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Fritzchen

Erstes Kapitel.

Reading edition

Aus dem Dorfe Hohen-Leucken, das seinen Namen seinem höher gelegenen Herrschaftshause zu Ehren, sonst aber nur wie zum Spotte führte, kam der Doktor das ganze Jahr nicht heraus. Zwischen Moor und sumpfigen Wiesen lag es arglos eingebettet, und am Abend, wenn die Nebel stiegen, wogte eine weiße Mauer bis an die Schwellen der niedrigen Häuser. Typhus, Schwindsucht, epidemische Hals- und Rachenkrankheiten gehörten hier mit zu dem gewohnten Lebensbilde der Leuckener Bewohner, man begrub hier seine kleinen Kinder, man siechte selber, man starb, ohne sich viel um die Ursachen zu bekümmern, oder gar ihnen den Krieg zu erklären. Der Doktor, der viele Meilen über Land durch Lehmboden, durch Sand, über schwanken Moorgrund herkutschierte, fluchte zwar jedesmal von neuem über den Nebelring, der dieses Dorf umzog, aber er war selbst ein Kind dieses Landes, in dem man zwar flucht, im übrigen aber alle Unbill ruhig beläßt, wie sie nun einmal ist, und ihr höchstens mit einem kräftigen Bittren zu Leibe geht.

Der baufällige Krug am Anfang des langgestreckten Dorfes wurde die ganzen Abende nicht leer, sogar bei Tage bevölkerten ihn zweifelhafte Gestalten. Das bißchen Bargeld, das sich der Tagelöhner und auch der Kossat errackerte, wenn er zu Hofe ging, wurde hier wieder vertrunken. Es lag so in der feuchten Luft und dem schlottrigen Gefühl, das man den ganzen Tag in den Knochen hatte. Der Pastor konnte das nicht verstehen, er hatte ein massives Haus und brauchte den ganzen Tag nicht aus seiner warmen Stube heraus. Darin war der gnädige Herr besser, er begriff sehr gut, daß man bisweilen »saufen« müßte, um sich aufrecht zu halten.

Übrigens kam es ihm auch gar nicht darauf an, selbst wenn es sich gerade so machte, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen.

Sonst hatte er es gerade nicht nötig, ins Herrenhaus krochen die Nebel nicht herauf. Dies lag auf einem Hügel, der überdies noch künstlich erhöht war, und war von den Vorfahren dieser Dörfflins, die sicherlich mehr Geld gehabt hatten, als die jetzigen, außerordentlich solide und fest aufgeführt. Ein breiter, chaussierter Fahrweg führte aus dem armseligen Dorfe in sanfter, bequemer Steigung bis an das Tor, ein prachtvolles Steinmonument vergangener Jahrhunderte, von dem noch verwitterte Ritter- und Engelfiguren und noch mehr verwitterte fromme und auch trotzige Sprüche die späten Enkel grüßten.

Von hier aus ging es in den steingepflasterten Hof und vor die niedrige Einfahrtsrampe.

Was das stolze alte Tor versprach, wurde von dem Schlosse freilich nur recht ungenügend gehalten. Es war ein nüchterner und kahler Bau, an dem nur das Alter interessant war, sonstige Erinnerungen an verklungene Ritterzeiten, die ohne Zweifel vorhanden gewesen waren, mußten verschleudert worden oder sonstwie zu Grunde gegangen sein. Es ging eine trübe und schändliche Sage um, daß der Großvater des jetzigen Herrn v. Dörfflin aus einem zwar erklärlichen, aber wenig ehrwürdigen Grunde einen schwungvollen Handel mit diesen alten, geheiligten Dingen getrieben habe. Aber man redete nicht laut darüber.

Das Schloß war breit angelegt, dauerhaft, aber häßlich und unwohnlich. Auf den breiten Treppen zog es beständig, und wer über die unendlichen Bodenräume ging, mußte mitten im Sommer ein Frieren bekommen, wenn er daran dachte, wie es sein müsse, hier zur Winterszeit in den unzähligen Kammern zu tun zu haben.

