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Peking-Paris im Automobil

Viertes Kapitel.

Reading edition

Auf dem Gebirge.

Das Passieren der Großen Mauer. — Die Matrosen verlassen uns. — Auf der Fahrt durch das chinesische Flachland. — Im Schatten des Lien-ya-miao. — Angstvolle Augenblicke. — Die Mongolei kommt in Sicht.

Von fern gesehen macht die Große Mauer, die mit dem Gebirge zusammengewachsen und verschmolzen ist als riesenhaftes Pendant zu dessen Gipfeln und Felsenwänden, nicht den Eindruck eines Werkes von Menschenhand: sie ist allzu gewaltig dazu, und das, was man von ihr sieht, beträgt nicht den tausendsten Teil. Man könnte eher von einer phantastischen bizarren Laune der Erde sprechen, entsprungen aus dem Wirken unermeßlicher, unbekannter Naturkräfte, von dem Erzeugnisse einer schöpferischen Erdumwälzung.

Je näher wir kamen, desto mehr verschwand die Große Mauer in einem Gewimmel von Berggipfeln, und wir erblickten sie erst wieder bei den letzten Windungen des Weges, als wir im Begriff standen, die massiven, doppelten Tore zu durchfahren, die von noch heute festen Bastionen verteidigt werden. Die Straße auf die Höhe hinauf ist nichts als eine Furche im festen Gestein, sie wird stets steiler und ungangbarer. Wir fuhren seit 8 Uhr unter unaufhörlichem Regen; nur langsam und mühselig kamen wir vorwärts, jeden Augenblick zum Halten gezwungen, um Steine aus dem Wege zu wälzen, Fahrbahnen für die Räder herzustellen, das bedrohte Geschwindigkeitsgetriebe vor den Unebenheiten des Bodens zu schützen. Alles ringsum eine wilde, öde Wüste.

Wir marschierten am Rande eines tiefen Abgrundes. Von hier aus erblickten wir zu unserer Freude an einer Stelle zwei Telegraphendrähte. Um ihre Isolatoren geschlungen, kamen sie von unten herauf, kreuzten den Weg und überschritten die Mauer. Sie erschienen uns als Freunde; sie sollten es sein, die unseren Landsleuten Kunde von uns brachten. Arme alte Mauer, du Werk und Sorge von Dynastien und Millionen von Menschen; nicht nur das Geschütz macht dich heutzutage nutzlos: ein einfacher Draht genügt. Die fernsten Völker verkehren ruhig über deine Schultern hinweg.

In der Nähe ist die Mauer weniger großartig. Sie gleicht den Verteidigungswerken einer Stadt, und für den, der sich der Mauern von Peking erinnert, verliert sie an Imposantheit. Als wir aber nach dem Durchfahren der Tore den Abhang auf der andern Seite in der Richtung des Dorfes Tscha-tau-tschung hinabstiegen und zurückblickten, stießen wir einen Ausruf des Erstaunens aus. Wir übersahen die weiße Linie der Mauer, bis sie sich im Duft der Ferne verlor; sie stieg auf und ab, folgte im Zickzack den Launen des Geländes, zog sich in Schlangenwindungen dahin, stürzte sich in Täler, erhob sich wieder mit einem Sprunge, zeigte sich bald von der Seite, bald von vorn. Sie ordnete ihre Türme auf hunderterlei verschiedene Arten, entfaltete stellenweise ihre Zinnen und ließ sie deutlich erkennen, um sie im nächsten Augenblick in plötzlicher Verkürzung zusammenzuziehen. Sie schien zu verweilen und eiligst davonzufliehen, und zwar bis zu beiden Grenzen des Horizontes, bis zu den entferntesten Bergen, wo sie sich dem Auge nur noch als kaum wahrnehmbarer Faden darbot. Und so geht es weiter, 800 Kilometer weit, rings um die ganze Provinz Tschili, eine wunderbare Grenze. Und dies ist nur die „kleine“ Große Mauer. Es gibt noch eine andere, die große, die „Wan-li-tschang-tscheng“, die „Mauer der zehntausend Li“, die wir im Norden von Kalgan antreffen werden; diese erstreckt sich 2400 Kilometer weit längs der Grenzen des eigentlichen China. Aber es gibt nicht nur diese zwei Mauern. Als wir das auf einer kleinen Hochebene liegende Tscha-tau-tschung hinter uns hatten, bemerkten wir neue Türme, neue Bastionen, wie wir solche im Tale von Nankou gesehen hatten. Das chinesische Volk hat mehr als 2000 Jahre darauf verwandt, Mauern gegen den Westen aufzutürmen. Es ist aber nicht länger als drei Jahrhunderte her, daß es den eigenen Thron gerade von jenen Tataren eingenommen sah, die es mit Hilfe von Backsteinen und Kalk fernhalten wollte.

Unserem modernen Geiste erscheint die Große Mauer als ein staunenerregendes Denkmal chinesischer Furcht, unermeßlich und unlogisch, großartig und lächerlich; der Fremde bewundert und verlacht sie. Aber wir vergessen, daß auch die Römer die Grenzen Britanniens durch eine doppelte Große Mauer verteidigten, um dieses Reichsland vor den noch ungebändigten Kaledoniern zu schützen. Es hat Zeiten gegeben, in denen die Lebensbedingungen das Vorhandensein unübersteiglicher Mauern zwischen Land und Land, zwischen Rasse und Rasse, zwischen Kultur und Barbarei als logisch, natürlich, als notwendig erscheinen ließen. Genau wie wir heute eine nichtendenwollende Arbeit logisch und natürlich finden, die unseren Enkeln vielleicht eines Tages großartiger, lächerlicher und chinesischer vorkommen wird als uns die Große Mauer, nämlich um die Welt Hunderttausende von Kilometern Stahl in Gestalt von Schienen zu legen, die Wälder der Erde niederzuschlagen, um den Schienen Unterlagen zu schaffen, und die Gebirge zu durchbohren, um Geleise mitten hindurchzuführen!

Das Dorf Tscha-tau-tschung betraten wir nicht; es ist von einer quadratischen Mauer mit starken Türmen in den Ecken umgeben. Alle chinesischen Dörfer und Städte sind in ein regelmäßiges Quadrat eingeschlossen, das vielleicht die Form eines früher bestehenden verschanzten Lagers beibehält. Wir zogen im freien Felde rings um den Ort herum auf einer Straße, die zum Teil überschwemmt, aber sicherlich besser war als die durch das Dorf führende, und fanden Unterkunft in einem kleinen chinesischen Gasthause vor dem nördlichen Tore, in einer erbärmlichen Karawanserei. Seit dem Morgen hatten wir 25 Kilometer zurückgelegt.

In den Felsen des Lien-ha-miao am Ufer des Hun-ho.
In den Felsen des Lien-ha-miao am Ufer des Hun-ho.

In den Felsen des Lien-ha-miao am Ufer des Hun-ho.

Auf dem elenden Hofe, der von baufälligen Schuppen umgeben war, wollten wir sofort den Motor prüfen. Wir fürchteten, daß die Stöße, die Erschütterungen und das unvermittelte Aufundnieder während des Aufstieges die Maschine beschädigt haben könnten. Aber sie setzte sich ganz ruhig in Bewegung, und in Bewegung setzten sich auch die Neugierigen, die sich versammelt hatten und nun die Flucht ergriffen. Nach kurzer Zeit erschienen drei chinesische Soldaten, die der Mandarin des Ortes gesandt hatte, um — das war nicht recht klar — die Chinesen oder — uns zu überwachen. Wir konnten sie nach Belieben für eine Ehren- oder Aufsichtswache nehmen.

Don Livio verließ uns hier kurz nach unserer Ankunft, um noch rechtzeitig zu dem Abendzuge nach Nankou zurückzukehren. Wir nahmen herzlichen Abschied von ihm und begleiteten ihn mit unseren Lebewohlrufen, bis er zwischen den Mauern des Dorfes verschwunden war.

Der feuchte Wind drang durch die zerrissenen Papierfenster und erfüllte unsere niedrigen Kämmerchen.

