← Table of contents
Peking-Paris im Automobil

Drittes Kapitel.

Reading edition

Zur Großen Mauer.

Die Weisheit der Unwissenheit. — Auf den Brücken von Kambaluk. — Unsere Kulis. — In Nankou. — Das heilige Tal. — Die Große Mauer in Sicht.

Eine Polizeiverordnung hatte genügt, um den gewaltigen, vielgestaltigen Verkehr Pekings auf unserem ganzen Wege von acht Kilometer Länge zum Stillstand zu bringen. Die rohen zweirädrigen Wagen, das öffentliche Verkehrsmittel der Stadt, warteten zur Seite und stauten sich an den Kreuzungen und Mündungen der großen Seitenstraßen. Die Menge, an Zucht und Gehorsam gewöhnt, stand längs der endlosen Zeilen niedriger Gebäude und elender Hütten, von denen die Hauptverkehrsadern Pekings eingefaßt werden, in Reihen aufgestellt, mit dem Rücken an die schwarzen, rauchigen Schenken gelehnt, aus denen ein warmer Knoblauchgeruch den Vorübergehenden entgegenschlug; sie drängte sich auf den Schwellen der Kramläden mit ihren Fassaden aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holz, von denen herab eigenartige Schilder, Drachen, Fransen von roter Seide, lackierte Tafeln mit Goldbuchstaben in die Straße hineinhängen: kurz jener ganze kennzeichnende Wirrwarr von Farben und Formen, der die chinesischen Geschäfte wie zu einem täglichen Feste schmückt, ein Wirrwarr, der sich unter lautem Geräusch bewegt, schaukelt und hin und her schwankt.

Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.
Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.

Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.

Auf den Straßen befand sich die gewohnte kaufende und handeltreibende Bevölkerung, sorglos und von malerischem Aussehen, wie sie sich alle Tage einfindet, nicht eine Menge, die eigens zu dem Zwecke gekommen war, um uns zu sehen. Das Schauspiel einer Automobilfahrt ließ die guten Pekinger völlig kalt. Es waren Zuschauer ohne Neugier und ohne Feindseligkeit. Viele würdigten uns kaum eines Blickes. Es schien, als hätten sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gesehen. Wir empfanden beinahe ein Gefühl der Demütigung darüber. Wir hatten erwartet, in der Bevölkerung die Äußerungen größten Staunens hervorzurufen, statt dessen bemerkten wir nur Äußerungen einer erhabenen Gleichgültigkeit. Die Wunder unserer Zivilisation genießen nicht einmal die Ehre, die Aufmerksamkeit eines chinesischen Straßenjungen zu erregen. Es gibt nichts Europäisches, das einen Sohn des Himmels überraschen könnte. Es herrscht dort draußen die Ansicht, daß wir Zauberkräfte besitzen, geheimnisvolle Eigenschaften, mittels deren wir Organismen von Stahl, die zu jeder Arbeit fähig sind, beleben können; die Sache geht mit natürlichen Dingen zu, und es ist also nichts zum Verwundern dabei.

Es gibt zwei Klassen in der Welt, die nichts bewundern: die großen Gelehrten, die alles kennen, und die gänzlich Unwissenden, für die alles ein Geheimnis ist. Der völlig Unwissende findet alles unerklärlich; alles übersteigt sein Fassungsvermögen, nichts setzt ihn in Erstaunen, weil alles ihn in Erstaunen setzen müßte. So ist der Chinese. Er besitzt die gemächliche Philosophie der Unkenntnis, erfreut sich des heiteren Friedens der Unwissenheit und hat darin das wahre Geheimnis des Glückes gefunden. —

Wir sind durch ein Labyrinth von Gäßchen rasch auf die Nordseite der Kaiserstadt gelangt. Chinesische Polizisten in ihrer mit weißen Inschriften bedeckten Jacke und den Strohhut elegant auf dem zu einem Chignon gewickelten Zopfe tragend, zeigten uns mit der Spitze ihres langen Stabes den richtigen Weg. Oben bemerkten wir einen Augenblick in der Ferne die gelbe Umfassungsmauer der Kaiserstadt, die zierlichen Pagoden des Mei-schan, des „Kohlenbergs“, eines Berges, den die Laune eines Kaisers in seinem Garten errichtet hatte, um von da aus die ganze Stadt zu beherrschen. Und bald darauf befinden wir uns unter den gewaltigen Außenmauern, unter den riesenhaften, drohenden Bastionen des Doschmen, die von einem jener hohen, die Tore Pekings verteidigenden Kastelle überragt werden. Dieser Bau, halb Festung, halb Tempel, öffnet gegen die Ebene die dreifache Reihe seiner Schießscharten, die ihn wie die Breitseite einer alten Fregatte erscheinen lassen. Im Torwege müssen wir langsam fahren wegen des holprigen Pflasters, das von der Zeit mitgenommen und von den Rädern der Wagen tief ausgefahren ist, eines Pflasters, welches an das in Pompeji erinnert. Um uns her lärmt das Leben der Vorstädte, elend, heiter, sorglos.

Jetzt beginnt die Landstraße, die sich zwischen prächtigen Gärten hinzieht, aus denen Bäume herüberragen, gleich als ob sie den Vorübergehenden Schatten und Früchte bieten wollten. Die Automobile, die uns vorausfahren, ein „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“, halten. Wir tun dasselbe. Fürst Borghese wird ersucht, vorzufahren.

Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.
Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.

Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.

Die „Itala“ setzt sich in Bewegung, und bald entschwindet infolge der Unebenheit des Geländes und der dichtstehenden Bäume Peking unseren Blicken.

Jetzt erst kommt es uns in den Sinn, nach der Uhr zu sehen. Unsere Abfahrt hatte sich verzögert: es ist 9 Uhr 25 Minuten. —

Der Weg schlängelte sich nach Norden, sandig, unregelmäßig, von Zeit zu Zeit von Bächen unterbrochen. Bald waren diese breit wie ein Flußbett, bald von dem Grün der Felder überwuchert, bald verloren sie sich in dichten Hainen, deren alte Bäume Gräber und heilige Inschriften überschatten, die auf große, aus dem hohen Grase emporragende Steine eingemeißelt sind. Wir fuhren nicht rasch. Das Automobil stieß, schwankte; es mußte abwärts, aufwärts und in schiefer Haltung fahren infolge der leichten Unebenheiten und der wellenförmigen Beschaffenheit des Geländes; es durchschnitt den Sand mit den Bewegungen einer Katze.

„Diese bestienartigen Bewegungen gefallen mir“, rief Don Livio.

