Zwölftes Kapitel
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Der Arzt und Paula saßen am Frühstücktische; den Kaffee hatten sie bereits getrunken, der Vater las in einem Zeitungsblatt, Paula saß ihm gegenüber und rührte mit dem Löffel in der geleerten Tasse herum.
»Vater, ...« sagte sie endlich.
Er blickte auf.
»Ich möchte Dich bitten, Vater, mir den heutigen Tag frei zu geben ...«
»Gern. Was aber hast Du vor?«
Sie schwieg. »Muß ich's sagen?« fragte sie nach einer Weile.
»Nein. Du mußt nicht, wenn Du mir nicht freiwillig sagen willst, was Du im Sinne hast.«
»Dann will ich ... erst später ...« Sie verstummte abermals und stand auf.
»Gehst Du ohne Toni?« fragte er unter dem Druck einer schweren Beklemmung.
»Ja, ... es ist besser so.«
Er beobachtete sie eine Weile. Gleich einem Bilde aus Stein stand sie da, so blaß, so unbeweglich, den Blick ins Leere geheftet. Er hielt nicht länger an sich. Dieser Zustand war unerträglich, am Ende! Rasch erhob er sich, ging zu ihr hin und packte sie bei den Händen.
»Sag mir, Kind, was aus dem allen werden soll!« sprach er mit unterdrückter Stimme. »Ich habe lang geschwiegen, ... monatelang, ... länger halte ich dieses Leben nicht aus. Liebst Du mich und Deine Schwester denn gar nicht mehr?« Seine Brust hob und senkte sich wie im Krampfe; er zitterte an allen Gliedern. Erschüttert blickte Paula ihn an, ihre Lippen zuckten wie von zurückgedrängtem Weinen.
»Habe Geduld mit mir,« sagte sie. »Es dauert nicht mehr lang. In ein paar Tagen ist alles vorüber.« Fröstelnd zog sie die Schultern in die Höhe ... »Ich weiß nicht, ... mir wird immer so kalt, wenn ich daran denke,« murmelte sie, aufs neue schaudernd.
Er gab ihre Hände frei, schritt eine Zeitlang im Zimmer auf und ab und blieb dann wieder vor ihr stehen.
»Wo ist der Kooperator jetzt?« fragte er.
»In Kufstein, bei seiner Familie.«
»Wann kommt er zurück?«
»Morgen, glaube ich ...«
»Dann bleibt er also noch vier Tage hier. Vier Jahre werden mir diese Tage erscheinen. Was hat dieser unglückliche Mensch aus meinem Kinde gemacht!« sagte er mit dumpfer Wut und nahm sein Hin- und Herwandeln wieder auf.
»Er geht ja ohnedies,« sprach Paula in bitterem Tone. »Es hat ihnen keine Ruhe gelassen, als bis sie ihn abermals aus der kaum gefundenen Heimat treiben konnten ... In Gottes Namen!« Sie wendete sich zum Gehen. »Leb wohl Vater; ich muß fort.«
»Wann kehrst Du zurück?«
»Mit dem Abendzug komme ich wieder.«
Er ließ sie gehen. Sie begab sich in ihr Zimmer, zog ihren Mantel an und setzte ihren Hut auf, trug der kleinen Schwester auf, artig zu sein, erteilte der Magd einige Weisungen und verließ sodann das Haus.
Das Wetter war trübe und kalt; einzelne Regentropfen fielen vom Himmel und die blasse Aprilsonne verkroch sich hinter die Wolken. Langsam schritt Paula dem Bahnhof zu, löste an der Kasse eine Fahrkarte und wartete in der Halle auf das Kommen des Zuges. Nach zehn Minuten traf er ein. Paula stieg in ein leeres Coupé, und als der Zug sich neuerdings in Bewegung setzte, ließ sie ein Fenster herab und blickte hinaus auf die Gegenden, an denen der Zug vorüberbrauste. Berg reihte sich an Berg, ein jeder anders gebildet, ein jeder schön; Hügel kamen und Wiesen, Dörfer, Kirchen, Kapellen tauchten auf und verschwanden. Paula schaute alles an, was sich da zeigte und rasch wieder unsichtbar wurde, und versank in Nachdenken.
Sie dachte an das, woran sie immer dachte, Tag und Nacht, ununterbrochen. Daß das Gehirn nicht stumpf und müde wird, wenn es immer und ewig denselben Gedanken durcharbeiten muß! Paula legte die Hand an die schmerzende Stirn. Wer hätte das jemals geglaubt! Was, was war aus ihr geworden! ... Diese schönen Berge! Ja, wer so stark, so groß sein könnte wie sie. Dieser weite, endlose Himmel! Diese friedlichen, kleinen Kirchen, der Trost so vieler Menschen, die Zuflucht der Verarmten! Ihr waren diese Kirchen ein Bild des Schreckens; sie wuchsen empor, riesengroß, und ihre steinernen Mauern, ihre Türme und Glocken, ihre Altäre und Heiligenbilder drängten sich zwischen ihr Herz und ein anderes, ihr so namenlos teueres Herz ... Noch vier Tage, nur noch vier Tage und dann ... Gott im Himmel! Ist's nicht genug, daß Du den Tod eingesetzt hast, muß auch noch das Leben kommen, um die Menschen voneinander zu reißen!