Frau v. Dörfflin, ein verwöhntes und verzärteltes Großstadtpüppchen, hatte diese Zustände vier bis fünf Jahre treulich durchgemacht und dann gründlich darüber quittiert, indem sie die Augen zumachte und sich in ihr letztes Bett tragen ließ. Sie war eine gute Seele und fand ihr Heil und ihre Pflichterfüllung in unentwegten Krankenbesuchen im nebligen Dorf, auf denen sie sich wie ein rührend unpraktisches liebes Kind benahm. Aber ihr zarter Körper mußte den Luxus, den ihre Seele trieb, bezahlen. In all dem Nebel, dem Zugwind und der Anstrengung ging sie ein wie ein Pflänzchen in verkehrter Pflege und löschte aus, wie von jeher ihre Lichter ausgelöscht waren, mit denen sie über die zugige Treppe in das obere Stockwerk hatte gehen wollen.

Herr v. Dörfflin war ein ziemlich roher und ungebildeter Junker, der von Pferden, Hunden, Jagd- und Landwirtschaft, auch vom Weinkeller zwar so viel wußte, als er brauchte, aber von Frauen, Kindern und den feineren Lebensfragen recht wenig. Er war trotzdem ein Mensch, den man lieb haben konnte, gutmütig, ehrlich und ritterlich aus Gewohnheit. An Herzenskummer starb seine Frau nicht, wenn auch vielleicht ein brillanterer Geist als der ihres guten Ludwig sie in eine andere Bahn des Lebens, Wirkens und Heiles geführt hätte als diese selbsterwählte, bei dem sie aus dem Husten und Frösteln gar nicht herauskam und auf der sie zum Schluß doch kaum mehr hinterließ als den halb mitleidigen Ruhm:

»Joa, se is gaud, uns' gnä Fru. Äwer äten kann ein' doch nich, wat se koakt.«

Tot war sie, dahin, erloschen. Und um die Sache noch gründlicher zu machen, zog sie sich ihren ältesten Jungen, ein schönes zartes Kind von fast vier Jahren, noch in demselben Winter nach. Ludwig v. Dörfflin saß in seinem kalten, ungemütlichen, einsamen Herrenhaus auf Hohen-Leucken, mochte nicht mehr jagen, noch zechen, noch meilenweit zu Bekannten fahren und konnte nur in die Hinterstube gehen und seinem kleinsten Mädchen, dem Fritzchen, dem unruhigsten und wildesten aller Säuglinge, verzagt in den Wagen und in das ewig schreiend aufgerissene Mäulchen gucken. Oder er konnte seine Zweijährige, die artige blonde kleine Gisela, an das Händchen fassen, sich krampfhaft besinnen, was man mit solchem Wurm spricht, der Bonne ein paar dumme Regeln geben, die entweder falsch oder selbstverständlich waren, und sich dann mit dem fatalen Gefühl seines Nichts wieder davon heben.

Mit der Zeit wuchs Gras über das stille Grab der stillen törichten kleinen Frau, und Herr v. Dörfflin ließ das Gras auch wachsen. Er »ließ« überhaupt meist alles, und nur seine Reitknechte wußten es (weil sie es fühlten), daß er unter Umständen auch sehr aktiv und selbsttätig sein könne.

