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Peking-Paris im Automobil

Elftes Kapitel.

Reading edition

Transbaikalien.

Der amtliche Schutz. — Sibirische Gastfreundschaft. — Das Automobil und der Tee. — In der Richtung auf Nowi-Selenginsk. — Der Übergang über die Selenga. — Ein aufblühendes Land. — Die Eisenbahn.

Der Polizeikommissar von Kiachta empfing uns in seinem Amtszimmer und erklärte uns mit finsterem Gesicht, er befinde sich in der Notwendigkeit, mit uns von ernsten Dingen sprechen und uns einige wichtige Dokumente überreichen zu müssen.

Der Fürst und ich sahen uns fragend an. Der Ton unseres Gastfreundes hätte den Glauben erwecken können, als handle es sich um einen Verhaftungs- oder Ausweisungsbefehl. Aber bald sollten wir bemerken, daß er stets eine würdige, feierliche Haltung annahm, wenn er von amtlichen Geschäften sprach, welcher Art sie auch sein mochten, während er sich heiter und gewandt über alles sonstige unterhielt. Er ließ zwei getrennte Persönlichkeiten erkennen, die des Bureaukraten und des gebildeten Mannes, von denen jede ihre besondere Umgangsform und Sprechweise hatte. Im übrigen war er ein sympathischer Beamtentypus und wurde einer unserer besten Freunde in Kiachta. Er war ein kleiner, dicker, alter, gesprächiger, gebildeter und sprachenkundiger Herr. Jetzt hatte er sich in seinen amtlichen Ernst wie in eine Uniform gehüllt.

Er forderte unsere Pässe, um sie zu prüfen. Dann teilte er uns mit, daß die Zollverwaltung den Befehl erhalten habe, uns zollfrei passieren zu lassen, und überreichte uns, nachdem wir eine regelrechte Empfangsbescheinigung ausgestellt hatten, einige Schriftstücke, die von Petersburg gekommen waren und die ebenso viele Beweise des wohlwollendsten amtlichen Schutzes darstellten. Die russische Regierung hatte, als die Fahrt Peking–Paris projektiert worden war, durch das Ministerium des Auswärtigen es abgelehnt, die Verantwortung für die persönliche Sicherheit der Reisenden zu übernehmen, namentlich während ihrer Fahrt durch Sibirien. Wir waren daher angenehm überrascht, als wir in Kiachta ein amtliches Schreiben des Ministers des Innern erhielten, eine Podoroschnaja, einen Reisepaß, der alle Behörden ersuchte, uns im Notfalle Hilfe zu leisten, nebst einem Schreiben des Generaldirektors der Reichspolizei, das uns des väterlichen Schutzes aller Polizeiämter versicherte, und drei besonderen Erlaubnisscheinen, kraft deren es einem jeden von uns gestattet war, zwei Revolver bei sich zu führen.

Nachdem die Überreichung vor sich gegangen war, lachte der Kommissar, rieb sich die Hände und nahm die freundliche Miene eines liebenswürdigen Privatmannes an.

Er erzählte uns die letzten Neuigkeiten aus der Welt, um uns auf dem Laufenden zu erhalten: die Duma war aufgelöst worden; in Petersburg herrschte Ordnung; in Südfrankreich war Revolution; in der Nähe von Neapel hatte sich ein Automobilunglück zugetragen. Dann ließ er Champagner bringen und stieß mit uns auf den Erfolg unserer Fahrt an. Auch begleitete er uns persönlich nach dem Zollamte und stellte uns vielen Beamten, Herrn Sinitzin, dem Agenten der Russisch-Chinesischen Bank, und den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt vor. Kurz, er war ein gefälliger und liebenswürdiger Führer.

Auf dem Zollamte mußten wir eine Erklärung unterzeichnen, in der wir, Fürst Borghese und ich, uns solidarisch verpflichteten, das Automobil über die Grenzen des Reiches zu bringen. Es war dies unser sehnlichster Wunsch, der hier protokolliert und zum Gegenstande einer feierlichen Amtshandlung gemacht wurde.

An der Maschine wurde eine Tafel mit einer Zahl — Nummer 1 — angebracht, und dieselbe Zahl wurde auf die Scheiben der Laternen gemalt. Dann wurden wir für frei erklärt. Herr Sinitzin lud uns in sein Haus ein, ein großes Holzhaus, in dem sich auch die Geschäftsräume der Russisch-Chinesischen Bank befinden. Nie werden wir den patriarchalischen, liebevollen Empfang vergessen, der uns hier zuteil wurde.

Das alte Haus war in voller Aufregung; es zitterte und knirschte vom Boden bis zum Keller unter den eiligen Schritten der barfüßigen Mägde, die in die charakteristischen traditionellen Trachten Sibiriens gekleidet waren; die Herdfeuer brannten beständig, weil die Tafel immer gedeckt blieb. Es kamen Schüsseln auf den Tisch, die homerischer Gastmähler würdig gewesen wären; riesige Rinderbraten, große gesottene Fische, Lammviertel, dampfende Borschtsuppe in Terrinen, die so groß waren wie Fischteiche, Berge von Kaviar, von Stör, von Lachs, von Eiern, von Pirowski, und Flaschen, gefüllt mit jederlei Art Wein und jederlei Art Likör, köstliche Früchte, die eigens aus Italien bezogen waren. In der Mitte des Ganzen summte ein riesiger Samowar wie eine zufriedene Katze. Was uns aber noch mehr zusagte, das war die ungeheuchelte, aufrichtige Herzensgüte, die Zuvorkommenheit, die Liebenswürdigkeit, von der wir umgeben waren. Wir empfanden in allem die Sympathie, die man uns entgegenbrachte, die Freundlichkeit, die Vertraulichkeit, das beständige Bestreben, uns vergessen zu lassen, daß wir Fremde und fern von der Heimat seien. Unsere Neigungen, unser Geschmack wurden studiert, und oft kam man ihnen zuvor. Ein beständiges Lächeln belebte aller Blicke. Die gute Frau Sinitzin, die in ihrer Unermüdlichkeit mitunter ihre Staatstoilette ablegte, um sich den üblichen Pflichten der Hausfrau zu widmen, war unaufhörlich um uns besorgt. Sie verschwendete an Fremde die Schätze ihres mütterlichen Empfindens, weil sie an die Schwelle des Greisenalters gelangt war, ohne Mutter gewesen zu sein. Sie hatte Falia, ein Burjatenmädchen, als Tochter angenommen, und dieses, einem wilden Stamme entsprossene Kind erheiterte ihr die Einsamkeit des Lebens. Falia brachte uns Blumen, und wenn sie uns nachdenklich und ernst sah, kam sie zu uns und lächelte uns an.

Fortwährend kamen neue Gäste zu Tische. Die Freunde betraten das Zimmer, nahmen nach kurzer Begrüßung Platz und verkehrten in der Familie mit einer Vertraulichkeit, die auf langjährigen Umgang schließen ließ. Man begreift, daß bei diesen Leuten alle Türen und Tore offenstehen; sie sprachen in einem Tone ernster, ruhiger Freundschaft, aus dem man ersehen konnte, daß auch die Tore des Herzens geöffnet waren. Viele der Erschienenen waren Teehändler; auch unser Gastfreund Sinitzin gehörte dazu. Alle diese einfachen und bescheidenen Männer von ungeschlachtem Körperbau, mit bärtigen Gesichtern und dem sanften Blick des russischen Muschik, die in Blusen aus sibirischer Seide gekleidet waren und riesige Stiefel an den Füßen hatten, waren Millionäre. Der Teehandel hatte sie reich gemacht.

