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Fritzchen

Sechzehntes Kapitel.

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Es ging mehr als ein Jahr herum.

Auch in der eisigklaren Region des Weltüberwinders, der in sich das Herz erfrieren ließ, um der Schmerzen spotten zu können, gab es noch Stufen der Entwicklung und Klärung.

Wohl ist die Askese stark wie süßer Wein, aber Rausch ist nicht Wirklichkeit, und nur die Wirklichkeit befreit.

Pfarrer Gregor hörte auf, sein Leben hier auf dem Dorfe als seinen Zweck und Abschluß anzusehen, wie man aufhört, Arznei zu trinken, wenn die Gesundheit kommt.

Er war ein ungenügender Dorfprediger, das Volk verhungerte bei seiner nutzlosen Mühe. Sein Weg im Leben lag wo anders, da wo er seine Gaben und Kräfte in Wahrheit nutzbar machen konnte. Er arbeitete an einem Werk, das ihm die Professur einbringen würde, wie er, gestützt durch seine Verbindungen, ziemlich sicher annehmen konnte.

Es war ein kühles, frisches Arbeiten. Er war erlöst von der Zwiespältigkeit in sich, von der Welt der Leidenschaften, von Liebe und Haß. Er stand, abgelöst von der Welt, wie ein hoher Berg mit Schnee auf dem Gipfel. So hatte er seines Wesens Art gefunden.

Da kam ein leuchtender Septembertag. Gregor hatte fast die ganze Nacht gearbeitet, bis zum Morgen ein halb Fünf, als es schon hell zu werden begann. Da war sein Werk fertig und vollendet!

Er hatte sich niedergelegt und zwei Stunden fest und tief geschlafen.

Er erwachte. Die Sonne schien ihm bis auf das Bett, ein hohes Glücksgefühl war in ihm. Er kleidete sich an und ging hinaus.

Weit und klar dehnte sich der Horizont. Es war eine Frische über dem Lande, die wie lauter Lebensodem in die Lungen drang. Er schritt durchs Dorf, er sah die Menschen nicht, die ihn grüßten.

Und wieder kam er über den Böllinger Kreuzweg, aber er wußte nichts mehr von Möt und von dem wildschönen Bilde, das einstmals hier an ihm vorbeigebraust war.

In der Morgensonne, von Tau übersät, blinkte das Moor. Dahinten lief der Fahrweg nach Rummelshof.

– Rummelshof, Hohen-Leucken, die Mutter, Hans, Prinzeß Maria und Fritzchen – es sind alles zerflossene Bilder. Sie mußten zerfließen, damit das klare reine Bild des abgelösten Lebens entstand.

Er ging lange umher, bewegt von seinem Siege, und doch schon zu frei, um noch stolz zu sein. Schon war das Errungene, das Gewordene: Das Selbstverständliche.

– – – Was war es an der Zeit? Vielleicht schon gegen Mittag, er hatte seine Uhr vergessen.

Da kam jemand über das Stoppelfeld daher, im Lauf. Wer läuft denn so? Vor Jahren hat es so einen gegeben. Jawohl, der ist nun wieder zurück: Hans Henning.

Er blieb stehen. Willst Du zu mir? Es ist jetzt nicht mehr viel zu holen, von Bruder zu Bruder. Es ist mittlerweile der Frost übers Land gegangen.

»Steh still! Steh still!« rief der von weitem. Nun ja, er stand ja schon lange still. »Laufe doch nicht so! Ich warte ja!«

Es stand ein alter Weidenbaum am Feldweg, der war von oben bis unten aufgeschlissen, und die Hütekinder spielten darin Verstecken zur Sommerszeit. Es war an diesem Weidenbaum, daß sich die Brüder trafen.

