Neuntes Kapitel.
Reading edition
Urga.
In der Russisch-Chinesischen Bank. — Eine seltsame Pilgerfahrt. — Der chinesische Gouverneur im Automobil. — Die Abfahrt von Urga. — Im Sumpfe steckengeblieben. — Eine unheilvolle Fahrt bergab.
Von den drei Städten Urga war die chinesische die erste, die wir bei unserer Ankunft berührten. Wir fuhren in sie ein, weil der Telegraph hineinführte. Wir hatten so sehr die Gewohnheit angenommen, den beiden Drähten überallhin mit dem größten Vertrauen zu folgen, daß wir uns von ihnen ohne Widerrede Gott weiß wohin hätten führen lassen. Die Drähte waren Chinesen, die in der chinesischen Stadt haltmachten, bevor sie ihren Weg direkt nach Norden über steile Gebirge hinweg wieder aufnahmen. Ihre Aufgabe als Führer war aber zu Ende. Sie geleiteten uns durch die engen, schmutzigen Straßen der Chinesenstadt, sprangen mit einem Satze über eine Palissadenwand und ließen uns verdutzt stehen.
Unsere Ankunft verursachte, daß die Einwohnerschaft an den Eingängen der Gehöfte zusammenlief, von denen aus wir einen raschen Blick in die Höfe, die gedrängt voller Kisten, Kamele und Kinder waren, auf chinesische Häuser mit Gittern in verwickelten geometrischen Figuren und auf kleine buntbemalte, in die Augen fallende Tempel werfen konnten. Hinter den barbarischen Verteidigungswerken aus Balken bemerkten wir Anzeichen von Wohlstand und Fleiß. Die Bewohner beschäftigen sich sämtlich mit Großhandel; sie sind durch den Handel mit Tee, Wolle, Fellen, Pferden reich geworden und veranstalten regelmäßige Karawanenreisen; sie sind Eigentümer von Hunderten von Kamelen und Ochsen. Sicherlich waren sie von unserer Ankunft unterrichtet; sie betrachteten uns neugierig, aber nicht verwundert; der Telegraph hatte die Kunde von dem Ki-tscho bereits verbreitet, und die Berührung mit den Russen, die beständigen Beziehungen zur Welt des Westens haben den bezopften Einwanderern einen praktischen Sinn eingeflößt, der sie das Automobil von einem durchaus vernünftigen Gesichtspunkte aus betrachten ließ. Einige fragten, ob wir geradenwegs von Tauerin kämen, und wandten sich bei unserer bejahenden Antwort zu den übrigen, um dies Ereignis mit ihnen angelegentlichst zu erörtern.
Auf den Straßen der Chinesenstadt erblickten wir auch die ersten nordmongolischen Frauen, deren Kopfputz so auffallend und so neu für uns war, daß wir uns nicht enthalten konnten, sie mit indiskreter Beharrlichkeit zu betrachten. Zweifellos ist es den verheirateten Frauen der nördlichen Mongolei gelungen, aus ihrem Kopfhaar das originellste Meisterwerk herzustellen, das sich von der vereinten Phantasie von hundert Frauengenerationen ersinnen läßt.
Die Haare fallen zu beiden Seiten des Gesichts in zwei flachen, auf das reichlichste mit Gummi zusammengeklebten Streifen herunter, die in nichts mehr nach Haaren aussehen; sie gleichen zwei riesigen schwarzen, zurückgebogenen, das Gesicht umrahmenden Netzen, die einen solchen Umfang besitzen, daß sie beinahe Schulterbreite erreichen, und die auf der Brust spitz auslaufen. Die Netze werden durch eine Menge Stäbe auseinandergehalten, die wie die eines Fächers angeordnet sind und ein seltsames Gitterwerk um das Gesicht herum bilden; sie sind mit hin und her schwingenden größeren und kleineren Silbermünzen bedeckt, unter denen wir eine Anzahl russischer Zehn- und Zwanzigkopekenstücke erkennen, ein neues Zeichen der Nähe des Moskowiterreiches. Selbstverständlich wird ein Kopfputz von solcher Kompliziertheit nur einmal im Leben angefertigt; vor der Hochzeit überläßt die Braut ihren Kopf den geschickten Händen eines Künstlers und beschränkt sich dann auf die Tätigkeit des Erhaltens; sie stäubt ihre Netze von Zeit zu Zeit aus und bestreicht sie, wenn es nötig ist, von neuem mit Gummi. Die Gefahr, daß der Gebrauch eines Bades den Bestand dieser Haarphantasie schädigen könne, besteht nicht.

Frauen aus der nördlichen Mongolei.
Gerade in dem Augenblicke, als wir nicht wußten, wohin wir uns wenden sollten, und die Leute nach der Russisch-Chinesischen Bank fragten, wo wir erwartet wurden, kam ein chinesischer Soldat im Galopp angesprengt, um uns den Weg zu zeigen. Wir kamen an einer Reihe kleiner weißer Pagoden im tibetischen Stile vorüber, die entfernte Ähnlichkeit mit den Kegeln eines riesenhaften Billardspieles hatten. Als wir ins Freie traten, erblickten wir auf dem Gipfel eines Hügels einen prachtvollen europäischen Palast! Meine Feder vermag es nicht zu schildern, welche Überraschung und Freude uns durchzuckte, als wir dieses mitten in die Mongolei gefallene winzige Stück Europa erblickten. Es war, als habe sich unser eigenes Heim unseren Blicken dargeboten. Wir wußten noch nicht, was für ein Gebäude es war, das drei bis vier Kilometer von uns entfernt lag, umgeben von niedrigeren Baulichkeiten, dem Anschein nach Schuppen und Ställe. Aber für uns war es ein freundlicher Anblick. Bald lasen wir in großen Buchstaben in vier Sprachen die Inschrift: „Russisch-Chinesische Bank.“ Wir fuhren vor und ließen triumphierend und mit begeisterter Beharrlichkeit die Hupe ertönen.
Am Eingangsgitter stand ein Tarantaß; zwei Kosaken kamen die Straße entlang und blieben stehen, um uns zu betrachten. Wir begrüßten sie mit überströmender Freundlichkeit. Aus einem Pförtchen streckte ein bärtiger Muschik seinen Kopf heraus, um ihn aber sofort wieder zurückzuziehen, wohl in der Absicht, unsere Ankunft zu melden.
„Wir sind ja bereits in Sibirien!“ riefen wir und beglückwünschten einander, als ob die Reise zu Ende sei.
Geräuschvoll tat sich das Tor der Bank auf, und heraus stürzte ein sympathisch aussehender Herr, Herr Stepanoff, der Direktor dieser Filiale, um uns freudig zu begrüßen. Er konnte aber eine gewisse Überraschung nicht verbergen, daß er uns als die Ersten ankommen sah.