Aber die Bestie schien uns mehr als einmal von unseren Sitzen herabwerfen zu wollen, so daß wir uns mit aller Kraft festhalten mußten. Zwischen unseren Füßen sahen wir die durch nichts verdeckte Kardanwelle sich mit wirbelnder Geschwindigkeit um sich selbst drehen; wir befanden uns in unmittelbarer Berührung mit der Maschine, und unter uns flog die Straße in verwirrendem Anblick hinweg, dem schwindelerregenden Abwickeln eines Bandes vergleichbar. Das Geschwindigkeitsgetriebe fegte mit seiner rasenden Schnelligkeit, die einen musikalischen Ton erzeugt, über den Boden und wirbelte den Staub auf, der in Wolken zwischen den Achsen, den Transmissionen aufstieg und uns von unten her umringte und einhüllte.

Man konnte nicht rasch fahren, und der Motor erhitzte sich. Das Automobil ist wie eines jener feurigen, lebhaften Rosse, die, wenn sie durch den Zügel zurückgehalten werden, schwitzen, schnauben und sich unbehaglich fühlen, und die, wenn man sie Galopp gehen läßt, sich zu erholen scheinen. Außerdem hatte der Motor mit dem Widerstande des Sandes zu kämpfen. Wie ein Hauch entströmte der Dampf zischend dem Verschluß des Auspuffs. Wir mußten halten und frisches Wasser auffüllen. Wir baten die Landleute darum, und sie holten es uns aus den zahlreichen Brunnen in der Nähe ihrer Lehmhäuschen, der armseligen Wohnungen des chinesischen platten Landes, die sich in den Schatten hoher Bäume schmiegen, wie um Schutz zu suchen, und die, umgeben von der Arbeit und dem Segen der Felder, einen so beneidenswerten Eindruck von Zufriedenheit und Ruhe machen. Mit Eimern, die sie an Stangen im Gleichgewicht trugen, kamen die Landleute herbei, ohne dem Automobil mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als wenn es von einem Maultiere gezogen worden wäre.

Wir durchfuhren schmutzige, lärmende Dörfer, die von einer halbnackten Bevölkerung wimmelten; die Sommerkleidung des armen Chinesen besteht oft nur aus einem Paar Beinkleidern und einem Fächer. Wir fragten im Vorbeifahren nach dem Namen des Landstriches, um sicher zu sein, daß wir keinen falschen Weg einschlugen.

„Ist dies Örr-li-tien?“

Die Leute verneigten sich zum Zeichen der Bejahung und bestätigten mit naiver Freude, daß sie unsere Frage verstanden hatten, indem sie mit dem geschlossenen Fächer auf die flache Hand schlugen. Wir fragten weiter:

„Wie weit ist Tsing-ho-pu entfernt?“

Dies ist keine Erkundigung, auf die man in China nur eine einzige Antwort erhalten kann.

„Fünf Li“ (1 Li = 442 Meter), rief uns ein alter Mann zu, indem er uns die fünf Finger seiner ausgestreckten Hand zeigte.

Einer der Nebenstehenden hob jedoch mit derselben Mimik nur drei Finger in die Höhe. Und ein anderer rief in überzeugtem Tone:

„Acht Li!“

„Drei, fünf oder acht?“ fragten wir, mit einer gewissen Ungeduld das Automobil anhaltend.

Unsere Gewährsmänner traten aus Vorsicht einen Schritt zurück und wünschten uns mit einem höflichen Lächeln glückliche Reise.

Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.
Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.

Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.

Am Flusse Tsing-ho begegneten wir der ersten Schwierigkeit. Die alte Brücke, die über ihn führt, war für das Automobil fast ungangbar. Wir suchten eine Furt, wir durchstreiften das Ufer nach allen Richtungen in der Hoffnung, die Spuren einer Übergangsstelle zu entdecken. Nichts, es gibt nur einen Weg, und der führt über die Brücke.

Es ist eine monumentale Brücke, eine von jenen, die die europäische Überlieferung auf die Tätigkeit Marco Polos im 13. Jahrhundert zurückführt, die aber vielleicht nicht älter ist als die von 1368 bis 1644 herrschende Mingdynastie, ein herrliches Kunstwerk, ganz aus Marmor. Die mit Reliefs geschmückten Brüstungen, von einer Zierlichkeit, die etwas Europäisches an sich hat und die die Überlieferung rechtfertigen könnte, verbinden in anmutigem Schwunge die beiden Ufer. Sie bilden einen Bogen von einzigartiger Formenfülle, ein weißschimmerndes Gerüst, einen stolzen Übergang, der sich einsam mitten in der unberührten Rauheit eines Landes erhebt, das seine alte Leidenschaft für das Schöne und Große vergessen hat. Riesige Marmortafeln bilden das Pflaster der Brücke; aber der Verkehr hat sie abgenutzt und zerbrochen, die Zeit hat ihren Zusammenhang gelockert. Es hat den Anschein, als habe eine langsame Erdbewegung im Laufe der Jahrhunderte diese Steinplatten aus ihrer Lage gebracht, indem sie sie wie Grabplatten emporzuheben suchte. Man möchte sagen, die Brücke sei nie mehr von den Händen eines Künstlers oder Handwerkers berührt worden, seit Peking Chan-baligh, „Stadt des Chan“, hieß, und Marco Polo sie Kambaluk nannte. Mit welcher Liebe für die Geschichte und die Kunst hätten wir diese Reliquie betrachtet, wenn wir sie nicht mit einem Automobil von 50 Pferdekräften und 1500 Kilogramm Gewicht hätten überschreiten müssen!

Nun aber sind die Anfahrtsböschungen zu der Brücke verschwunden, weggeschwemmt von den Hochwassern, zerfressen von den Regengüssen, Stück für Stück entfernt durch den Übergang von Millionen von Menschen, von dem Strome der Menschheit, der sich vielleicht 600 Jahre lang über jene Marmorplatten ergossen hat. Und jetzt gelangt man zur Brücke auf steilen Pfaden, auf denen wankende Steine hohe Stufen bilden. Beinahe das ganze Niveau der Ebene ringsum hat infolge von Überschwemmungen sich gesenkt, und nur die Brücke ist stehengeblieben zum Zeugnis der Höhe, bis zu welcher sich das chinesische Land erhob, als noch der ruhmreiche Kublai Chan herrschte.

Sollen wir unsere Kulis suchen lassen, sollen wir unseren Wagen von ihnen mit Seilen über die Grabplatten der Brücke ziehen lassen? Der Fürst will nicht so bald vor dem Hindernis zurückweichen, er geht rundherum, beobachtet, studiert und macht Punkte ausfindig, auf denen es den Rädern möglich ist durchzukommen. Die Schutzwände, auf die wir uns so viel zugute taten, werden abgenommen und auf die Stufen gelegt, um als Fahrgeleise zu dienen. Ettore, der Befehle gewärtig, ergreift das Lenkrad, läßt die Maschine 50 Meter zurückgehen und wartet. Es beginnt zu regnen, und die nassen Steine glänzen.

