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Peking-Paris im Automobil

Zwanzigstes Kapitel.

Reading edition

Von der Wolga zur Moskwa.

Sibirien kehrt zurück. — Ein feindseliges Dorf. — Die Gastfreundschaft eines Müllers. — Nischnij-Nowgorod. — Die Geschichte eines Telegramms. — Die Chaussee. — Wladimir. — Freiwillige Panne. — Moskau empfängt uns. — Am Ufer der Moskwa.

In Kasan wurden die Federn in der Nacht rasch ausgebessert. Am 24. Juli 9 Uhr vormittags konnten wir Kasan mit der vollständig reparierten Maschine verlassen. Wir fuhren unter den drohenden Mauern des Kremls hin, jener alten tatarischen Zitadelle, die eine der grausigsten Geschichten von Feuer und Schwert gesehen hat: die von Machmet Amin befohlene Niedermetzelung der Christen, die von Iwan IV. befohlene Niedermetzelung der Tataren, die von dem meuterischen Kosaken Pugatschew befohlene Niedermetzelung der Adligen, und viermal die Plünderung und Zerstörung der Stadt. Wir gelangten in die entlegenere arbeitsame Admiralitätsvorstadt und von dort an den Wolgahafen.

Der große Strom, der größte Europas, lag breit, majestätisch, langsam und stolz vor uns. Er wimmelte von großen Dampfern, die bis zum Kaspischen Meere fahren, von Fähren, von Schleppdampfern, von Personendampfern. Die bevorstehende Messe von Nischnij-Nowgorod war die Ursache dieses Gedränges. Die Wolga ist einer der gewaltigsten Verkehrswege der Welt; sie verbindet Persien, den Kaukasus und Turkestan mit dem Herzen Rußlands. Die mannigfaltigsten Volksstämme bewegten sich an den Ufern zwischen den Ladeplätzen: wir sahen Tataren, Armenier, Zirkassier und Kirgisen unter russischen Bauern.

Auf einem der Trajektboote setzten wir über, auf einem wirklichen und wahrhaftigen Dampfschiff, das uns gewaltig erschien wie ein transatlantischer Dampfer.

Rasch fuhren wir davon über Hügel, von denen aus wir den unvergeßlichen Anblick Kasans genossen, der blendendweißen Stadt, über die sich die funkelnden Kuppeln der Kathedrale der Verkündigung Mariä erheben. Neben diesen Kuppeln erblickten wir — ein seltsamer Gegensatz in Gestalt und Erinnerungen — den alten tatarischen Sumbekaturm, der seinen Namen von einer tatarischen Prinzessin hat, die nach einer poetischen Sage sich, als die belagerte Stadt den Angriffen der siegreichen Slawen unterlag, von der höchsten Spitze hinunterstürzte, um mit dem Vaterlande zu sterben.

In der Unterstadt, die mit ihren kleinen, von Gärten umgebenen Häusern noch jetzt ganz tatarisch ist, erheben sich Minaretts. Am Flusse eröffnete sich ein seltsames Panorama runder Gebäude, der Riesenbehälter für das Petroleum, das die Schiffe aus Baku die Wolga herauf bringen. Kasan ist einer der größten Petroleumstapelplätze der Welt. Dann entfernte sich alles, zerstreute sich, verschwand hinter dem Gipfel eines Hügels. Wir befanden uns wieder in der Einsamkeit der Felder.

Wir fuhren auf verlassenen, kaum erkennbaren, von Gras überwachsenen Pfaden und waren genötigt, uns mit der allerbescheidensten Geschwindigkeit zu begnügen.

Sibirien schien zurückgekehrt zu sein! Stellenweise hatten Wasserfluten die Straße in einen tiefen Abgrund verwandelt. Es kam vor, daß wir wie in der Mongolei die Richtung verloren. Wir kamen an eine Stelle, wo jede Spur einer Straße oder eines Pfades verschwunden war und wir nicht mehr nach dem richtigen Wege, sondern nach einem Manne suchen mußten, der uns als Führer dienen könnte. Karten und Kompaß waren zu Rate gezogen worden, das Ende vom Liede aber war, daß wir uns vor unübersteiglichen Hindernissen befanden. Ein Bauer erklärte sich bereit, auf das Automobil zu steigen und uns zu führen. Nachdem wir etwa 10 Kilometer zurückgelegt hatten, kamen wir auf einen morastigen Weg, an dem sich die Telegraphenleitung hinzog.

„Folgen Sie nur der Telegraphenleitung!“ sagte er und verabschiedete sich.

Es war lange her, daß wir uns von der unabsehbaren Reihe von Telegraphenstangen hatten leiten lassen. Und jetzt näherten wir uns Moskau? Der ganze Landverkehr wickelt sich dort draußen nur im Winter ab: wenn der Schnee das Gelände so wunderbar ebnet, daß die Schlitten pfeilschnell darüber hinweggleiten. Es hat also keinen Zweck, kostspielige Straßen zu unterhalten. Im Sommer sind die Flüsse für den Verkehr da. In den Zeiten vor der Dampfschiffahrt existierte hier eine prächtige Straße, von der sich jetzt kaum noch Spuren vorfinden.

Dampfschiff auf der Wolga.
Dampfschiff auf der Wolga.

Dampfschiff auf der Wolga.