Kiachta ist ein Städtchen von Millionären. In den kleinen, mit lebhaften Farben bemalten Holzhäusern, die sich längs der aus Brettern hergestellten Fußsteige hinziehen und durch ländliche Höfe voller Telegas und Schlitten voneinander getrennt sind, führen Familien, die einen Palast in Moskau oder Petersburg besitzen könnten, ein Leben wie Verbannte. Der Tee geht fast gar nicht mehr durch Kiachta; die Quelle ihres Reichtums ist seit etlichen Jahren versiegt, aber sie bleiben. Sie harren aus in dem Lande, das ihnen Wohlstand gebracht hat, sie bleiben in der Nähe ihrer alten prächtigen Kathedrale, die mehr Schätze birgt als alle Kirchen Sibiriens zusammengenommen. Die Liebe zu dem Orte hält sie hier zurück, die Unbekanntschaft mit dem Luxus, die Gewohnheit und auch die unbestimmte Hoffnung, daß die uralte Wüstenstraße sich wiederum mit Karawanen bevölkern, daß die kleine, jetzt so stille Stadt wieder zu geschäftigem Lärm erwachen werde.

Mongolische Reiter auf der Straße nach Kiachta.
Mongolische Reiter auf der Straße nach Kiachta.

Mongolische Reiter auf der Straße nach Kiachta.

„Sie haben keinen Begriff,“ sagte ein Zollbeamter zu mir, „was Kiachta vor sieben bis acht Jahren war! Sehen Sie diese breiten, öden Straßen? Sie reichten an manchen Tagen nicht aus, um das riesige Gewirr des Kommens und Gehens zu fassen. Es wurden täglich bis zu 50 000 Kisten Tee verladen. Jährlich kamen 25 000 000 Kilogramm Tee durch. Der große Umsatz begann im Oktober, und im November und Dezember war ganz Kiachta ein einziger großer Jahrmarkt und ein einziger Festplatz. Nicht einmal des Nachts begab man sich zur Ruhe. Oft schneite es, und die Leute freuten sich darüber, weil der Schnee die Straßen zu Schlittenbahnen umwandelte. Sinitzin und viele andere mieteten jeder im Sommer bis zu 500 Kamele, um die ersten zu sein, den neuen Tee auf die Messe nach Nischnij-Nowgorod zu schicken. Sehen Sie jene großen Gebäude aus Ziegeln, hinter der Kirche? Das waren die Lagerspeicher, der Gostinij Dwor. Hunderte von Arbeitern waren dort Tag und Nacht beschäftigt, die Ladungen aus der Mongolei zu öffnen, den beschädigten Tee auszusondern und die Kisten für die Reise durch Sibirien wieder zurechtzumachen, indem sie sie mit Kamelfellen bedeckten. Dort fanden die Versteigerungen statt, und Hunderttausende von Rubeln liefen um, als wären es Kopeken. Riesige Schlittenkarawanen gingen nach dem Baikalsee ab. Alle Höfe standen voll von Pferden. Am Abend fanden dann große Bälle und unaufhörliche Gastereien statt; in Troizkossawsk, der nächsten Stadt, befand sich ein Theater. Man trank, man lachte, man gab Geld aus, ohne zu rechnen. Jetzt, nachdem dieses Leben zweieinhalb Jahrhunderte gedauert hat, ist Kiachta eine tote Stadt.“

„Ist dieses Jahr wenig Tee durchgekommen?“

„Nichts.“

„Alles geht nach Wladiwostok?“

„Alles geht mit der Eisenbahn. Vor zwei Jahren trat während des Krieges ein Aufschwung ein, weil alle Eisenbahnlinien für die Truppen in Beschlag genommen waren. Aber jetzt ist es vorbei. Wie soll man mit der Eisenbahn den Kampf aufnehmen? Die Straßen sind ganz verödet, es benutzt sie niemand mehr. Sie werden es mit eigenen Augen sehen.“

Sibirische Muschiks.
Sibirische Muschiks.

Sibirische Muschiks.

„Aber die Verbindungen mit der transsibirischen Eisenbahn? Kiachta wird kein weltabgeschiedener Flecken bleiben!“

„Nein, aber jetzt benutzt man den Flußweg. Es gibt Dampfboote, die den Verkehr zwischen Werchne-Udinsk und Ust-Kiachta auf der Selenga vermitteln, und von hier bis Ust-Kiachta ist die Straße für Telegas noch gangbar.“

Die Auskünfte über die Straßen, die wir von allen Seiten erhielten, konnten nicht entmutigender lauten.

„Über die Maßen schlecht, schauderhaft, unwegsam!“ hatte uns der Polizeikommissar mit seiner dröhnenden Stimme gesagt. „Haben Sie Sümpfe in der Mongolei angetroffen? Sie werden noch schlimmere finden. Wissen Sie, welche Art von Sümpfen die Engländer mit ‚Bog‘ bezeichnen? Nun, Sie werden auf ‚Bogs‘ stoßen, wie Sie in Ihrem Leben noch nicht gesehen haben! Und Abhänge, daß Sie sich den Hals brechen können! Anhöhen, auf die Sie das Automobil nur mit Seilen hinaufziehen können! Und Sand, einen Meter hoch! Wollen Sie noch mehr wissen? Noch heute will ich durch meine Agenten die einzigen Leute befragen lassen, die jene Straße benutzen, die Telegraphenarbeiter, die die Linie auszubessern haben. Sie sollen alle Einzelheiten erfahren. Ich für meine Person bin unerschütterlich fest davon überzeugt, daß Ihr Automobil nicht durchkommt.“

„Ist es möglich?“ riefen wir mit schmerzlichstem Erstaunen aus und dachten dabei an jene hübschen Doppellinien der Landkarte. „Wir haben doch alle Schwierigkeiten der Straße zwischen Urga und Kiachta überwunden.“

Unsere Unfälle in der Mongolei interessierten alle Teemillionäre. Die Nachricht von der Fahrt Peking–Paris hatte in Kiachta ein Publikum gefunden, das darüber in Aufregung geriet. Neue Hoffnungen erwachten. Man erwartete mit Spannung die Erprobung des Automobils auf mongolischem Boden. Sollte es nicht möglich sein, das Kamel durch das Automobil zu ersetzen und die Konkurrenz der Eisenbahn bei der Teebeförderung zu besiegen? Unsere Ankunft versetzte die alten Teekaufleute in hochgradige Erregung. Wir hatten die Strecke von Kalgan bis Kiachta in 7 Tagen zurückgelegt, während die Karawanen 20 brauchten. Sie fragten uns nach tausenderlei Dingen, über die Kosten des Benzins, über die Möglichkeit, schwere Lasten zu befördern, über den Preis der Maschine. Sie diskutierten eifrig untereinander. Aus ihren Reden ersahen wir, welches der Hauptgrund gewesen war, der sie in Kiachta zurückgehalten hatte: sie erwarteten, daß die russische oder die chinesische Regierung die mongolische Bahn bauen würde, eine Bahn, die von der Logik der Dinge gefordert und daher unausbleiblich war.

