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Fritzchen

Neuntes Kapitel.

Reading edition

Die Kutsche fuhr in die Rummelshöfer Einfahrt. Der alte Brunswig, der Diener, stand draußen. »Der Herr Baron möchten doch gleich zur Frau Baronin kommen.«

»Ja, ja, ich weiß.«

Er war erst heute morgen nach nächtlicher Eisenbahnfahrt hier angekommen und hatte sich dann gleich den Wagen nach Hohen-Leucken bestellt.

Nun kam wieder eine bittere Pille, die Aussprache mit der Mutter. Ihm graute davor.

In ihrem Zimmer, das von hundert Erinnerungen und leisen Huldigungen für ihren vergötterten Sohn voll war, erwartete sie ihn. Auf dem Schreibtisch lag – vielleicht absichtlich? – noch die Depesche, in der er vor etwa acht Wochen ihr seine Ernennung zum Hofprediger mitgeteilt hatte.

Unfähig, auf einem Sitz zu verharren, mit verkrampften Händen, nach Luft ringend, ging Frau v. Zülchow auf und ab, ein entsetzlicher, elender Anblick.

»Gregor! sitze da nicht wie ein Stein. Gib mir Auskunft, Du bist es mir schuldig. Sage mir, warum dies alles, und wie es kam?«

»Laß es Dir von der Welt erzählen, Mutter. Sie weiß es vielleicht besser als ich.«

Da blieb sie stehen, flammenden Gesichts. »O Du! Von der Welt erzählen! Jawohl, an die hast Du mich oft genug verwiesen! Von der Welt und ihrem Geschwätz mußte ich mir Kunde holen über Dich und Dein Leben. Gregor – es war oft zum Wahnsinnigwerden, aber ich habe es getragen. Ich habe meine Liebe nicht anfechten lassen von Bitterkeit und fortwährenden Entsagungsschmerzen. Ich wußte Dich glücklich und nahm still das geringe Teil, das Du für mich abfallen ließest. – Aber das war zur Zeit Deines Glücks und Hochgangs. Jetzt – da plötzlich alles zusammenbricht, da Du kommst und mir sagst: Mit dem Glanz ist es aus, ich werde Pfarrer im Moordorf da drüben – da selbst schiebst Du mich, Deine Mutter, beiseite. Frage die Welt! Gregor, das ist empörend! Hier, ich, ich habe Dich geboren und aufgezogen mit unendlicher Liebe, ich habe Dich auf Händen getragen, verwöhnt, überschüttet – ich habe –«

»Laß das, ich weiß es alles«, sagte Gregor und stand auf. Es war ein gequälter Zug in seinem Gesicht. »Glaubst Du, ich habe nie gesehen, daß ich Dein Schoßkind war? Wir, Deine Söhne, wir wissen es alle beide. Ob es recht oder falsch war, kann und mag ich nicht untersuchen. Darauf kommt es jetzt auch gar nicht an. Hast Du meine Zurückhaltung zu Zeiten meines Glückes ertragen, so sollte doch der Wechsel der Tatsachen nichts daran ändern. Was daran zu wissen ist, weiß alle Welt, wozu es noch erörtern, es macht mich überdrüssig und krank. War in Deiner Liebe ein so fester Grund, daß Du mir vertraust, auch hier meinen und unseren Namen reingehalten zu haben, so wirst Du die guten und die schlechten Gerüchte von selber auseinander halten können. Wenn nicht, so ist diese Liebe ein schwankender Grund und keines Rühmens wert.«

Sonst hatte die Kälte seines Wesens sie bezaubert, trotz des Leidens, das sie ihr auflud. Heute reizte sie sie nur.

»Genug der Worte!« rief sie außer sich. »Ich will keine Predigt von Dir, wenigstens heute nicht. Du bist mir schuldig, mir Rede zu stehen. Bei Deiner Kindespflicht und Mannesehre rufe ich Dich an. Ich stehe auch im Namen Deines Vaters hier. Ja – überdrüssig mag es Dir wohl sein, aber ich kann Dir diesen Überdruß nicht ersparen, mein Sohn!«

Sie war so schön und hatte eine solche große, stolze Gestalt, daß auch dieser Zorn- und Grollausbruch einen majestätischen Anflug hatte. Aber um Gregors Mund ging ein leises, böses Zucken. Innerlich lachte er verächtlich über das, was er als Komödie empfand, um eine mütterliche Neugier, Eifersucht und Empfindlichkeit zu bemänteln.

Er lehnte sich an das Fensterbrett und kreuzte die Arme. »Gut, Mama, wenn Du es so wichtig nimmst, will ich Dir antworten. Was wolltest Du erfahren? Ohne Zweifel weißt Du schon das meiste.«

»Ich weiß nichts«, sagte sie und setzte sich in einen Lehnstuhl. Mit einem Tüchlein trocknete sie das brennende Gesicht, kühlte die heißen Augen. »Es handelt sich um die Prinzessin Maria, nicht wahr, Gregor?«

»Ich denke«, sagte er kühl.

»Ihr wart – viel zusammen –? Ihr – hattet miteinander ein – ein – eine Verständigung?«

»Ich weiß nicht, was Du damit meinst. Sie ist ein kluges und feines Mädchen, wir haben über des Lebens größeste Fragen miteinander gesprochen. Dann kam auf ihrer Seite das Persönliche. Sie war ein verwöhntes Kind.«

Er schwieg wieder. Seine Mutter sah nicht, daß sie ihn quälte. Auch ihm war unter diesen Trümmern ein Reich begraben worden, das wohl größer war, als sie je ermessen konnte. Aber sie stieß und zerrte ihn weiter.

