer Kardinal. Er hatte wertvolle Geschenke bei sich, die er uns zum Andenken verehren wollte: für den Fürsten eine große gestickte Börse, für mich ein Parfümsäckchen, gefüllt mit Kampferharz, das die Chinesen kauen, um dem Atem einen Geruch nach Kleidern zu geben, für Ettore einen Tabaksbeutel. E-Le-He-Tai war Automobilenthusiast; er bat um die Erlaubnis, eine Rundfahrt zu machen, was ihm gestattet wurde. Es schien mir, als repräsentiere unser lieber Freund in der chinesischen Orthodoxie die sympathischste moderne Richtung; aber dort draußen ist es gefährlich, modernen Anschauungen zu huldigen. Die große Exkommunikation trifft so schwer!
Selbst einige Bonzen eines benachbarten Tempels, der sich malerisch an den Abhang des Schi-schan lehnt, kommen, um sich das Automobil anzusehen. Der Tempel hat ein Gong, das während der ganzen Nacht jede Minute einen Schlag tut. Endlich blieben wir allein mit diesem tiefen, angenehmen, unsagbar feierlichen, einlullenden Ton, der unermüdlich wie eine stete Mahnung erklang. Unsere Phantasie trug uns in weite Fernen, und dieser immerfort sich wiederholende Schlag war für uns eine ernste Erinnerung, eine Stimme, die sich unsertwegen erhob, eine Stimme, die den Raum erfüllte, die sich mit der Regelmäßigkeit eines gewaltigen Atems ausbreitete, mächtiger, tiefer, geheimnisvoller wurde, herüberzitterte wie ein ferner Chor, eine Vereinigung von tausenderlei Lauten und tausenderlei Klagen. Es war, als vernähmen wir die märchenhafte Stimme der chinesischen Nacht.
Der folgende Tag — es war der 15. Juni — wurde auf eine Erkundung zu Pferde in der Richtung auf die Mongolei zu verwandt. Die Straße erwies sich als teilweise für den Motor fahrbar. Die letzten Anhöhen würden mit Hilfe der Kulis und der Maultiere überstiegen werden. Dann begann die Steppe. Nach der in den vorhergehenden Tagen ausgeführten Fahrt erschien uns alles andere leicht. Aber eine andere Gefahr drohte uns, der Regen. Das Tal des Schi-schan-ho ist in Regenzeiten plötzlichen reißenden Überschwemmungen ausgesetzt, und da die Straße ganz mit dem Bette des Flusses zusammenfällt, haben die von der Wut des Wassers überfallenen Karawanen keinen Ausweg. Häufig kommen Unglücksfälle dabei vor, und jedes Hochwasser schwemmt bei Kalgan neben entwurzelten Bäumen, Kadavern von Maultieren, Kamelen, Schafen auch menschliche Leichen an. Es regnete mehrere Stunden, und das Wetter drohte noch schlechter zu werden. Wir warteten daher mit Ungeduld auf die Ankunft der andern Automobile, von denen wir nur wußten, daß sie in Hsin-wa-fu eingetroffen seien.
Es gibt zwei Straßen, auf denen man von Kalgan nach Urga gelangen kann. Die Hauptstraße, zugleich die bekannteste, ist die sogenannte Mandarinenstraße, die auf etwa 800 Kilometer etwas nach Nordwesten bis zum Dorfe Sair-ussu ausbiegt; hier teilt sie sich in zwei Arme, von denen der eine sich nach Norden wendet und nach Urga führt, der andere nach Westen abbiegt, die Berggegend des Altai durchschneidet und über Kobdo, quer durch das Gebiet der Kalmücken, Semipalatinsk erreicht. Die andere Straße wendet sich etwa 40 Kilometer von Kalgan nach Norden und führt geradeswegs nach Urga. Die erstere ist die belebtere; sie hat Poststationen und Märkte, wird von chinesischen Wagen befahren und wird allgemein bevorzugt, trotzdem sie einige hundert Kilometer länger ist. Die zweite ist nur ein Saumpfad für Kamele und führt durch Landstriche, die von Anfang bis Ende völlig öde und wüst sind. Die Chinesen unterscheiden beide Straßen durch die Bezeichnungen „Wagenstraße“ und „Kamelstraße“. Wir wählten die Kamelstraße.
Unsere Wahl ist logisch begründet, so seltsam sie erscheinen mag. Der Verkehr im allgemeinen und der Wagenverkehr im besonderen richtet das Gelände zugrunde und macht es für das Automobil schwer passierbar. In der Mongolei und in der Wüste Gobi konnten wir auf jungfräulichem Terrain rasch fahren. Auf gewissen Ebenen ist die beste Straße für Automobile dort, wo es überhaupt keine Straße gibt. Wenige Jahre zuvor hätten wir uns nicht ohne Führer auf die endlosen mongolischen Steppen und in die Wüste wagen können; jetzt gibt es auf der Kamelstraße einen unfehlbaren Führer: den Telegraphen. Man folgt blindlings auf etwa 1200 Kilometer der Linie der Stangen und gelangt nach Urga. In so fernen Landstrichen, in den unermeßlichen Einöden Zentralasiens bedeutete die Nähe des Telegraphen für uns die Nähe unserer Welt. Dies war ein weiterer Grund für unsere Wahl.