Es kann noch viel Zeit vergehen, aber kommen wird die Bahn. Dann würde Kiachta, durch den Schienenstrang mit Hankou verbunden, allen chinesischen Tee direkt aus den Produktionsorten an sich ziehen. In die ruhige und geduldige Erwartung der mongolischen Linie warf das Automobil ein Fieber neuer Ideen und neuer Pläne hinein. Augenblicklich jedoch ist das Automobil, wenn es sich auch selbst in der Wüste als schnelles Verkehrsmittel bewährt hat, noch kein praktisches Beförderungsmittel. Die „Itala“ hätte nach Kiachta nicht mehr als 200 Kilogramm Tee bringen können, und zwar mit einem Kostenaufwand von ℳ 1,20 bis 1,60 für das Kilogramm.

Wie das dem Fürsten in Peking zugegangene Telegramm in Aussicht gestellt hatte, erhielten wir in Kiachta eine ausführliche Liste unserer Ersatzvorräte mit Angabe der Menge der einzelnen Gegenstände und der Entfernungen von einem Depot zum andern in Werst. An der Spitze der Liste stand Kiachta. Aber in Kiachta war auch nicht ein Tropfen unseres Benzins angekommen! Das Brennmaterial, das wir noch in den Behältern hatten, hätte vielleicht hingereicht, uns bis zum Baikalsee zu bringen, aber wir waren nicht sicher. Die sehr schwierige Straße von Urga hierher hatte den Motor oft zu angestrengter Tätigkeit gezwungen und den Benzinverbrauch erhöht. Wenn der künftige Weg ebenso schlecht war, so würde unser gesamter Reservevorrat aufgebraucht werden, bevor wir das nächste Depot erreichten! Hätten wir es dann in Wirklichkeit und nicht nur auf der Karte auffinden können? Würden wir nicht gezwungen sein, vielleicht auf Wochen hinaus festzuliegen?

Das Glück war uns günstig. Einer der reichsten Kaufleute von Kiachta hatte vor Jahren den Einfall gehabt, sich ein Automobilwägelchen und mit ihm eine große Menge Benzin kommen zu lassen. Das kleine Automobil hatte den guten Gedanken gehabt, infolge eines Schadens, dem der Schmied des Ortes bisher nicht hatte beikommen können, die Arbeit einzustellen; das Benzin war im Keller eines Magazins liegengeblieben und wartete sozusagen auf die unwahrscheinliche Gelegenheit, daß ein Automobil durchkäme. Herr Sinitzin, der als Agent der Russisch-Chinesischen Bank unser Depot hätte in Empfang nehmen sollen, erinnerte sich des Wägelchens seines Freundes und verschaffte uns das wertvolle Brennmaterial, nachdem wir das halbe Russische Reich vergebens mit dringenden Telegrammen bestürmt und uns schon entschlossen hatten, unser Glück zu versuchen. So vervollständigten wir unsere Vorräte.

Am Abend des 24. Juni erfuhr ich auf dem Telegraphenamt in Maimatschen, daß der „Spyker“ an jenem Tage bis Urga gekommen sei. Am 25. teilte mir dasselbe Amt mit, daß die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ bei Tagesanbruch Urga verlassen hätten. Am Nachmittag begann es zu regnen.

„Aha, die Bogs des Kommissars!“ sagten wir lachend zueinander.

Und wir dachten an die berüchtigten Sümpfe, an Moräste, die uns drohen sollten; bald würde der Regen jeden Durchgang unmöglich gemacht haben. Regen ist vorteilhaft, weil der Sand durch ihn fest wird; zuviel aber verwandelt den Sand in Schlamm. Und das schlechte Wetter schien anzudauern. Es war so beharrlich, daß es uns 500 Kilometer weit begleitete! An diesem Tage fiel einer jener dichten, gleichmäßigen, verdrießlichen Regen, die den Gedanken an den Herbst wachrufen, wenn es auch noch so warm ist. Am Abend teilte man uns mit, daß einige Mongolen von der Höhe der Dünen auf der Straße von Urga Lichter erblickt hatten, und man nahm an, daß dies die übrigen Automobile sein müßten. Uns erschien die Vermutung widersinnig. Sie hatten Urga am Morgen verlassen und konnten abends noch nicht in Kiachta eintreffen. In der Tat haben sie, vom schlechten Wetter überrascht, drei Tage gebraucht, um jene Strecke zurückzulegen. Wir entschlossen uns indes, am nächsten Tage aufzubrechen. Frau Sinitzin war über die Kühnheit unseres Plans erschrocken.

„Sie Ärmste!“ wiederholte sie des öfteren, indem sie uns mit tiefem Mitleid betrachtete und dabei seufzte. „Bei diesem Regen und im offenen Wagen! Ich will Ihnen wenigstens etwas zur Stärkung mitgeben.“

Als wir uns am frühen Morgen erhoben, fanden wir die herzensgute Frau emsig beschäftigt, umgeben und unterstützt von den Dienstboten. Die Küche war in voller Tätigkeit.

„Die Flaschen Wein hierher!“ rief Frau Sinitzin über den Rand eines mächtigen Weidenkorbes gebeugt. Eine Magd kam, die Arme voller Flaschen, die in dem Korbe verschwanden. „Rasch die gebratenen Hühner!“ — sechs Hühner folgten den Flaschen. „Ist das Lamm gekocht? Bringt es her!“ — ein dampfendes Lammviertel nahm in dem Korbe Platz. Und dann kamen noch Orangen, frisches Brot, alles schön in Papier eingeschlagen und verpackt.

„Mein Gott!“ rief sie aus, als ihr der Inhalt vollständig schien — „ich habe ja das Bier und den Kognak vergessen!“ Und sofort wurden noch weitere Flaschen in die leergebliebenen Stellen versenkt.

„Für wen sind denn diese Dinge?“ fragte der Fürst besorgt.

„Für Sie, Knjäs Borghese!“

„Ah, aber dies ist unmöglich! Du lieber Himmel, das sind ja Lebensmittel und Wein für ein ganzes Regiment! Nein, nein! Die Maschine ist schon zu sehr belastet. Und bei dem Morast, den wir antreffen werden! Es ist unmöglich, gnädige Frau!“

Ein aufrichtiger und dabei komischer Schmerz malte sich bei dieser Ablehnung auf dem Gesicht der gütigen Dame. Sie faltete die Hände und betrachtete uns schweigend. Dann bemerkte sie schüchtern, besorgt, uns allzusehr zu widersprechen:

„Sie wollen nichts mitnehmen? Auf eine so lange Reise? Wenigstens ein bisschen!“

Um sie nicht zu kränken, nahmen wir zwei Hühner und zwei Flaschen Wein, die Frau Sinitzin kopfschüttelnd in ein Säckchen steckte, als wollte sie sagen: „Sie kommen um vor Hunger und Durst, die Ärmsten!“

Es regnete fort und fort. Im Hofe stand das Automobil. Wir nahmen herzlichen Abschied von unseren Gastfreunden, die mit bloßem Kopfe vor der Haustür standen und uns glückliche Reise wünschten, und fuhren ab. Noch auf der Straße vernahmen wir ihre Stimmen, und sahen, als wir uns umwandten, wie sie uns ein letztes Lebewohl zuwinkten. Mit traurigem Gefühl dachten wir daran, daß wir höchstwahrscheinlich jene selbstlosen, herzensguten Freunde nie wiedersehen würden.

