Drittes Kapitel.
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An einem heißen Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v. Dörfflin stand zufällig im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshöfer und all sein Zeug für ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann, Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche.
»An – – soll's an mich –?«
Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte.
Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger flogen, als er den Umschlag auseinander reißen wollte. Endlich gelang es. Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm.
»Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.«
»Gregor –?«
»Sehr geehrter Herr v. Dörfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wünscht Sie noch einmal zu sehen. Wir bitten Sie, zu eilen.
Hochachtend Gregor v. Zülchow.«
»Zu eilen!« Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da hatte er auch eilen können, aber so in den Stall gestürzt, so auf's Pferd gekommen, so über das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie heute, das war er noch nie. Der Rummelshöfer Knecht bemühte sich vergebens, Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurück, immer weiter, am Rande des nächsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v. Dörfflin zuletzt gesehen.
Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Männer gingen daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es ließ sich mit guten Wünschen und heißem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen ausrichten.
Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Söhne standen herum und konnten zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand in seinem Jammer Ludwig Dörfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche erlebt? Das hockt man aus und trägt's, so gut es geht. – Aber er, mit seiner Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte – jetzt wußte er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte auftauchen sehen – und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht – ach ja, aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch dasselbe Gesicht!
Er fiel, ungeschickt und klotzig wie er war, vor diesem entsetzlichen Sterbelager in die Knie.
»Fritz – Fritze – vergib mir das –«
»Ja – aber tausendmal, mein alter Lutz –«
Was hilft's, was hilft's, er geht doch fort! Ihr, Frau v. Zülchow und Ihr großen, langen Menschen, Ihr könnt' ihn wohl ruhig fahren lassen. Ihr habt nichts mit ihm versäumt. Alle die Jahre, die Jahre! Wo sind sie nun? Nach der Stadt hin – zurück, hin – zurück – – pfui, dies Lotterleben, wie ist es mir verhaßt, wie ist es mir zuwider!
»Fritz! Fritz! Wenn's geht, bleib' doch noch!«
»Ich habe alle Tage an Dich gedacht, mein alter Junge. Im Grunde war ich Dir nie böse. Siehst Du, ich wollte Dich nur zur Besinnung bringen. Es tut mir leid, daß ich so hart war. Laß, heul doch nicht, alter Bursche! Wir sind ja nie auseinander gewesen. Willst Du, wenn ich tot bin, meine Jungens öfter bei Dir haben? Ist Dir das lieb? Du siehst doch, daß ich Dir vertraue!«
»Ja, ja!« schluchzte der Gutsherr von Hohen-Leucken und trocknete sich mit Herrn v. Zülchows Bettzipfel die Augen.
»Fritz, mir ist alles bis zum Halse hinauf zuwider! Gib mir die Hand. Hier schwöre ich Dir, daß alles aus ist mit dem schlechten Leben. – Ach, ich möchte mit Dir tauschen. Du darfst doch noch nicht sterben, Du, so klug und gut und groß. Was liegt an mir altem Sünder, altem Lumpen –?«
Am Ende stand Gregor auf, nahm ihn am Arm und führte ihn fort. Um Frau v. Zülchows willen war das dringend nötig. Man konnte diesen fremden, etwas verrufenen Menschen hier in den letzten Stunden nicht lärmen lassen, als sei er der einzige Zugehörige.
Der arme Herr Ludwig ließ sich stumm fortziehen. Im Nebenzimmer sah er scheu in des Jünglings eisiges Gesicht.
»Ich weiß«, sagte er bedrückt, »ich war wohl zu laut –?«
»Es geht bald zu Ende mit unserem Vater. Wir müssen ihn allein haben. Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin? Sie haben ja Abschied genommen.«
»Allein haben –. Ja, Ihr seid die Glücklichen –« murmelte der verstörte Mensch. Aber das schmale kühle Gesicht vor ihm bewegte sich nicht.