»So bist Du jetzt zurück, Hans?«

Hans Henning war rot im Gesicht wie gesotten und er mußte nach Atem ringen, da er still stand. Er war sehr verändert, mager und verbrannt. Das Haar war lang gewachsen, und um den Mund hatte er einen wunderlich wilden Zug. Gregor sah auf die linke Hand, die so seltsam niederhing. »Hans, was ist mit der?«

»Lahm geblieben von damals her. Rede nicht davon, ich habe andere Dinge vor.«

»Hans, wir wollen uns doch erst begrüßen.«

»Jawohl!« rief der andere überlaut in einem unheimlichen Ton. »Ich will Dich schon begrüßen, aber nicht mit Händedruck. Sage mir – wo hast Du Dein Weib?«

»Mein Weib?«

»Wo hast Du Dein Weib – – Schuft! Bin ich darum im Jammer in die Welt gerannt als lächerlicher elender Liebhaber, dessen Schatz schon einem andern gehörte, daß ich nun wiederkomme und finde sie als Dienstmagd wieder, in einem Loch von Stube – und der edle Herr, der sie geküßt hat – – Gregor, mit welchem Recht hast Du sie geküßt?«

Gregor trat einen Schritt zurück, seine Augen wurden nach dem ersten Aufleuchten wieder um einen Schein kälter. Was warf sich ihm hier von neuem in seinen Weg?

»Ich brauche auch keine Antwort!« rief der andere mit wildem Lachen. »Ich wollte Dich nur noch einmal wiedersehen – Dich Teufel, der mein und meines kleinen Fritz Leben zerstört hat –«

Er verstummte einen Augenblick, überwältigt von alten Gefühlen. »Ich suche Dich schon lange –«, sagte er mit wankender Stimme. »Ich mußte Dir doch erzählen, was aus ihr geworden ist, seit Du sie fortgeworfen hast wie eine leere Nußschale. Gestern habe ich sie gesehen! Der Leisewitz von den Dragonern, den ich traf, hat es mir erzählt, wo sie ist und – was sie ist. Willst Du's auch hören? Die Dienerin eines alten, grämlichen, kleinlichen Weibes! Aber eine stolze Dienerin, bei Gott! Die arme Hilfe, die ich ihr anbieten konnte – na, lassen wir das. Ich konnte sie ihr ja auch nur mit der einen Hand anbieten – Aber wem erzähle ich das, Du kaltes Gesicht –!«

Gregors Ausdruck riß alles wieder um. Besinnungslos kam die Wut über den Jungen. »Du Gesicht – Du Gesicht – ich will Dich lehren, zu blicken – –«

Er ballte die Faust und schlug blindrasend dem Bruder ins Gesicht. Der taumelte zurück und schrie auf. Die Brille flog in Scherben nach allen Seiten.

»Ei ja!« rief Hans Henning laut gellend. »Das kann ich doch noch mit der einen Hand! Wird Dir jetzt bei Deiner Gottähnlichkeit bange?«

Dann warf er noch einen Blick auf ihn zurück, der wie ein Trunkener taumelte und sich Stirn und Augen mit den Händen bedeckte.

»Jetzt habe ich genug –«, sagte Hans Henning mit veränderter, schwerer Stimme. »Jetzt gehe ich nach Hause und arbeite und mache aus meinem Leben das Anständigste, was ich noch kann. Lebwohl! Ich hasse nicht mehr. Vielleicht kommt auch noch einmal ein Tag, an dem ich nicht mehr liebe.«

Er wandte sich ab und ging davon. Gregor nahm die Hände von der dröhnenden Stirn, von den matten Augen, die der Gläser beraubt waren, und sah ihm nach.

Er fühlte nicht Schmach oder Zorn. Noch einmal hatte sich mit seiner ganzen Wucht das Leben über ihn geworfen, ehe es ging und ihn in der Eiswüste zurückließ.

Bange vor der Gottähnlichkeit – hatte Hans gesagt. O ja, dies Bangen wird aufwachen, noch immer wieder, je und je, mitten wohl in seinen Königsstunden – eine niemals ganz verlöschende Erinnerung an das Leben, das er verraten und verleugnet hat.

»Vielleicht hättest Du noch besser treffen sollen, mein wilder Hans!« dachte er.

Dann wandte er sich und ging in entgegengesetzter Richtung davon.

* * *

Vor Zeiten gab es einmal eine verqualmte Herrenstube in einem windverlorenen alten Haus. Da saß ein rotes, rundes, schläfriges Gesicht und blinzelte verstohlen seine junge Gefährtin an. Jetzt ist kein Qualm in der Stube, auch kein rotes Junkergesicht, und der wilde Wind kann hier nicht herein. Aber Frida v. Dörfflin hört ihn doch, wie er über das Moor pfeift, und weiß, was er ihr zu sagen hat.

O Du webende, wogende, wallende Phantasie! Bist Du noch dieselbe, die in der Turmstube mit am Fenster stand, als die Wolken gingen? Zeige Dein Gesicht!

Die Frage kommt zurück: Bist denn Du noch dieselbe, Du Ungestüm?

Das wird ein wunderbares Wiedersehen! Sie sind ja beide miteinander gegangen, denselben, steilen, schaurigen, mächtigen Weg, ohne sich anzusehen. Jetzt stehen sie staunend: Wie bist Du anders und doch so bekannt!

Die Finger werden steif vor Kälte hier in der schlechten kleinen Stube, und der Kopf tut weh vor Müdigkeit. Aber das kommt alles kaum zum Bewußtsein. Ja, das hat sich der alte Junker auch wohl kaum gedacht, daß sein Fritzchen so verfroren und müde vom Dienst über denselben wunderlichen Schreibereien sitzen würde, die ihn einst ungerechterweise gegen Fräulein Miller aufbrachten.

Als der Winter zu Ende ging, war es mit Fridas überlasteten Körperkräften auch am Rande. Sie fiel am hellen Tage vor Erschöpfung fast in Ohnmacht. Sie war mager geworden, und ihre Kopfschmerzen quälten sie. Schon die letzten vierzehn Tage über hatte sie abends sogleich zu Bett gehen müssen, ob es ihr gleich schwerer fiel als die sauerste Arbeit.

Frau v. Leisewitz war halbblind und hörte nur durch andere Leute, daß ihre Gesellschafterin sehr elend aussähe. Das ärgerte sie. Es ärgerte sie auch, daß Fritzchen vergeßlich und langsam geworden war, es ärgerte sie mit Recht wegen des hohen Gehaltes. Sie ließ sich über diese Dinge aus in einem bissigen Ton.

Da wachte der junge Menschengeist auf, der Winters über unter einem Bann weltentrückter Träumerei gestanden hatte. Da sah er, wo er war und wo sein Weg im Leben lief.

Er konnte nicht Frau v. Leisewitz dienen, und der großen stummen Macht seiner Tage, der Königin Phantasie.

Fritzchen fühlte sanft und reuig gegen die wütige alte Dame. Die war so hilflos und war so gründlich mit ihr hereingefallen! Als es an das Gehaltauszahlen kam, erschrak sie fast über die Hunderte, die sich vor ihr aufbauten. Sie wollte nicht so viel, das war ja wie ein Hohn auf ihre verträumte Lässigkeit. Frau v. Leisewitz fand dies verspätete Sträuben geschmacklos. Herr v. Leisewitz-Deechow bekam einen Brief seiner Cousine und konnte sich zum zweiten Male in der Dörfflinschen Sache verlegen den Kopf krauen.

Fritzchen blieb in Berlin, mietete sich eine kleine hochgelegene Stube, packte ihre Sächelchen in die verquollene Kommode, die nie ganz zuging, schlief sich aus und fand sich dann allein mit ihrer rätselhaften Gefährtin.

* * *

Flatternde Vögel flogen aus der kleinen Schreibstube und setzten sich den Leuten auf die Köpfe, auf die Hände und auf die Herzen. An manchem flogen sie auch vorbei, ohne daß er sich umsah. Das waren die Träume, Gedanken und Gestalten von Fritzchen v. Dörfflin, die unter Wolken und Winden aufgewachsen und durch ein starkes Leben und ein starkes Sterben mitten hindurchgegangen war.

Es waren gewißlich viele, an denen die Vögel vorbeiflogen und denen sich das Umsehen danach nicht lohnte. Was lag ihnen an Wolken und Winden und dem alten Sang von Tod und Auferstehung?

Aber es gab viele verlorene Wanderer im Erdenleben, die froh und bang ihre Straße zogen, denen flog plötzlich so ein freier Vogel auf die Hand. Sie sahen ihn an und sagten: »Dich kenne ich doch schon lange und wußte nur nicht, wie Du heißest.«

Aus diesen Leuten kam allmählich Fritzchens neue Welt zusammen.

Eines Tages nahm sie ihre Sachen wieder aus der verquollenen Kommode heraus und zog in ein anderes Haus, und als ein paar Jahre vorüber waren, wußten es eine ganze Menge Leute, daß der kleine Märchenfritz ein heißes, stolzes Künstlerblut in sich hatte.

Eine feine alte Dame, die wieder in einem verwaisten Haushalt das Zepter führte, sagte bei Tisch, als man begeistert von Frida v. Dörfflin und ihren Büchern sprach, ganz ruhig: »Das habe ich schon längst gewußt!« und bildete sich so viel darauf ein wie alle Leute, die etwas, »schon längst« gewußt haben. Am Ende aber kam es so weit, daß sie auch einen Umzug machen konnte und zu ihrem Fritzchen als treue und parteiisch verblendete Mutter ging.

Sie nannte es Du, wie sie es seither in allen ihren Gedankengesprächen genannt hatte, und sagte zu ihm: »Es ist hohe Zeit, daß jemand nach Dir sieht!« Damit meinte sie noch etwas ganz Besonderes.

In der ersten Zeit versuchte sie es auch noch mit Predigen: »Du bist ein phantastischer Narr! Steht Dir nicht die Welt, da sie am schönsten ist, weit offen? Du hast starke und feine Menschen zu Freunden. Was kostet es Dich, dies fließende, ziehende Leben voll schöner Bilder festzuhalten und es zu einem einzigen mächtigen Bilde zu verdichten, indem es in den Rahmen des Weibtums, des Muttertums eingeschlossen wird?«

Fritzchen sagte nicht viel dazu, führte keine Dispute, sich zu verteidigen und andere Leute zu überzeugen. Sie sah nur aus so wundersam erstaunten Augen auf diese Darlegungen. Da wurde plötzlich Frau v. Pohle ganz von selbst nachdenklich. Es kam ihr ein Wort in den Sinn, das ließ sie nicht los.

»Du hörest sein Sausen wohl, aber Du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt.«

Ihr wildes Fritzchen war am Ende auch so ein Bote Gottes über den Feldern. Dem kann man wohl nicht die üblichen Straßen und Wege zeigen, der geht, wie er gehen muß. Vielleicht war ihre arme junge Liebe, so traurig und kümmerlich sie aussah, doch zu groß und stark und mächtig gewesen, als daß ihre Kraft jemals sterben oder durch eine neue ersetzt werden konnte.

Ach ja, man soll nur aufhören, alle Leute mit einem Maß zu messen. Der liebe Gott spricht doch zu einem jeden in einer besonderen Sprache.

Noch einmal in ihrem Leben sah Fritzchen die Felder von Hohen-Leucken und das Moor wieder, und das hochgelegene Herrenhaus, das durch die Bäume blickte. Sie kam von einem Besuch bei Gisela und ging allein über das Feld.

Ihr Bruder, der Wind, ging über die Stätte. Da breitete sie die Arme aus, als wollte sie ihn umfangen.

»Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft!«

Höher als alle Vernunft – – sang der Wind über dem Moor.

Illustration from Fritzchen: Die Geschichte einer Einsamen

Druck von Petzschke & Gretschel, Dresden-A. 27

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