Vierzehntes Kapitel.
Reading edition
Im Gouvernement Irkutsk.
Überfahrt über den Baikalsee. — Am Ufer der Angara. — Irkutsk. — Blühende Felder. — Auf den Flüssen. — Die Sträflinge. — Sima. — Automobile und Telegas. — Die alten Etappenstationen. — Nischne-Udinsk. — Telegrammschwierigkeiten.
Die Genehmigung zur Überfahrt über den Baikalsee auf einem der staatlichen Trajektboote wurde uns telegraphisch erteilt. Am 1. Juli, 3 Uhr nachmittags, schifften wir uns auf dem großen Eisbrecherdampfer „Baikal“ ein. Es regnete fortwährend. Tanchoi verschwand beinahe in dem grauen Dunste. Von dem Verdeck des Schiffes aus sahen wir die hohe, aus Balken errichtete Werft, die weißen Leuchttürme, die gewaltigen Maschinen, die den Zweck haben, die Verbindung der Schiffe mit dem Ufer herzustellen und die Schienen des weiten Laderaums an die der Eisenbahn anzuschließen, die neuen Dächer der Kasernen und der Amtsgebäude, von den hohen Antennen einer Funkentelegraphenstation wie von den Masten eines Schiffes überragt; all dies entfernte sich und verblaßte. Den gesetzlichen Vorschriften gemäß hatten wir die photographischen Apparate in dem Gepäckballen untergebracht. Wir waren darauf aufmerksam gemacht worden, daß es verboten sei, Bilder von militärischen Gebäuden, von Hafenanlagen, von Schiffen, von Eisenbahnbrücken und Eisenbahnarbeiten und andern Dingen, die doch jedermann sehen kann, aufzunehmen.
Ein seltsames Land, in dem die Photographie verboten und das Tragen von Feuerwaffen gestattet ist! Vom Kriege her ist eine Art Spionenfurcht zurückgeblieben. Man erzählte sich haarsträubende Geschichten von japanischen Spionen, die eine wahrhaft phantastische Verkleidungsgabe besäßen. Sogar uns ist es begegnet, uns mit unserer Gestalt und unseren Gesichtszügen, daß wir von Muschiks, die es uns ganz offen sagten, für japanische Spione gehalten wurden!
Die Kälte und der Regen vertrieben uns vom Verdeck. Der Kapitän, ein riesiger Russe aus den baltischen Provinzen, lud uns ein, den Tee in seinem Salon einzunehmen. Wir waren die einzigen Reisenden an Bord. Die Überfahrt dauerte nur zwei Stunden. Um 5 Uhr befanden wir uns auf dem linken Ufer der Angara, nachdem wir wieder an einer Werft in der Nähe einer Eisenbahnstation gelandet waren: wir waren in Baikal.
Die Straße nach Irkutsk zieht sich auf dem rechten Ufer des Flusses hin; den Verkehr von einem Ufer zum andern vermitteln große, von Dampfern geschleppte Lastschiffe.
Nachdem unser Automobil aus dem Trajektboot ausgeschifft war, überschritt es mit eigener Kraft die Schienen der Station, fuhr zwischen Holz- und Kohlenlagern hindurch und ging endlich mit einem geschickten Manöver an Bord einer gerade abgehenden Fähre, wo es haltmachte, während eine neugierige Menge von Soldaten, Lastträgern, Muschiks und Vagabunden ihm folgte.
Es befanden sich zwei seltsame Männer unter diesen Leuten, von denen wir nicht erraten konnten, was sie waren: Bettler mit dem Aussehen gebildeter Männer. Einer von ihnen gab uns in höflichem Tone Auskunft über die Straße:
„Bis nach Krasnojarsk nicht übel, stellenweise ausgezeichnet, ebenso von dort nach Nischne-Udinsk. In der Nähe vom Tomsk schlecht. Weiterhin gut. Von Omsk bis zum Ural beinahe durchgängig vortreffliche Steppe.“
„Wie kommt es, daß Sie den Weg so genau kennen?“ fragten wir ihn.
„Ich kenne ihn Schritt für Schritt, den Moskowskij Trakt“, rief er lachend. „Schritt für Schritt. Ich habe ihn in seiner ganzen Ausdehnung zu Fuß zurückgelegt!“
Die Menge brach in ein lustiges Gelächter aus. Jemand rief: „Auch ich!“
„Um hierher zu gelangen?“ fragten wir.
„Nun ja. Freiwillig hätte ich es schwerlich getan.“
Das Gelächter erneuerte sich.
„Was ist Ihr Beruf?“
„Mein Beruf? Jetzt? Was sich eben bietet. Lastträger, Holzfäller, Eisenbahnarbeiter. Man hat wenigstens sein tägliches Brot.“
„Und früher?“
„Früher? Ich erinnere mich nicht mehr.“
Und er zuckte mit den Schultern mit jener bei den Russen so gewöhnlichen und charakteristischen Gebärde, welche bedeutet: „Nitschewo!“ „Was liegt daran?“
Es war 6½ Uhr, als wir in Listwinitschnoje, am andern Ufer der Angara, landeten, des großen Ausflusses des Baikalsees, der seine Gewässer nach einem Laufe von beinahe 2000 Kilometern dem Jenissei zuführt. Listwinitschnoje mit seinen kleinen Holzhäusern erschien in der nebligen Luft einem japanischen Dorfe auffallend ähnlich. Wir wurden ausgeschifft und standen im Begriff, sofort nach dem etwa 64 Kilometer entfernten Irkutsk abzufahren, als eine junge Dame sich durch die uns umgebende Menge Bahn brach und uns zurief:
„Ah, Messieurs, Messieurs! Vous n’allez pas repartir tout de suite!“
„Mais oui, Madame!“
„Das ist unmöglich. Sie müssen mindestens eine Stunde bleiben. Eine Stunde nur, voyons!“
Bei dem Anblick unserer Fahne wurde sie unsicher.
„Sie sind keine Franzosen?“ fragte sie uns.