Wie es zog auf den Treppen und dem langen kahlen, in seinen Ecken finsteren Boden! Es war jetzt auch immer schmutzig hier oben. Wer sollte reinmachen, wenn keine Hausfrau da war, es zu befehlen? Das Zimmermädchen schob es auf den Jakob, der die Stiefel putzte, der Jakob auf die Kartoffelschäl-Weiber, und die wiederum fanden, daß das Zimmermädchen auch für den Boden nicht zu feine Hände habe. So ging der Tanz immer fröhlich reihum, schlief auch dazwischen monatelang ein, bis zum großen Frühjahrsreinemachen oder zu Weihnachten auch wieder die Bodenfrage aktuell wurde. Die Wirtschafterin, die hier eigentlich das Machtwort hätte sprechen müssen, hatte ein zartes Verhältnis mit dem Inspektor, ein allzu zartes, das wie sie fürchtete, mit ihrem Abgang reißen könnte. Deshalb wollte sie sich lieber mit den Dienstboten nicht verfeinden, denn die vorige hatte gehen müssen, als eine allgemeine Petition deswegen an Herrn v. Dörfflin erging.

So war der Boden staubig und wurde immer staubiger, und in den Kammern häuften sich zerrissene und schadhafte Wäsche und Kleidungsstücke auf, die man nur »aus der Hand« legte, um sie »nächstens« auszubessern.

Die feine kleine Gisela mit dem schmalen hochmütigen Gesicht nahm ihr Kleidchen eng zusammen, wenn sie über den Boden ging, und ging dort auch nur, wenn es durchaus nötig war. Fritzchen aber war hier zu Hause, und da kümmerte sie weder der Staub, noch die Lumpen, noch all das zerbrochene Hausgerät in den Ecken.

Fritzchen schloß Freundschaft hier oben mit den Balken, den Brettern, den Sonnenstäubchen, selbst mit zerbrochenen Stühlen und alten Bettlaken. Wenn man das kleine wilde Ding suchte, so brauchte man nur nach oben zu laufen. Dann fand man sie in irgend einer tollen Maskerade und sich bewegend, murmelnd oder auch ganz laut diskutierend, als sei sie in einer großen Gesellschaft.

Der Bonne war es schon recht. Unten konnte man mit diesem Quirlchen doch nichts anfangen. Da war sie ungebärdig, höchst unbequem zu haben, oder sie langweilte sich und plärrte. Hier oben konnte man sie stundenlang allein lassen, es geschah ihr ja auch nichts, nur mußte man ihr ein graues Kittelchen anziehen, wenn man den Schmutz nicht sehen wollte, den sie sich hier oben holte.

Bis dahin war alles sehr schön. Gisela zwar zog ein Mäulchen, wenn Fritzchen mit glühenden Backen, die kurzgeschorenen braunen Härchen mit Spinnweben umflort, ins Spielzimmer zurückkam. Sie hatte unterdes Perlen aufgezogen, ihr Püppchen geputzt oder bei dem Fräulein in der Fibel gelernt. Aber das störte Fritzchen nicht, das kannte sie nicht anders. Sie kannte es auch nicht anders, als daß der Papa sich nicht im geringsten um seine Kinder kümmerte. Oft sahen sie ihn tagelang nicht, denn auch bei seinen Mahlzeiten durften sie noch nicht sein. Sie hatte ihre eigene Ritter-, Feen- und Koboldwelt zwischen den dunklen Balken auf dem Boden.

* * *

Unterdessen, ganz für sich und unabhängig von den kleinen Kinderherzen und Gesichterchen, machte der Papa seine Dummheiten. Er ging, sich zu verloben.

Er hatte aber auch einen Freund, noch aus seiner schönen, lustigen Leutnantszeit her, den Freiherrn Fritz v. Zülchow. Der hatte sein Besitztum auf Rummelshof, das ungefähr drei Meilen entfernt lag. Schon als Knaben und dann als Jünglinge waren die beiden trotz großer Verschiedenheiten die besten Kameraden gewesen. Später war das anders geworden. Die Frau, die Herr v. Zülchow sich nahm, war ein stolzes, feines Geschöpf, das eine Abneigung gegen den kleinen derben Ludwig v. Dörfflin hatte. Dadurch wurde der Verkehr zu einer etwas peinlichen Sache und drohte, ganz auseinander zu fallen. Nur hin und wieder auf Jagden, Gesellschaften oder bei den seltenen Besuchen sah man sich. Aber man war sich von Herzen gut wie nur je zuvor.

