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Fritzchen

Achtes Kapitel.

Reading edition

– – – – Fritzchen saß bei der schwarzen Hede Marusch im Dorf, die im Bett lag und die Auszehrung hatte. Vor zehn Jahren und mehr hatte sie auf dem Schlosse gedient, Fritzchens schmutzige Kleider gewaschen und den Boden auch nicht reinmachen wollen. Sie war gerade so brav und nichtsnutzig, geschäftig und faul gewesen, wie die anderen Mägde auf Hohen-Leucken auch. Jetzt hatte sie einen Hofgänger geheiratet, hatte vier lebendige und zwei tote Kinder, und ging mit eiligen Schritten, als könne sie es kaum abwarten, dem Sterben zu. Sie hustete sich die arme Lunge heraus, und Fritzchen hatte Gelegenheit, in ein Bild des Jammers zu sehen, das von keinem freudigen Strahl erhellt wurde.

Sie kannte aus ihrem trübseligen Dorf diese Bilder von Jugend auf. Da liefen diese Mädchen und Frauen herum, arbeiteten sich ab, fingen an zu husten, und dann sahen sie mit heißen, starren, verzweifelten Augen aus ihren bunten Federkissen heraus.

Solange noch Lebenshoffnung glimmte, waren sie untertänig und voll schmeichelnder Dankbarkeit gegen ihr junges Fräulein, das sie zu besuchen und ihnen Erfrischungen zu bringen kam. Alte Frauen erzählten ihr geläufig von der Engelsgüte ihrer seligen Mutter. Aber wenn die Hoffnung erlosch, hörte dies alles auf. Dann sah der nackte Menschheitsjammer, dem hoch und niedrig zu leeren Lauten werden, ihr unverhüllt in das junge Gesicht.

»Wissen Sie noch, Fräulein«, sagte Hede Marusch, »als man mir meinen lütten Auta begrub? Da habe ich immerfort gebarmt, ich wollt mit. Nee, nee, Fräulein, man soll sich das nicht wünschen. Das Grab ist kalt, und all die Leute, die hier schon unter die Erde gebracht sind, machen es nicht warm. Und gucken Sie mal, die da –« sie wies auf zwei Kinder, die unten am Bett standen. »Wenn's mir auch noch so warm wäre, davon will ich ja gar nichts sagen – aber darum kriegen sie doch eine Stiefmutter – und es geht ihnen so, wie der Mine Schulzen ihren Kindern – –«

Sie brachte die Worte vor lautem Weinen kaum heraus.

Das Fritzchen war einer harten Wirklichkeit gegenüber aufgewachsen, in der Krankheit, Tod, Verlassenheit, Stiefmutterschaft und alles Elend unserer armen Erde in dichtgedrängter Fülle saß. Da verlernt man es, oder gewöhnt es sich gar nicht erst an, schöne Worte zu machen. Man könnte sie ja billig haben, wenn man sie wollte, und würde sich selbst wahrscheinlich recht getröstet von dannen heben. Aber Fritzchen war dafür verloren. Sie kannte hier die Leute, ihr Leben und ihre Leiden zu genau, um nicht zu wissen, daß Hede Marusch, und ob sie ihr jetzt die süßesten Worte sagte, doch starr daran festhalten würde, daß ihr Mann sich eine andere Frau nehme, und ihre Kinder in der Armeleutshütte, in der das Elend die Menschen hart machte, eine schlechte Stiefmutter und boshafte Stiefgeschwister bekommen würden.

»Arme Hede!« sagte sie. Sie kniete am Bett nieder und streichelte die magere, weiß-gelbe Hand. »Du hast es schwer auf dieser Erde!«

»Ja, da haben gnädiges Fräulein wohl recht«, klagte die arme Person. »Was ist's mit uns und unserm Leben? Arbeit und Schläge, wenn wir noch lütt sind. Arbeit und Sorgen, wenn wir groß sind und Hunger und Krankheit noch obendrein. Gnädiges Fräulein brauchen nicht weinen, die können wohl lachen. Da oben im Schloß tanzen und lachen sie, und zu essen ist noch alle Tage da, und dann haben sie auch nicht den Husten und die Beklemmung, und daß die lütten Jören dableiben müssen, wenn's nu alle ist. O Gott, o Gott, wenn ich nur einmal könnte aufstehen, ich wollte arbeiten wie nie! Aber sehen, gnädiges Fräulein, wie's damit ist: Gebetet hab' ich Tag und Nacht zum lieben Gott. Aber der hört nicht zu, der hört bloß auf die Reichen.«

