Siebentes Kapitel.
Reading edition
In der Wüste Gobi.
Der Telegraph in der Wüste. — Der „Contal“ trifft nicht ein. — Über einen Meeresgrund. — Die Wirkungen der Sonne. — Udde.
Am Brunnen von Pang-kiang wurden wir erwartet. Der kleine chinesische Telegraphenbeamte, dem diese Station anvertraut ist, kam uns aus seinem Gehöfte entgegen und empfing uns unter lebhaften Versicherungen seiner Freude.
Ich bedauere, mich nicht mehr des Namens dieses Helden zu entsinnen, der in der Wüste lebt, um dem Okzident und dem Orient die Möglichkeit zu verschaffen, sich miteinander zu verständigen. Kalgan, die nächste Stadt, ist beinahe 300 Kilometer, Urga 800 Kilometer entfernt. Was auch diesem Mann zustoßen mag, er kann nirgends Hilfe suchen. Die Unermeßlichkeit des Raumes ist gleichbedeutend mit einem Gefängnis. Um mit der Menschheit in Verbindung zu treten, muß dieser Mann eine Reise von acht Tagen von einem Brunnen zum andern antreten. Niemand vermag ihm beizustehen. Die Einsamkeit des in einer Festungszelle Eingekerkerten ist nicht so schrecklich: der Eingekerkerte hat das Bewußtsein, daß die Welt ringsum lebt; Echos dringen zu ihm, mit denen sich seine Gedanken beschäftigen können. Das Entsetzlichste in der Wüste aber ist die Stille.
Allerdings hat der kleine Chinese von Pang-kiang den Trost, sich an zweierlei ergötzen zu können: einem Kindchen und einem Telegraphenapparat. Die Liebe zu beiden ist es, die sein Leben ausfüllt. Das Kindchen ist seine Tochter, und der Apparat ist sein Freund. Stundenlang vertieft er sich in das Ticktack der Tasten und des Empfängers und vernimmt in ihm Stimmen aus fernen Welten: es spricht Petersburg, es spricht London, es spricht Tokio. Er übt das Amt des Vermittlers aus: durch seine Hand gehen Nachrichten, Befehle, geheimnisvolle diplomatische Mitteilungen, leidenschafterfüllte Worte. Ist die großartige Unterhaltung der Erdteile untereinander verstummt, so benutzt der Telegraphist die freie Linie und beginnt eine bescheidenere Unterhaltung. Die Telegraphenämter der Wüste tauschen Grüße untereinander aus, sprechen miteinander über die kleinen Tagesereignisse, über ihren Kummer, ihre Hoffnungen.
Solche Unterhaltungen vertreten für diese Einsiedler die Stelle der Zeitung.
Die Telegraphenstation von Pang-kiang ähnelt dem Hause eines chinesischen Landmanns: drei kleine, niedrige, aus gestampftem Lehm errichtete Gebäude, im Innern erhellt durch breite, eine ganze Wand einnehmende, mit Papier ausgefüllte Gitterfenster. Die Gebäude nehmen drei Seiten eines Quadrats ein und sind von einer hohen Mauer umgeben, die nur einen Ausgang nach Süden hat und von einer Bekrönung aus Telegraphenisolatoren überragt wird, einem seltsamen Ornamente, das an eine lange Reihe weißer Zähne in dem Kiefer eines Toten erinnert. An der nördlichen Seite der Mauer hat der Wind Sandmassen angehäuft. An stürmischen Tagen überflutet der Sand alles; er dringt durch die Fensterflügel, treibt in jedes Zimmer, der Himmel verfinstert sich, die Luft wird trübe, draußen kann man auf zwei Schritte Entfernung nichts erkennen, die Telegraphendrähte pfeifen und heulen, und die Dunkelheit ist derart, daß man Licht anzünden muß. Der letzte Sturm hatte vier Tage vor unserer Ankunft gewütet.
Außer dem Telegraphisten leben noch drei Männer in diesem Gehöfte: zwei Chinesen und ein Mongole, die mit den Arbeiten an der Linie betraut sind; sie haben die von den Stürmen zerrissenen Drähte auszubessern und die umgeworfenen Stangen wieder aufzurichten. Es stehen ihnen drei Kamele zur Verfügung, die in der Nähe weiden. Wir hatten diese drei Tiere bei unserer Ankunft gesehen; sie streckten uns ihre komischen, friedfertigen Schnauzen entgegen, die an ein faltenreiches, selbstzufriedenes, vorweltliches Tier gemahnten.
Das beste Zimmer war für uns hergerichtet. Auf den Kangs lagen Decken und Kissen von flammendem Rot, und auf einem Tische stand duftend und frisch — ein köstlicher Anblick — eine prächtige Ananas aus Singapore, die eben erst aus ihrer Büchse genommen worden war. Wir fielen zuerst über die Ananas her, dann warfen wir uns auf die Decken. Und auf diesem Triklinium ausgestreckt, schrieb ich in Reinschrift die Eindrücke des Tages auf Formulare der kaiserlich chinesischen Telegraphenverwaltung nieder.
Als unser Gastfreund in den Besitz meiner Depesche gelangt war, um sie zu befördern, setzte ich mich neben ihn. Er war ein wenig verlegen, zog chinesische Verordnungen zu Rate, sah Tabellen nach, zählte wiederholt die Worte des Telegramms und schrieb dann sorgfältig auf die obere Seite des Formulars „Nr. 1“.
„Ist dies das erste Telegramm am heutigen Tage?“ fragte ich ihn.
„Nein, Herr,“ antwortete er mir, „es ist das erste des Telegraphenamtes.“
„Was verstehen Sie darunter?“
„Ich meine, daß Ihr Telegramm das erste ist, das auf dem Telegraphenamte von Pang-kiang aufgegeben wird.“
„In diesem Jahre?“
„Nein, Herr, seit Bestehen des Amtes. Es sind jetzt sechs Jahre.“
„In sechs Jahren kein einziges Telegramm?“
„Kein einziges.“
„Und warum befindet sich denn da hier überhaupt ein Amt?“ fragte ich nach einer Pause erstaunt.
„Weil die Entfernungen zu groß und Zwischenstationen nötig sind.“
Die Unterhaltung wurde durch den Apparat unterbrochen; Kalgan antwortete auf den Anruf. Mein Telegramm begann abzugehen.
Kalgan empfing es, um es nach Peking weiterzugeben, Peking würde es nach Schanghai befördern, Schanghai nach Hongkong, Hongkong nach Singapore, Singapore nach Aden, Aden nach Malta, Malta nach Gibraltar, Gibraltar nach London!
Es würde acht bis zehn Stunden brauchen, um an dem Orte seiner Bestimmung einzutreffen. Aber die Zeit von Pang-kiang ist der von Mitteleuropa um fast acht Stunden voraus, so daß das Telegramm tatsächlich nur zwei Stunden nach seiner Aufgabe eintreffen wird. Es war 4 Uhr 15 Minuten nachmittags, zwischen 6 und 7 abends würde mein Bericht auf den Redaktionen des „Daily Telegraph“ und des „Corriere della Sera“ einlaufen! Und am nächsten Morgen werden die englischen und italienischen Leser erfahren, was am Abend vorher Automobilen in der mongolischen Wüste begegnet ist. So groß erscheint der Sieg, den der menschliche Geist mit Hilfe von Drähten und Funken über Raum und Zeit davongetragen hat, daß in gewissen Augenblicken selbst die Seele eines Journalisten, die doch am meisten an die Wunder der Schnelligkeit gewöhnt ist, von einem Gefühl der Bewunderung und des Stolzes erfüllt wird.
Gegen 6 Uhr trafen die andern Wagen ein. Wir sahen sie von weitem kommen, als sie noch winzige Punkte in der grenzenlosen Einförmigkeit des Geländes waren, so fern, daß sie unbeweglich erschienen wie Schiffe am Horizont. Der „Spyker“ fuhr zuerst in das Gehöft ein, wo Ettore damit beschäftigt war, unser Automobil in Ordnung zu bringen, während ich mich hartnäckig bemühte, ein Stück Ziegenfleisch weich zu kochen, das härter war als ein Pneumatikreifen. Du Taillis sprang von seinem Sitze herab, hob einen grauen Sack empor und rief:
„Wem gehört dies?“
Es war das Gepäck Borgheses. Erst Pang-kiang und nun auch den Gepäcksack gefunden zu haben, war der Gipfel des Glückes. Und dabei gibt es Menschen, die in der Wüste umkommen!
„Ist es lange her, daß Sie es gefunden haben?“ fragte ich.
„O ja. Mehrere Stunden. Wir waren noch in der Steppenregion.“
„Lag es auf der Straße?“
„Keineswegs. Die Mongolen machten uns lebhafte Zeichen, als wir vorüberfuhren. Wir hielten. Und dann händigten sie es uns ein und gaben uns zu verstehen, Sie müßten es verloren haben.“
„Mongolen? Ehrliche Barbaren? Armselige Wilde, die sich den Luxus gestatten, wiederzugeben, was sie finden?“
„Und noch dazu, ohne irgendwelchen Finderlohn zu verlangen.“
„Aber wo, lieber Freund, sind denn in aller Welt die Steppenräuber geblieben, die die unumgängliche Pflicht hatten, uns anzufallen?“
„In Europa vermutlich.“
„So hatten wir denn ein Reiseabenteuer weniger! Es verlohnte sich wahrlich der Mühe, in diese abgelegene Wüste zu kommen, um zu erleben, daß man uns Milch anbietet und Gepäckstücke zurückgibt!“
„Oui, c’est triste!“
Vergebens warteten wir auf die Ankunft des Dreirades. Unsere Gefährten waren fest überzeugt, Pons sei umgekehrt. Ich telegraphierte unverzüglich in diesem Sinne. Wir hegten nicht die geringste Besorgnis um Pons und seinen Begleiter. Sie befanden sich noch in bewohnten Gegenden und würden leicht Gastfreundschaft und Hilfe finden.
Mehrere Stunden später erwies sich das Stück Ziegenfleisch als ebenso widerspenstig gegen das Zerkauen, wie es sich gegen das Kochen gesträubt hatte. Der Telegraphist, der es uns geliefert hatte, war ganz trostlos. Wir trösteten ihn aber, indem wir ihm zeigten, daß ein Europäer, der Hunger hat, nicht einmal vor einem Stück Pergament zurückschreckt. Und dann streckten wir uns auf dem Kang aus.
In der Nacht drang das bleiche Licht des Mondes ins Zimmer; ich erwachte davon und stützte mich auf den Ellbogen. Hier erfuhr ich zum ersten Male in meinem Leben, was absolute Stille ist. Das, was wir Stille nennen, ist nur die Abwesenheit bestimmter Laute, bestimmter Töne, es ist nur das Schweigen menschlicher Geräusche. Während wir aber jenem Schweigen lauschen, hören wir, wenn wir auf dem Lande sind, die Bäume rauschen, die Halme flüstern, den Bach murmeln, die Grillen zirpen, in der Ferne einen Hund bellen; sind wir an der See, so hören wir das einem leichten Händeklatschen gleichende Anschlagen der ruhigen Welle an das Gestade, oder das Anbranden wilder Wogen an die Klippen. Hier aber vernahm ich gar nichts; nichts rührte sich, nichts lebte. Ich hatte den Eindruck einer unnennbaren mythenhaften überirdischen Leere, ich hatte die angstvolle Empfindung des Schwebens über den Abgründen des Raumes, ich stand unter dem Albdruck unendlicher Vereinsamung.
Als ich meinen Kopf auf das Kissen zurücklegte, hörte ich das Geräusch eines regelmäßigen, raschen, kräftigen, metallisch klingenden Schrittes.
Jäh erhob ich mich, um zu lauschen. Das Geräusch hatte sofort aufgehört.