Kiachta schlief noch in der bleichen, kühlen Morgenfrühe. Wenige Minuten später kamen wir durch das benachbarte Troizkossawsk mit seinem kleinen grasbewachsenen Friedhof, der übersät war mit Kreuzen und Grabsteinen, die vom Regen abgewaschen waren. Ein Birkenhain lag im Mittelpunkte der Stadt, große Kasernen am äußersten Ende des bewohnten Teils, und großartige Schulen — Privatschulen, die von dem Reichtum des Ortes Zeugnis ablegten — erhoben sich neben den kleinen, weiß und blau gestrichenen Holzhäusern längs der ungepflasterten, schmutzigen Hauptstraße. Mancher Fensterladen öffnete sich, und heraus schauten verschlafene Frauengesichter mit ungeordneten Haaren und starrten uns verständnislos nach. Ein frühaufstehender Krämer war eben dabei, seinen Laden zu öffnen; er unterbrach seine Beschäftigung, als er uns kommen sah, und fuhr erschreckt in die offenstehende Tür zurück, wie um sich zu verstecken. Die an den Wegkreuzungen wachestehenden Gendarmen grüßten militärisch. An den kleinen Fluß mit steilen, grasbewachsenen Ufern, der die Stadt durchschneidet und auf dem sich im Winter die Knaben von Troizkossawsk und Kiachta mit Schlittschuhlaufen vergnügen, führten einige Kosaken ihre Pferde, die sich bei unserer Vorbeifahrt erschreckt bäumten, zur Tränke. Eine vom Exerzieren zurückkehrende Truppe in ihren schweren, grauen Mänteln marschierte wieder in die Kaserne, bis zu den Knien mit Schmutz bespritzt. Die Soldaten machten halt und traten aus Reih und Glied, um uns besser sehen zu können, wobei die Bajonette über ihren Köpfen hin und her schwankten.

Auf dem Wege durch ein sibirisches Dorf.
Auf dem Wege durch ein sibirisches Dorf.

Auf dem Wege durch ein sibirisches Dorf.

Kaum waren wir außerhalb der Stadt, als uns die Straße, die mit einem Male zu einem schmalen Fußpfade geworden war, durch schweigende, dunkle Tannen- und Birkenwälder führte, in denen wir nichts hörten als das unaufhörliche laute Herniederrauschen des Regens. Wir zitterten vor Kälte in unseren triefenden Regenmänteln, in deren Falten das Wasser herunterrann.

War es möglich, daß wir der Mongolei noch so nahe waren, daß Maimatschen mit seiner Menge blaugekleideter Chinesen vom Jang-tse-kiang nur wenige Kilometer zurücklag? Die brennenden Wüsten, die weiten Steppen, auf denen Kamele und Antilopen in Freiheit leben, erschienen uns wie ein Traum. Der Wechsel war so plötzlich, daß er auf uns wie eine Gewalttat wirkte. Alles war verändert, die Landschaft, die Bevölkerung, das Klima. Wir fühlten uns wie durch einen Zauberschlag aus Asien heraus versetzt. Es war Rußland, das dasselbe ist an der Selenga wie am Dnjepr, an der Wolga wie an der Newa, Rußland, das sich innerhalb seiner Grenzen gleichbleibt, das weder asiatisch noch europäisch ist, das sich ebenso stark von China wie von Frankreich unterscheidet! Zar Alexander II. sagte, wenn ich mich recht entsinne, Rußland umfasse ein Sechstel der Erdoberfläche, und das ist wahr. Die wunderbare Gleichförmigkeit des Reiches macht es zu einem in der Welt allein dastehenden Staatsgebilde.

Der Wechsel entzückte uns. Wir fanden uns unvermutet in einer Umgebung, die der Heimat ähnlicher war.

Als wir aus den Wäldern herauskamen, erblickten wir Felder, umzäunt von rohen, aus jungen Kiefernstämmen hergestellten Gehegen, die erste Eigentumsteilung, das erste Anzeichen der Besitzergreifung des Landes, das wir nach Tausenden von Kilometern antrafen. Zwischen den Feldern standen schwarze, uralte Bauernhäuser. Der Regen verwischte die Farben in der Ferne, indem er einen dünnen Nebel über die Felder breitete, und ließ die Farben in der Nähe schärfer hervortreten; die vom Regen gebadeten Pflanzen erhielten eine unbeschreibliche Lebensfrische. Auch diese Wirkungen des Regens gefielen uns, die intensive Färbung, die Dunstschleier, an die unser Auge nicht mehr gewöhnt war; wir fanden bekannte Landschaftsbilder wieder. Wir begegneten Telegas; sie wurden von Muschiks in roter Bluse und Pelzmütze gelenkt, einige hatten an den Beinkleidern lange gelbe Streifen und trugen Militärmützen, es waren ausgediente Kosaken. Jeden Augenblick kamen Tarantasse vorüber, Lederkähnen auf vier Rädern ähnlich, die dauerhaftesten, aber auch unbequemsten Fuhrwerke der Welt, in denen man auf Stroh ausgestreckt liegt; gezogen wurden sie von alten Schindmähren, die von burjatischen Kutschern mit weitausholenden Peitschenhieben angetrieben wurden. Aller Augenblicke erschien eine Gruppe rohgebauter kleiner Häuschen neben der Straße; an dem größten war ein Wappen mit dem Doppeladler angebracht: es war ein Postamt. Da sauste der Postwagen, niedrig wie ein Schlitten, nach Art der Troika bespannt, im Galopp eine Anhöhe hinauf. Er kam von Ust-Kiachta. Die in ihre Mäntel gehüllten Reisenden, mit Pelzmützen bis über die Ohren, streckten neugierig die Köpfe heraus, um uns zu betrachten.

Die Straße war augenscheinlich von unseren Freunden in Kiachta fürchterlich verleumdet worden. Sie hatten uns so viel Schlechtes von ihr gesagt, daß wir sie schließlich beinahe vorzüglich fanden. Sie hatten einstimmig erklärt, sie sei schlimmer als die Straße nach Urga. Im Grunde war dies ganz natürlich; sie kannten ja die Straße nach Urga nicht, wohl aber die nach Werchne-Udinsk, und man ist leicht geneigt, von dem, was man kennt, Übles zu reden; was man nicht kennt, ist besser.

Wir fuhren über morastige Ebenen, gelangten glücklich über nicht immer leichte Aufstiege und nicht immer bequeme Abhänge, aber nirgends war etwas von Bogs oder von jenen so lebhaft geschilderten Abgründen zu entdecken. Ruhig und ohne Unterbrechungen fuhren wir unsere 20 Kilometer in der Stunde. Um 7 Uhr befanden wir uns in Ust-Kiachta an der Selenga. Wenige vom Wetter gebräunte Bauernhütten, eine kleine Kirche, eine lange schmutzige Straße. Und auf der Straße ein eleganter Polizeibeamter, die Brust mit Ehrenzeichen geschmückt, in einer Uniform von blendendem Weiß; er erwartete uns. Zwischen den Häusern erblickten wir das Wasser des Flusses.

