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Fritzchen

Viertes Kapitel.

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Gisela saß beim Pastor und sagte: »Bitte, reden Sie doch einmal mit Papa, daß er mich Ostern in eine Pension gibt. Ich werde im April fünfzehn Jahre, und Sie meinen doch auch, daß ich einmal fortmüsse.«

»Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit«, sagte der alte Mann unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bücherborden verstellten Stube hin und her. Gisela nahm ihre Bücher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde war beendigt, und folgte ihm mit den Augen.

Draußen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie still die kahlen Bäume standen mit ihrer schweren weißen Last!

Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner Haustür, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorüber, der Dung drauf dampfte in weißen Wolken, die Räder knirschten auf dem gefrorenen Boden.

»Ich will's schon für Dich besprechen, Kind«, sagte der alte Pastor. Er nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. »Aber leicht wird's ihm nicht werden, fürchte ich.«

»Ach!« sagte Gisela wegwerfend.

»Ich meine –« sagte er hastig – »in anderer Hinsicht, meine ich. So ein Pensionsleben ist teuer –«

»Ach so –!« Gisela zog ein äußerst hochmütiges Gesicht. »Nun, daran wird es wohl nicht zu scheitern brauchen!«

»Nein, nein, gewiß nicht«, sagte der Pastor begütigend. Er sah wieder hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht sagen, was doch das ganze Land umher weiß. Wieviel Hypotheken mag er jetzt haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur möglich, daß ein Mensch so seine Ehre und Pflicht vergißt?

Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Käppchen und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Füße über den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von allen, aber auch vielleicht das bedürftigste! Ja, aber Patronatsherr und Beichtkind in einer Person, das faßt sich oft schlecht zusammen. Herr v. Dörfflin war seit langen Jahren – seit den sechs verfluchten Jahren – weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen schlecht bestellten Gewissens!

Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. – Na ja!) Die Luft war voll Zigarrenrauch und Weindunst.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich.

Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann, der Gerechte, sitzt unten.

Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.«

»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.«

Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's Tor, auf die Dorfstraße. – Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt, dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen weißen Haaren spielt.

Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!

Der Gedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ – und daß in diesem speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich war. – –

Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten, aber man hörte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.

Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.

Da begriff sie plötzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue, unheimliche Macht drängte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal! Hundert Mark, zweihundert Mark wie für nichts. Und Papa war so bleich geworden, biß an seinem Schnurrbart und hatte verstörte Augen.

Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch großes Haus, Hof und Äcker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu Kutschen, Knechte, Mägde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt. Für ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war eigentlich dabei?

Aber der dunkle Geist war angerufen und drückte ihr auf der Brust, flog an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergällte ihre Träume.

Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen saß vor ihrem Kakaotäßchen, aber sie mochte nicht trinken.

»Papa!«

»Was gibt's?«

Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas nervös geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, daß sein Kind mit ihm reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder der Welt da draußen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein braunäugiges Kind, das wartete noch auf ihn.

Das junge Herz so einschüchtern, daß es nicht wieder kommt, das wäre vielleicht für beide Teile das Beste.

»Was willst Du? Was stierst Du mich an?«

»Papa – ich meine nur – nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?«

Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot über und über.

»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt? Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?«

»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen.

»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten, zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschuß kam hin und wieder hinter dem Papier ein grollendes Gemurr heraus.

»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder – Na ja, überall neue Moden –«

Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa, wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares.

Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und doch nicht da – und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine ausfüllende Antwort verlangt – und eine erwachende junge Menschenseele schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug, Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis.

Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.

Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du mir die liebe Gisa ersetzen?«

Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still, aber dunkel.

Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen. Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf solche Steine wären.

Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich spannendes Kraftgefühl!

Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am Turmfenster in der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?

Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an, immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa.

»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!«

»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.«

Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden.

Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. – Was hatte doch einmal Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt?

Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen könnte.

Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es gab keine großen Versuchungen. Fräulein Miller – ach, um die hätte es sich wohl kaum gelohnt, und der Papa –

War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus heulten.

Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war, ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl. Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre.

In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern, Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.

Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen, feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann – das waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.

»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider – und das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst neue und schönere –

Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel, die wir uns aufstellen können.

Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran.

Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle, hochmütige Erscheinung.

Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden, daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.

Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht, wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an. Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe, am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milch und eine Selterflasche. Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen nur ein wenig, als er herankam.

»Na – Fritz? Fritzel – was machst denn für Sachen?«

Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheißes Händchen. Sie fühlte die Berührung als etwas Gutes.

»Faß mir den Kopf an, Papa. Du bist so schön kühl.«

Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand zurück, als fühle er sich auf einem Unrecht ertappt. »Du mußt bald wieder nach unten kommen«, sagte er.

Fritzchen blinzelte der schwerfälligen Gestalt nach, die sich zur Tür bewegte.

»Sieh' auch nach der Lampe unten, daß sie nicht blakt. Sie tut's immer.«

»Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.«

Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwüsteten Mannes verräucherten Kopf gefallen wäre, nun, da es ihm bewußt geworden war, wieviel ihm daran lag, daß sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenüber saß. Fritzchen selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Bälle und Gesellschaften, wenn sie jetzt wieder ihre Märchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgeschoß außer ein paar Wirtschaftsräumen nur des Vaters Stube erhellt war und die schwarze Winternacht draußen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte und von schimmernden Helden bekämpft wurde.

* * *

Ja – ihr schimmernder Held – wo blieb er?

Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen, denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte.

Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit – so alt wie die Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.

Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn durchwühlten.

Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?«

Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht?

Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel hast! – ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht.

Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es hängt vielleicht eine Lächerlichkeit an solch einer Art von Bittgang. Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an – aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei es vor anderen, sei es vor sich selbst.

»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten. Er hatte große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.

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