„Pah!“ sagte ich zu mir, „es ist eine Wirkung des Ziegenfleisches. Das Stück liegt unverdaut im Magen.“
Ich streckte mich wieder aus. Und sofort begann der Schritt in der schwer lastenden, grauenerregenden Stille wieder vernehmbar zu werden. Vollkommen wach geworden durch den Wunsch, meine Gedanken zu konzentrieren, vermochte ich mich eines Lächelns nicht zu erwehren, als ich die Ursache dieses Geräusches entdeckte: um früh munter zu werden, hatte ich die Uhr unter das Kopfkissen gelegt.
Der Sonnenaufgang am Morgen des 19. Juni fand uns schon unterwegs. Wir überholten den „Spyker“, der kurz vor uns weggefahren war, und schlugen die Richtung nach Norden ein. Der neue Treffpunkt für den Abend war Udde, die nächste Telegraphenstation, in der Nähe eines andern Brunnens, nach unserer Berechnung ungefähr 250 Kilometer von Pang-kiang entfernt.

Mongolische Soldaten.
Die Luft war frisch, und die ersten Sonnenstrahlen schienen keine Wärme mit sich zu bringen. Wir sausten dahin, und das Automobil warf einen ungeheuer langen seltsamen Schatten, der auf den Grasbüscheln schwankte und auf dem Sande erzitterte und sich wie der Schatten eines großen fliegenden Vogels rasch vorwärtsbewegte.
Der Weg war gut, und der Motor, bisweilen zur vierten Geschwindigkeit angetrieben, erfüllte die Stille der Ebene mit seinem stürmischen Pochen. Wenige Kilometer von Pang-kiang entfernt stießen wir wieder auf grüne Flächen. Wir gelangten abermals in eine Wiesenregion, die sich in sanften Erhebungen über leicht welliges Gelände hinzog.

Mongolische Soldaten.
„Was ist das, was da flieht?“ rief mit einem Male Ettore und zeigte mit der ausgestreckten Hand nach unserer Rechten. Es war eine Antilope. Etwa 100 Meter von uns entfernt, brachte sie sich in dem raschen und eleganten charakteristischen Trabe der Antilopen, der weit schneller ist als der Galopp eines Pferdes, in Sicherheit.
„Folgen wir ihr?“ rief ich aus.
Der Vorschlag, die Antilope mit einem auf die Geschwindigkeit von 90 Kilometern in der Stunde gebrachten Automobil zu jagen, erschien uns über die Maßen verlockend. Aber der Fürst machte geltend, eine Jagd könnte uns weitab führen und wir hätten noch einen weiten Weg vor uns. Es gab außerdem einen Grund, der noch viel stärker zugunsten der Freiheit jeder Art Wildes sprach, und dieser bestand darin, daß wir keine Flinte besaßen!
Einen Augenblick später gelangten wir in die Nähe eines kleinen Trupps Gazellen mit grauen Rücken und weißen Füßen, gewandt wie Füllen und zierlich in ihren Bewegungen. Sie flohen erschreckt von dannen, eine hinter der andern; in der Ferne blieben sie stehen und bogen ihren geschmeidigen Hals zurück, um jenes nie erschaute Wesen zu betrachten, das in den Frieden ihrer Weideplätze einbrach. Ihre Wahrnehmungen schienen sie nicht allzusehr zu beruhigen, da sie sich von neuem zur Flucht wandten und in langer Reihe verschwanden.
Weit seltener begegneten wir Menschen. Fünf bis sechs Mongolen zu Pferde versuchten uns zu folgen; sie befanden sich einen halben Kilometer entfernt uns zur Seite und galoppierten lange Zeit, lebhaft gestikulierend, hinter uns drein.
Plötzlich sahen wir auf der öden Steppe etwas Weißliches schimmern, das uns ein Palast zu sein schien, ein Palast mit andern kleinen, weißen Baulichkeiten ringsum. Wir lenkten unsere Fahrt auf jene seltsame Gebäudegruppe zu, und als wir näherkamen, bot sich uns ein Anblick aus uralter Zeit.
Wer kennt nicht aus den gelehrten Rekonstruktionen unserer Archäologen die Stile der alten asiatischen Kulturen? Wer hat bei dem Gedanken an den Anblick, den Babylon und Ninive gewähren mußten, sich nicht gewaltige massige Gebäude vorgestellt, mit leicht nach innen geneigten Wänden gleich Pyramidenstumpfen, die den Schein großartig wirkender Verkürzungen erwecken, mit Fenstern und Türen, die unten breiter sind, einfach und majestätisch wie Grabmäler? Einige Ruinen des alten Ägyptens bieten ein Beispiel von jener Pyramidenlinie, die den Mauern eine Festigkeit von Jahrtausenden und den Schein des Riesenhaften verleiht, die eine wunderbare perspektivische Wirkung hervorbringt, als sei die Breitenabnahme nach oben eine Folge kolossaler Höhe.

Die ersten Berge in der Wüste von Urga.
Als die photographische Kunst uns Lhasa enthüllte, haben wir jene Wirkung wiedergefunden und waren von der außergewöhnlichen biblischen Strenge der verbotenen Stadt überrascht, die uns architektonische Formen vergangener Kulturperioden noch lebend zeigte, Formen, die nicht mit der Religion aus Indien gekommen waren, auch nicht mit der politischen Oberhoheit aus China, sondern die aus Westasien in einer um zwei- bis dreitausend Jahre zurückliegenden Zeit nach Tibet gebracht sein müssen. Die Absperrung, die Unbeweglichkeit, die Ruhe und der Buddhismus, die aus Tibet ein Heiligtum gemacht haben, haben die Überlieferung, wenn auch nicht den inneren Sinn einer Kunst aufrechterhalten.
Wir befanden uns vor Gebäuden dieses selben Stiles. Aber sie wirkten allerdings bei weitem nicht so überwältigend wie die Akropolis von Lhasa. Die Wüste bietet keine Baumaterialien und wer weiß, von wo man die Steine auf dem Rücken von Kamelen hierhergebracht hat. Es war die Form und nicht die Größe, die ihnen majestätische Strenge verlieh. Und vielleicht war auch die Bedeutung, die wir dieser Form beimaßen, waren die Analogien, an die sie uns erinnerte, weiter nichts als Ausgeburten unserer eigenen Phantasie.
Das Hauptgebäude war ein ganz aus weißem Kalkstein errichteter lamaistischer Tempel, der am oberen Rande mit einem roten Terrakottafries in griechischem Geschmack von schlichter Anmut geschmückt war. Eine ähnliche Umrahmung umgab die Türen und die trapezförmigen Fenster, von denen jedes durch ein kleines Dach geschützt war. Lange Bronzerohre, die den Rudern einer Galeere glichen, ragten oben hervor, um das Regenwasser von der Terrasse abzuleiten. Die Gebäude ringsum, die viel kleiner waren, glichen dem Tempel. Wir nahmen an, daß es die Wohnungen der Mönche seien. Wir verließen das Automobil und schritten zu Fuß durch die heiligen Räume. Es war niemand darin. Sie schienen verlassen. Wir hörten keinen Laut, kein Geräusch.
Wir standen im Begriff, „an Bord“ zurückzukehren, als aus einer Pforte ein alter Mann mit kleinen Schritten herausgetrippelt kam. Bei unserem Anblick blieb er stehen. Er war hochgewachsen, in ein seltsames Gewand gekleidet, das die Arme nackt ließ, hager und hatte ein an eine alte Frau erinnerndes runzliges Gesicht. Wir näherten uns ihm, begrüßten ihn, photographierten ihn und sprachen auf ihn ein, ohne daß er sich bewegt oder geantwortet hätte. Er zeigte weder Verwunderung noch Furcht. Er schien in tiefe Meditation über das Geheimnis unseres Wesens und unserer Anwesenheit an diesem Orte versunken zu sein. Verständnislos betrachtete er uns. In seinen Augen sah man die Anstrengung, seine Gedanken zu konzentrieren. Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen; er schien stark und zugleich hinfällig; auf seinem Gesicht hatten sich die Furchen eines unberechenbaren Greisentums eingegraben.

Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.
Wir bestiegen wieder die Maschine und fuhren rasch davon; unbeweglich sahen wir noch den Lama dort stehen, den einsamen Alten, der uns fortwährend betrachtete, ohne verstehen zu können, was wir seien.
Der Weg stieg merklich bergan. Gegen 8 Uhr gelangten wir auf die Höhe eines Rückens. Die Steppe war abermals verschwunden. Es kehrte das fette, graue, einzelnstehende Gras wieder, das sich furchtsam in breite Flecke zusammengezogen hatte, die weite unfruchtbare und kahle Strecken zwischen sich ließen. Wir befanden uns an der Schwelle der eigentlichen Wüste.
Gobi bedeutet im Mongolischen Höhlung. Die Wüste bildet eine Einsenkung von unermeßlicher Ausdehnung in der Mitte der Mongolei; es ist die Höhlung, die „Gobi“, die einst ein Meer enthielt. Wir befanden uns am Gestade dieses verschwundenen Meeres. Es war ein richtiges Gestade, steil, ein jäher Absturz, entstanden durch den Anprall der Wogen. Wir standen im Begriff, in eine noch tiefere Ebene, auf den Grund dieses ehemaligen Meeres, hinabzusteigen. Diese Küste hatte ihre Einbuchtungen, ihre Vorgebirge, ihre Halbinseln. Vor uns erstreckte sich die unfruchtbare, gewellte Fläche ins Grenzenlose; sie schien sich am Horizont zu erheben infolge jener optischen Täuschung, die uns den Horizont des Meeres höher erscheinen läßt als sein Ufer.
Ein steiler, 20–30 Meter tiefer Abstieg führte uns auf harte, ebene Sandflächen, die von Stürmen heimgesucht worden waren. Und nun begann eine phantastische Fahrt durch die seltsamste und ödeste Landschaft, eine Fahrt, die Angriff und Flucht zu gleicher Zeit war.
Je weiter wir vordrangen, desto kahler, düsterer und trauriger wurde das Land. Bald war es glatt und eben, bald von jähen Erhebungen durchschnitten; bald bestand es aus kristallinischem Sand, der in der Sonne funkelte, bald war der Boden ein schiefriger Grund von der Farbe zusammengepreßten Lehms. Nirgends ein lebendes Wesen mit Ausnahme kleiner kurzer Eidechsen von einer Farbe, die der des Bodens so glich, daß sie unsichtbar waren, wenn sie sich nicht bewegten. Man hätte sie für winzige Bruchstückchen des Bodens halten können, die sich plötzlich belebten, um vor den Rädern des Automobils da- und dorthin zu flüchten.

Mongolisches Jurtendorf bei Urga.
Die Stunden vergingen in tödlicher Eintönigkeit. Die Hitze wurde mit der Zunahme des Tages glühend. Die Luft war unbeweglich, und mit Wohlbehagen atmeten wir den erfrischenden Hauch ein, den die rasche Fahrt uns ins Gesicht trieb. Ohne Übergänge gerieten wir aus der Kühle des Morgens in eine wahrhaft tropische Hitze. Eine sonderbare Erscheinung konnten wir beobachten; während die Sonne glühte, war der Schatten kalt. Wir hatten die Empfindung jemandes, der sich im Winter an der Flamme eines Kamins erwärmt; an der dem Feuer zugekehrten Seite verbrennt er sich, während er auf der andern vor Kälte erstarrt. Der Himmel war von unerbittlicher Klarheit, so durchsichtig, daß wir uns über die Entfernungen täuschten; wir sahen alles viel näher, als es in Wirklichkeit war. Der Horizont schien immer in der Entfernung von einigen Kilometern zu liegen, und doch fuhren wir stundenlang, ehe wir Bodenerhebungen erreichten, die wir auf große Entfernungen am äußersten Rande der Hügelkette gesehen hatten.