„Pietro, Feuer! Pietro, heißen Tee! Pietro, etwas zu essen!“

Und Pietro kam und ging diensteifrig und lächelnd, brachte das Kohlenbecken, die Teekanne, Eier und beantwortete alle Fragen in einem Italienisch, das seine ureigene Erfindung war. Pietro ist ein unschätzbarer Diener; er ist der Sohn eines alten Ma-fu der Gesandtschaft. Aus einer Dynastie von Ma-fus stammend, die über die Marställe der italienischen Gesandten herrschte, genoß er oft die Ehre, Aufträge zu erhalten, die Intelligenz und Treue erforderten. So begleitete er uns bis Kalgan als Majordomus und Dolmetscher, als eine Art Adjutant.

„Pietro,“ fragte ihn der Fürst, „bist du Christ?“

„Nein, Buddhist ich!“ erwiderte er.

„Warum nennst du dich dann Pietro?“

„Ich nicht nennen Pietlo mich,“ antwortete er, das r mit l verwechselnd wie jeder gute Chinese, „ich mich nennen Wu-tin.“

„Aber wenn ich dich Pietro rufe, so antwortest du doch.“

„Ja, alle mich lufen Pietlo, ich ihnen antwolte.“

Ein letzter Befehl noch: „Pietro, morgen früh um 3 Uhr wecken, und daß die Kulis zu dieser Stunde bereitstehen!“ Und in die überreichlich mit Insektenpulver bestreuten Decken gewickelt, überließen wir uns dem Schlafe. Durch die dünnen Wände hindurch hörten wir im Zimmer nebenan die Matrosen sich von ihrer Heimat und ihren weiten Seereisen unterhalten.

Am 12. Juni 4½ Uhr morgens verließen wir Tscha-tau-tschung bei bedecktem Himmel und kalter Luft, die die Nacht länger erscheinen ließ. Wir schauderten in unseren noch nassen wasserdichten Anzügen.

Die Matrosen mußten jetzt umkehren; sie hatten Befehl, uns am zweiten Marschtage zu verlassen, wenn ihre Anwesenheit nicht unbedingt nötig wäre. Sie begleiteten uns noch einige hundert Meter bis zu dem Fuße eines alten Befestigungsturmes und nahmen dann Abschied. Die Ebene von Tscha-tau-tschung hallte von Evvivarufen wider. Noch lange Zeit konnten wir die weißen Marineuniformen in dem Grau der Dämmerung unterscheiden und hörten erneute Evvivarufe, die immer ferner und immer schwächer ertönten, bis sich die Leute und die Stimmen ganz in der Ferne verloren.

Die Kulis hatten aus dem Schlafe neue Heiterkeit geschöpft; lachend und singend marschierten sie weiter auf der Straße, die ab und zu sumpfige Stellen zeigte. Ein Automobil zu ziehen, machte ihnen Spaß. Glückliche Armut!

Bei Tagesanbruch zeigte der Himmel da und dort blaue Stellen. Ein Nordwind zerstreute die Wolken und trieb sie in völliger Auflösung dem Meere zu, und mit einem Schlage beleuchtete ein Sonnenstrahl hohe Berge vor uns. Noch wenige Minuten, und die gesamte Kette des Jen-jen-schan, die wir überschreiten mußten, zeigte sich in einem strahlenden Lichtschimmer, durchfurcht von Abgründen und Berghängen, gekrönt von blauen Gipfeln. Es war uns, als hätte sich in einer Minute eine unermeßliche, gewaltige Schranke uns genähert. Hinter ihr erhoben sich andere Gipfel, andere noch höhere Berge, die sich in der Ferne abstuften, bis sie sich in dem heiteren Himmel verloren: der Wu-tsi-hai, die Ausläufer jenes gewaltigen Alpensystems, das der Chingan-schan bildet.

Der Himmel klarte völlig auf. Als wir uns umwandten, sahen wir die Schatten der letzten Wolken einen nach dem andern sich von den Höhen der Großen Mauer losreißen, und in weitem Halbkreise reihten sich hinter uns die Berge aneinander, die wir den Tag vorher überschritten hatten, ausgezackt und kahl, durchschnitten von der unermüdet sich auf- und niederziehenden Schlangenlinie der Mauer, ein so wundervoller Anblick, daß wir uns nicht satt daran sehen konnten. Bis zu den fernen, verschleierten, kaum sichtbaren Bergen der Provinz Schansi im Süden bemerkten wir die regelmäßige Kette der Türme und zeigten sie einander mit immer neuem Staunen, wie eine unglaubliche Erscheinung.

Vor den Mauern von Ta-tu-mu.
Vor den Mauern von Ta-tu-mu.

Vor den Mauern von Ta-tu-mu.

Das Gelände stieg leicht an. Die Ebene war öde. Nach stundenlangem, einsamem Marsche überholten wir eine Karawane von Kamelen, die von Mongolen in langhaarigen Ziegenpelzen und mit achteckigen, dem Dach einer Pagode gleichenden Hüten auf dem Kopfe geleitet wurden, eine Karawane, die in diesem Jahre die letzte Reise machte. Die mongolischen Kamele arbeiten im Sommer nicht; sie erfreuen sich der Wohltat der Ferien und der Landluft; in den heißen Monaten werden sie auf die Weideplätze der heimatlichen Wiesen getrieben, wo sie sich für sämtliche übrigen Monate des Jahres, in denen sie arbeiten und fasten, ausruhen und sattfressen. Die Ruhe ist ihnen notwendig, auch um die Hufe wieder wachsen zu lassen, die sich auf den Bergen oft bis aufs Fleisch abwetzen, so daß die armen Tiere daran zugrunde gehen. Ein Wüstentier läßt sich nicht ungestraft in ein Alpentier verwandeln. Dagegen wurden wir einmal zu unserer Beschämung von Maultiersänften einer rasch dahinziehenden Reisegesellschaft überholt. Es waren Sänften, die Kaufleute nach Kalgan oder kaiserliche Beamte nach ihren entfernten Amtssitzen brachten; sie befanden sich zwischen einer Vorhut von berittenen Dienern oder Soldaten und einer Nachhut von Maultiertreibern, die die Ersatztiere führten. Die Beamten hatten an die Außenwand ihrer Sänften als Zeichen ihrer Würde das rote Futteral gehängt, in dem sich der kegelförmige Amtshut befindet. Als sie an uns vorbeikamen, teilte sich der Vorhang des seltsamen Gefährtes, und ein würdiges, infolge der Bewegung der Maultiere hin und her schaukelndes Chinesenhaupt wurde sichtbar, das uns mit fragender Miene betrachtete.

Wir waren in eine sandige Gegend gekommen. Wir trafen elende Dörfer, umgeben von hohen, zerfallenden Wällen, Dörfer, die einst reiche Städtchen waren: Pao-schan, eine Anzahl von Lehmhütten rings um einen winzigen Tempel, den wir durch die breiten, vom Wetter gefressenen Lücken in dem viel zu weiten Mauerquadrat sehen konnten, dann Schi-yu-le im Schatten von Weidenbäumen, Hu-li-pa, umgeben von Bastionen aus Lehm, Scha-tschou, das an die Dörfer der Mandschurei erinnert, und Pien-kia-pu, das an nichts erinnert. Die hochstehende Sonne verbrannte uns den Rücken und lähmte unser Denken. In träger Eintönigkeit, gleichförmig, ermattend schlichen die Stunden hin. Bei den physischen Beschwerden des Marsches (die Reitesel waren nach Nankou zurückgekehrt) dachten wir mit geheimer Sehnsucht daran, wie schön es wäre, wenn wir uns einem bewohnten Orte näherten. Wir setzten ein unbestimmtes Vertrauen auf das Dorf, das kommen mußte, suchten es mit den Blicken und beeilten uns, es zu erreichen, als müßten dort die Beschwerde, die Hitze, die Niedergeschlagenheit und jene blendende Lichtfülle ringsum, in der wir uns gleichsam zu verlieren und aufzulösen schienen, ein Ende nehmen; wir zogen aus einem Bezirk in den andern, immer Umschau nach einer ungeahnten Überraschung haltend.

Die Heiterkeit der Kulis war verschwunden. Man hörte nur noch das Geräusch der Schritte, das Stöhnen der Atemzüge, das laute Knirschen des Sandes unter den Pneumatiks des Automobils, das Getrappel der drei Zugtiere. Von Zeit zu Zeit ein Zuruf Ettores, ein unvermutetes Ertönen der Hupe: halt — wir sind an einer schwierigen Stelle.