Fritzchen kannte das alles: die Bitterkeit, die Anklage, die verstockte Verzweiflung. Man schifft nicht immer auf Wolken, man kriecht auch ganz unten und hört das Stöhnen der ärmsten Kreatur. Sie nahm Pastor Baumann nicht sein Amt ab, Ergebung zu predigen, oder stand ihm dabei zur Seite.

Ergebung! Nein, danach stand ihr bei Gott nicht der Sinn. Es mochte wohl ein weiches Kissen sein, auf das man sich hinlegt, und die Schmerzen und Stöße und den Jammer um die eignen kleinen Kinder besser erträgt. Es mochte wohl ein Helfer sein, der dies Kissen unterschob, der die wilden Klagen zu bändigen verstand.

Dafür war der Pastor Baumann allezeit gut. Er war selber schon alt und schwach, und wenn sein Leben auch arm an Ereignissen und großen Eindrücken gewesen war, so hatte es ihn doch reich und reif gemacht. Da legt man der armen Kreatur seine Hand auf und sagt: »Glaube nur und ergib Dich. Die Liebe ist größer als alle Not.«

Für Fritzchen Dörfflin aber war diese erste und letzte Weisheit nichts. Der alte Pastor war vor einer Stunde hier gewesen, er hatte anders geredet und gehandelt als das törichte, wilde Kind. Ein Gefäß mit Balsam hatte er stehen lassen, aber sie warf es mit trotziger Hand um.

»Ja, Hede Marusch, es ist ein verzweifelter Jammer um Dich und Deinesgleichen! Ich will ja ein Auge auf die Kinder haben, wenn Du tot bist, aber wieviel hilft das? Ich bin nicht allmächtig und allgegenwärtig, und ich habe auch nicht viel Geld. Es ist ja auch noch viel andere Not im Dorf, nicht Deine allein. Was ist das für eine Ordnung in dieser Welt.«

»O Gott, gnädiges Fräulein«, sagte die alte Maruschen, die herangehumpelt kam. »Machen Sie doch man die Hede nicht wieder aufsätzig. Heute abend soll sie noch das Abendmahl kriegen. Ach Gott, ach Gott, war haben's ja sauer, aber wir sollen uns doch man ergeben. Was hilft das Murren? Und stirbt sie unbußfertig, so fährt sie in die Hölle. Gnädiges Fräulein sind noch jung und schön, aber wir Alten müssen das bedenken.«

»Das ist feige!« sagte das herrische, junge Menschenkind und richtete sich mit blitzenden Augen auf. »Aus Angst sich vor dem Mächtigen ducken! Maruschen, ich sag' Euch: Ich möchte lieber in die Hölle, als mich schlagen lassen und noch dazu Demut heucheln!«

»O Gott, gnädiges Fräulein!«

»Jawohl, Mutter, Fräulein Fritzchen hat am End' wohl recht! Ich will auch nicht heucheln und schön tun. Schick zum Pastor, bestell' ihn ab. Ich will lieber zur Hölle, ich will's nicht gut haben, wenn Wilhelm und Mariek und die beiden Lütten es schlecht kriegen –«

Sie saß hochauf, ihr fieberisches Gesicht stand in Flammen, die schwarzen Haare hingen ihr wirr um Kopf und Schultern, die schwarzen Augen brannten. Sie war von einer schauerlichen, jung-hexenhaften Schönheit. Fritzchen stand und sah auf ihr Werk, ein Beben durchglitt sie. Sie sagte nichts.

Aber die Alte jammerte: »Hede! Hede!« und die beiden Kinder fingen laut zu heulen an.

»Heult nicht!« sagte Frida v. Dörfflin mit starker Stimme.

Sie sah sich in dem niedrigen bedrückten Raum um, in dem einem das Atmen verging, und in dem das Elend hauste. Es würde noch viel nackter hausen, wenn der fiebernde Leib dort hinten an der Wand starr und kalt sein würde.

