Dreizehntes Kapitel.
Reading edition
Damals war die Stunde noch nicht gekommen, daß Fritzchen ihre alte Heimat verließ. Es ging nicht. So wie der Doktor und Frau v. Pohle sich das zurecht gestellt hatten, ließen sich dieses Kindes Wege nicht ordnen.
Frau v. Pohle hatte heftige Szenen mit dem Papa wegen der »Luftveränderung«. Der Papa wurde zum ersten Male ausfallend gegen die feine alte Dame. Fritzchen kroch nicht an ihn heran, um Schutz zu suchen, sie fühlte sich nicht von ihm beschützt. Sie stand blaß und still und kalt und sagte: »Ich reise nicht fort.«
Als sie kaum aufgestanden war, ging sie nach oben, sie wußte, daß sie hier einen Zettel geschrieben hatte. Er war fort.
Hatte Gregor wirklich in der Tür gestanden? Oder hatte sie Geister gesehen?
Sie fragte nicht. Ein kaltes Schauern ergriff sie. Nicht mehr daran denken! Schon wieder kam das Gefühl des Entsetzens über sie, das mit diesem Raum verbunden war. Da stürzte sie hinaus und zitterte an allen Gliedern. Es war vorbei für sie mit der Turmstube auf immer.
– Das Grausen verließ sie lange nicht. Sie konnte sich Gregor nicht anders denken als mit dem toten kalten Angesicht und dem Gespensterblick hinter den Brillengläsern. Sie zürnte ihm nicht, sie suchte nicht nach Erklärungen, und niemals, zu keiner Stunde, hoffte sie auf ihn und die Wiederkehr von Liebe und Glück.
Nichts – nichts. Sie graute sich nur. Diese Trennung war in Wirklichkeit auf Tod und Leben gegangen.
Aber sie wollte nicht fort. Nicht aus Liebe oder Hoffnung oder Kraft geschah das, sondern aus der großen Lähmung heraus, die diesen freigebornen und abgeschossenen Vogel befallen hatte.
Am Sonntag hörte sie die Kirchenglocken läuten. Gisela kam in Hut und Mantel herein, heute war sie die einzige aus der Familie, die ging.
War das erst der vorige Sonntag, als sie alle dort gewesen waren? Der Sonntag – das war erst eine Woche her –?
Fritzchen saß im allgemeinen Wohnzimmer. Sie staunte nur und dabei fror sie über und über trotz des warmen Raumes. Sie war in ein großes Tuch gewickelt. Wenn sie unter den anderen war, dann graute ihr nicht, nur allein mußte man sie nicht lassen.
Herr v. Dörfflin ging an ihr vorbei und streichelte ihr mit seiner breiten Hand über den Kopf. »Fritz, was ist's mit Dir? Wo tut's Dir weh?«
»Weh? Gar nicht«, sagte Fritzchen, verwundert über diese Frage.
»Du wirst hier gesund, ja? Du läufst nicht fort?« brummelte er weiter.
»Nein, warum sollte ich fort? Ich bin ja hier ganz gut.«
Mehr wollte er gar nicht wissen, er ging zufrieden seines Weges.
Am Nachmittag kam Besuch. Leopold Schultze, der Sohn des Fabrikbesitzers vom Laueschen Familiengut, und seine Schwester Melitta. Sie kamen wegen Gisela, sonst aus keinem Grunde. Herr Schultze jun. hatte eine aufrichtige, etwas weichliche Schwärmerei für sie, die zwar von seinem Vater, der mißlichen Geldverhältnisse auf Hohen-Leucken wegen, nicht mit Entzücken betrachtet, jedoch immerhin, aus Gründen einer Adelsverbindung durchaus gutgeheißen wurde. Nur hatte Herr Leopold, der ein sehr guter Sohn und ein weicher Mensch war, die strikte Weisung mitbekommen, nicht eher seine Wünsche in voller Deutlichkeit zu zeigen, als bis Giselas Zustimmung eine sichere Sache sei. Denn diese Familie war noch zu neu in dieser Gegend, um nicht eine solche Einführung, an der ein Korb hing, durchaus scheuen zu müssen.