»Hast Du ihr – Gregor – hast Du ihr von Liebe gesprochen? Ging es soweit?«

»Mutter –«, sagte er mit eiskalten Augen. »Dieses sind Fragen, deren Beantwortung Du in besserer Stunde selbst verurteilen würdest. – Verzeih mir, aber ich würde Dich und mich erniedrigen, wenn ich über den Inhalt jener Stunde plaudern könnte. Wenn Du noch weiteres willst, so ist es dies: die Prinzessin hat ihrem Vater selber Mitteilung gemacht. Nicht als Buße, sondern in einer törichten Hoffnung. Dann kam ein Sturm, der sehr kurz und stark vorüberbrauste. – – Es haben oft in einem Konflikt alle recht, aber einer muß die Zeche bezahlen. Das ist nun einmal so.«

»Und der eine mußtest Du sein!«

»Gewiß. Übrigens trägt hier doch jeder seinen Teil.«

»Und jetzt gehst Du als armseliger Dorfpastor unter das Patronat dieses Dörfflin? Gregor, Du warst nie unüberlegt, aber dies ist unermeßlich überstürzt. War es Dir so schnell um eine andere Stelle zu tun?«

»Ja!« sagte er.

Eine bange, schwere Pause trat ein, sie sah ihn an und erschauerte.

Du, mein Sohn – dachte sie – jetzt habe ich an Dir gerissen, wie nur eine verzweifelte Mutter es vermag. Was hat es genützt? Tropfen hast Du in meinen leeren Becher fallen lassen: Da stehst Du und siehst an mir vorbei ins Leere. War es die Wahrheit, was Du sagtest? Oder ein Teil der Wahrheit – oder vielleicht nur ihr Schein?

Und muß ich mich hier vor Dir winden im irren Fragen, Forschen, Verzweifeln und hoffnungslos in Dein Gesicht sehen?

Bin ich dazu Mutter geworden?

* * *

Die Dinge nahmen ihren schleunigen Lauf. Pastor Baumann verabschiedete sich von seiner Gemeinde. »Es ist gut, Kinder, daß ich gehe. Einen zweiten Winter auf Eurem windigen Kirchhof überstände ich wohl nicht mehr. Und ich muß noch ein Weilchen leben bleiben mit meiner Pension und meinen Kindern aushelfen. Es ist ganz gut so. Ihr kriegt einen vornehmen, gelehrten Pfarrherrn. Nehmt Euch die Ehre nur recht zu Herzen und gebt ihm keinen Anlaß zum Tadeln. Die arme Hede Marusch wird wohl die Letzte gewesen sein, die ich unserem allbarmherzigen Vater in die Arme gelegt habe.«

Ihm zitterte die Stimme und das rauhstopplige Kinn nun aber doch, wenn er von Haus zu Haus ging und Abschied nahm. Ein paarmal sah er sich um und schüttelte den Kopf, wie einer, der nicht begreift. Durch diese niedrigen Türen soll der gehen?

»O nee, o nee –« sagten die Leute, »dat ward jawoll nu all verkiehrt!« Sie kamen sich vor wie verraten und verkauft. Mit tausend Tränen ward dem guten alten Pastor, der schon die bejahrten Leute bei ihnen eingesegnet hatte und jedes Leben ein- und ausgeleitet hatte, das Lebewohl gegeben.

Nun war das altvertraute Pfarrhaus unter den entblätterten Ahornen und Lindenbäumen leer. All der klapprige liebe alte Hausrat war auf ein paar Leiterwagen zum Dorf hinausgefahren. Herr v. Dörfflin schickte Maler, Tapezierer, Glaser, viel beflissene Hände, die sich Pastor Baumann in seiner langen Amtszeit auch wohl manch liebes Mal gewünscht hätte. Hier das Loch in der Diele, über das man immer stolperte, dort das schadhafte Dach, in das Regen und Schnee trieb, die abgerissenen Tapeten, die rauchenden Öfen, die schiefe Gartentüre, das zerbrochene Fensterglas im Schlafzimmer, alles ward gründlich repariert. Die verblichenen und abgetretenen Farben wurden erneuert, es roch bis auf die Straße hinaus nach Lack, Terpentin und vielen hoffnungsvollen Dingen. Bis in die tiefe Abenddunkelheit hinein ging das Klopfen, Hämmern und all das vielfältige Geräusch neu aufbauenden Lebens.

Dann kam das Fräulein vom Schloß, Fräulein Fritzchen, und ging durch alle Stuben, in Boden und Keller. Sie trug den kurzen Reitrock, ihr rundes Mützchen und ihre alte braune Jacke. Wie ein Feldherr ging sie von Raum zu Raum, übersah, was noch mangelte, gab knappe Befehle, und alles an ihr war Licht und Klang.

»Paß up!« sagte ein Maurer zum andern. Sie sahen ihr nach und blinzelten sich zu.