„Vorwärts!“ kommandiert der Fürst und befiehlt: „Hierher mit dem rechten Rad! Achtung!“

Die „Itala“ nimmt einen Anlauf, erklimmt mühsam die steile Böschung und gelangt mit den Vorderrädern auf die Schutzwände. Aber der Regen hat die Bretter und die Steine schlüpfrig gemacht; das Automobil gleitet zurück; die schweren Schutzwände werden unter dem Drucke der Pneumatiks mit Gewalt beiseite geschleudert; es geht ihnen so wie dem Kirschkern, der durch den Druck der Finger fortgeschnellt wird. Und die Maschine bleibt wieder unbeweglich stehen. Man muß es von neuem versuchen. Die „Itala“ fährt zurück. Wir beeilen uns, die Schutzwände wieder an ihre Stelle zu bringen, aber Ettore ruft:

„Versuchen wir es ohne Unterlage!“

Er nimmt zum zweitenmal einen Anlauf. Der Wagen gelangt stolpernd bis an die Steine. Nach einem Augenblick des Zögerns heben sich die Vorderräder auf die Brückenfläche. Aber das Automobil hat sich festgerannt; die Hinterräder drehen sich mit rasender Geschwindigkeit an den ungefügen Stufen, ohne daß es ihnen gelingt, hinauszukommen. Sie wirbeln mit furchtbarer Schnelligkeit um sich selbst und schlagen mit den die Reifen festhaltenden Nägeln dermaßen gegen die Steine, daß die Funkengarben umhersprühen. Ettore steigert mit Unterbrechungen die Geschwindigkeit des Motors, der in ein beängstigendes Heulen ausbricht und unter heftigem Stöhnen ganze Wolken von dichten, weißen, scharfriechenden Dämpfen ausspeit. Wir eilen mitten in diese Dämpfe hinein, um die Maschine mit allen Kräften vorwärts zu stoßen; der glühende Hauch des Auspuffs wälzt sich uns um die Beine. Unsere Mühe ist vergeblich, wir ziehen uns entmutigt zurück.

Das Automobil, das sicherlich seinen Teil Eigenliebe besitzt, wollte allein über die Schwierigkeiten Herr werden. Mit einem Male beginnen die Räder zu greifen, sie halten einen Augenblick inne, wie um ihre Kraft zu sammeln, und steigen langsam, langsam nach oben. Sie überwinden die erste, die höchste Stufe, sodann die übrigen. Schließlich erklimmt die Maschine die Marmorplatten und bleibt hier stehen, um sich einige Minuten auszuruhen. Dann unternimmt sie mit dem Schritte einer Ameise den schwierigen Übergang zwischen all jenen aus den Fugen geratenen Steinen, wobei sie ab und zu stehenbleibt, um die nur eine Hand breiten Fahrbahnen zu erspähen, nach einer Art des Weiterkommens suchend, bei der nicht mehr als ein Rad in die Furchen einsinkt oder zwischen den Fugen eingeklemmt wird. Das Automobil taumelt ungeschickt, langsam von einer Seite zur andern, schwankt auf und nieder, geht mitunter einen Schritt zurück, um die Richtung zu ändern; es hat ganz das Aufsehen einer riesigen Schildkröte, mit dem weiten Panzer, der fast den Boden berührt, und den vier einzelnen starken und vorsichtigen Tatzen.

Der Abstieg auf der andern Seite ist leicht, aber voller Interesse. Es ist das erstemal, daß ich ein Automobil bei einer solchen Arbeit erblicke. Der gewaltige Apparat, der für rasende Fahrten, für unerhörte Geschwindigkeiten berechnet ist, steigt hier die Stufen einer Treppe mit der zaghaften Aufmerksamkeit eines kleinen Kindes hinab. Das Ungeheuer bietet all seine Kraft auf, um sich im Gleichgewicht zu erhalten. Es scheint, als bemerke es die Gefahr, als schätze es die Höhenverhältnisse ab; es bewegt seine Räder mit unendlicher Vorsicht, setzt sie leise auf die unteren Stufen, ohne einen Ruck, ohne einen Stoß; es steigt herab wie ein riesengroßes denkendes Wesen, das es versteht, sein Können in den Dienst der Klugheit zu stellen. Es braucht Minuten, um einen Meter zurückzulegen, bevor es freien Weg vor sich erblickt. Dann mit einem Male schießt es wie in einem Übermaß von Freude davon, und es hat den Anschein, als könne es nicht mehr stehenbleiben, während wir hinter ihm herlaufen und ihm zurufen:

„He, halt! Heda, halt!“

Wir nahmen die Fahrt auf dem Landwege wieder auf, während ein feiner, durchdringender Regen niederströmte, der allmählich Schmutz erzeugte und Pfützen und bescheidene Seen schuf. Wir fuhren über ländliche Brücken, ähnlich denen, die die reichen Chinesen in ihren Gärten zur Zierde anzubringen lieben, eilten über Fußwege, die sich zwischen hohen grasbewachsenen Dämmen hindurchschlängelten, die mit Weiden bestanden waren; ihre herabhängenden Zweige berührten unsere Köpfe. Die Mannigfaltigkeit der Landschaft kündigte uns die Nähe von Hügeln an, die Grenze der großen Pekinger Ebene, jenes grünen Meeres, in welchem die Haine, hinter denen sich die Dörfer verstecken, wie Inseln erscheinen. In der Ferne erblickten wir schon eine oder die andere blaßblaue Anhöhe, überragt von dem charakteristischen Profil einer Pagode.

Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.
Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.

Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.

Unvermutet sahen wir vor uns die Marmorbalustrade einer zweiten antiken Brücke schimmern, die über den Schi-kiau-ho führte und noch größer war als die erste. Wir stiegen vom Wagen und machten unserem Groll gegen die Pracht von Kambaluk Luft. Das Manöver des Aufstiegs auf die Brücke und ihrer Überwindung begann von neuem. Zum Glück hatte sich das Automobil schon eine gewisse Übung im Klettern erworben, und in 20 Minuten konnte es seinen archäologischen Übergang auf das linke Ufer des Flusses bewerkstelligen.

Hier sahen wir uns von einer Menge Chinesen umringt, die seltsame Mützen trugen und uns freundlich begrüßten. Wir baten um frisches Wasser; es wurde uns in Eimern, in Töpfen, in Teekesseln gebracht. Ein schöner alter Mann von tatarischem Gesichtsschnitt lud uns freundlich ein, den Tee in seinem Hause einzunehmen. Er war ganz betrübt, als wir ablehnten. Er versicherte uns, er sei unser Freund. Alle jene Leute waren unsere Freunde. Weshalb? Die Erklärung für dies Gefühl der Sympathie erhielten wir, als sie uns unter den Bäumen mit einem gewissen Stolze ihre Moschee zeigten. Es waren mohammedanische Chinesen; der alte Mann war ihr Oberhaupt und Priester. Die mohammedanischen Chinesen fühlen sich durch ihre Religion uns näher verwandt als ihren Landsleuten. Sie wissen, daß die Grundlage unseres Glaubens das Alte Testament ist, und sie glauben an dasselbe Alte Testament, das zu ihnen auf dem Wege über Turkestan gekommen ist, unterwegs ein wenig verändert, bei der Ankunft ein wenig chinesisch geworden, aber dem wesentlichen Inhalte nach unangetastet.

