Zwölftes Kapitel.
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Was ist geschehen? Verstehst Du es, Herz? Verstehst Du es, Kopf?
Sie kommt in ihrem Schloßhof oben an. Da steht der alte klobige Turm mit seinen vielen Fenstern.
Ein Entsetzen packt sie. Da hinein? Da sitzen wie gestern und alle Tage? Einfach weiterleben hinter diesen Mauern?
Es zuckt ihr in den Füßen. Fort, ins Feld hinaus, weit weg. Nur nicht wieder hier hinein!
Ins Feld? Ja, da ist Weg und Steg und jeder Stein noch wie er immer war. Übers Moor? Oder an den See?
An den See? Weißt Du noch?
Mit einer wilden, hilflosen Bewegung drückt sie die beiden Fäuste vor die Augen. Schwarz – schwarz – schwarz –
Ins Dunkle! Verkriechen! Das ist das beste!
Hinein.
Wie die Haustür knarrt mit dem altbekannten Ton! Da ist Jakob auf der Treppe.
Jakob? Gibt es denn noch Menschen?
»Was gibt's heut' wohl zu Mittag, gnädiges Fräulein?« sagt Jakob, der alte Schelm.
Sie steht in der Schulstube und weiß nicht, wie sie hereinkam. Es ist eiskalt hier, sie graut sich vor den acht Fenstern.
Da bleibt sie stehen, mitten im Raum, und schreit laut auf. – –
Das hat geholfen. Das starre, steife Entsetzen ist gelöst. Sie atmet wieder.
Sie weiß plötzlich alles – sie lächelt – sie glaubt plötzlich nichts. Welch ein Schreckbild hat sie geängstigt!
Sie geht an ihren alten zerschnitzten, staubigen Fenstertisch. Ein halb zerrissener Zettel liegt herum, sie nimmt ihn und schreibt darauf mit Bleistift.
»Ich habe Dich nicht verstanden. Meintest Du so, daß wir uns nichts mehr angingen? Aber das gibt es ja nicht. Du kannst mich doch nicht den einen Tag lieb haben und den anderen nicht? Bist Du mir über etwas böse, das ich getan habe? Warum sagtest Du das nicht –«
Plötzlich hielt sie inne. Sie fühlte es im Nacken, es stand jemand in der Tür. Mit einem Erbeben des Grauens kehrte sie sich um.
Da war er. – Schwarz, stumm, mit demselben eiskalten Gesicht von gestern, von der Dorfstraße her, mit einem geisterhaft schrecklichen Blick durch die Brillengläser. Er rührte sich nicht, er öffnete nur langsam die Lippen – er würde ihr antworten –
»Nein! Nein! Ich will nichts! Ich will nichts!« schrie sie wie von Sinnen. Sie sprang auf, der Stuhl fiel um, sie stolperte über eins der Holzbeine, die ganze Stube drehte sich, er mit, sie fühlte ein namenloses Entsetzen, wie einen Fall in eine unendliche Leere –
»Geh fort! Geh fort –«
Dann wurde es Nacht und stumm.
– – – Es stand niemand in der Tür. Nur die acht Fenster, von dem einförmigen grauen Weiß des sonnenlosen Schneetages gefüllt, sahen auf das bewußtlose Kind am Fußboden.
* * *
– Aber es kamen Schritte. Frau v. Pohle suchte nach Fritzchen. Sie hatte im Vorbeigehen Jakob gefragt, der kratzte sich im Kopf.
»Mit der ist wohl was los, gnädige Frau. Die guckte mich eben an, als ob sie ihren Klug nicht hätte. Am End' ist sie krank, sie ist wohl zu Bett gegangen.«
Im Bett war sie nicht. In der Schulstube war sie.
Ein brennender Schreck durchzuckte die Frau, im Moment war sie neben der Gestalt, die wie zusammengeschossen mit dem Gesicht auf der Erde neben dem umgestürzten Stuhle lag.
Sie kniete neben ihr. »Fritzchen!« Aber sie konnte den starken jungen Körper nicht mit ihren schwachen Armen bewegen. Sie stand auf, um Hilfe zu holen, da sah sie den Zettel auf dem Tische.
Sie nahm und las ihn und fühlte einen Moment, wie das Herz in ihr still stand. Ihr Gesicht bedeckte sich mit brennender Röte der Not, der Scham, um dies junge, herrliche Menschenbild, das hier in Schmach und Jammer vor ihren Füßen lag.
Den Zettel steckte sie zu sich.
Auch das noch! Er hat auch mit ihr zu spielen gewagt! Ein kraftschönes Leben zerrissen in Eitelkeit und Herzenskälte. O Gott, o Du Gott der Gerechtigkeit, triff ihn! Höre mich! Mann und Kinder und all mein Lebensglück hast Du mir genommen. Ich stehe in einer Wüste. Ich will nichts für mich. Aber höre den Schrei nach Gerechtigkeit. Triff ihn! Vernichte ihn, den Vernichter!!
* * *
Es kam über Nacht ein Westwind übers Land in großen, langen Stößen. Die Temperatur stieg um mehrere Grade. Als wieder neuer Schnee zur Erde nieder wollte, wurde er zu Regen. Es leckte von den Dächern und rutschte von den Bäumen. Große häßliche löcherige Vertiefungen fraß das laue Naß in die zarte weiße Schneedecke. Auf der Dorfstraße patschten die Pferdehufe, schlammten die Räder.
Die Kalesche des Doktors fuhr durch das Dorf. Sie kam von draußen herein, wo auf freiem Felde das Werk des Zertauens noch nicht so vorgeschritten war, aber hier auf dem höckrigen Pflaster spritzte der Schmutz bis hoch an das Verdeckleder hinan.
Überall steckten besorgte Gesichter aus den Türen und hinter dem Fensterglas. Um das Fritzchen war der Doktor doch noch nie geholt.
»Was ist denn los?« »Fräulein Fritzchen ist krank.« »Na nu! Uns' Fräulein? Aber nee!«
Es wußte es niemand, was in Wahrheit geschehen war, außer Frau v. Pohle – und vielleicht noch einem, wenn man es dem zufällig im Dorfe erzählte. Aber mit dem redet man doch nicht wie mit einem gewöhnlichen Menschen.
Frau v. Pohle sagte dem Doktor, daß Fritzchen gestern in Ohnmacht gefallen sei, eine unruhige fieberische Nacht gehabt habe und heute sehr matt und beängstigend teilnahmslos daläge. Sie sah auch den Doktor, dessen Assistent sie manches Mal im Dorf gewesen war, leer und gleichgültig an, erwiderte seine Begrüßung nicht und gab ihm keine Antwort.
»Laßt mich doch schlafen«, war das einzige, was sie in einer Art von müder Verzweiflung sagte.
»Sie muß einen kolossalen Nervenschok gehabt haben«, sagte der Doktor. »Sie haben keine Ahnung, gnädige Frau?«
»Nein, nein«, sagte Frau v. Pohle, aber so hastig, daß er ihr die Lüge von der Stirn ablas.
»Mit Vater – Schwester – es ist nichts passiert?« fragte er.
»O, nicht im geringsten.«
»Es wird sich augenblicklich nicht viel tun lassen«, sagte er. – »Sie muß sich gesund schlafen. Aber sowie sie wieder auf ihren Füßen stehen kann, muß sie eine Luftveränderung haben.«
»Jawohl, eine Luftveränderung!« rief Frau v. Pohle in lebhafter Zustimmung.
Na, da kann man sich's ja schon denken, Ihr Heimlichtuer! dachte der alte Doktor bei sich. Lieber Gott, menschliche Sachen. Zwanzig Lenze zählt das Wurm. Sowas geht vorüber.
»Und mal ein bißchen tanzen, Menschen sehen, Theater, Musik, all solch' ein Kram. Sie verstehen mich, gnädige Frau, sorgen Sie dafür.«
»Soviel ich kann!« sagte Frau v. Pohle.
Im Fortfahren dachte der Doktor: Ob es nicht der hochnäsige Laffe im Talar ist, der auch hier das Unheil angerichtet hat? Möge ihn der Teufel holen!