„Wie kann ich Ihnen nützlich sein?“ fragte er höflich und grüßte, während das Automobil neben ihm hielt.

„Ist es möglich, die Straße nach Werchne-Udinsk zu verfehlen?“ fragte der Fürst.

„Nein,“ erwiderte der Beamte; „Sie brauchen nur der Telegraphenlinie zu folgen. Aber in Nowi-Selenginsk, etwa 65 Kilometer von hier, müssen Sie den Telegraphen verlassen und den Weg nach links einschlagen, um über die Selenga zu kommen; der Telegraph läuft am Ufer weiter.“

„Danke. Und ist eine gute Barke zum Übersetzen vorhanden?“

„Ja, aber ich fürchte, sie ist für das Automobil zu klein.“

„Wir werden ja sehen.“

„Wann beabsichtigen Sie in Werchne-Udinsk zu sein?“

„Heute abend.“

„Heute abend?“ fragte er verblüfft. „Aber es sind ja 250 bis 260 Kilometer von Kiachta! Wunderbar!“

„Wenn die Straße gut wäre, würden wir zu Mittag dort sein. Adieu und vielen Dank!“

„Wollen Sie nicht ein Glas Tee trinken?“

„Nein, danke!“

„Glückliche Reise!“

Im nächsten Augenblicke rief er:

„Wünschen Sie einen Führer? Einen Mann zu Pferd?“

„Nein, nein; es ist nicht nötig!“

„Folgen Sie nur dem Telegraphen!“

Wir folgten ihm auf grasbewachsenen Wegen, über weite Ebenen und bergauf über Hügel. Oft kamen wir an Stoppelfeldern vorüber, an Dörfern, die sich an den Fuß bewaldeter Anhöhen schmiegten — Anhäufungen von kleinen, schwarzen, gleichförmigen Holzhäusern, überragt von einer weißen Kirche mit spitz zulaufendem Turm und grünem Dache. In der Nähe der Häuser drehten Windmühlen langsam das graue Kreuz ihrer Flügel. Der Regen hatte aufgehört.

Die ersten sibirischen Dörfer, durch die wir kamen, erschienen uns entzückend. Der verführerische Reiz der Ruhe, der Zauber des Landlebens liegt über ihnen. Mit ihren kleinen, aus Baumstämmen gezimmerten, von Zäunen umgebenen Häusern, die untereinander durch Bretter verbunden sind, um trockenen Fußes unter freiem Himmel gehen zu können, wenn es regnet und die Straße schmutzig ist, machen sie einen äußerst malerischen Eindruck. Wir Bürger des Westens lieben das rohe Holz, die rohen, mit der Axt behauenen und zu Hauswänden gewordenen Balken, weil sie uns vom Walde, von seinem Schatten, von seinem Leben erzählen. Holz findet man überall in Sibirien, es ersetzt das Eisen, es ersetzt das Mauerwerk, liefert die Hausgeräte und oft die Arbeitswerkzeuge. Man könnte sagen, daß, wie es eine Stein- und Bronzezeit gegeben hat, es auch eine slawische Holzkultur gibt. All dies spricht uns an, weil es schlicht und einfach ist, dunkle, ferne Erinnerungen an ein primitives, aber freies Leben und die Sehnsucht danach in uns wachruft. Die Häuser mit dem überhängenden Dache, mit der von einem schmalen, über die Straße vorspringenden Vordache geschützten Tür, die zum Eintritt einlädt, mit den kleinen Fenstern, deren weißgestrichene Pfosten und Rahmen sich heiter von der dunklen Wand abheben, machen den Eindruck des Friedlichen und Heimeligen. Sie zeigen Blumen auf den Fensterbrettern und Vorhänge an den Fenstern und erwecken die Vorstellung eines gut behüteten Wohlstandes, der sich zu verteidigen weiß. Bald aber macht man die niederdrückende Erfahrung, daß das erste Dorf dem zweiten gleicht, das zweite dem dritten, das hundertste dem neunzigsten und so ins Unendliche fort. Die Häuser sind alle auf dieselbe Art gebaut, die Kirchen sehen sich ähnlich wie ein Ei dem andern. Alles ist nach einer und derselben Schablone angelegt: eine breite Straße, um die Gefahren der Feuersbrünste zu verringern, und zu beiden Seiten von ihr die Wohngebäude; hinter den Wohnhäusern die Stallungen; in der Mitte des Dorfes, auf einer Wiese, die Kirche. Nichts, was einen Unterschied bieten könnte zwischen dem einen Dorfe und dem andern, den Namen ausgenommen!

Bei jedem Turme, der sich in der Ferne zeigt, hegt man die trügerische Erwartung einer Abwechslung. Die Kirche erscheint größer als die bisherigen, das Dorf schöner, und man wünscht, rasch hinzukommen, voll neubelebten Interesses und getrieben von dem Wunsche, etwas anderes als das ewige Einerlei zu sehen. Aber das Dorf gleicht doch den Nachbardörfern und auch denen, die in weiter Ferne liegen, wie ein Soldat dem andern. Rasch ruft die Gleichförmigkeit Eintönigkeit hervor und die Eintönigkeit Melancholie. Man denkt an die meisten Dörfer Italiens, von denen jedes seine besondere Physiognomie, seinen besonderen Gesichtsausdruck, seine besondere Persönlichkeit hat, die schon von weitem ruft: „Das bin ich!“

Einige Stunden führte uns die Straße von der Selenga ab in das kahle Tal ihres Nebenflusses Tschiko, den eine üppige Vegetation kenntlich macht. Nicht weit von der Mündung des Tschiko stoßen wir wieder auf die Selenga, deren weiße, milchige Fluten von üppigen, sich über das Wasser neigenden Gebüschen umrahmt sind. An dem Ufer stehen einige Bauernhütten, die aussehen, als ob sie den Fluß überschreiten wollten, um Nowi-Selenginsk zu erreichen, dessen weißen Kirchturm wir in wenigen Werst Entfernung über die Bäume hervorragen sahen.

Hier war der Ort unserer Einschiffung. Auf dem Flusse kam ein kleines, aus klaffenden Brettern verfertigtes Fahrzeug in Sicht. Wir stiegen ab. Die Barke befand sich auf dem andern Ufer des Flusses, wohin sie eine Telega befördert hatte, die in diesem Augenblicke zwischen den Gebüschen verschwand. Zwei alte Männer mit dichten, wirren Bärten näherten sich, begleitet von einigen barfüßigen Mädchen, die uns furchtsam betrachteten und bei unserem Nahen die Flucht ergriffen. Einer der Alten fragte, ob wir übersetzen wollten.

„Ja. Wird die Barke uns tragen?“

„Wieviel wiegt der Wagen?“

„120 Pud.“

„Das ist viel. Aber sie trägt sie, wenn nur der Wagen auf der Barke Platz hat.“

Sibirisches Dorfpublikum.
Sibirisches Dorfpublikum.

Sibirisches Dorfpublikum.