„Das ist ja die italienische Flagge!“ rief er, während er sie betrachtete, die am Hinterteil des Automobils lustig im Winde flatterte — „wahrhaftig. Herzlich willkommen, Durchlaucht! Seien Sie alle herzlich willkommen! Aufrichtig gesagt, ich habe Sie nicht erwartet. Ich kenne die Wüste, und Ihre Maschine hielt ich für zu schwer. Ich hätte gedacht, Sie wären zurückgeblieben. Ich war überzeugt, daß die leichteren Maschinen größere Chancen hätten.... Noch einmal, willkommen! Hier herein, hier herein, alles steht zu Ihrem Empfange bereit!“
Es stand in der Tat alles auf das wundervollste eingerichtet bereit. Eine ganze Zimmerflucht wurde uns zur Verfügung gestellt. Russische, französische und italienische Flaggen schmückten die Treppen. In einem großen Salon funkelte eine lange gedeckte Tafel mit 20 bis 30 Kuverts, mit Aufsätzen voll Konfekt, mit schimmernden, kunstvoll gefalteten Servietten: ein prächtiges Panorama von Kristall und Porzellan, das uns Ausrufe des Erstaunens und Wohlbehagens entlockte.
„Ich werde sofort das Komitee benachrichtigen“, erklärte unser Wirt, indem er uns nach unseren Zimmern geleitete.
„Das Komitee?“
„Ja, das russische Komitee zum Empfange der Teilnehmer an der Fahrt Peking–Paris. Es sollte sich zu Ihrem Empfange hier einfinden, aber wir glaubten nicht, daß Sie vor Abend eintreffen könnten. Man hat uns von Tauerin telegraphiert, daß ein Automobil heute früh um ½7 abgefahren sei. Es sind über 250 Kilometer! Entschuldigen Sie uns, wenn der Empfang vereitelt worden ist.“
Es bestand ein Komitee! Wir befanden uns mitten in der Zivilisation des Westens! Wir gedachten in Dankbarkeit der wackeren Männer, die sich zusammengetan hatten, um uns zu feiern, um uns Erholung von unseren Mühen zu verschaffen, die unsertwegen Zusammenkünfte mit Diskussionen und Tagesordnungen abgehalten hatten! Herr Stepanoff war der Vorsitzende und die Seele des Komitees.
In Urga begann die unvergeßliche Reihe herzlicher, aufrichtig gemeinter großer und kleiner Empfänge, die uns auf der ganzen riesenhaften Reise beständig die Wohltat freundschaftlicher Sympathien boten, die uns die Tore der Paläste und die Türen der Hütten erschlossen, die uns überall die erquickende Atmosphäre wahrer Gastfreundschaft atmen ließen, jener Gastfreundschaft, welche sagt: „Komm herein, mein Haus ist dein!“
Aus den Fenstern unserer Zimmer hatten wir die Aussicht auf das ganze Tal des Tola und die in ihm verstreut liegenden Städte. Der Bogda-ola lag uns gegenüber, hoch und breit, mit seinem imponierenden schwarzen Haupte voller Kiefern. Die Legende behauptet, auf diesem Gipfel befinde sich das Grab Dschingis Chans. Ein prächtiges Grab für einen Zwingherrn!
Vielleicht ist es diese Legende, die den Berg zu einem heiligen macht. Bäume auf ihm zu fällen und dort zu jagen, gilt als Heiligtumsschändung. Niemand besteigt ihn, um den Schlummer des großen Kaisers nicht zu stören. Wenn man die Mongolen nach dem Grunde fragt, weswegen sie den Bogda-ola nicht betreten, so antworten sie, der Berg sei von Gott zu seinem eigenen Vergnügen geschaffen worden; er allein besuche ihn, um sich hier dem Genusse des Lustwandelns und der Jagd hinzugeben. Nach ihrer Auffassung ist der Berg ein Privatgarten der Gottheit. Wie alle auf einer tiefen Stufe der Kultur stehenden Bewohner weiter Ebenen hegen sie für Berge eine Art religiöser Verehrung. Auf den Gipfeln der Anhöhen errichten sie ihre Obos; sie steigen hinauf, um zu beten; jede Bodenerhebung ist zu dem Zweck geschaffen, die Erde dem Himmel näherzubringen. Der Bogda-ola ist der höchste Berg, folglich ist er der heiligste. Und auf ihm steht ein Wald: ein eindrucksvolles Mysterium für den Sohn der Steppe. In der Mongolei besteht eine Art Kultus für die Bäume, weil sie selten sind. Wer weiß, welche unbestimmte Ehrfurcht die fremdartige, aus dem Boden emporsprießende Gestalt des Baumes in dem einfachen Gemüte des Nomaden erweckt. Oft wird er als Fetisch angebetet, und wir haben häufig, und zwar bis ins südliche Sibirien hinein, solche vergötterte Bäume gesehen, an deren Zweigen ungezählte Papierstreifen mit Gebeten flatterten.
Die „Itala“ war das Ziel einer unablässigen, ganz unglaublichen Pilgerfahrt. Die Nachricht von ihrer Ankunft hatte das ganze Tal des Tola in Aufregung versetzt. Es kamen Leute aus den drei Städten, und es kamen solche aus weit entfernten Jurtenlagern. Die Chinesen hatten als praktische Leute einen regelrechten Wagenverkehr mit Maultieren eingerichtet, um die Neugierigen, die den Ki-tscho sehen wollten, nach Urga und zurück zu ihren Palissadengehöften zu befördern. Man sah diese sonderbaren Gefährte, die schon etwas der russischen Telega glichen, zu fünf, mitunter zu sechs ankommen, besetzt mit Leuten, die sich festlich gekleidet hatten wie zu einer feierlichen Gelegenheit. Es fehlten auch die wirklichen Telegas nicht, die aus der russischen Stadt heraufkamen und bei den lebhaften Farben der slawischen Kostüme einen Anstrich von Fröhlichkeit hatten. Eine große Menge Mongolen strömte zu Fuß und zu Pferd von allen Seiten herbei: Lamas in violetter und gelber Seide und mit pagodenähnlichen Hüten, Karawanenführer, Hirten. In Scharen kamen lachende, geschwätzige Frauen, große Stiefel an den Füßen und die Last ihres Kopfputzes mit sich tragend, der den Eindruck eines um den Kopf gelegten Halskragens à la Medici machte. Von Zeit zu Zeit bahnte sich ein Kosak seinen Weg durch die Menge und unternahm eine Rekognoszierungstour um das Automobil.
Diese ganze Menge stand respektvoll und bewundernd um das Fahrzeug wie vor einem heiligen Mysterium. Die mongolische Bevölkerung von Urga war seit mehreren Tagen durch die eingeborenen Agenten der Bank von der bevorstehenden Ankunft von Wagen, die von selbst liefen, unterrichtet worden. Man hatte sie auf diese Weise vorbereiten wollen, um jedem möglichen Ausbruch des Fanatismus und des Aberglaubens vorzubeugen, der durch die unerwartete Ankunft so seltsamer Maschinen in der heiligen Stadt des Lamaismus hätte hervorgerufen werden können. Täglich erhielt die Bank Besuche von Mongolen, welche kamen, um Nachrichten über die von selbst laufenden Wagen einzuholen. Ihre Fragen waren von erheiternder Naivität. Sie glaubten, diese wunderbaren Wagen führen nicht auf der Erde, sondern durch die Luft. Sie wollten wissen, in welcher Entfernung man sie ohne Gefahr betrachten dürfe; sie fragten, ob es nicht unvorsichtig sei, sich vor sie hinzustellen, wenn sie stillständen. Die verbreitetste Meinung war, daß diese Wagen von einem unsichtbaren geflügelten Roß gezogen würden.