Wir entboten dem ehrwürdigen Priester einen Gruß auf arabisch — in seiner heiligen Sprache — und entflohen eiligst, an unseren Wagen geklammert, während er und sein Volk uns regungslos nachblickten, verzückt, wie vor einer biblischen Erscheinung.

Es dauerte nicht allzulange, bis wir am Horizont in unbestimmten Umrissen und bleichen Farben die seltsam geformten Gipfel der Berge von Kalgan erblickten. Rings um uns herum erhoben sich kahle Hügel und schlossen uns ein. Zu unserer Rechten öffnete sich jenes wundervolle Amphitheater von Bergen in regelmäßigen und feierlichen Formen, in dem die Kaiser der Mingdynastie ihre letzte Ruhestätte haben. Es gibt in der ganzen Welt keinen großartigeren fürstlichen Friedhof. Es sind nicht die Tempel, die Bogen, die riesenhaften Denkmäler, die so überwältigend wirken, es ist die Örtlichkeit selbst. Ein unfruchtbares und unzugängliches Tal von der ganzen unsagbaren Majestät einer Grabstätte erfüllt, einer Grabstätte von Halbgöttern, der ein Kreis von Bergen als Umfassungsmauer dient. Irgendein übermenschlicher Wille scheint sie hierher versetzt zu haben, um Schatten und Schweigen über den heiligen, ewigen Schlummer einer Dynastie zu breiten.

Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.
Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.

Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.

Wir bemerkten, daß wir uns in der Nähe einer göttlich verehrten Stätte befanden. Wie im Umkreise eines Tempels ragten überall Denksteine empor, bedeckt mit altertümlichen Schriftzeichen, errichtet auf dem Rücken riesiger Schildkröten oder Drachen aus Marmor oder auf einer mit Lotosblumen geschmückten Basis, die an das Piedestal der Buddhastatuen erinnerte. Der Weg wurde immer schwieriger, steiniger und nahm beinahe schon ein gebirgiges Aussehen an, als wir auf unsere Kulis stießen. Wir waren in ein kleines Dorf gelangt. Als sie uns erblickten, stürzten sie bunt durcheinander auf die Straße.

Ein alter Aufseher befehligte sie, der als Abzeichen seines Ranges eine weiße Fahne mit der Inschrift: „Höret auf die Worte eures Vaters“ trug, wohl um anzuzeigen, daß man ihm Gehorsam schulde. Um seine väterliche Stimme zu verstärken, hatte sich der Alte mit einem an einem Bindfaden um den Hals gehängten Metallpfeifchen versehen. Wir riefen den Kulis zu, sie möchten uns nachkommen, und ließen sie hinter uns zurück. Wir wollten den Motor möglichst lange ausnutzen.

Jetzt unterschieden wir deutlich die Schlucht von Nankou. Sie erschien eng wie ein Spalt zwischen zwei steil ansteigenden, mit Felstrümmern bedeckten Bergen, auf deren unregelmäßigen Gipfeln sich alte Befestigungstürme erhoben. Rings zeigten sich die bizarren Umrißlinien anderer Berge. In dem melancholischen Dämmerlichte des regnerischen Tages hatte das Panorama etwas unsagbar Wildes. Bei Sonnenschein würde es nur einen romantischen Eindruck gemacht haben. Die Abhänge der Höhen stiegen steil empor wie Bastionen und schienen jeden Versuch, sich ihnen zu nahen, zurückweisen zu wollen.

Nankou bedeutet „Mund des Südens“.

Es gibt Landschaften, von denen man sagen könnte, sie seien für den Kampf der Menschen untereinander geschaffen; Schlachtgefilde, Örtlichkeiten, in denen die Natur Angriff und Verteidigung unterstützt, düstere, zerrissene Gegenden, die den Geist der Feindseligkeit atmen, Defilees für Überfälle und Pässe für Hinterhalte. Nankou bietet solch einen drohenden Anblick. Die Zeiten der feindlichen Einfälle liegen in ferner Vergangenheit, die Befestigungen auf den Gipfeln verfallen Stein um Stein, und ringsherum lebt das friedlichste Volk der Welt. Und dennoch ruft dieser tiefe Talgrund schon durch seine Gestaltung den Gedanken an Angriffe und Metzeleien hervor, als seien die ihn umschließenden Berge nichts anderes als ungeheuere Mauern einer Riesenfestung.

Straße in Schem-pao-wan.
Straße in Schem-pao-wan.

Straße in Schem-pao-wan.

Sechs Kilometer von der Mündung des Tales entfernt mußten wir halten. Von diesem Punkte an ist die Straße nichts anderes als das Bett des Bergstromes, der aus der Schlucht von Nankou herunterstürzt: Sand, Felsblöcke, Wasserpfützen. Wir warteten auf unsere Leute. Im Laufschritt eilten sie herbei, froh, sich des Ki-tscho bemächtigen zu können. Vielleicht fürchteten sie, er eile davon und entziehe ihnen die Aussicht auf den Verdienst. Unter wildem Geschrei kamen sie wie eine Räuberbande heran. Welch seltsame Zusammenstellung von Trachten und Kopfbedeckungen! Säcke von grober Wolle nach Art der indianischen Ponchos, das wasserdichte Kleidungsstück der chinesischen Karawanenführer bildend, blaue, weiße, graue Hemden, alle gleich zerrissen, Lumpen als Turban um den Kopf geschlungen, Strohhüte zum Schutze gegen die Sonne, Fetzen jeder Form und jeder Art, Kleidungsstücke, die Generationen gedient haben mußten, kurz ein malerisches Durcheinander. Es waren Greise, Jünglinge, Knaben darunter, Chinesen und Tataren, Figuren von Bettlern und von Mandarinen, ein Gemisch von altem Elend und jungem Elend, eine Schar Bedürftiger jeder Klasse, angeworben, wer weiß wie, der Bodensatz des menschlichen Ameisenhaufens von Peking. Lustig und zufrieden waren sie gekommen, ein Automobil zu ziehen und damit in vier Tagen den Lebensunterhalt für einen Monat zu verdienen.