Er rief mit lauter Stimme den Bootsleuten zu. Die Barke setzte sich in Bewegung, getrieben von zwei langen Rudern, deren jedes von zwei Ruderern gehandhabt wurde, durchquerte den Fluß in schräger Richtung und legte an der Landungsbrücke an. Es war eine Fähre ohne Seitenwände, eine Art schwimmender Plattform. Wir maßen die Breite mit Schritten. Das Automobil hatte nur schräg darauf Platz. Wie sollten wir es auf die Fähre bringen? Mit der Kraft der Arme oder mit dem Motor? Würde die Landungsbrücke das Gewicht aushalten? Damals erschienen uns diese Fragen sehr schwer lösbar: wir machten unser erstes Schiffsmanöver durch.

Da wir über ein sicheres Auge und eine genaue Kenntnis der Maschine verfügten, konnten wir uns mit Hilfe des Motors einschiffen. Ettore ergriff das Steuerrad, ließ das Automobil rückwärtsgehen und schickte sich an, die Räder an den Punkten, die ihm der Fürst auf den Brettern bezeichnet hatte, den Punkten der größten Widerstandskraft, hinüberzuleiten.

„Fertig? Vorwärts!“ sagte Don Scipione.

Das Automobil fuhr an und sprang auf die Landungsbrücke, die von oben bis unten erzitterte. Die Bretter gaben nach und bogen sich wie Sprungfedern, als die Räder darüberfuhren. Die Vorderräder kamen auf die Fähre zu stehen. Aber in diesem Augenblicke bewirkte das große Gewicht der Maschine, das nur von einer Seite der Landungsbrücke getragen wurde, daß die Fähre sich unvermutet bis zum Wasserspiegel hinabneigte. Das Automobil befand sich mit den Vorderrädern um einen halben Meter tiefer als mit den Hinterrädern, die noch auf der Brücke standen. Ettore bremste. Die Seile, die die Barke festhielten — dünne Stricke — knarrten; wären sie gerissen, so hätte sich die Fähre vom Ufer entfernt, und das Automobil wäre ins Wasser gefallen. Die Seile wurden rasch verdoppelt, und die Bootsleute hielten sie gespannt. Die Maschine befand sich in einer Lage, die ein Zurück unmöglich machte. Sie ging entschlossen vorwärts und wandte sich nach rechts, um schräg auf die Plattform zu kommen. Auch die Hinterräder gelangten hinauf, und der Wagen nahm wieder seine wagerechte Stellung ein, ein wenig näher dem Wasser, aber vollkommen im Gleichgewicht. In dem Augenblicke, in dem das Automobil ganz an Bord kam, stießen die Russen einen Schreckensruf aus. Als sie den Wagen im Schwunge vorschießen sahen, hatten sie geglaubt, er würde seinen Lauf nicht mäßigen können und auf der andern Seite ins Wasser stürzen. Aber die kluge Maschine war mit einem Ruck in der richtigen Stellung stehengeblieben, als sei sie von dem langsam und sicher arbeitenden Arme eines Krans dorthingestellt worden.

Später machten Zufälle dieser Art auf uns keinen Eindruck mehr; wir gewöhnten uns an wackelige Landungsbrücken, an alte, aus den Fugen gehende Barken, an die mit Exaktheit gepaarte Kühnheit des Automobils.

Die Fährleute tauchten die Ruder ins Wasser und begannen kräftig zu rudern; hinter ihnen lehnte sich der Alte, eine kurze Pfeife zwischen den Zähnen, gegen das Steuer. Bei einer Wendung des Flusses sahen wir mit einem Male ein Dampfboot auftauchen.

Ein Ausruf des Staunens und der Befriedigung entfloh unseren Lippen. Mit liebevoller Bewunderung betrachteten wir das kleine alte Schifflein, das in der Richtung auf Ust-Kiachta stromaufwärts fuhr, mühsam durch den hohen Schornstein atmend, getrieben von einem großen Schaufelrade am Heck, das ihm das Aussehen einer fahrenden Wassermühle verlieh. Es war das erste Dampfboot, das wir nach so langer Zeit wiedersahen. Wir begrüßten in ihm einen bescheidenen Pionier der Zivilisation, einen vorgeschobenen Posten der gewaltigen Kraft, die die Weltteile erobert, einen Freund, den wir um Hilfe hätten bitten können. Es stellte für uns eine Verbindung mit dem Westen dar, dem wir entgegenfuhren. Seine Sirene heulte, um uns aufzufordern, ihm den Weg freizugeben, und diese Stimme hallte seltsam wider in dem von der Kultur abgeschnittenen Tale. Der Dampfer entfernte sich langsam, und wir betraten, geschaukelt von den Wogen, die er hinter sich erregt hatte, das andere Ufer des Flusses.

Einer der Fährleute zeigte uns den Weg; in der Nähe des Flusses lagen Sümpfe. Wir kamen mit leichter Mühe an ihnen vorbei und fuhren dann durch Nowi-Selenginsk, ein Dorf, das etwas größer war als die übrigen, eine Schule, eine Apotheke und mehrere kleine Läden mit verstaubten Fenstern besitzt. Beinahe unbemerkt passierten wir es auf seiner breiten, öden, grasbewachsenen Straße, und erst später, als wir wieder in die Ebene einmündeten, verbreitete sich die Nachricht unserer Durchfahrt von Haus zu Haus. Wir hörten hinter uns erregte Stimmen einander zurufen und Antwort geben, Fensterflügel heftig aufreißen, und sahen, wie Leute eiligst aus den Häusern stürzten, auf der Straße stehenblieben und uns nachblickten, während wir verschwanden. Wir überstiegen eine Reihe kahler Hügel, die noch frei von der Herrschaft der Menschen sind, und ließen die Selenga ostwärts liegen. Eine weite ruhige Wasserfläche bot sich in einem Tale unseren Blicken dar: es war der Hussin-See. Nicht ein einziges Dorf lag an seinen Ufern. Kein Nachen hat ihn je durchfurcht; es sind aber die letzten Jahre seines einsamen Schlummers. Die slawische Einwanderung nähert sich ihm langsam.

Nur selten trafen wir Postämter an, die sich stets zwischen zwei Hügel geflüchtet hatten, als fürchteten sie allein zu sein. Aber bald stiegen wir in ein Tal hinab, das von einem neuen Volke in Besitz genommen worden ist. Auf einer Strecke von 95 Kilometern, bis nach Werchne-Udinsk, durchquerten wir einen aufblühenden Landstrich. Die ganze Gegend an der unteren Selenga ist grün von neuen Ansiedelungen und Weiden, voll von Schaf- und Rinderherden, übersät mit Dörfern, erobert von der Arbeit des Menschen. Vor sieben Jahren war sie nur von einigen Burjatenfamilien bewohnt. Die Eisenbahn ist es, die dieses Wunder bewirkt hat. Die Ausbeutung Sibiriens hat begonnen.

