Zweites Kapitel.
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Wenn in diesem Witwerhaus schon früher ein Besuch eine Seltenheit gewesen war, so blieb er jetzt ganz aus. Das sehnsüchtige Struwwelköpfchen brauchte nicht mehr stundenlang aus der Dachluke zu spähen, es kam doch kein Wagen übers Moor, der so lustige und reizvolle Fracht trug wie der Rummelshöfer am Novembertage.
»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen Tag für Tag die Schwester. Die zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht.« Aber sie hatte dabei einen scharfen, unkindlichen Zug um den Mund, der von aufgeschnapptem Mägdeklatsch herrührte.
Fritzchen sehnte sich nur, aber Gisa litt an der Vereinsamung ihres Hauses als unter einer Schande.
»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen ihre Bonne, fragte sie ihr Mädchen, das sie zu Bett brachte.
»Sie werden schon wiederkommen«, war die eine Auskunft. Sie ging von der Bonne aus, die es sich gern bequem machte.
»Herr v. Zülchow ist bös mit Papa«, war die andere Auskunft.
»Warum ist er bös?«
»Na – Papa ist doch manchmal grob und schimpft.«
»Ich will ihm sagen, daß er mit Herrn v. Zülchow wieder gut sein soll.«
»Das tu Du nur«, sagte das Mädchen und lachte.
Fritzchen hatte eine unruhige Nacht voll wilder Träume, ein paarmal wachte sie auf, in Schweiß gebadet. Sie hatte mit Ungeheuern gekämpft, aber das Ungeheuer hatte plötzlich Papas Gesicht gehabt.
Früh stand sie auf und zog sich an, schnell, schnell und im Dunkeln. Draußen schneite es, und der Wind klapperte mit den Läden.
Die Bonne lag noch im Bett und schlief. Plötzlich fuhr sie auf. »Fritzchen – was willst Du?«
»Nichts.« Damit raffte sie das Kleidchen, das sie noch nicht angezogen hatte, zusammen und huschte hinaus, es im Korridor anzuziehen.
Wie seltsam das Haus aussah zu dieser Zeit. Alle Türen standen auf, der Wind fuhr klappernd durch die Gänge. Die Mägde liefen mit Besen und Eimern herum, in den Öfen bullerte das Feuer, aber überall war es noch bitterkalt.
»Fritzchen! Was willst Du denn?« rief Jakob, der eben die geputzten Stiefel des Herrn in dessen Schlafstube bringen wollte.
»Wacht Papa schon?«
»Jawohl. Aber er liegt noch im Bett und trinkt Kaffee.«
»Jakob, nimm mich mit 'rein!«
»Du bist jawoll – was würde er da für Augen machen!«
»Laß ihn doch. Aber geh Du nur, ich komme schon mit.«
»Na, mir kann's ja egal sein.«
Dicht an die Beine des stämmigen Burschen geschmiegt, wie ein Mäuschen, das sich unversehens mit einschleicht, drang der kleine Abenteurer ungekämmt, mit hinten offenstehendem Kleidchen in das Zimmer ein. Der Papa saß aufrecht im Bett, neben sich das Kaffeegerät und las die Zeitung. Er sah gar nicht auf, bis ein winziges Geschöpf an seinem Bettrande auftauchte.
»Na nu!«
Er ließ die Zeitung fallen. Sein Gesicht erschien in dem Rahmen der weißen Kissen noch röter als zuvor. »Was fällt Dir ein? Was willst Du hier? Ist jemand krank?«
»Papa – warum kommen die Jungens gar nicht wieder?«
»Welche Jungens?«
»Gregor und Hans Henning.«
»Teufel!« Er nahm die Zeitung wieder auf. »Was geht's mich an? Geh' raus! – Was geht's mich an, sage ich!« Er ließ das Blatt wieder sinken und schrie das blasse kleine Gesicht wütend an.
Das blieb wie es war, wich und wankte nicht. »Du sollst gut sein mit Herrn v. Zülchow. Die Jungens sollen wiederkommen. Du sollst's machen!«
»Was ist denn das für eine Verrücktheit! Jakob, schaff das Mädel fort! Was sind denn das für neue Moden!«
Jakob grinste innerlich und auch ein bißchen äußerlich. Als er die kleine Hand anfaßte, geschah es sehr behutsam, er zupfte auch nur, ein wenig mahnend, in der Gegend nach der Tür zu.
»Du sollst's machen!« rief Fritzchen laut. Ihre Augen loderten, das ganze eben noch blasse kleine Gesicht war von Glut überzogen.
»Du sollst gut sein! Die Jungens sollen wiederkommen!«
Da hatte Jakob sie glücklich bis an die Tür. »Papa! Du sollst's machen!« Sie hob sich noch einmal auf die Zehen – dann verschwand das feuersprühende kleine Bild.
»Nee, sowas – nee, sowas –« murmelte Herr v. Dörfflin. Er saß noch ein Weilchen, wie er saß, aber er las keine Zeile mehr, und auch sein Kaffee blieb stehen.
»Jakob, zum Donner, so gib mir doch endlich die Stiefel! Was wollte denn das Balg? Wie kam's hier herein?«
»Ich weiß nicht, gnädiger Herr.«
»Ist sie denn ganz – –«
Unter beständigem Brummen und mancher unwirschen Frage an Jakob, die der stets mit Unwissenheit ablehnte, zog Herr v. Dörfflin sich an. Es war noch viel zu früh für seine Gewohnheit. In seiner Stube scheuchte er die Mädchen heraus, schloß die Fenster, in die der Schnee wehte, und im Schein der Küchenlampe, die das Mädchen hatte stehen lassen, schrieb er auf ein Notizblatt:
»Lieber Fritz, so komme doch endlich wieder und stelle Dich nicht an wie eine alte Jungfer.