Jetzt als Herr v. Dörfflin ein unverhülltes Interesse an einem etwas zweifelhaften hereingeschneiten Frauenzimmer zu nehmen begann, wachte alle alte Kameradschaft mit erneuter Stärke in Fritz v. Zülchow auf. »Sieh Dich vor, Lutz!« drängte er. »Es ist nichts damit. Ein weißes Gesicht und ein schwarzes Herz. Du wirst es bereuen.«

»Ach was, dummes Zeug«, sagte Ludwig v. Dörfflin.

Einmal war der Freiherr v. Zülchow wieder in Hohen-Leucken. Es war zur Sommerszeit. Als er mit dem Freunde durch den verwilderten Garten ging, sah er die Kinder hinten durch die Büsche laufen, er rief sie an. Gisela kam gleich, Fritzchen versteckte sich. Der Freiherr war ein kräftiger, froher und sehr wacher Mensch, der nicht, wie sein guter Lutz, auch im Gehen und Stehen halb schlief. Er setzte dem scheuen, wilden Dingelchen nach, faßte es, und während er es festhielt und sich mit ihm auf eine Bank setzte, erzählte er ihm von seinen Hunden, Pferden und seinen zwei großen Jungen, Gregor und Hans Henning, die reiten, schießen und schwimmen könnten wie die Teufel. Dabei sah er Fritzchen unverwandt ins Gesicht und sah, wie sich der scheue, trotzige Ausdruck des schmutzigen kleinen Gesichtes löste und ein süßes, weiches und verlassenes kleines Kindergesicht zum Vorschein kam.

»Bring sie mal mit, die Jungens –«, sagte der kleine Mund.

»Ja, wenn ich wiederkomme«, sagte der Freiherr, und er nahm es von jeher ernst mit dem, was er versprach.

Unterdes war der Vater des kleinen Mädels herangekommen. Der Fremde setzte das Kind ab und behielt es an der Hand, als er sehr ernst, aber gedämpft sagte:

»Ludwig, kannst Du Dir Fräulein Wurach hier als Stiefmutter vorstellen?«

In Herrn v. Dörfflins rundes rotes Junkergesicht kam ein ehrlich ratloser Ausdruck.

»Ja nu – ja nu –«, brummte er.

»Ich nicht«, sagte Herr v. Zülchow ziemlich hart.

»Ja nu – was weißt Du denn von ihr? Sie ist – ach, was geht's Dich an. Lassen wir das. Sowas verträgt keine Einmischungen. Du verstehst mich, Fritz, nimm's nicht übel.«

Als der Freiherr fort war, trank Ludwig Dörfflin die halbe Nacht durch in Gesellschaft seines Försters, und mehr als ihm gut war. Er liebte seinen Freund über alles, und nichts war ihm fataler, als den zu erzürnen.

Aber das sieht doch ein Kind ein, daß man sich in Liebessachen nichts vorreden lassen kann. Was war das für eine Anstellerei, das Fritzchen aus dem Gebüsch zu ziehen! Als ob die Anneliese Wurach ein Drache wäre. Pfui, pfui, solchen Engel zu beleidigen.

Es war drei Uhr in der Nacht, er schlug auf den Tisch, daß die Gläser tanzten.

»Märzmüller«, sagte er lärmend zu seinem Getreuen. »Sind Sie lieber ein Packesel für andere Leute, oder nehmen Sie lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel?«

»Ich nehme lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel«, sagte der grüne Zechgenosse.