»Herr Gregor, lassen Sie mich hier!« flehte er plötzlich außer sich. »Ich geh nicht mehr hinein, ich mache auch keinen Lärm. Lassen Sie mich hier an der Tür sitzen, ich werde mich nicht rühren. Und wenn, können Sie mich ja noch immer fortschicken. Herr Gregor, ich habe Ihren Vater über alles lieb gehabt, schon ehe ein Mensch an Sie dachte, und auch ehe er Ihre Frau Mutter kannte, die nun den größten Platz und das größte Recht bei ihm hat. Ich red' ja nichts davon, ich bin ja schuld, aber lassen Sie mich hier. Sehen Sie, seinen Hund lassen Sie ja auch hier. Tell – kennst Du mich noch? Wahrhaftig, Herr Gregor, er kennt mich noch! Sehen Sie, ich bin hier doch nicht so ganz ohne jedes Recht.«
»Wie Sie es wünschen, Herr v. Dörfflin«, sagte Gregor v. Zülchow, holte ihm einen Stuhl, ging in das Nebenzimmer hinein und machte die Tür hinter sich zu.
Der Mann und der Hund saßen miteinander noch sechzehn Stunden, ohne daß sich jemand um die beiden kümmerte oder auch nur durch das Zimmer kam. Sie saßen auf der Schwelle und hörten den harten Todeskampf des Mannes, der ihnen beiden der Liebste war.
Am anderen Vormittag um neun war es vorüber. Unter den Dienstboten, die hereingeführt wurden, war auch Herr v. Dörfflin. Aber er kehrte nach dem ersten Blick auf das wachsbleiche Gesicht in der Tür schon wieder um, liebkoste noch einmal den braunen Kopf von Tell, seinem Leidensgefährten dieser Nacht, ging in den Stall, sattelte sich selbst sein Pferd und ritt zurück, den einst so wohl vertrauten Weg.
Was er in dieser Nacht gewonnen hatte, war ein starker Ekel an den Lüsten dieses Lebens und rechts und links am Kopfe ein Büschel grauer Haare.
* * *
Das kleine Fritzchen hat einst geweint, daß »die Jungens« nicht wieder kamen. Nun sind sie plötzlich wieder da, aber es sind jetzt wohl keine Jungens mehr.
Der junge Gregor hat vor einigen Wochen das Abiturium bestanden. Er studiert jetzt, er ist Theologe. Fritzchen starrte ihn ungläubig an. Der will Pastor werden? Ja, wie der alte freundliche und gemütliche Pastor unten im Dorfe sieht er nicht aus. Kannst Du Dir Gregor v. Zülchow im Schlafrock mit einer langen Pfeife denken? So müssen Pastoren doch immer aussehen. Oder bei einer Taufe in der niedrigen Dorfstube?
Fritzchen sagt so etwas zu Gisela. Die sieht sehr verächtlich aus. »Gott, was für 'ne Idee! Der wird doch natürlich Professor oder Hofprediger oder so etwas.«
Gregor war damals noch siebzehn Jahre, und Fritzchen war eben zwölf geworden. Sie spielte jetzt nur noch selten auf dem Boden herum und brauchte auch gar keinen Boden. Sie hatte all das Gerümpel, die Sonnenstäubchen, den Mummenschanz sicher genug auf ihrem ureigensten Dachboden, unter ihrem rotbraunen Jungenshaar.
Ach Gregor! Welch ein Held war er doch!
Der Jüngling sah das kleine tolle Ding heute so wenig an, wie er sie vor Jahren angesehen hatte. Was wollte er überhaupt in Hohen-Leucken? Er stand mit seinen langen Beinen herum, sah aus wie ein Eiszapfen und guckte an allen Menschen und Dingen vorbei, als wären sie Luft.
Herr v. Dörfflin – na ja, aber mit dem redet man doch nicht. Vater hat's so gewollt, da fährt man eben mal herüber, zeigt sich, steht ein Stündchen hier herum, dann ist es aber auch übergenug.