„Wie machen es aber die Fremden, um das geflügelte Roß zu lenken?“ fragten sie Herrn Stepanoff, nachdem sie unverdrossen den sinnreichsten Erklärungen gelauscht hatten, die sie überzeugen sollten, daß kein Pferd vorhanden sei.
Die primitiven Völker leben in einer Märchenwelt; sie erklären alles mit Hilfe des Unsichtbaren; ihre Unwissenheit sieht in jedem Dinge ein Geheimnis und in jedem Geheimnis eine verborgene Kraft; das Geheimnisvolle erklären sie sich als eine natürliche Kraft, und diese setzt sie nicht in Erstaunen. Sie glauben an das geflügelte Roß, aber sie sind nicht imstande, an eine komplizierte Schöpfung des menschlichen Geistes zu glauben. In ihrem Geiste ist das Unglaubliche Wahrheit, die Wahrheit aber unglaublich.
Wir wissen nicht, inwieweit der Anblick unserer Maschine die vorgefaßten Meinungen der Bürger von Urga über das Automobilwesen berichtigt hat. Sicher ist, daß die Menge die „Itala“ von allen Seiten bewundernd umdrängte, vor ihr aber freie Bahn ließ; auch die Chinesen beobachteten diese weise Vorsichtsmaßregel. Die Mongolen gaben dem Automobil den Namen „die fliegende Maschine“. Es ist auch möglich, daß die Kunde von ihr sich an den Schritt des Kamels heftet und zu den fernsten Stämmen in Form einer neuen Legende gelangt. Auch der Großlama hatte sich lebhaft für unsere bevorstehende Ankunft interessiert. Es wurde sofort ein berittener Kurier zu ihm geschickt.
Am Nachmittag stattete uns der chinesische Gouverneur seinen Besuch ab. Eine Stafette kam im Galopp angesprengt, um ihn anzumelden. Kurze Zeit darauf erschien auf der sonnigen Straße, in eine Staubwolke gehüllt, das Gefolge des hohen Würdenträgers. Die Sänfte wurde von vier berittenen Mongolen mit erstaunlicher Geschicklichkeit getragen; die Stangen der Sänfte waren über die Sättel gelegt, und die vier Träger galoppierten unter genauer Einhaltung der richtigen Entfernung. Wäre einer von ihnen auch nur um Handbreite aus der Reihe gewichen, so hätte der arme Gouverneur samt seiner Sänfte ein wenig würdevolles Ende gefunden. Eine Schar von mongolischen und chinesischen Soldaten, von Offizieren und von Würdenträgern ritt dem erlauchten Mandarin voraus und folgte ihm. Es lag ein primitiver Adel und Stolz über dieser buntgekleideten Gruppe, die wie eine Windsbraut dahergejagt kam. Nichts gleicht an kriegerischem Ausdruck dem Gesicht des mongolischen Soldaten mit seinem lang herabhängenden Knebelbarte.
Der Gouverneur war trotz des furchtbaren Gefolges, mit dem er sich umgab, der feinste und wohlwollendste Chinese. Als vollendeter Diplomat sprach er, ohne etwas zu sagen, lächelte allen zu, lachte über alles, nahm Tee und entfernte sich wieder mit seiner Sänfte und seiner dahinsprengenden Eskorte.
Auch einen Besuch des tatarischen Generals empfingen wir. Besonders tiefen Eindruck machte auf diesen die Mitteilung, daß unser Automobil die Kraft von 50 Pferden habe. Zum Teufel, wir hatten ja beinahe mehr Kavallerie als er! Eine schwierige militärische Frage türmte sich vor dem Geiste des tatarischen Generals auf, ein Zweifel quälte ihn: existierte in Europa eine auf Automobilen reitende Kavallerie? Wenn sie existierte, so waren alle tatarischen Generale, die mit der Bewachung der Grenzen des Himmlischen Reiches betraut waren, völlig unnütz. Zehn Automobile hätten die Mongolei in vier Tagen eingenommen. Wir beruhigten ihn dahin, daß eine auf Dampfpferden reitende Kavallerie nicht existiere. Er war davon sehr befriedigt.
Am Abend hielt ein mongolischer Beamter, der einen Handwagen zog — die mongolischen Beamten sind bescheidene Leute —, am Tore der Bank und überreichte ein rotes Papier, auf dem chinesische Schriftzeichen standen. Es war die Visitenkarte des Gouverneurs; sie begleitete Geschenke. Diese Geschenke standen auf dem Wagen und weigerten sich hartnäckig abzusteigen: es waren zwei prächtige Hammel, die der Mann schließlich zum Gehorsam zwang; außer den Hammeln sandte der Gouverneur noch einige Flaschen russischen Wein und Büchsen mit Konserven. Nachdem der mongolische Beamte, der einen Hut mit dem Knopfe eines Mandarinen sechster Klasse trug, alles auf die Erde gestellt hatte, ersuchte er uns, festzustellen, daß der Wagen leer sei und daß er nichts veruntreut habe. Dies bescheinigten wir ihm.
In Urga fanden wir unser drittes Depot an Benzin und Öl vor, das letzte in der Mongolei, das durch eine Karawane von Peking hierhergebracht worden war.
In Kiachta sollten wir das vierte Depot finden, das durch Sibirien dorthingeschafft worden sein sollte. War es eingetroffen? Würde keine Verzögerung, kein Irrtum Veranlassung geben, daß wir unterwegs aus Mangel an Brenn- und Schmiermaterial stilliegen müßten? Diese Fragen erwogen wir mit einer gewissen Beklemmung. Uns fehlten Nachrichten. Der Fürst hatte in Peking ein Telegramm aus Petersburg erhalten, in dem ihm angezeigt wurde, daß er in Kiachta ein Verzeichnis der Depotstationen und der Menge Benzin und Öl finden würde, die an jedem Haltepunkte zu seiner Verfügung ständen. Wir hatten Bedenken, und die Tatsachen sollten uns recht geben.
In Urga wurden sämtliche Behälter nachgefüllt, ohne daß uns das große Gewicht Sorge machte, da wir auf diese Weise die Kraft für weitere tausend Kilometer aufspeicherten. Nachmittags kam Ettore und meldete, die Maschine sei bereit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Er hatte ein einziges Wort, mit dem er dies alles ausdrückte:
„Fertig!“
„Alles in Ordnung?“ fragte ihn der Fürst.