Gisela hatte seit den letzten Wochen schon den Kopf voll von dieser Werbung und der Aussicht, eine Frau Schultze zu werden. Daher war Fritzchens wunderliche Erkrankung ziemlich spurlos an ihr vorbeigegangen. Eigentlich stand ihr Sinn nach anderen Dingen. Sie hatte gedacht, die beiden Rummelshöfer Söhne unter sich und ihre Schwester zu verteilen. Wie – daran war wohl kein Zweifel. Die verwandten Elemente zusammen, so daß nirgends Feuer und Wasser sich zu gesellen brauchten.
Sie war ein gar kühles, weltförmiges Menschenkind, in dessen geschickten Händen viel Unmögliches möglich wurde. Aber sie hatte auch ihre Abhängigkeiten, die sie armselig, bedürftig und ohnmächtig machten. Gregor, in seiner dörflichen Pfarre, von der Professur abgesehen, die ihr ziemlich sicher schien, war ihr doch immer noch der Liebere und Interessantere und Glänzendere, als Herr Schultze mit seinem Geld.
Wer zählt das Herzklopfen eines armen, auf Scheinbilder gestellten Mädchens, das zwischen der Frage: ob Schultze – ob Zülchow in grausamer Schwebe hängt, während schon der Sperling in ihrer Hand pickt und droben auf dem Dache die schimmernde, flüchtige Taube sitzt?
Auch der Sperling hat Flügel, er sitzt nicht ewig in Deiner Hand – mahnte das geängstigte Herz.
Wie sie dies Hohen-Leucken haßte in seiner kahlen Öde, wo man angewiesen war auf zwei, drei junge Leute, wo kein reizvolles Spiel der Eifersucht, kein keckes Wagen und Tändeln, kein prickelndes Wetterspiel von Gunst und Ungunst stattfinden konnte! Hier saß nur ein braver, langweiliger Freier in schwerfälligem Ernst: Nimmst Du mich – oder nimmst Du mich nicht? Und dahinten in Wirrnis und im unbekannten Land flackerte ein helles, prächtiges, vielleicht trügerisches Licht.
Sie fing an, nervös zu werden. Nur nicht allein mit ihm! Nur Aufschub, Aufschub! Es durfte nichts nach Ablehnung aussehen, und doch durfte auch nichts zu sehr ermutigen und dadurch beschleunigen.
Ja – das sind auch Kämpfe. Der eine hat es auf dieser Ecke, der andere auf jener. Tränen und Blut haben sie alle beide, und der Schein ist am Ende auch ein Sein.
Im ganzen war es eine brillante Unterhaltung, leicht, graziös, mit geistreichem Geblitzel, wie immer, wenn Gisela regierte. Melitta Schultze war klug und lustig, sie sekundierte vorzüglich. Gisela war gar nicht hübsch, sie hatte ein langes kaltes Gesicht und einen verkniffenen Mund, aber sie verstand es so pompös, etwas aus sich zu machen, daß viele Männer schwuren, sie sei eine Schönheit.
Ein ganz klein bißchen feiner Klatsch lief zuweilen auch mit unter, aber nur wie ein Körnchen Paprika. Gisela verpfefferte ihre Gerichte niemals. Heute gab es eine wirkliche plumpe Neuigkeit.
»Der jüngste Zülchow ist verschwunden.«
»Ach! Was heißt das: Verschwunden?«
»Nein, in der Tat, mein gnädigstes Fräulein. Es sollen schon Nachforschungen angestellt sein, der Bruder hat auch bei seinem Regiment vergeblich angefragt.«
Man lachte darüber. Der eifrige Bericht klang so ein bißchen kindlich. Herr Leopold war mit seiner Neuigkeit hereingefallen und schämte sich.
Fritzchen hörte das alles mit an. Sie saß bald am Ofen, bald am Fenster, bald mit am Kaffeetisch. Sie sprach nicht mit, sie war blaß und ruhelos. Melitta versuchte ein paarmal, mit ihr zu reden, aber sie gab kaum eine Antwort, so traumhaft dumpf war ihr zu Mut. Die anderen beiden beachteten sie nicht viel. Herr v. Dörfflin hatte über Kopfweh geklagt und war fortgegangen.
»Was soll denn mit Hans Henning sein?« fragte sie plötzlich und blieb hinter einem Stuhle stehen. Die Frage klang wie im Zorn gerufen.