Der alte Anführer schwenkte die Fahne und blies mit vollen Backen in die Pfeife. Der Pfiff bedeutete: Fertig! Ettore band die dicken Seile um den vorderen Teil des Rahmens und die beiden vorstehenden Arme, die an jedem Automobil angebracht sind, um die Federn an der Achse festzuhalten, und eine Minute später zogen zwei lange Reihen gekrümmter Menschen, an die Seile gespannt, langsamen Schrittes die schwere Maschine, während andere hinten schoben. Es regnete immerwährend. Ab und zu blieb das Automobil vor großen Steinen mit einem Rucke stehen; es stemmte sich wie ein störrisches Tier. Dann verdoppelten die Kulis, die einen Augenblick mit einem Fuß in der Luft festgehalten wurden, ihre Anstrengungen und sangen im Takt, um einheitlich ziehen zu können. Der Alte stimmte im Tone eines betenden Bonzen ein Lied an, und die andern heulten den Refrain im Chore mit: „Lai, lai-la!“ „Vorwärts, vorwärts!“ und zogen an. Der Aufseher improvisierte sein Lied; er sang, was ihm gerade einfiel; auf den Ton und die Melodie kommt es an, nicht auf die Worte. Närrisches Zeug kam aus seinem Munde, das die Leute in Heiterkeit versetzte, und aus dem „Lai, lai-la“ hörte man bisweilen ein seltsames Gemisch von Anstrengung und Heiterkeit heraus.

Wenn der Wagen ein kleines Hindernis überwunden hatte, rollte er infolge des erhaltenen Anstoßes plötzlich vorwärts. Er schien alle jene seltsamen Leute verfolgen zu sollen; die Seile wurden schlaff, und die Chinesen trabten und sprangen unter lautem Geschrei und Gelächter vergnügt einher. Sie belustigten sich daran wie an einem Spiel und legten so eine Strecke in großem Tumult zurück, bis sie sich wieder an den aufs neue straffgespannten und unbeweglichen Seilen ziehend zusammenfanden. Diese Schar Menschen erweckte unser Interesse. Es waren keine Lastträger; es waren nur Arme; sie vertraten nicht eine bestimmte Klasse, sie vertraten das Volk im ganzen. Es war das große chinesische Volk mit seinem Elend und seinen Tugenden, das wir an der Arbeit sahen. Die Armut, die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, die Einfalt, die Geduld und die Arbeitsamkeit, alle Vorzüge und alle Fehler der Rasse, verborgen unter einem schmutzigen, unvorteilhaften Äußern, waren an unsere Maschine gespannt. Feierlich schritt der Alte mit seiner Fahne dem Zuge voran.

Unter den alten Mauern von Ta-tu-mu.
Unter den alten Mauern von Ta-tu-mu.

Unter den alten Mauern von Ta-tu-mu.

Es blieben noch die zerrissenen Berge von Nankou am Eingange der Schlucht zu überwinden. Das Dorf lehnt sich an den Nan-schan, den „Berg des Südens“, der auf die Häuser steil herabfällt und, von unten gesehen, sich vornüberzubeugen scheint, um zu beobachten, wer im Tale daherkommt. Bis zum Gipfel ziehen sich zinnengekrönte hohe Mauern, alte Verteidigungswerke, die sich von der Großen Mauer abzweigen und fast unversehrt geblieben sind, weil sie dem Menschen fast unzugänglich waren. Ihre Zerstörung ist einzig und allein der Zeit überlassen, und die Zeit ist gegen großartige Werke unendlich gütiger als der Mensch.

Das Dorf Nankou ist eine Anhäufung von Steinen. Die niedrigen und kunstlosen Häuser sind aus Bruchsteinen erbaut, und an ihren Vorderseiten ziehen sich hohe, aus Steinplatten hergestellte Fußpfade entlang; die Mitte des Weges ist für die Überschwemmungen freigelassen. Eine alte Festungsmauer schließt den Ort ein. Wir betreten durch das niedrige, tiefe, finstere Tor die einzige Straße des Ortes. Es hat aufgehört zu regnen; für einige Minuten drängt sich die Sonne durch die Wolken und streut über die nassen Steine helle Lichter. Die Bewohner treten an die Türen und beobachten uns.

Es scheinen Angehörige einer andern Rasse zu sein. Es sind die Bergbewohner Chinas. Sie sind groß und stark; ihr Gesicht trägt die stolzen Züge des tatarischen Stammes. Diese kleine, einsam und verlassen inmitten unwirtlicher Felsen wohnende Bevölkerung läßt an eine Besatzung denken, die in früheren Zeiten zum Schutze des Passes hierhergelegt und vergessen worden ist. Vielleicht stammt sie in der Tat von den tatarischen Kriegern ab, die nach der Eroberung Chinas durch die Mandschu im 17. Jahrhundert hierhergeschickt wurden, Krieger, die im Laufe der Zeit die unnötig gewordenen Waffen abgelegt und verloren haben, ohne ihren Posten zu verlassen, unbewußt treue Hüter einer Stellung, die ihren Ahnen vor Jahrhunderten anvertraut worden war.

Unser erster Reisetag ist zu Ende. Es ist 2¾ Uhr, als wir die kleine chinesische Herberge betreten, die der Ma-fu Pietro uns als Quartier ausgesucht hat. Wir haben nur 60 Kilometer zurückgelegt. Unsere Matrosen umringen uns freudig; sie teilen uns mit, daß das Gepäck wohlbehalten angelangt sei, daß ein gutes Feuer im besten Zimmer brenne, an dem wir uns trocknen können, und daß Hühner gekocht werden: alles erfreuliche Nachrichten. Die „Itala“ findet ihren Platz zwischen den Wagen, den Maultieren, den Pferden und den Karawanenführern, die sich im ersten Hofe drängen und hier das kennzeichnende, unentwirrbare Durcheinander jeder chinesischen Herberge verursachen.

Übergang über eine kleine alte Brücke an den Berglehnen des Lien-ya-miao.
Übergang über eine kleine alte Brücke an den Berglehnen des Lien-ya-miao.

Übergang über eine kleine alte Brücke an den Berglehnen des Lien-ya-miao.

Nachmittags gehen wir mehrmals ins Freie, auf die zurückgelegte Straße in der Hoffnung, den übrigen Automobilen zu begegnen; wir steigen auf die mit Zinnen besetzten Mauern, von denen der Blick weit in die Ebene hinabschweift. Doch soweit wir zu sehen vermögen, herrscht tiefe Einsamkeit. Um 4 Uhr bemerken wir eine Gruppe von Menschen, die zu dem Dorfe heraufsteigt; sie kommt von der zwei Kilometer entfernten Eisenbahnstation Nankou und zieht etwas. Es ist das Dreirad „Contal“. Pons und sein Mechaniker helfen, niedergeschlagen, schwitzend bei der Beförderung der Maschine. Auf Pons’ Gesicht bemerke ich eine schmerzliche Enttäuschung. Kaum aus den Toren Pekings heraus, mußte er auf die Weiterfahrt verzichten. Das Dreirad, das auf guten Straßen Vorzügliches zu leisten imstande ist, hat sich auf schlechten als unbrauchbar erwiesen. Es hat zwei Lenkräder und ein Bewegungsrad; auf den ersten ruht das Gewicht des Wagens; es ist daher ein enormer Widerstand zu überwinden, und nur eine kleine Kraftquelle zum Antrieb vorhanden; es genügt eine leichte Unebenheit des Geländes, daß das Bewegungsrad sich leer dreht und über den Boden hinstreift. Pons ist gezwungen, umzukehren und seine Maschine mit der Bahn zu befördern; er ist aber entschlossen, um jeden Preis die Mongolei zu erreichen, wo er günstiges Gelände zu finden hofft.