Sie hatten nichts verbrochen. Daß er sie, sie ihn liebte, ... wen kümmerte das? Seit der Neujahrsnacht hatten sie sich kaum gesprochen, oft tagelang nicht gesehen. Aber sie wußten doch, daß sie einander nahe. Nun werden bald Berge zwischen ihnen liegen; sie wird ausgehen und ihn nirgends finden, – und er, – wie wird er leben können ohne sie? Ein Blick, ein Wort, ein Gruß, – das alles ist so viel, wenn man liebt, – und alles entbehren müssen, alles, bis auf das kleinste ... Du gehst fort und ich bleibe hier ... Unerträglich! Unmöglich. Und dennoch wird es getragen sein müssen, wird getragen werden und das Leben wird den alten Gang gehen. Das war es eben. Ja, wenn man sterben könnte. Aber nein. Das Leben bleibt, ... keine Sorge! Das geht nur dann, wenn man es lieb hat ...
Der Zug hielt bei einer kleinen Station. Ein alter Kapuzinermönch bestieg das Coupé, wo Paula saß, und ließ sich in der Nähe des jungen Mädchens nieder. Sie dankte seinem stummen Gruß und betrachtete ihn. Er sah armselig und bekümmert aus, sein Haar und Bart waren ungepflegt, sein Auge blickte traurig. »Hat man auch Dich gezwungen, Mönch zu werden?« dachte Paula. Aufs neue starrte sie zum Fenster hinaus.
Was für ein herrlicher Mensch er geworden wäre, wenn sie ihn seinen eigenen Weg hätten gehen lassen! Er besaß nicht einen hervorragenden Fehler. Vielleicht daß er zu weich, zu schwach gewesen war, ... aber wer weiß, mit welchen Mitteln sie auf ihn eingewirkt und ihn zum Nachgeben gezwungen hatten. Er war ja sonst kein Schwächling; daß er sich unglücklich fühlte, hatte sie erraten; er selber klagte niemals und klagte niemanden an; immer war er freundlich, gut, teilnahmvoll. Als er eines Tages zu ihr kam und sagte: »Der Vikar in Keßten ist gestorben und ich bin zu seinem Nachfolger bestimmt,« als er bemerkte, was für einen Eindruck diese Mitteilung auf sie ausübte, daß sie sich mit beiden Händen am Tisch festhalten mußte, um nicht umzufallen: da war er stark geblieben, hatte noch zu lächeln und sie zu trösten versucht. »Liebe Freundin,« hatte er gesagt, »versprechen wir uns gegenseitig, daß wir während der kurzen Zeit, die ich noch hier verbringe, den bevorstehenden Abschied mit keiner Silbe berühren wollen, ... er wird frühe genug kommen. Das Heute gehört uns; was morgen erfolgt, kümmere uns heute nicht. Wer weiß, ob wir es erleben.« – »Ja, ja, wir wollen nicht davon sprechen,« hatte sie mit tonloser Stimme erwidert und beide hatten Wort gehalten.
Sie meinte ihn vor sich zu sehen, – so klar stand sein Bild vor ihrem seelischen Blick; seine Art zu grüßen, seinen Gang, seine Bewegungen, – alles glaubte sie zu sehen. Viele seiner Worte fielen ihr ein ... Dichter zog sie den Schleier vor das Gesicht und bedeckte die Augen mit den Händen. Jetzt schaute sie die Kirche ihres Dorfes ... Dort sah sie ihn häufig, denn sie besuchte das Gotteshaus immer, wenn sie ihn drinnen wußte. Er hatte sie einmal darum gebeten und sie hatte ihm noch keinen Wunsch abgeschlagen und würde es auch niemals tun; und doch war es eine Qual für sie, ihn in der Kirche zu sehen. Wie war er dort verändert! Diese eigentümlich unsichere Haltung am Altar und auf der Kanzel, ... und wenn er predigte, wie zaghaft hob er zu sprechen an! Und doch predigte er gut; liebevoll und duldsam. Seine nicht kräftige, sich leicht umschleiernde Stimme drang zum Herzen; er tadelte niemals; höchstens daß er ermahnte, daß er seine Gemeinde bat und beschwor, so zu leben, daß sie dereinstens ohne Furcht Rechenschaft ablegen könnte über ihre Taten ... Augustinus und Thomas von Kempten waren seine Lieblinge; von diesen zitierte er oft wundervolle Aussprüche, erklärte sie, führte sie aus, begeisterte sich daran ... Alle wollten ihm beichten, weil er so gut, so nachsichtig war; so ganz anders als der Dekan und der junge Mönch, ... und das war es eben, was diese ihm nicht verzeihen konnten. Sein Herz, sein innerstes Wesen riefen ihn immer wieder zurück in die Welt, zu den Menschen, zu den Freuden des Familienlebens, ... er verstand und entschuldigte alle Fehler und Schwächen, und deshalb mußte er fort. Dem Kleide nach gehörte er dem Priesterstand an, aber nur dem Kleide nach; sie konnten ihn nicht brauchen; ein unnützes Glied, mußte er abgehauen werden und verschwinden. In jenem abgelegenen Ort, wohin sie ihn verbannten, konnten seine allzu große Duldsamkeit und Menschenliebe nicht viel schaden; dort mochte er verkümmern. Das wollten sie, und so wird es auch geschehen.