Gegen 1 Uhr passierten wir langsam ein kleines Dorf, als das Automobil auf einem mit Gras überwachsenen Platze, der stets die weißen Kirchen der russischen Dörfer umgibt, ein an eine leere Telega gespanntes Pferd zum Scheuen brachte. Das Pferd ging durch; ein Knabe von ungefähr zehn Jahren, der von der Telega abgestiegen war, wollte das Pferd aufhalten, ergriff die lange Zugleine, die hinter dem Wagen herschleifte, und versuchte an ihr zu ziehen. Unglücklicherweise schlang sie sich um eins seiner Beine, und er fiel zu Boden. Wir stießen einen Schreckensruf aus. Schon sahen wir im Geiste den Knaben an einem Beine geschleift und auf grausige Weise ums Leben gekommen. Allein wir hatten nicht an die Weite der russischen Stiefel gedacht; kaum war der Knabe hingefallen, so bewirkte die um sein Bein geschlungene Leine nur, daß der Stiefel ausgezogen wurde; der Knabe selbst blieb heil und unverletzt.

Auf dem Dampfer.
Auf dem Dampfer.

Auf dem Dampfer.

Der Unfall erregte aber den Zorn der Bevölkerung gegen uns. Sofort bildete sich eine dichte Gruppe von Bauern, die, unsere langsame Fahrt ausnutzend, uns verfolgten. Zu ihnen gesellten sich andere. Sie bewaffneten sich mit Steinen und gingen schreiend und johlend zum Angriff über, indem sie uns in drohendem Tone „Halt!“ zuriefen.

Das Durchgehen der Telega allein konnte eine solche Empörung nicht erklären. Selbst ein russischer Bauer war imstande zu begreifen, daß wir keine Schuld hatten. Erst einige Tage später, in Moskau, erhielten wir Aufklärung über jene Wut und über die verbissene Feindseligkeit, die uns in so vielen Ortschaften des russischen flachen Landes entgegengetreten war. Das Automobil war verschiedentlich von Revolutionären benutzt worden, um Proklamationen umstürzlerischen Inhalts zu verbreiten. Sicher ist, daß sich in vielen russischen Ortschaften die Ansicht gebildet hatte, die Automobile seien Fahrzeuge der Feinde der Religion und des Zaren! Das Durchgehen eines Pferdes wurde für uns die Veranlassung zum Ausbruch eines lange vorher bestehenden Volkshasses.

Die Verfolger schienen nicht geneigt, uns entkommen zu lassen. Die Straße unterstützte sie bis zu einem gewissen Grade. Wir kamen an einen jähen Abhang voller Furchen und Löcher. Wir mußten bremsen und langsamer fahren, um die Maschine nicht zu beschädigen. Die Bauern wurden von einem blonden jungen Manne in roter Bluse angeführt, der den andern vorauslief und ihnen etwas zubrüllte, um ihnen Mut zu machen. Die Entfernung verkürzte sich zusehends. Schon kamen Steine geflogen. Noch wenige Sekunden, und wir wären eingeholt worden. Da entschloß ich mich zu einer Handbewegung, die der Verfolgung sofort ein Ende machte. Es war eine sehr einfache Bewegung mit der ausgestreckten rechten Hand, eine langsame Bewegung, während ich mich auf die Füße erhob und mich der Menge zuwandte. Diese blieb mit einem Male stehen, verstummte, wich zurück und ließ uns unbelästigt weiterfahren! Ich muß allerdings hinzufügen, daß ich bei dieser Handbewegung den Kolben der geladenen Mauserpistole, die ich schußbereit gesenkt hatte, umklammert hielt.

Bald darauf versanken wir im Morast in der Nähe des kleinen Simylskajaflusses. Mit Hilfe dreier Muschiks, die gerade vorbeikamen, machten wir uns in einstündiger Arbeit wieder frei. Dann überschritten wir den Fluß auf einer alten Brücke, ließen das malerische Städtchen Woronowka zur Linken liegen, und weiter ging es auf unsicheren und gefahrvollen Straßen. Von Westen her zog ein schwarzes Unwetter herauf, das uns erreichte, als wir uns in einem großen Walde von Eichen und Buchen befanden, und das uns die Freude verdarb, vertraute Bäume wiederzusehen. Wir hatten die Tannen und Birken satt. Die Tannen sind gewiß sehr schöne Bäume; mit ihren schwarzen, an den Turm einer Kathedrale erinnernden Spitzen weisen sie eine gewisse architektonische Strenge auf. Aber auf die Dauer werden sie langweilig wie ein Wald von geschlossenen Schirmen. Die Eichen aber fanden wir geradezu wundervoll; sie sind eine ungezwungenere, mannigfaltigere, vertraulichere Erscheinung; es war, als winkten sie uns mit ihren vom Winde bewegten knorrigen, unregelmäßigen Ästen; es waren die Bäume unserer Heimat.

Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.
Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.

Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.

Es regnete in Strömen mit der gewohnten Begleitung von Blitz und Donner. Es war nun einmal Schicksalsbeschluß, daß es alle Tage regnen sollte, und wir hatten uns auch darein gefunden. Wir hatten nicht einmal die Mühe, erst die wasserdichten Mäntel anzuziehen, weil wir sie stets, es mochte das schönste Wetter und der blendendste Sonnenschein sein, auf dem Leibe trugen.

Der Abend überraschte uns mitten in einer Einöde. Wir hatten gehofft, das 160 Kilometer entfernte Tscheboksary zu erreichen; bis abends 8 Uhr hatten wir aber nicht mehr als 80 Kilometer zurückgelegt, als das Automobil sich mit einem Male auf die linke Seite neigte und stehenblieb. Wir waren eingesunken. Ettore hatte bei der Dunkelheit eine tiefe morastige Einsenkung nicht bemerkt, und zwei Räder waren bis an die Naben hineingeraten!