„In bester Ordnung. Ich habe alles nachgesehen. Die Maschine ist noch so gut wie neu.“
Wir mußten nun noch auf die andern warten. Urga machte uns übrigens das Warten angenehm. Das Komitee leistete uns in liebenswürdigster Weise Gesellschaft. Es gehörten dazu Kosakenoffiziere, ein vom Kriegsschauplatz in der Mandschurei zurückgekehrter Stabsarzt, Kaufleute, Damen, die sich nach dem Petersburger und Moskauer Leben zurücksehnten. Auch ein Engländer von vornehmem Aussehen befand sich darunter; ich hätte ihn für einen Diplomaten gehalten, wenn man mir nicht versichert hätte, daß er ein geschickter Pionier des Woll- und Rauchwarenhandels sei.
Oft ließ ich mir ein Pferd satteln (die Ställe standen zu unserer Verfügung) und ritt, auf dem hohen Kosakensattel thronend, nach dem Telegraphenamt in der Chinesenstadt, um meine Depeschen aufzugeben und Nachrichten von unseren Kollegen einzuziehen. Am Abend erfuhr ich, daß die beiden „de Dion-Bouton“ nachmittags 5 Uhr in Tauerin eingetroffen seien; sie würden morgen in Urga sein. Keine Nachricht vom „Spyker“! Weder Pang-kiang noch Udde wußten etwas. Seit drei Tagen und zwei Nächten war der „Spyker“ also in der Wüste verschollen; der Mongole mit dem in Lumpen verpackten Telegramm und seinem mit Benzin beladenen Kamele hatte ihn noch nicht getroffen. Auf dem „Spyker“ befanden sich mein lieber Kollege Du Taillis und als Führer Godard. Wir hatten mit der Wüste erst vor kurzem Erfahrungen gemacht, die uns jeden Augenblick mit einem Gefühl der tiefsten Besorgnis an die beiden denken ließ. Zu der Vorstellung von ihrem Leiden gesellte sich ein anderer quälender Gedanke. Wir wußten, daß sie befreit werden würden, daß man ihnen am Morgen des 19. Juni aus Udde Soldaten zu Hilfe geschickt hatte, die sich ihnen von Stunde zu Stunde näherten. Aber, fragten wir uns, wußten auch sie es? Hatten sie die Gewißheit, daß die Befreiung nahe war? Welche Angst und welche Pein konnte nicht dieser Zweifel ihren physischen Leiden hinzufügen? Man ist tapfer, wenn man keine Sorgen hat. Wer konnte sie aber von ihren Sorgen befreien? Was würde ich darum geben, wenn ich ihnen auch nur ein Wort durch jene Drähte zukommen lassen könnte, die wenige Meter über ihren Köpfen hinliefen und die Tausende meiner Worte einer Zeitung überbrachten. Wir waren daher sehr erfreut, als wir am folgenden Tage von Udde die Mitteilung erhielten: „Spyker wohlbehalten angelangt.“
Der 22. Juni wurde von uns der Erwiderung der Besuche gewidmet. Wir begaben uns in die Festung, in der der tatarische General seine Autorität verschanzt hatte, und tranken einige Tassen Tee in Gegenwart des erlauchten Kriegers, der Gala angelegt hatte und von seinem Generalstabe von federbuschgeschmückten Mongolen umgeben war. Der Gouverneur empfing uns in seinem Amtsgebäude und bat den Fürsten um eine große Gunst. Wir erwarteten von einem echten Mandarinen, vom Generalgouverneur der Mongolei, nicht eine Bitte, wie er sie äußerte. Sie stellte alle Anschauungen, die wir uns von China gebildet hatten, alle weitverbreiteten Ansichten über das Mandarinentum auf den Kopf; sie war die Rehabilitation des Wai-wu-pu; sie eröffnete der Zukunft des Himmlischen Reiches neue Horizonte. Seine Exzellenz baten — das Automobil einmal benutzen zu dürfen!

Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem Gefolge begleitet.
„Von Herzen gern!“ rief Fürst Borghese mit Begeisterung. „Und wohin?“
Es war gleichgültig wohin. Der Gouverneur wollte nur im Automobil fahren, eine Rundfahrt durch die Straßen von Urga machen. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, es kam ihm vor allem darauf an, sich auf dem Zauberwagen sehen zu lassen. Dies konnte seinem Ansehen zugute kommen.
Das Automobil stand vor dem Tore. Der Mandarin in seiner Prachtkleidung, mit den übermäßig langen Ärmeln aus Seide, die seine Hände bedeckten, auf dem mit zwei Pfauenfedern geschmückten Hute den Korallenknopf, das Abzeichen des höchsten Grades, unternahm erst einen Inspektionsgang rund um die Maschine, dann stieg er auf, während der Fürst das Steuerrad ergriff und Ettore sich auf den Tritt setzte. Die Nachricht von der Fahrt hatte sich verbreitet. Leute liefen herbei. Alle mongolischen Offiziere und die Soldaten mit den Knebelbärten betrachteten voller Entsetzen ihren Vorgesetzten, uns aber mit einem gewissen Mißtrauen.
Die „Itala“ fuhr ab. Sie beschrieb einen weiten Bogen vor dem Fu, dem Amtsgebäude, um über eine kleine Brücke zu kommen, und eilte dann auf und davon. Der Gouverneur der Mongolei hatte sich fest an die Seitenlehnen des Sitzes angeklammert, schien aber entzückt zu sein. Sein Zopf pendelte in dem scharfen Luftzuge lustig hin und her. Die Leute des Gefolges hatten vielleicht den Eindruck, man wolle ihren Herrn entführen, denn sie stürzten auf ihre an die Palissadenwand gebundenen Pferde, sprangen in den Sattel und jagten mit lautem Geschrei hinter der Maschine her. Ihnen schloß sich an, wer ein Pferd zur Hand hatte, und Pferde gibt es hier überall. Von allen Seiten her erschienen Reiter: Lamas, Soldaten, Steppenbewohner. Sie kamen zu spät, das Automobil war verschwunden; aber sie kehrten ebensowenig um wie die andern Berittenen, sondern spornten die Tiere durch lautes Schreien an. Nur wenigen, besser berittenen Offizieren gelang es jedoch, in der Nähe des Wagens zu bleiben. Wie bei einer großen Jagd folgte die unbeschreibliche Reiterschar, das „wilde Heer“, in gestrecktem Galopp. Sie verschwand in dem Staube und ergoß sich unter Lärmen und Tosen in die Straßen. Viele Pferde trugen zwei Reiter. Fröhliches Geschrei erscholl ringsum; der Ritt war nur ein Spiel, aber der Auftritt hatte ganz den Anschein eines Ausbruchs der Volkswut. Es war, als sei Urga von einem siegreichen Barbarenheere überschwemmt, eine Vision aus vergangenen Zeiten, der die Palissadenwerke einen kriegerischen Hintergrund verliehen. Man hätte sagen können, die Vergangenheit verfolge wütend jenes kleine Ding, das ohne Pferde davonraste.