„Non, Madame, wir sind Italiener.“
„Italiener? ... Nun gut, warten Sie ... eine Minute!“
Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, als sie erfuhr, welcher Nationalität wir angehörten. Es war eine junge Französin, Erzieherin in einer reichen sibirischen Familie. Sie erwartete voller Sehnsucht die Ankunft der französischen Automobile, mit der fieberhaften Spannung, die jeder kennt, der fern von seinem Vaterlande lebt. Wir suchten sie wegen der Enttäuschung, die wir ihr unfreiwillig bereitet hatten und die sie wie ein nationales Unglück zu betrüben schien, zu trösten, indem wir ihr erklärten, daß, wenn wir auch als die ersten in Listwinitschnoje gelandet seien, damit noch nichts über den endgültigen Sieg entschieden sei. Wir teilten ihr mit, was wir von unseren Kollegen wußten: und das war, daß sie diese Nacht bis nach Kabansk, einem Dorfe zwischen Werchne-Udinsk und Myssowaja, gekommen seien, daß sie sich vielleicht zu dieser Stunde schon am Ufer des Sees befänden, und daß sie sie wahrscheinlich übermorgen landen und nach Irkutsk weiterfahren sehen würde, wo sie uns ohne Zweifel einholen würden. Wir hatten in der Tat bei unseren Versuchen, um den See herumzufahren, vier Tage verloren, und in Tanchoi hatten wir es für richtig gehalten, unsere Kollegen telegraphisch vor der Nutzlosigkeit und vor allen Dingen vor den Gefahren unseres Unternehmens zu warnen.
Die Dame wurde wieder heiterer und sagte lächelnd:
„Dank, tausend Dank! Warten Sie einen Augenblick!“
Sie entfernte sich eilig und kam mit einem großen Blumenstrauß wieder, den sie uns mit den Worten überreichte:
„Ich habe sie im Walde gepflückt. Nehmen Sie sie freundlichst an. Und nun glückliche Reise! Adieu!“
Eine Minute später rollten wir eiligst auf der Straße nach Irkutsk dahin, das Automobil mit Blumen geschmückt. Aber in kurzer Entfernung von dem Dorfe fanden wir die Straße durch einen Schlagbaum gesperrt, den ein Zollbeamter bewachte. An jenem Schlagbaum endete das Gebiet der Vorzugszolltarife, deren sich das östliche Sibirien erfreut. Wir wurden angehalten und von Beamten gefragt. Sie hatten den Befehl, uns frei passieren zu lassen, nicht erhalten; Kiachta hatte ihnen nichts mitgeteilt; wir besaßen kein Papier, das unser Recht auf Zollfreiheit hätte beweisen können. Höflich wurden wir ersucht, unsere Weiterreise auf übermorgen zu verschieben, bis das Zollamt in Irkutsk Aufklärungen gegeben habe! Alle unsere Vorstellungen waren fruchtlos. Das Vorzeigen der Pässe ließ das Zollamt von Listwinitschnoje ganz kalt und gleichgültig. Da versuchten wir es mit einem letzten Mittel — und, o Wunder! Der Schlagbaum erhob sich; der Wächter stand stramm, die Beamten lächelten verbindlich, legten zum Gruß die Hand an die Mütze und sagten:
„Fahren Sie zu! Glückliche Reise!“
Was war geschehen? Schweigend hatte der Fürst zwei zauberkräftige Papiere vorgezeigt: das Schreiben des Ministers des Innern und das des Polizeidirektors. Wir ließen uns die Erlaubnis nicht wiederholen, aus Furcht vor einem Widerrufe, und jagten mit Windeseile davon.
Die Straße war gut. Das hatte uns schon der Kommandant des Schleppdampfers gesagt:
„Auf jenem Wege verkehren täglich Beamte, die von Irkutsk nach Listwinitschnoje in Hafen- und Zollangelegenheiten kommen. Wo Beamte verkehren, sind die Wege stets in gutem Zustande.“
Wir fuhren am grünen Ufer der Angara entlang, deren ungestüme Gewässer in der Nähe des Baikalsees zwei bei sibirischen Flüssen ungewohnte Tugenden besitzen: sie frieren nie zu und behalten Sommer wie Winter eine sich gleichbleibende Temperatur von vier Grad. Wir kamen rasch vorwärts, wurden aber dann durch einen wenig angenehmen Vorfall zum Halten veranlaßt. Während wir abwärts fuhren, erklärte Ettore:
„Ich merke, daß die Maschine müde wird.“
„Wohl möglich!“ erwiderte der Fürst. „Die Straße senkt sich, und wir sollten ohne Motor fahren.“
„Ich glaube, die Bremse ist zu fest angezogen.“
„Halte! Wir wollen nachsehen.“
Es war schlimmer als eine zu fest angezogene Bremse! Wir fanden uns von einer Rauchwolke und einem Dunst verbrannten Öls umgeben. Das Fett der Bremse brannte, und die Flammen leckten an dem Wechselgetriebe. Wir verdankten diesen Übelstand vielleicht einem durch den Fall verursachten Schaden. Die Fußbremse, die durch eine der Westinghousebremse ähnliche Konstruktion kräftig auf die Kardanwelle wirkt, funktionierte nicht mehr gut; sie blieb fest angezogen, und durch die Reibung entwickelte sich eine solche Hitze, daß das Schmiermaterial in Brand geriet. Zum Glück befand sich Wasser in den Gräben und auch in den Straßenpfützen, und wir konnten sofort das Feuer löschen.
Nach Lockerung der Bremse fuhren wir weiter. Es regnete fortwährend, und wie auf dem Wege nach Myssowaja wurden wir über und über mit Schmutz bespritzt. Der Tag neigte sich langsam seinem Ende zu. Um 9 Uhr wurde am Himmel jener seltsame Schimmer der nordischen Abende sichtbar, die endlos erscheinen, lange, trübe Dämmerungen, ein wahrhafter Todeskampf des Tages. Eine Stunde später vermochten wir noch die Straße zu erkennen, die sich zwischen den tiefen Schatten der Bäume hinzog. Auf einer steilen Anhöhe machte das Automobil halt. Wir waren 6 Kilometer von Irkutsk entfernt, dessen Lichter wir von fern als undeutliche Punkte in der Dunkelheit schimmern sahen.