»Hans, laß den Wagen wieder vorfahren, ja?«
Hans Henning, der Schlingel in der Kadettenuniform, wurde blutrot. Das geschah ihm überhaupt leicht, schon weil er fast immer ein schlechtes Gewissen hatte. »Ich habe Jochen gesagt, daß er ausspannen soll –« stotterte er betreten.
Über Gregors weiße Stirn flog eine zornige Röte. Wenn schon einmal ausgespannt war, mußte auch gefüttert werden. Da konnte man sich noch ein gutes Stündchen hier um die Ohren schlagen.
»Tollpatsch!« Das ging direkt an Hans Hennings Adresse. Machte dem aber nicht viel aus. Er war an kräftigere Dinge als an Benennungen gewöhnt und hatte sich für solche Lagen ein wundervolles dickes Fell angezogen.
»Fritz, wollen wir mal zur Schaukel?«
Das mit dem Schaukeln war so: der, welcher schaukelte, und die, welche geschaukelt wurde, kamen durch den Schwung der Bewegung und das fortwährende Abreißen der Unterhaltung in eine amüsante Zwiesprache, die selber leicht wie der Flug auf dem Schaukelbrett und kräftig wie der Stoß von unten war.
»Vor sechs Jahren waren wir hier, Fritz, weißt Du noch? Damals warst Du ein wilder Käfer im roten Kleidchen.«
»Du bist auch schrecklich gewachsen, Hans Henning.«
»Nu ja. Sechzehn Jahre. Gregor ist nun schon aus der Schule.«
»Du willst Offizier werden?«
»Na, natürlich. Aber nur ein paar Jahre, dann nehme ich das Gut.«
»Ach! Gregor ist wohl schrecklich klug?«
»Na, weißt Du, Fritz, der steckt bald alle Professoren in die Tasche. Der wird nochmal ein Licht. Aber ich! – Na, ich möcht' gar nicht so sein.«
Fritzchen war wieder oben im Blättergewirr.
»Möchtest Du fliegen können, Hans Henning?«
»Fliegen? Nein. Wozu?«
»Ich möchte. Über die Bäume. Hoch auf die Wolken. Bis an die Sterne! Nein, bis in die Sonne. Ich möchte mal sehen, wie es da ist!«
»Da verbrennst Du ja. Oder nein – Du kriegst keine Luft. So ist's. Aber wenn Du fliegst, Fritz, muß ich auch fliegen. Man kann Dich doch nicht allein zu den Trampeltieren da oben lassen.«
»Was für Trampeltiere?«
»Na, auf dem Mars. Aber zuerst kommst Du mal nach Rummelshof. Mama läßt es heute sagen, ich soll's mit Deinem Papa verabreden.« – –
Dichter Staub flog hinter dem Wagen her, der im raschen Trabe durch die sandige Dorfstraße dem Moorweg zufuhr. Hans Hennings bunte Mütze leuchtete noch ein paarmal durch die Staubwolken, auch Gregors Strohhut – nun fort – –
»Du, Gisa – wir sollen nach Rummelshof kommen!«
Gisa war wieder so hübsch und fein angezogen, daß man ihr Kleid jetzt bald lieber ansah als ihr Gesicht. Es war auch so lang geworden.
»Ja, ja – aber das ist ja doch nur alles Schein«, sagte sie bitter. Es war beinahe, als kämpfe sie mit Tränen. Auch mit ihr hatte Gregor nur das Alleroberflächlichste gesprochen wie ein gut erzogener Mensch, der seine Verachtung zu verbergen weiß.
»Schein –?« sprach Fritzchen verständnislos nach. Nein, sie war noch zu dumm, es ließ sich mit ihr nichts bereden, noch ganz kindisch. – Aber wozu auch bereden. Es war schon, wie es war.