– – Nun aber war es schon November geworden, und der erste Schnee war gefallen. Es waren Gregors Möbel gekommen in einem großen geschlossenen Möbelwagen aus der Residenz. Die ganze Dorfbewohnerschaft hatte sie staunend umstanden. Dann war in der Kutsche die Baronin Zülchow vorgefahren, hatte auf die respektvollen Grüße nicht gedankt, nicht gelächelt, einen alten Diener hatte sie bei sich, dem sie in Eile angab, wie sie die Möbel gestellt wünschte, er schrieb beständig auf, während sie sprach. Dazwischen hatte sie sich stumm, mit verbissener Lippe in den Räumen umgesehen. Dann war sie wieder gefahren, und die Aufstellung hatte begonnen. Es war auch ein Dienstmädchen eingetroffen, eine ältere, tüchtige Person, Frau v. Zülchows bestes »Stück.« Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie ihrem Sohn einen ganzen Stab von Dienerschaft mitgegeben, aber es ging nicht nach ihr.

Am Ende November, als der Abend fiel, kam der neue Pfarrherr im offenen Wägelchen. Sein eigenes ehemaliges Reitpferd war davorgespannt. Die wenigen Leute, die dies beobachteten (denn der dichte Schnee machte das Geräusch der Räder fast unhörbar), dachten, er würde das Gespann behalten, es war Stallung genug da von einer, früher mit der Pfarre verbundenen Ackerwirtschaft her. Aber der Wagen kehrte gleich um und fuhr wieder zurück.

Gregor stand auf der Schwelle der Gartentür, und mit einem langen Blick umfaßte er das graugelbe Häuschen, den kahlen Garten, in dem eine Schneedecke lag, die schweren Wolkenschichten, die sich darüber türmten. Alle Fenster waren dunkel, kalt und unwirtlich sah ihn seine neue Heimat an. Nur hinter der einen Scheibe zur rechten Hand glühte es, wie ein kleiner Feuerschein im Innern.

Er stand lange still, obwohl ihn fröstelte. Dann schüttelte er die Schultern, als schüttle er etwas ab, und trat ins Haus.

Dunkel und kalt. Er hatte es ja nicht anders gewollt, nicht einmal dem Dienstmädchen seine Ankunft gemeldet. Nicht mit Pomp sollte dies neue Leben wieder anfangen, davon war viel und zuviel dagewesen.

»Hier rechts die Amtsstube, sie wird erwärmt sein.« Er klinkte die Tür auf. Im Ofen bullerte wirklich das Feuer, das Eisentürchen stand auf, eine junge Gestalt im runden Mützchen kniete davor und stocherte in den Flammen.

»Justine, nun brennt's«, sagte sie. »In einer halben Stunde schrauben Sie zu, dann wird es hier warm.«

»Ich danke Ihnen, Fräulein v. Dörfflin«, sagte der Pfarrer.

Sie fuhr herum. »Sie sind's? Ja, wie kommt denn das? Heute schon? Und alles ist noch kalt!«

Sie war aufgesprungen. – Das ist nun doch ein Willkommen geworden! dachte er.

»Ich habe Sie auch gar nicht kommen hören«, sagte sie.

»Das macht der Schnee«, gab er zur Antwort.

»Ich begrüße Sie hier!« sagte sie mit einer schönen Feierlichkeit, und reichte ihm die Hand, die noch ganz heiß vom Ofenfeuer war.

»Danke, Fräulein v. Dörfflin.« Er fühlte, wie das stürmische Leben bis in die Fingerspitzen hinein in seiner kalten Hand glühte.

»Aber warum bemühen Sie sich um meinen Ofen?« fragte er in demselben herben Ton, den sie schon einmal von ihm gehört hatte.

»Weil es mir Freude macht«, sagte sie einfach.

Du freies Seelchen! dachte er staunend.

»Jetzt soll Justine mit der Lampe kommen und den Tisch decken!« rief sie voller Eifer. »Es ist noch nicht alles so, wie es müßte, aber es wird schon gehen. Ich freue mich so, daß ich heute schon auf den Gedanken kam, zu heizen, sonst wäre hier alles finster und eisig gewesen.«

»Ja, das hatte ich mir eigentlich so ausgesucht«, entgegnete er. »Aber es geht auch so!«

Sie konnte seine Züge nicht mehr erkennen, aber in seiner Stimme lachte es, das machte sie selig.

»Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Ich sage es im Vorbeigehen der Justine.«

Ihm schwebte es auf den Lippen, ihr zu sagen, ihm bei dem Abendessen Gesellschaft zu leisten. Sie war ja doch der freie Vogel hier im Schloß und Dorf – sie war keine Prinzessin mit einem Krönchen im Haar, das ja nicht verschoben werden durfte. Sie hatte ihm den Ofen geheizt und weder gezittert, noch sich geschämt, als er sie ertappte.

Solch ein frischklares junges Kind, das tat gut nach all den wirren schwülen Tagen.

Warum sollte sie nicht mit an seinem Tisch sitzen, dieses freie Herz?

Ja, der Vogel war wohl frei, aber der Jäger nicht.

Er ließ ihre Hand los. »Auf Wiedersehen und Dank.«

»Gute Nacht, Herr Pfarrer.«

Sie war schon in der Tür, da wandte sie sich noch einmal um. Ihr Gesicht war jetzt ganz unkenntlich in der Dunkelheit, aber ihre Stimme klang schwer.