Eine Strecke mit tiefem Morast hielt uns auf. Wir kehrten um, probierten auf verschiedene Weise über diese Stelle hinwegzukommen, strengten den Motor an, versuchten im Zickzack zu fahren, aber vergebens. Der Wagen glitt aus, genau wie an jener Anhöhe, die wir bei Werchne-Udinsk angetroffen hatten. Eine halbe Stunde mühten wir uns ab, als wir eine Anzahl Wagen bemerkten, die auf dem hohen, neben der Straße hinlaufenden Damme fuhren. Wir sahen die Köpfe der Pferde und die Dugas sich am Himmel abzeichnen. Es waren viele Wagen, die anhielten. Mitten durch den Lärm des Motors hörten wir Stimmen rufen:
„Knjäs Borghese! Knjäs Borghese!“
„Wer da?“ fragte der Fürst.

Abfahrt von Irkutsk.
„Sie kommen auf der Straße nicht weiter! Fahren Sie zurück nach unten und leiten Sie die Maschine dann auf den Damm. Auf der Straße versinkt man!“
„Danke. Wer sind Sie?“
„Wir sind aus Irkutsk. Wir sind Ihnen entgegengefahren.“
Nach kurzer Zeit schüttelten wir im Halbdunkel eine Menge Hände und vernahmen die herzlichsten Willkommensworte. Ein Herr bot sich als Führer an und setzte sich zu uns. Er hieß Radionoff; er war einer der reichsten Kaufleute von Irkutsk, Besitzer von Dampfschiffen auf dem Baikalsee und der Angara, sowie eines der begeistertsten Mitglieder des russischen Komitees für die Fahrt Peking–Paris. Er geleitete uns nach Irkutsk und dann durch die verlassenen Straßen der Stadt, auf deren Schmutz der Widerschein der wenigen Laternen zitterte, bis zu einem weißen Gehöft mit einem grünen Gittertor, wo er nach jemand rief. Es erschien ein Riese, der das Gittertor öffnete. Wir fuhren in eine Art Garten hinein, gewahrten Bäume und hielten vor einem hübschen weißen Hause mit erleuchteten Fenstern, die ihren Schimmer auf das Laub der Bäume warfen. Und wie im Märchen stieg Herr Radionoff ab und rief:
„Wir sind da.“
„Wo sind wir?“
„In meinem Hause, das heißt in Ihrem Hause. Das Bad steht bereit. Ihre Zimmer sind in Ordnung. Das Essen ist auf dem Feuer.“
Wir fanden in jenem weißen Hause eine prunkvolle und herzliche Aufnahme, die volle und freie Gastfreundschaft dessen, der alles bietet, was er vermag, und es gern bietet. Um Mitternacht kamen Freunde zu dem Mahle, das auf dem Feuer stand. Die Stunde konnte dem, der den russischen Sommer nicht kennt, wenig geeignet erscheinen, jene unerträgliche Jahreszeit des Lichtes, da es um 11 Uhr abends noch Tag und um 2 Uhr morgens schon wieder Tag ist. Es kamen Offiziere, Kaufleute, Beamte. Wir bewegten uns unter ihnen, als hätten wir uns schon lange gekannt. Der slawische Charakter weist viel Ähnlichkeit mit dem romanischen auf: er bringt dem Fremden überströmende Freundlichkeit und hochherziges Vertrauen entgegen.
In Irkutsk verbrachten wir eine bezaubernde Zeit der Ruhe. Allerdings ist das Wort „Ruhe“ übertrieben; aber oft bedeutet „ausruhen“ nur „die Arbeit wechseln“. Wir durchstreiften Irkutsk der Länge und Breite nach auf den breiten Straßen mit dem holprigen Pflaster, die von beiden Seiten von düsteren, prächtigen Palästen begrenzt werden, wir spazierten über riesige, von Morast überschwemmte Plätze, durch die Kaufmannsviertel, die alle aus Holz gebaut sind, wie die Budenstadt einer riesigen immerwährenden Messe; wir gingen von einer Bank in einen Laden, von einem Laden auf das Telegraphenamt, von da nach einem Regierungsbureau. Wir hatten Erkundigungen einzuziehen, Rechnungen zu begleichen, allerlei Dinge zu kaufen, um unsere Garderobe zu erneuern, die durch das Öl der Maschine ganz und gar verdorben war. Wir betrachteten neugierig das Leben und Treiben in dieser Stadt, die sich das Ansehen einer Hauptstadt gibt und es in einiger Beziehung auch ist. Sie regiert ein Land, zwanzigmal so groß wie Frankreich, sie herrscht über eine Bevölkerung, die aus Angehörigen aller Rassen besteht; auf ihren Straßen begegnen sich unter der slawischen Masse Burjaten aus Transbaikalien, Kirgisen, die aus den Steppen kommen, Tungusen, die aus den Tundren herabgestiegen sind, Zirkassier, Tataren, Armenier und Juden. Es ist eine Stadt des Westens und des Ostens zu gleicher Zeit, in der die Geschäfte rasch Erledigung und die Moden spät Eingang finden; in ihr finden sich noch die Trachten des alten Rußlands, bewahrt von Männern von modernem Unternehmungsgeiste.
Der Radfahrklub wollte uns in seinem Velodrom jenseits der Angara empfangen, wo wir eintrafen, nachdem wir eine der größten Schiffsbrücken der Welt überschritten hatten. Der Regen und die Kälte störten das Fest, dämpften aber nicht die Begeisterung unserer Gastfreunde. Die uns zu Ehren in verschwenderischer Fülle angebrachten Flaggen und Fahnen hingen in dem eisigkalten Regen melancholisch herunter, aber im Gegensatz zu dem Wasser draußen rannen drinnen edle Weine die Kehlen hinab, die Gemüter erhellten und erwärmten sich an der herrlichsten geistigen Sonne. Wackere Männer fanden den Mut, ihre Zweiräder zu besteigen und eine Wettfahrt zu veranstalten, die wir mit gespanntem Interesse verfolgten, während eine Militärkapelle zündende kriegerische Weisen bis zu den fernen Ufern des Flusses erschallen ließ. In der Nacht waren wir aufs neue in Bewegung. Zuerst wurden wir in das Theater geführt, sodann in das Variété (die Vorstellungen in den Variétés beginnen in Rußland erst nach Mitternacht) und von da ins Restaurant, weil es der Brauch so will. „Andere Länder, andere Sitten!“ Nachdem wir Krebse aus Moskau und Kaviar aus Kasan gekostet hatten, wurden wir wieder in ein Variété geführt, um russische Gesänge, die berühmten Lieder der Ukraine, anzuhören, die auf Kommando gesungen wurden. Als die Gesänge zu Ende waren, weshalb sollten da nicht auch kleinrussische Tänze befohlen werden? Wir wohnten also auch den Tänzen bei. Der Tag dämmerte bereits, als uns der „Steigbügeltrunk“ zum Abschied angeboten wurde. Wir kehrten erst beim Morgengrauen des 3. Juli in einer Kutsche nach Hause zurück, als die Stadt bereits zu erwachen begann. Unsere „Ruhezeit“ in Irkutsk neigte sich ihrem Ende zu.