Am Hun entlang bei Ki-mi-ni.
Am Hun entlang bei Ki-mi-ni.

Am Hun entlang bei Ki-mi-ni.

Bald nach Sonnenuntergang schlief Nankou bereits. Auf dem Kang, dem chinesischen Ofenbette, ausgestreckt, in eine Matrosendecke gehüllt, setzte ich in einer schlaflosen Nacht die große Reise fort; ich sandte die Phantasie voraus auf Entdeckung. In der Ferne donnerte der Bergstrom, dessen Lauf wir zwischen den steilen Felsen hatten aufwärts verfolgen müssen. Später ward seine Stimme von dem Plätschern des Regens übertönt, der wieder heftig zu fallen begann. Vom Winde getrieben, schlugen große Tropfen gegen die papierenen Fensterscheiben, als wenn jemand mit den Fingern auf ihnen trommelte.

Es regnete noch, als Pietro mit einer kleinen Papierlaterne in der Hand hereinkam, um uns zu wecken; es regnete, als der Tag anbrach, und es regnete, als wir uns zur Abfahrt entschlossen, nachdem wir vergebens auf den Eintritt schönen Wetters gewartet hatten. Die Kulis standen seit 3 Uhr morgens marschbereit. Um 7 Uhr 25 Minuten verließen wir Nankou. Die Fürstin war in der Herberge geblieben, um mit der Eisenbahn nach Peking zurückzukehren. Don Livio begleitete uns bis zur Großen Mauer.

An das Automobil war die Chinesenhorde angespannt und außerdem drei willfährige Tiere. Die Pekinger Transportagentur hatte versprochen, uns vier Maultiere zu liefern; in Nankou waren jedoch nur ein einziges Maultier, sowie ein altes Pferd und ein kleiner weißer Esel aufzutreiben gewesen. Ein Vertreter der Agentur hatte auf die Vorhaltungen des Fürsten hoch und heilig, unter Anrufung der Götter als Zeugen, versichert, daß die drei Tiere genügen würden, den Ki-tscho bis ans Ende der Welt zu ziehen, und wir, die wir ihn nur bis Kalgan gezogen wissen wollten, gaben uns damit zufrieden.

Im Augenblicke der Abreise brannten die guten Einwohner von Nankou zum Abschiedsgruß einige Petarden ab. So will es der Brauch; der Chinese feiert die Feste mit lärmenden Feuerwerken, und wenn er jemand seine Huldigung darbringen will, so stellt er ein Paar Böller vor die Tür, und im gegebenen Augenblicke geht es bum! bum! Das ist der Gipfel der Ehrerbietung.

Wenige Minuten später verschwand das Dorf hinter einer Biegung des Tales. Der Weg beginnt plötzlich zu steigen und sieht wie eine Rampe mit niedrigen, breiten Stufen aus, von denen jede einzelne die Kulis zu einer Wiederholung des „Lai lai-la!“ nötigt und den Tieren ein drohendes Klatschen mit der Peitsche einträgt.

Der Alte mit der Fahne befand sich natürlich an der Spitze. Die Matrosen gingen zu beiden Seiten des Automobils und stemmten sich von Zeit zu Zeit kräftig mit der Schulter gegen die Räder, als gelte es, eine Kanone auf den Gipfel eines Berges in Stellung zu bringen. Ettore, der allein auf der Maschine saß, eingehüllt in die Falten eines ungeheueren Regenmantels, der ihm das Aussehen eines bretonischen Fischers gab, hielt das Steuerrad mit der Aufmerksamkeit eines diensthabenden Steuermannes und kommandierte seine Scharen durch Ertönenlassen der Hupe. Einmal bedeutete: „Vorwärts!“, zweimal: „Halt!“ Aber die Signale mußten oft wiederholt werden, und bald begann die Hupe der „Itala“ infolge der Anstrengung an Heiserkeit zu leiden, die sie schließlich stumm machen mußte. Pietro schloß den Zug zu Pferde, den Kopf mit einem riesigen Strohhut bedeckt, der infolge einer genialen Anordnung der Bänder die Form eines Damenhutes, Stil Directoire, angenommen hatte. Der wackere Ma-fu trug diese Kopfbedeckung mit großer Würde. Offen gestanden, niemals ist ein sonderbarerer Zug durch die Pässe der Großen Mauer marschiert! Wenn ich noch hinzufüge, daß Don Livio, Don Scipione und ich von Zeit zu Zeit ausruhten, indem wir auf zwei winzigen Saumtieren ritten, die so niedrig waren, daß unsere Füße auf dem Boden schleiften, und so kurz, daß unsere Regenmäntel sie mit dem großartigen Faltenwurf einer Toga völlig umgaben, so habe ich einen weiteren Umstand von höchster Bedeutung für die historische Genauigkeit erwähnt.

Die Landschaft änderte sich jeden Augenblick. Oben tauchten immer neue Gipfel auf, schroff, kahl, von immer seltsamerer Gestalt. Niedrige, schwarze Wolken hingen bis auf sie herab, und der graue Nebel ließ sie entfernter und höher erscheinen; ihre düstere Großartigkeit nahm dadurch noch zu. Unten floß der Bergstrom bald still wie ein Bach und schlängelte sich friedlich zur Seite des Weges unter grünen Sträuchern und Weidengruppen dahin, bald brauste er stürmisch, in wilden Wirbeln, schäumend in engen Schluchten, in denen wir uns vorsichtig vom Rande der Straße entfernt hielten. Alte Befestigungslinien ziehen sich fortwährend von den Gipfeln der Berge bis in den Talgrund hinab, steigen wieder empor und verschwinden in der Richtung auf andere ferne Berge zu. Es sind mit Zinnen versehene Mauern, die Schleichpfade decken, Befestigungen zweiten Ranges im Rücken der Großen Mauer, riesige Wegsperren. Zwischen zwei dieser ungeheueren Verteidigungswerke liegt ein großes Dorf: Kü-yung-kuan.