Wir befanden uns in einem einsamen Tale. Im Grunde rauschte ein vom Regen geschwellter reißender Fluß. Der Fürst und ich — Ettore blieb zur Bewachung der Maschine zurück — erstiegen einen nahen Hügel, um vielleicht bewohnte Orte zu entdecken. Nichts war zu sehen als die dunkle, düstere Landschaft, eine wellige Steppe, hier und dort unterbrochen von schwarzen Gehölzen. Wir hatten uns schon darein ergeben, die Nacht auf dem Automobil zu verbringen, als ich ein Dach in einem Weidengebüsch, links von einer Brücke, bemerkte.

Wir gingen in der angegebenen Richtung und fanden wirklich eine kleine einsame Mühle. An der Tür der Isba stand eine alte Frau, die bei unserem Anblick erschreckt zurücktrat. Dann erschienen zwei Männer in wenig freundlicher Haltung und fragten, wer wir seien.

Der Fürst sprach vom Automobil, versprach ihnen eine Belohnung, wenn sie uns Hilfe leisteten, und schloß damit, daß er die beiden Männer, die sich wieder besänftigt hatten, ersuchte, sich die im Morast steckende Wundermaschine anzusehen.

„Sie müssen nach dem Dorfe gehen und dort Hilfe holen“, sagten sie, nachdem sie nachgedacht hatten. „Wir sind in der Mühle nur vier Personen. Wieviel wollen Sie übrigens für die Hebung des Wagens zahlen?“

„Fünf Rubel!“ erwiderte der Fürst. Es war die Anfangssumme wie bei öffentlichen Versteigerungen.

Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.
Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.

Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.

Fünf Rubel! Die Müller waren geblendet von solchem Reichtum. Fünf Rubel! Sie sahen einander an und wechselten einige Worte. Es waren ihnen inzwischen Riesenkräfte und ein Löwenmut gewachsen. Sie wollten die fünf Rubel allein verdienen, sie würden zehn Automobile heben!

Sie gingen weg und kehrten mit den beiden Gefährten, die in der Mühle geblieben waren, eilends zurück; dann machten sie sich an die Arbeit. Nach einer halben Stunde schaufelten wir die Erde vor den Rädern weg, Ettore setzte den Motor in Tätigkeit, und das Automobil bewegte sich und hielt schließlich im Hofe der Mühle. Der Müller selbst hatte uns Gastfreundschaft in seinem armseligen Hause angeboten.

Er stellte das Mühlwerk ab. An diesem Abend wurde in der Mühle ein Fest gefeiert. Einer der Gehilfen langte nach einer Stunde mit einer riesigen Flasche Wodka an, die er im Dorfe gekauft hatte: die fünf Rubel begannen sich in Trunkenheit zu verwandeln.

Die blonden Männer tranken auf unser Wohl. Sie stürzten das schreckliche Getränk gläserweise hinunter, nachdem sie, das Glas in der Hand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Die Frauen saßen abseits und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an der Wand der Isba hing.

Es dauerte nicht lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu äußern. Der Müller wurde sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen: „Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!“ Dabei umarmte er uns einen nach dem andern und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre Zustimmung. Es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser Vaterland.

Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk zum Anbeten! Alle Segnungen des Himmels wurden auf uns herabgerufen. Die junge Frau mit den ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die zärtliche Rührung ihres Mannes, um die Wodkaflasche fortzunehmen, ohne daß er es bemerkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu verstecken.

Als wir erklärten, daß wir uns niederlegen wollten, verließen alle das Zimmer. Die Männer blieben aber noch lange vor der Tür der Isba, und wir hörten sie stundenlang die schwermütigen slawischen Lieder singen, die wie Gebete klingen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die ihr Geklapper wieder begann.

Wir hatten uns auf dem Fußboden ausgestreckt. Ich konnte nicht schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte ich einen frischen Luftzug. Ich bemerkte, daß sich die Tür ganz leise öffnete.

Ich erhob mich auf den Ellbogen und strengte die Augen im Dunkel an. Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ich die Person erkennen oder vielmehr erraten konnte, die sich so heimlich in unser Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich sah den Schimmer ihres langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was wollte sie? Mit gespannter Neugier beobachtete ich sie.

Ansicht von Wassilsursk an der Sura.
Ansicht von Wassilsursk an der Sura.

Ansicht von Wassilsursk an der Sura.

In Wassilsursk.
In Wassilsursk.

In Wassilsursk.

Als sie sich überzeugt hatte, daß alles still blieb, trat sie ein, barfuß und ohne das mindeste Geräusch; sie glich einem Schatten. Sicheren Schrittes ging sie auf einen Winkel zu und beugte sich suchend vor. Es war die Stelle, an der sie den Wodka versteckt hatte. In der Tat hörte ich an einem leisen Klirren des Glases, daß sie die Flasche ergriff; ich sah, wie sie sie in die Höhe hob. Einen Augenblick später vernahm ich ein leises, langes, von Seufzern unterbrochenes Gurgeln. Die brave Frau trank. —

Früh machten wir uns wieder auf den Weg. Die Straßen waren trocken und infolgedessen besser. Zu Mittag waren wir in Wassilsursk, einem reizenden Städtchen am rechten Ufer der Sura, eines Nebenflusses der Wolga, kokett im Grün kleiner Gärten über den Abhang eines Hügels verstreut.