Gebt mir erst eine Auflösung zu diesen grausigen Rätseln, und ich will Euch auch Ergebung predigen! dachte das trotzige Herz.

Sie hat recht, daß sie unter diesen Bedingungen nicht in den Himmel will!

Frida kam wieder dicht an das Bett. »Hede«, sagte sie, »ich habe Achtung vor Dir, Du arme Seele! Andre Leute werden sagen, Du frevelst, aber ich sage, Du hast einen großen Mut. Dicht vor dem Tode Rebellion zu machen, das ist tapfer! Wie es Dir bezahlt werden wird, weiß ich nicht. Vielleicht bekommst Du wieder Angst, das ist wohl nicht zu vermeiden. Aber das soll nichts daran ändern, daß ich Dir hier die Hand gegeben habe, Hede.«

Die Kranke faßte mit beiden Händen nach der Mädchenhand, die sich ihr bot. Ihr abgezehrtes Gesicht glühte unheimlich.

»Ich krieg' keine Angst, Fräulein Fritzchen. Nun ist alles gut. Ich glaub' auch, daß nach dem Tod alles aus ist. Otto sagt's auch immer. Es wird mir schon nichts passieren. Mir ist so leicht, daß ich nu nicht immer mehr beten brauch', während die Lütten doch in Jammer geraten.«

»O Gott, Hede, Hede, besinn' Dich!« jammerte die alte Frau. »Es geht zu Ende mit Dir! O Gott, gnädiges Fräulein, erbarmen Sie sich!«

»Ich kann mich nicht erbarmen«, sagte Fritzchen.

Draußen fuhr eine Kutsche vorüber, man erkannte sie nicht durch die beschlagenen Scheiben. Ein regenschwerer Oktobertag war es. Sonst stürzte alt und jung an die Fenster, wenn ein fremder Wagen vorüberfuhr, heute wendete kaum das Jüngste der Kinder halb mechanisch das verweinte Gesicht.

»Fräulein Fritzchen, verlassen Sie mich nicht«, schrie Hede qualvoll auf, als das Mädchen eine Bewegung machte. »Nee, nee, allein bleiben kann ich nicht! Ich muß die Hand von Fräulein haben, sonst fall' ich. Nee, nee, hierbleiben müssen Sie –«

Das waren ihre letzten bewußten Worte, von da ab verfiel sie ins Delirium.

Das Schloßkind vom Lande hatte schon vieles sterben sehen, Mensch und Tier, und manches davon hatte sie sehr lieb gehabt. Keine sorgende Mutter hatte hinter ihr gestanden, und sie von den schreckensvollen und traurigen Bildern des Lebens ferngehalten. Aber noch nie hatte sie gesessen wie heute, mit ihrem kindischen Trotz, mit ihrem tollen Wagemut, der gegen das Ewige, Unerfaßliche anrennt, als einziger Halt und Hort der geängstigten fliehenden Seele.

Die heißen feuchten Finger der Sterbenden krallten sich in ihre Hand. Wirre Worte von Teufeln, Höllenfeuer, von Spuk und Entsetzen schwirrten durch den Raum. Die Alte lag am Boden und betete, bald zu Gott, bald zu dem Schloßfräulein.

»Ach, süßestes, gnädigstes Fräulein, helfen Sie ihr doch – helfen Sie ihr doch – erbarmen Sie sich.«

Fritzchen legte der Irren die Hand auf die Stirn, sprach auf sie ein, aber das Delirium ging weiter, die verkrallten, heißen Finger ließen sie los, Hede Marusch wußte von ihrer Gegenwart nichts mehr.

Da stand Fritzchen auf. »Ich will Euch zum Trost den Pastor holen«, sagte sie. »Er kann vielleicht auch der Hede noch helfen. Er hat ein paar Beruhigungsmittel in seiner Apotheke.«

»Lebe wohl, meine arme Hede!«

Sie stolperte durch den halbdunklen, lehmgestampften Hausflur, in dem Kraut und Kartoffeln lagen, und stand draußen. Es regnete jetzt nicht. Still, tot und feuchtschwer war die Luft. Auf der Dorfstraße lag das letzte nasse Laub.