Der Gouverneur wollte bis zur Russisch-Chinesischen Bank fahren, von wo ihn seine Sänfte wieder nach Hause zurückbringen sollte. Die Spazierfahrt hatte übrigens eine unerwartete politische Folge. Am Abend schickte der lebende Buddha zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er uns erst in einigen Tagen zu wissen tun werde, ob er uns die Freude, ihn zu sehen, gewähren würde oder nicht.
„Aber wie ist das möglich!“ riefen wir, „er hatte doch so dringendes Verlangen nach uns.“
„Ah, ich verstehe,“ flüsterte uns jemand zu, „er ist verschnupft.“
„Wer? der lebende Buddha? Und warum?“
„Wegen der Fahrt des Gouverneurs.“
„Ist es möglich?“
„Ganz bestimmt. Er beansprucht den Vorrang und ist dem Gouverneur feindlich gesinnt.“
„Wir haben also seine Sympathie verscherzt?“
„Unwiederbringlich.“
„Schade! Wir wollten auch ihn im Automobil fahren.“
Aber wir fanden uns mit seiner Ungnade leicht ab.
Am Nachmittage dieses Tages trafen die beiden „de Dion-Bouton“ in Urga ein. Cormier, Colignon, Longoni und Bizac hatten in der Wüste dieselbe vollständige Veränderung ihres Gesichts wie wir durchzumachen gehabt, obgleich sie durch ein bequemes Zeltdach geschützt waren. Ihre Maschinen befanden sich vollkommen in Ordnung. Der „Spyker“, der an diesem Nachmittag Udde erreicht hatte, hätte noch zwei Tage gebraucht, ehe er eingetroffen wäre.
Wir hatten einen Grund, der uns zur Abreise trieb: der Übergang über den Irofluß, etwa 60 Kilometer südlich von Kiachta. Der Iro ist nur in Zeiten der Trockenheit zu durchwaten; es genügt ein Regen, um ihn in ein unüberwindliches Hindernis zu verwandeln. Auf dem Iro liegt ein Fährboot, aber nicht an der Straße, die wir benutzen mußten. Ein russischer Kaufmann, der von Kiachta kam, teilte uns mit, daß die Tiefe des Wassers jetzt ungefähr 120 Zentimeter betrage; es war dies sehr viel für ein Automobil, und es war nicht wünschenswert, daß die Tiefe noch zunähme. Unter diesen Umständen erschien uns der Übergang als eine schwere Aufgabe. Das Wetter drohte jetzt schlecht zu werden. Die Wolken, die uns den Tag zuvor solche Freude bereitet hatten, nahmen übermäßig zu. Der Fürst entschied sich zur Abfahrt am folgenden Morgen, 23. Juni. Die „de Dion-Bouton“ blieben noch einen Tag in Urga, die „Itala“ wollte einen ganzen Tag in Kiachta warten.
Am Abend waren sämtliche Privaträume der Russisch-Chinesischen Bank festlich erleuchtet. Die große, im Speisesaal angerichtete Tafel, überflutet von dem Lichte der Armleuchter, trat feierlich in Tätigkeit. Das Komitee hatte in einer vollzählig besuchten Versammlung beschlossen, uns ein Galadiner zu geben. Wir hätten darauf geschworen, weit von der Hauptstadt der Mongolei zu sein und die Grenzen Europas schon wieder überschritten zu haben, hätte nicht die Anwesenheit der chinesischen Boys, die bei Tische bedienten, uns jeden Augenblick an den Ort, wo wir uns befanden, erinnert. Die Unterhaltung, die französisch, russisch und deutsch geführt wurde, schwirrte durcheinander und erzeugte ein angenehmes babylonisches Sprachengewirr, wie es bei Banketten üblich ist, bei denen die Menschen, die da sprechen, stets in erdrückender Mehrheit denen gegenüber sind, die zuhören. Ich gehörte zur Minderheit. Ich hörte meiner Nachbarin, der Gattin des Stabsarztes, zu, die mir ihre Reise von Kiachta nach Urga beschrieb und mit den Worten schloß:
„Ich weiß nicht, wie Sie es mit Ihrem Automobil anstellen werden, um durchzukommen.“
„Wir haben aber doch die Wüste Gobi durchquert!“
„Ich kenne die Gobi nicht, Gott sei Dank, aber ich wiederhole Ihnen, daß der Weg nach Kiachta der schaudervollste ist, den ich in meinem Leben angetroffen habe, und ich bin in der Mandschurei gewesen! Denken Sie, vier volle Stunden, vier Stunden im Sumpfe steckengeblieben, ohne den eingesunkenen Tarantaß freibekommen zu können, dabei die Aussicht, den Weg zu Fuß fortsetzen zu müssen. Ich habe Ihnen diese Episode bereits geschildert. Wir waren noch 10 Kilometer von Urga entfernt, und es war das viertemal, daß wir versanken ...“
„War das Wetter schlecht?“
„Es war ausgezeichnet, wie jetzt. Sie werden sich mit Ihren eigenen Augen davon überzeugen, wie fürchterlich diese Straße ist.“
„Hoffen wir das Gegenteil, gnädige Frau!“
Ich lächelte überlegen. Die Erzählung dieser schrecklichen Reiseabenteuer ließ mich völlig kühl. Die weibliche Empfindsamkeit führt mitunter zu unbewußter Übertreibung. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie sehr meine Tischnachbarin recht hatte! Ich hätte in jenem Augenblick nie geglaubt, daß die Straße zwischen Urga und Kiachta in uns Sehnsucht nach der Wüste erwecken würde und daß wir wenige Stunden nach dieser Unterredung für die Sicherheit unserer Maschine zittern mußten!
Wir verließen die Bank bei Tagesanbruch mit aller Vorsicht, um niemand in dieser zum Schlummern so süßen Stunde zu stören. In der Tat machten wir den Eindruck, als hätten wir den Geldschrank geraubt und schlichen uns auf Strümpfen davon. Wie alle russischen Banken, so schien auch die von Urga einen Handstreich der revolutionären „Expropriateure“ zu befürchten; denn zur Nachtzeit wurde sie von außen durch die Kosaken des Konsulats bewacht. Diese wackeren Burschen betrachteten uns bei der Abfahrt mit augenscheinlicher Unsicherheit; es schien, als wüßten sie nicht, sollten sie uns grüßen oder Alarm schlagen. Sie entschieden sich für den Gruß. Wir fuhren der Mongolenstadt zu, von der aus der Weg nach Kiachta abbiegt.