Wenige Stunden später, um 11 Uhr, verließen wir Irkutsk, umgeben von einem Ehrengeleite von Radfahrern. Das Automobil hatte sich durch eine sorgfältige Toilette gänzlich verändert. Ettore hatte es mit Hilfe des kräftigen Strahles einer Feuerspritze gesäubert, und aller Schmutz aus China, der Mongolei und Sibirien war unter jenen ungestümen Wasserstrahlen abgefallen. Wenn das Automobil somit auch gereinigt war, so hatte es doch seine ursprüngliche Farbe nicht wiedergewonnen; die Unbilden der Witterung hatten ihm eine unbestimmte Färbung verliehen. Wie wir hatte auch das Automobil eine neue Haut bekommen; es sah dunkler, ungepflegter aus und zeigte offen seine Beulen und Sprünge; es war häßlicher geworden, erschien aber stärker. Um es zu verschönern, ließ Fürst Borghese einen Schildermaler kommen und gab ihm den Auftrag, an den Seiten des Automobils zwei große weiße Inschriften anzubringen: Peking–Paris. Zum Unglück sah die Inschrift wie ein Ladenschild aus; es wäre wohl besser gewesen, das Automobil schmutzig zu lassen. In Irkutsk entäußerten wir uns eines Teiles des Gepäcks, der dritte Platz, der für mich bestimmt gewesene hintere Sitzplatz, wurde ausgeräumt und benutzbar gemacht. Er wurde von Herrn Radionoff eingenommen, der uns ein Stück Weges zu begleiten wünschte. Das Einsteigen war nicht leicht, weil man über Behälter hinwegsteigen mußte. Ein großes in Papier eingeschlagenes Paket legte er neben sich; wie wir später entdeckten, enthielt es Lebensmittel. Unser Freund hatte die Mittagszeit herannahen sehen und war nicht wie wir gewöhnt, das Frühstück zu vergessen.
Vor der Abfahrt überbrachte uns ein Telegramm aus Myssowaja die letzten Nachrichten von den übrigen Automobilen. Sie waren den Tag zuvor in Myssowaja eingetroffen und von jener Station mit der Eisenbahn nach Irkutsk gefahren.
Wir überschritten die große Pontonbrücke, gelangten glücklich über eine einige Kilometer lange Strecke unsicheren Geländes, auf dem das Automobil mehrmals einzusinken drohte — in der Nähe der sibirischen Städte sind die Wege stets fürchterlich —, und erreichten gegen Mittag den Anfang der guten Straße. Dahin hatten sich alle Radfahrer schon vor uns begeben. Wir begrüßten uns, brachten ein mehrfaches Hurra aus, die Mützen wurden geschwenkt, und dann schoß unsere Maschine rasch davon.
Wäre die selbst für Sibirien im Sommer außergewöhnliche Kälte nicht allzu schneidend gewesen, so hätten wir diesen neuen Abschnitt unserer Reise entzückend gefunden. Der Weg erlaubte die mittlere Geschwindigkeit von 30 Kilometern die Stunde. Wir fuhren am linken Ufer der Angara entlang, die majestätisch ihre kristallklaren Fluten vorüberwälzte. Irkutsk verschwand allmählich in dem weiten welligen Tale, und schließlich sahen wir nur noch die großen, zahlreichen Kirchen: eine Menge von Kuppeln, Türmen und Giebeln, die aus der grünen Ferne noch weiß herüberschimmerten, als die Häuser der Stadt dem Auge schon entschwunden waren.
Die Landschaft nahm einen anmutigeren Charakter an. Das Gelände senkte sich allmählich, entsprechend dem weiteren Laufe der Selenga. Die schroffen Anhöhen, die den Baikalsee umsäumen, wurden zu immer leichteren wellenförmigen Erhebungen. Wir begannen uns in den unermeßlichen Ebenen Sibiriens zu verlieren. Wir ließen die steilen Gebirge hinter uns, die sich am Horizonte gleich riesigen unbeweglichen Wogen auftürmten, und hatten — wie damals, als wir uns der Mongolei näherten — den Eindruck, als ob sich ein Unwetter entferne. Die Straße wies lange ebene und gerade Strecken auf, auf denen wir mit der Geschwindigkeit von 40 und sogar 50 Kilometern dahinjagen konnten, zwischen grünen, üppigen Wiesen, die von leuchtendgelben und weißen Blumen gesprenkelt und gestreift waren. Es waren die Pflanzenarten, die auch in den Alpen vorkommen. Die Wiesen waren von Rinder- und Pferdeherden bevölkert. Die Viehzucht ist dort draußen noch die ausschließliche Beschäftigung der halbwilden Bevölkerung, einer Mischlingsrasse, die etwas vom Slawen und etwas vom Mongolen an sich hat.
Herr Radionoff, der sich zum ersten Male an der schwindelerregenden Wonne der Schnelligkeit berauschte, stieß Rufe der Begeisterung und des Entzückens aus. Jedesmal, wenn wir unsere Fahrt beflügelten, äußerte er das glühende Verlangen nach dem Besitz eines Automobils. Er wollte es sofort haben, er wollte es bestellen, sobald er nach Hause käme; er würde telegraphieren, er wollte genau ein solches haben wie das unsrige. Nach und nach legte sich seine Begeisterung; unser guter Reisegefährte war schweigsam geworden; er hatte sein Frühstückspaket geöffnet. Ohne ein Wort zu sprechen, reichte er uns von den mitgebrachten Speisen; wir sahen seine Hand vor unserem Gesicht erscheinen mit einem riesigen belegten Butterbrote, das wir unter dankender Kopfbewegung ergriffen und verzehrten; kaum war es verschwunden, so erschien die Hand schon wieder mit einer neuen Portion. Es schien die Hand der Vorsehung zu sein. Seine Vorräte mußten unerschöpflich sein, da unser Appetit eher zu Ende ging als sie.