Sie erwachte aus ihrem Sinnen. Beobachtete sie jemand? Sie glaubte einen Blick zu spüren, schaute auf und begegnete den Augen des alten Mönches.
»Ich sehe Sie schon lange an,« sagte dieser zu ihr. »Warum sind Sie so traurig?«
Paula ließ den Kopf hängen, gab jedoch keine Antwort.
»Wohin fahren Sie?« fragte der Mönch weiter.
»Zuerst nach – Dorf. Von dort will ich mit einem Wagen nach Keßten fahren.«
»Bis nach Keßten führt Sie kein Wagen. Die Wege sind zu schlecht, zu schmal und zu steil. Das würde kein Pferd aushalten.«
»Dann werde ich zu Fuß gehen.«
»Das ist ein langer und beschwerlicher Weg. Und den wollen Sie ganz allein machen? Erwartet Sie in – Dorf jemand?«
»Niemand.«
»Dann geben Sie acht, daß Sie sich nicht verirren.«
»Ich kann ja manchmal nach dem Weg fragen,« sagte Paula.
»Haben Sie in Keßten Freunde oder Verwandte?« fragte der Mönch nach einer kurzen Stille.
»Nein.«
»Weshalb suchen Sie in der jetzigen unfreundlichen Jahreszeit diesen weltentlegenen Ort auf?«
»Ich will ihn kennen lernen,« sagte Paula und nichts weiter.
Der Mönch gab das Fragen auf, betrachtete aber das ernste, blasse Mädchen aufmerksam. Der Zug langte am Ort an, wo Paula aussteigen mußte. Sie erhob sich und verabschiedete sich von dem Mönche.
»Der Friede des Herrn komme über Sie,« sagte dieser und sah sie bedeutungsvoll an. »Ich will für Sie beten. Gelobt sei Jesus Christus.«
»Amen,« sprach Paula trübe und verstört und verließ den Waggon. Sie wartete, bis der Zug davongefahren war, und schlug dann den Weg zum Dorfe ein. In einem sauber aussehenden Wirtshause kehrte sie ein, suchte die Wirtin auf und fragte, ob diese ihr einen Wagen zur Verfügung stellen könnte.
»Wohin wollt's denn fahren?« fragte die Wirtin.
»Nach Keßten.«
»O mei! Das is weit. Bis zum Berg kann i Ihna scho' fahren lassen, ... aber über'n Berg hinüber müßt's halt z' Fuß laufen.«
»Das will ich ... Bitte, lassen Sie nur gleich anspannen.«
»Wollt's was essen oder trinken?«
»Nein, ich danke.«
Die Wirtin führte sie in die Gaststube. Paula setzte sich und wartete auf den Wagen. Nach Ablauf einer halben Stunde fuhr dieser am Tor vor. Hastig ging Paula hinaus, nahm an der Seite des Kutschers Platz und das Pferd setzte sich in Bewegung.
Es war sehr kalt. Paula hüllte sich fester in ihren Mantel, der Kutscher breitete eine Pferdedecke über ihre Füße und meinte gutmütig: »Kan' fein' Tag habt's Euch just net ausg'sucht.«
»Wie lange braucht es, um über den Berg zu gehen, der nach Keßten führt?« fragte sie.
»Wer'n schon drei Stunden sein.«
Er trieb das Pferd zu größerer Eile an. Sie kamen sehr rasch vorwärts und hatten nach zweistündiger Fahrt ihr Ziel erreicht.
Am Fuße des Berges lag ein kleines Dorf. Paula war steif und ausgekältet von der Fahrt, und da sie auch Hunger zu spüren begann, beschloß sie, sich vor ihrer Wanderung ein wenig zu stärken. Sie ließ sich vom Kutscher ein Wirtshaus zeigen und verlangte dort nach Speise und Trank. Die Kellnerin fragte sie, wohin ihr Weg sie führe, und Paula gab abermals die gewünschte Auskunft.