Diese unheimliche Durchsichtigkeit rührte von dem absoluten Mangel an Wasserdampf in der Luft her. Die Trockenheit der Luft bereitete uns Beschwerden, die sich von Minute zu Minute steigerten. Unsere Haut war wie durch Fieber ausgedörrt, es fehlte uns der Schutz einer Transpiration, die durch Verdunstung die Hitze mildert. Daher fühlten wir die Sonne auf Gesicht und Händen in so fürchterlicher Weise brennen, daß wir den Eindruck hatten, als befänden wir uns im Brennpunkte einer ungeheueren Linse. Den Tag zuvor hatten wir übrigens dieselbe Beobachtung gemacht, und bereits auf dem Wege nach Pang-kiang drängte sich uns die Vorstellung einer Linse als das passendste Bild auf; aber wir glaubten damals nicht, daß in der eigentlichen Wüste die Linse solche Dimensionen annehmen würde! Wir begriffen jetzt, weswegen die Karawanen nicht tagsüber auf dem Marsche sind. Aber wir konnten und wollten nicht haltmachen. Unsere einzige Erleichterung beruhte in der Schnelligkeit.
Wir fanden nur einen Brunnen. Gegen 10 Uhr stiegen wir eine weitere Terrainstufe, ein neues Ufer hinab, das wahrscheinlich eine Etappe des Meeres auf seinem langen Rückzuge bezeichnete, der vielleicht Myriaden von Jahrhunderten gedauert hat, bis das Wasser gänzlich verschwand. Der Boden war mit einer weißlichen Salzkruste bedeckt. An manchen Stellen erinnerte er mich an das Tote Meer, aber ohne das Grün des Jordans. Wir fuhren über ein totes Land, ein Land, das zu rasch gelebt hat. Wer weiß, vielleicht hatten wir das Abbild der zukünftigen Welt vor Augen, unserer Welt nach Millionen von Jahren, ausgetrocknet, erstorben, ausgestreckt unter einem unveränderlich klaren Himmel, was ihr in den unendlichen Weiten des Firmaments das Aussehen des Mondes verleihen wird.
Die grausigste Strecke der Wüste ist etwa 60 Kilometer lang. Die Karawanen suchen sie in einem einzigen Marsche zurückzulegen. Bei den letzten Brunnen füllen sie Schläuche und Fässer mit Wasser und brechen bei Sternenlicht auf. Ihr Weg wird durch bleichende Knochenhaufen bezeichnet. Gerippe von Kamelen, von Maultieren, von Ochsen, von Pferden liegen über die ganze Karawanenstraße hin verstreut, aber in der Wüste reiht sich diese Spur des Todes fast ununterbrochen aneinander. Oft überrascht der Sturm hier die dahinziehenden Tiere, trennt sie in der durch den aufgewirbelten Sand erzeugten Dunkelheit voneinander, zwingt sie zum Halten und tötet sie dann. Alle kranken, müden und ermatteten Tiere sind dem Tode verfallen. Es ist das Gebiet des Todes.
Ein unsagbares Todesbangen liegt über diesen Gefilden. Man weiß nicht, woher es stammt, vielleicht von dem trostlosen Anblick, den die Landschaft gewährt, von der niederdrückenden Seltsamkeit ihrer kahlen Umrisse, der unendlichen Eintönigkeit der Farbe oder mehr noch von dem lastenden angsterregenden Schweigen; es entströmt all und jedem und erweckt die Vorstellung einer unbekannten, nahe bevorstehenden Gefahr, einer ständigen Bedrohung, in die man sich resigniert ergibt. Man hat nur einen Gedanken oder vielmehr ein formloses, unbestimmtes, undeutliches, aber hartnäckiges Verlangen: zu fliehen, diese zur Leiche gewordene Welt nicht mehr zu betreten, frei von ihr zu sein. Man schaut nach dem Horizont wie nach einem Orte der Rettung und der Ruhe; man sieht jedem Engpasse mit Hoffnung entgegen; hinter jeder Höhe glaubt man unverhofft auf etwas Gutes zu stoßen. Aber die Engpässe ziehen vorüber, es ziehen die Höhen vorüber, der vor uns liegende Horizont wird zu dem hinter uns zurückbleibenden Horizonte; die Trostlosigkeit erscheint endlos. Das Denken ermattet, die Seele ertrinkt in einer unbezwingbaren Schwermut. Der letzte Halteplatz verliert sich in den Nebeln der Vergangenheit; der halb betäubte Geist verdunkelt sich; alles scheint in unermeßlicher Entfernung zu liegen, von den Schleiern der Vergessenheit umwallt — fern die Abfahrt, fern die Ankunft. Man weiß nur das eine: man wird ankommen und man muß ankommen. Und diese Vorstellung erzeugt eine große Kraft, die sich Geduld nennt. Ja, Geduld und vorwärts! Alle Widerstandskräfte des Geistes und Körpers werden im Dienste der Geduld gestählt. Wir schweigen schließlich, um nichts mehr von unserer Energie zu verschwenden. Und dann kostet ein Wort, mitunter auch nur ein Gedanke zu viel Anstrengung.
Gegen 10 Uhr befanden wir uns im Mittelpunkte der schlimmsten Strecke der Wüste Gobi. Die beiden äußersten Karawanenhalteplätze sind durch eine große Anzahl von Obos bezeichnet. Der Obo ist der Altar des mongolischen Nomaden; er ist vielleicht der erste Altar, den die Menschheit errichtet hat. Er besteht aus einem Steinhaufen.
Um vor dem Antritt der Wüstenwanderung den Schutz des Himmels anzurufen und nach der Durchquerung der Wüste den Göttern für die gewährte Rettung zu danken, nimmt der fromme Nomade einen Stein, legt ihn auf den Obo, beugt sein Knie und betet. Seit unserem ersten Betreten mongolischen Bodens, als wir uns noch in Sicht der Großen Mauer befanden, trafen wir Obos auf dem Kamme der Hügelkette an. Sie gleichen aber nicht denen der Wüste. Vielleicht waren sie verlassen, von den Stürmen umgeworfen und in formlose kleine Berge verwandelt worden. Die Obos, die wir an den Grenzen der ödesten Strecke antrafen, zeigten oft eine erschreckende Menschenähnlichkeit.