Wir haben die hohen schwarzen Mauern hinter uns gelassen und befinden uns vor einem wunderbaren Marmorbogen, der auf das geschmackvollste mit Friesen und Figuren geschmückt ist, ein Bogen, den man, aus der Ferne gesehen, als römisch bezeichnen könnte. Riesenhaft hebt er sich von den elenden Dorfhütten ab, ein letzter Rest wer weiß welcher Herrlichkeit und welches Reichtums. Kü-yung-kuan war in den goldenen Zeiten des Reiches der Sitz eines Kommandos, und damals vertrieben sich die militärischen Mandarine, wie einst die römischen Konsuln, die Zeit damit, daß sie sich mit prächtigen Kunstwerken umgaben.

Während wir unseren Aufstieg fortsetzten, überholte uns eine Anzahl eilfertig dahinschreitender Männer mit einer Sänfte auf den Schultern. In der Sänfte saß mit geöffnetem Schirm ein Europäer, den die Einwohner mit Ehrerbietung behandelten. Als er an uns vorüberkam, begrüßte er uns auf englisch. Wir sahen sofort, daß es sich um einen in der Gegend angesehenen Mann handelte; alle kannten ihn und begegneten ihm achtungsvoll. Sie nannten ihn den „alten Herrn, der das Gebirge durchbohrt“. Pietro, der sich nach ihm erkundigt hatte, erklärte uns die Sache. Man muß nämlich wissen, daß die chinesischen Kaufleute bemerkt haben, daß eine Eisenbahn, wenn sie auch die Geister der Ahnen beunruhigt, jedenfalls ein ausgezeichnetes Geschäft ist. Von dieser Wahrheit überzeugt, hatten viele chinesische Kaufleute und Bankiers in Peking den Entschluß gefaßt, eine für den Handel so unentbehrliche Eisenbahn zu bauen, und zwar ohne einen Fremden sich in irgendwelcher Weise einmischen zu lassen: chinesisches Kapital, chinesische Arbeit, chinesische Verwaltung. So bildete sich die chinesische Gesellschaft für die Eisenbahn Peking-Kalgan, die den Verkehr bis Nankou bereits aufgenommen hat. Auch die Ingenieure waren natürlich Söhne des Himmels, die in Amerika studiert hatten.

Alles ging gut, solange die Arbeiten sich in der Ebene abspielten; als sie aber in das Gebirge gelangten, stießen die als Ingenieure tätigen Söhne des Himmels auf ernste Schwierigkeiten. Die Tunnels stürzten ein; nach jedem Einsturz wurden sie nach allen Regeln der Kunst von neuem gebaut und stürzten dann wiederum ein; die Ausdauer der guten Chinesen kämpfte vergeblich gegen die Halsstarrigkeit ihrer Berge. Es fehlte nicht an Leuten, die darin alle Anzeichen eines Protestes des Drachen erblickten, dessen ungeheuerer Körper durch das Bohren verwundet worden war; der Beweis ergab sich aus dem Umstande, daß der Berg Menschen verschüttete. Die Rache war augenscheinlich. Aber der Drache verliert heute außerhalb der amtlichen Kreise an Kredit. So kamen die Kaufleute auf den Gedanken, ob es vielleicht den Teufelskünsten eines abendländischen Ingenieurs gelingen könne, den Sieg über die Hartnäckigkeit des Gebirges von Nankou davonzutragen; die Kunde vom Simplondurchstich war zu dieser Zeit auch nach China gedrungen. Und die Gesellschaft entschloß sich zu dem Frevel und engagierte für die Linie Peking–Nankou einen tüchtigen Ingenieur, dem sie die Leitung der Arbeiten übertrug. Daher erschien nun der „alte Herr, der das Gebirge durchbohrt“, in seiner Sänfte in den Schluchten der Großen Mauer.

Der Aufstieg war beschwerlich, und wir gewährten den Leuten öfters eine wohlverdiente Ruhepause. Auf das Signal, aus Reih und Glied zu treten, ließen sie die Seile los und zerstreuten sich fröhlich in der Nähe, um auf den ersten Pfiff des Alten sofort wieder zu erscheinen. Der Esel, das Maultier und das Pferd weideten miteinander in völliger Eintracht das Gras ab, wobei sie die langen, mit Straßenschmutz bedeckten Zugleinen hinter sich herschleiften. Das Automobil blieb verlassen auf dem Wege stehen, nachdem Steine unter seine Räder gelegt worden waren. Über und über naß, stand es trübsinnig, gedemütigt, mit schlaff niederhängender Flagge da.

Die Mauern von Ki-mi-ni am Fuße des Lien-ya-miao-Gebirges.
Die Mauern von Ki-mi-ni am Fuße des Lien-ya-miao-Gebirges.

Die Mauern von Ki-mi-ni am Fuße des Lien-ya-miao-Gebirges.

Die Matrosen waren guter Dinge, wie ein Matrose immer ist, selbst wenn es regnet, sobald er einen Abstecher an Land macht. Es waren fünf durch Kraft und Geschicklichkeit ausgezeichnete Leute. Der eine war Mechaniker und Photograph; er unterstützte Ettore während des Marsches bei der Überwachung des Ganges der Maschine, und an den Haltestellen erschien er vor uns, bewaffnet mit einem Stativ, einem schwarzen Tuch und einem riesigen photographischen Apparat, den er wer weiß woher hervorgeholt hatte. Von diesem Augenblicke an befanden wir uns unter der unablässigen Beobachtung seines Objektivs, das wie ein Zyklopenauge uns streng überallhin verfolgte. Ein anderer war Krankenpfleger und Koch, der den Kranken wertvolle Dienste, wertvollere aber den Gesunden leistete und stets bereit war, uns nach allen Regeln der Kunst eine Roulade zu wickeln oder einen dampfenden, ebenfalls kunstgerecht gebackenen Eierkuchen zu servieren. Der dritte war Elektrotechniker, der vierte Zimmermann; der letzte sprach chinesisch mit echt sizilianischer Aussprache; er war in Kalgan mit der internationalen Kolonne gewesen, die 1900 dort einmarschierte, und kannte die Straße so genau wie ein Lotse. Alle besaßen die beneidenswerte Gabe guter Laune; alles erschien ihnen eigens dazu geschaffen, sie zu beglücken. Der unablässige Regen, der sogar durch unsere wasserdichten Mäntel drang, erzeugte in uns ein eisiges Gefühl der Niedergeschlagenheit, die Matrosen freuten sich selbst über den Regen. Das Wasser war ihr Element. In ihren durchweichten, an der Brust offenen Leinwanduniformen wateten sie in den Pfützen umher und machten sich über das Wetter lustig. Liebe Gefährten und eine stolze Eskorte für unsere kleine Flagge; bereit zu lachen und bereit, sich, wenn es die Not erheischte, für uns zu schlagen.

Die russische Post auf dem Wege nach Peking.
Die russische Post auf dem Wege nach Peking.