Der Fluch des kräftigen alten Doktors und das Gebet der feinen alten Dame schloß eine seltsame Verbrüderung. Es haben schon andere Throne gewackelt, als man sie niederbetete und niederfluchte. Denn auf Erden sind Mächte am Werk, die mächtiger sind als der Westwind über den Schneemassen.
Der Westwind ging um das Pfarrhaus und rüttelte an der Haustür und den Läden. Ein Reitpferd stand draußen angebunden, es war ungeduldig und stampfte, daß der Schmutz hoch aufspritzte. Ein Mann kam aus dem Hause in hohen Stiefeln, er ging durch den Garten, setzte sich zu Pferde und ritt davon. Nur der Wind war noch in der Straße. Er trieb den Regen durch die Luft und riß den letzten Schnee von den Bäumen.
Jawohl, es ist auch eine Lust, Schönheit zu zerstören! Der Wind löst die weiße Decke auf und stößt die phantastischen Kronen von den Mauerköpfen. Ihr habt genug bewundert! Hussa, merkt Ihr, wie es trieft, leckt, pfeift, klappert, und wie alle Herrlichkeit zufließt?
Der Pfarrer steht im Zimmer und liest einen Brief. »Mein Gregor, denke Dir, seit gestern ist Hans fort. Ich glaubte, er wäre zum Arzt geritten, es hatte sich mit seiner Hand so außerordentlich verschlimmert. Ich wartete ängstlich auf seine Rückkehr und schickte ihm dann einen Boten nach. Sein Pferd hat er eingestellt und nur dem Wirt – denk' Dir, Gregor, dem Hotelwirt! – den Bescheid für mich hinterlassen, daß er schreiben würde. Er war schon vorher so seltsam, sonst würde ich mich ja nicht ängstigen. Und dann der kranke Arm. Bei dem Arzt ist er gar nicht gewesen! Lieber Gregor, wenn Du Zeit hast, komm herüber. Laß mir durch den Boten sagen, ob ich Dir den Wagen schicken soll. Oder wenn Du Nachricht von Hans hast, gib sie ihm gleich mit.«
»Der Wagen soll kommen!« hatte Gregor bestellt.
Er kannte seine Mutter, sie hatte nicht gewagt, den gleich mitzuschicken. Was sollte er auch dort? Ihr sagen, daß er etwas mehr wisse, als sie – und daß auch er eine unbestimmte Angst in sich hege?
Aber er konnte drüben wohl noch Näheres erfahren, er konnte des wütenden Jungen Spuren verfolgen. Das würde nicht allzu schwer sein. Er konnte ihn in seinem sinnlosen Hinausstürmen aufhalten und ihm sagen: Du hast keinen Schmerz und keine Bitterkeit nötig. Was Du für meine Rechte hieltest, übergehe ich alles Dir. Und das Weitere besorge Du Dir selbst.
Wie ist solche närrische Verzweiflung doch noch voll Glück, Kraft, klopfendem Leben. Um eines kleinen Mädchens willen sich Herz und Genick zerbrechen, die Welt einschlagen und nichts sehen, hören, fühlen außerdem, das ist wild und frisch wie Jagdlust und ein scharfes Reiten.
Sieh, wie ist der Schnee getaut seit gestern. Wo ist die leuchtende Herrlichkeit hin? Der Wind pfeift und der Regen rinnt, es wird eine schlimme Fahrt übers Moor.
Justine sagt, es ist Krankheit im Schloß. Es ist schon möglich, daß es hier an zwei Enden auf Tod und Leben geht. Laß es gehen, laß es ziehen, rinnen und vorüberpfeifen, wie der Westwind, der den Schnee zerschmilzt. Ich stehe daneben!
Stolzer Mensch, der also sprechen kann! Tausendmal armer Mensch, der also sprechen muß! Es gibt ein Königtum unter den Menschen, das ihre Fesseln nicht trägt, nicht den Schutz ihres Daches und die Wärme ihres Herdes teilt. Das selbst von dem Schmerz, der ihm Fessel sein könnte, unabhängig ist.
Der Ärmste ist zugleich der Mächtigste. König Gregor, es beneiden Dich wohl wenige um Deine Krone.