Es war nicht leicht, den Weg zu finden. Es fehlte uns jetzt die Telegraphenlinie, jener bequeme Ariadnefaden, der uns 1200 Kilometer weit geleitet hatte, und die mongolischen Frühaufsteher, denen wir begegneten, nahmen Reißaus, sobald wir das Automobil zum Stehen brachten, um sie zu fragen. Zum Glück hatten wir uns auf der Bank mit einem Beutel kleiner russischer Münzen versehen, und dadurch, daß wir ein silbernes Zwanzigkopekenstück zeigten, gelang es uns wie durch Zaubermacht, die Flucht der Ausreißer zu hemmen. Der Fürst konnte sich mit seinem Russisch, ich mit meinem Chinesisch etwas verständlich machen, und so fragte er nach dem Wege nach Kiachta, ich nach dem nach Maimatschen. Wir wandten uns nach Norden, ließen Urga hinter uns und gelangten in ein weites, grünes Tal auf undeutlich erkennbaren Pfaden, die launenhaft zwischen Grasbüscheln durcheinanderliefen und zuweilen ganz verschwanden.
Noch waren wir nicht eine Viertelstunde unterwegs, als das Automobil plötzlich stillstand und sich ganz nach links neigte.
Der Motor fuhr fort zu arbeiten und hämmerte stürmisch, indem er zugleich unter heftigem Getöse Wolken weißen, beizenden Rauches ausstieß; es war, als ahne er eine Gefahr und biete mit entschlossener Anstrengung all seine gewaltige Kraft auf, um sich loszumachen. Aber wir saßen fest. Als wir uns vorneigten, bemerkten wir, daß die linken Räder in den Boden eingesunken waren. Das Hinterrad fuhr fort, sich wirbelnd zu drehen, als versuche es, aus der Vertiefung mit verzweifelter Geschwindigkeit herauszukommen. Es lag etwas wie Erbitterung in jener wütenden Kraftanstrengung der großen Maschine.
„Halt, halt!“ rief Ettore, als er bemerkte, daß der Umschwung des Rades den Morast aushöhlte. „Wir sinken tiefer!“
Der Motor schwieg, und einige Minuten lang betrachteten wir schweigend die Lage des Automobils und überlegten, auf welche Weise wir es freibekommen könnten. Es war nach links dermaßen eingesunken, daß die Achsen der Räder und der Benzinbehälter den Boden berührten. Was war zu tun? Wie sollten wir drei ein Gewicht von 2000 Kilo heben und an eine andere Stelle schaffen? Wir versuchten, den Motor wiederum in Bewegung zu setzen und ihn dadurch zu unterstützen, daß wir mit aller unserer Kraft das Automobil schoben. Vergebliches Beginnen! Es würden dazu vielleicht nicht einmal alle Kulis, die wir in Kalgan zurückgelassen hatten, ausgereicht haben.
Vor allem war es dringend notwendig, den eingesunkenen Teil zu heben, weil das Automobil dadurch, daß es sich ganz auf die Seite legte, die rechte Feder und das rechte Hinterrad übermäßig belastete, so daß die Gefahr drohte, die eine oder das andere könnte brechen. Ettore machte sich mit den Winden an die Arbeit, aber diese versanken in dem weichen Erdreich. Um sie zu stützen, gehörten Bretter dazu. Wir entnahmen diese dem Boden der Karosserie; die Bretter krachten, zerbrachen und versanken.
Da kam uns eine Idee: die ganze Strecke um die Räder und unter dem Automobil auszugraben, um auf diese Weise eine schiefe Ebene herzustellen, auf der sich die Maschine mit ihrer eigenen Kraft leicht herausarbeiten könnte. Unverdrossen machten wir uns mit gewaltigen Spatenstichen an die Arbeit, wobei wir uns ablösten, sobald einer müde war.
Nach einigen Minuten fieberhafter, schweigender Tätigkeit bemerkten wir mit Entsetzen, daß wir unserer Maschine das Grab schaufelten. Je mehr wir den Raum um die Räder breiter machten, desto mehr sanken sie ein. Es war der seitliche Druck des Erdbodens, der sie stützte und den wir wegnahmen, kein fester Grund. Es gab überhaupt keinen Grund. Der Morast wurde in der Tiefe weicher und flüssiger. Das Ganze war ein Teich voll Morast mit einer einigermaßen festen Decke, und diese Decke hatten die beiden Räder eingedrückt: dies war die Lage der Dinge!

Mongolinnen vom Iro.
Inzwischen hatte sich das Rad der höherliegenden Seite dermaßen gesenkt, daß es an die Karosserie anstieß und alle Augenblicke ein drohendes Knirschen hören ließ. Ich bat die Gattin des Stabsarztes, deren Erzählung ich mit solchem Skeptizismus aufgenommen hatte, im stillen um Verzeihung. Wir mußten uns dicht an der Stelle befinden, an der ihr Tarantaß steckengeblieben war, und ein Tarantaß wiegt nicht den zehnten Teil eines Automobils.
Wir sagten uns, daß Urga in der Nähe sei, wenig mehr als eine Stunde Weges entfernt, daß wir in drei Stunden mit einer Schar von Menschen, mit einer Ladung von Brettern und Balken, mit Pferden zurück sein könnten... Aber wir konnten uns nicht dazu entschließen, Hilfe zu holen. Es handelte sich um eine Frage des Ehrgeizes, eine ehrenhafte Schwäche. Wir stellten uns vor, wie einer von uns, zu Fuß, ermattet, beschmutzt nach der Bank zurückkehrte, wir stellten uns das Erstaunen unserer Gastfreunde vor, die Erzählung des Unglücksfalls und das Eingeständnis unserer Ohnmacht, die großmütigen Anerbietungen von Hilfe, die Menschen, welche kamen, um das besiegte Automobil zu sehen — dasselbe Automobil, das mit solch rasender Geschwindigkeit durch die Straßen von Urga gefahren war! — Wir stellten uns all dies vor und wir glaubten uns damit einer unbeschreiblichen Demütigung auszusetzen. Nein, nein, wir mußten aus unserer fatalen Lage mit Mitteln herauskommen, die wir an Ort und Stelle fanden. Ein Kapitän, dessen Schiff auf eine Klippe aufgelaufen ist, tut alles mögliche, um es freizubekommen, ehe er das Notsignal hißt. Wir empfanden diese Art Stolz.
„Wenn wir nur Balken hätten!“ riefen wir aus, indem wir uns umsahen, als könnten die Balken aus dem Erdboden herauswachsen.
„O, unsere Schutzbretter!“
In diesem Augenblicke zog eine von Mongolen geführte Karawane von Ochsenwagen, die nach Urga wollte, in der Entfernung von wenigen hundert Metern an uns vorüber. Sie hatte sich langsam genähert, ohne daß wir, von unserer fruchtlosen Arbeit ganz in Anspruch genommen, darauf geachtet hätten. Kaum aber bemerkten wir sie, so verstanden wir uns, ohne ein Wort zu äußern, und stürzten im Sturmschritt auf jene lange Wagenreihe. Die Wagen waren mit Balken beladen! Es waren dünne Kiefernstämme, ohne Zweifel bestimmt zum Bau der traditionellen Palissadenwände der heiligen Stadt.