Herr Schultze sah sie beinahe erschrocken an. »Ach, jedenfalls nichts. So ein Streich, wie ein junger Mensch mal macht.«
Wie aus unendlicher Vergangenheit stieg das Bild des stürmischen Jungen vor ihr auf. Sie mußte sich erst wieder zurechtfinden. Der erste Klang aus der alten lebendigen Welt!
Hans Henning – ja – an der Gartenmauer –
»Er hatte eine verstauchte Hand –«, sagte sie langsam, wie suchend.
»Nun, das hindert nicht am Streichemachen«, sagte Gisela, und die drei lachten.
Dem Mädchen wurde es plötzlich heiß in dem wollenen Tuch. Sie streifte es von sich, ging hin und her, ging zum Fenster und zurück. So war sie schon die ganze Zeit über gelaufen, aber in dumpfer Ruhelosigkeit. Jetzt bebte und klopfte alles in ihr. Eine unklare Angst hatte sie überfallen, es war nicht mehr das Grauen von vordem, sondern ein lebendiges, wildes Empfinden, so, als müsse im nächsten Moment die Tür aufgehen und ein Bote des Schreckens dort erscheinen.
Es geschieht etwas! Es geschieht etwas! hämmerte es in ihr.
Sie stand und starrte die Tür an: Jetzt muß es kommen!
Es kam etwas. Die Tür ging auf. Es war Jakob in seiner Sonntagslivree. Leise, wie ein Schatten, die anderen sahen oder beachteten ihn gar nicht. Seine und Fritzchens Augen trafen sich unmittelbar bei seinem Eintritt. Er winkte ihr nur zu, sie verstand sofort. Es war gekommen!
Draußen in der Halle sagte er zu ihr: »Der gnädige Herr ist unwohl geworden. Ich weiß nicht, was das ist, es sieht ganz doll aus.« Er war selber bleich und schlotterte an den Gliedern.
»Wo ist er? Schnell –«
Sie war schon davon, aufs Geratewohl in der Richtung seines Zimmers, er schoß ihr nach und hielt sie am Ärmel fest.
»Gnädiges Fräulein – Fräulein Fritzchen, ich denke – kriegen Fräulein Fritzchen man keinen Schreck – es ist am Ende wohl ein bißchen schlimm –«
»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte Fritzchen.
Es war so schlimm, wie es sein konnte. Herr v. Dörfflin war vom Sofa gefallen, auf das er sich wohl vorhin gelegt hatte. Er lag unten auf der Erde. Jakob hatte den Knall gehört, war herbeigestürzt, hatte sich die Sache angesehen, seinen Herrn ein bißchen herumgedreht und war davongelaufen. Es war doch eine grauliche Sache!
Fritzchen kniete neben ihm.
»Sofort den Doktor holen, Jakob. Sag's draußen. Und dann faß mit an, wir müssen Papa zu Bett bringen.«
Sie beugte sich tief über ihn. »Papa!«
Es kam keine Antwort zurück, nicht einmal ein Zucken. Sein Gesicht war wunderlich entstellt. Aber er lebte noch.
Ehe der Mensch wiederkam, kauerte sie neben ihm, den Arm unter dem schweren Kopf mit den blauroten, gedunsenen Zügen, mit der anderen Hand tastete sie ihm nach dem Puls, befühlte die feuchtkalte Stirn.
»Papa, mein Papa –«, murmelte sie immer wieder auf das leblose Gesicht nieder.
Es kam Leben in das Haus, die Kunde flog wie ein wilder Vogel durch alle Räume. Es kam Hilfe, mehr als nötig war. Draußen wurde nach dem Schultzeschen Wagen gerufen.
»Ein Schlaganfall –«, sagte Frau v. Pohle leise. »Ihr armen Kinder –«
Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen, die nichts nützen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut sich, oder man ringt die Hände und weint, was noch am wenigsten nützt. Da läuft Gisela durch das grüne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um aus Frau v. Pohles Stube Tropfen zu holen, sie sieht noch all das Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da hört sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O schrecklich, schrecklich.