Die russische Post auf dem Wege nach Peking.

Ein rauher Ton der Hupe, ein Pfiff, ein Zusammenströmen der Leute, ein Massengesang, ein Peitschenknallen, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung. Es ging hinauf durch das endlos scheinende Tal von Kü-yung-kuan, das immer unwegsamer wurde.

Plötzlich verengt sich das Tal, es scheint sich zu schließen. Man hat den Eindruck, als gebe es keinen Ausweg, als wären die Berge zusammengerückt, um den Durchgang zu versperren. Auf den ersten Blick bemerkt man die enge Schlucht nicht, die sich zur Rechten öffnet, eine Art Spalt zwischen den senkrecht aufstrebenden Klippen, etwa 40 Meter breit, ein Korridor zwischen Felswänden. Durch einen düsteren Landstrich waren wir gezogen, hier betraten wir einen grauenerregenden.

Seit undenkbaren Zeiten müssen die Menschen Furcht vor dieser Gegend gehabt haben, denn sie gilt ihnen als heilig. Vielleicht weil die Reisenden nur mit einem Gebet auf den Lippen sie durchzogen; die Örtlichkeit fordert geradezu zum Anrufen der Götter heraus. Für einfache Gemüter ist das Gebirge an und für sich ein Mysterium, ein Sichaufschwingen der Erde zum Himmel; die hohen Gipfel stehen in Berührung mit der Gottheit. Inmitten der Berge öffnet sich hier plötzlich ein Tor. Alle Stämme, die es durchzogen, müssen darin das Zeichen eines allmächtigen Willens, ein göttliches Werk erblickt haben, das aus unerforschlichen und deshalb schreckenerregenden Gründen geschaffen worden ist. Jene ungefügen Basaltsäulen hatten für die Phantasie die Bedeutung einer Grenzscheide. Jenseits befand sich etwas, vor dem man sich anbetend zu Boden werfen mußte. Geheimnisvolles Dunkel herrschte. Die Reisenden betraten es mit frommer Scheu wie ein Heiligtum. Und das Tal wurde zu einem von der Majestät der Einsamkeit in all ihrer erhabenen Öde umgebenen Tempel.

Manöver zum Freimachen eines in eine tiefe Spalte geratenen Vorderrades.
Manöver zum Freimachen eines in eine tiefe Spalte geratenen Vorderrades.

Manöver zum Freimachen eines in eine tiefe Spalte geratenen Vorderrades.

Es war und ist heute noch ein Zufluchtsort für Einsiedler. Jede Felsenhöhlung ist ein Heiligtum, und man sieht heilige Sprüche in altertümlichen chinesischen Schriftzeichen und andere noch ältere in tibetischer, mongolischer und mandschurischer Sprache in die Felsen gehauen, Spuren der Frömmigkeit längst dahingegangener Geschlechter. Oben, auf einem der Felsen, erhebt sich ein seltsamer Bau: ein kleiner Tempel, der in einem Adlerneste errichtet ist; man steigt lange, in den Fels gehauene Reihen von Stufen hinauf, die hier und da mit Gebüsch bewachsen sind. Weiter drinnen in der Schlucht befindet sich ein zweiter Tempel, ein anderer Zufluchtsort des Glaubens, der Jahrhunderte alt ist und nun langsam verfällt. Auf dem Gebirge zeigen sich an unzugänglichen Punkten noch Reste ähnlicher, jetzt verschwundener Bauten, die zusammengesunken sind unter dem Anprall der Schneestürme, die, von Norden einherbrausend, sich in das Tal stürzen und wütend einen Ausweg suchen. In Felsblöcke, die von den Berggipfeln gestürzt sind, hat der fromme Meißel ungeschulter Künstler das Bild Buddhas eingegraben, er hat in den Umrissen des Felsens die Umrisse der Statue gesucht, hat den Steinen die strengen, ernsten Gesichtszüge der milden Gottheit gegeben. Manch riesenhaftes Buddhabildnis ist in wunderbarer Weise in die Felswände des Gebirges eingehauen. Man erblickt einige Reste alter Tempel, Trümmer von Säulen und Pfeilern. Es zeigt sich keine einzige Spur menschlicher Tätigkeit, die nicht eine Bekundung des Glaubens wäre. Beim Durchschreiten dieser Gegend sprach jede Seele: „Ich glaube.“

Unsere Kulis bei der Arbeit in den Felsen des Lien-ya-miao.
Unsere Kulis bei der Arbeit in den Felsen des Lien-ya-miao.

Unsere Kulis bei der Arbeit in den Felsen des Lien-ya-miao.

Dieser Weg hat auch eine religionsgeschichtliche Bedeutung: auf ihm ist der Lamaismus, der tibetische Buddhismus, nach China eingedrungen. Aus dem Herzen Asiens, dieser Quelle von Religionen, sind Wogen der Frömmigkeit durch diese Täler herübergeflutet, um die Seelen der Chinesen zu neuen Kulten zu bekehren. Es ist nichts Seltenes, hier fremde Pilgerzüge anzutreffen. Als Fürst Borghese die Straße nach Kalgan erkundete, hatte er einige Tage zuvor hier einen Büßer mit geschorenem Kopfe und in langem grauem Gewande getroffen, der betend und alle drei Schritte niederkniend, um den Boden zu küssen, den Weg zurücklegte. Borghese erkundigte sich nach ihm. Der Pilger war auf dem Wege nach der heiligen Stadt Urga und hatte auf diese Weise die Mongolei und die Wüste Gobi durchquert. Die Bevölkerung ist gastfreundlich und mildtätig gegen diese wandernden Pilger, die am Abend ihre Mühsal unterbrechen, einen großen Stein auf die Stelle legen, bis zu der sie gekommen sind, um sie am Morgen wiederzufinden, und bis zum nächsten Dorfe gehen, um sich von ihrem frommen Beginnen auszuruhen.

Es kommt uns der Gedanke, daß auch wir, alles in allem genommen, auf einer seltsamen Pilgerfahrt begriffen sind. Auch wir haben ein eigenartiges Gelübde getan und erfüllen es mit Glaubenseifer. Wenn der Mann, der jene drei Schritte tat, seinerseits den Fürsten nach dem Beweggrunde seiner Reise gefragt hätte, würde er gewiß höchst erstaunt gewesen sein.

Nachdem wir durch das Dorf Pa-ta-ling gekommen waren, sahen wir ein ausgezahntes Profil wie eine Zickzacklinie einige entfernte Kämme vor uns umsäumen und andere Berge zu beiden Seiten krönen; wir sahen es hier auftauchen, dort verschwinden, bis es allmählich die Form zahlloser, zu einer Kette verbundener Türme annahm, gleich Scharen wachehaltender Riesen.

Es war die Große Mauer.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings