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Fritzchen

Fünfzehntes Kapitel.

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Schloß Hohen-Leucken, das Dorf, das Moor, der See, die Pferde und Hunde, die Leute, der alte klobige Turm – das hat aufgehört zu existieren. Es ist wie ein Bild, das im Nebel zergeht.

Es wird Sommer über dem Moor, das Gras steht hoch, die Käfer schwirren, der alte Kahn zieht sich ganz voll Wasser und liegt auf dem Grunde – kommt denn das Fritzchen noch immer nicht, das hier zum Sommer gehört wie Gras und Käfer?

Der alte wilde Garten ist neu angelegt, ein Tennisplatz ist darin abgezäunt. Darin spielen weißbeschuhte Herren und junge Damen den halben Tag. Es sind jetzt überall neue große Fensterscheiben eingesetzt, der Turm dient zu Logierzwecken und hat elektrische Leitung.

Wie heißt die neue Herrschaft? Es kommt nicht darauf an, Schmidt oder Schneider oder noch anders. Wenn sie sonst nur gut sind, aber die Leute im Dorf merken nicht viel davon. Man kennt das nicht von der Stadt her, daß man sich persönlich um die Leute kümmert. Früher ist es nichts großes gewesen, wenn das Fräulein Fritzchen eine Suppe gebracht hat und selber am Herde gestanden hat und gekocht. Jetzt reden sie davon, wie wenn sie Märchen erzählen.

Der Jakob kann einem leid tun. Ein Höhenmensch war er ja gerade nicht, aber doch ein alter braver Knecht. Er lief davon, wenn sein Herr vom Sofa fiel, aber die Stiefel hielt er noch immer blank und war so zuverlässig, wie ein alter Kettenhund. Der hatte sich auch wunders gedacht, was er war, und nun war er nichts. Der neue Herr Schneider oder Schmidt oder Sonstwie wollte ihn nicht haben, der hatte selber einen Diener, der anders fliegen konnte als dies Klappergestell. Am Ende konnte der Jakob ins Dorf gehen und sich von seiner alten Mutter füttern lassen, wenn er nicht auf Tagelohn gehen wollte. So ging er eben auf Tagelohn mit dem Dorfpack zusammen. Das war auch ein Trauerspiel aus unseres Herrgotts Druck und Verlag.

Rechts herum geht's zum Pfarrhaus. Die jungen kichernden Töchter gehen mit ihren Freundinnen die Dorfstraße entlang und stoßen sich an.

»Da wohnt »er«!«

Das ist nämlich auch noch etwas, hier auf dem Lande, der interessante Prediger, mit der Hof-Vergangenheit! In den Einladungsbriefen der Backfische wird das besonders erwähnt.

Viel Dorfleute sind Sonntags nicht in der Kirche, aber die rosa und hellblauen und weißen Backfische sind vollzählig. Ein paar junge Herrchen aus Eifersuchtsgründen sind auch regelmäßig dabei. Das ist ein Zublinzeln und verhaltenes Kittern, ein Augenverdrehen und Schmachten, daß die Leute heraufsehen und sich wundern.

Das ist nun Herrn Gregors Arbeitsfeld!

Wenn ihm übel werden will und matt bis zum Tode, geht er stundenlang über die Felder. Er kommt dann auch jedesmal über den Böllinger Kreuzweg, wo Möt über den Graben setzte. Möt ist jetzt zahm geworden und geht im Ackergeschirr.

Ist das auch das Ende aller unserer Weisheit nach den Stürmen und tollen Sprüngen unserer schönen Zeit?

Aber es ist viel untergegangen, doch nicht die Kraft und die Herrschaft.

Kennst Du den Rausch der Selbstüberwindung? Kennst Du den Triumph, der höher ist als alle Kränze des Lebens, wenn der Mensch von sich selber frei wird?

Königlich ist die Unabhängigkeit von den eigenen Wünschen. Sie ist mächtiger als das Schwert in der Brust, und sie spottet der Dornen unter den Füßen.

Die jungen Kinder eines hohlen Daseins schmachten ihn an und verdrehen sich nach ihm die Hälse. Sie wissen nicht, wen sie verehren. Seine Welt kennen sie nicht, und kennten sie sie, so würde ihnen grauen vor ihrer übermenschlich stolzen, kalten Einsamkeit.

* * *

Doch eine einsame alternde Frau, die Mutter dieses Mannes, konnte ihm auf dem schmalen Wege nicht folgen. Sie saß in ihrem leeren Hause und hielt nur abgerissene Fäden in ihrer Hand.

Die beiden Söhne fort. Der eine, der nahe, den sie alle Tage sehen konnte, wohl noch am weitesten. Worte sind nichts, sie sind wie ein Schrei, ausgestoßen auf schwindelnder Bergeskuppe, verflatternd in der leeren, unendlichen, stummen Weite. Tränen sind nichts. Ach, was fragte dieser Sohn nach den Schmerzen der Zurückbleibenden da unten im Tal?

Es war eine Mutterqual, die sich durch dies ganze Leben gezogen hatte. Nun war dies Leben müde davon. Es brachte kaum noch Angst und Erregung für den zweiten der Söhne auf.

Hans Henning hatte geschrieben. Nach vielen Nachforschungen, Besorgnissen und Ratlosigkeiten wirkte der Brief fast wie eine Ernüchterung auf sie. Stempel Lissabon. Die Form kurz bis aufs äußerste. Er habe den Abschied schriftlich genommen und sei jetzt auf einer Reise um die Erde. Nach Jahresfrist oder etwas später werde er kommen und das Gut übernehmen. Geldmittel habe er sich bei dem Freunde des Vaters, Herrn So und so, verschafft, er bitte, sie ihm zurückzuerstatten. – Weiter nichts. Nicht einmal den Namen seines Dampfers hatte er genannt, keine Adressen angegeben, jegliche Möglichkeit einer Verbindung bis zu seiner Rückkehr total abgeschnitten.

Frau v. Zülchow fragte: »Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?«

»Ja«, entgegnete er. »Aber es war ein Mißverständnis von ihm.«

Ein feines, brennendes Rot überzog ihr Gesicht, als sie mit großer Überwindung, und doch getrieben von ihrer Begier, nicht außen zu stehen, fragte: »Ist es – Gregor, Du mußt diese Frage verstehen – handelt es sich um die jüngste Dörfflin hierbei?«

»Ja, Mama«, sagte Gregor ruhig.

Sie wollte noch Tausendfaches fragen, aber sie wußte nicht wie, und sie blieb stumm. Das hatte sie jetzt gelernt in ihrer schweren Zeit.

Abgerissene Fäden hielt sie in der Hand. Auch der Hans, dessen Liebe und fröhlicher Gegenwart sie so sicher, fast gleichgültig sicher gewesen war, hatte den seinen abgerissen. Der Mann, ihr Gatte, der ihr ganz zugehört hatte, war tot. Wo war all der Besitz hin, in dem man einst wie in einem blühenden Ährenfeld stand?

Sehnsucht nach Hans – das war jetzt wohl noch das einzige, was Sinn und Lebenszweck hatte. Diese Tränen brannten wenigstens das Herz nicht aus. Sie suchte die Erinnerungen an Hans zusammen, die Kinderbildchen und ähnlichen Kram. Sie saß stundenlang und grübelte, um sich seine Worte, Handlungen, Bewegungen ins Gedächtnis zurückzurufen und konnte es kaum fassen, wie verschwenderisch sie früher gewesen war.

* * *

Gisela v. Dörfflin gab es nicht mehr. Dafür eine junge Frau Schultze auf Gut Böllingen. Der Papa hatte seinem Sohn das Gut und auch die Zuckerfabrik überlassen und war mit Frau und Tochter zu einem seiner anderen Fabriketablissements übergesiedelt. Nun konnte das junge Paar nach einer oberitalienischen Hochzeitsreise »in ungestörtem Zusammensein seine Flitterwochen verleben.«

Süße Zeit. Gisela fand sie auch süß genug. Ach, man mag die Seele aufspannen, wie man will, die sieben fetten Jahre nach den sieben mageren Jahren sind doch nicht nur ein Tand, den man sich ohne Zucken vom Ärmel schütteln kann. Fritzchen weiß so etwas noch nicht, es liegt auch zum großen Teil an ihrer mangelnden Weltbildung.

Reisen – reisen! wohin man will, immer in die besten Hotels, immer an gebückten Kellnerhäuptern vorüber. Kunstschätze, Naturschätze sehen, ohne auch nur an das Geld denken zu brauchen. Einkaufen nach Belieben und mehr als man beliebt, so beflissen kommt Leopold jedem Wunsch zuvor. Die ganze Welt in ihrer Schönheit steht plötzlich offen. Liebe Seele, es ist doch noch eine große Frage, ob Dein Handel so schlecht war und ob der Einsatz nicht reichlich den Gewinn lohnte!

Ja, Gisela Schultze muß ja am besten wissen, wie hoch ihr Einsatz gilt. – – –

Insofern hatte Frau v. Pohle recht: solch ein Handel geht meistens richtig auf, und der Verkäufer weiß schon so ungefähr, was seine Ware wert ist.

Mit diesem Knalleffekt konnte Frau v. Pohle abgehen, die Rolle in diesem Hause, die sie so stark und mit ihrem ganzen Menschen gespielt hatte, war aus. Sie mußte sich eine neue Stellung suchen, das war für sie wohl eine leichtere Aufgabe als für ihr liebes Herzblatt, das Fritzchen, das jetzt in der gleichen Lage war. Sie hatte Referenzen und Erfahrungen, und Fritzchen hatte beides nicht.

Vielleicht konnte diese als arme Verwandte bei den Schultzes bleiben? Inmitten ihres großen Schmerzes lachte Frau v. Pohle laut bei diesem Gedanken. Ja, da kennt Ihr mein Fritzchen schlecht! Arbeit und Mühsal kann sie viel ertragen und es wird denen, die sie lieb haben, weher tun als ihr, aber ein weiches Bett sucht sie sich nicht.

Das war Frau v. Pohles Zuversicht und Stärkung in den schweren Tagen, als der Abschied kam und die Zukunft sich dunkel und verworren auftat.

Herr v. Leisewitz-Deechow hatte in Berlin eine alte Cousine, die kränklich, halbblind und hilfsbedürftig war. Mit ihrer letzten Gesellschafterin hatte eben eine trubulöse Entzweiungs- und Verabschiedungsszene stattgefunden. Herr v. Leisewitz war noch etwas von seinem Gewissen geplagt, als er Herrn Schultzes rührige Helferschaft und den darauf eingeheimsten Heiratslohn gesehen hatte. Nun wollte er sich wenigstens um Fritzchen bemühen und verfiel als erstes Bestes auf diese Stellung bei seiner alten Cousine, die ein sehr hohes Gehalt zahlte und dafür sehr starke Anforderungen stellte, von denen er freilich nichts wußte. Sollte aber Fritzchen für ihre alten Tage sichergestellt sein, so mußte sie jetzt schon einige Jahre zusehen, wo sie Geld her bekam.

Es war damals auch der Wundermut und die Begeisterungskraft in ihr, die oft aus der einfachen Gegensätzlichkeit entspringen. Daß Gisela solchen unwürdigen, armseligen Entschluß gefaßt hatte, straffte ihr das Herz. Nun gerade! Sie hätte am liebsten Steine gekarrt in dieser brausewütigen Wallung.

Aber der öde Werktag mit seiner unfruchtbaren Mühe hatte etwas Niederziehendes. Wie oft nachher, erst im heißen Sommer, dann im kalten Winter, wenn sie spät abends in ihrer schlechten, engen, fast unheizbaren Stube saß, todmüde vom vielen Laufen, Treppensteigen, Besorgen, heiser vom ewigen Vorlesen, dumpf vom leeren Geschwätz – wollte ihr der Wundermut oft elend zusammensinken. Aber der große Sturm, der sie wachgerüttelt hatte, ließ sie auch hier, in der freudlosen Vereinsamung, nicht untergehen.

Erst, als sie noch ein Kind an der Seele gewesen war dem Unbegreiflichen und Zermalmenden gegenüber, war das Grauen vor dem Tode über sie gefallen. Aber in jener wunderbaren Nacht hatte das allmächtige Leben es besiegt.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?

Es ist keine Zeit da für andere Dinge. Unsere Wünsche, unsere Sehnsucht, unsere Schmerzen verstummen alle vor dem großen klaren Gesicht des Lebens.

Das war die große Befreiung, die für diese arme Seele gekommen war. Nun brauchte sie keine Erfüllung mehr, noch Schutz, noch Hilfe, noch Trost. Sie hatte das Entsetzen verloren, nun sah sie in reinerem Licht unvergänglich und unverlierbar den wieder, dem ihr Herz seine junge starke Liebe gegeben hatte, jene stolze Liebe, die unabhängig ist vom Ja und Nein der Tatsachen, vom Echo des eigenen Schalls.

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