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Fritzchen

Sechstes Kapitel.

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Gregor v. Zülchow trat aus Fritzchens Märchenbüchern heraus und stand in Fleisch und Blut vor ihr da.

In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer Sagengestalt verschollen war, in der Blüte seiner jungen Herrlichkeit wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Märchen und Träume wie Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr.

Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v. Pohle im Hause war, hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verändert. Selbst die Freifrau v. Zülchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand es jetzt ganz natürlich, mit den Dörfflins zu verkehren, und sie selber betrat dieses Haus, das sie einst so tief mißachtet hatte, mit ihrem Sohn Hans Henning, dem jungen Offizier.

Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu geblieben, nur daß es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht sehr viel. Er war ein offener, liebenswürdiger und starker Junge, mit der Einseitigkeit und dem Idealismus eines kräftig empfindenden, wenig philosophisch angelegten Gemüts. Er liebte mit großer Hingabe und stürmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und Verhältnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den Rummelshof und über alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe war von der Art, daß sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal lästig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es war vorgekommen, daß er einem Jungen, der das theologische Studium seines Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, Ängste und Kosten davon. Seine Lehrer klagten häufig über ihn, er war faul, wild und händelsüchtig.

Die Baronin Zülchow liebte solche Berührungen mit der Außenwelt nicht. Sie bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Daß er im Grunde der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht recht versöhnen. Ihr wäre es angenehmer gewesen, er hätte ihr seine Liebe in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne über seine Untaten leuchten zu lassen.

Für Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schönstes Märchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier.

Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof.

Es war eine große Gesellschaft dort. Zwischen den Bäumen des Gartens waren Drähte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft war verstärkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ältesten Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie eine Königsmutter aus.

Alles war zu Ehren ihres ältesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingeführt war und heute zu seinem ersten Besuch seit Jahresfrist kam.

Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein Erstaunen: Ach – so sieht er aus? Das ist er?

Es ist wie eine leise Enttäuschung, oder wie eine Erlösung, ein Abfinden zwischen »war« und »ist«, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt, zuckt, das Neue schlägt. Aber das Neue ist doch mächtiger. Es hat Klang und Farbe und Raum. Du stutzest, du läßt die alten Fäden fahren und schaust nur und schaust – und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt jählings mit einem Wirbel wieder ein. –

»Gnädiges Fräulein –«

Das war der junge Pfarrer, Gregor v. Zülchow, der im Gesellschaftsrock in einem der Rummelshöfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. »Ich habe schon die Ehre der Bekanntschaft aus früheren Jahren.«

»Ja gewiß –«, stammelte Fritzchen.

Sie schämte sich plötzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, kühlen, wildfremden Herrn hatte sie Märchen ohne Ende gedichtet und noch dazu aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer!

Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weißes Kleid mit Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden, aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Röschen aus dem Garten zu Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese eingefangen und mit hergebracht.

Sie sah und hörte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie ansprach, mußte sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer süßen Verträumtheit, der ihr ganzes Wesen dämpfte und reizvoll verschleierte.

Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzen Theologenrock und einen hohen weißen Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein kühnes, schmales, bartloses Gesicht von niederländischem oder englischem Typus, und vor den düster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille.

Nachdem der erste Wirbel vorüber war, fühlte Fritzchen sich unter all den Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte, lachte, und wußte schon in nächster Minute nicht mehr, was sie gesagt hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines fröhlichen kleinen Vogels, der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nähe zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glück, indem sie mit Hans Henning oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief, Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das bloße Gefühl, daß er ja da war, daß sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie nur wollte, sehen konnte, das krönte alles mit überirdischem Glanz.

Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen wurde, das erschien Fritzchen als die natürlichste Sache von der Welt.