Und weiter, immer weiter ging es den ganzen Tag über, zeitweilig an der Wolga entlang, deren breite, träge, von Schiffen belebte Fluten sich durch das weite Tal wälzten.

Am Nachmittag stießen wir auf zwischen Gebüschen versteckte herrschaftliche Villen: die große Stadt Nischnij-Nowgorod war in der Nähe. Gegen Sonnenuntergang bemerkten wir Fabrikschornsteine, die Vorposten der modernen Großstädte. Oben auf einem Hügel standen Droschken. Als wir an sie herankamen, wurden wir mit einem „Hoch!“ empfangen.

In den Droschken saßen der kommerzielle Vertreter Italiens, der Sekretär des italienischen Konsuls in Moskau und einige Landsleute. Wir betraten den offiziellen Bannkreis Europas. Wir erhielten unsere Post, Briefe, Zeitungen, Telegramme. Die Beziehungen zur Kulturwelt waren wiederhergestellt. Die Einsamkeit war zu Ende!

Champagnerflaschen und Gläser kamen zum Vorschein, wir mußten anstoßen. In tiefer Bewegung drückten wir zehnmal dieselben Hände und fragten nach Nachrichten aus unserer Welt. Dann wurden wir von plötzlicher Ungeduld gepackt, von dem gebieterischen Verlangen, zu Ende zu kommen, zu fahren, zu fahren ohne Rast und Ruh wie jener Mann des Märchens, der sich künstliche Beine anfertigte, die von selbst liefen, und der noch immer läuft, weil er vergessen hat, eine Vorrichtung anzubringen, die die Beine wieder zum Stehen bringt.

„Auf die Maschine! Auf die Maschine!“ riefen wir.

Muschiks auf der Überfahrt.
Muschiks auf der Überfahrt.

Muschiks auf der Überfahrt.

Wir empfanden weder Müdigkeit noch Verdrießlichkeit mehr. Alles war vergessen: „Auf die Maschine!“ Bald darauf entfaltete sich das prächtige Panorama von Nischnij-Nowgorod zu unseren Füßen. Von Kasan aus hatten wir 447 Kilometer zurückgelegt. Es war spät, als wir in die breiten Straßen der alten russischen Hauptstadt einbogen, die die eigentliche Wiege des ungeheueren Reiches ist. Die elf Türme des Kremls, die hoch über die Stadt emporragen, waren noch von der untergehenden Sonne beleuchtet; sie blitzten stolz über die goldenen Kuppeln und weißen Türme hinweg. Mit einem Gefühl des Stolzes betrachteten wir jene elf Beherrscher der Stadt, bei der Erinnerung daran, daß sie etwas von italienischem Wesen an sich tragen; sie wurden von einem italienischen Architekten, Pietro Frasiano, umgebaut, als der Kreml seinen kriegerischen Charakter ablegte und sich zu verschönern begann. Um jene Festung herum hatten sich die Heere gebildet, die Kasan den Tataren entrissen; später bildete sich hier das Heer, das die Polen aus Moskau verjagte. Nischnij-Nowgorod muß dem Slawentum heilig erscheinen.

Wir waren kaum angelangt, als uns auch schon eine Einladung übermittelt wurde. Einige angesehene Bürger, unter ihnen der Gouverneur, gaben uns zu Ehren ein Bankett in einem großen Garten. Die Luft war mild, der Himmel heiter. Wir sahen die Wolga an der Mündung der Oka im fahlen Lichte des Abends zu unseren Füßen breit dahinströmen, übersät von Myriaden von Lichtern an Bord der ankernden Schiffe, gleich einer sich auf der Erde hinziehenden Milchstraße. Während des Banketts wurde ich abgerufen.

„Sie haben ein Telegramm abgesandt?“ fragte der behandschuhte Kellner.

„Jawohl, vor zwei Stunden.“

„Das Telegraphenamt läßt sagen, daß es das Telegramm nicht befördern könne ... Wenn Sie telephonieren wollen?“

Ich eilte ans Telephon. Meine Depesche konnte nicht befördert werden, weil sie nicht russisch geschrieben war! Seit Nischne-Udinsk hatte ich diese reizende Ungeheuerlichkeit nicht mehr gehört! Zum Glück waren die einflußreichsten Männer der Stadt zur Stelle; sie telephonierten, eilten auf das Telegraphenamt und kehrten triumphierend zurück. Das Telegramm war abgegangen.

„Jeder macht es sich so bequem wie möglich!“ sagte man mir zur Erklärung. „Das Amt fand, die Depesche sei zu lang ...!“

Mitternacht war vorüber, als an die Türe meines Hotelzimmers geklopft wurde.

„Wer ist da?“

„Sie haben ein Telegramm aufgegeben?“

Wütend sprang ich aus dem Bett und eilte an die Tür, um zu öffnen.

„Ja,“ schrie ich den Oberkellner an, dem ich mich gegenüber fand, „es ist vier Stunden her, daß ich es aufgegeben habe. Vier Stunden!“

„Beruhigen Sie sich,“ erwiderte er sanften Tones, „Ihr Telegramm ist abgegangen und wird vielleicht schon angekommen sein. Nur wünscht das Telegraphenamt eine kleine Aufklärung ...“

„Welche denn?“

„Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem andern, gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts.“

Ich war wie vom Donner gerührt: ich sank auf einen Stuhl und sagte mit kraftloser Stimme.

„Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich schwöre es Ihnen. Ich habe in einer europäischen Sprache geschrieben. Nur das Chinesische und Japanische schreibt man von oben nach unten. Und man liest es von oben nach unten. Und man telegraphiert es von oben nach unten!“

„Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach rechts?“

„Wenn sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie haben sie es denn abgeschickt? Wie?“

„Von oben nach unten, Herr!“ —

Um 10 Uhr vormittags setzten wir unsere Fahrt fort. Unser graues schmutziges Automobil hatte man hier liebenswürdigerweise mit Blumen geschmückt. Wir überschritten die Oka auf der „Meßbrücke“, der herrlichen Holzbrücke, die Nischnij-Nowgorod mit dem Meßplatze verbindet, auf dem die „Jarmarka“, die berühmte Messe, abgehalten wird, die am 27. Juli beginnt. Die Eröffnung sollte am übernächsten Tage stattfinden. Der Platz war zum Empfang von 400 000 Fremden, die alljährlich hierherkommen, hergerichtet.

Berge von Waren türmten sich am Ufer auf, von einem bunten Gewirr von Flaggen überragt. Riesige, an den Ufern verankerte Barken trugen provisorische Gebäude, Cafés und buntfarbige, mit Laubgehängen geschmückte schwimmende Gastwirtschaften, ein Theater, Räumlichkeiten, wohin sich die Meßbesucher begeben, um zu rauchen, da das Rauchen in den Straßen der Jarmarka verboten ist. Auf dem linken Ufer der Oka fuhren wir über den ganzen weiten Meßplatz mit seinen 6000 Magazinen, seinen Geschäften, seinen Märkten, eine ganze zweite Stadt, die zehn Monate lang ausgestorben ist und von deren geräuschvollem Erwachen wir jetzt Augenzeugen waren. Ihre seltsamen Bewohner ließen die Arbeit liegen, um sich zu versammeln, wo wir fuhren. Alles gibt es auf der Messe von Nischnij-Nowgorod, aber ein Automobil war noch nicht dort erschienen.

Zwischen der ernsten, nachdenklichen Menge der Slawen erblickten wir merkwürdige Volksstämme um uns herum. Viele Tataren im Kaftan nach türkischer Art oder im blauen Kulmak, Kirgisen, die aus ihren Steppen gekommen waren und Tausende von Kilometern weit Pferdeherden hergetrieben hatten. Zirkassier mit prächtigen Waffen waren da, Perser mit den hohen Pelzmützen, ernstblickende Armenier, Sibirier aus Tobolsk mit Ladungen kostbaren Pelzwerks. Unter der Menge hatte sich das Gerücht verbreitet, daß wir aus Peking kämen; man betrachtete uns überrascht und stellte tausenderlei Fragen an uns, die wir nicht immer verstanden.

Wir bogen in die Straße nach Moskau ein, die breit, fest, eben und gerade war. Wir ließen die Maschine schnell fahren. Die Stadt und ihre Jarmarka entfernten sich mehr und mehr. Die Straße wurde menschenleer und ging nicht in einen der gewohnten elenden Feldwege über. Die Chaussee, die echte Chaussee war erreicht!

Endlich! Nach einer Fahrt von 7500 Kilometern, nach sechsundvierzig langen Tagen voller Mühen, Beschwerden, Leiden, Enttäuschungen. Sie hatten wir gesucht, nach ihr hatten wir geseufzt, seit wir die mongolische Wüste verlassen hatten: wir glaubten sie schon in Kiachta, in Irkutsk zu erreichen. Bei meiner Beschreibung der Reise habe ich von Straßen gesprochen, um den undefinierbaren Strecken, über die wir fuhren, einen Namen zu geben. In Wirklichkeit sind wir fast stets über mehr oder weniger guten gewachsenen Boden, über Sand, Morast, Steine, Gestrüpp gefahren. Die Straße begann erst hier, nachdem wir ihren kleinen weit vorgeschobenen Vorposten bei Kasan angetroffen hatten. Sie begann in Nischnij-Nowgorod, der unvergeßlichen Stadt, die für uns den Anfang des letzten Teils unserer Reise bedeutete. Uns erschien sie als der Beginn der Zivilisation.

Europa hat seine Grenze nicht, wie die Geographen behaupten und wie auch wir es geglaubt hatten, in den Wäldern des Urals, nein: es beginnt in Nischnij-Nowgorod mit jenem weißen Streifen, auf dem wir dahinrollten, der in einladender Breite ein endloses Band darstellt, das hier beginnt und alle europäischen Nationen umschließt. Jetzt erst glaubten wir über alle Schwierigkeiten triumphiert zu haben; wir brauchten keine Felsen mehr zu erklimmen, in keine Abgründe hinunterzurutschen, nicht mehr über Baumstämme zu stolpern; wir brauchten nicht mehr in heimtückischen Sümpfen zu versinken, nicht mehr den Weg zwischen der Pflanzendecke der Moräste und den Bäumen des Waldes zu suchen. Die Straße war unsere Freundin, unsere Führerin; sie erfüllte uns mit neuem Mute, sie geleitete uns ans Ziel.

Wir stießen einen Freudenschrei aus, als wir von der Spitze eines Hügels aus sahen, wie sich die Chaussee bis zum Horizont erstreckte. Und doch lebte in uns immer noch ein Gefühl des Zweifels, eine unbestimmte Angst. Wir waren zu oft getäuscht worden und hatten immer noch ein wenig Furcht, die Straße möchte verschwinden und uns verlassen. Etwas ließ uns anfangs allerdings die Veränderung weniger durchgreifend erscheinen und setzte unserer Freude einen Dämpfer auf: es waren die alten, wackligen Brücken. Wir hörten jenes gräßliche Krachen des Holzes unter den Rädern. Während unseres raschen Dahinrollens gab eine dieser Brücken unter dem Gewicht des Automobils nach; ein Brett brach.