Frau v. Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, daß sie fror, und all das leere Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hände. Sie grauste sich nicht und schüttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme Mägdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wußte und konnte (viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrünstiges Bitten: »Papa, bleibe hier, lieber Papa!«
Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann getrost über das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders. Manch armer Schächer im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn vorgemacht. Selbst der Förster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein paarmal vorgestellt: »Zum wenigsten eine Diakonissin müßte her, gnädiger Herr.«
Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bißchen Kranksein!
Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bißchen Leben und Sterben. Was nicht mehr halten will, das reißt eben. Er hat auch nie geflickte Hemden tragen mögen. Nun behält er auch bis zum Schluß recht: die ganze Anstellerei hätte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin hätte heute auch nur daneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor tat.
Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. »Na ja – das ist eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wäre es heute nicht gekommen, so käm es morgen, bei dieser Konstitution.«
Im Hof rannten die Leute, alle Ställe waren erleuchtet, keiner wußte warum. Das war auch »man eben so.« Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den Wagenlaternen des Doktors.
»Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin«, sagte der Doktor. »Ich komme im Frühesten noch einmal heran, bis Mittag hält er es wohl noch aus.«
Man trug alle überflüssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht für diesen armseligen Erdensohn brach an.
Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett paßte. Gisela nicht, und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese verstand das am ehesten. »Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen«, sagte sie zu Gisela.
»Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling«, entgegnete Gisela mit etwas sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalität war in diesem Moment ganz ehrlich.
– Noch gehen die Atemzüge. Noch stöhnt und gurgelt und grunzt es aus der Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Körper. Fritzchen sitzt auf seiner Bettkante und hält seine Hände, streichelt sein Gesicht. Manchmal ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten Geist.
Nur eine verhängte Lampe brennt.
Mein Vater – was war denn unser Leben miteinander?
Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich hätte mehr mit Dir sein müssen.
Sie beugt sich über das Gesicht, es zu küssen, er merkt es nicht mehr. Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die häufigste. Wenn der alltägliche Mensch, den man am Alltag vernachlässigt und nicht viel geachtet hat, plötzlich zur Erde stürzt und sein irdisch Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und Ansehen, dann sitzt der andere da und schlägt sich die leeren Hände vors Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versäumt!
Das ist die alte, gewöhnliche Geschichte.
Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stören. Laß das Kind mit dem Vater allein einig werden. Es läuft am Ende doch nicht alles nur auf ein Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von zweien der eine gehen will. Viel Unbewußtes, das hier klar und hell wird, viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die niemand verlangte und niemand angerufen hat.
Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Stützen, ein Trunk Wasser, ein beruhigendes Streichen der Hand, das bloße Dabeisein – das alles ist in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende für ewige Zeit über die Kluft des Todes hinüber, das wiegt tausend Versäumnisse auf. So groß und so klein das Leben – so groß und so klein sind seine Formen. Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben.
Nicht im Jammer der Reue soll das Kind sich vom Vater scheiden. Mit den jungen, heißen, lebendigen Lippen küßte sie die zerfallende Form.
»Papa, lebe wohl, mein lieber Papa.«
Es kam schon jemand, aber der störte jetzt nicht mehr. Leben und Tod hatten schon ihren großen Bund geschlossen und saßen friedlich Hand in Hand.
»Fritzchen –«, sagte leise die Eingetretene, Frau v. Pohle, »es ist Ihnen vielleicht nicht recht, aber Gisela hat gehandelt, ohne mich zu fragen. Sie meinte, es sei in der Ordnung, sie hat zu dem Pfarrer geschickt. Er ist schon hier und wartet.«
Es war Morgen geworden, obwohl draußen noch Finsternis lag. Sie sah im schwachen Lampenschein die dämmernden Züge. »Er versteht ja doch nichts mehr, ich werde den Pfarrer zurückhalten.«
Fritzchen sah zu ihr auf, sie ließ die sterbenden Hände nicht los. Ihr Gesicht hatte sich in diesem seltsamen Zusammensein verwandelt, es sah klar und groß aus. »Der Pfarrer kann kommen«, sagte sie.
Frau v. Pohle ging und holte ihn herein. Sie war beklommen und bange wie das Kind dort nicht war. Sie wußte auch nicht, ob sie recht oder unrecht tat, sie konnte jetzt nichts als den großen, stillen Augen gehorchen und ihren Willen tun.
