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Fritzchen

Vierzehntes Kapitel.

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Das Leben hatte in heiliger Stunde erschauernd angehalten, jetzt setzte es mit starkem Takt, mit Gewirr, Getön und Geklapper wieder ein.

Ludwig v. Dörfflin war im Leben nicht viel gewesen. Nun er tot war, war der Mittelpfeiler aus dem Hohen-Leuckener Dasein herausgezogen, und alles drohte zusammenzufallen.

Was nun? Wohin mit allem? Was wurde aus der Wirtschaft? Wer befahl jetzt im Hause? Wer gab Geld? Wer hatte Geld?

Kaum war der Gutsherr unter der Erde, da liefen beängstigende Schreiben ein. Hypotheken, Ablösung, Kündigung, fällige Zinsen – was schwirrte da alles durcheinander. Es war noch acht Tage vor Weihnachten, da kam der Inspektor und redete von rückständigem Gehalt. Wo waren die Papiere? Wo war Geld? Wer schaffte Klarheit und Ordnung in diesem entsetzlichen Wirrwarr?

Von solchen Geschäften verstand Frau v. Pohle auch so gut wie gar nichts; die beiden Kinder ahnten nicht einmal etwas. »Ja, ja, so geht's öfter mit plötzlichen Todesfällen«, sagte Herr v. Leisewitz-Deechow, den Frau v. Pohle in ihrer Angst am Begräbnistage um Rat anging. Er hatte wohl nicht viel Lust, in diesen Kram die Hände zu stecken. »Nehmen Sie einen gerichtlichen Verwalter für die Sache«, schlug er vor.

Ist ein Testament da? Ja, wo soll man suchen? In den Schränken liegen die Papiere herum wie Waschzettel, wer findet sich da hindurch?

Jeder Briefträger bringt Rechnungen. Ein Zigarrenfabrikant schreibt einen groben Brief. Es ist eine heillose Wirtschaft, wohin man auch blickt. Frau v. Pohle schläft keine Nacht. Um Gott, die armen Kinder! Da kommt ja wohl eine Zwangsversteigerung dabei heraus.

Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht!

Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck – und die wirrtolle Jagd bergab stand plötzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der kräftige Ruck?

Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr v. Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben Frau v. Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch festen Händen die häßlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemühen:

»Das ist nichts für Sie, gnädige Frau. Da finden Sie sich doch nicht durch. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bißchen zur Hand und schaffe da erst Ordnung drein.«

Ach ja, es mußte ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben.

Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhörbar und sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt.

Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herüberkommen lassen und sich mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glänzend vor Wohlwollen und Frische, mit dem vergnügten Händereiben des Mannes, der ein Stück Arbeit hinter sich hat, in das Eßzimmer, wo man mit dem Kaffee auf ihn wartete.

Er redete unablässig, während er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein ließ, aber nur von ganz außenliegenden Dingen. Von seinem Gut und seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mühseligen Anfängen, die durch seine jetzige Stellung verklärt und gekrönt erschienen.

Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner Hand. Man hätte sich in diesem Falle keine bessere Hand wünschen können. Keine Liebe und liebenswürdige Begeisterung, keine Weichheit und kein Mitleid konnte so sicher, klar und einzig richtig die verfahrenen Verhältnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschäftsgewohnten Kopf und dem kühlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe, rettete der künftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den Todesfall bedingte allernatürlichste Angelegenheit und band dabei durch all sein Vorgehen Gisela an Händen und Füßen für seinen Leopold fest.

Frau v. Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wußte es auch. Danach wurde es auch Fritzchen klar.

Es war am heiligen Abend. Kalt, still und dunkel war das ganze Haus. Kein Christbaum, keine Lichter, nur die Dienstboten hatten sich Kuchen backen dürfen. Herr Schultze hatte in seiner unzarten Manier gedrängt, den Abend in seinem Hause mitzufeiern, aber Frau v. Pohle hatte für sich und die beiden Kinder voll Bestimmtheit abgelehnt. Herr Schultze konnte es sich jetzt schon gestatten, eine starke Verstimmung an den Tag zu legen.

»Gisa«, sagte Fritzchen, als sie beide allein im grünen Zimmer waren, »Du wirst den Sohn von da drüben heiraten sollen.«

Gisela bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie fühlte alle diese Tage selbst eine Qual und Empörung über den Zwang, der sie in etwas hineinreißen wollte, was sie, als freie Gnade zu vollziehen, noch gar nicht entschlossen gewesen war.

»Sollen?« erwiderte sie. »Man wirbt um mich, das ist gewiß.«

Ihre Art war erkünstelt, sie hätte gern Kälte und Hoheit gefühlt und gezeigt. Aber sie fühlte nur die entsetzliche Frage: Wenn nicht – was dann?

»Tu es nicht!« rief Fritzchen.

Sie stand auf, setzte sich zu ihr auf das Sofa und schmiegte sich an sie.