Am Morgen des 16. Juni, um 8 Uhr, hörten wir den Lärm einer großen Volksmenge. Wir eilten auf die Straße. Eine Nachricht hatte die Stadt von der Brücke über den Ta-ho bis zur Russisch-Chinesischen Bank mit Blitzesschnelle durcheilt: „Sie kommen!“ Es waren unsere französischen Freunde, die in diesem Augenblick ihren Einzug in die untere Stadt hielten. Wir gingen ihnen entgegen, um sie freudig willkommen zu heißen. Händedrücken, Begrüßungen, Erzählungen. Sie hatten die Nacht im Lager dreißig Li vor Kalgan zugebracht. Ihr Weg war ebenfalls mühsam gewesen, aber abends angenehm unterbrochen worden durch das Lagerleben mit seinen mannigfaltigen Beschäftigungen, der improvisierten Küche unter freiem Himmel, den Kämpfen gegen den Regen, dem Erwachen beim Morgengrauen. Unterhalb des Lien-ya-miao hatten sie eine Furt durch den Hun entdeckt und einen zwar malerischen, aber gräßlichen Aufstieg umgehen können; sie hatten aber keine Möglichkeit gefunden, den andern, rauheren und schwierigeren Passagen auszuweichen.
In einem Augenblicke erschien der Hof der Bank in eine Werkstatt verwandelt. Überall Öl- und Benzinbehälter, Schraubenschlüssel, Hämmer, Gummi, Ersatzstücke in buntem Durcheinander umhergestreut. Die Automobile zeigten durch die Gehäuseöffnungen unverhüllt ihr Inneres und bequemten sich der Toilette an. Die Mechaniker krochen auf allen vieren zwischen die Räder, streckten sich hier aus, drehten mit eingefetteten Händen an Gewinden, schraubten Verschlußstücke los, hämmerten und putzten. Alle überflüssigen Teile wurden entfernt und weggeworfen, um die Maschinen leichter zu machen; Pons sägte seine Schutzbretter ab, Bizac nahm die „Schalldämpfer“ heraus, jene schweren Zylinder, die das Gas zusammenpressen, um es ohne Geräusch entweichen zu lassen. Dann wurden die Motore geprobt, behorcht, nochmals geprobt, und der Hof füllte sich mit Lärm, Rauch und Gestank. Am Abend waren alle Automobile reisefertig. Unser Gepäck hatte sich um einige Ziegenfelle vermehrt, die Pietro auf dem Markte für uns eingekauft hatte.

Mongolenknaben.
An jenem Abend wurde am Tische des Herrn Dorliac ein melancholisches Mahl gehalten. Wir waren etwas müde und hatten uns nichts mehr zu sagen, da die Geister von demselben Gedanken erfüllt waren und die Gemüter von derselben Ungeduld brannten. Wir standen im Begriff, mit Kalgan jede Berührung mit der Zivilisation zu verlassen. Bis dahin hatten wir uns in der Lage befunden, von Peking rasch Hilfe zu erhalten, wir waren durch bevölkerte, reiche Landstriche gezogen und waren stets von einer Menge Menschen umgeben gewesen. Die Rückkehr wäre leicht gewesen; das Meer war nahe, und das Meer ist die Straße nach Hause. Von morgen an aber würden wir ins Unbekannte hinausgeschleudert werden, ganz allein. Der Augenblick war entscheidend, wie das „Los!“ des Luftschiffers. Auch wir würden in einem gegebenen Augenblicke zu unseren Leuten sagen: „Los!“ und in einer Unendlichkeit verschwinden. Die Abfahrt von Peking war uns nicht so feierlich erschienen wie diese Abfahrt, die wir mit fieberhafter Sehnsucht und mit Beklemmung im Herzen erwarteten. Denn in Peking hatten wir Kalgan vor uns, in Kalgan aber das Innere Asiens, ein unbekanntes Land, das mit Zaubergewalt lockte. Urga, die nächste Stadt, war sieben Längengrade, d. h. fast 800 Kilometer entfernt! Am Ende des Mahles stießen wir mit den vollen Bechern brüderlich an — Franzosen, Italiener und unser russischer Gastfreund —, und nachdem wir noch aufrichtige Glückwünsche ausgetauscht hatten, trennten wir uns, indem wir einander an die Stunde der Abfahrt erinnerten.
„Also um 4 Uhr?“
„Um 4; angenehme Ruhe!“
„Au revoir!“

Der letzte chinesische Tempel.