Fritzchen trug einen kurzen Rock, in dem sie gewöhnlich zu Pferde saß, ein rundes Mützchen und eine alte braune Jacke. Ihre Wangen glühten, ihr war, als habe sie mit dem Gott da droben um eine arme Seele gerungen und habe obgesiegt.

»Was nun aus ihr wird? Gleichviel. In den Himmel wäre sie sowieso nicht gekommen mit ihrer elenden Heuchelei.«

Sie ging die öde Straße entlang zwischen den kleinen Häusern und bog um die Gartenecke, hinter der das Pfarrhaus lag. Hier hörte der holprige Steindamm auf. Im aufgeweichten Wege vor dem Gattertor hielt eine Kutsche. Sie mußte erst zweimal hinsehen, ehe sie begriff: es war Rummelshöfer Livree, es waren die Rummelshöfer Rappen.

Sie erblaßte vor Schreck. Wer war hier? Jetzt, zu dieser Jahreszeit, und bei dem Pastor? – Der Kutscher grüßte sie, sie brachte die Frage nicht heraus, die ihr in der Kehle würgte. Einen Moment riß es an ihr, umzukehren und davonzulaufen, sie fühlte sich plötzlich so unfähig, ein Gesicht und vielleicht gar das eine, aus diesem Hause zu sehen. Ihre ganze am Sterbebett gerüttelte und durchglühte Stimmung paßte jetzt nicht zu solchem neuen Eindruck.

In einem Gefühl der Schwäche und Abwehr lehnte sie sich an die Gartenmauer. Von den Zweigen fielen ein paar naßkalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie dachte an Hede Marusch. »Ich muß die Arznei holen«, sie straffte sich, öffnete das Holzpförtchen, ging durch den kleinen zerzausten Vorgarten und ins Haus.

Seit einiger Zeit hatte Pastor Baumann die große Kuhschelle, die an der Haustür hing und ohrenzerreißend gellte, sobald jemand die Schwelle betrat, abnehmen lassen. Er war hinfälliger geworden und konnte den Lärm nicht mehr vertragen. Fritzchen wußte das noch nicht. Als der Lärm ausblieb, wurde ihr unheimlich, fast gespensterhaft zu Mute. Sie fürchtete sich vor dem Hall der eigenen Schritte. Auf Fußspitzen schlich sie und klopfte an.

»Noch nicht«, sagte des Pastors Stimme drinnen. »Setz' Dich auf einen Stuhl und warte ein Weilchen.« Er glaubte wohl, es sei ein Gemeindekind.

Aber dem Schloßfräulein kam diese Verwechslung recht. Sie setzte sich auf einen Brettstuhl, unweit der Tür, strich das nasse, wirre Haar glatt und wartete.

Drin klangen Stimmen. Die eine, das war die von Herrn Gregor.

Es berührte sie kaum. Ihr war, als habe sie das erwartet, als könne es auf der Welt überhaupt nicht anders sein, als daß draußen die Rummelshöfer Kutsche stände, sie hier auf dem Brettstuhl säße und drinnen Gregor sprach.

Wie lange? Ja, wer konnte das wissen. Frida Dörfflin wenigstens hatte jeden Maßstab für die Zeit verloren. Es war ja das Schönste im ganzen Leben so: still dazusitzen, müde, halb im Traum und dem Hall der Stimme zu lauschen, die die herrlichste auf der ganzen Erde war. – –

Irgendwo klappte eine Tür, des Pastors Mamsell stand plötzlich da. Eine Frau hatte er schon längst nicht mehr. Sie blieb mit offenem Munde stehen, als sie Frida sah.