Es wurde nun auch wirklich Weihnachten, bis die Hohen-Leuckener Kinderfuhre nach Rummelshof abging. Die Blätter, in die das Fritzchen auf der Schaukel hoch hineingeflogen war, waren gefallen, ein rauher, nebliger Herbst war um das alte Herrenhaus gezogen. Es war hier immer rauher, nebliger, dunstiger als sonstwo im Lande. Die Gouvernante hatte alle Tage Schnupfen und Halsweh, sie lag in einem Hinterzimmer auf dem Sofa oder saß mürrisch und reizbar den Kindern gegenüber am Tisch.
»Gott sei Dank, Ostern werde ich eingesegnet«, sagte Gisela. »Dann muß Papa mich in eine Pension geben. Ich sag's ihm oder der Pastor sagt's ihm.«
»Ach –« staunte Fritzchen nur ganz verblüfft. Ja, das Fritzchen kann schon hier bleiben, was versteht das dumme Kind von der großen Welt. Für die ist es in Hohen-Leucken noch immer gut genug.
Grau, dunstig, wolkenschwer. Was die Wolken doch nur für seltsame Gebilde sind! Fritzchen hatte ihren Arbeitstisch an dem einen Turmfenster, das aufs Moor hinausging. Der alte klobige Turm enthielt vier Stübchen und unten den großen runden Schulraum. Der war gut für die Geographie, aber schlecht für Fräulein Millers Schnupfen. Es war hier aber alles so, wie es immer war, da konnte der schönste Schnupfen nichts dagegen tun. – Fritzchen wußte auch, warum ihr alter, gelber, zerschnitzter und tintenbeklexter Schreibtisch gerade an dem Südfenster stehen mußte. Hier ging der Weg übers Moor. Es fuhren jetzt nur noch Feldgespanne darauf, aber es war doch einmal – und es würde wieder – – und wenn die Weihnachtsferien kamen und die Jungens zu Hause waren, dann – dann – dann fuhr man dort selber entlang – –
»Fritzchen, träum' nicht. Mach' Deine Arbeiten!«
»Ja – ja!«
Siehst Du da hinten den Schornstein, den Fabrikschornstein. Der ist von der Zuckerfabrik des Herrn August Schultze. Herr Schultze hat vor zehn Jahren dem Baron Laue das Gut Böllingen abgenommen, der Baron hat fort müssen, erzählten die Mädchen, er hatte so viel Schulden. Er soll Agent in Berlin geworden sein, und seine Töchter arbeiten in Geschäften. Mit Herrn Schultze verkehrt kein Mensch. »Das gehört sich so«, hat Fritzchen von klein auf gehört. Es gehört sich auch wirklich so.
Weißt Du, wozu der Schornstein gut ist? Man sieht immer gleich, woher der Wind kommt. Ach, was macht der Rauch manchmal für tolle Kapriolen! Er weiß nicht, wohin, so fährt's von allen Seiten auf ihn los. Hast Du ihn wohl je gerade in die Luft steigen sehen? Kaum, es ist hier immer Wind.
Aber die Wolken sind doch noch mächtiger und stolzer als der Rauch. Wie sie lagern übereinander, man meint, sie wären aus blaugrauem Granit und sind doch so leicht! Vorn schiffen ein paar hellere, fast weiße Massen, erst waren sie zusammengeballt, aber der Wind läßt sie nicht, schon sind sie auseinandergerissen, flattern, andere folgen nach.
Sieh, der Rauch schreibt eine schwarze wunderliche Schrift an die bleierne Wand. Lies sie nur schnell, es sind schon wieder andere Formen. O dies Fließende, Ziehende, Vergehende, ewig Neue!
Wie soll das Kind am Turmfenster nicht den Wind lieben? Er baut ihm ja Märchen und Geschichten am Himmel auf, er spielt mit ihm so wunderbare Spiele. Mit ihm allein, für es ganz allein, denn wer sieht sonst dahin? –
»Aber Fritzchen, Du träumst ja immer noch! Wie weit ist denn Dein Thème? Was, noch keine Zeile weiter? Na warte, Du faules Kind, jetzt gebe ich Dir die doppelte Arbeit auf!«
Ach, Fräulein Miller – sehen Sie denn die Wolken nicht? Freilich, Fräulein Miller trägt einen Kneifer und hat schwache Augen. Armes Fräulein!
