Zehntes Kapitel.
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Die kahlen Bäume standen still um den vereisten See. Hier und da hing noch ein gelbbraunes Blatt, das bei dem großen Begräbnis übersehen wurde, in den Ästen. Die Weidenbäume streckten ihre dürren Ruten gen Himmel, und der Schnee lag wie ein weißes Tuch, von keinem Menschenfuß betreten.
Fritzchen ging am Ufer entlang mit Leda an der Seite. Es war der Montag Vormittag, und die Sonne schien nach dem gestrigen Schneetreiben. Auch der Wind war schlafen gegangen, es war fast warm im Sonnenschein.
Seit gestern hatte der junge Mund nicht viel gesprochen. Eine erhabene Stille war auf ihr Herz gesunken. In ihr war ein Bangen, daß sie nun nicht mehr allein war im Leben, und eine große Freude, so hell wie die Sonne am Himmel. Aber beides so tief und still, daß kein Wort, kaum ein Gedanke es berührte.
Leda war jetzt ihre Beste. Mit der ging sie seit dem frühen Morgen herum. Sie hatte die rote Sonne über den Schneefeldern gesehen, sie hatten sich durch angewehte Wälle hindurchgearbeitet, jetzt stand die Sonne hoch und sie waren am klaren eisbezogenen See.
Alles war hier, wie es immer gewesen war, wie sie es kannte, seit sie laufen konnte: jeder Baum, jedes Gebüsch, jeder Knick und Graben, der See, der da hinten durch allerlei Gräben mit dem von Tannenwalde und Rummelshof in Verbindung stand. Wieviel Schritte und Schrittchen von ihr lagen hier am Ufer und querfeldein, rechts und links, über den Sandhügel weg, am Moor entlang.
Aber Himmel und Erde haben sich verwandelt, wie sollte da Busch und See noch derselbe sein und die alte Waschbank, die jetzt unter Eis steht und auf der in wärmerer Zeit die Wäsche geklopft wird, daß der Schall von der Waldwand zurückkommt? Selbst die Sonne ist neu, und das eigne Herz ist neu geworden in dieser einen stillen, großen Nacht. –
Wohl ist es die schönste Brautfeier an der klaren, glitzernden Eisfläche, Sonne und Schnee und die große Einsamkeit um sich her.
Der Hundekopf drängte sich an ihr Kleid, sie streichelte ihn. »Ja, Leda, Du weißt.«
Es war noch keine Sehnsucht in ihr. Alles war still, weit und hell wie das Winterbild um sie her.
Auch er hatte die Nacht nicht geschlafen, erst als der Morgen kam, befiel ihn eine schwere, wie tote Müdigkeit. Aber seine Nacht war nicht still und hell gewesen, sondern voller Stürme und Unruhe.
Ich habe Dich lieb – und ich habe Dich nicht lieb. Du bist mir alles – und Du bist mir nichts. Ich will Dich – und ich will Dich nicht!
Noch hielt er den Mantel fest. Ach ja, es ist ein atemloses Ding um den Sturm, der über die Ebene kommt. Man ist nicht immer bereit, mit allen seinen Registern zu leben und zu klingen.
Gregor! rief es in seinem Herzen: Hüte Dich! Um das Feuer einer Mußestunde verleugne nicht die feinen und kühlen Instinkte Deiner Natur. Lade Dir nicht den Wind vom Felde in Dein Haus. Du verstehst und liebst ihn, aber seine Gemeinschaft müßtest Du vielleicht zu teuer bezahlen.
Ach – ob ich ihn verstehe!
Ob ich je eine schönere Stunde hatte und beglückter fühlte, als einmal hier in dunkler Stube, bei meinem Einzug, als das Feuer im Ofen knatterte – als gestern, auf dem verschneiten Hof, unter Wolken, im Wind.
Weißt Du noch, Herz, die beiden Hunde und das starke, junge Menschenkind?
Suchst Du noch etwas Stolzeres und Süßeres für Dich im Leben? Da – Herz! Wirf den Mantel weg!
Es kroch schon der erste graue Dezemberschein über die weißen Felder, als der hin- und hergerissene Mensch in einen steinschweren Schlaf verfiel.
Wie weit ist das Fritzchen schon über die Felder gelaufen mit ihrer Leda, ihrer Liebe und ihrer großen schönen Ruhe? Wie lang hat sie schon am Eis gestanden, da ist der Pfarrer endlich aufgewacht.
Justine ist besorgt und glaubt, er hat sich gestern erkältet. Um Gottes willen, das darf ihr nicht passieren! Was sollte die Frau Baronin sagen! Es ist zu Hause immer viel Wesens gemacht um den Herrn Baron Gregor, da ist er wohl von klein auf etwas verzärtelt, aber, das gehört sich auch so. Er ist doch ein gar zu feiner Herr!
Nun schleicht sie sich ein bei ihm und heizt, ohne daß er es merkt. Wie ein Dieb, so leise hantiert sie mit den ungefügen Buchenkloben.