»He, so mach ich's auch! Was meinen Sie, ob ich wohl noch so 'ne Hecke nehmen kann? So 'ne ganz hohe, wissen Sie?«

Er war noch nicht so betrunken, daß er den Untergebenen in seine Pläne wirklich und deutlich eingeführt hätte. – –

Ja, diese Pläne! Sie konnten den Leuten, die ihn oder sein Haus lieb hatten, schon Sorgen machen. Anneliese Wurach, eine hübsche, sehr gewandte Person, war seit einigen Wochen bei einem einfachen Gutspächter der Gegend zu Besuch. Keinem Haus der höheren Kreise fiel es ein, sie heranzuziehen. Aber Ludwig Dörfflin war in Liebessachen nicht so ganz zurechnungsfähig. Daß er solche liebe kleine Frau gehabt hatte, war ein freundlicher Zufall, ein bißchen hatte er auch an ihr das Robuste, die Fähigkeit, sich in Szene zu setzen, vermißt. Auf dem Gutspächterhofe kam man ihm mit Handkuß entgegen, und das war er in seinen Kreisen nicht gewöhnt. An Fräulein Wurach lag es nicht, daß er die Werbung verzögerte, sondern nur an der (unter diesen Umständen) lächerlichen Zaghaftigkeit und Hochachtung vor seiner Erwählten.

Es war jetzt November geworden. Man mußte schon wissen, was der November bedeutete auf dem Wege durch die Ebene zwischen Hohen-Leucken und dem Rummelshofe, auf dem die Zülchows saßen. Die Winde hatten sich hier festgesetzt in den Buschgräben und hinter den kleinen Maulwurfshügeln von Anhöhen, an denen bergauf, bergab die Pflüger hinter dem Gespann gingen. Die Pferde, die den offenen Rummelshöfer Herrenwagen zogen, legten sich schief, um von dem gewalttätigen Blasius nicht aus dem Gleise gedrängt zu werden. »Haltet die Mützen fest, Jungens!« Hui, da flog dem Hans Henning seine schon über den Graben. »Spring nach, dummer Bengel, halt aber auch Deine Nase fest!«

Schwer, dick, massig hingen die Wolken am düsteren Himmel, der Wind kam ihnen kaum bei. »Wenn sich das ausschüttet, ist es Schnee«, sagte der Freiherr. »Wie lange sind wir gefahren, Jochen?«

»Zwei und eine halbe Stunde, Herr Baron.«

»So. Macht auf Hin- und Rückfahrt fünf Stunden. Jungens, daß Ihr zu meinem Patchen, dem kleinen Mädels-Fritz, gut seid! Sonst wäre es nicht fünf Minuten Fahrt wert gewesen. Dir besonders, Gregor, sag ich's. Tu Du heute nicht so ungeheuer zwölfjährig und untertertianerhaft, mein Sohn.«

Der Gregor, ein langer, feiner, blonder Junge, wollte wohl antworten, aber der Wind riß ihm die Worte vom Munde ab und hätte beinahe auch noch die Nase mitgenommen. Es war eine stolze Nase – um die von Hans Henning wäre es nicht so schade gewesen.

»Vater, das ist ein Wind!« prustete er nun bloß.

Ja, der Wind, der war schon etwas für deutsche Jungens, die sich von ihm fünf Meilen lang im offenen Wagen um die Ohren pfeifen lassen.

»Da ist Hohen-Leucken.«

Das Herrenhaus sah vom Hügel herunter, grau unter dem schweren, wetterdrohenden Himmel. Die Jungen sahen es aufmerksam und mit der ungeheuer sachlichen Abschätzung an, auf die man sich in diesem Alter so viel zugute tut. Aber die Hauptsache an dem alten häßlichen einsamen Hause sahen sie doch nicht: ein braunes, sehnsüchtiges Struwwelköpfchen, das schon seit geschlagenen zwei Stunden durch die eine der Dachluken auf den Weg spähte, der übers Moor ging.

»Gisa, Gisa, sie kommen, sie kommen!«

Des Hauses jüngstes Kind poltert die Treppe hinunter, daß man es bis ins entfernteste Zimmer hört, stolpert, fällt, poltert weiter, schreit: »Sie kommen, sie kommen!«

Gisa war blutrot vor Ärger. »Dumme Jöre, man schreit nicht so! Was ist denn dabei? Geh lieber und kämme Dich!«

Sie liebte solch kindisches Getue nicht. Sie genierte sich wegen des dummen Fritzchen, die feine kleine Gisela im hellblauen Kleidchen.