»Nach Keßten!« sagte das Mädchen. »Aber bleiben werdet's net dort?«
»Nein. Ich halte mich bloß ein paar Stunden dort auf.«
»Ah so!«
»Ist denn Keßten ein so schrecklicher Ort?« fragte Paula.
»I' woaß net, ... i' bin nie noch drenten g'west. Aber g'falln' tut's koanem, hab' i' g'hört.«
Paula stellte keine weitere Frage, verzehrte ihr einfaches Mahl, beglich ihre Schuld und machte sich dann auf den Weg.
»Nur immer g'rad' hinauf!« rief die Kellnerin ihr nach. »Es is' nur der oane Weg ... Ös könnt's gar net fehl gehen.«
Paula dankte für die Auskunft und schritt langsam den Berg hinan. Auf dem schmalen Wege lagen halb verfaulte Blätter, rechts und links standen entlaubte Bäume und über allem hing ein grauer, wolkenschwerer Himmel. Manchen Baum hatte der Sturm geknickt, und sie lagen quer über den Weg und ihre dürren Äste raschelten unter dem Fuß der einsamen Wanderin. Um sie herum war es so still, nichts lebte in der noch winterlichen, abgestorbenen Natur, und diese schweigende Trauer senkte sich tief und tiefer in Paulas ahnungschweres Herz. Ihr war zumute, als ob sie weinen, als ob sie jemanden um Hilfe anrufen müßte ... »Warum sind Sie so traurig?« hatte der fremde alte Mönch sie gefragt. »O! Nicht meinetwegen! Meinetwegen nicht, frommer Vater. Hinlegen möchte ich mich auf die nasse Erde, möcht' langsam verhungern, wenn ich dadurch seinen Frieden und sein Glück erkaufen könnte. Aber was Menschen und Bücher auch sagen, – ohnmächtig ist die Liebe; sie kann weinen und fühlen, – aber helfen, ... das ist ihr oft versagt.«
Nach zweistündiger Wanderung hatte Paula den Gipfel des Berges erreicht. Vom raschen Gehen war ihr warm geworden, ihr Herz schlug laut und ihre Wangen glühten. Sie holte tief Atem und schaute in das Tal hinab. Zu ihren Füßen lag das Dorf Keßten. Von zwei Seiten schlossen es rauhe Felsen ein, nach Osten und Norden lag es frei und man erblickte in diesen Himmelsgegenden Wiesen, Wälder und kleine Ortschaften. Das Kirchlein des Dorfes stand außerhalb des Ortes, auf einem schmalen, baumlosen Hügel; die Häuser lagen zerstreut. Waren sie wirklich so klein und armselig oder täuschte die Entfernung? Und welches mochte der Pfarrhof sein? Kein Haus überragte das andere; an keines schloß sich ein Garten an; neben einigen befanden sich wohl kleine Gemüsegärten, aber Bäume und Lauben waren nirgends zu sehen.
Mit einem bangen Seufzer schickte Paula sich an, ihren Weg fortzusetzen. Der Pfad abwärts war steil und unbequem. Stellenweise kam Paula ins Laufen und war oft nahe daran, auszugleiten. Erschöpft, atemlos und mit zitternden Knieen langte sie unten an und sah jetzt das Dorf in der Nähe. Ihr Blick hatte sie nicht betrogen. Diese Häuser waren nichts Besseres als ärmliche Hütten. Einige alte Leute, Männer und Frauen, kamen ihr entgegen. Die wollte sie eben nach dem Pfarrhof fragen, als sie schaudernd innehielt. Diese Leute, erkannte sie nun, waren Kretins; sie grinsten sie an, lallten unverständliche Worte und schwankten an ihr vorüber.
»Glieder seiner Gemeinde!« dachte Paula und ging, seltsam erschüttert, weiter. Vor der ersten der Hütten stand eine Bäuerin und an diese richtete Paula ihre Frage.
»Aber die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars wohnt doch noch dort?«
»Ja,« sagte Paula, grüßte und ging weiter. Als sie durch das Dorf schritt, fiel ihr die Dürftigkeit der Häuser noch peinlicher ins Auge; ein Rudel schmutziger Kinder trieb sich auf der Straße umher; alle stierten sie verwundert an. Jetzt hatte sie den Friedhof erreicht und blickte um sich. Eines der Häuser, einstöckig, mit grauen Fensterläden und einem vielfach geflickten Schindeldach, machte einen etwas besseren Eindruck als die umstehenden.
»Das muß der Pfarrhof sein,« dachte Paula, ging auf das Haus los und klopfte an das Tor.