Beim Abendessen wurden pompöse Toaste ausgebracht, alle auf den jungen Pfarrer. Es war im Grunde eine ziemlich alberne Lobhudelei, die man teils der Mutter, teils seiner allerdings stark verheißungsvollen Karriere wegen in Szene setzte. Fritzchen hätte zu jedem Toast jauchzen mögen, nur war ihr es immer noch nicht genug. Der Umschmeichelte dagegen sah unter seiner tadellosen Maske der Höflichkeit ein wenig gelangweilt und leicht angewidert aus. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das nicht jeder vierundzwanzigjährige Junge hat.

Nach dem Essen wurde das Feuerwerk abgebrannt. Das war für die junge Welt ein großes Entzücken. Aber Gregor gehörte nicht zu der jungen Welt, er stand und saß bei den Alten auf der Terrasse oder in den Zimmern. Hans Henning sollte das Abbrennen besorgen, und Fritzchen, die für allen Firlefanz des Lebens sehr veranlagt war, bewies sich als unentbehrlichste Hilfskraft. Was hatte sie auch vom Zuschauen? Selber das Feuer wecken, die Spiel-, Sprüh- und Lärmgeister des Feuers wecken, daß sie hoch in den stillen Nachthimmel auffliegen, prasselnd niederstürzen, ihm, dem Herrn des Tages zur Ehre!

Sie verbrannte sich ein paarmal die Fingerspitzen; was tat das? Bebend, mit glühenden Wangen sah sie ihren Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Garben nach. »Heil Gregor!« rief ihr Herz. O, hätte sie es nur laut rufen dürfen.

»Seht die beiden Feuergeister!« wurde gerufen. Damit meinte man Hans Henning und Fritzchen. Sie sehen auch wohl geisterhaft genug aus. Hans, der selige Narr, strahlte. »Hören Sie das, Fräulein Fritz?«

Es stieg viel Torheit, Unsinn und Gaukelei mit diesen Leuchtkugeln und Raketen auf. Man könnte sich wohl ebenso gut an eine Feuergarbe hängen, um mit ihr in die Luft zu gehen, als sich von seiner Liebe und ihren Verheißungen betören zu lassen. Aber die Beiden wollten nicht hören, was ihr feuriges Spielzeug sie lehren möchte.

Aus, vorbei. Der letzte Effektknall verhallt, dunkle Nacht. Lachend und tappend suchen die Gäste in den Steigen des großen Gartens sich den Weg, um ins Haus zu kommen, oder auch nicht ins Haus zu kommen. Die Feuergeister haben manch tollen Spuk geweckt. Herr Gregor, der junge Pfarrer, ist nun doch nicht nur für alle der Mittelpunkt und der Zweck dieses Festes.

»Fräulein Fritz«, sagte Hans Henning. »Ich glaube gar, Sie haben sich die Finger verbrannt.«

»Ja, das habe ich!« sagte sie mit der Verzückung eines Märtyrers.

»Ach! Tut es Ihnen weh?«

»Ja, fürchterlich!«

Er geriet gebührendermaßen außer sich. »Wir müssen sofort Öl anwenden!« rief er.

»Nehmen Sie bitte meinen Arm, Fräulein Fritzchen. Sie stolpern sonst über die eingeschlagenen Pflöcke. Ach, wie war ich ungeschickt, das zuzulassen!«

Sie ließ ihn jammern, und überlegte dabei, wie es anzustellen wäre, daß Gregor ihre Verletzung sähe. Ihr Mut war jetzt so ungeheuer geschwellt, daß sie seine Ansprache, sein Staunen, sein Bemitleiden gut hätte ertragen können, ohne umzufallen. Ja, sie wünschte sich nichts heißer als das.

Aber als sie auf die erhellte Terrasse kamen, fing ihr Herz doch wieder an zu klopfen. Da stand er, und gerade in der Glastür, durch die sie gehen mußte!

»Fräulein v. Dörfflin hat sich beim Feuerwerk verbrannt«, sagte Hans in aufgeregtem Ton zu ihm.