Auch sie erhoben sich auf kleinen Anhöhen und bestanden aus einer sorgsamen Steinanhäufung, deren Bekrönung von einem Ochsen- oder Pferdeschädel gebildet wurde. Sie schienen dem Todesgotte errichtet zu sein. Mehr als einmal erschienen uns diese Steinhaufen, die sich scharf von dem strahlenden Himmel abhoben, von fern als Menschen, und in den weißen Schädeln glaubten wir deren Gesichter zu erkennen. Es waren ihrer so viele, daß sie dicht gedrängt standen. Das Vorhandensein einer Menge, gleichviel welcher Zusammensetzung, war für uns ein Grund zur Befriedigung. Es war eine Unterbrechung der grenzenlosen Einsamkeit. In der Wüste werden sich alle Menschen lieb und wert, nicht sowohl infolge eines Gefühls der Verbrüderung der Menschheit oder eines Verlangens nach Zusammenschluß gegen die Gefahren, als vielmehr nur durch den erhebenden Anblick von etwas Lebendigem. Wir betrachteten forschend alle jene aufrechtstehenden Menschen; dann stutzten wir ob ihrer Unbeweglichkeit; wir glaubten, daß sie uns vielleicht gesehen hätten und vor Erstaunen stillständen. Mit einem Schlage umfing uns die Einsamkeit von neuem und schmerzvoller als zuvor, als wir jene Menge zu Stein werden, die Gesichter sich in Schädel verwandeln sahen wie infolge einer verhängnisvollen Beschwörung.
Am Fuße jedes Obo lagen Papierstreifen mit darauf geschriebenen Gebeten in tibetischen Schriftzeichen oder von der Zeit entfärbte Fähnchen, auch sie mit Spuren frommer Inschriften bedeckt. Der Mongole gibt sich dem poesievollen Glauben hin, daß der Wind, wenn er diese Papierstreifen und Fähnchen bewegt, die darauf geschriebenen Gebete emporträgt und Buddha überreicht; wenn die Luft darüber hinstreicht, so füllt sie sich mit den Gebeten, wie sie sich mit Wohlgerüchen erfüllt, wenn sie über Blumen dahinstreicht und sie hin und her bewegt. Bietet die Verwendung des Weihrauchs bei unseren religiösen Zeremonien nicht eine gewisse Analogie hierzu? Wir verdankten den Obos eine Wohltat; ihre Errichtung bedeutete das Freisein des Weges von allen Steinen. Und wer weiß, ob der Ursprung dieses eigenartigen religiösen Brauchs im Grunde nicht auf die Notwendigkeit zurückzuführen ist, die steinigen Straßen zu verbessern, und ob die Gewohnheit, Steine vom Wege aufzuheben, nicht bei einem Volke, das jeder Handlung und jedem Ereignis eine mystische Bedeutung beimißt, zum Ritus geworden ist?
Wir mußten uns davon überzeugen, daß der Kühlapparat, diese Lunge des Automobils, schlecht atmete. Infolge der großen Hitze war es dem von der Fahrgeschwindigkeit erzeugten Luftzug nicht mehr möglich, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, das vielmehr mit ununterbrochenem heftigem Zischen in Dampfform dem Ventil des Kühlapparates entströmte. Seit langer Zeit (uns kam die Zeit wenigstens lang vor) suchten wir nach Brunnen, um das Wasser im Motor zu erneuern. Wir wollten den in unserem Behälter aufbewahrten Vorrat nur im äußersten Notfalle angreifen. Er enthielt kaum 50 Liter, und es war ein Gebot der Vorsicht, diese aufzusparen; ein Bruch der Maschine konnte uns Schiffbruch erleiden lassen, und dieser Vorrat würde unsere Rettung sein.

Mongolische Schönheiten.
„Ein Brunnen!“ rief von Zeit zu Zeit einer von uns, den Horizont betrachtend — „dort, ein Brunnen, ich bemerke Feuchtigkeit, die Erde hat einen dunkeln Fleck!“
„Ja, ja“, antworteten die andern.
Die Selbsttäuschungen sind ansteckend.
Der dunkle Fleck war nicht vorhanden; es war ein Schatten. Wir waren gezwungen, unsere Zuflucht zu dem mitgebrachten Wasser zu nehmen, und hielten an, um es umzugießen. Der Boden schien unter unseren Füßen zu brennen; eine erstickende Schwüle und eine Augenschmerzen verursachende Lichtfülle strömten von ihm aus. Wir wurden von einem fast unerträglichen Durst gequält. Als wir das klare Wasser aus dem Behälter herausfließen sahen, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und tranken gierig davon, mit geschlossenen Augen, um größeren Genuß zu haben, den Mund an das Rohr gepreßt, dasselbe Rohr, das zum Umfüllen des Benzins diente. Das Wasser war warm und roch unangenehm nach Benzin und Firnis; in jedem andern Augenblicke würde es uns ekelerregend erschienen sein. Alles ist eben relativ auf dieser Welt. Der Fürst war der Genügsamste; er benetzte kaum die Lippen und ermahnte uns, mit diesem kostbaren Naß sparsam umzugehen. Die eintönige Fahrt ging weiter.
Gegen Mittag begannen sich wieder Spuren von Vegetation auf dem Grunde einiger Einsenkungen zu zeigen, in denen augenscheinlich etwas Feuchtigkeit zurückgeblieben war. Bald wurden wir von dem Fluge weißer Vögel überrascht, und unmittelbar darauf entdeckten wir einen kleinen Pfuhl in einer breiten Bodensenkung. Am Ufer schritten Stelzvögel würdevoll auf und ab. Wir hielten, um Wasser einzunehmen, das Ettore mit dem Topfe zu schöpfen ging. Das Wasser war völlig ungenießbar, von übelm Geruche, gelblich und schmeckte leicht salzig; wir verwandten es für den Motor, der ja keinen Gaumen besitzt. Aber dieses Wasser zeigte uns durch sein Vorhandensein an, daß wir bereits aus dem unheilvollen Reiche der völligen Trockenheit heraus waren. In der Tat stießen wir auch nach einigen zwanzig Kilometern auf Brunnen, um die herum Karawanenlager aufgeschlagen waren.