Als es nun wirklich so weit war und Herr v. Zülchow mit seinen großen Jungen in der Halle stand, steckte Fritzchen die Finger in den Mund und hätte sich am liebsten verkrochen. Ach ja, sie war auch zu nichts zu gebrauchen.

Gregor war auch ganz anders, wie sie sich gedacht hatte, viel größer und stolzer. Er sah über ihre Köpfe fort und redete zum Papa, als wäre er ein ganz Großer. Er wäre auch am liebsten nicht mit an den Kinderkaffeetisch gegangen, aber das war nun mal so eingerichtet. Fritzchen steckte aus lauter Verlegenheit ein so großes Stück Kuchen in ihre volle Tasse, daß alles überplantschte. Gisa ärgerte sich wieder, aber Hans Henning lachte darüber.

»Grad' wie ich's immer mach', Fritz. Kriegst Du dann auch immer Stripse auf die Finger?«

»Nein.«

»Aber ich. Von Herrn Ritter. Weißt, wer das ist? Unser Hauslehrer. Weißt Du auch, warum er immer so mager ist?«

»Nein.«

»Weil wir ihn immer ärgern. So sagt er. Wie findest Du das?«

»Ach!« Sie sah auf, ganz staunende Bewunderung. Dann leiser, mit ihren winzigen Fingerchen verstohlen auf Gregor deutend: »Der auch?«

»Na! Und ob der nicht! Ich sage Dir, Fritz! Na, ich werd' Dir noch viel erzählen.«

Er sah zu dem Bruder hinüber, daß der sich auch über das liebe kleine Ding freue. Aber der saß da und sah sehr kühl aus, ungeheuer zwölfjährig.

Gisela machte die Wirtin. Sie hatte wunderfeine, geschickte Fingerchen dabei. Sie war lange nicht so hübsch wie das Feuerfünkchen drüben, aber sie sah viel aristokratischer, mädchenhafter und wohlerzogener aus. Als Gregor trotz seiner Untertertianerwürde sechs Stücke Blechkuchen hinter sich hatte, bequemte er sich, das kleine Fräulein anzureden, und fand ihre Antworten und Bemerkungen über Haus, Garten und Viehstand hier, nach denen er sich erkundigte, »gar nicht so dumm.«

Fritzchen war ein Querkopf. Sie hätte sich an der Freundschaft mit Hans Henning genügen lassen sollen. Der Junge war reizend zu ihr, lief mit ihr herum, selbst auf den Boden zu den alten Laken und den Spinneweben, bequemte sich ihren verschrobenen kleinen Ideen an, schwatzte ihr amüsierliches Zeug vor und versprach ihr tausend Wunder, wenn sie einmal nach Rummelshof käme. Sie mochte ihn auch gern leiden, diesen lustigen, rundköpfigen Jungen mit der aufgestülpten Nase, den Schelmaugen und der Mischung von schlingelhafter Frechheit und treuherziger Zartheit. Aber sowie sie konnte, schlüpfte sie immer wieder in die Richtung, in der sie Gregor vermutete, und obwohl er sie kaum ansah und ihre täppischen Bestrebungen, sich bemerklich zu machen, fast niemals wahrnahm, so lief sie doch immer wieder hinter ihm drein und war froh, ihn nur zu sehen.

Jetzt wußte sie mit einem Male, wie die Ritter und stolzen Könige ihrer Spielträume aussahen, und sie faßte eine stille und tiefe Verachtung für die bunten Bilder aus ihren Büchern, die ihr bisher maßgebend gewesen waren.

* * *

Herr v. Zülchow schob seine Kaffeetasse fort, ihm war nicht sehr zum Trinken und zum Rauchen. Als er die Kinder durch die Halle und nach draußen laufen hörte, verschärfte sich die unliebe Empfindung in ihm so stark, daß sein Gesicht sich rötete.