Wir kamen durch zahlreiche Dörfer, die von Zäunen umgeben waren, deren Gatter die Straße versperrten. Über die Holzdächer erhoben sich dünne, gleichmäßig hohe, nach vorn geneigte Brunnenstangen, die wie lange Lanzen aussahen. Einige dieser Dörfer waren von Kosaken bewohnt. Auf den Häusern wehten rote oder weiße Fähnchen, die mit Nummern versehen waren. Vor jedem Fenster standen Blumen; die schwarzen Isbas hatten sich mit ihnen geschmückt, um den kurzen Frühling zu feiern. Der Sibirier liebt Blumen abgöttisch, und mag sein Haus auch noch so armselig sein, es hat stets seine Geranien-, Nelken- oder Oleanderstöcke, die an der Wärme des Ofens gedeihen und die Kahlheit der Isba erheitern. Sie werden geliebt, weil sie selten sind und auch, weil jene Pflanzen, die der Pflege bedürfen, den Bewohnern in den langen, stillen, weißen Wintermonaten Gesellschaft leisten, wenn die Kälte und der Schnee jede Arbeit unmöglich machen und die Leute in ihren Häusern einschließen. Der Muschik verwendet beständige Sorgfalt auf die Verschönerung seines Heims; er breitet rohgearbeitete Decken über den Fußboden, behängt die Wände mit Bildern in schreienden Farben, mit Heiligenbildern, Bildnissen des Kaisers, und verteilt alles mit einem gewissen Ordnungssinn; der blinkende Samowar steht auf einem Tische in der Nähe des Fensters, damit man ihn von der Straße aus sieht; um den Samowar herum stehen die Gläser und Teller; auf einem Schranke stehen alle wertvollen Schätze der Familie: Porzellantassen, bemalte Teller, die bei der Hochzeit gebraucht wurden, eine ewige Lampe; an den Fenstern hängen Kattungardinen. Es herrscht in jenen Häusern ein Sinn für in sich gekehrte, zufriedene Traulichkeit, die nicht in den Ländern anzutreffen ist, in denen man nicht viel im Hause lebt, weil dort die Sonne auch im Winter warm scheint, die Luft mild ist und man sich im Freien wohlfühlt.
Wir gelangten auf das rechte Ufer eines Flusses, der Suchuja. Es ist ein Doppelfluß, der durch eine Bodenerhebung in der Mitte in zwei Flüsse geteilt ist; die eine Hälfte überschreitet man in einer Furt, die andere mittels des Bootes. Viele sibirische Flüsse haben so einen tiefen und einen seichten Teil; auf der einen Seite sind sie gefährlich, auf der andern harmlos. Einige von ihnen haben eine Brücke zum Überschreiten des besseren Arms und einen Kahn zum Übersetzen über den andern, in dem sich alle Wut und alle Gefahren der Strömung vereinigen. Eine Brücke über den ganzen Fluß würde bei Hochwasser den Fluten nicht widerstehen.
Ein großes Boot setzte uns über. Es war nicht leicht, das Automobil hinüberzubringen; wir mußten die Brücke verstärken, über die Ettore die Maschine rasch mit jener Sicherheit und Zuverlässigkeit trieb, die er schon an der Selenga bewiesen hatte. Schließlich gewannen wir Übung in diesen Einschiffungen. Wir setzten in Booten, von denen manches alt und leck war, über eine Menge anderer großer und kleiner Flüsse, über den Ospin, die Bjelaja, den Salarin, die Oka, die ihre Gewässer der Angara auf ihrem weiteren Laufe zum Jenissei zuführen.
Auf den Fährbooten setzten mit dem Automobil Telegas über, die von den benachbarten Märkten kamen. Wir befanden uns mitten in einer dichten charakteristischen Menge sibirischer Landleute, die uns ehrfurchtsvoll grüßten und seltsame Bemerkungen unter sich austauschten. Auf einem dieser Boote war es, wo wir gefragt wurden, ob wir Japaner seien! Der Mann, der diesen Zweifel an unserer Nationalität geäußert hatte, erklärte dies folgendermaßen:
„Ich glaubte, Sie seien Japaner, weil es derlei Maschinen in Rußland nicht gibt und Sie von jener Seite kommen“; er deutete dabei nach Osten. Dann fügte er hinzu: „Man sagt, die Japaner hätten alle Maschinen, die überhaupt erfunden worden sind.“
Auf der Oka murmelte ein alter Muschik dem Fährmann zu:
„Wir werden bald wieder Krieg haben!“
„Warum denn, Väterchen?“
„Sie besichtigen schon das Land!“ Dabei deutete er auf uns und schüttelte nachdenklich den Kopf.
Was mag er sich wohl über unsere Personen und den Zweck unserer Reise gedacht haben! Und wer weiß, welche Meinung all die friedfertigen Dorfbewohner von dem Automobil hegten! Einige drückten lebhaftes Erstaunen aus, blieben wie betäubt stehen und ließen ihre Arbeitsgeräte aus der Hand fallen. Andere liefen fröhlich herbei wie beim Nahen einer harmlosen Erscheinung oder einer wandernden Gauklertruppe auf ihrem Reisewagen. Manche suchten das Weite. Die Frauen lachten häufig, daß sie sich die Seiten halten mußten, wie es die Mongolen in der Nähe von Urga getan hatten — was beweisen könnte, daß die Frau weniger bildungsfähig ist als der Mann, daß ihre Seele noch etwas von der Natur des Wilden an sich hat. Wenn wir aber hielten, so näherten sich alle beruhigt, und eine Minute später waren sie gegen uns und das Automobil von der herzgewinnendsten Freundlichkeit. Die jungen Leute bewunderten es und taten verständige Fragen über die Geschwindigkeit und Kraft der Maschine.

Zuschauerinnen in einem sibirischen Dorfe.