Die gute Straße am Hun-Fluß.
Die gute Straße am Hun-Fluß.

Die gute Straße am Hun-Fluß.

Wir sehnten uns beinahe nach diesen schwierigen Stellen, nur um uns aufzurütteln. Es waren dies Augenblicke lärmender Geschäftigkeit. „Hier, den Spaten! die Spitzhacke! Vor dem rechten Rade muß gegraben werden! Vorwärts! Dieser Stein muß aus dem Wege! Die Hebel her! Achtung! Eins, zwei, drei ...!“ — Und in der unermeßlichen Glut, die über der öden Landschaft lagert, entwickelt unsere kleine Schar eine fieberhafte Tätigkeit. Dann ergriffen die Kulis von neuem die Seile, und vorwärts ging es: lai lai-la.

Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.
Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.

Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.

„Deutscher Feldtelegraph“, so lasen wir über der Tür einer einsamen Hütte. Es war ein Überbleibsel jener vielberufenen internationalen militärischen Expedition, das von der Bevölkerung geschont wird, vielleicht weil man die Worte für eine heilige Inschrift des Abendlandes hält. Es ist alles, was von jenem so viel Aufregung verursachenden Einmarsch der Mächte übriggeblieben ist. Wir sind unter die Mauern einer Stadt, Huai-lai, gelangt, der nach Süden ein hoher alleinstehender Hügel mit einem Tempel auf dem Gipfel vorgelagert ist. Dieser Tempel war einige Wochen lang eine europäische Kaserne. Wir machten halt, um den Leuten eine Stunde Ruhe zu gönnen; sie gingen, um die Zeit auszunützen, in die Stadt hinein und überbrachten der Bevölkerung die Kunde von unserer Ankunft.

Sofort will ganz Huai-lai uns sehen. Man hört das Lärmen einer Menschenmenge, die sich dem Tore nähert. Zuerst kommen die Kinder, die Vorhut der Schar. Nach wenigen Minuten sind wir von Hunderten von Menschen umringt, die sich mit achtungsvollem Lächeln um das Automobil drängen. Sie betrachten es, berühren es scheu, werden kühn, fragen uns, begrüßen uns, staunen uns an. Viele halten auf der flachen Hand Käfige mit Singvögeln; an schönen Tagen trägt jeder gute Chinese von einer gewissen sozialen Stellung zur Unterhaltung einen Vogelkäfig; es ist dies seine Hauptbeschäftigung, ein hübscher, traditioneller Zeitvertreib.

Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.
Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.

Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.

Inzwischen frühstücken wir ein wenig Käse und Cornedbeef. Die Einwohnerschaft von Huai-lai sieht uns dabei zu, es macht ihr offenbar Vergnügen. Rings um uns streitet man sich über die Art und Beschaffenheit unserer Speisen. Ein alter Mann gibt uns durch Zeichen zu verstehen, daß er kosten wolle; den Käse spuckt er aus, während er das Fleisch hinunterschluckt; dann tut er der Bürgerschaft sein Urteil kund und zu wissen. Die Bürgerschaft tritt in nähere Erörterungen darüber ein. Der alte Mann will seine Kontrolle auch auf unser Getränk ausdehnen, und wir reichen ihm die Weinflasche, die er zögernd an die Lippen führt, nachdem er den Becher unwillig zurückgewiesen hat. Er trinkt, kostet, beginnt wieder zu trinken, und widmet sich dieser Tätigkeit mit solchem Eifer, daß die ganze Flasche sich gurgelnd in seine ehrwürdige Kehle entleert. Darauf ist er europäisiert; er lächelt uns mit kleinen, lustig zwinkernden Augen zu und spricht lebhaft auf uns ein; er steigt auf das Automobil, setzt sich hier unter den Beifallsbezeigungen seiner Mitbürger nieder und versucht der Hupe einen Ton zu entlocken; dies gelingt ihm, und er ist glücklich. Es kostet uns nicht wenig Schwierigkeit, ihn wieder herunterzubefördern, als die Kulis zurückkommen und wir unseren Marsch fortsetzen.

Im Schatten des Lien-ya-miao.
Im Schatten des Lien-ya-miao.

Im Schatten des Lien-ya-miao.

Wir kommen an armen, aus Lehm gebauten Dörfern, kleinen, Einsturz drohenden Tempeln, baufälligen Häusern, elenden Hütten vorüber, die von einer wandernden Stadt längs des Weges verloren zu sein schienen. Ein roter, von einem Stock herabwehender Lappen kennzeichnet sie als Absteigequartiere für müde Reisende, als Herbergen für Maultiertreiber im kleinen. Unsere Leute machen dort halt, um in Eile eine Schale Tee zu schlürfen oder sich für eine Sapeke (3/10 Pfennig) den Fliegen streitig gemachte Süßigkeiten zu kaufen. Alle diese Landstriche hätte man für unbewohnt halten können; nirgends zeigte sich ein Mensch, nirgends ließ sich ein Ton hören; es schien, als wolle man sich vor uns verbergen oder uns zu verstehen geben: „Bleibt uns drei Schritte vom Leibe!“ Ta-tu-mu, eine Stadt mit hohen, oben abbröckelnden Mauern, machte den Eindruck einer seit Jahrhunderten verlassenen Ruine.

Die Straße verengte sich; wir gerieten häufig in tiefe Rinnen, die vom Wasser im Sande oder zwischen den Kieseln ausgehöhlt worden waren. Wir marschierten im Bett eines Bergstroms.

Rings um uns her erhoben sich riesenhoch die rauhen Berge, die wir am Morgen gesehen hatten, ohne eine Spur von Vegetation, von brennend gelber Farbe. Wir erstiegen die zweite Bergstufe, die Peking von der mongolischen Hochebene trennt, zu der man über drei Absätze gelangt. Man steigt zu der Mitte Asiens empor wie zu einem Tempel: drei Stufen, drei Absätze. Unten, zu unserer Linken, öffnen sich die unermeßlichen Talgründe von Schansi, eingetaucht in ein strahlendes Blau.

An manchen Stellen war kaum Platz für das Automobil, und wir trafen die sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln. Wir mußten ab und zu einen Schlag mit der Spitzhacke tun, Maße abschätzen und kühn die Weiterfahrt versuchen, wobei wir die Radränder scharf im Auge hatten und der Führer sich bereithielt, die Maschine unter dem mächtigen Druck der Bremsen unbeweglich festzuhalten. Bei einem Dorfe, Tu-mu-go, 45 Kilometer von Tscha-tau-tschung, fanden wir uns beinahe unvermutet außerhalb des Berglandes; eine grüne Ebene lud uns zu einer Fahrt ein, und wir nahmen die Einladung an.

„Halt!“

Wie durch Zauberschlag ist die Ermüdung von uns gewichen. In einer Minute sind die Kulis beiseite geschoben und dem Kommando Pietros anvertraut, die drei Tiere abgeschirrt. Mit fieberhafter Eile schlingen wir die Seile um die Laternenhalter und entfalten die Flagge. Ein Andrehen der Kurbel, und der Motor arbeitet. Wir steigen auf die Maschine und vorwärts!