L. D.«
Dann steckte er den Brief in einen Umschlag, aber schickte keinen Boten damit ab, sondern lauerte selber dem Briefträger auf, damit das alberne Gesinde nicht mit ansähe, was er für ein weichherziger Narr war.
* * *
Hätte Fritz v. Zülchow das kleine mutige Ding im offenen Kleidchen und mit seinem Struwwelköpfchen an des Vaters Bett gesehen, so hätte er wahrlich nicht geschrieben, wie er schrieb.
»Lieber Lutz! Du begreifst, daß Du durch Deine Auffassung von Deiner Würde und Deines Hauses Würde, die mich auf das schmerzlichste überrascht hat, einen so dicken Strich zwischen Dich und mich gezogen hast, daß er nicht so einfach, wie Du meinst, übersprungen werden kann. Es müßten andere Dinge geschehen, ehe ich wieder meinen Fuß über Deine Schwelle setzen könnte oder Dich bitten könnte, in mein Haus, in die Nähe meiner Frau zu kommen. Nimm die aufrichtige Versicherung meiner tiefen Betrübnis über diese Lage der Dinge.«
Herr v. Dörfflin wurde fahl, als er dies las. Er fiel in den Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder und starrte vor sich hin. Es wühlte, es wühlte in ihm, daß er bebte.
Ja ja – er hat schon recht. Es ist vielleicht so. Ich hätte es auch nicht getan, früher –
Fritz – so ist's mit uns geworden – –
Er stand auf, schleppte sich durch die Wirtschaft. Die Knechte rissen die Mützen ab, als er vorüberging, er sah (zum ersten Male beachtete er das) einen heiligen Schrecken vor sich her fliegen. Das half ihm, das hob seinen jämmerlichen Mut.
Pah, was geht's Euch alle an? Ich tue, was ich will. Noch schöner, mich in meinen Jahren meistern zu lassen! Albernes Getue! Komm doch nicht, Kerl, wenn Du nicht willst. Ich werde mich noch davon nicht umwerfen lassen!
Als er zurückkam, draußen vor der Einfahrt, zog Fritzchen einen kleinen Schlitten. Sie hatte ein schäbiges Mützchen auf, aber es stand ihr gut. Sie blieb stehen und sah den Vater an.
Da ging ihm eine heiße Welle übers Herz. »Fritzel –« sagte er unbeholfen und streckte seine Hand aus. Sie ließ die Leine, an der sie den Schlitten zog, fallen und kam zu ihm. Wie ihre großen ernsthaften Augen blickten!
»Fritzel – ich wollte schon – aber er will nicht – Fritzel –«
»Hat er Dich abgeschlagen?« fragte sie, blaß vor Spannung.
»Ja ja – er hat's – er hat's – ja Fritzchen –«
»Wein' doch nicht, Papa. Ich weine ja auch nicht. Guck!« Sie glühte vor Trotz.
»Ich wein' doch nicht, dumme Jöre. Weinen! Noch schöner! Nee, nee, lassen wir diese Leute laufen. Wer nicht will, der hat schon. – Magst Du denn diese Jungens – wie heißen sie doch? – so fürchterlich gern?«
»Das ist nun ganz egal!« sagte Fritzchen. Sie wandte sich um und lief ins Haus. Sie wußte, daß sie nun zum zweiten Male ihre Ritter- und Königslisten einer großen Umänderung unterwerfen müsse.
* * *
Wie einsam zogen die Tage und Jahre über das Hohen-Leuckener Herrenhaus! Der Papa fuhr in die große Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig waren.
Er hätte es wahrlich besser haben können, dieser traurige Ritter. Er hatte Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mädel. Was aber hatte er jetzt?
Sein kleines Fritzchen mit den großen Augen unter der schäbigen Mütze, seine feine stolze kleine Gisa – die zogen wie Nebelbilder an ihm vorüber. Es war hier ein Quell für ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der Haustür, als sein Kind die Schlittenleine fallen ließ und zu ihm gelaufen kam – ein Quell, so heiß und tief und stark, wie er nur in einem sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann.
Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig besser aufgepaßt hätte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen hätte – so hätte das für ihn die beste Erziehung werden können, die je das Leben ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch gespannt), das lächerliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies alles nütz, da er gar nicht einmal hinsah?
Es ist nicht wahrscheinlich, daß Gisa ihm viel geholfen hätte. Die hatte nie diese reine und ungetrübte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafür, daß sie so feine Öhrchen hatte, daß sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die Türritzen und Schlüssellöcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich hätte festhalten und emporklettern können. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht vollends austritt. Denn sie war eine hochmütige kleine Person, und ihr Stolz war verwundbarer als ihr Herz.
Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre über, während Fritzchen, das verträumte Närrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der Geister, und Blumen sprossen am dürrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz, die Winde löschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der dürre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten?
Die verdrossenen Mägde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablöste?
Jedermann trägt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein kleines, halbvernachlässigtes Fräulein im einsamen Gutshause ist. Gisela versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klüger und immer kälter. Fritzchen lebte immer stärker und weiter, aber sie verwilderte dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt. Sie saß mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern über die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschloß hinauf. Sie wurde blaß und ihre Augen immer größer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig und auch wohlwollend nach ihnen um.