Mehrmals fanden wir die Straße durch Eisenbahnarbeiten unterbrochen. Man legte ein zweites Geleise auf der transsibirischen Eisenbahn oder vielmehr, man baute eine zweite transsibirische Linie, von der die den Zug benutzenden Reisenden wahrscheinlich nichts bemerkten. Denn es ist eine Linie, die ihren besonderen Bahndamm hat und unabhängig von der andern entsteht; sie funktioniert für sich und verdoppelt so die Vorteile der transsibirischen Bahn, indem sie zugleich die Nachteile eines doppelten Geleises vermeidet. Wenn die eine Brücke einstürzt, wird die andere Brücke unversehrt bleiben; nichts kann den Verkehr völlig unterbrechen. Die neue Eisenbahnlinie wird ihre Stationen, ihre Telegraphenleitung und ihre Bahnwärter für sich haben.
An einer Stelle waren wir Zeugen eines erschütternden Anblicks.
Auf einer Dammstrecke der neuen Eisenbahn arbeiteten Hunderte von Männern in gleichmäßiger grauer Kleidung, die wir für Soldaten hielten. Wir glaubten an ihnen die neue Felduniform zu erkennen. Als wir aber näherkamen, bemerkten wir, daß jedem einzelnen eine Kette um den Fuß geschlungen war. Posten, bewaffnet mit Gewehren mit aufgepflanztem Bajonett, die Kapuze auf den Rücken geschlagen, die Zigarette im Munde, hielten ringsherum Wache. Als wir an ihnen vorüberkamen, hielten die graugekleideten Männer in ihrer Arbeit inne und richteten sich alle auf, um uns schweigend zu betrachten; dann grüßten sie durch Abnehmen der Mützen. Ihr Kopf war halb geschoren, daß er aussah wie eine schreckenerregende, groteske Clownperücke. Bei dieser traurigen Entdeckung durchschauerte es uns eisig, und wir murmelten:
„Die Sträflinge!“
Sie betrachteten uns fortwährend. Wir waren schon weit weg, und sie schauten uns noch immer nach. Wir fühlten uns von ihrer glühenden, schweigenden Aufmerksamkeit verfolgt. In ihrer Phantasie bedeuteten wir die Flucht. Wer weiß, welch bedeutsames Ereignis unsere Vorüberfahrt in dem entsetzlich gleichförmigen Leben einer Herde Menschen bildete, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren und die nur noch mit Nummern gerufen wurden.
Abends 7 Uhr gelangten wir bei regnerischem Wetter nach Sima. Wir hatten 225 Kilometer zurückgelegt. Im Restaurant der nächsten Eisenbahnstation gelang es uns, mit sauerer Sahne zubereiteten Borscht und Koteletts zu erhalten, welch letztere sich aber als ungenießbar herausstellten; auch fanden wir unseren Benzin- und Ölvorrat im Hause eines jüdischen Kaufmanns vor, des Agenten der Firma Nobel, bei dem wir übernachteten.
Sima bedeutet im Russischen „Winter“. Wir fanden diesen Namen beklagenswerterweise äußerst angemessen. In Sima war die Kälte fast unerträglich, und wir sagten scherzend zueinander:
„Der Juli steht vor der Tür!“
Das Sonderbare war dabei, daß unser Wirt uns versicherte, daß es bis vor zwei Tagen unerträglich heiß gewesen sei. Es schien gerade, als ob uns die Kälte durch Sibirien geflissentlich begleiten wollte, um die Honneurs des Hauses zu machen.
Früh 4 Uhr waren wir schon wieder unterwegs. Natürlich war der Himmel bedeckt, die Luft naßkalt. Die Pelze genügten nicht mehr, uns vor der Kälte zu schützen, und wir hatten noch Kapuzen und unsere wasserdichte Kleidung angelegt; wir sahen unförmlich aus, wie Eskimos.
Seit einigen Tagen wiederholte sich dieselbe ärgerliche meteorologische Erscheinung: in der Nacht klarte der Himmel vollständig auf; wir fuhren am schönsten Morgen ab; bei Sonnenaufgang zeigte sich im Westen etwas Nebel; dieser stieg weiter empor, wurde zur Wolke, umzog und bedeckte den ganzen Himmel — und es begann zu regnen. Dieser Wechsel vollzog sich in einer halben Stunde. Es war, als ob sich der Westen zu unserem Empfange rüstete. Ettore, der beim Morgengrauen stets auf das festeste davon überzeugt war, daß wir „einen herrlichen Tag“ haben würden, konnte sich gar nicht zufrieden geben: er rief jeden Augenblick, nach Westen deutend: „Wo ist denn diese unerschöpfliche Wolkenquelle? Wird sie denn nie ein Ende nehmen?“, und schloss betrübt mit den Worten: „Was für ein Land!“
Die Straßen waren ziemlich belebt von Telegas, so daß wir auf die Launen der Pferde gut achtgeben mußten, um kein Unglück zu verursachen. Die Verwunderung wirkte lähmend auf die Kutscher.

Einbooten des Automobils.
Es ereigneten sich Auftritte von überwältigender Komik. Ein an eine Telega gespanntes Pferd, erschreckt durch das Nahen des Automobils, das jedoch im Schritt fuhr wie stets, wenn wir Pferden begegneten, bäumte sich in die Höhe, warf die Telega um, schleuderte die Ladung und den Muschik, der das Gefährt lenkte, heraus und ging durch. Der wackere Mann, der sich so unfreiwillig auf die Erde gesetzt fand, fuhr fort, uns mit demselben Lächeln zu betrachten, mit dem er uns vor seinem Sturz angesehen hatte, ohne an seinen Wagen und sein Pferd zu denken, als ob er in Gedanken versunken wäre und wie verhext überhaupt nichts von der plötzlichen Veränderung seines Sitzes wahrgenommen hätte! Als wir näherkamen, grüßte er uns:
„Guten Tag! Woher kommen Sie?“
„Von Peking.“
Er faltete die Hände und betrachtete uns offenen Mundes. Ein Bauer zu Pferde brach bei unserem Anblick in Gelächter aus; unversehens machte sein Reittier erschreckt einen Seitensprung und schleuderte ihn aus dem Sattel; er erhob sich, immerfort lachend, und sagte in ganz zufriedenem Tone:
„Haha! Besser ein Wagen ohne Pferd als ein Pferd ohne Wagen! Hahaha!“
Wir müssen zugeben, daß trotz all unserer Vorsicht die Zahl der umgestürzten Telegas außerordentlich groß war. Die Pferde scheuten, auch wenn das Automobil stillstand; sie erblickten in ihm wer weiß was für ein reißendes Tier. Und die Telegas, Wagen, schmal, um überall durchzukommen, hoch, um Furten passieren zu können, und leicht, um im Moraste nicht steckenzubleiben, haben alle erforderlichen Eigenschaften, um mit der größten Leichtigkeit umzustürzen. Die meisten Bauernpferde in Sibirien tragen kein Gebiß, sondern nur einen dünnen Zaum. Zu alledem kam die Verblüffung der Leute. Sie beschäftigten sich nur mit dem Gedanken, was zum Teufel denn dieses große graue Ungeheuer sei, das da auf der Straße hin und her schwankte und stolperte. Sie hörten auf nichts, weder auf Warnungen noch auf Ratschläge, und sehr oft mußten wir halten, absteigen, die Pferde am Zaume fassen und zur Seite führen.