»Herr Gott, das Fräulein vom Schloß! Und hier im Flur! Und so kalt! Herrjeh, weiß denn der Pastor das?«

»Still, Reuter! Es ist jemand drin.«

»Und wenn auch! Und wenn auch der Kaiser! Das gnädige Fräulein darf hier nicht so sitzen. Drüben ist man bloß nicht geheizt. Nee, das geht aber ganz und gar nicht.«

Sie war schon an der Tür, mit Eisenfäusten schlug sie daran. »Herr Pastor! Fräulein v. Dörfflin sitzt hier draußen und wartet. Im Flur! Machen Sie doch man bloß auf!«

Fritzchen war empört zugesprungen, aber es war schon zu spät. Alles war jetzt das Werk eines Augenblicks. Ein »Ach!« von innen, ein eilfertiges Heranschlurfen, Aufriegeln, Aufstoßen der Tür. – »Aber Fritzchen, daß Du es bist, ahnte ich ja nicht –« Das Auftauchen eines Gesichts, eine Gestalt im Hintergrund, vom Sofatisch her – –

»Das ist die Schuld von der Reuter«, sagte Fritzchen in trotzigem Ton. »Ich kann und will noch warten –«

»Meinetwegen auf keinen Fall«, sagte Gregor v. Zülchow und stand auf. »Wir sind ohnedies fertig. Es tut mir außerordentlich leid, gnädiges Fräulein.«

»Komm herein, liebes Fritzchen«, sagte der alte Herr.

Es war eine seltsame Stimmung im Raum. Gregors Gesicht war bleich und hatte einen finstern Ausdruck. Der Pastor sah rot und sehr erregt aus.

»Was wolltest Du von mir?« fragte er.

»Geben Sie mir beruhigende Tropfen für Hede Marusch mit«, sagte Fritzchen, immer noch in demselben, etwas steifnackigen Ton, in dem sie angefangen hatte, zu sprechen. »Sie ist jetzt ohne Besinnung und wird wohl sterben!«

»Ach, Kind, warst Du bei ihr? Das ist gut von Dir. So schnell geht es mit ihr zu Ende? Ich wollte ihr heute noch das Abendmahl geben, dann will ich doch lieber gleich –«

»Sie will es nicht mehr, selbst wenn sie bei Bewußtsein wäre«, sagte Fritzchen mit klingender Stimme. »Vielleicht fordert sie es sich noch in der Angst, aber was hat das für Wert! Was hat dies Ducken, Betteln und Winseln überhaupt für Wert!«

»Frida!« rief der alte Herr in großer Bekümmernis. »Ich will nicht glauben, daß Du so zu ihr gesprochen hast.«

»Doch!« rief das wilde Kind. Ihre roten Lippen zuckten vor Kriegslust.

»Das hast Du getan? Und gerade bei der? Meine ganze schwere Arbeit wieder zerstört? O Kind, Gott vergebe Dir Deine Unwissenheit und Deinen Trotz und Deine fürchterliche Vermessenheit. – O sieh, mir fehlen die Worte für Dich! Und das unglückliche Geschöpf, das Du in die Verdammnis getrieben hast, und das Dich verklagen wird vor Gottes Richterstuhl –«

»So sagen Sie mir das eine!« rief Frida in ausbrechender Heftigkeit, »warum Gott sich immer nur Sklaven wünscht und lieber eine geheuchelte Demut will als eine gerade und offene Rebellion?«

Ihre Worte klangen und verhallten, dann wurde es seltsam stumm im Raum. Der alte Pastor griff hinter sich an eine Stuhllehne, als müsse er sich halten, und tappte sich mühsam bis zu dem Rohrsessel vor seinem alten gelben Schreibtisch. Er kehrte sein Gesicht Herrn v. Zülchow zu, der stumm dem wunderlichen Auftritte zugesehen hatte.

»Das ist es, was ich hinterlasse –«, sagte er in gebrochenem Ton. »Das habe ich als Resultat meines ganzen Lebens erreicht. Jetzt seh' ich's: ich war immer ein unnützer Knecht. Sie werden mehr erreichen mit Gottes Hilfe –«

Er bedeckte das Gesicht mit der Hand, und es schien, als ob er schluchze.

Gregor v. Zülchow sah das Kind an, das den Jammer dieses Greises verschuldet hatte. Wie es dastand, war es zugleich schön und wild, ein Bild des rücksichtslosen Lebens.

»Seien Sie doch nicht betrübt«, sagte sie. »Sie haben hier das ganze Reich erobert und Gott zu Füßen gelegt. Die Kirche ist immer voll, die Leute beten und glauben Ihnen alles aufs Wort. Was tut da ein schwarzes Schaf! Verdammen Sie es, aber seien Sie nicht plötzlich so verzweifelt. Herr v. Zülchow, helfen Sie ihm!«

»Das ist das Ende. So ist das Ende –« murmelte Pastor Baumann.