»Es ist für Sie – kein leichter Tausch. Ich weiß nicht, wie es Ihnen sein wird. Sie müssen so viel vermissen, nicht nur im Hause, sondern auch in der Gemeinde. Unsere Bauern sind sehr dumm, und sie sind durch alle die Krankheiten auch sehr heruntergekommen. Und Sie waren immer so verwöhnt. Ich kann das ja nicht durchsehen, aber es ist gewiß viel Stärke nötig –«

»Ich bin ein Diener der Kirche!« sagte er mit starker Stimme und mit jener klingenden Kälte im Ton, die von jeher zu seinem Wesen gehörte. »Es existiert für mich nicht die Frage nach bequem oder unbequem, sondern ganz andere Gesichtspunkte kommen hier in Frage. Ich hatte Grund, diesen Weg zu wählen. Glauben Sie mir das.«

»Ja«, sagte sie still und fest. »Ich habe es immer geglaubt. Muß man denn immer wissen: Warum und wozu und woher und alles? Jeder hat doch seinen Weg für sich, den er im Grunde nur allein kennt. Das ist ja so langweilig und unnütz, wenn alle die anderen Leute daran herumzupfen und fragen und reden, was gar nicht dazu paßt.«

»So ist es, mein guter Kamerad!« rief er froh.

Er kam zu ihr, und sie, in ihrem inneren Jubel, hob die Arme auf zu ihm. Da nahm er erschüttert ihren heißen jungen Kopf in seine Hände und sah ihr in die Augen.

»Jetzt sind wir verbündet, mein Kamerad!« rief er voller Übermut.

»Ja!! Auf Tod und Leben!« – – – – –

Dann wandte sie sich um, die Tür klappte, ihre Schritte klangen auf der Steintreppe und verhallten im weichen stillen Schnee.

Nun hatte sie es doch vergessen, der Justine von Lampe und Abendbrot zu sagen.

Es war schon recht. Er blieb allein in der dunklen Stube mit dem Feuerschein, der auf die Diele fiel.

Das war ein Nachhausekommen! dachte er.

Eines Tages wird dieses herrliche Kind zu meinen Füßen sitzen, und ich werde ihr meine Prinzessinnen-Liebe erzählen, all den flirrenden, glitzernden Kram ihr zeigen, der die Augen blendet. Meine große Eitelkeit und des Fürstenkindes arme Menschlichkeit. Mein kleiner junger Kamerad, der soll das alles sehen und wissen. Er ist weiser als wir alle, weil er frei und kühn ist. Seine dumme kleine Mädchenliebe will ich nicht, ich habe genug von diesen Tränken. Aber ich will und liebe sein kluges Herz.

Er zog ein elektrisches Lämpchen aus der Tasche und beleuchtete den Raum, in dem er stand. Da war der Schreibtisch, Stühle mit Lederpolster, lichte Gardinen von schönem Fall. Vielleicht sah alles bei Tage hier unharmonischer aus bei den kleinen Fenstern, der nicht sehr hohen Decke und den niedrigen Türen. Hohe, leere Büchergestelle waren an der Wand, seine Bücher hatte er nicht auspacken lassen. Ein breites Sofa, ein moderner Eichentisch mit glatten Linien und allerhand Beiwerk füllte den Raum.

Alles sprach eine Sprache. Wie laut sie tönte in der tiefen Stille, von rauschenden Tagen! Auf diesem Divan hatte das blasse Fürstenkind gesessen. »Gregor, ich kann nicht ohne Dich leben. Nimm mich mit und sei es ins ärmste Haus –«

Sein Mund verzog sich, noch immer hielt er das elektrische Lämpchen in die Höhe. Durchlaucht, es ist besser so. –

Du blasses Gebilde, verzärteltes Herz, unter dies Dach will ich Dein weißes Gesichtchen nicht haben. Hier will ich einen Strom von Sonne und Herbheit und Kraft und Kälte. Alles, was die Glieder wieder stark macht nach dem lauen Rosenwasser.

Kennst Du den Reiz der Askese, Durchlaucht Maria? Du nicht.

* * *

Die Dorfkirche war überfüllt, selbst in den Gängen standen die Leute. Auch Herr v. Dörfflin war ehrenhalber heute erschienen. Es war ihm ein bißchen komisch zu Mut, daß er der Patronatsherr sein sollte von dem ältesten Sohne seines Fritz. Es gelang ihm auch nicht so recht, die Würde, die ihm zukam, zu markieren. Er rückte nach rechts und links und machte beklommene Augen, als sei er in seinem vergitterten Herrenstuhl derjenige, der heute eine Probe abzulegen habe, und nicht der junge blonde Geistliche im Talar, mit der goldenen Brille vor den blauen Augen.

Zu Hause bei ihm, im Eßzimmer, hatte es einen kleinen Strauß gegeben. Gisela fand es nicht richtig, daß Fritzchen auch zur Kirche ginge. »Sonst ist immer nur höchstens einer in unserem Stuhl, und heute tritt die ganze Familie an. Das ist ja unerhört, das fällt ja rasend auf.«

Fritzchen sagte: »Aber Gisa, natürlich gehe ich zur Kirche. Wem von allen Menschen soll ich es verbergen, daß ich Gregor Zülchow lieber anhöre als den alten Baumann?«

»Aber so begreife doch!« schalt Gisa.

Frau v. Pohle half Fritzchen. Es sei doch ganz natürlich, daß bei einem Amtswechsel sich das allgemeine Interesse zeige. Herr v. Dörfflin half ihr auch. Wenn er schon gehen müßte, sollte Fritzchen auch, das war ihm gemütlicher.