Der übliche Empfang auf den sibirischen Straßen.
Einmal begegneten wir einer Postkutsche, einem großen Tarantaß, in dem alle, Reisende und Kutscher, den Schlaf des Gerechten schliefen. Die drei Pferde faßten in ihrem Schreck einmütig den Entschluß, kurzerhand umzukehren. Niemand wachte auf. Wir überholten den Tarantaß ohne Zwischenfall; nach einigen Kilometern sahen wir ihn von der Höhe eines Hügels aus wieder, wie er fortfuhr, den bereits zurückgelegten Weg noch einmal zu machen. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, als wir an die Überraschung der Reisenden und des Kutschers dachten, wenn sie sich beim Erwachen nach einer so langen Fahrt auf derselben Poststation wiederfinden würden, von der sie abgereist waren.

Ausbooten am Ufer eines sibirischen Flusses.
Oft versperrten große Herden von Rindern oder Pferden die Straße, und wir mußten warten, bis alle Tiere vorbei waren. Sie waren mißtrauisch, ängstlich und zögerten, angetrieben von dem Stachelstocke der Hirten, die hin und her galoppierten, um ein Tier, das fliehen wollte, zurückzuscheuchen. Es fehlte uns also auf dieser Fahrt nicht an Abwechslung. Viele Kilometer weit befanden wir uns zwischen einsamen, nach Harz duftenden Gehölzen. Wir glaubten in den Alleen eines unermeßlichen Parkes dahinzufahren; alles stand in Blüte, und die Wiesen und Waldblößen luden in ihren schweigenden Schatten ein. Wenn wir aber von fern ein Tal bemerkten, so waren wir sicher, ein Dorf in ihm anzutreffen.
Die Dörfer flüchten sich in die Täler, um Schutz vor den stürmischen Winden zu suchen, die von den eisigen Tundren im Norden kommen, und um Wasser zu haben. Die Isbas drängen sich an klaren Bächen zusammen, an deren Ufern riesige Herden von Gänsen schnattern, die dazu bestimmt sind, in gefrorenem Zustande auf die großen Wintermärkte in Rußland verschickt zu werden. Am Ein- und Ausgange des Ortes erhebt sich ein schwarz und weiß gestreifter Pfahl mit einer Tafel, auf der der Name des Ortes, die Entfernung bis zum nächsten Dorf, die Zahl der Feuerstellen und der Einwohner angegeben sind — kurz, ein förmlicher statistischer Auszug zur Bequemlichkeit der Beamten, die herkommen, Steuern einzukassieren oder Soldaten auszuheben. Eine Tafel zeigt die Wohnung des Starosten an, eine andere das „Semstwoskaja Dom“, das heißt das Gebäude, in dem die Beamten das Recht zu wohnen haben. Es liegt in all diesem ein militärischer Zug; es hat den Anschein, als gehörten all diese Häuser zu einem Regimente, als seien sie gezählt, in Reih und Glied gestellt, und müßten wie die Zelte eines Lagers stets gewärtig sein, auf den ersten Befehl von oben abgebrochen und anderwärts wieder aufgebaut zu werden. Man möchte sagen, nicht die Notwendigkeit, sondern ein Befehl habe sie erstehen lassen. Die Dörfer befinden sich in nahezu gleichen Abständen von 20 zu 20 Kilometern und machen den Eindruck großer Vorpostenstellungen, die über den Moskowskij Trakt verteilt sind. In der Tat sind sie an erster Stelle Etappen, und dann erst Dörfer.
Bis vor wenigen Jahren, bevor die Eisenbahn Sibirien durchquerte, bezeichneten sie die Tagemärsche der Deportierten, die jetzt der Zug in Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern befördert. Am Ende jedes Dorfes befindet sich noch die Etappenstation der aus dem Vaterlande Ausgewiesenen. Es ist ein großes, niedriges, quadratisches Holzhaus mit unzugänglichen, mit festen Eisenstäben verwahrten Fenstern, das in einem von einer Einfriedigung umschlossenen Hofe liegt. In dem Hofe erheben sich einige wenige Gebäude, eine Schmiede vielleicht, ein Bureau, ein Schlafsaal für die Soldaten; ringsumher Schilderhäuser für die Wachtposten. Jetzt sind die Türen mit Brettern vernagelt, niemand darf hinein, alles zerfällt. Diese leeren, aus den Fugen gehenden Häuser machen einen unheimlichen, geisterhaften Eindruck. Sie scheinen nicht nur verlassen, sondern sogar gemieden. Es ist unmöglich, sie ohne Bewegung zu betrachten. Sie sind entstanden, um den Schmerz zu beherbergen, und man fragt sich, ob von all den körperlichen und seelischen Qualen, die so lange Jahre hindurch in diesen Räumen geweilt haben, nichts übriggeblieben sei, ob nicht das Gefühl der Trauer und des Widerwillens, das man empfindet, wenn man in ihrer Nähe vorbeikommt, von einem noch lebendigen Kummer, der in der Luft liegt, herrühre, von einer geheimnisvollen Ausströmung der Klagen, von einem verhallenden Echo von Worten der Verzweiflung, das die Dinge um uns wiedergeben und das die Seele empfindet.