»Verbrannt«, rief Gregor. »Hans, wie konntest Du das zulassen? Darf ich einmal sehen, gnädiges Fräulein? Da muß aber gleich für Hilfe gesorgt werden.«

Fritzchen reichte ihm mit einem entzückten Lachen ihre Hände hin, die Brandstellen waren in der Tat sichtbar. Aber sie wünschte sich, daß ihre ganzen Hände verbrannt sein möchten, damit er doch auch etwas Rechtes zu sehen bekomme. Doch es war schon vorbei, ein paar Damen hatten sich sofort herangeschoben, sie wurde von mehreren Armen umschlungen, geküßt, getröstet, bedauert bis zur Unerträglichkeit. Selbst Hans Henning hatten sie von ihr fortgedrängt, und in dieser Kohorte gelangte sie ins Schlafzimmer, Öl, Watte, Läppchen waren da, Frau v. Zülchow, die Königin-Mutter, rauschte auch herein und verband sie sorglich mit eigener Hand.

Solche Anstellerei um das bißchen Verbrennen! dachte Fritzchen entsetzt.

Ja, aber wer hatte sich denn angestellt da draußen im Garten und als man die Terrasse heraufkam?

Na, es ist auch so ganz gut. Nun hat man zwei verbundene Hände, das sieht entsetzlich großartig aus und muß unendliches Mitleid wecken!

Förmlich strahlend vor Prahlerei betrat das blessierte Fritzchen wieder den hellen Bannkreis der Gesellschaft. Gregor kam zu ihr, bedauerte sie, daß sie um seinetwillen leide, faßte ihre Hand und berührte mit den Lippen die freie Stelle oberhalb der Verbandlappen. Da wurde das Glücksgefühl so übermächtig in ihr, daß sie am liebsten die Arme ausgebreitet hätte und ihm um den Hals geflogen wäre.

* * *

Eine lange Rückfahrt im stockdunklen Wagen durch die graue Sommernacht, die eintönig auf den weiten Feldern lag, nur am Rande in dämmernden Strahlen umspielte das Sonnenlicht, das um diese Jahreszeit nie ganz verlischt, den Horizont.

Man hatte die große Kutsche genommen, weil Gisela bei der Fahrt durch den Wind Haar und Toilette geschont haben wollte. Nun sah man nur durch die Glasfenster die grauen Felder vorübergleiten. Fritzchen saß auf dem Rücksitz; sie hätte ihren heißen Kopf gerne draußen in der kühlen Nachtluft gebadet, aber auch daß sie dies nicht konnte, bedrückte sie heute nicht. Sie nahm den Hut ab, lehnte den Kopf in die Ecke, und so zurückgezogen ins Dunkel, hörte sie, was Frau v. Pohle und Gisa miteinander sprachen.

Frau v. Pohle sagte: »Welch ein eigentümlicher frühreifer Mensch dieser älteste Sohn ist!«

Gisela fragte, ob er ihr gefiele. In der Betonung der Frage lag schon die Annahme, daß jeder unbedingt Ja sagen müsse. Aber Frau v. Pohle zögerte.

»Gefallen? Liebe Gisela, ich möchte das kaum sagen. Es ist mir zu wenig Einfachheit und Lebensfrische an diesem jungen Menschen. Er kommt mir vor, wie ein künstliches, wunderschönes Gebäude aus Eis, das aber nur in einer Eisatmosphäre existieren kann. Vor der Sonne müßte er schmelzen.«

Fritzchen fuhr auf, doch Gisela nahm ihr schon das Wort aus dem Munde.

»Aber Frau v. Pohle! Er hat doch so viel Sonne um sich. Seine Mutter, seine Freunde –«

»Nein, mein Kind, das ist nichts, das durchdringt seine Atmosphäre nicht. Es ist eine seltsame Tragik um diesen jungen Pfarrer, aber freilich fühlt er sie selber wohl am wenigsten.«

»Tragik?« sagte Gisela lächelnd. Sie fühlte sich manchmal bewogen, über Frau v. Pohle zu lächeln. »Die wäre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie gehört, daß die Möglichkeit vorliegt, daß er nächstens Hofprediger wird?«