»Herein!« rief drinnen eine weinerliche Frauenstimme. »Wer ist denn da?«
Paula öffnete das Tor und trat in den Hausflur. Eine schwarz gekleidete, ungefähr fünfzigjährige Frau kam ihr entgegen. Von Gestalt war die Frau klein und schmächtig, sie hatte ein verhärmtes Gesicht und rotgeweinte Augen. Ihr ganzes Wesen drückte schüchterne Verzagtheit aus.
»Was steht zu Diensten?« fragte sie, durch den Anblick einer Fremden sichtlich in Angst versetzt.
»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. »Ich werde Sie nicht lang aufhalten; ich habe Sie nur einiges zu fragen.«
»Wollen Sie nicht hinaufspazieren, ins Wohnzimmer vom seligen Herrn?« fragte die Frau und Tränen schossen in ihre Augen und liefen über ihre eingefallenen Wangen; hastig trocknete sie sich das Gesicht mit der Schürze ab. Sie ging voran und geleitete Paula in ein über alle Begriffe unwohnliches Gemach. An den schadhaften Stellen der Wandmalerei und an den Löchern in den Wänden konnte man erkennen, daß hier Möbel angerückt gewesen waren und Bilder und Gardinen gehangen hatten. Ordnungslos, teilweise in Stroh gewickelt, standen Möbelstücke umher, auf einem mit Staub bedeckten Tisch und einigen Stühlen lagen Pakete. Die Frau säuberte die Stühle und wischte mit der Schürze den Staub von denselben und bat Paula dann, Platz zu nehmen.
»Die Sachen gehören dem neuen Herrn Vikar,« sagte sie. »Vor ein paar Tagen sind sie angekommen. Ich traue mich nichts anzurühren, ... es könnte dem Herrn nicht recht sein. Aber schrecklich traurig sieht's hier aus, ... wie in einer Möbelhandlung oder bei einer Versteigerung.«
»Sie sollten doch Ordnung schaffen,« bemerkte Paula. »Bedenken Sie den Eindruck, den diese Unordnung auf einen Ankömmling machen muß!«
»Was kann ich tun?« entgegnete die Frau mit trübem Kopfschütteln. »Weiß ich denn, ob ich das Richtige treffe!«
»Ich werde Ihnen dabei behilflich sein,« sagte Paula und legte Hut und Mantel ab. »Ich kenne Ihren neuen Vikar. Er wird uns Dank wissen, wenn wir die Wohnung zu seinem Empfang ein wenig herrichten.«
Die arme Frau ging auf den Vorschlag gern ein. Sie machten sich an die Arbeit, packten die Möbel aus, hingen Gardinen an die Fenster, schlugen im Nebenzimmer das Bett auf, und Paula erwies sich bei allem, was sie anfaßte, so geschickt und unermüdlich, daß die Frau nicht mithin konnte, das junge Mädchen zu bewundern.
»Vieles fehlt noch,« sagte Paula, als sie fertig waren, zog ein Notizbuch hervor und schrieb einiges auf.
»Ich dachte mir, daß dem so sein würde, und deshalb bin ich gekommen. Das Küchengeschirr hat der Herr Vikar ganz und gar vergessen.«
Sie lächelte flüchtig; es machte ihr Freude, wie eine Hausfrau für ihn sorgen zu dürfen, und nachdenklich rieb sie sich die Stirn. »Habe ich alles notiert?« fragte sie sich selbst. Ja. Ihr praktischer, hausmütterlicher Sinn hatte alles übersehen. Sie wußte, was noch angeschafft werden mußte, auf daß die Wirtschaft, wie es sich gehörte, geführt werden konnte.
»Versäumen Sie nur nicht, die Fenster am Tag offen zu lassen, damit frische Luft in den Zimmern herrsche,« sagte sie und setzte sich erschöpft und mit erhitzten Wangen nieder. »Und am Tag, wo der Herr Vikar ankommt, heizen Sie in den Stuben tüchtig ein ... Es ist noch sehr kalt und der Herr Vikar nicht kräftig.«
Die Frau versprach das alles zu tun und schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht.
»Ich kann's noch immer nicht glauben, daß mein guter Herr tot ist, daß ein anderer ...«
Tränen erstickten ihre Stimme.
»Sie haben den verstorbenen Vikar wohl sehr lieb gehabt, nicht wahr?« fragte Paula, das trostlose Gesicht der Frau teilnahmvoll betrachtend.