»Seit wann wollen wir denn glänzende Früchte sehen?« sagte der junge Hofprediger. Es war ein herber Ton in seinen Worten. »Kampf ist unser Weg, und auch das Ende ist kein Friede. Wollte ich ein vollkommenes Erbe antreten, ein geglättetes Reich? Legen Sie ruhig Ihr Handwerkszeug aus den Händen, Sie haben getan, was Sie konnten, und ich werde tun, was ich kann.«

»Ja – ja – ich danke Ihnen –«, sagte der alte Pastor. Er strich sich über Stirn und Augen, dann griff er in ein Fach zur linken Hand. »Hier, Frida. Die alte Marusch soll der Hede davon jede Viertelstunde sechs Tropfen geben. Jede Viertelstunde sechs Tropfen. Aber gib's nur ab, halte Dich dort nicht mehr auf. Es ist nicht gut, ich verbiete es Dir. Ich will mir nur Stiefel und den Talar anziehen, dann komme ich hin. Sag' den Leuten das. Nun geh. – Versprichst Du mir, so zu tun?«

»Ja.«

Er hielt ihre Hand fest, die sich nach dem Fläschchen streckte. »Lebe wohl, Fritzchen. Armes Kind. Du hast keine Mutter gehabt. So wild aufgewachsen wie ein Füllen, nicht wie eine kostbare Seele, die behütet werden muß. Lebe wohl, ich kann Dir jetzt nichts mehr sein. Ein andrer wird mir diese Sorge abnehmen. Nun geh. Die Zeit drängt, sie drängt, sie drängt –«

»Ich werde mitgehen«, sagte Gregor. »Für heute leben Sie wohl, Herr Pfarrer, und vielen herzlichen Dank. Auf Wiedersehen, es ist ja noch manches zu erledigen.«

»Auf Wiedersehen!« sagte der alte Mann.

Draußen im Vorgarten sagte Gregor: »Wollen wir hinauf fahren? Ich muß noch zu Ihrem Herrn Vater. Oder gehen Sie lieber?«

»Ich gehe lieber«, sagte Fritzchen. »Ich muß Luft haben.«

»Wo wohnt die Kranke, von der Sie sprachen?«

»Bald um die Ecke herum, das fünfte Haus.«

»Tragen Sie öfter die Fackel der Empörung in die Sterbestuben?« fragte er spöttisch.

»Es war das erste Mal, aber vielleicht nicht das letzte.«

Er blieb einen Augenblick stehen und sah sie an. Das rotbraune Haar hing ihr schon wieder über die Schläfen und über die Ohren. Die Wangen blühten, das ganze Bild in der braunen Jacke, dem kurzen Rock, den derben Stiefeln, blühte.

Du bist bizarr und rebellisch, dachte er, aber Du bist voller Kraft und Leben wie der Sturmvogel über dem toten Moor!

»Wenn es wieder geschieht, werden Sie einen anderen Feind finden, als den guten alten Herrn da hinten im Schlafrock.«

»Wen denn?« fragte sie mit einer aufblitzenden Ahnung im Gesicht.

»Mich – wenn Ihr Vater nicht nein dazu sagt.«

»Wie kann das geschehen?«

In der Stube des Pastors war es dämmerig gewesen, hier sah sie im fahlen Tagesschein ihm zum ersten Male ins Gesicht. Es war verändert in den kurzen Monaten seit dem Sommer, es sah schärfer und älter aus mit harten Linien.

»Was ist geschehen?« rief sie mit plötzlicher Angst.

Er lächelte flüchtig. Dir, Du wildes Kind, soll ich hier auf der Dorfstraße erzählen, was mir geschehen ist? dachte er. – Aber bei Gott, ich glaube, ich erzähle es Dir früher als all den anderen Leuten, die mir mit dem verbrieften Recht auf Vertrauen zu Leibe gehen.

»Hier wohnt die Hede Marusch«, sagte Fritzchen.

»Ich will Posten stehen, damit Sie gleich wieder herauskommen«, sagte er lächelnd.