„Rasch, mit voller Kraft!“ rief der Fürst.

Der Motor knattert laut und die Maschine, die im Begriff ist, zu fallen, schießt vorwärts über die Bretter hin, die sich unter ihrer Last biegen. Sie ist in Sicherheit! Hinter uns hören wir Holz herabpoltern.

Das Automobil saust mit voller Geschwindigkeit dahin. Vornübergebeugt, um den Luftwiderstand besser zu überwinden, durcheilen wir lange Strecken im Fluge und kosten nach so langer Zeit von neuem das Hochgefühl des ununterbrochenen Vorwärtsstürmens. Mit vollen Lungen atmen wir den Duft des Heues, des Harzes, der Blumen ein, die ihren Odem in die warme Luft ausströmen. Die Straße bildet wundervolle gerade Linien, die bis zu 60 Kilometer lang sind. Wenn uns nicht an manchen Brücken die Umbauarbeiten aufgehalten hätten, so hätten wir Wladimir, unseren nächsten Haltepunkt, der von Nischnij-Nowgorod 250 Kilometer entfernt ist, in fünf Stunden erreichen können; so brauchten wir acht.

Wir kamen zur Stunde der Promenade in jenes reizende Städtchen, das bereits die Nähe der heiligen Hauptstadt des Reiches verrät. In einem kleinen Gasthofe kehrten wir ein, vermochten aber trotz unserer Müdigkeit zum erstenmal nicht zu schlafen. Moskau war nur noch wenige Stunden entfernt!

Um 7 Uhr früh fahren wir durch das weiße Tor von Wladimir und jagen auf Moskau zu. Die vom Sonnenschein übergossene Straße war herrlich und schnurgerade, als sei sie durch einen Kanonenschuß angelegt worden.

Wir fliegen dahin. Es ist, als ob die Maschine uns begriffe: in gleichmäßigem Gange gehorcht sie jedem Winke des Fürsten, der am Steuerrade sitzt; auf den Pneumatiks wiegt sie sich leicht in sanften Schaukelbewegungen, die uns einlullen.

Um 8 Uhr kommen wir durch ein Städtchen. Die Leute stürzen aus den Läden, eilen aus den Seitenstraßen herbei und begrüßen uns freudig; sogar ein dicker Gendarm legt lächelnd die Hand an den Helm. Als wir an ihm vorbeikommen, fragen wir ihn:

„Wie heißt diese Stadt?“

„Pokrow.“

Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.
Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.

Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.

Wir sind erstaunt. Pokrow liegt etwa 85 Kilometer von Wladimir entfernt. Wenn wir in solchem Tempo weiterfahren, treffen wir vor 10 Uhr in Moskau ein, und das dürfen wir nicht; wir dürfen erst nachmittags 2 Uhr dort ankommen. Warum? Aus Höflichkeitspflicht. Am Tage zuvor hatte man aus Moskau telegraphisch angefragt, wann wir ankämen, und der Fürst, an die früheren Überraschungen gewöhnt, hatte auf Grund einer Berechnung, die uns ziemlich weiten Spielraum ließ, geantwortet: um 2 Uhr. So waren wir zu einer freiwilligen „Panne“ genötigt. Wir beschlossen, sie aus einem Frühstück bestehen zu lassen.

Abfahrt aus Wladimir.
Abfahrt aus Wladimir.

Abfahrt aus Wladimir.

Eine halbe Stunde später hielten wir vor dem ersten Gasthofe in Bogorodsk. Mit der Feierlichkeit, die unserem ersten zivilisierten Frühstück gebührte, setzten wir uns zu Tische und leisteten uns die zweite Flasche Champagner während unserer Fahrt. Die erste war in Tanchoi getrunken worden.

Seit Peking hatten wir auf unseren Tagestouren niemals an einem Tische gefrühstückt; wir hatten auf dem Automobil gegessen und oft auch dies unterlassen, weil wir nicht daran dachten. Wir fühlten uns von einer beinahe kindlichen Heiterkeit beseelt.

Das Wetter wurde schlecht, es begann zu regnen. Aber wir lachten ob des Wetters und spotteten des Regens; sie würden uns nicht mehr aufhalten. Diese Feindseligkeiten kamen zu spät und waren zwecklos. Unser alter, erbitterter Feind, das Wetter, war besiegt.

Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft in der ganzen Stadt. Das Publikum drängte sich im Hofe, und wir erhielten den Besuch von Offizieren, Beamten und reichen Gutsbesitzern. Wir wurden überall eingeladen. Der Fürst mußte sich mit Händen und Füßen wehren, um nicht in Moskau erst am nächsten Tage um 2 Uhr einzutreffen!

Mittags nehmen wir die Sitze auf der Maschine wieder ein und beschleunigen ihren Gang, um Zeit zu gewinnen. Wir fürchten, die Panne von Bogorodsk zu lange ausgedehnt zu haben. 30 Kilometer vor Moskau treffen wir zwei stattliche Soldaten, die wir für Kubankosaken halten. In ihrer malerischen Uniform nach zirkassischer Art mit den reichen Patronenbehältern zu beiden Seiten der Brust, dem langen Dolche im Gürtel, dem hohen Pelzkalpak auf dem Kopfe stehen sie auf beiden Seiten der Straße einander gegenüber. Kaum sind wir vorüber, so folgen sie uns in gestrecktem Galopp. Von 100 zu 100 Metern bewachen Kosaken die Straße und schließen sich der Reiterschar an, die sich rasch hinter uns bildet. Wir bemerken bald, daß dieser Ehrendienst uns gilt, um unseren Weg von Wagen freizuhalten, die von der Mitte der Straße auf die Seite gewiesen werden. Die Soldaten gehören einem neuen Gendarmeriekorps an, das nach den revolutionären Bewegungen in Moskau gebildet worden ist.