»Hofprediger?«

»Ja, man sagte allgemein so. Das heißt, man flüsterte es sich zu. Die jüngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe für ihn haben, und sie vermag alles über ihren Vater. Sie hat Gregor Zülchow einige Male predigen gehört und ihn auch zu sich befohlen. Sie soll ihm große Avancen machen, man spricht in der ganzen Residenz davon.«

»Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie überall«, sagte die alte Dame leise mahnend. »Doch kann es ja so sein. Der Weg, den Herr v. Zülchow geht, wird sicherlich nicht der gewöhnliche aller Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn »interessant« machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um einen Menschen, der sich also vermißt, mit dem Leben und seinen Gestalten zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde läßt das Leben doch nicht mit sich spielen!«

Fritzchens Gesicht glühte. Hatte sie es nicht gewußt? Prinzessinnen kamen und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute gingen. Frau v. Pohles sonstige Randglossen hörte sie nicht. In ihren Ohren klang es wie süße, rauschende Musik.

»Der liebste aus diesem Rummelshöfer Hause ist mir der junge Leutnant«, sagte Frau v. Pohle. »Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts oder links, vor- oder rückwärts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als frischer, unbekümmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Guß!«

»Ach – Hans Henning«, sagte Gisela wegwerfend, in dem üblichen Ton, in dem man gewöhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten des Hauses und den Reitknechten im Stall.

Frau v. Pohle lachte. »Das ist eine Geschichte zum Händeringen«, rief sie aus. »Wißt Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die Nachbarschaft seines glänzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja – Gregor! heißt es, und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich möchte Euch hier wohl mal ein bißchen eine Predigt halten über Menschen und Menschenwert. Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, würdevoll, eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans. Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu machen. Was dieser künftige Hofprediger damit anfangen wird – ach ja, da wird das Zuschauen kein großes Vergnügen sein. Er wird sich daran vorbeidrücken, denke ich.«

»So denken Sie?« rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie zerknitterte ihren Hut, daß das arme Stroh laut krachte und knirschte. »Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas vorbeidrücken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch Junge war. Er ist der bedeutendste und größte Mensch auf Erden! Ich lasse kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!«

Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hören, daß sie hier stand, bereit zu leben und zu sterben für ihn.

Sie hatte auch bei ihrem letzten Ruf aufrecht gestanden in der Kutsche, aber das Rad fuhr über einen Stein, da fiel sie unrühmlich auf ihren Sitz. Das machte nichts aus. Sie gab noch einen flammenden Satz dazu:

»Ich verlache jede Beschuldigung über ihn!«

»Aber Fritzchen! Wie ungezogen!« rief Gisela entsetzt. »Wie kannst Du so zu Frau v. Pohle sprechen! Da sehen Sie wieder, wie sie ist!«

»Lassen Sie doch, Kind«, sprach Frau v. Pohle. »Liebes Fritzchen, ich habe nicht gedacht, Ihr Herz zu kränken. Um Gott, Kind, nein. Sehen Sie einer alten Frau solche Gedankenspielerei nach. Das Leben wird ja erst beweisen, was richtig und was barer Unsinn an meinem Geschwätz war.«

»Aber wie kannst Du Deine Neigung so ausschreien!« rief Gisela, noch immer aufgeregt vor Entrüstung. »Das tut man doch nicht. Du blamierst Dich ja grenzenlos, Frida!«

»Was kümmert's mich!« entgegnete Fritzchen trotzig.

Frau v. Pohle dachte: Jawohl – Dich, starkes, junges Herz, kümmert's in der Tat nicht, ob Du Dich blamierst. Das ist das zweifelhafte Vorrecht derer, die Dich tadeln. Glückauf, Du freie Menschenseele!

Aber sie sagte das nicht. Für alle ihre Predigten war ihre Zuhörerschaft in der dunklen Kutsche doch noch nicht reif genug.

Behalte Du nur Deinen Gregor! dachte sie ohne Sorge, solange wie Dein Herz dieses Bild tragen mag, Du schönes, wildes Kind. Ich traue: eines Tages siehst Du Dich verwundert um, wo es geblieben ist.

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