Vorwärts, den gewundenen, unebenen Weg entlang, unbekümmert um die Sprünge, die Stöße, die Rucke, einzig und allein darauf bedacht, das Automobil laufen zu lassen. Es hat nur zweite Geschwindigkeit, scheint uns aber zu fliegen. Es zeigen sich große Regenlachen. Vorwärts! Wir stürmen hinein und durchfurchen sie unter einem wahren Schauer von Wasser und Schmutz; die zurückschlagende Welle dringt in den offenen Raum des Automobils ein und durchnäßt uns. Wir lachen. Wir sprechen laut, ergriffen von einer seltsamen Aufregung; es ist ein Rückschlag gegen das lange Schweigen und gegen die entmutigende Langsamkeit der bisherigen Reise. Auch lebt in uns eine neue Freude auf, die aus der tiefen, unsagbaren Genugtuung stammt, etwas zu unternehmen, was noch nie unternommen worden ist. Es ist die Wollust einer Eroberung, der Rausch eines Triumphes und zu gleicher Zeit eine Überraschung, eine Art Verzückung infolge der phantastischen Seltsamkeit der Fahrt in diesem Lande. Wir erblicken Pagodendächer zwischen den Bäumen. Es ist uns, als unterbrächen wir eine tausendjährige Ruhe, als seien wir die ersten, die durch unser Dahineilen einen Weckruf in seinen tiefen Schlaf hinein erschallen ließen. Wir fühlen den Stolz auf Zivilisation und Rasse; wir fühlen, daß wir etwas vertreten, das höher steht als wir selbst: es ist Europa, das mit uns dahinzieht. In dieser Geschwindigkeit faßt sich die gesamte Bedeutung unserer Zivilisation zusammen. Das brennende Sehnen der abendländischen Seele, ihre Stärke, das wahre Geheimnis jedes ihrer Fortschritte ist in einem Worte ausgedrückt: „Rascher!“ Unser Leben wird angestachelt von diesem heißen Verlangen, von dieser schmerzhaften Ungenügsamkeit, von diesem erhabenen Besessensein: „Rascher!“ In die chinesische Starrheit tragen wir in der Tat unser fieberhaft erregtes Wesen hinein. Wir fahren durch Flecken und Dörfer. Halbnackte Kinder fliehen bei unserem Nahen. Die Männer und Frauen blicken uns mit stiller Überraschung, mit ruhiger, wohlwollender Neugier nach. Wir sehen seltsame Trachten, malerischer als die von Peking, vielleicht älter. Es sind grüne, rote, gelbe, blaue Kleider, alle von grellen Farben. Die Bewohner des flachen Landes lieben in der ganzen Welt lebhafte Farben, vielleicht weil sie täglich Blumen vor Augen haben. Auf den Schwellen der Häuser, wo sich die Menge zusammendrängt, herrscht ein buntes, in der Sonne funkelndes Gewimmel, darüber ragen die charakteristischen Dächer mit der leichten kahnartigen Biegung. Wir können uns keinen lebhafteren Eindruck vom fernen Osten wünschen.

Am Hun-ho.
Am Hun-ho.

Am Hun-ho.

Auf den von üppigem Grün strotzenden Feldern richten sich bei dem Geräusch unserer Maschine die Landleute von ihrer Arbeit auf und betrachten uns, die Augen mit der Hand beschattend. Einer ruft: „Huo-tscho lai!“ — „Die Eisenbahn!“ Der Ausruf wiederholt sich. Einen Augenblick später wenden sich alle wieder ihrer Arbeit zu und beachten uns nicht mehr, überzeugt, daß die Eisenbahn, von der sie so viel haben sprechen hören, angekommen ist. Die Sache hat keine Bedeutung für sie. In einem Graben wäscht eine Frau Kleidungsstücke; wir kommen dicht an ihr vorbei, sie würdigt uns kaum eines Blickes und fährt fort, ihre Kleider zu waschen, gleich als ob täglich Hunderte von Automobilen an ihrem Graben vorüberkämen. Anderswo dagegen rufen sich die Leute gegenseitig zu, strömen herbei, laufen uns durch die Staubwolken nach und zeigen den Ausdruck naiven Staunens auf ihren gelben Gesichtern. Die Seele dieses Volkes ist ein undurchdringliches Geheimnis. Wer weiß, ob nicht der durch die Erscheinung des Automobils hervorgerufene verschiedene Eindruck auf den ursprünglichen Rassenunterschied der Einwohner zurückzuführen ist, wer weiß, ob die Neugier nicht eine tatarische und die Gleichgültigkeit eine chinesische Eigenschaft ist?

Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.
Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.

Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.

Wir kommen an einen Ort, Tum-ba-li, dessen in der Mauer befindliches Tor so eng ist, daß wir nicht hindurchkönnen. Wir fahren langsam auf grünen Wiesen im Halbkreise vorbei. Bei einem Dorfe machen wir halt. Der Motor hat Durst und wir auch. Eine gutmütige Menge umringt uns, bietet uns frisches, klares Wasser an und unterzieht den unteren Teil des Automobils einer genauen Prüfung. Man streitet, man kommt näher; kühne junge Leute bücken sich bis zur Erde, um die Schutzwand des Geschwindigkeitsgetriebes besser betrachten zu können. Dann bücken sich alle. Das Geschwindigkeitsgetriebe interessiert sie augenscheinlich. Auch wir sehen nach und suchen vergebens zu ergründen, was ihre Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesseln könne. Die Szene ist komisch. Einer faßt Mut und bittet uns mehr mit Gesten als mit Worten um eine Erklärung. Ah, endlich verstehen wir. Sie fragen, wo das Tier ist! Das Pferd ist nicht vorn, es muß also da drinnen stecken. Um so mehr — bemerkt einer, mit ausdrucksvoller Mimik auf den Eimer deutend —, als man ihm durch ein Loch zu saufen gibt. Es ist schwer zu fassen, wo der unglückselige Vierfüßer eingesperrt ist. Ettore will ihnen praktische Erläuterungen geben und öffnet das Motorgehäuse, um ihnen die Zylinder zu zeigen. Aber die Leute blicken mit dem Ausdrucke der tiefsten Überzeugung nach wie vor nach unten. Wir lassen sie bei ihrem Staunen.

Später holten wir die Sänften ein, die uns am Morgen überholt hatten. Die Maultiertreiber sprangen aus dem Sattel, um die aufgeregten Tiere zu beruhigen, die in jähem Schreck wild durcheinander rannten; die Sänften, die zuerst hin und her schwankten wie Nachen auf bewegter See, machten gegen den Willen der Insassen halt infolge der entgegengesetzten Meinungen, die die an das Gefährt gespannten Maultiere über die einzuschlagende Richtung sehr energisch betätigten. Wir konnten noch sehen, wie hinter den emporgehobenen und zur Seite geschobenen Vorhängen die würdigen Reisenden uns mit der Miene des tiefsten Erstaunens betrachteten, das nicht frei von Unwillen war; rasch fuhren wir an ihnen vorbei, indem wir ihnen ein freundliches Lebewohl zuriefen. Dies war unsere Rache.

Am Abend machten wir in einem reizenden Dorfe halt, in Schem-pao-wan, das von wahrhaft patriarchalischem Alter ist. Innerhalb der Mauern herrscht eine bezaubernde Ruhe, man hört nur das Gezwitscher der Vögel. An jeder Tür hängen an dem oberen Balken zwei bis drei Käfige mit singenden Wüstenlerchen; ihre Triller erfüllen die Luft. Es ist eine seltsame, durchdringende, volle, laute Musik, der die auf den Schwellen hockenden Bewohner schweigend lauschen. Die Mongolen bringen von ihren Ebenen Tausende dieser zierlichen gefangenen Sänger, für die die Chinesen eine große Vorliebe zeigen, auf den Markt. Die Chinesen geben ihren Stimmen den Vorrang vor jedem andern Ton, als ob sie in ihnen etwas Göttliches erkennten. Die überschwemmte Dorfstraße hat sich in einen Sumpf verwandelt, in dem sich die Häuser und das Blau des Himmels widerspiegeln. Seit uralter Zeit muß sich diese kleine Wasseransammlung zwischen den Häusern festgesetzt haben, weil man nichts zu ihrer Entfernung tut und Weiden Zeit gehabt haben, an ihren Rändern zu wachsen und ihren Durst in dem stillen Wasser zu löschen. Die Einwohner gehen auf erhöhten Fußsteigen um sie herum. Wagen kommen nicht in das Dorf.

Jetzt nähert sich ein kleiner Trupp, ein Bild aus alten Zeiten. Auf einem weißen, mit roter Seide aufgezäumten Maultiere reitet eine vornehme Dame vorüber, reichgekleidet in gestickte Gewänder, das Gesicht weiß und rot geschminkt, die kleinen Lippen blutrot gefärbt, den Hut mit Blumen geschmückt. Eine Figur, wie von einer chinesischen Vase. Die Pekinger Mode ist nicht bis hierher gedrungen; hier leben noch die Trachten vergangener Jahrhunderte. Vor und hinter der Dame schreiten Diener; sie begibt sich vielleicht zu einem Feste. Wir bleiben stehen, um sie zu beobachten, während sie eine kleine gewölbte Brücke überschreitet und bei unserem Anblick anmutig ihr Gesicht mit dem Ärmel bedeckt.