So saß alles in gespannter Erwartung.

Wie hell und kalt und gebieterisch die junge Stimme durch den Raum schallte! Die Leute sahen sich an und schüttelten leise die Köpfe. Nein, das war nichts, ihr alter Pastor war's nicht. Herr v. Dörfflin rutschte von neuem hin und her, ihm kam vor, als sei jedes Wort der Liturgie und der Vorlesung mahnend und tadelnd an ihn gerichtet und er sei dazu ausersehen, heute eine Moralische zu kriegen.

Es war am 23. Sonntag nach Trinitatis.

– – – »die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu schanden wird, derer, die irdisch gesinnt sind. Unser Wandel aber ist im Himmel –«

Er stand auf der Kanzel. Über ihm und zu seinen Seiten waren die pausbackigen, graugewordenen Engel- und Apostelfratzen, die ein längstvergangenes Jahrhundert hier geschaffen hatte. An den Fenstern trieb ein wirres Schneegestöber. Es war kalt, und der Dampf flog vom Munde.

Er stand da oben, mit seiner goldenen Brille, mit seinem schmalen Gesicht, kein Helfer und Tröster und liebevoll strenger Vater seiner armen Gemeinde auf den harten Bänken da unten und in den steinkalten Gängen.

Er mochte wohl ein Führer sein, denn er wußte den Weg, aber er sah sich nicht um nach denen, die ihm folgten. Ob sie mitkonnten, ob sie stolperten, ob sie hilfsbedürftige Hände ausstreckten, was ging es ihn an. Er war von herrlicher Gestalt und herrlichem Wort, aber die unbeholfenen Seelen fürchteten sich vor ihm und krochen in sich zusammen.

Es war keine Strafrede, die heute von der Kanzel kam, wenigstens keine, wie der alte Pastor sie hielt und wie sie den Leuten lieb und nützlich war. Es seufzten keine Klagen über ihre Verderbtheit, es fielen keine groben Vergleiche und plumpen Beschuldigungen. Alles war messerscharf, voll wissenschaftlicher Klarheit, leuchtend und doch kalt, wie ein beängstigendes Spiel mit blanken Schwertern.

Noch war es eine Predigt für den Hof und die Hofkreise, und einige halb mitleidige, hingeworfene Erklärungen, die er seinen Auseinandersetzungen anhing, um sie den Köpfen da unten verständlich zu machen, änderten nicht viel.

Da empfand Fritzchen zum ersten Mal als schmerzend den Eishauch, der von ihm ausging. Die Not ihres Völkchens, das da stand und harrte und nun glänzende Steine statt einfachen, kräftigen Brots empfing, ging ihr zu Herzen.

Wie hatte sie sich oft über den alten Baumann empört mit seinen Himmelreichsversprechungen als Antwort auf die irdische Mühsal und mit seinen Keulenschlägen! Hier war nichts von dem, sondern eine Fülle von Geist und Studium spielend heruntergeworfen. Eine verblüffend glänzende Form für den alten, ihr längst unscheinbar gewordenen Inhalt.

Es ging dem Mädchen wunderlich. Was hätte sie sich Schöneres wünschen können? Ihre ganze kindischtolle Rebellion konnte hier ihre Antwort finden. Alte, auswendig gelernte Worte erschienen plötzlich in neuer Beleuchtung, wurden lebendig, traten dem Herzen greifbar nahe. Ach – so ist es gemeint? Ein Ahnen von dem ewig Gültigen in der alten Form, die von trotzigen Händen als abgegriffen fortgeschoben ist, durchschauerte die junge lebensfremde Seele.

Aber all das flog nur vorüber, vom Bewußtsein kaum aufgenommen, wie die Flocken des Schneegestöbers draußen vor dem Fenster. Wirklichkeit blieb das armselige Dorfvolk da unten, das ängstlich, leer und enttäuscht zu der Kanzel aufsah.

Was sollte das werden an den Krankenbetten, bei Geburt und Tod, bei all den tausendfältigen Nöten des Leibes und der Seele? Man mußte nur wissen, was hier in den entlegenen Dörfern der Pastor bedeutete.

Immer war des alten Mannes Sorgen und Mühen für seine Gemeinde als etwas Selbstverständliches hingenommen. Jetzt ging sein Geist durch die dichtgedrängte atemlose Kirche.

Wird der da mit der Brille, zu meinem Lisching kommen, wenn es Krämpfe hat? Wird er unserm Jochen den Kopf zurechtsetzen, wenn er Späne macht und nicht arbeiten will? Wird der uns oll Mudder trösten in ihrem Husten? Wird der bei unsern »Kinddöps« sitzen und lustige Toaste ausbringen?

Ich bin sein Kamerad und wir haben einen Bund gemacht! dachte Fritzchen. Der Gedanke durchglühte sie wie edler Wein, sie gab ihn weiter als ein stummes Versprechen an die Menge unten.

Ihr Herz hatte keine Furcht mehr vor dem fremden Manne.

* * *

An demselben Nachmittag kam er zu ihnen aufs Schloß. Er hatte noch über Land in zwei Filialkirchen zu predigen gehabt, ein Wagen vom Gut hatte ihn nach alter Überlieferung gefahren.