Einige Münzen überzeugten die Mongolen von unserer ehrlichen Absicht. Das übrige hatten sie zweifellos verstanden, weil sie derlei Unfälle aus Erfahrung kannten. Wir luden uns jeder einen Balken auf die Schulter, die Mongolen taten dasselbe, und im Trabe ging es zum Automobil zurück. Indem wir probierten und wieder probierten, die Stämme in allen möglichen und erdenkbaren Arten verwandten, gelang es uns, ein System von Hebeln ausfindig zu machen, das imstande war, uns bei dieser und bei allen andern zukünftigen Gelegenheiten Rettung zu verschaffen.
Das System war höchst einfach. Man stelle sich einen zweiarmigen Hebel vor, dessen am äußersten Ende gelegener Stützpunkt einem andern ebenfalls zweiarmigen Hebel als Unterlage dient, welcher seinerseits auf den Rand des eingesunkenen Rades wirkt. Sind die Balken von gehöriger Länge, so genügt die Kraft zweier Männer, um ein Automobil zu heben, und verfügt man über die Hilfe von vier bis fünf Personen, so reicht ein einziger Hebel aus, um zum Ziele zu gelangen. In demselben Maße, wie wir die Maschine unter der freiwilligen Mitarbeit jener wackeren Karawanenführer wieder aufrichteten, füllten wir den von den Rädern gewühlten Hohlraum mit Steinen aus, die wir aus einem nahen Graben holten. Das Automobil drückte vermöge seines Gewichts bei jedem Nachlassen der Arbeit die Steine in den Morast hinein, aber es waren deren so viele, daß schließlich eine feste Grundlage, ein förmliches Mauerwerk entstand.
Nach zweieinhalb Stunden angestrengter Tätigkeit hatten wir alle vier Räder auf das Niveau des Bodens gehoben. Es blieb uns nur noch übrig, die Maschine rückwärts von dem unsicheren Gelände wegzuziehen. Wir holten die Seile hervor, die wir fest an das Chassis banden, und begannen im Verein mit den Mongolen mit aller Kraft zu ziehen; aber es gelang uns nicht, den schweren Wagen auch nur um eines Zolles Breite von der Stelle zu rücken, da er zwischen den Steinen und dem Erdreich eingekeilt war. Den Motor in Bewegung zu setzen, wagten wir nicht, da wir befürchteten, er könne durch seinen plötzlichen Antrieb ein neues Einsinken herbeiführen.
„Aber wir haben ja die Ochsen, die Ochsen der Wagen!“ rief der Fürst.
Die großen Gedanken sind die einfachsten. Fünf Minuten später waren drei Ochsen an das Automobil gespannt. Inzwischen hatten sich auch andere Leute eingefunden; einige Hirten kamen herbei, um zu sehen, was sich da Außergewöhnliches in ihrer Steppe zutrug, etliche Lamas aus einem Kloster, das wir von einer benachbarten Anhöhe herüberschimmern sahen, Frauen, die aus einem entfernten Jurtenlager kamen. Die Ochsen, mit Peitschenhieben angetrieben, zogen willig, aber ohne sichtbaren Erfolg; dann spannten wir uns neben den Ochsen an und mit uns die Karawanenführer und alle übrigen Anwesenden, die Hirten, die Lamas und die Frauen. Wo ein Stückchen Seil freiblieb, griff eine Hand zu; endlich entschloß sich der Wagen, uns auf den Weg der Rettung zu folgen! Alle die hilfreichen Hände wurden uns nun wieder offen entgegengestreckt und erhielten den verdienten Lohn für ihre Mühen. Einer der Männer sprach etwas russisch.
„Welches ist die Straße nach Kiachta?“ fragte ihn der Fürst.
„Es gibt zwei Straßen nach Kiachta,“ erwiderte er; „die eine führt über das Gebirge, die andere über die Ebene. Die über die Ebene ist die bessere.“
„Wo liegt die bessere?“
„Es ist die, auf der wir uns befinden.“
„Dann zeigen Sie uns, bitte, die schlechtere.“
Er wies sie uns. Nach Beendigung unserer Vorbereitungen und nachdem Seile, Bretter und Werkzeuge wieder an Ort und Stelle gebracht worden waren, wandten wir uns nach jener Richtung. Unsere Abfahrt erregte berechtigtes Erstaunen bei allen Leuten, die uns loszukommen geholfen hatten. Sie hatten uns nicht kommen sehen und glaubten vielleicht, es handle sich um einen sonderbaren Lastwagen, dessen Pferde fortgeführt worden seien. Das Geräusch des in Tätigkeit gesetzten Motors ließ sie mit einer Gebärde der Furcht zurückfahren; die Bewegung des Automobils reizte sie zum Lachen. Wir haben diese erheiternde Wirkung des Automobils bei allen naiven und schlichten Bevölkerungen beobachten können; die Bewunderung ist die ausschließliche Empfindung des Wissenden.

Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme versunken.
Der Weg schlängelte sich durch Täler und überschritt Hügel; er war etwas steinig, mitunter etwas steil, und würde für Wagen mit Pferden sehr schlecht, wenn nicht unpassierbar gewesen sein. Er zwang uns, sehr langsam und unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln zu fahren; aber wir waren mit ihm zufrieden. „Wenigstens versinkt man hier nicht!“ riefen wir jeden Augenblick. Das Wetter war schön geworden, der Morgen war bezaubernd. Wir fuhren am Rande blumengeschmückter Wiesen dahin, kamen an Birkenwäldchen vorüber, atmeten die duftige Frische des Frühlings in vollen Zügen ein und konnten uns nicht satt sehen an all diesen uns so neuen Dingen. Die Stunden verflossen ohne Langeweile. Nach dem Zwischenfall mit dem Sumpfe fanden wir alles leicht, alles einfach; wir hatten Geduld gelernt. Wenn wir von der Straße abirrten und uns nach den hervorstechendsten Landmarken sowie nach den unvollständigen Angaben der Karte orientieren mußten, so fanden wir uns mit guter Laune in unser Schicksal. „Besser als einsinken!“ wiederholten wir uns zum Troste. Die im Sumpfe überstandene Gefahr hatte uns neue Tugenden eingetragen.
Die Maschine erklomm die steilsten Abhänge mit Leichtigkeit. Um 10 Uhr befanden wir uns auf dem Gipfel eines hohen Hügels, wo wir anhielten, um eine herrliche Landschaft zu bewundern. Hinter uns zog sich ein Gelände mit einer abwechslungsreichen Abstufung höherer und niederer grüner Hügel hin, bis es, im Duft der Ferne verschwimmend, in das große, von leuchtendem Blau erfüllte Tal des Tola überging. Urga war nicht mehr sichtbar; es verbarg sich hinter dem Absturz der letzten fernen Höhen. Aber wie um seine Lage zu bezeichnen, um dem frommen lamaistischen Wanderer anzugeben, wohin er den sehnsüchtigen Blick richten solle, um den heiligen Sitz des lebenden Buddhas zu entdecken, erhob sich auf dem einen Berggipfel eine weiße Pagode; sie schien in der Sonne zu funkeln. Mongolische Reiter, dem Äußern nach Soldaten, waren von ihren Pferden gestiegen und spähten nach Urga hin. Wir rissen sie durch unseren Motor, der ihre Pferde unruhig machte, aus ihren Betrachtungen. Dann setzten wir unsere Fahrt rasch fort.
Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. Jener Hügel, der uns ein so malerisches Schauspiel geboten hatte, hatte eine unheilvolle Kehrseite. Der Pfad senkte sich jäh in gerader Linie vom Gipfel bis zum Fuße; er war voller Steine, Kiesel und Felsblöcke und wandte sich ganz nach links, wo er am Rande eines Abgrundes entlang lief.
Ettore, welcher steuerte, zog sofort die beiden stärksten Bremsen an und schaltete die Transmission aus. Der Wagen glitt einige Meter abwärts auf fast unbeweglichen Laufrädern und sprang über Kiesel, bis er an große Steine stieß und stehenblieb. Die Bremsen wurden allmählich gelockert, aber die Maschine bewegte sich nicht.
„Die Steine vor den Rädern müssen fortgenommen werden“, bemerkte Ettore.
Der Fürst und ich stiegen ab, um diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Aber die Steine saßen fest in der Erde, und es gelang uns nicht, sie fortzuwälzen.
„Es tut nichts,“ versetzte Ettore, „mit einem kleinen Ruck des Motors komme ich über die Steine und fahre voraus.“
Gesagt, getan; er schaltete die Transmission wieder ein. Wenig fehlte, so hätte dieses Manöver zu einer Katastrophe geführt! Die Neigung der Straße war so stark, daß das Automobil nach Überwindung des Hindernisses trotz Anwendung der Fußbremse den Abhang unaufhaltbar hinuntersauste, und in der kurzen Zeit, die Ettore brauchte, um auch die stärkere Handbremse anzuziehen, war die Geschwindigkeit zu groß geworden, um sie noch beherrschen zu können. Die Maschine hatte die Oberhand gewonnen. Sie schoß mit solchem Ungestüm über die Steine hinweg, daß sie bei jedem Stoß in die Höhe sprang. Mitunter richtete sie sich wie beflügelt auf den Hinterrädern empor und fiel krachend zurück. Sie erlitt heftige Schwankungen, die sie von einer Seite auf die andere schleuderten; das Gepäck löste sich; man hörte ein unheilverkündendes Klirren von Eisenteilen. Fürst Borghese hatte sich an das wütende Ungetüm angeklammert und wurde von ihm heftig mitgerissen und hin und her geschüttelt.
Er hatte sich neben der Maschine befunden, als Ettore den Motor in Bewegung setzte, und als er sie davonsausen sah, hatte er einen raschen Versuch gemacht, sie aufzuhalten. Einen Augenblick setzte er, getrieben von einem unüberlegten, verzweifelten Verlangen, sie zu retten, ihrem Hinuntergleiten einen erbitterten, aber nutzlosen Widerstand entgegen. Er hatte die Gefahr bemerkt und kämpfte instinktmäßig gegen das Unvermeidliche an, indem er alle seine Kräfte und all seinen Willen daransetzte.
„Bremsen! bremsen! bremsen!“ rief er dabei.
Da er die Maschine nicht aufhalten konnte, wollte er sie begleiten. Er konnte sich nicht entschließen, loszulassen. Sich fest an die Karosserie anklammernd, machte er alle Sprünge und Schwankungen mit. Ettore schwieg. Über das Steuerrad gebeugt, sammelte er alle seine Energie, aufmerksam nach dem Augenblick spähend, in dem er die Herrschaft über seine Maschine wiedergewinnen könne. Seine Geistesgegenwart errang schließlich den Sieg. Ich habe schon erwähnt, daß der Weg sich nach links wandte; an einem Punkte, wo diese Neigung besonders bemerkbar war, lenkte Ettore plötzlich nach rechts hinüber und ließ das Automobil auf große Steine auflaufen. Es machte einen großen Satz, mäßigte aber seine Geschwindigkeit. Wenige Minuten später war es gebändigt und setzte den Abstieg fort, gelehrig dem Willen seines Führers gehorchend.
Die rasende Fahrt hatte nicht länger als 20 Sekunden gedauert, aber sie erschien uns endlos! Ich war zu Fuß hinterdrein gelaufen und hatte „halt, halt!“ gerufen, ohne zu wissen weshalb. Ich erreichte das Automobil, als es unten auf der Straße stand. Die stillstehende Maschine verbreitete einen unangenehmen Geruch nach verbranntem Öl und ließ ein leises, reibendes Geräusch hören.
„Diesmal haben wir sie noch glücklich gerettet!“ rief Ettore, während er von seinem Sitze stieg und sich den Schweiß abtrocknete. „Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ein Wunder!“ und zu mir gewandt, fragte er lachend: „Haben Sie gesehen, was sie für Sätze machte?“
„Und ob! Als ob alles aus Rand und Band gehen sollte!“
„Auch ich glaubte es. Es gab einen Augenblick, in dem ich alles für verloren hielt. Ich dachte: Hier werden wir zerschmettert!“
„Welcher Augenblick war dies?“
„Haben Sie bemerkt, daß ich auf halbem Wege etwas nach rechts abgebogen bin?“
„Jawohl.“
„Damals. Ich sagte zu ihr: Entweder du parierst oder du gehst in Trümmer!“
„Sie hat pariert. Aber die Bremsen wirkten ja nicht?“
„Sie wirkten schon, aber um sie fest anzuziehen, braucht man viel Öl, und sie fassen nicht sofort, sie schleifen. Auf der Straße geht es wundervoll; aber sind das Straßen? Wir haben alle Alpenstraßen ‚gemacht‘, nicht wahr, Durchlaucht, und niemals ist uns ähnliches passiert.“
Der Fürst lächelte, während er den auf so ungewöhnliche Weise zurückgelegten Weg betrachtete, und schien ganz darein vertieft, die Erinnerung daran festzuhalten. Nach überstandener Gefahr empfindet man stets Freude. Dann gab er sich einen Ruck und rief:
„Vorwärts! Es ist spät. Heute abend möchte ich mein Lager am Ufer des Iro aufschlagen.“
Die Maschine wurde auf das sorgfältigste geprüft. Sie wies keinerlei Beschädigung auf. Wir hoben das Gepäck auf, banden es fest und fuhren rasch davon, nachdem wir unsere Plätze wieder eingenommen hatten.
„Man sagt,“ bemerkte Fürst Borghese scherzend zu mir, „daß, wenn sich zwei Unglücksfälle an einem Tage ereignet haben, noch ein dritter eintritt.“
„Sollen wir uns auf den dritten vorbereiten?“ fragte ich lachend.
Wir schienen diesen dritten herauszufordern. Er möge nur kommen! Wir fühlten uns um eine neue Erfahrung bereichert; wir kannten jetzt die Gefahren der Ebene und die des Gebirges. Was hatten wir noch zu befürchten? Wir hatten unrecht. Wir sollten uns nur zu bald davon überzeugen!
Der dritte kam!