Als er erwacht, ist die ganze Stube voll Sonne, und im Ofen brennt ein helles Feuer. Er hat die Arme unter dem Kopf und sieht sich um. Wo war er doch? Wie Schatten fliegen die wilden Gestalten der Nacht an ihm vorüber. Ein leises Abwehren, ein Murren der Bequemlichkeit ist in ihm.
Hell ist das Leben und sein Tag, man überwindet auch seine Tiefgänge. Verstricke Dich nicht in Unruhen und Wirren. Nimm des Lebens Süßigkeiten nicht ernster, als Dir und ihnen taugt.
Er stand auf, badete sich ab, brauchte wie immer mehr als eine Stunde zur Toilette, und ging dann in sein Eßzimmer, das nach hinten hinaus zum Garten lag. Das Frühstück stand wie durch unsichtbare Geisterhände gebracht auf dem zierlich gedeckten Tisch. Die Kakaokanne dampfte, Zwieback, eigengebackenes Weißbrot, Butter, gebratenes Fleisch, Schweizerkäse, alles stand bereit. Die Zeitung lag neben seinem Platz, auch ein Brief aus Rummelshof und einige Geschäftssachen aus der Residenz.
Wie die Sonne draußen auf dem Schnee in tausend und abertausend glitzernden Sternchen funkelte! Wie die Bäume feierlich standen, die Zweige gesenkt unter der weichen, weißen Last. Durch die unberührte weiße Decke lief nur eine winzige Spur von einem Kätzchen oder Hasen.
– Ich will Dich doch! sagte der aufblühende, starke, lebendige Mensch in ihm. Er ließ den Frühstückstisch, Briefe, Zeitungen stehen und liegen und ging an das Fenster. Es rief die Sonne, es rief der weite, leuchtende Schnee: Das Leben ist eine Feier, eine starke Tat! Du Narr, mit Deiner Angst und Deinem Vorbeidrücken! Packe es an, da wo es am tollsten schäumt!
Danach kam einer seiner vielen überlichten Momente. Er sah sich selbst wie eine Figur, an der er keinen anderen Teil hatte, als den des interessierten Zuschauers. Er wußte, er konnte auch diese – diese Sache auf die eine Weise so gut wie auf die andre behandeln. Er konnte es tun oder lassen, erfassen oder liegen lassen, alles war bei ihm möglich und begründet. Er war der Mensch der bewußten Zwiespältigkeit, weil seine Intelligenz weit über seinen Instinkt hinausgewachsen war. Dies machte ihn zu gleicher Zeit klug und unschlüssig, fein und schwach, kalt und nervös. Es bedurfte bei ihm nur des bewußten Anrufs an den Willen, um die eine oder die andre Seite zur Geltung und Herrschaft zu bringen.
Er war nicht frei, insofern das Wissen ihn band. Aber er war mächtig, weil das Wissen ihm den Schlüssel zu der Gewalt über sich, das Leben und seine Dinge in die Hand gegeben hatte, und weil seine Instinkte ohnmächtig waren.
Er konnte nicht bezaubert werden, sobald er selbst es nicht wollte.
Das war fade, aber praktisch.
– Nachdem er diesen Überblick über sich selbst wieder einmal gewonnen hatte, drehte er sich vom Fenster ab und setzte sich an den Frühstückstisch. Das blendende Schneelicht war ihm noch in den Augen, so daß sich vor alle Gegenstände ein Flimmern zog, erst allmählich erkannte er alles wieder richtig.
Er aß und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch dabei sah er sich selber heute zu.
Er hatte ein stolzes und doch trübes Gefühl in der Brust. Das Leben beherrschen heißt meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die Heiligen sind oft nur die Toten.
* * *
Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten Küsters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwöhnten Mann der Welt auf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte.
Er saß am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte Worte, die sehr schön und richtig waren, und an dieser Stelle höchst nutzlos, und die Alte lag da in tausend Ängsten, verbiß sich vor lauter Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe.
»Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor« – das war alles, was sie überstürzt hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Küster hatte drüben Schule abzuhalten, und wußte nichts von dem hohen Besuche. Es war am Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen über den Schnee, und das Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab.
Nebenan in der Küche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Plötzlich ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf:
»Solch verrückter alter Herd!«
Was für eine Stimme?
Gregors Gesicht sah wohl plötzlich wie eine einzige Frage aus, so daß die Alte stotternd sagte: »Das ist – das ist man bloß das Fräulein Fritzchen, Herr Pastor, ich mein': das gnädige Fräulein. Ach Gott, wir sagen noch immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter –«
»Was tut denn das Fräulein hier?« rief er aus.
»Ach Gott, Herr Pastor, man bloß die Supp'. Sie macht mir die Supp' von Mittag nochmal warm, weil ich vorher nicht essen mochte. Und der alte dammlige Herd, Herr Pastor, der will oft nicht so, wer ihn nicht kennt. Dann qualmt er bloß und kochen tut's nicht.«
Gregor war aufgestanden und stieß die wacklige Brettertür auf. Da war eine große, niedrige Küche mit einem einzigen klimperkleinen Fensterchen über dem Abwaschfaß. Auf dem Ziegelsteinboden, in lauter Qualm gehüllt, stand – – wer war es?