»Ja, jetzt will ich auch die doppelte Arbeit machen!«
Das Fritzchen hat sich so voller Farben und Wunder getrunken, daß es auch die dreifache Arbeit leicht gemacht hätte.
Und zu Weihnachten geht's übers Moor!
»Weeste, der Weg übers Moor ist hundeschlecht, hat der Herr gesagt. Fahr' Du man die Fräuleins um die Eiche 'rum, sonst steckt Ihr am End' noch alle drin wie die Dummen.« Also sprach Jakob zu dem Kutscher, der mit der alten Halbchaise vor der Rampe hielt.
Trostlos war das Wetter. Regen mit Schnee fuhr durch die Luft daher, klatschte auf das Verdeckleder, schlug dem Kutscher in das verdrießliche Gesicht.
»Auch noch!« fuhr er den Jakob an. »An dreiviertel Stunden Umweg. Du hast schön predigen, kannst in der warmen Stube bleiben. Mir fällt's nicht ein, mögen die Racker sich ins Zeug legen.«
Die Racker waren die beiden Kutschbraunen. Die hatten sich schon ein halbes Jahr lang gewundert, daß sie nicht mehr die sechs Meilen Stadtfahrt zu machen hatten. Durchs Moor brachten sie die alte Chaise wohl immer noch. Der Jakob war ein Pessimist.
Fräulein Miller fuhr auch mit, das schickte sich so, und sie wollte doch auch einmal einen Weihnachtsspaß haben. Aber der Papa blieb zu Hause in seiner verräucherten Stube, er hatte nichts in Rummelshof zu suchen.
»Adieu, Papa!« Fein erzogen wurden diese Kinder nicht, aber Gisela hatte so etwas im Gefühl. Fritzchen hatte auch etwas im Gefühl, aber etwas anderes: es kam ihr so traurig vor, den Papa allein zu lassen, während sie in lauter Lust und Seligkeit hinauskutschierte.
»Adieu, Kinder. Grüßt – – nein, laßt lieber. Bedankt Euch auch bei Frau Baronin, wenn Ihr wegfahrt. Adieu, geh' doch, Fritzchen. Die Pferde dürfen nicht so lange stehen.«
Fritzchen drehte sich in der Tür noch einmal um. Was macht er nun alle die Stunden über? Er war doch eigentlich immer zuviel allein. Er kann doch auch von hier die Wolken gar nicht ordentlich sehen, und lesen mag er auch nicht.
»Papa, ich erzähl' Dir alles, wenn ich zurückkomme!«
»Ja ja, nun geh' doch. Die Pferde –«
»Fritzchen, kommst Du denn nun endlich?«
Was war das für eine Fahrt. Fräulein Miller wollte, daß man das Fensterchen vom Verdeck herunterließe, um sich vor Regen und Schnee zu schützen, und Gisa wollte es auch. Schade! Der Regen, der Wind, alles draußen war so wild und lustig!
»Laßt mich auf dem Bock sitzen!«
»I Gott bewahre, Dein Kleid, Dein Haar! Auf keinen Fall. Sitze Du nur still.«
Es ging Schritt für Schritt. Der Boden schwankte unter den Rädern. Fräulein Miller ängstigte sich, klopfte ans Fenster und schrie. Sie stellte sich jedesmal beim Fahren so an, weil sie ein Stadtkind war, der Kutscher grinste auch nur und machte beruhigende Kopfbewegungen.
Fritzchen sah und hörte das alles nur halb. »Nun ist's so weit, nun ist's so weit!«
»Du bist noch sehr kindisch!« sagte Gisa. Denn sie freute sich, halb widerwillig, zwar auch, aber sie fand, man müsse sich solches nie merken lassen, sobald man »erwachsen« sei. Ach, sie war ein rechter Herzenstrost für Fräulein Miller.
»Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen, Fräulein Miller«, sagte Fritzchen mit funkelnden Augen nach einer Schüttelei von fast drei Stunden. »Da ist die Mauer – da sind wir. O, nun machen wir aber das Fenster auf.«
Fräulein Miller erholte sich. »Gott sei Dank! Ja, ja! Aber nun in der Nacht die Rückfahrt!«
»Wir haben Mondschein«, sagte Gisela.
Fritzchen aber dachte: Nacht und Rückfahrt! Wer denkt daran! Das sind ja noch hundert Jahre hin!
Hans Henning und ein alter Diener standen auf der Steintreppe. Wer sollte auch sonst noch da stehen! Was ging den Herrn Gregor die Hohen-Leuckener Chaise mit ihrem Inhalt an?
Fritzchens kleines Herz fiel bei jedem Schritt in das vornehme weite Haus. Hier war alles anders als zu Hause, ach, so groß und schön und fein! Einen Augenblick herrschte das jähe, wilde Gefühl in ihr, auszureißen, fortzulaufen, sich in die Kutsche zu verkriechen. Sie fürchtete den Schall der eigenen Schritte.
»Gisa« –, sie wollte sich der an die Hand hängen, die schüttelte sie ab. »Laß das!« Möglichst, als kenne sie das Fritzchen gar nicht, habe es nie mit Augen gesehen, so tat sie.
Da stand eine große, feine, stolze Dame. Sie begrüßte Fräulein Miller, die einen tiefen Knix machte, und reichte den Mädchen die Hand. Fritzchen blickte auf und vergaß alle Verzagtheit. Sie sah aus wie Gregor.
»Wo ist Gregor?« fragte die schöne, stolze Frau.
»Oben in seiner Stube, Mama. Er wird wohl kommen.«
»Nun, Ihr kleinen Fräulein, so richtige Spielgefährten kann ich Euch hier gar nicht geben. Aber Hans Henning hat sich schon sehr auf Euch gefreut, er wird sich nach Kräften bemühen, Euch gut zu unterhalten.«
Und so weiter, was eine liebenswürdige Frau eben so hin sagt, wenn ein paar kleine Mädel vor ihr stehen, die ihretwegen ebenso gut hätten fortbleiben können. Aber es war ihres Fritz letzte Bestimmung, das Haus mit diesen Dörfflins zu belasten. Was sie so hin sagte aber kam als lieblichste Musik in Fritzchens Ohren an. Als ein Klingen und Tönen aus einer anderen Welt. Lag nicht hier ein Hauch, ein Duft über allem? O – so schön hatten doch alle Träume ihr dieses hier nicht gezeigt.
Waren dies Tassen aus Porzellan? War dies Schokolade? War dies Kuchen, den eine derbe Küchenfaust gerührt und geformt hatte? War dies ein Tisch aus Holz? Ging man hier überhaupt, wie man anderswo geht? Klang, leuchtete, stand und bewegte sich hier nicht alles unter ganz anderen als den irdischen, gewöhnlichen Gesetzen?
Aber unter welchem Gesetz stand das Fritzchen, als es die überirdische Schokolade auf die buntgestickte Decke schwippte? Nun – das ging keineswegs anders. Wie kann das Fritzchen unter einem solchen Ansturm der Gefühle auch ihre Tasse gerade halten?
»Fritzchen!« Armes Fräulein Miller, arme Gisela! Es ist auch unangenehm, immer an solchen Unband gekettet und für ihn verantwortlich zu sein.
»Was das wohl tut!« sagte Hans Henning ungeheuer verächtlich und warf mit der Miene eines Großfürsten seine Serviette auf den Fleck. »Nun brauchst Du es nicht mehr zu sehen, Fritz.« Im Grunde fand er es reizend, daß sie immer noch ihre Tasse übergoß.