In der Nähe eines dieser Brunnen lagen nur zwei schlafende Chinesen — vielleicht zwei Unglückliche, die zu Fuß in kleinen Tagemärschen in ihr Vaterland zurückkehrten. Sie besaßen nicht einmal ein Zelt, um sich vor der Sonnenglut zu schützen. Als einziges Gepäck hatten sie einige Lumpen in einem Sacke. Auf dem Sande ausgestreckt, der zu glühen schien, lagen sie halbnackt mit bloßem Kopfe und schliefen. Neben ihnen rauchten die Reste eines Feuers, und über dem Feuer dampfte die Teemaschine, die in dem Gepäck auch des ärmsten Chinesen nicht fehlen darf, ebensowenig wie der Samowar beim ärmsten Russen. Es war uns unfaßbar, wie Menschen die fürchterliche Qual dieser Hitze aushalten konnten. Als sie Geräusch vernahmen, erwachten sie und richteten sich auf, um uns mit ihren schläfrigen Augen zu betrachten, dann streckten sie sich wieder aus. Sie mußten abgemattet und betäubt sein. Was war unsere Reise im Vergleich zu der ihrigen? Wir erinnerten uns des Pilgers, den der Fürst bei Nankou angetroffen hatte, jenes Mannes, der, alle drei Schritte die Erde küssend, die Wüste durchquert hatte, und dachten daran, daß, wenn die beiden Chinesen ihm begegnet wären, sie vielleicht mit ihm dasselbe Mitleid gehabt hätten, das wir mit ihnen hatten.
Das Wasser der Brunnen war klar und kalt. Nachdem wir unseren Durst gelöscht hatten, füllten wir den Eimer damit und reichten uns während der Fortsetzung der Fahrt unausgesetzt volle Becher davon. Unter den Wirkungen der Hitze konnten wir wenigstens eine gute feststellen: den geringen Benzinverbrauch. In der explosiven Mischung, die sich bei der Berührung mit dem elektrischen Funken entzündet und so die treibende Kraft des Motors hervorbringt, war nur ein ganz geringer Teil Benzindampf enthalten.
Wir bemerkten dies an dem Funktionieren des Ventils, das automatisch Luft in das Gemisch einläßt; es blieb ganz offen stehen, und es war augenscheinlich, daß die Luft in ungemein großem Maße in den Vergaser einströmte. Der Fürst bemerkte, daß wir uns mehr mit Hilfe der Luft als mit Hilfe des Benzins weiterbewegten.

Mongolen.
Mit dem Vorschreiten des Tages nahm die Hitze zu. Die Sonne, die uns zuerst zur Rechten, dann im Rücken gestanden hatte, begann uns nunmehr von der linken Seite aus zu peinigen. Bei der Abfahrt von Peking hatte ich den Korkhelm verschmäht, mit dem der Fürst und Ettore sich ausgerüstet hatten, und forderte die Gluthitze der Wüste Gobi nur unter dem bescheidenen Schutze eines Panamahutes heraus, dessen Krempe infolge der Geschwindigkeit der Fahrt sich über meiner Stirn zurückschlug und so mein Gesicht vollständig bloßlegte. In wenigen Stunden verwandelte die Sonne uns zu grotesken Masken, und ich war leider die groteskeste. Die Gesichter nahmen eine dunkelrote Farbe an, schwollen auf und schmerzten, so daß wir nicht einmal die leise Berührung des Taschentuches ertragen konnten. Das frische Wasser, das uns an den vorhergehenden Tagen köstliche Abwaschungen ermöglicht hatte, verursachte jetzt ein unangenehmes Brennen. Hier und da schälte sich an dunkler gefärbten Stellen die Haut ab. Wir hatten den Eindruck, als würden wir langsam gekocht. Die entzündeten Augen brannten uns im Kopfe, die Lippen waren geschwollen, vertrocknet, aufgesprungen. Ettore schmerzte namentlich der Mund, dessen Winkel bluteten. Entsetzlich litt er an den Händen, die von der harten Arbeit schon rissig geworden waren und auf denen die Sonnenglut tiefe offene Furchen in das Fleisch einbrannte; die geschwollenen Finger zitterten vor Schmerz. Nicht hoch genug bewerten läßt sich das ungeheuere Maß von Selbstverleugnung, von Ehrgeiz und Energie, das Ettore aufbot. Da, wo es sein mußte, unterdrückte er jeden Schmerz und zwang seine wunden Hände zu den härtesten Anstrengungen, die mitunter Blutspuren an den Werkzeugen und den Maschinenteilen zurückließen. Wenn er dann seine Arbeit mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit vollendet hatte, betrachtete er die Wunden und murmelte mit seinem an ein großes Kind erinnernden Lächeln:
„Ich fürchte, daß wir nicht weiterkommen.“

Mongolen.
Hätten wir zu unseren Häuptern noch den herrlichen Schutz des Zeltdaches gehabt, so hätten wir der Sonne spotten können. Jetzt konnten wir uns zum Troste nur sagen: „Auch das wird vorübergehen!“
Wir folgten der unendlichen Linie der Telegraphenstangen in einer Art Traumzustand. Jene Linie hatte etwas Verführerisches an sich. In dieser schrecklichen Eintönigkeit gewährte sie dem Auge eine Abwechslung, die uns Anregung bot. Bald lief sie geradeaus wie ein phantastischer, dünner, schwarzer, von einem Horizonte zum andern gezogener Strich, bald zeigte sie die Stangen in einer regelrecht ausgeführten Schwenkung wie Soldaten bei einer Übung. Der Vergleich mit Soldaten drängte sich uns namentlich dann auf, wenn wir die Stangen in Reih und Glied den Abhang einer Anhöhe emporklimmen sahen. An den Übergängen nahmen die sich eng aneinanderschließenden Linien oft überraschende nebelhafte Gestalten an, bald ähnlich der Spitze eines gotischen Turmes, bald einem in unendlicher Ferne liegenden zerklüfteten Berge gleichend. Wir beobachteten all diese Einzelheiten mit kindischer Aufmerksamkeit. Es kamen uns Gedanken von erschreckender Albernheit. Ich überraschte mich einige Male dabei, wie ich mechanisch die Stangen zählte, indem ich bei irgendeiner anfing, um mich schließlich doch zu verzählen. Für den aber, der nicht steuert, ist das Niederdrückendste auf einer derartigen Reise die Untätigkeit. Zuerst beobachtet man, sinnt nach, dann phantasiert man, und schließlich geht das müde Denken in Stumpfsinn über; kein Gesichtseindruck erweckt es wieder, und so bleibt man in einem Zustande schweigender, ruhiger Empfindungslosigkeit. Der Geist entschlummert und lullt sich in die süße Geistesabwesenheit des Traumes ein.