Wo ist das Tier?
Wo ist das Tier?

Wo ist das Tier?

Wir durchstreiften das Dorf, nachdem wir das Automobil in einer vor den Toren gelegenen Karawanserei eingestellt hatten. Als wir zurückkehrten, fanden wir den Hof mit Menschen, Kamelen, Wagen und Pferden angefüllt. Es waren Karawanen angekommen. Das Personal der Herberge eilte geschäftig hin und her. Hier wurden riesige Haufen Getreide für die Tiere abgemessen, dort trug man den Männern Schüsseln mit dampfendem Reis und hohe Berge von Weißbrot auf. In einem Winkel des Hofes nahm ein Zauberer mit Hilfe einer angezündeten Kerze und einiger magischer Worte Beschwörungen vor zum Zwecke der Heilung eines alten kranken Maultieres, das den Zauber inmitten einer schweigenden Zuhörerschaft resigniert über sich ergehen ließ. In den weiten raucherfüllten Küchen brannten alle Feuer, und bei dem rötlichen Lichte von Talgfackeln bewegten sich die Köche mit nackten, schweißigen Rücken wie die Schmiede in einer antiken Schmiedewerkstatt. Um das Automobil herum war wieder eine Menschenmenge versammelt, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, das Tier zu suchen. Wir stellten fest, daß der chinesische Bauer sich die rätselhafte Erscheinung am logischsten durch die Vorstellung eines Zugtiers erklärte. Nur hielten die Intelligentesten daran fest, daß es sich nicht um ein Pferd handle, sondern um irgendein unbekanntes, fabelhaftes Tier, das von uns gefangen gehalten werde, und wenn sie den rauhen Ton der Hupe hörten, so sagten sie: „Das ist seine Stimme.“

In diesem Jahrmarktstrubel tauchten zwei russische Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett auf. Es war Militär der Gesandtschaft, das die russische Post nach Kalgan und Kiachta brachte. Sie kamen von Peking und überbrachten uns Nachrichten von den drei übrigen Automobilen, die, wie sie wußten, am Abend vorher in Pa-ta-ling angelangt waren. Sie hatten sie diesseits der Großen Mauer angetroffen; die Automobile hätten in Huai-lai übernachtet. Wir hatten seit frühmorgens 65 Kilometer zurückgelegt, 20 davon mit dem Motor. Wir waren den andern also um 35 Kilometer voran; in Kalgan würden sie uns einholen.

„Das Abendblot ist angelichtet!“ hörten wir rufen. Pietro stand neben uns, mit Schüsseln in den Händen, und lächelte uns hinter dem Dampf der ausschließlich von ihm bereiteten Speisen an. Pietro ist auch Koch.

Als wir später zwischen Abendessen und Zubettgehen vor unserem Zimmer saßen und einige Zigaretten rauchten, sahen wir den schwarzen Schatten hoher Berge sich von dem gestirnten Himmel abheben.

„Es sind die Berge von Ki-mi-ni“, bemerkte der Fürst.

„Also noch Aufstiege!“

„Und schwierige. Kalgan liegt jenseits.“

„Werden wir hinüberkommen?“

„Wer weiß! Morgen wird es einen heißen Tag geben.“

Und so war es.

Wir brachen auf, als es noch Nacht war.

Kaum ließ ein leichter Lichtschimmer — dem vom Monde ausgehenden gleichend — die Sterne im Osten erblassen. Es war schwer, den Weg zu unterscheiden. Der alte Aufseher der Kulis, der die Gegend kannte, ging voran, um das Gelände zu erkunden. Wir konnten es nicht wagen, mit dem Motor zu fahren, und im übrigen hatten wir nur noch wenige Kilometer in der Ebene zurückzulegen, ehe wir an die Gebirgspässe von Ki-mi-ni gelangten. Unsere Chinesen marschierten ohne Anstrengung weiter, mit dem raschen Gange des Maultieres, des Pferdes und des Esels gleichen Schritt haltend. Bei Sonnenaufgang befanden wir uns am Fuße eines gewaltigen, einzelnstehenden Berges, des Lien-ya-miao.

Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.
Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.

Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.

Der Lien-ya-miao steht abgesondert von den übrigen Bergen und ist höher als sie, so daß es den Anschein hat, als führe er den Oberbefehl über sie. Im Süden wird er vom Hun bespült und beherrscht eine Strecke lang den Lauf des Flusses von der Höhe ungeheuerer, senkrecht ansteigender Felsen herab. Die Straße nach Kalgan zieht sich in der Nähe des Hun-ho hin, bald an dem Ufer des Flusses, bald an dem Absturz des Berges, hier durch Sand, dort über steile Felsen; sie klimmt empor und steigt nieder, bis sie dort, wo sich die Berge im Kreise umherstellen, den Fluß verläßt und sich über sanft ansteigende Hügel der Hochebene von Hsin-wa-fu nähert, auf deren Grenze Kalgan am Fuße anderer Berge liegt.

Am Fuße des Lien-ya-miao liegt die Stadt Ki-mi-ni; an den Ecken ihrer Mauern stehen zierliche Pagoden, und über die Zinnen erhebt sich ein Tempeldach mit aufgebogenen Ecken, überragt von Majolikadrachen und mit Glöckchen behängt. Von Ki-mi-ni sieht man nichts anderes. Der Ort ist ganz von hohen, ein Quadrat bildenden Mauern umschlossen wie so viele chinesische Städte. Es sind seltsame Städte, in deren unmittelbarer Nähe wir vorüberziehen, ohne etwas von ihrem Umriß zu entdecken, geheimnisvolle Städte, die sich vor der Neugier wie vor einem Feinde schützen. Während wir außen um ihre Bastionen in schweigender Einsamkeit unseren Weg fortsetzen, erscheint es uns fast unmöglich, daß auf der andern Seite dieser großen düsteren, gleichmäßigen Mauern eine Bevölkerung lebt, daß es dort Straßen, Häuser, Märkte, Freude und Leid gibt. In China ist alles von Mauern umgeben: das Reich, die Städte, die Tempel, die Häuser. Das Ideal des chinesischen Lebens ist die Stille des Gefängnisses.

In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.
In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.

In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.

Als wir um Ki-mi-ni herumgezogen waren, befanden wir uns unvermutet am Ufer des Hun-ho, im Schatten des Lien-ya-miao, dessen Felswände über uns emporragten. Auf dem Gipfel des Berges bemerkten wir einen Tempel. Wie hat man es angefangen, ihn dort oben zu erbauen? fragten wir uns verwundert. Pietro beeilte sich, uns eine Aufklärung zu geben. Dieser Tempel wurde nicht von Menschenhänden errichtet. Kein Mensch wäre dazu imstande gewesen. Er ist von Buddha selbst erbaut worden. Dieser stieg vor vielen Jahrtausenden in Gestalt einer alten Frau vom Himmel herab und errichtete das Heiligtum in einer einzigen Nacht. Und in derselben Nacht erbaute er, nachdem er sich in die Gestalt eines alten Mannes verwandelt hatte, eine Brücke über den Hun, von der noch Trümmer vorhanden sind. Und Pietro zeigte uns in der Tat die Überreste eines steinernen, von Gestrüpp umwachsenen Brückenkopfes. Es ist seltsam, wie weitverbreitet unter den Völkern Ostasiens die Legende von einem Gotte ist, der auf Erden unter der Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau erscheint, um dringende Arbeiten auszuführen. Der Tempel und die Brücke erinnern mich daran, daß in Japan die Göttin Kwannon ebenfalls in einer einzigen Nacht und unter der doppelten Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau ihr eigenes Bild in doppelter Ausführung in zwei riesige Baumstümpfe geschnitten hat; eins von diesen Selbstporträts wird noch heute in Kamakura verehrt, wo auch ich es gesehen habe. Gottheit und Alter verschmelzen oft in den asiatischen Legenden miteinander, vielleicht weil die Gottheit und das Alter Gegenstand gleicher Verehrung sind.