Seltsam, die Wagenführer sind nicht wütend, überhäufen uns nicht mit Schimpfworten; sie begrüßen uns sogar mit Begeisterung. Aber die Überraschungen sind noch nicht zu Ende. Als wir um 1 Uhr 15 Minuten an die Grenze des Weichbildes von Moskau kommen, bemerken wir in dem Orte Kordenky eine Menge Menschen, die um blitzende Wagen herumsteht, in denen wir beim Näherkommen ebenso viele in einer Reihe aufgefahrene Automobile erkennen. Andere kommen rasch herbei und lassen ihre Hupen ertönen. Es sind die ersten großen Automobile, die wir wieder sehen; sie sind uns entgegengefahren. Von ihnen herab und um sie herum bricht ein Begrüßungssturm los: Hurra! Wir werden umringt und drücken hundert Hände, die sich uns entgegenstrecken. Es ist ein unbeschreiblicher Augenblick!

Über das Diplomatengesicht des Fürsten sehe ich einen flüchtigen Schatten huschen. Es bleiben uns noch 4000 Kilometer zurückzulegen, ehe wir nach Paris kommen, aber uns ist, als seien wir schon eingetroffen. Wir kehren in unsere Welt, in unser Leben zurück. Jetzt schließen wir die Epoche der Einsamkeit und Verlassenheit ab, die eine harte Prüfung in unserem Leben bedeutete.

Ankunft vor Moskau.
Ankunft vor Moskau.

Ankunft vor Moskau.

Mit stolzem Gefühl, mit Augen, die nicht nur vom Winde und vom Regen feucht sind, steigen wir vom Automobil. Der Präsident des Automobilklubs von Moskau, dessen Anregung wir die freundliche Begrüßung verdanken, teilt uns mit, daß wir zu Ehrenmitgliedern des Klubs ernannt worden seien, und überreicht uns das wertvolle Abzeichen aus Gold und Email, das wir sofort an unseren vom Schmutz bespritzten Mützen befestigen. Es folgen die Vorstellungen. Ich befinde mich inmitten zahlreicher Kollegen: da ist der Korrespondent des „Matin“, der dem Fürsten die Glückwünsche seiner Zeitung übermittelt, der man die geniale Idee der Fahrt Peking–Paris verdankt; ich treffe den Berufsgenossen von der „Daily Mail“ wieder, der uns auf der Eisenbahn von Etappe zu Etappe gefolgt ist, und viele andere ausländische Journalisten. Auch Damen sind da. Eine von ihnen legt — ein prächtiger Gedanke! — auf unserer Maschine einen Rosenstrauß nieder, um auch sie ein wenig zu feiern, die so viel Anteil daran hat, daß wir überhaupt angekommen sind. Gegen 2 Uhr nehmen wir die Fahrt wieder auf, begleitet von allen Automobilen.

Dieses phantastische Schauspiel ruft mir jenen rasenden Ritt stolzer Mongolen ins Gedächtnis zurück, der auf uns den Eindruck machte, als werde das Automobil in feindlicher Absicht von der gesamten asiatischen Barbarenschaft verfolgt. Jetzt aber erscheinen wir als die Barbaren, die mit Schmutz bedeckt auf einem rohen, erdfarbigen, mit alten Stricken, Ketten und verrosteten Spaten beladenen Wagen sitzen, während hinter uns die polierten Metalle, die leuchtenden Lackanstriche aristokratischer Automobile erglänzen, auf denen elegante Sommertoiletten mit ihrer Fülle von Federn, Blumen, Schleiern und Bändern im Winde rauschen.

Plötzlich eröffnet sich am Horizont der Blick auf Moskau! Es war ein Funkeln von goldenen Kuppeln über einem weißen, schimmernden Häusermeere, eine überwältigende Erscheinung, ein Traum!

Wir gelangen in die fabrikreichen, von hohen, rauchenden Schornsteinen starrenden, vom Lärm der Arbeit widerhallenden Vorstädte, die die feierliche, altehrwürdige Ruhe der Heiligtümer umgürten.

Was geht da vor? Eine Menschenmenge erfüllt die Straße. Es sind Arbeiter, Männer und Frauen, die aus den Fabriken zu Hunderten, zu Tausenden herbeieilen. Die Fenster sind dicht besetzt. Von der Eisenbahn, über die wir fahren, kommen ebenfalls Scharen von Arbeitern im Laufschritt an. Was geht vor?

Ein fürchterliches Geschrei empfängt uns. Es ist der Gruß des Volkes, ausgestoßen von der schreckenerregenden Stimme der Menge. Der Gruß erneuert sich und pflanzt sich fort, er folgt uns und erklingt uns zu seiten. Wir haben nicht das Bewußtsein, ihn verdient zu haben, aber stürmisch dringt diese Welle der Sympathie an unser Herz. Wir hören den Ruf: „Viva l’Italia!“ Man klatscht Beifall. Auf den Verdecken der Straßenbahnwagen erheben sich die Fahrgäste und schwenken die Mützen. Der Fürst grüßt mit einer Handbewegung, während er erstaunt murmelt:

„Aber was haben wir denn eigentlich geleistet?“

So durchqueren wir die Vorstadt und kommen schnell ins Innere der Stadt, wo Ruhe herrscht. Über großartige Boulevards hinweg gelangen wir schließlich in die Nähe der stolzen alten Mauern des Kreml, wo die Leute uns nicht mehr kennen und nur stehenbleiben, um unseren Zug mit fragender Miene zu betrachten, offenbar verwundert, daß so vielen schönen Automobilen ein so häßliches und schmutziges vorausfährt und daß auf ihm Leute sitzen, die noch schmutziger sind.