„Eine Jurte!“ rief der Fürst aus.
Es war 2 Uhr nachmittags. Diese Worte rüttelten uns plötzlich auf, als hätten sie ein Wunder angekündigt.
„Wo, wo?“
„Dort, linkerhand, unter jenen Felsen!“
„Wir kehren in die Welt zurück!“
„Es werden wandernde Nomaden sein. Es gibt hier keine Weideplätze. Wer kann hier leben?“
Wir betrachteten die Jurte, vor der ein Pferd angebunden war. Nach kurzer Zeit entdeckten wir ein beladenes Kamel, das von einem Mongolen geführt wurde, der stehenblieb und uns lebhaft zuwinkte. Wir warteten auf ihn, und der Mongole eilte unter tiefen Verbeugungen auf uns zu, zog aus seinem Rocke ein großes in ein Tuch geschlagenes Paket hervor und begann es langsam zu öffnen. In dem Paket befand sich ein zweites, in dem zweiten ein drittes... Aus dem letzten Paket endlich kam ein Telegramm zum Vorschein, das der Mann uns feierlichst überreichte.
Das Telegramm war an Du Taillis gerichtet; wir gaben es dem Karawanenführer zurück und bedeuteten ihm, er möge seinen Weg nach Süden weiter fortsetzen. Er schnürte sein Paket sorgfältig wieder zusammen, das sicherste Mittel, um ein wertvolles Papier nicht zu verlieren, das aber Geschäftsleuten nicht zu empfehlen sein würde! Wir bemerkten dabei, daß das Kamel mit zwei Benzinbehältern beladen war. Nun verstanden wir: der „Spyker“, der wahrscheinlich Mangel an Brennmaterial litt, hatte von Pang-kiang nach Udde telegraphiert, um sich zwei Kannen aus dem Depot schicken zu lassen, und diese beiden Kannen waren unterwegs. In Pang-kiang hatten wir ihm einige Liter von unserem Benzin abgetreten, und ich glaube, die beiden „de Dion-Bouton“ hatten dasselbe getan.
Um 4 Uhr befanden wir uns zwischen niedrigen Felsen, die hier und da aus der Ebene emporragten wie Klippen über das Meer. Am Abend vorher war es uns nicht gelungen, die Station Pang-kiang zu erblicken, und wir hatten schon geglaubt, sie verfehlt zu haben; jetzt sahen wir Udde in jedem fernen Felsen. Bei jedem Schritt wurden wir enttäuscht. Um die Telegraphendrähte nicht aus den Augen zu verlieren, suchten wir ihnen überallhin zu folgen, auf die Rücken von Hügeln, zwischen Steine und Felsblöcke; die Weiterfahrt gestaltete sich auf diese Weise sehr mühsam. Gegen 5 Uhr kam eine aus einer Anhäufung runder Felsen gebildete Anhöhe in Sicht, an deren Fuße, mit den Steinen in eins verschmolzen, ein einziges chinesisches Häuschen stand; es war Udde. Wenige Minuten später zogen wir in diesen Ort der Freude ein, der auf ein Haar jenem glich, den wir am Morgen verlassen hatten.
Wir wurden nicht von einem, sondern von zwei diensteifrigen Telegraphenbeamten empfangen, und waren im Augenblicke eines Umzugs angelangt. Der alte Telegraphist von Udde stand im Begriff, seinen Posten zu verlassen, und traf die Vorbereitungen zu einer siebzehntägigen Karawanenreise, um nach Kalgan zu gelangen. Zwischendurch weihte er den einige Tage zuvor angekommenen neuen Kollegen in die Pflichten seines Amtes ein.
Der Mann, der die Wüste verließ, war glücklich. Die ihn erfüllende Befriedigung machte ihn redselig. Er folgte uns lächelnd überallhin. Sobald wir uns umwandten, waren wir sicher, den kleinen, mageren Chinesen zu sehen, bewaffnet mit einem großen Pince-nez an einer langen Schnur, bereit, uns die ganze Fülle seiner Freude anzuvertrauen. Während ich meinen telegraphischen Bericht niederschrieb, sagte er zu mir:
„Ich gehe nach Schanghai.“
„So?“
„Ja, weil ich aus Schanghai bin. Ich bin Witwer (geziertes Lächeln) und ich bin Christ.“
„Das freut mich.“
„Mein Vater will, daß ich wieder heirate. Und so heirate ich denn, sobald ich nach Schanghai komme.“ (Gelächter.)
„Lieben Sie denn Ihre zukünftige Frau?“
„Nein. Ich kenne meine Braut nicht. Mein Vater hat sie mir ausgesucht.“
„Und wenn sie Ihnen nicht gefällt?“
Er sah mich erstaunt an und lächelte herablassend, als er antwortete:
„Mein Vater hat sie mir ja ausgesucht. Das ist so Brauch bei uns. Ich reise übermorgen. Ha, ha!“
An diesem Abend warteten wir vergeblich auf die Ankunft der übrigen Automobile.
Schweigend verzehrten wir etwas Reis und das ewige Cornedbeef; dann streckten wir uns, in die Pelze gehüllt, auf der Erde aus. Seit zwei Tagen hatten wir vergessen, etwas zu uns zu nehmen. Der Durst hatte den Hunger nicht aufkommen lassen.