Wenige Gegenden selbst des europäischen Rußlands zeigen sich so bevölkert und reich wie jenes abgelegene Tal Transbaikaliens, das vor nicht langer Zeit von Moskau eine Jahresreise entfernt war. Jetzt dauert die Reise 15 Tage. In diesem Unterschiede liegt das Geheimnis dieser wunderbaren Umwandlung. Die Entfernungen schwinden. Die unermeßlichen jungfräulichen Länder des slawischen Asiens haben sich dem Volke genähert, sich seinen arbeitsgewohnten Armen dargeboten. Die Eisenbahn sät Spannkräfte; auf fruchtbare Triften pflanzt sie die Arbeit. Massen von Landleuten ziehen dort hinaus, um sich eine neue Heimat zu gründen. Ganz Sibirien erwacht zum Leben. Fast unbekannte Landstriche, die nichts weiter waren als geographische Namen, werden allmählich zu Reichen, die sich dem Russischen Reiche angliedern werden.

Wir fuhren durch ganz neue Dörfer in der frischen Farbe des Holzes, die noch den Duft des Harzes der erst vor kurzem im Walde gefällten Stämme ausströmten. Die zuletzt angekommenen Landleute waren noch mit dem Bau ihrer Häuser beschäftigt und arbeiteten eifrig, um sie beim Eintritt der ersten Kälte fertig zu haben. Auch fern von der Straße, im Tale und auf den Abhängen der Hügel verstreut, bemerkten wir mitten im Grünen andere kleine Orte, aus denen sich die schlanken Kirchtürme erhoben.

Man arbeitete auf den Feldern. Es begegneten uns mit Heu beladene Telegas. Herden von Pferden und Rindern weideten selbst im Innern der Dörfer. Wir aber brachten unter diesen Herden eine Verwirrung ohnegleichen hervor: Pferde und Rinder scheuten und flüchteten vor dem Automobil; die Kinder, deren Spiele die Straße heiter belebten, liefen erschreckt in die Häuser zurück; die Frauen, barfuß, ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen, beeilten sich, Hühner, Gänse und Schweine, ihre sämtlichen lebenden Schätze, in Sicherheit zu bringen; sie nahmen sich nicht die Zeit, nachzusehen, welche Gefahr ihnen eigentlich drohte. Es war ein Durcheinander von Geschrei und Flügelschlagen, von Gewieher und Hundegebell — kurz der Lärm eines aus seiner Ruhe aufgestörten Dorfes. Nur die Männer blieben unbeweglich und schweigsam. Verblüfft von der seltsamen, flüchtigen Erscheinung, unterbrachen sie ihre Arbeit und grüßten uns ehrfurchtsvoll, indem sie ihr blondes langhaariges Haupt entblößten und sich verbeugten. Sie verstanden nichts von jener unbekannten Macht, aber sie demütigten sich vor ihr. Wer mächtig ist, kann schaden; ihn zu grüßen, ist ein Zeichen, daß man sich mit ihm verbündet erklärt.

An manchen Punkten gewann die Landschaft ein malerisches Aussehen. Bald unterbrachen kleine von Fischerbooten durchfurchte Teiche mit ihren buchtenreichen Ufern die Ebenen der Felder und bildeten in der weiten Ebene glänzende himmelblaue Flächen; bald schlängelten sich klare Wasserläufe, beschattet von grauen Weidenbäumen, in ruhigen mäandrischen Windungen dahin und drehten die Räder einsamer Mühlen. Auf dieser Straße stießen wir noch auf Spuren Asiens, die letzten Anzeichen seines Rückzuges vor der weißen Einwanderung, auf Obos wie in der Wüste.

Sibirische Fähre.
Sibirische Fähre.

Sibirische Fähre.

Es waren keine mongolischen, sondern burjatische Obos. Der Unterschied ist verschwindend. Der Burjate ist nur ein zur Hälfte russifizierter Mongole. Er spricht russisch, kleidet sich wie ein Muschik, trägt eine mongolische Mütze und mongolische Stiefel, bewohnt eine Isba, glaubt an Buddha, ist dem Zar ergeben, raucht aus einer chinesischen Pfeife und trinkt Wodka: das ist der Burjate. Der Hauptunterschied zwischen ihm und seinem Bruder in der Wüste besteht darin, daß er ab und zu den Boden bearbeitet, der Mongole aber nie. Der Burjate hat in der Tat den ersten Schritt zur Zivilisation getan: er ist ansässig geworden. Der Nomade wird immer Barbar bleiben. Die Zivilisation beginnt erst dann, wenn sich das Zelt in ein Haus verwandelt. Und wir sahen zwischen den vielen slawischen Dörfern auch burjatische. Auf ihren Holzhäuschen wehten kleine weiße Fahnen, vielleicht jene Gebetsfahnen, die bei ihrem Hin- und Herflattern die auf ihnen enthaltenen Gebete der Luft anvertrauen. Auch auf den Obos waren die heiligen Flaggen gehißt, und oft erhob sich mitten auf ihnen ein Baum, dessen Zweige mit Papierbändern geschmückt waren, die sich im Winde bewegten. Etwa 50 Kilometer von Werchne-Udinsk bemerkten wir zu unserer Rechten in weiter Ferne ein Lamakloster: eine Gruppe von Gebäuden mit chinesischen Dächern, die grün angestrichen waren wie die der orthodoxen Kirchen. Werchne-Udinsk ist der Mittelpunkt, die Hauptstadt des zerstreut wohnenden Burjatenvolkes, wie Kasan der Mittelpunkt der Tataren ist. Die Nähe der Stadt wurde uns vor allem dadurch angekündigt, daß wir zahlreichen Burjaten begegneten, die zu Pferd vom Markte heimkehrten; sie waren in Gruppen vereinigt, um sich im Notfalle besser verteidigen zu können. Sie grüßten uns nicht.

Um 6 Uhr abends gelangten wir auf den Gipfel eines Hügels. Der Umkreis des bergigen Horizontes tat sich vor unseren Blicken auf, und unser Auge schweifte über das weite Tal der Uda. In der blauen, verschleierten Tiefe der Ferne ahnten wir den Lauf der Uda, die nach Osten strömt, um sich mit der Selenga zu vereinigen und sich mit ihr in den nahen Baikalsee zu ergießen. Am Fuße der entfernteren, mit dichten Wäldern bestandenen und daher dunkleren Höhen bemerkten wir einen undeutlichen weißen Schimmer von Gebäuden, aus denen sich die dünnen Linien der Türme und spitzen Giebel erhoben: es war Werchne-Udinsk, welche Stadt an dem Zusammenfluß beider Ströme gegründet worden ist. Wir betrachteten sie lange, bevor wir in die Ebene hinunterstiegen und sie aus dem Gesicht verloren, und dachten dabei an die Wichtigkeit, die sie für uns hatte.

Werchne-Udinsk war nicht nur eine Etappe; es war das Ende eines langen Reiseabschnitts. Es war ein Wendepunkt. Von Peking an hatten wir eine nordwestliche Richtung eingeschlagen, und Europa lag westlich von uns. Die ganze zurückgelegte Strecke hatte uns unserem Ziele nur sehr wenig nähergebracht. In Werchne-Udinsk würden wir endlich auf einmal unser Gesicht dem Westen zukehren. Von hier aus begann die geradlinige Fahrt auf den Sonnenuntergang zu, der uns den Weg der Rückkehr in einer wahren Glorie von Licht erscheinen ließ.