Wir steigen vor dem Hotel ab und fallen sofort in eine angenehme Gefangenschaft: das Komitee legt Beschlag auf uns. Es will uns feiern, und es gehören zum mindesten zwei Tage dazu, dies gewissenhaft zu erledigen. Unsere Müdigkeit macht uns nicht ungehorsam gegen die Ukase des Komitees.

„Nun gut,“ sagen wir, als wir über das zukünftige Programm mit uns zu Rate gehen, „bleiben wir! Aber allen ferneren Verlockungen setzen wir heroischen Widerstand entgegen und wir fahren von Moskau nach Paris in einer Tour!“

Und Petersburg? Auch Petersburg erwartete uns. Zwar schloß die ursprüngliche Route die russische Hauptstadt, weil zu weit abgelegen, aus dem Programm aus. Durch die Wahl der Straße über Perm und den Abstecher nach Petersburg verlängerten wir die Fahrt um mindestens 700 Kilometer. Aber das Petersburger Komitee, das die Verteilung der Benzinvorräte überwacht, Straßenkarten für uns hatte anfertigen lassen, das in allen großen Städten Unterkomitees zu unserem Empfang gebildet hatte, war uns wichtiger als die übrigen Komitees, und seine Einladung konnten wir nicht unberücksichtigt lassen. Wir wollten also nach Petersburg gehen, aber uns nur wenige Stunden dort aufhalten. Denn dann kam noch Berlin, dessen telegraphische Einladung wir schon in Tomsk erhalten hatten.

Moskau bot uns auf ein Mal alle jene Diners, Soupers und Dejeuners, die uns während der Fahrt entgangen waren! Unsere Nerven, die den Strapazen und Entbehrungen widerstanden hatten, wurden mürbe unter diesem Ansturm, dem wir uns doch nicht entziehen konnten, so groß war die Herzlichkeit, die uns von allen Seiten umgab. Wir waren Gäste der italienischen Kolonie, die uns wertvolle Andenken überreichte, die sicher nicht notwendig waren, um die Erinnerung an jene Tage unverlöschlich in unserem Gedächtnis festzuhalten; wir waren Gäste des Automobilklubs, des italienischen Konsuls, alter und neuer Freunde; wir nahmen an Trinkgelagen teil, hörten Orchestermusik, Konzerte und Lieder an und wanderten durch die luxuriösesten und namhaftesten Moskauer Restaurants, vom „Metropol“ nach der „Eremitage“, von „Mauritania“ nach dem eleganten „Yard“, wo die Konzerte um Mitternacht beginnen, um bei Sonnenaufgang zu enden.

Die Moskauer Automobile wurden uns zu einer Fahrt durch die Stadt und ihre malerische Umgebung zur Verfügung gestellt. So wurden wir nach dem historischen „Sperlingsberge“ geleitet, um den Sonnenuntergang von dem Punkte aus zu genießen, auf dem der große Napoleon haltmachte, um am Abend des 14. September 1812 das entzückende Panorama von Moskau zu bewundern. Die sterbende Sonne tauchte die unermeßliche, stolze Stadt in Blut; die goldenen Kuppeln sandten Flammenblitze aus, alles verschwamm in einem Glanze, der überirdisch erschien: es war ein erhabenes Schauspiel!

Man hat uns in wenigen Stunden das bunte, eigenartige Leben dieser einzig in der Welt dastehenden Stadt kosten lassen, der wahren russischen Hauptstadt. Sie ist modern und altertümlich, arbeitsam und heilig, und amüsiert sich auch unter dem „kleinen Belagerungszustand“. Dieser ist der Grund, warum man Posten mit aufgepflanzten Bajonetten die Spazierfahrten reicher Equipagen überwachen sieht, während Kosakenpatrouillen, den Karabiner auf der Hüfte, zwischen den Wagen einhertraben. Auf den Hauptstraßen kommt es nicht selten vor, daß plötzlich ein lauter Befehlsruf erschallt, daß alle Wagen zur Seite fahren und daß man im Mittelgalopp drei oder vier Kutschen vorbeieilen sieht, vorn, auf beiden Seiten und hinten von Kosakenpelotons mit dem schußfertigen Revolver in der Faust umgeben: es ist nur ein Transport von Staatsgeldern. Die Gefahr hat dem Rubel zu kaiserlichen Ehren verholfen!

Inzwischen hatte das Automobil seine Reisetoilette erneuert; es war sorgfältig gereinigt und geputzt worden, mehr war nicht nötig gewesen. Zu unserer eigenen Überraschung fanden sich sogar verschiedene Teile, die sonst häufig ausgewechselt werden müssen, unversehrt vor. Nur das von den Muschiks zwischen Perm und Kasan angefertigte Rad wurde ersetzt, weil es sich herausstellte, daß es schlecht zentriert war und die Pneumatiks zu sehr anstrengte. Und doch schuldeten wir diesem rohgearbeiteten Rade viel Dank.

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