Jedes an einem Bache gelegene Dorf bot uns eine Brücke zum Hinüberfahren, natürlich eine Holzbrücke. Nach unserem Sturze hatten wir vor den Brücken insgesamt einen heiligen Respekt. Wir suchten mit der größtmöglichen Geschwindigkeit über sie hinwegzukommen, nicht sowohl aus Furcht, sie unter uns zusammenbrechen zu sehen, als um das Krachen der Bretter nicht hören zu müssen. Es war in uns eine unbesiegliche Abneigung gegen das Geräusch zerbrechenden Holzes zurückgeblieben, eine rein physische Empfindung, eine instinktive Erinnerung. Das Krachen eines Holzstückes unter den Rädern hatte auf uns die Wirkung eines Alarmsignals; die Gedanken mochten anderwärts weilen und auch fortfahren, dort zu bleiben, aber der Körper fuhr auf und machte sich zur Abwehr bereit! Und auf den Brücken, namentlich den großen und hohen, die über tiefe Schluchten, reißende Ströme und Abgründe hinwegführten, empfanden wir eine seltsame Genugtuung, ein negatives Vergnügen sozusagen, das wir jedesmal durch eine beinahe unwillkürliche Bemerkung ausdrückten: das Vergnügen, nicht hinabzustürzen. Wir sagten:
„Wenn diese Brücke aus den Fugen gegangen wäre, wir würden nichts mehr davon erzählen können! Wir würden zerschmettert sein!“
Alle waren wir froh, nicht unten auf dem Grunde zu liegen, wenn wir uns vorbeugten, um, von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, über das Geländer zu sehen. Wir freuten uns, nicht zerschmettert untenzuliegen.
Am 4. Juli trafen wir gegen 2½ Uhr nachmittags in Nischne-Udinsk ein, das etwa 500 Kilometer von Irkutsk entfernt liegt. Wir wurden von der Polizei empfangen, die uns sogar eine Wohnung in ihrem Amtsgebäude eingeräumt hatte. Es ist nun einmal so, gewisse Ehren kommen nur großen Männern und Verbrechern zu! Ein Gendarm bereitete uns Tee, ein Gendarm machte uns die Betten, ein Gendarm kochte unser Essen. Es war die gebändigte Gewalt. Man stelle sich vor, einem strammstehenden Gorodowoi die Gerichte zu nennen, die er auf den Tisch bringen soll! Das Außerordentliche dabei war, daß die Speisen vorzüglich waren.
Während der Fürst den Polizeikommandanten und die Beamten empfing, während Ettore, der den Vorrat an Brenn- und Schmiermaterial glücklich gefunden hatte, die Maschine putzte und mit Nahrung versorgte, hatte ich einen heldenmütigen Kampf mit dem Telegraphenamte von Nischne-Udinsk zu bestehen, der damit endete, daß es mir gelang, meinen Bericht abzusenden. Nach den opiumrauchenden Telegraphisten in Hsin-wa-fu hatte ich kein seltsameres Amt mehr angetroffen. Bei Überreichung der Depesche fragte der Beamte:
„Was für eine Sprache ist dies?“
„Italienisch“, erwiderte ich.
„Wir befördern nichts Italienisches.“
„Sie müssen italienische Depeschen befördern gemäß den internationalen Bestimmungen.“
„Wer gibt uns aber die Versicherung, daß es wirklich Italienisch ist?“
„Ich.“
„Das genügt nicht.“
Die Geduld drohte mir zu reißen, aber es gelang mir, sie noch einmal zusammenzuflicken, und ich antwortete ruhig:
„Lassen Sie die Depesche jemand lesen, der Italienisch versteht.“
„Niemand versteht hier Italienisch.“
„Kurz und gut!“ rief ich, „wollen Sie die Depesche befördern oder nicht?“
„Wir wollen die Depesche als chiffrierte befördern.“
„Meinetwegen.“
„Die Worte, die mehr als zehn Buchstaben haben, werden doppelt gerechnet.“
„Meinetwegen.“
„Haben Sie die Freundlichkeit, uns den Chiffreschlüssel und die russische Übersetzung mitzuteilen. So bestimmt es das Gesetz für chiffrierte Telegramme.“

In Nischne-Udinsk.
Das war zuviel! Ich lief, um mir Hilfe zu holen, und traf Herrn Radionoff, unseren guten Reisegefährten, der uns anfänglich nur ein Stück über Irkutsk hinaus hatte begleiten wollen und jetzt die augenscheinliche Absicht verriet, uns nicht mehr verlassen zu wollen.
Ich zog ihn nach dem Telegraphenamte und teilte ihm meine Erbitterung mit; wir sprachen beide auf den Beamten ein. Vergeblich! Dann hatte ich einen guten Gedanken; ich nahm ein Formular, füllte es mit einem empörten Proteste aus und ließ diesen als dringendes Telegramm an den Generaldirektor der Telegraphenverwaltung von Sibirien in Irkutsk telegraphieren. Eine Stunde später war die italienische Sprache in Nischne-Udinsk amtlich anerkannt! Als Journalist aber sehnte ich mich von Herzen nach den kleinen chinesischen Telegraphisten zurück, die in den fernen, aus Lehm gebauten Telegraphenämtern der Wüste Gobi von jedem Verkehr abgeschnitten sind, nach jenen wackeren bezopften Telegraphisten, die an den Kopf meiner Depesche „Nummer 1“ setzen mußten und sie ohne Irrtum und ohne Verspätung über alle Kabel des Orients hinweg beförderten!
Abends spät entschloß sich Freund Radionoff, uns zu verlassen. Der Wind und die Kotspritzer hatten ihm unversehens eine Augenentzündung verursacht, die es ihm nicht mehr gestattete, die Genüsse einer längeren Automobilfahrt zu würdigen. Als er sich von mir verabschiedete, erklärte er mir mit einem Anflug vertraulicher Genugtuung:
„Wissen Sie, ich bin auch ein bißchen Journalist!“
„Wirklich?“
„Jawohl. Heute habe ich eine Depesche an die Irkutsker Zeitungen aufgegeben. Hier ist sie: ‚Auf Automobil Borghese erreichten wir Nischne-Udinsk 2 Uhr 35. Herrliche Fahrt.‘“
„Ist das alles?“
„O nein! Es war noch die Unterschrift dabei.“