Die Straße wurde schlecht. Wir sanken in tiefe Löcher ein und mußten durch Moräste hindurch. Wir durchquerten Wassertümpel, die wir erst mit den Füßen sondieren mußten, um uns von der Festigkeit des Grundes zu überzeugen. Wir wußten, daß wir auch über die Selenga auf einer Fähre übersetzen mußten, und suchten den richtigen Weg nach dem Übergangsort mitten in einem Gewirr von Pfaden, die von tiefen Radspuren herrührten. Die Ebene war sumpfig, unbebaut, bewachsen mit Zwergweiden, Binsen, der ganzen Vegetation der Sümpfe. Kleine Flüsse durchzogen sie in Schlangenwindungen; wir überschritten diese auf Holzbrücken, die aussahen, als seien sie vor vielen Jahren provisorisch angelegt und dann vergessen worden. Wir waren mit der Überwindung all dieser kleinen Schwierigkeiten beschäftigt, als ein langes, schrilles, lautes Pfeifen an unser Ohr klang, das wir sofort erkannten, und das uns freudestrahlend das Gesicht sofort nach der Richtung wenden ließ, aus der es ertönt war.

„Der Zug!“ riefen wir aus. „Der Zug!“

Wir erkannten deutlich die Linie der transsibirischen Eisenbahn jenseits der Selenga mit den roten Häuschen der Bahnwärter und den Telegraphenstangen, die am Fuße kiefernbedeckter Hügel entlang lief.

Zwischen den Bäumen schwebte ein weißes Rauchwölkchen hin und verlor sich in dem Kiefernwalde, begleitet von lautem, unaufhörlich wachsendem Dröhnen. Rasch brauste der Zug heran. Der Sieger, der Triumphator, der Eroberer Asiens fuhr vorüber! Er eilte auf Irkutsk, in der Richtung auf Europa zu. Er verband uns mit Europa. Ich weiß nicht, wie stark auf uns die Reise, das langandauernde Gefühl der Einsamkeit und der Abgeschlossenheit wirkten, Tatsache ist, daß der einfache und so gewöhnliche Anblick eines Eisenbahnzuges uns als etwas Neues und voll tiefer, unsagbarer Bedeutung erschien. Und in einem Ausbruche der Begeisterung begrüßten wir ihn mit einem stürmischen „Evviva!“

Einbooten.
Einbooten.

Einbooten.

Die Fähre, die uns bald darauf von dem linken Ufer der Selenga auf das rechte übersetzte, war ganz verschieden von der, die wir am Morgen benutzt hatten. Sie bestand aus einer Plattform, die groß wie ein Tanzsaal war; sie beförderte ein Dutzend Telegas samt ihren Pferden auf einmal hinüber und würde mit Leichtigkeit auch eine Lokomotive getragen haben. Sie wurde durch die Kraft der Strömung selbst in Bewegung gesetzt. Wir fanden sie damit beschäftigt, die Wagen überzusetzen, die vom Markte in Werchne-Udinsk zurückkehrten, und die sich auf dem rechten Ufer angesammelt hatten, geduldig wartend, bis die Reihe an sie kam. Es war spielend leicht für unsere Maschine, sich einzuschiffen, die Fähre zu verlassen, in rascher Fahrt die steile Uferböschung hinaufzufahren und bald darauf in der Stadt einzutreffen, die sich zwischen der Uda und Selenga ausdehnt. Über und über weißglänzend bietet sie ein lebhaftes, malerisches Bild von jenem orientalischen Anstrich, den fast alle russischen Städte infolge der großen Zahl von Kuppeln auf den Kirchen und der spitzen, den Minaretts gleichenden Glockentürme haben.

Wir fuhren durch den Triumphbogen, und als wir auf die Hauptstraße gelangt waren, machten wir uns sofort auf die Suche nach unserem Benzinvorrat.

Der Triumphbogen fehlt in keiner dieser sibirischen Städte, die an der uralten Straße nach dem Stillen Ozean liegen. Natürlich ist er wie die Häuser, die Kasernen und die Kirchen stets von Holz, wenn er auch mitunter dem Marmor oder sonstigem Gestein täuschend ähnlich sieht. All diese Bogen wurden bei Gelegenheit des Aufenthaltes des jetzigen Zaren (damals war er Thronfolger) auf seiner Rückreise von Wladiwostok, wo er die transsibirische Bahn eröffnet hatte, errichtet. Nikolaus II. ist vielleicht der einzige russische Kaiser, der sein ganzes Reich bereist hat. Dies Ereignis verdiente wohl, daß man durch Triumphbogen daran erinnerte, selbst wenn sie nur aus Holz waren.

Wir fanden nirgends eine Spur unseres Depots. Aber der größte Drogenhändler willigte darein, uns all sein Benzin zu verkaufen — etwa 50 Liter, die beinahe den gesamten Vorrat des Ortes und der umliegenden Landstriche darstellten. Dort draußen wird das Benzin viel verwendet, aber nur tropfenweise, weil es noch nicht über die erste Periode seiner sozialen Tätigkeit, die der Fleckenentfernung, hinausgekommen ist!

Werchne-Udinsk ist eine Soldatenstadt, das große militärische Zentrum Transbaikaliens. Hier sahen wir die neuen Felduniformen des russischen Heeres, deren Einführung nach Beendigung des japanischen Krieges beschlossen wurde, nachdem die Sichtbarkeit der bisherigen Uniformen die furchtbaren Menschenverluste verschuldet und in nicht geringem Maße zu den Niederlagen in der Mandschurei beigetragen hatte. Jetzt steht an allen Grenzen der Kosak in der Khakiuniform Wache: eine große Tradition geht unter. Am Abend ertönten Trompetensignale aus den weißen Kasernen der oberen Stadt; Patrouillen durchstreiften die Straßen mit geschultertem Gewehr; Säbel- und Sporenrasseln hallte von den hölzernen Fußsteigen wider; zahlreiche Schildwachen zogen vor den Toren der öffentlichen Gebäude und der Banken auf. Als ich zum Telegraphenamte kam, fand ich es militärisch besetzt; Soldaten an der Pforte, Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett in dem kleinen, für das Publikum bestimmten Raum, in den Diensträumen, vor dem Geldschrank. Ich glaubte meine Depeschen im Vorzimmer eines Gefängnisses niederzuschreiben.

Wir wohnten in dem besten Gasthaus, einer alten, aus Holz erbauten Herberge mit gewaltigen Öfen und Betten ohne Leintücher, die einen muffigen Geruch ausströmten, als seien die Ausdünstungen aller derer, die hier gewohnt hatten, darin zurückgeblieben. Seit Hsin-wa-fu hatten wir nicht mehr in einem Gasthause geschlafen. Schlafen ist in der Tat ein übertriebener Ausdruck. Denn es hatte den Anschein, als sei ein Heer gewisser kleiner Tierchen völlig an das Insektenpulver gewöhnt; sie hatten die Giftfestigkeit des Mithridates erlangt. Das Automobil ruhte in dem kleinen Hofe aus, in einem dem Einsturz nahen Schuppen, umgeben von leeren Fässern, Wagen, Kisten und Hühnern.

Um 3 Uhr früh waren wir schon wieder auf den Beinen und tranken schweigend ein Glas Tee. Es war bereits hell. Wir befanden uns auf dem Höhepunkte der hellen Nächte.

Es regnete.

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