Der Glanz dieser, seiner Welt umfloß auch Hans Henning. Sein rotblondes Haar, militärisch verschnitten, seine kurze aufgeworfene Nase, seine unverschämt lustigen Augen – alles war mit von dem Zauber umsponnen und verklärt. Auch er war ein Held, aber natürlich einer niederen Grades. Gregor und die Mutter – die, ach die – –
Es kam ein Schritt, vor dem zitterten zwei dumme kleine Mädchenherzen. Auch Gisela wurde rot vor Erwartung und Bängnis. Ach sie war auch nur ein armes, sehnsüchtiges Kind, mit der Last ihrer vertrauerten Jahre – daran änderte das feinste Kleid und der herbste junge Mund nichts.
Was hatte man von diesem Gregor? Er ging umher, warf ein paar Bemerkungen hin, wie sie ihm gerade kamen, und ließ die kleinen Mädchen aus Hohen-Leucken danach springen und damit zurecht kommen. Hatten wohl je blaue Augen einen kälteren Blick? Und um diesen war man drei Stunden gefahren und hatte lange Monate hindurch auf das Moor gesehen!
Was tut es? Er ist doch schön und gut!
Fritzchen, Du kleiner Affe, was tust Du da in der Ecke? – Nein, das sagt man nicht. Sie hat eben den Schatten ihres Helden, den er im Schein der großen Stehlampe da hinten an die Wand geworfen hat, mit spitzem, übermütig seligem Mündchen ganz flüchtig geküßt.
Hinten in einem großen Zimmer steht der Weihnachtsbaum, er ist nicht bunt wie sonst. Nur Lichter, ein wenig glitzernde Schneewatte und Eiszapfen schmücken ihn. Frau v. Zülchow mag ihn nicht gern sehen, aber sie hat ihn doch für ihre Jungens, vornehmlich für den »noch so kindischen Hans« zurecht gemacht. Gregor hätte wohl nicht so viel darnach gefragt. Gerade in seiner ernsten Pracht wirkt nun der Baum um so stärker auf die beiden Schwestern.
Was ist es nur für ein wunderbares Erleben, das jede neue Minute bringt!
Hans Henning zeigt ihnen allerhand Geschenke, die herumliegen und noch nicht fortgenommen sind. Es gibt nichts Interessanteres als das. Jawohl, es sind ja auch Schlipse, Krawattennadeln, Zigarren, große unverständliche Bücher und lauter Dinge, die von Rechts wegen so ein Fritzchen angähnen müßten. Aber alle sonstigen Berechnungen stimmen nicht mehr, wenn man schon spitzbübisch den Schatten an der Wand küßt.
Das sollte der Gregor wissen! Fritzchen sah ihn von der Seite an, und plötzlich, aus dem Verborgenen, fletschte sie ihm die Zähne entgegen. O diese Lust, diese Lust, solchen Triumph über ihn zu haben! Sie suchte immer wieder mit den Augen seinen Schatten, den alten Bekannten aus der Ecke. Ja, ja, er glaubte, das wäre seiner, und er ahnte nicht, was der für Streiche hinter seinem Rücken trieb!
Alle Abende war hier ein Familienstündchen Mode. Frau v. Zülchow saß im Zimmer bei verhängter Lampe, ihre Jungens bei ihr (früher hatte ihr Fritz nie gefehlt), und sie sprachen miteinander, wie sie es sonst im Treiben des Tages nie konnten. Besuche unterbrachen dies Familienstündchen, aber die Hohen-Leuckener Kinder und ihre Gouvernante galten kaum als Besuch, darum konnten sie daran teilnehmen.
Das Zimmer der Baronin im gedämpften Licht des gelben Lampenschleiers erschien Fritzchen wie ein Märchentraum. Es war ein lieber, wohnlicher und auch gut ausgestatteter Raum, mit schönen hellen Möbeln, Pflanzen, Kunstwerken und Teppichen, jedes gute Haus hat wohl seinesgleichen. Das konnte das Fritzchen nicht wissen. Sie kauerte auf einem Schemel, sah die Freifrau an, die an dem kleinen Kamin saß und von dem flackernden Feuer magisch beleuchtet wurde, und sie glaubte, diese Stunde sei die schönste und die stolzeste ihres Lebens, wenn auch ihr kleines Persönchen so viel wie gar keine Geltung in dieser Stunde hatte.