Der Fluß war infolge der Regengüsse angeschwollen; breit und trüb strömte er in unregelmäßigem Laufe in seinem mächtigen sandigen Bette hin. An einer Stelle senkte der Berg seine Felsenwand jäh bis zum Wasserspiegel hinab. In den Zeiten der Trockenheit durchwaten die Karawanen den Hun und setzen ihren Weg auf dem andern Ufer fort. Bei dem hohen Wasserstande wagten wir dies nicht und entschlossen uns, den Weg über den Berg zu wählen, der sich steil vor uns in plötzlichem Aufstiege erhob und zwischen den Felsen verlor.

Wir begannen hinaufzuklimmen.

Ankunft der französischen und des holländischen Automobils in Kalgan.
Ankunft der französischen und des holländischen Automobils in Kalgan.

Ankunft der französischen und des holländischen Automobils in Kalgan.

Der Pfad war in den Fels gehauen und folgte allen Abschüssigkeiten des Berges. Er machte so scharfe Schlangenwindungen, daß wir zuweilen auf zehn Schritte Entfernung noch keine Fortsetzung erblickten und den Eindruck hatten, als münde er in den Abgrund. Nie ließ er uns seine Krümmungen erraten; wir erfuhren beständig Überraschungen. Zu unserer Rechten erhob sich die Felswand, zur Linken hatten wir den Abgrund. In dessen Tiefe schäumte der Fluß. Jenseits des Flusses entdeckten wir beim Weitersteigen einen Horizont, der sich in unermeßliche Fernen ausdehnte, das Tal des Sang-kan-ho, die blaßblauen Berge des Huang-hua-schan, in unbestimmten Umrissen, unkörperlich, leicht wie Gespenster von Bergen; sie eröffneten den Blick ins Herz der Provinz Schansi. Stellenweise verengerte sich der Pfad, zuweilen war er kaum breit genug für die Räder; es waren angstvolle Augenblicke. Auf dem Straßenrande waren stellenweise Mauervorsprünge zum Ausweichen angebracht, die entweder einzustürzen drohten oder schon eingefallen waren, und wenn wir in die Tiefe sahen, hatten wir den Eindruck, als schwebten wir in der Luft. Längs des Hun sahen wir Karawanen von Kamelen ziehen, die von hier aus Insektenschwärmen glichen. Bisweilen ragten Felsblöcke über unseren Köpfen in den Weg hinein, so daß wir fast instinktiv unseren Schritt beschleunigten und dadurch auch die andern zur Eile veranlaßten.

Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.
Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.

Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.

Die Beförderung des Automobils war mühselig und schwierig. Wir arbeiteten gemeinsam mit den Chinesen, bald an den Rädern, indem wir die Speichen mit den Schultern schoben, bald, indem wir an den Seilen ziehen halfen und die Arbeitskräfte leiteten. Die Kulis waren bewundernswert. Etwas von unserer Beklemmung und von unserer Begeisterung war auf sie übergegangen. Achtsam und willig boten sie ihre gesamte Kraft und ihre gesamte Intelligenz auf. Sie setzten ihren Ehrgeiz in die harte Arbeit. Sie hatten Mittel gefunden, gewisse Hindernisse zu überwältigen, und wandten sie an, ohne den Befehl dazu abzuwarten. Sie studierten unsere Gebärden, sie suchten unsere Absichten zu erraten. Sie hatten den Mechanismus des Wagens auf das beste begriffen, und wenn sie sahen, daß die Vorderräder so in Spalten oder zwischen Steinen eingeklemmt waren, daß es unmöglich war, sie zu bewegen, so liefen sie herbei, um sie freizumachen, schoben sie so, daß sie sich nach der günstigsten Seite drehen mußten, und unterstützten die Absicht Ettores, der das Steuerrad lenkte. Die Bedeutung einiger Worte unserer Sprache war kein Geheimnis mehr für sie: „Kräftig los, vorwärts, halt, langsam, aufgepaßt!“ waren ihren Ohren Laute geworden, die eine beredte Sprache führten. Zu alledem kam eine unverwüstlich gute Laune, ein Streben, um jeden Preis zufrieden zu sein. Bei jeder überwundenen schwierigen Stelle gab es einen Heiterkeitsausbruch. Nach der heftigen Aufregung einer starken Kraftanspannung hatten sie noch Lust, mit matter Stimme zu singen. Sie feierten ihre kleinen Siege. Sie fanden tausenderlei Stoff zu Gesprächen und zu Gelächter, bis der Ruf: „Achtung!“ sie verstummen ließ und sie von neuem unter das gespannte Seil beugte. Der Umstand, daß auch wir bereit waren, uns an die Seile zu spannen, in Hemdärmeln, mit nackten Armen, und daß wir im Notfalle unsere Anstrengungen mit den ihrigen vereinten, spornte sie an. Vielleicht machte sie dies auch stolz.

Wir wußten nicht, wie spät es war, weil wir es nicht wissen wollten. Auf manchen Reisen müßte man die Uhr stets zu Hause lassen; sie ist eine schlechte Begleiterin, die entmutigt, indem sie zeigt, wie langsam die Zeit verrinnt. Wir lebten außerhalb der Zeit. Wir hatten den Eindruck, als seien wir seit unvordenklicher Zeit auf dem Marsche durch die Berge; dies lehrt Resignation. Der Tag wollte kein Ende nehmen. Vom wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne herab und erhitzte die Felsen; sie verwandelte sie in eine glühende Masse. Wenn wir die Steine berührten, zogen wir die Hände mit einer Empfindung zurück, als hätten wir uns verbrannt. Die Luft war unbeweglich und infolge der zurückprallenden Sonnenstrahlen unerträglich heiß; es schien, als hauche das Gebirge wie ein schlafender Riese einen seiner Atemzüge über uns aus. Einige Kulis hatten ihren bronzefarbenen Oberkörper entblößt, und das über ihre Schulter gelegte Seil drückte in die Haut und schnitt in die Muskeln ein. Aber die Nackten waren sämtlich Lastträger, und die Haut auf ihren Schultern war schon durch die Achsen der Sänften und die Tragbalken für die Wassereimer schwielig geworden. Sie schienen gegen die rauhe Berührung unempfindlich zu sein; nur selten legten sie das Seil mit einer raschen, bezeichnenden Bewegung auf die andere Schulter.

Der Aufstieg war zu Ende. Der Abstieg stellte sich als noch abschüssiger heraus; stets führte der Weg steil am Berge hin. Wir schirrten die Tiere aus und lösten die Seile, um sie an den hinten befindlichen Haken zu befestigen. Alle Kraft mußte darauf verwandt werden, das Automobil auf dem abschüssigen Wege aufzuhalten. Alle Mann stellten sich wie beim Seilziehen in zwei Reihen auf. Ettore stellte den Hebel auf die erste Geschwindigkeit ein. Auf diese Weise wäre das Automobil, selbst wenn die Seile rissen und die Bremsen nicht faßten, nicht mit der fürchterlichen Schnelligkeit eines Falles hinuntergesaust, sondern wenigstens einigermaßen von dem Motor aufgehalten worden, und es wäre somit noch möglich gewesen, es zu lenken, wenn auch nicht zu retten. Als alles bereit war, ertönte das Kommando: Vorwärts! Das graue Ungeheuer begann, sich in den Abgrund hinabzusenken.

Es schien, als wolle es sich dafür rächen, daß es gezogen worden war. Jetzt war es das Automobil, das laufen wollte. Es paßte auf alle Unvorsichtigkeiten der Menschen auf, zur Flucht bereit, der geringsten Lockerung der Spannung nachgebend; man hätte glauben können, es erwarte den günstigen Augenblick zur Empörung und wolle sich die Bändigung seiner Kraft nicht länger gefallen lassen. Ein Augenblick hätte genügt, es hätte genügt, daß eine momentane Störung in dem Zusammenwirken der Kräfte eintrat, daß die Anstrengung der Muskeln in kaum merklicher Weise nachließ, und die große Maschine wäre hinuntergestürzt, uns alle mit sich reißend. Eine Zeitlang schien sie gegen die Hemmung durch die Bremsen unempfindlich zu sein. Nach hinten geworfen, das Kinn auf der Brust, die Füße gegen den Erdboden gestemmt, Beine und Arme gestrafft, die Zähne zusammengebissen, den Atem angehalten, so kämpften wir alle, Chinesen und Europäer, mit vereinten Kräften. Zum Glück war es nur für einen kurzen Augenblick. Die neuen, gut geölten Bremsen griffen nur langsam ein, aber endlich taten sie es doch. Ettore kannte seine Bestie und war voll Vertrauen; er wußte sie zur rechten Zeit zu zähmen. Als wir haltmachen wollten, legten wir große Steine unter die Räder mit der Eile eines, der eine Barrikade errichten will, um den Feind aufzuhalten. Dann ruhten wir aus und ließen das Automobil allein in einer recht vertrackten Lage vornübergeneigt zurück, während die langen Seile sich hinter ihm wie zwei mächtige Schweife am Boden entlang ringelten. Bald erreichten wir wieder die Ebene und nahmen froh unseren Marsch zwischen dem Gebirge und dem Hun wieder auf.