Diese fing laut zu schluchzen an. »Gott weiß, wie sehr er's verdient hat, daß alle Leut' ihn lieb gehabt haben,« sagte sie endlich. »Er war ein so braver Herr und so wohltätig und geduldig; denn hier zu leben ist keine leichte Aufgabe, meine liebe Fräul'n; aber er hat alles ruhig ertragen, bis zum letzten Augenblick und hat immer noch auf die Armen gedacht ... Und jung war er auch noch, ... bereits erst vierzig Jahre alt und hat schon sterben müssen. Aber es ist ihm immer vorgegangen, daß er bald sterben wird, und wie wir hergekommen sein – das sein nun bereits fünf Jahre her –, hat er zu wir gesagt: ›Leni,‹ hat er gesagt, ›wirst sehen, hier halte ich's nicht lange aus; ich werde es machen wie die anderen, die hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹«
»Warum sagte er: ich werde es machen wie die anderen?« fiel Paula erblassend ein. »Ist denn das Klima hier so ungesund?«
»Sehr, meine liebe Fräul'n. Schauen Sie einmal zum Fenster hinaus; sehen Sie, von zwei Seiten kann der Wind herkommen und Wind haben wir das ganze Jahr. Und schauen Sie sich die Wiesen an, ... nichts als sumpfiger Boden; deswegen kriegen's auch hier so leicht das Fieber. Und die Leut' hier sein arm; viel Kinder haben alle, ... aber sonst gibt es hier keinen Segen. Obst wächst keines und auch kein Getreide, ... die Luft ist so rauh, wir haben einen schrecklich langen Winter und einen so kurzen Sommer, und im Frühjahr schwemmt's den Schnee von den Bergen herunter, daß man verzweifeln könnt'. Ja, mein lieber seliger Herr hat hier nichts Gutes gehabt. Ich bitte Sie, wo alle arm sind, ist der Seelsorger auch arm; in anderen Pfarren muß die Gemeinde dem Geistlichen Abgaben entrichten, an Getreide oder sonst was, ... aber hier! Was sollen die Leut' hergeben, wenn sie selber nichts haben? Wenn ich reden wollt', könnt' ich manches erzählen ... Wir haben oft nicht gewußt, wie einfach wir leben sollen, um drauszukommen ... Und so viele Leut' sind hier alleweil krank und die Häuser liegen nicht beisammen, ... eines da, das andere dort, ... und die Kranken wollen doch, daß der Geistliche sie heimsuchen kommt. Und dann haben die Sappermenter die Kirche noch auf einen Berg hinbaut ... Denken Sie nur, was es heißt, jeden Tag dort hinauf gehen! Bei jedem Wetter. Im Winter war es oft schier unmöglich, ... da hat der Herr sich erst mit einer Schneeschaufel den Weg frei machen müssen, ... die Messe muß halt doch gelesen werden und der Herr hätte es auch nicht anders getan, ... er war so brav. Aber gehustet hat er schon lang und das Fieber hat er auch gehabt, ... und dazu das schlechte Wasser und nur zweimal in der Woche Fleisch, ... und was für eines! Die Leut' haben ja recht, wenn sie den Ort den geistlichen Tod nennen; keiner der Herren ist hier gesund geblieben, ... alle sein lungenkrank geworden und gestorben.«
Ein kalter Schauer kroch durch Paulas Gebein. Lungenkrank geworden, – gestorben, – der geistliche Tod. Ihr war, als ob sich die Zukunft vor ihr öffnete, – groß, schwarz, unerbittlich. Darum also hatten sie ihn hierher verbannt.
»Weshalb wurde Ihr Vikar, der doch ein braver Priester war, gerade nach Keßten versetzt?« fragte sie gedankenlos.
»Das mag der liebe Himmel wissen! Soviel ich gehört habe, hat er's einem Freund zuliebe getan; der war nicht recht gesund und hätte nach Keßten kommen sollen, und da hat halt mein Herr gebeten, sie möchten ihn statt seinem Freund hierherschicken. Sie haben recht, Fräul'n; ein braver Priester gehört an einen besseren Ort und es sein halt auch immer schlechte Herren hier gewesen, ... oder nicht gerade schlechte, aber halt leichtsinnige Herren, die nicht gut getan haben. Hier freilich sein alle still und dasig geworden und alle haben wieder fort wollen, ... aber die Herren in Salzburg sein ein bissel streng, wenn einer von ihren Geistlichen sich was hat zu schulden kommen lassen, und so haben sie einem jeden geschrieben, er soll nur bleiben, wo er ist. Und sie sein auch alle hier geblieben, ... draußen, auf dem Freithof, liegt einer neben dem anderen.«
Nach vorne gebeugt, die Finger krampfhaft ineinander verschlungen, saß Paula da; in ihrem leichenblassen Gesicht spiegelte sich eine so qualvolle Bangigkeit wider, daß die Frau, von einer unbestimmten Ahnung erfaßt, ihren Stuhl hart an den des Mädchens rückte und die Hand auf Paulas Arm legte.
»Warum geht Ihnen das Schicksal der armen fremden Herren so nahe?« fragte sie leise.
Paula haschte nach den abgearbeiteten Händen der Frau und schaute ihr in die Augen. Es war ein langer, langer, flehender Blick.