Überall brannten Lampen, das ganze Herrenhaus war wie illuminiert. So hatte Gregor es gefunden, als er in eisiger Morgenfrühe den nächtlich dunklen Weg hinanging. Als ob es ihn zu einem hohen und strahlenden Feste grüßte.
Er wartete in Herrn v. Dörfflins Zimmer. Noch hing alter Zigarrenrauch im Raum, eine halbgerauchte Zigarre lag im Aschbecher auf dem Sofatisch. Welch eine Sprache dies alles führte!
Am Fenster stand Gisela und weinte. Seit er das Haus betreten hatte, war die Erschütterung übermächtig über sie gekommen. Es war wohl keine Spielerei, daß sie ihn gerufen hatte, wenn auch in ihrem tiefsten Winkel, wo die dunklen Motive lagern, solch ein Spielmotivchen vielleicht mitgefunden werden könnte. Aber sie hätte auch Pastor Baumann holen lassen.
Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wußte, bis nichts mehr übrig blieb, regiert zu werden, als ein Häufchen leichthandlicher und wechselbarer Wetterfähnchen.
Gregor dachte nicht an sie.
Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v. Dörfflin von dem Sterbebette seines Vaters hinausgeführt hatte, weil er kein Recht besaß, dort zu weilen.
Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett?
Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der Kirche. Er war nur der Träger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines Befehles.
Er wußte, wen er dort finden würde und bebte nicht.
Frau v. Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schloß sich an. Da sah er das Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht.
Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewußtlosen das Abendmahl nicht mehr reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte nun zu gehen.
Da kam der Geist über ihn. Er öffnete den Mund und sprach mit gedämpfter Stimme in einem edlen, schönen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der Fülle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschöpflichkeit und Unzerstörbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergründlichkeit des Werderätsels, das das Weltall umfaßt und an die Gottheit rührt.
Es war keine Predigt, kühl abgewogen, auch keine Improvisation, bei der plötzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott! laß uns Dich schauen! Mensch – wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin ich?
Er hörte es nicht mehr, der Ziehende. Aber er war es doch, der in seiner dunklen Sterbestunde den vier Menschen, die ihn umstanden, eine große, starke Gnade gab. Noch nie war in diesem Sohn der Kirche das Herz so heiß, so voll und groß geworden, noch nie hatte es, den Eispanzer sprengend, in so starken Tönen sein dumpfes Ringen und seine helle Erkenntnis, sein dunkles Glauben und seine herrliche Anbetung so unbekümmert und ohne Zurückhaltung verschwenderisch ausgeströmt.
Zum ersten Male in seinem Leben war er von sich selber frei.
Dies war die größte Stunde seines Lebens, zu der hinein keine Verleugnung, von der hinaus keine Reue führte.
Um ihn herum aber stand das Leben wie mit angehaltenem Atem. Sie fühlten alle, ob groß, ob gering, ob armselig, ob in der Fülle des eigenen Reichtums erbebend, die Schauer der Ewigkeit.
Fritzchen war vom Bettrand hinunter leise, halb unbewußt, in die Knie gesunken. Ihr Kopf lag auf der Bettdecke.
Ja – wohl hielt ihr Leben den Atem an. Wo war er geblieben, ihr Spielgott, ihr Katechismusgott, mit dem sie haderte und dem sie an den Fingern seine Fehler herzählte? Gegen den sie ausschlug und andere arme Seelen zur Rebellion anstachelte? Dieser Vertreter einer menschlichen Mächtigkeit, von den Grenzen menschlicher Gesetze umzogen, der Verantwortung und Abrechnung unterworfen?
Schauer der Ewigkeit. – Gehen Dir die Augen auf, Kind der Erde?
»Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?«
Die Worte waren verklungen. Noch mischte sich kaum in das Schwarz vor den Fenstern der graue Schein des Dezembermorgens. Still brannte die Lampe. Still war das Leben hier im Raum.
Zu gleicher Zeit richteten sie sich beide auf und sahen einander an. Sie waren keine armen Menschen mehr, keine wirren und heißen Kämpfer um Mein und Dein, um Du und Ich, all die Angst und das Grauen und die schreckliche Not lag hinter ihnen. Als zwei erlöste Geister grüßten sie sich.
Sie gaben sich die Hände und blickten sich lange an. Dann schieden sie.
Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle – Hölle, wo ist Dein Sieg?