Der Pfad führte uns zu einem Dorfe, Schau-huai-huan, das halb versteckt zwischen dichten Weidenbäumen lag und von Reisfeldern umgeben war. Die Straße war sumpfig geworden. Der Boden, klebrig und naß, vom Regen durchweicht, gab nach. Die Räder versanken bis zur Hälfte der Speichen darin, und der zähe Schlamm setzte sich an den Radkränzen und den Gummireifen fest, häufte sich hier an und gab den Rädern die abenteuerlichsten Formen und Umrisse; es schien, als bewege sich das Automobil auf Rollen aus Erde. Auch unsere Stiefel erfuhren eine unbequeme Vergrößerung; der Schmutz bedeckte sie mit dicken Krusten, die wir von Zeit zu Zeit durch Schütteln und durch Wegschleudern entfernten. Wir glitten aus, das Ausschreiten wurde uns schwer. Die Kulis mußten jede Minute halten und ausruhen. Wir begegneten einer Karawane von Maultieren, die mit mongolischen Fellen beladen waren; zwei Tiere wichen, erschreckt durch das Automobil, vom festen Pfade ab und versanken bis an den Leib.

Im Sumpflande bei dem Dorfe Schau-huai-huan.
Im Sumpflande bei dem Dorfe Schau-huai-huan.

Im Sumpflande bei dem Dorfe Schau-huai-huan.

In der Nähe des Dorfes stand die Straße unter Wasser. Zur Rechten und Linken dehnten sich von hohen Dämmen umgebene und trotzdem ebenfalls überschwemmte Reisfelder aus. Es gab keine Wahl; wir mußten durch. Unsere Leute entblößten ihre Beine und wateten in den Pfuhl hinein. Der Übergang schien trotz seiner Länge gut vonstatten zu gehen. Hoffnungsvoll maßen wir mit den Augen die Entfernung bis zum trockenen Lande. Noch zwei Minuten, und wir waren in Sicherheit. Das Wasser gurgelte unter unseren Schritten.

Mit einem Male blieb das Automobil stehen.

„Vorwärts, vorwärts!“ rief Ettore.

„Dummköpfe!“ riefen wir, „gerade in diesem Augenblick ausruhen zu wollen!“

„Weiter, weiter! Eine Rast ist jetzt verhängnisvoll. Wir versinken!“

Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in Kalgan.
Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in Kalgan.

Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in Kalgan.

Aber die armen Chinesen hatten nicht freiwillig haltgemacht. Sie begriffen die Gefahr sehr wohl. Sie zogen aus Leibeskräften und schrien vor Aufregung. Die drei Tiere stemmten die Hufe unter einem Hagel von Peitschenhieben ein und streckten ihre mageren Hälse vor. Die Seile waren gespannt, das Chassis ächzte. Vergebens. Die Maschine schien festgenagelt zu sein. Mehrmals wurde der Versuch, sie zu bewegen, wiederholt, bald langsam, bald heftig, in jeder Weise. Man mußte andere Mittel ausfindig machen. Wir schickten uns an, Ketten um die Bäume zu schlingen und Taue zu benutzen. Die Chinesen aber, die mit ihren nackten Füßen auf dem Grunde des Wassers hin und her tasteten, fühlten, daß die Räder an etwas gestoßen hatten. Pietro berichtete es uns.

„Großer Stein!“

Ein großer Stein? Die Hebel her! An die Arbeit! Wir waren entschlossen, selbst einen Berg zu zertrümmern, als die Kulis, die mit den Händen nach einem Ansatzpunkte für die Hebel suchten, erkannten, daß es sich nicht um einen Stein handle. Und Pietro erklärte:

„Große Wurzeln!“

In der Tat waren es die Wurzeln einer riesigen Weide, die ein wenig abseits stand, üppig grünend und so gleichgültig, als träfe sie nicht die geringste Verantwortung. Es war nichts anderes zu machen, als die Wurzeln mit der Axt abzuhauen. Eine seltsame und ganz neue Arbeit beim Automobilsport! Wer uns gesehen hätte, hätte geglaubt, wir wären mit dem märchenhaften Unternehmen beschäftigt, das Wasser zu spalten. Die Hiebe fielen regelrecht; ein in den Grund gesteckter Pfahl gab die Richtung an, in der sie geführt werden mußten.

Die abgehauenen Wurzeln wurden mit den Armen gefaßt, gezogen, herausgerissen, gezerrt und gedreht, bis die Räder völlig frei waren. Dann verließen wir rasch den Pfuhl und legten einige Kilometer ohne anzuhalten zurück, froh, wieder einen Weg zu finden, der, wenn er auch schlecht war, uns doch nicht heimtückisch mit unsichtbaren Gefahren bedrohte. Der Weg führte uns auf das sandige Flußufer zurück und wand sich dann von neuem zwischen Feldern, Hainen und Dörfern hindurch. An jeder Pfütze machten wir halt, um mit einem wohligen Gefühl Hände und Gesicht in das frische Wasser zu tauchen.

„Where do you go?“ — „Wohin wollen Sie?“

Diese Frage, die in englischer Sprache an uns gerichtet wurde, während wir an einem einsam und verlassen dastehenden Tempel vorbeikamen, bewirkte, daß wir uns mit der größten Verwunderung umwandten. Wir sahen nur einen Chinesen, der im Schatten eines Baumes saß und uns unverwandt betrachtete. War er es, der uns angeredet hatte?

„Wo wollen Sie hin?“ wiederholte er.

„Nach Kalgan. Und Sie, wer sind Sie?“

„Ich bin ein Ingenieur der Kalganer Eisenbahn.“

„Und was treiben Sie hier?“

„Ich studiere.“

„Was studieren Sie?“

„Die Kalganer Eisenbahn.“

„Viel Vergnügen.“

„Warten Sie doch!“

„Warum?“

„Ich will mich von Ihnen verabschieden.“

Und der wackere Ingenieur unterbrach das Studium der Kalganer Eisenbahn, das große Ähnlichkeit mit einem sanften Schlummer hatte, und kam würdevoll auf uns zu, um zu zeigen, daß er mit den fremden Sitten vertraut war. Er streckte uns allen die Hand hin, wiederholte: „Adieu, adieu!“ und kehrte in den Schatten seines Baumes zurück.

Wir machten halt, um in dem Wirtshaus des Dorfes Schan-schui-pu einige miserable Brotfladen zu essen. Mit einem Male hallte der Hof von dem Hufschlage zweier im Galopp ankommender Pferde wider. Wir sahen zwei chinesische Soldaten absteigen, zerlumpt, schmutzig, die Patronentasche am Gürtel, die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt, den Säbel an der Seite — das Ganze überragt von zwei Brigantengesichtern. Pietro lief herbei:

„Soldaten vom Mandarin von Hsin-wa-fu“, sagte er.

„Was wollen sie?“

„Sie kommen auf Befehl des Mandarinen, um uns anzusehen.“

Nachdem die Briganten uns betrachtet hatten, stiegen sie wieder zu Pferde und verschwanden.

Wir machten uns wieder auf den Weg. Nach kurzer Zeit nahm uns das Gebirge von neuem auf.

Zwei Felsbastionen mit einer Unzahl rötlicher Klippen kamen uns immer näher. Noch zwei Pässe! Und von neuem steile, sich zwischen den Steinblöcken hindurchschlängelnde Pfade.