»Ich will Ihnen sagen, warum,« sprach sie dann stoßweise. »Sie sind gut, Sie werden mich verstehen. Sie wollen doch dem neuen Vikar die Wirtschaft führen?«
»Wenn er mich mag ...«
»Er wird. Sagen Sie ihm nie, daß ich hier war. Er ... er kümmert sich nicht um mich« (sie wandte das Gesicht ab bei diesen Worten), »ich bin ihm ... gleichgültig. Er braucht also von alledem nichts zu wissen.« Sie hielt einen Augenblick inne. »Und noch eines,« sprach sie hierauf. »Achten Sie auf ihn, sorgen Sie für ihn, wie Sie es für Ihren nun toten Herrn getan haben. Sie werden ihn lieb gewinnen, er ist gut und wird Sie rücksichtsvoll behandeln. Geloben Sie mir, das alles zu tun?«
»Mein Gott, ja. Ich werde den Herrn Vikar wie meine Augen behüten. Ist er noch jung?«
»Dreißig Jahre ist er alt,« sprach Paula. Ihre Stimme zitterte.
»Und Sie haben ihn halt gern,« sagte die Frau mitleidvoll.
Paula gab darauf keine Antwort.
»Leben Sie wohl,« sagte sie. »Ich habe einen weiten Weg vor mir und kann mich nicht länger aufhalten.« Sie drückte der anderen eine Banknote in die Hand und wehrte die Frau, die ihr die Hand küssen wollte, hastig ab. »Danken Sie mir nicht, ... Sie leisten mir viel größere Dienste, als ich jemals vergelten kann. Vergessen Sie nur nicht, was Sie mir versprochen haben. Seien Sie gut gegen ihn, ... er ... er braucht Teilnahme, ... und leben Sie wohl, leben Sie wohl.«
Rasch eilte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und lenkte den Schritt nach dem Kirchhof. Unter den ärmlichen Holzkreuzen ragte eine Reihe von Grabsteinen hervor; zu diesen ging Paula hin und las die Inschriften. Da lagen die »Herren« ... Das junge Mädchen kniete neben dem letzten der Gräber nieder, klammerte sich mit beiden Händen an den Stein und starrte auf das Grab. Der Fleck, auf dem sie kniete, war ein Stück ebener, mit Gras bewachsener Erde. Da drunten ruhte niemand; diese Wohnung war noch leer.
Zur selben Stunde saß Georg Harteck mit seiner Schwester am Fenster und plauderte mit ihr. Plötzlich gab es ihm von innen gleichsam einen Stoß und er schüttelte sich, als ob er Fieber hätte.
»Ist Dir kalt?« fragte Anna. »Soll ich das Fenster schließen?«
»Nein,« antwortete er. »Mir lief nur ein Schauer durch den Leib. Es geht schon wieder vorüber.«
»Weißt Du, was das nach dem Aberglauben der Leute bedeutet?« fragte die Schwester mit leisem Lachen. »Daß jetzt jemand auf Dein Grab getreten ist ... So ein Unsinn!«
Zum Tode matt und mit schwerem Herzen erreichte Paula am Abend den Bahnhof. Sie hatte nicht nur den Berg aufs neue übersteigen, sondern auch den Weg vom Fuße des Berges bis zur Bahnstation zurücklegen müssen und kam kurz vor Eintreffen des Zuges an ihrem Ziele an. Ihre Stimme klang erschöpft, als sie jetzt den Schaffner bat, ihr ein möglichst leeres Coupé anzuweisen, und der Mann war gefällig genug, ihr einen Waggon aufzuschließen, in dem sich nur ein einziger Passagier befand. Dieser stand am Fenster und wendete sich um, als er jemanden einsteigen hörte; doch er kehrte dem jungen Mädchen, das still in der entgegengesetzten Ecke Platz nahm, sogleich wieder den Rücken zu, lehnte sich ins offene Fenster und sah neuerdings auf die Gegend hinaus. Paula würde ihren Reisegefährten wahrscheinlich gar nicht beachtet haben, wenn nicht der schwarze, weit über die Kniee reichende Rock und das schwarze Kollare ihr verraten hätten, daß sie mit einem katholischen Priester fuhr. Längere Zeit, vielleicht um irgendeine Beschäftigung zu haben, blickte sie ihn prüfend an. Er war sehr sauber gekleidet, hatte ein Reisetäschchen, an einem Riemen befestigt, um den Leib hängen, und unter seinem schwarzen, runden Hut quoll dichtes, blondes Haar hervor. Auf der Bank neben ihm lagen ein Buch und mehrere Zeitungen.
Der Schaffner zeigte sich auf dem Trittbrett und streckte den Kopf zur Tür herein.
»Wohin fahren Sie, Fräulein?« fragte er.