Er war das nicht gewöhnt, der Hofprediger, in Wetter und Wind, wirbelnden Schnee ums Gesicht zwei Stunden weit auf schlechten Landwegen zu fahren, um dann abermals in einer ungeheizten Kirche zu predigen. Ihn fror, und der Kopf schmerzte ihn. Außerdem saß ihm ein fades Gefühl in der Brust. Die Leute glaubten mit Unrecht, daß er zu hochmütig sei, um verständlich zu reden, er hatte sich Mühe gegeben, sich ihnen anzupassen, aber Ton und Äußeres für einen Landpfarrer war ihm nicht gegeben. Er sah die gespannten Gesichter enttäuscht und leer werden. Er wußte auch: Heute sind die Kirchen voll, bald werde ich vor leeren Bänken reden können.

Ich glaubte mit meinem Geschick schalten zu können, aber da stehe ich unversehens an meiner Grenze.

Der Schulz im nächsten Dorf, ein auf seine Bildung stolzer Herr, sah ihn mit unverhohlener und etwas frecher Neugier an. Es fielen ein paar zudringliche Worte, ob dem Herrn Pastor die Luft in der Residenz nicht zuträglich gewesen sei, man höre ja so oft von dumpfer Großstadtluft. Der Schulz im dritten Dorf und der Förster waren bäurischer, aber um so deutlicher. Sie fragten geradezu, wie der Herr Pastor solchen schlechten Tausch machen könne.

In vornehmen Kreisen war Gregor bekannt für die außerordentlich feine und kühle Art, in der er sich Zudringlichkeiten fern hielt. Bei diesen Landbären verfing das nicht. Denen mußte man klobig kommen, wenn sie verstehen sollten. In tiefer Verstimmung trat Gregor die Rückfahrt an.

– – – Es laufen die Gerüchte durchs Land wie mit Spinnenbeinen. Überall, wo er künftig hinkommen wird, sind sie schon längst vor ihm dagewesen. Im öden Weg, wo die Wolken über den grauen Himmel jagen und die Schneewehen über die Felder treiben, wo der Wind bis in die Knochen kältet und einförmig die kämpfenden Pferdeköpfe da vorne nicken, da horcht man auf die Stimmen, die raunen, schwatzen, lachen hinter Biertisch und Kaffeetassen.

»Gregor v. Zülchow hat wirklich die Hofpredigerstelle Hals über Kopf niedergelegt.« »Ja, oder vielmehr, er mußte sie niederlegen.« »Wie lange hat er sie denn gehabt?« »Sechs ganze Wochen.« »Nein, kaum fünf.« »Er soll der Allerhöchsten Entschließung zuvorgekommen sein.« »Die Prinzessin Maria soll ins Ausland geschickt sein, ist das wahr?« »Na, man konnte das ja voraussehen.« »Der Vater ist außer sich, eine wilde Szene mit dem Hofprediger hat stattgefunden.« »Ach, das ist Gerücht.« »Nicht mehr als alles andere. Jeder weiß, wie die Prinzessin ihn vergöttert hat.« »Dieser kühle Weltmann! Man sollte ihm mehr Takt oder wenigstens Vorsicht zutrauen.« »Ja, das ist leicht gesagt –«

»Haben Sie gehört, daß er jetzt in Hohen-Leucken Pastor ist?« »Ist denn Baumann pensioniert?« »Er muß doch wohl.« »Wie lächerlich! Warum gerade in Hohen-Leucken?« »Ja, das ist unbegreiflich!«

So durchschüttelt, durchfroren, nervös unter dem Gefühl eines verfehlten Entschlusses, kam Gregor in sein stilles Pfarrhaus. Justine hatte ihm gut und sorglich gekocht, aber er achtete es nicht. Wein aus dem Rummelshöfer Keller stand auf dem Tisch, der lockte ihn, aber in einer Art gewaltsamer Askese schob er ihn ungekostet fort.

Keine Hilfsmittel! Aus mir selbst mich zurechtfinden.

Am liebsten wäre er in der jetzigen Verfassung auch nicht aufs Schloß gegangen. Er wollte seinen jungen Kameraden heute nicht, gerade darum nicht, weil er in seiner verquälten, hilflosen Stimmung sich nach ihm und seinem klaren Gesicht sehnte. Er hätte gern mit seiner Schwäche verächtlich gespielt und sie niedergetreten wie das Verlangen nach dem Wein. Aber er hatte mit Herrn v. Dörfflin besprochen, daß er heute kommen werde, und nun drehte sich die Geschichte herum, und ein nachträgliches Absagen wäre erst recht Schwäche gewesen.

– Im Wohnzimmer des Herrenhauses. Gisela hat das Wort. Herr Gott, wie sie zu plaudern versteht. Das ist ein Ton aus verklungenen Welten für den verschlagenen Landpfarrer. Man geht wie auf Fittigen über das Kraut- und Rübenfeld dieser Erde. Man streift überall so ein weniges an die Spitzen und Kronen. Man sagt alles und hat doch nichts gesagt. Man regt an und auf, sprüht, gaukelt und berührt doch kein Ding so nah, daß es stechen könnte.

Famos. Man merkt jetzt erst, wie einem diese Art Unterhaltung gefehlt hat. Ist denn das schon so lange her, daß man sie entbehrte? Jawohl, man ist ja eben zehn Jahre über den wüsten Schneeweg gefahren.

Er war schon so nervös empfindlich geworden, daß er bestimmt erwartete, wieder gestochen und verletzt zu werden. Da fuhr Giselas leichte Unterhaltung wie ein lauer kosender Wind über seine wunde Haut. Er war drin im Ton, ohne es zu merken.