Im Hausflur hörte sie schon das wüste Schreien der armen Hede. Sie stand in der Stubentür und sah einige Augenblicke den Todeskampf mit an. Wie eine starke Woge stürzte sich alles über ihr Herz. Der Tod hier drinnen und das Leben da draußen –

Sie kam wie schwindelnd heraus.

Der junge Geistliche bot ihr seinen Arm. »Wollen wir nicht lieber doch fahren? Es geht ja nun gleich so stark bergan.«

»Nein, nicht in die Kutsche, das ist so eng.«

Ja, Du brauchst viel Raum, Du unbändiger Vogel! dachte er. – Aber siehe, ich brauche ihn auch und muß und kann ihn doch entbehren. –

So führte Gregor v. Zülchow das Fritzchen Dörfflin am Arm durch das Steintor in ihres Vaters Hause.

* * *

Die Kutsche fuhr fort. Herr v. Dörfflin ging ins Wohnzimmer, fand dort niemand, fragte nach Gisela und Fritzchen. Die eine sollte in ihrem Zimmer sein, das nach dem Garten lag, die andere hatte man in die Turmstube gehen sehen. »Holt sie her.« Gisela kam, Fritzchen nicht. »Warum nicht, Jakob?« »Sie will nicht«, sagte Jakob. Er war immer für das Prägnante und alt genug, sich das zu leisten.

»Was willst Du uns denn sagen, Papa?« drängte Gisela. Sie hatte in einem ganz entlegenen Winkel des weitläufigen Hauses gesessen und von dem aufregenden Besuch erst eben durch Jakob gehört.

»Nein, Fritzchen muß dabei sein«, beharrte Herr v. Dörfflin mit seinem rötesten und eigensinnigsten Gesicht.

Herr Gott im Himmel! dachte Gisela, plötzlich wie entgeistert. Was kann das sein – hat Gregor Zülchow vielleicht wegen Fritzchen –

Ihr wich das Blut aus dem Gesicht.

»Na –«, sagte Herr v. Dörfflin mürrisch – »dann will ich mal nach oben klappern und dem dummen Balg meine Meinung sagen. Das sind mir ja neue Moden! Kinder müssen gehorchen, und wenn's durch Feuer und Wasser geht. Na – ich werd's ihr schon einfüllen!«

Eine mühselige Steigerei über die enge krumme Treppe. Alle Augenblicke blieb er stehen und pustete. Donner, und hier war er doch in früheren Jahren wie ein Jagdhund auf und ab gerannt. Ja, ja, man wird immer älter und dicker und jedes Jahr geht's schwerer und hat weniger Zweck.

Als er ganz oben war, war's gar zu Ende mit seinem Selbstgefühl. Er hatte vergessen, daß er dem Fritzchen das vierte Gebot einpauken wollte. Ach Gott, dies bißchen kümmerliche Leben! Wozu schleppt man nur diesen ungefügen Ballen, der nicht einmal die Turmstiege hinauf kam, noch immer durch die Welt?

Fritzchen hatte das Pusten und Poltern gehört, sie stand schon in der offenen Tür ihres Schlafstübchens, zu dem noch eine weitere Stiege über die Schulstube hinaus führte.

»Papa, Du kommst hier herauf?«

»Na, was soll ich denn sonst. Laß mich doch die Stiege steigen, denkst wohl, ich kann's nicht mehr. Wollt Euch nur sagen – puh –«

»Setz' Dich doch, Papa.«

»Ach was. Wollt Euch sagen, der Zülchow – der war eben hier – komische Geschichte – will hier – hier im Dorf Pfarrer werden – na meinetwegen mag er, wenn Baumann einpacken will –«

»Papa!« Gisela war im Ernst besorgt um seinen Verstand. »Du machst doch nur Spaß. Der Freiherr v. Zülchow ist Hofprediger – Du weißt doch –«

»Was geht's mich an. Weiß der Kuckuck, was da für Geschichten brodeln. Er will hier Hals über Kopf Pastor werden. Nee, nee, Gisela, ich bin nicht verrückt, wenn Du mich auch so anguckst. Er mag's vielleicht sein. Na, meinetwegen, ich geh doch nicht in die Kirche, ist mir zu feucht, hab' ohnedies das Reißen. So – das war's. Nun kann ich ja wieder 'runter.«

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