Wollte er, der Spieler in dem großen Krieg der Erde, wieder fortschieben, wieder umrütteln, was das lebendige Leben ihm zeigte, daß dies seine kleine Braut war, die da stand, in der gräßlichen Küchenschürze der Frau Küstern, mit rauchgeschwärzten Fingerchen und rotem, zornigem Gesicht!
Da stand er, so erfaßt und überschüttet von Glück, wie er noch nie gewesen war.
Sie hob den Topf vom Feuer und sah ihn an. Flammen schlugen aus dem Herd und beleuchteten ihr Gesicht. Da wußte sie nichts mehr von Qualm und Ärgernis.
»Jetzt ist die Suppe fertig!« sagte sie, und weiter nichts. Sie goß sie in eine irdene Schale und goß einiges vorbei. Die Schürze der Frau Küstern war heute schwärzer geworden, als ihre Besitzerin sie sonst in einer Woche machte.
Er kam zu ihr. Der junge, heiße, verantwortungslose Mensch, der in sich drin sitzt und nicht nebenbei steht, ging mit ihm durch. Da faßte er das Bild seines Glückes, das schönste, beste Bild, das es für ihn geben konnte, um, drückte es an sich und küßte es auf den Mund.
»Mein Fritz – mein süßes Leben!« murmelte er.
Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf. Die Flammen schlugen aus dem Herd, das war ein heißes, jauchzendes Bild!
»O lieber, lieber Gregor –«, sagte sie.
Es war so weich, so hold und demütig. Mit ganz vorsichtigen Fingerchen stellte sie den Topf auf die Steine neben das Feuerloch.
»Ich kann Dich nicht anrühren, ich bin überall schwarz.«
»So gib mir davon ab!« sagte er voller Übermut.
Er umschloß sie und drückte ihr heißes, tolles, geliebtes Köpfchen an seine Schulter, küßte ihr Haar, ihre Stirn, und dachte: So ist es doch am besten! Was soll alles andere!
Fritzchen sagte gar nichts zu alledem, sie lag eine Weile ganz still. Dann hob sie ihr Köpfchen auf, legte es etwas hintenüber an seine Schulter und küßte ihn von selbst auf den Mund.
»Lieber Gregor –«, sagte sie nur wieder ganz leise, aber was Himmel und Erde umfassen kann, war darin.
– – »Ach, Du leiwer Gott, leiwer Gott«, stöhnte es aus der Kammer.
»Ich muß ihr ihre Suppe bringen«, sagte Fritzchen. »Gib mir, bitte, einen Blechlöffel aus dem Schrankfach. Nein, rechts. Ja, da, danke.«
Sie hatte mit beiden Händen die heiße Schüssel zu halten. Als er den Löffel hineinlegte, wuschelte sie für einen Moment ihren Kopf an seinen Arm und küßte seinen Rockärmel.
»Nachher gießen wir das Feuer zusammen aus, ja?« bat sie.
Hatte er je auf Erden solche leuchtenden Augen gesehen?
»Ja, Frida! Komm bald zurück!«
Er blieb an der Feuerstelle allein. Über dem Herd war ein mächtiger Rauchfang, unter dem stand er und sah in die Flammen. Er war nichts als der selige Bursche, der am Herd hockt und auf seine kleine Dirn wartet.
Ach, was hat das Leben doch für süße Stunden!
Drinnen hörte er hin und wieder ihr Stimmchen, den goldenen Klang.
Es stand mitten in der Küche ein dicker, blaugetünchter Pfeiler, der die Decke stützte. An ihm hingen allerlei Feuerhaken, Zangen und sonstige Geräte. Der lange schwarze Schatten von Gregor, den er vor der Flamme stehend, warf, fiel auf diesen Pfeiler. Das war's, was Fritzchen zuerst sah, als sie zurückkam.
Da kam der tolle Übermut ihres Glückes über sie.
»Der da ist mein Bundesgenosse, viel länger schon als Du!« sagte sie.
»Wer?«
»Der da, der sich bewegt.«
»Mein Schatten?«
»Den hab' ich heimlich geküßt, in Rummelshof, als ich noch klein war.«
»Damals warst Du nicht Du und ich nicht ich«, sagte Gregor. Er war beinah eifersüchtig auf den Schatten früherer Zeiten.
Draußen auf der Diele entstand ein Gepolter, die Schulkinder kamen heraus. Als der Küster die Küche betrat, fand er den Herrn Pastor und das Schloßfräulein einig und eifrig bemüht, das Feuer auf seinem Herde auszugießen.
Er tat aufs äußerste erstaunt, aber er war ein alter, heller Kopf. Er dachte: Hier gießt ihr es aus, und anderswo werdet ihr es euch anstecken. Na, mög' es euch viel Glück bringen!