Frau v. Pohle schloß sich an. Sie wußte, wie man in Gesellschaft spricht, und erwartete zudem nichts anderes von dem Manne, den sie als Modeprediger empfand und dessen Kommen aufs Dorf sie entweder für eine spielerische Laune oder für irgend einen Verlegenheitscoup nahm. Sie hatte keine große Sympathie für ihn und bestärkte ihn absichtlich in dem leichten Ton, um Fritzchens willen.

Verdirb Dir nicht länger Deine hellen jungen Augen an diesem Trugbild der Herrlichkeit! dachte sie bei sich im Herzen.

Herr v. Dörfflin spielte eine Null. Das war nicht gut für ihn, noch für seinen Gutspfarrer. Diese Einführung war die allerschlechteste: Mit der Weltdame des Hauses im Gesellschaftston verkehren und rechts und links jede tiefere, kräftigere Saite unangeschlagen zu lassen.

Fritzchen aber saß in der tiefen Fensterecke, sprach gar nicht mit, sondern sah nach ihren Freunden, den Wolken.

Es hatte aufgehört zu schneien. Eine dunstige gelbgraue Schicht umschloß den Horizont. Darüber zogen wie ungeordnete Scharen, die sich eine neue Heimat suchten, zerrissene und geballte, dünne und massige Wolkengebilde.

Seine Stimme klang im Raum, aber so, wie sie klang, hatte sie keine Macht über dies unabhängige Herz. Es ging davon, zu den Wolken hinauf. Nicht betrübt, nicht im Groll, aber in einer Träumerei, die vielleicht die schlechteste Huldigung war, die jemals dem Freiherrn und Pfarrer Gregor v. Zülchow dargebracht war.

Ein paarmal sah er zu ihr hin. Welch ein Kind sie doch noch war, sich abseits zu setzen und aus dem Fenster zu gucken. Er lächelte. Er dachte an den Wein, den er fortgeschoben hatte –

Gisela sprach von seiner Predigt. Sie hatte gut aufgemerkt und spielte mit religiösen Schlagworten wie mit einer ganz besonders graziösen, gesellschaftlichen Attraktion. Diese Handhabung war er gewöhnt. Ganz wie etwas Selbstverständliches sprach sie es aus, daß er sich in die ländliche Stille zurückgezogen habe, um ungestört für seine Professur zu arbeiten.

»Ich bewundere Ihren Scharfblick!« sagte er ernst mit einer Verbeugung.

In Wahrheit war ihm diese Lösung nicht fremd, er hatte sie schon vor diesem Sonntag erwogen, und die heutige Erkenntnis, wie schlecht er für das Predigtamt tauge, wenn er es nicht als glänzende Draperie für seine Person gebrauchte, hatte ihm den Gedanken befestigt, diese neue und aussichtsreiche Laufbahn einer Art Sühne vorzuziehen, die ihm in ihrer herben und erlösenden Asketenhaftigkeit heute doch schon phantastisch vorkam.

Es ist ein anderes Ding, nach ein paar rauschvollen Monaten, in denen man sein heiliges Amt in Eitelkeit und Genußsucht entweihte, sich von der Welt abzukehren und mit einem strengen Leben, das ohne Lohn nur dem Dienst geweiht ist, die innere Ehre vor sich selber herzustellen – oder: an einem falschen Platz mit ungenügender Kraft und verzagendem Willen eine aussichtslose Arbeit zu tun.

Gregor v. Zülchow – der Sohn eines alten Herrenhauses unter alten, rauschenden Bäumen am stillen See, der Sohn eines strengen, kräftigen Vaters und einer feinen, phantastischen Mutter, Gregor, der Schüler der Gottesweisheit, jung eingeführt in das Ringen, Sehnen und Suchen der Kreatur, berufen, ein Führer zu sein aus dem sichtbaren, greifbaren Tagesleben heraus – der konnte wohl eine Entsühnung finden, die feurig, phantastisch und töricht war, und die der fade, eisige, nüchterne Mensch in ihm verneinen mußte, sobald es ging.

Darum hatte Gisela, das Weltkind, recht.

Aber es hatte doch noch jemand anders recht!

Ein Wort hatte Fritzchen geweckt. Sie kam mit einem jähen Ruck in die Gegenwart, in das Zimmer, in dem die anderen saßen, zurück. Sie wandte sich herum.

»Sie wollen hier nur für die Professur arbeiten?« rief sie.

»Ich kann heute noch keine Auskunft darüber geben«, sagte er kühl ablehnend.

Da sprang sie auf, so daß die anderen erschraken. »Es ist nicht möglich, daß Sie Ihr Amt hier nur als Übergang auffassen!« Sie stand schon vor ihm, die beiden geballten Hände vor der Brust zusammengedrückt. Ihr ganzer Anblick war eine stürmische Bitte: Laß es nicht möglich sein!

»Aber Fritzchen!« rief Gisela.

»Na nu, Fritz!« sagte Herr v. Dörfflin.

Frau v. Pohle dachte: Wieviel verlorene Liebesmüh'!

Gregors Lächeln war verflogen, er sah voll Ernst und Überraschung in das ungestüme, ehrliche Gesicht. Wie seltsam dieser volle, starke Ton in das halbe Gezwitscher klang, das bisher den Raum gefüllt hatte!