Fräulein Miller unterstand sich auch nicht recht, etwas zu sagen, sie saß irgendwo im Dunkeln. Für Gisela hatte Gregor ein Sesselchen an den Kamin gerückt und stand daneben. Hans Henning lag wie ein junger Jagdhund seiner Mutter zu Füßen.
Gregor redete viel kluges Zeug. Ach, er tat seinen stolzen Mund auf, und das Fritzchen hörte von da an nur noch Töne – kaum Worte. Aber auch das war schön. Eines merkte auch ihr zerfahrener kleiner Kopf: die schöne, feine Mutter dachte sehr hoch von Gregor, ihr Ton war ein ganz anderer, als wenn sie zu Hans Henning sprach. Den tat sie oft ab, wie man eben einen täppischen Hund abtut, den man im übrigen aber sehr gern hat.
»Ach – Hans« darin war immer so ein bißchen liebevoller Spott. Was der Junge doch immer für Unsinn treibt – so ähnlich. Dagegen:
»Ja Gregor. Meinst Du nicht auch – wie denkst Du darüber –«
Dann kamen große Fragen, die man sonst nur im Katechismus lernt. Ach ja, es war ein gar wunderbares Gespräch!
Einmal sagte Gisela etwas. Mitten hinein! Ach, daß sie solchen Mut hatte! Es war aber schön von ihr. Von der Notlüge, und daß die ihre Berechtigung habe. Aber da sagte Gregor:
»Nein, Fräulein v. Dörfflin, sie hat niemals Berechtigung!« Und darnach sprach er noch weiter und sehr viel in sehr hartem Ton. Frau v. Zülchow wollte mildern, aber er widersprach auch ihr. Einmal bewegte er sich dabei, so daß der Feuerschein auf sein Gesicht fiel, es sah aus wie aus Stein gehauen.
Er sagte, jede Lüge sei ein Mangel an Stolz und Kraft, er würde sich vor sich selber schämen, wenn er, sich aus seiner Not zu ziehen, zu solchem feigen Mittel greifen würde.
»Aber um andere aus der Not zu ziehen?« fragte die Baronin sehr leise.
Ihr Sohn entgegnete ihr hart: »Auch um der Not anderer Leute willen lasse ich mich nicht zerbrechen.«
Noch viel leiser sagte sie: »Gregor – das tote Prinzip und das lebendige Leben! Vielleicht – nach zwanzig Jahren – der Gang über diese Erde ist weit und lang – –«
Es klang so rührend und weh, wie sie sprach, es drang durchs Herz. Aber Fritzchens Herz empörte sich und rief ihren Helden an: Gregor, steh' fest! Was Du einmal gesagt hast, soll gelten! Laß Dich nicht rühren!
Freilich, Helden lassen sich auch nicht rühren. In diesem, in Fritzchens Sinne, war Gregor auch wahrlich ein ganzer Held. Er stand fest, er ließ nicht ab, er antwortete mit heller, klingender Härte.
Was – darauf kam es für Fritzchen nicht mehr an. Sie glühte, sie bebte, sie verschrieb sich diesem Stolzen, Harten, Eiseskalten mit Leben und Blut.
»Ich werde nie wieder lügen – und ob mein Leben oder das Leben anderer Menschen (sie dachte in diesem Moment an Gisa und Fräulein Miller) davon abhängt.«
Diese beiden waren sehr ahnungslos, daß eben ein feuriges Gelöbnis abgelegt wurde, das unter allerhand wunderbaren Umständen ihnen das Leben kosten konnte! –
Dann ging auch dieser Abend zu Ende, und dann kam die lange, lange, traumesheiße Rückfahrt, mit dem Mondschein auf den Wegen und auf der leichten trügerischen Schneedecke des heimatlichen Moores.