»Ich bin hauptsächlich heute aus einem bestimmten Grunde gekommen, Ludwig«, sagte er.

Die Einleitung war ungeschickt genug. Herr v. Dörfflin warf seine Zigarre fort. »Wenn es Dir um meine inneren Angelegenheiten zu tun ist, so spare den Versuch!« brauste er auf. »Ich lasse mich nicht bevormunden.«

»Ach Gott!« sagte Herr v. Zülchow tief ärgerlich. »Innere Angelegenheiten! Lassen wir doch diese Redensarten. Du hast ja keine Ahnung, wer die Dame ist, die Du Dir zur Frau und den Kindern zur Mutter geben willst.«

»Hast Du etwa die Ahnung?« höhnte der große Junge mit seinem treuherzigsten, dümmsten und impertinentesten Gesicht. Er blickte so impertinent, weil es ihm vor Unbehagen in allen Adern prickelte. Einen Disput hatte er noch nie bestehen können.

»Ahnung, Ludwig? Die ganze Gegend schwatzt davon und lacht über Dich. Als Fräulein Wurach im Sommer nach Lanzow kam, war sie mit einem Schreiber verlobt. Dem hat sie jetzt abgeschrieben, weil es hübscher für sie ist, Deine Gemahlin zu werden. Na ja, darauf kannst Du allerhand entgegnen, ich weiß schon. Aber was meinst Du zu dem allerliebsten Geschichtchen, das die Pastorin Barthold von ihr erzählt? Im vorigen Sommer war sie dort, da die Tochter ihre Schulfreundin war, dort ist sie Hals über Kopf fortgekommen, weil sie ihren ganzen Koffer voll gestohlener Zwiebäcke hatte! Nun, wenn sie Deine Frau ist, gibt sich das vielleicht.«

Im Lampenschein sah Fritz Zülchow jetzt das Gesicht, es sah so jammerwürdig verblüfft und hilflos aus. »Gib mir Beweise für diese albernen Klatschereien«, bullerte Ludwig Dörfflin heraus.

Beweise? Ach lieber Gott, die waren nicht so schwer zu erlangen. Aber er hatte so ein verdammtes Mitleid mit dem runden roten lieben Gesicht, das in die freiesten und lustigsten Stunden seines Lebens hineingehörte wie die Lichter an dem Christbaum.

Er schwieg; ihm selber, nun er das schwere Amt hinter sich hatte, da die Komik verflogen war, stieg Schmerz und Traurigkeit bis in die Kehle. Es soll ja schon manchmal vorgekommen sein, daß in solcher Stunde aus einer alten Liebe ein tödlicher Haß geworden ist.

Ludwig Dörfflin sah auch eigentlich nicht darnach aus, als ob er solche Lehre still in die Tasche stecken und in Tapferkeit und ehrlicher Selbstüberwindung darüber fortkommen würde. Von solch einem Ding wie Selbstüberwindung hatte dieser kleine trink- und hiebfeste Gutsherr sein Lebtag noch nichts gehört, wenigstens war ihm das nur etwas für seinen Reitknecht.

»Soll ich lieber jetzt die Jungen rufen und fahren?« fragte Herr v. Zülchow.

»Ach was. Wozu? Bleibt nur ruhig!«

Das sprach die Wirtspflicht aus ihm, die gute Manier, die den armen Kauz auch zu schlimmster Stunde nicht verließ. Nicht einmal der Gedanke kam ihm, sich mit dem Beleidiger seiner Dame zu schlagen. Er hatte ja recht. Jedes Pünktchen glaubte er. Er sah Fräulein Anneliese in der allerschlechtesten Beleuchtung, die nur möglich war. – Aber, was nun weiter?