»Übergang ist alles, auch unser bestes«, sagte er, halb unbewußt die Worte formend und doch mit einem tiefen Interesse und einer Gier auf ihre Erwiderung.

Ihre Augen wurden ungeduldig. »Wir wissen es dann aber nicht, während wir drin sind«, sagte sie zu ihm.

»Du verstehst einfach nichts davon, Frida!« sagte Gisela mißächtlich. »Wie kannst Du abmessen, was für Herrn Baron v. Zülchow die entsprechende Laufbahn ist!«

»Ich weiß aber, daß man sein Wort halten muß!« rief Fritzchen flammend. »Und das haben Sie den Leuten hier im Dorf gegeben. Alle warten auf Sie, Sie haben es getan!«

Er stand auf. Was war es, das ihn anrief? Sein eignes stärkeres, edleres, freieres Herz! Halte auch Dir Dein Wort! Laß Dir genügen an der armen, herben, unberühmten Arbeit. In dem Kind ruft Gott Dich an.

Unter dem Durcheinander von Stimmen, das sich jetzt erhob, da Gisela und auch der Gutsherr und auch Frau v. Pohle alle etwas eilig und heftig zu sagen hatten, auf das er nicht hörte und das er nicht verstand, sah er dem jungen Geist in die Augen, mit dem er jählings eine Verwandtschaft entdeckt hatte, von der er bisher nichts wußte.

»Es ist vielleicht nicht alles so, wie Sie denken«, sagte er zu ihr. »Sie schlagen wohl manchmal das Fenster ein, wo Sie zur Tür hineingehen könnten –«

Ihm war, als müsse er sich wehren gegen diese Überfülle von Leben und Forderung, die hier auf ihn einstürmte.

– Es geht ein Wanderer am Meeresstrande, da kommt der wilde Seewind und fährt ihm in den Mantel, und der Wanderer wehrt sich verdrießlich und wickelt den Mantel fester.

Es ist aber noch ein Stück Jungenstollheit in ihm, das hat plötzlich, er weiß nicht wie, einen Bund mit dem Seewind gemacht. Das möchte am liebsten den dummen, lästigen Mantel von sich werfen und mit dem Winde um die Wette jagen und tollen. Aber schau: der Mantel ist wertvoll und sehr notwendig!

Gregor v. Zülchow machte ein kühles Gesicht. Mein Seewind, ich habe doch wohl keine Zeit für Dich.

Er nahm Abschied. Da, wie er schon draußen war, ohne Besinnen, ohne Fragen, ohne ein Tuch umzubinden, jagte das Fritzchen hinter ihm drein.

»Aber Frida, wohin willst Du? Bleib' hier!« schrie Gisela außer sich.

»So laß sie doch!« sagte Herr v. Dörfflin barsch, obwohl er nicht wußte, was sie vorhatte und ob es etwas taugte, was sie vorhatte.

Am Ende ist Herr v. Dörfflin, der arme alte Junker, doch der einzige auf der Welt, der den richtigen Instinkt in dieser Sache hat. »Laß sie doch«, das ist heute noch das beste für solch windwildes Herz. Laß sie nur, sie muß doch ihre eignen Wege laufen. Sie an Rockzipfeln festhalten, ist verlorene Mühe. Laß sie hineinlaufen in ihr Glück und ihr Unheil, in ihr Feuer und Wasser, in all ihr eigenstes, lebendigstes Leben!

Der Wind pfiff um die Hausecke und Vaters zwei große Jagdhunde fuhren mit wildem Freudengeheul auf sie ein, daß sie sie beinahe umwarfen. Gregor blieb erstarrt stehen.

Wollte es ihn doch nicht loslassen?

»Sie haben gesagt, ich wäre Ihr Kamerad!« sagte Fritzchen trotzig. Sie hatte die Hand auf den Kopf der braunen Leda gelegt, der Wind riß an ihrem Kleid und ihrem Haar, aber sie merkte es nicht, sie war mit dem Winde aufgewachsen wie mit den Hunden.

Ja – solche Kameradschaft, ist sie wirklich für Gregor v. Zülchow, den Weltmann und Professor?

Durch die kahlen Bäume und durch das hallende Steintor fährt der Junker Wind, er fährt dem Wanderer in sein Kleid. Vielleicht ist diesmal doch der Mann noch kostbarer als der Mantel? –

»Du wildes Leben – schöner Sturmvogel!« sagte Gregor laut.

Das war der Wind, der ihm die Worte gab, das war der Wind, der sie weitertrug. Im verschneiten Herrenhof von Hohen-Leucken stand der junge Pfarrer mit dem schmalen, kühnen Gesicht, und die Augen waren heiß geworden hinter der goldenen Brille.

»Ja, wir wollen leben! Sehr, sehr viel leben!« sagte Fritzchen. Es war keine Furcht an ihr, sie stand noch immer mit der Hand auf dem Kopf des Hundes. Aber sie schien plötzlich wie gewachsen, ihr Blick weiter, die Stirn edler, der Mund stolzer.

Sie näherte sich ihm nicht, und doch hatte dieser Mann noch nie ein herrlicheres Bild der Selbstübergabe gesehen. Es war so herrlich, daß er für einen Moment die Augen senkte wie vor einem allzu hellen Licht.

Dann gingen sie stumm auseinander. Der seltsame Bund war geschlossen.

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