Der Weg war der schlechteste von allen, die wir bisher zurückgelegt hatten. Wir hatten nicht sowohl mit der Schwierigkeit steiler und tiefer Abhänge zu kämpfen wie auf dem Lien-ya-miao, als vielmehr mit den uns von den rauhen, nackten Felsen entgegengestellten Hindernissen. Wir zogen über durchlöcherte Blöcke, Erhöhungen, Spalten, Zacken hinweg. Die Strömung des Wassers, der Huf der Maultiere und der breite Fuß der Kamele hatten in vielen Jahrhunderten kaum die gröbsten Unebenheiten auf dem engen Gebirgspfade geglättet. So langsam und vorsichtig das Automobil auch gezogen wurde, es schwankte fortwährend bei den Unebenheiten des Bodens, blieb bald mit dem einen, bald mit dem andern Rade stecken, rollte infolge der Höckerigkeit der Steine sprungweise zurück, versank mit den Radfelgen in tiefe Spalten. Und voller Besorgnis vernahmen wir das metallische Klirren des von dem Ziehen mitgenommenen Chassis, das leise Knarren des Holzes an den Rädern, eine Menge von dumpfen Tönen, die ich weiß nicht von welchem Teile der Maschine herrührten, das leise, kaum vernehmbare Klagen des Stahls, das von der Tätigkeit zerstörender Insekten hervorgebracht zu sein schien. Alle Verbindungen des Automobils erlitten eine Spannung, für die sie nicht bestimmt waren, und jene Geräusche kündigten unendlich kleine Verschiebungen, minimale Abweichungen an, die aber doch der Beginn einer verhängnisvollen Veränderung sein konnten! Es war das Skelett der Maschine, welches litt, welches ermüdete, und die Müdigkeit der Maschine wird durch kein Ausruhen geheilt.

An manchen Stellen war jeder Schritt ein Problem. Ettore ging zu Fuß voran, um die nächste Straßenstrecke besser beurteilen zu können; die Haut an seinen Händen war von dem Steuerrade abgescheuert, das über und über zitterte und der Kraft der Arme nicht gehorchte.

Mit einem Male lassen zwei Kulis schreiend das Seil los und fangen an sich zu raufen.

Alle übrigen verlassen gleichfalls die Arbeit und stürzen unter einem Höllengeheul auf die Kämpfenden zu. Der alte Aufseher bläst bis zur Atemlosigkeit in seine Pfeife, das Attribut seiner gehorsamheischenden Würde. Pietro schreit von der Höhe des Sattels herab ebenfalls. Wir wissen nicht, was wir denken sollen. Eine Meuterei, eine Revolte?

Wir stürzen auf die Unruhestifter los wie Wächter der öffentlichen Sicherheit auf die Teilnehmer an einer staatsgefährlichen Kundgebung und drängen uns mit Gewalt durch, bis es uns endlich gelingt, die ersten beiden Chinesen, die sich inzwischen bei ihren Zöpfen gefaßt haben und einander voller Wut das Gesicht zerkratzen, am Kragen zu packen. Es sieht aus, als wenn Weiber sich stritten.

„Was gibt es?“ donnern wir. „An die Arbeit! Vorwärts!“

„Pietro, was ist geschehen?“

Der unbezahlbare Pietro erklärt es uns und bringt uns zum Lachen. Die beiden Chinesen hatten sich wegen einer Verletzung des Ehrgefühls geschlagen. Der eine hatte zum andern gesagt: „Du strengst dich nicht an, du arbeitest nicht; warum bist du überhaupt mitgekommen?“ Die Beleidigung war schwer. Der andere, ein Knabe von mädchenhaftem Aussehen, dem wir deswegen den Spitznamen „das Fräulein“ gegeben hatten, stürzte sich auf den Beleidiger, um ihn am Zopfe zu ziehen, was in den Augen eines Chinesen einen entsetzlichen Racheakt bedeutet. Die Gefährten waren eingeschritten, um den Streit zu schlichten.

„Pietro, wie wird die Sache enden?“

„Sie ist doch schon zu Ende,“ erwiderte er uns erstaunt; „wenn man einen am Zopfe gezogen hat, so ist alles zu Ende.“

Und in der Tat sehen wir unsere Helden, angeschirrt an ein und dasselbe Seil, ohne die geringste Spur von Groll wieder nebeneinander ziehen; von dem Streite haben sie kein anderes Andenken davongetragen, als einige blutige Risse, die sie sich von Zeit zu Zeit mit dem Ärmel abwischen.

Die Automobile an der Schwelle der Mongolei.
Die Automobile an der Schwelle der Mongolei.

Die Automobile an der Schwelle der Mongolei.

Die Schwierigkeiten des Weges nahmen plötzlich unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Der Pfad schlängelte sich zwischen Felswänden hin, die so nahe aneinanderstanden, daß wir sie auf beiden Seiten berührten, wenn wir die Arme ausbreiteten. Mit welcher Angst im Herzen zogen wir durch jene gewundenen Felsgänge! Es war uns, als müßte das Automobil hier eingeklemmt steckenbleiben. Umzukehren wäre unmöglich gewesen. Unten näherten sich die Felswände so sehr, daß eins der Räder immer ein wenig auf dem Felsenvorsprung fahren mußte. Die Maschine stand während des ganzen Marsches schief. Es bedurfte einer wunderbaren Sicherheit des Auges und der Hand, um sie zu lenken. Es handelte sich dabei um Zentimeter, ja um einen einzigen Zentimeter. Mitunter drehte sich Ettore, nachdem er die Bremsen heftig angezogen und die Maschine hierdurch zum Stillstand gebracht hatte, um und rief entmutigenden Tones: „Es geht nicht!“ Dann mußte man zur Spitzhacke greifen, einige Vorsprünge weghauen, messen, es noch einmal versuchen, indem man bei dem Rufe: „Man-man-ti!“ „Langsam!“ nur die Menschen allmählich anziehen ließ.

Die größere Gefahr bestand für die Hinterräder. Sie wurden derart unten eingeklemmt und zwischen die Füße der beiden Wände gepreßt, daß sie sich auseinanderzubiegen drohten wie die beiden Striche eines V. Wir fürchteten, daß die Speichen oder die Achse des Differenzialwerks brechen könnten. Als sie aber aus dem Engpaß herauskamen, nahmen sie zu unserer Freude wieder ihre parallele Stellung ein. Zuweilen konnte man jedoch nicht umhin, zu glauben, daß die Anhänger der kleinen Automobile recht hätten. Fünf Zentimeter weniger Breite, und wir wären mit geschlossenen Augen überall durchgekommen.

Der erste Halt in der Mongolei.
Der erste Halt in der Mongolei.

Der erste Halt in der Mongolei.

Bei einer Wendung hörten wir einen Stoß, begleitet von einem unheilverkündenden Knirschen. „Es ist vorbei!“ riefen wir angstvoll. Das Automobil war mit der einen Seite heftig angestoßen. Zum Glück hatte sich der Schaden auf die Schutzwand beschränkt, die zersplittert war, sowie auf den Tritt, der sich nach hinten gebogen hatte. Ettore wütete; er hätte die Hälfte seines Lebens darum gegeben, wenn er mit einem Schlage aus diesen Schluchten, die sich endlos hinzuziehen schienen, herausgewesen wäre.

Die Felsschluchten begannen mit sandigen Strecken abzuwechseln. Die Felsen wurden kleiner, der Sand nahm zu. Am Nordfuße der Berge haben die stürmischen Winde, die aus der Mongolei kommen, Dünen aufgetürmt und so die Klippen unter ihren eigenen zerriebenen Trümmern begraben. In den Tälern bildet der Sand weite, die Abhänge einebnende Flächen, die großen gelben Flüssen gleichen. Allmählich langten wir auf den abgerundeten Gipfeln jener Dünen an, und zwar auf Wegen, die durch den jahrhundertelangen Karawanenverkehr in den Sand getreten worden waren. Von da erblickten wir zum ersten Male die einem Ozean gleichende, in der Klarheit des Horizontes blau verschwimmende mongolische Hochebene.

Hier erwarteten uns endlose Steppen und die Wüste. Hier winkte uns die Eilfahrt, die Befreiung, das Leben des Okzidents.

Wir warfen die Hüte in die Luft und ließen in den klaren Himmel hinein einen Ruf der Begeisterung ertönen: Evviva!

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