Herr v. Zülchow wandte sich von dem kläglichen Bilde ab und ging hinaus, durch eine Seitentür in den novemberkahlen Garten. Man hatte das letzte Laub noch nicht weggeharkt, es rauschte unter seinen Füßen. Der lustige Wind von da unten, der mit Hans Hennings Mütze über den Graben gesprungen war, brach auch hier oben ein, über die Backsteinmauer mit ihren dürren Efeuranken fort, durch die Stämme der alten Bäume. Er blies auch die letzte schwere Stunde dem einsamen Wanderer vom heißen Kopfe fort.

Nun weiß er wenigstens Bescheid, dachte der. Mag sein, daß es zwischen uns aus ist, aber eine schreckliche und jämmerliche Zukunft habe ich diesem Hause und den kleinen Kindern, dem kleinen Fritzel, erspart.

Als er zurückkam, stand Ludwig Dörfflin mitten in der Stube und sah so erhitzt und abgespannt aus, als habe er eben zu wohltätiger Körperübung über alle Stühle gesetzt.

»Morgen fahre ich nach Lanzow und sage ihr alles!« rief er dem Freund zu.

Der dachte: man muß auf jeden Fall verhindern, daß er jetzt gleich mit ihr spricht. Er ist zu unselbstständig in dieser Angelegenheit, und sie würde ihn wieder bestricken. Ein großer Geist ist er ja nicht, aber so dumm doch auch nicht, daß er in Wahrheit diesem Frauenzimmer mehr glauben sollte als mir! Und auf dieses große schöne und berechtigte Vertrauen setzte er sich so fest und solide nieder wie jetzt auf das breite braune Ledersofa, auf dem er mit seinem Freunde schon mancher edlen Flasche den Hals gebrochen hatte.

Es war am Ende dann nicht so schwierig, ihn zu bewegen, diese Angelegenheit erst einmal schriftlich anzufassen. Mit Herrn v. Zülchows Hilfe entstand ein Brief, der deutlich genug war, selbst von Fräulein Wurach verstanden zu werden, und der doch Lutzens gequältem Herzen die Hoffnung ließ, eine tröstliche und alle Verleumdungen zerschmetternde Antwort zu erhalten.

* * *

Aber die Zeit verging, eine Antwort traf nicht ein, und in der Gegend erzählte man, daß Fräulein Wurach abgereist sei.

Herr v. Dörfflin war darnach eine lange Zeit blaß und schlottrig, und als er sich wieder erholte, verfiel er aufs Trinken.

Das Schlimmste dabei war, daß er sich genierte, mit den alten Freunden zusammen zu sein und lieber in die weit entfernte größere Stadt fuhr, wo er in einen Trink- und Spielklub niederen Ranges geriet.

Sein Freund, Herr v. Zülchow, machte sich anfangs keine Gedanken hierüber. Diese wüste Periode war vielleicht ein ganz begreiflicher Abschluß. Aber es blieb dabei. Die schlechten Gesellen, die ihn ausbeutelten, wußten, was sie an ihm hatten, wie Fräulein Wurach es gewußt hatte, und sie fesselten ihn durch Schmeicheleien, auch wie sie.

Der Rummelshöfer versuchte schriftlich und mündlich sein Möglichstes. Aber der von Hohen-Leucken war nicht mehr für ihn zu sprechen, er wurde beleidigend in seinen Ausfällen. Er hatte schon Schule gemacht in seiner neuen Umgebung und hatte Ausdrücke an sich, denen man nur aus dem Wege gehen oder sie blutig rächen mußte.

Die große Stadt lag von Hohen-Leucken drei gute Stunden Wagenfahrt entfernt. Die Leuckener Kutschpferde mußten sich schon an diesen Weg gewöhnen. Oft, wenn Herr v. Dörfflin ungnädig und durch irgend etwas an seinen Kumpanen geärgert war, konnten sie sogar ohne Rast wieder umkehren und die drei Meilen wieder zurückjagen. Zu Hause aber mußten die Bonne und die Mädchen nur bemüht sein, die Kinder aus der Nähe ihres Vaters fern zu halten.

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