»Gisa – fort müssen wir ja nun beide. Hier ist's nun wohl aus. Wie es wird, weiß ich nicht. Aber geh nicht zu den Schultzes!«

Matt – nicht heftig und ohne sich von ihr loszumachen, entgegnete Gisela: »Ach, Frida, Du verstehst ja nichts. Du siehst nur den Augenblick, nicht das weite, lange Leben. Wenn alles geordnet sein wird, werden wir ein paar arme Mädchen sein, Fritz.«

»Ja. Laß das doch. Was schadet es? Wir sind ja gesund. Andere Mädchen haben auch kein Geld. Besser, als aus Not und Angst irgend einen reichen Mann zu heiraten, ist das doch immer noch.«

»Du verstehst nichts!« sagte Gisela noch einmal. »Wir haben ja nichts gelernt, willst Du Wirtschaftsstütze werden oder alten grilligen Damen vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer weiß, ob wir auch davon etwas verstünden oder nur angenommen würden.«

»Gisa!« rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden Armen und rüttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf aufrütteln, »es ist nicht möglich, Du kannst nicht, Du kannst nicht das wollen, aus bloßer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwürdig! Du entehrst Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch – Gisa, ich will für Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, daß ich's kann! Ich habe Kräfte und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bißchen Geld bekommen wir doch auch noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa, das wäre die ärgste Rache, die Du an Papa nehmen könntest! Das ist überhaupt das Niedrigste und Schlechteste, was es auf Erden gibt –«

»Laß los! Frida! Was fällt Dir ein! Du drückst mich ja! Laß los! Was weißt Du, Kind –«

»Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu nur das eine, Gisa, tu keinen übereilten Schritt. Laß Dir Zeit, dann wirst Du selber sehen –«

»Gnädige Fräulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch«, sagte Jakob in der Tür. Man hatte das Knirschen von Rädern im Kies nicht gehört. Er hielt die Tür auf als ein fühlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der Fülle seiner Ahnungen heraus.

»Ach, Herr Schultze –«, sagte Gisela in grenzenloser Bestürzung und machte sich aus der Umschlingung der Schwester los.

Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das sah Gisela, das sah Fritzchen. Die Stufen vor der Haustür hätten es sehen müssen, so prangte es aus ihm heraus.

Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in schönster Ordnung.

»Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgrüße –« Er kam ins Stottern, es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her. Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst hätte er gemerkt, daß jetzt der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er hätte Kehrt gemacht und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als länger dazustehen und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben.

Da kam Frau v. Pohle herein. Sie hatte das Rädergeräusch gehört und nahm an, daß ihre Gegenwart jetzt nützlich sei. Im übrigen war sie in dieser Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand: Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was man durch Hinderung ihres Vorhabens hätte retten können. Sie war eine kühle alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein Mädchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mühsal tragen, so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten Mühsalträgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel. Laßt sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir sind auf Erden nicht so arm an guten, starken und blühenden Elementen, daß wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme ausrenken müßten. »Wir« überhaupt! »Wir« können gar nichts. Gisela heiratet doch – Fritzchen reißt doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu aufzubauen. – »Wir« sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut.

Sie übersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglückliche Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlüssigkeit, Frida kriegerisch bis zum äußersten.

Was ist es doch für eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rücken. Frau v. Pohle bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark »erstaunt« über den Besuch zu dieser Stunde, ließ ihn sanft und nachdrücklich fühlen, daß seine ungenügende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische lud. Die allgemeine Schwüle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle, wie sie waren.

Folgendes war das Bild dieses Abends.

Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschießen, sobald eines von beiden dem Kernpunkt näherrücken würde. Herr Leopold, die Unglücksfigur des Abends, sich windend und würgend, als hätte er einen schlechtsitzenden Kragen um. Gisela, allmählich aus der Verwirrung zu sich kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v. Pohle, über dem allen, die Oberfläche beständig glättend und sich um das Brodeln der Tiefe kein Herzklopfen machend.

Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am Tisch. Ach, es ist so wonnig schön, wenn man noch nicht mit seiner Kraft herumpufft, als hätte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch übersieht, mit seinem ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den Sieg glaubt! Die Jahre des Lächelns und Müdewerdens und Stilleseins kommen immer noch früh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige, gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging!

Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttäuschungen herum, Du, mein schönes Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Empörung und Schmerz! Es gehört alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein Leben lebst.

– – Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch.

Leopold Schultze fühlte sich beständig von der Erwartung seines Papas gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wäre die Entscheidung doch wohl noch verschoben worden. Aber das stärkte seine Schüchternheit wie Alkohol, er rannte einfach, wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das Fritzchen, vor dem er sich fürchtete, brauchte nur einmal aus der Tür zu sein, Frau v. Pohle zur Seite zu gucken, da flüsterte er wie im Sturm seine auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut übergossen, sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die Hauptsache, die Erklärung, war geschehen.

So sicher ritt dieser schüchterne Jüngling auf seines Papas dickem Geldsack einher!

Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische, beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, faßte er sie um und küßte ihren Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. »Süße Gisela –«, flüsterte er.

Als sie in die Helle traten, strich sie sich mit einem tiefen Aufatmen über das Gesicht.

Nun war es also doch so gekommen. Doch es konnte ja auch nicht anders sein. Gut, daß die Entscheidung vorüber war.

»Noch nichts sagen!« bat sie ihn.

»Aber bald – bald!« flehte er dagegen.

Frau v. Pohle sah sich nach ihnen um.

»Na ja!« dachte sie nur.

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