»Nach St. Jakob,« antwortete Paula und wies ihr Billett vor. Bei diesen Worten drehte der junge Geistliche sich plötzlich um und sah das junge Mädchen flüchtig an. Er war noch sehr jung und sein hübsches, von der Gebirgsluft frisch gefärbtes Gesicht ließ auf Intelligenz, Selbstvertrauen und Entschlossenheit raten; seine graublauen Augen blickten ein wenig kalt und um seinen vollen roten Mund lag ein Zug, der eine gewisse trotzige Härte bekundete. Die Gestalt des jungen Mannes erreichte die Mittelgröße und war schlank, obschon durchaus kräftig. Er machte den Eindruck eines geistig und körperlich gleich gesunden Menschen.
»Hochwürden fahren auch nach St. Jakob?« fragte ihn der Schaffner.
Der junge Geistliche nickte stumm und nahm seine vorige Stellung wieder ein.
Der Schaffner zog sich zurück, ein Pfiff ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung.
Von ihrem Mitpassagier war keinerlei Störung zu befürchten und Paula wußte ihm Dank dafür: mit einem Fremden zu sprechen wäre ihr qualvoll gewesen. Im Geiste jedoch legte sie sich die Frage vor, was dieser junge Mann in St. Jakob zu tun haben mochte, ob er bloß auf Besuch käme oder ob er vielleicht Georgs Nachfolger wäre. Sein Nachfolger! Bei diesem Worte erwachte wieder alles: der bevorstehende Abschied, das Nimmerwiedersehen, ... sie sah den häßlichen Ort vor sich, von dem sie kam, den dürftigen Pfarrhof, die arme Frau mit den rotgeweinten Augen, den Gottesacker, die Gräber, ... und die entsetzliche Bezeichnung des Ortes: der geistliche Tod klang traurig wie ein Zügenglöcklein in ihrem Ohre nach ... Wenn sie allein gewesen wäre, würde sie sich auf die Bank gelegt und recht, recht bitterlich geweint haben.
Der junge Geistliche stand noch immer am Fenster und fuhr fort, die Gegenden zu betrachten, obwohl er nicht mehr viel sehen konnte. Der Abend war hereingebrochen, Berg und Tal verschwammen in dunklen Umrissen. Sie waren ihrem Ziel schon nahe, als der junge Mann, des zwecklosen Hinausstarrens müde, seinen Platz am Fenster verließ, sich setzte und nach einer Zeitung griff. Die Lampe im Waggon verbreitete ein nur spärliches Licht und der Geistliche gab das Lesen bald wieder auf. Er fuhr mit der Hand ein paarmal über seine Augen, verkreuzte die Beine, trommelte mit dem Fuß auf dem Boden, sah nach der Waggondecke, den Fenstern, den Bänken und endlich nach Paula. Er hatte jenen eigentümlichen, kalt abweisenden Blick, über den manche junge Geistliche verfügen, sobald sie Frauen ansehen. Sie scheinen dann mit den Augen sagen zu wollen: Gebt Euch keine Mühe; Ihr und wir haben miteinander nichts zu schaffen; für uns existiert Ihr nicht.
Paula war sich bewußt, den Priester längere Zeit fixiert zu haben; sie hatte es ohne Arg, ja, fast mechanisch getan. Jedoch sein scharfer, ans Feindselige streifender Blick belehrte sie, daß er es übelgenommen. Gleichgültig wendete sie die Augen von ihm ab.
Der junge Mann schien unter dem Druck einer großen Ungeduld oder Unruhe zu sein. Paula konnte ihn zwar nicht sehen, weil sie absichtlich vermied, ihn anzublicken; aber sie hörte ihn bald aufstehen, bald wieder Platz nehmen, seine Handtasche auf- und zuschnallen, auf seinem Sitze hin- und herrücken und einige Male seufzen. Die Fahrt dünkte ihn wohl schon lang. Als der Zug endlich in St. Jakob einlief, stand der Geistliche hastig auf, hatte jedoch, trotz seiner sichtbaren Ungeduld, die Höflichkeit, zu warten, bis seine Reisegefährtin ausgestiegen sein würde. Paula verbeugte sich flüchtig, bevor sie das Coupé verließ, der Geistliche lüftete den Hut und damit trennten sie sich.
Auf dem Perron erblickte Paula zwei wohlbekannte Gestalten: ihren Vater und an seiner Hand die kleine Toni. Sie eilte auf sie zu und küßte beide, der Arzt gab ihr den Arm, Toni faßte sie bei der Hand und so schritten sie, in scheinbarer Eintracht, ihrem Heim zu.
Das Abendbrot stand schon auf dem Tisch, im Ofen brannte ein helles Feuer und die Lampe verbreitete im Gemach ein trauliches Licht.
»Du bist gewiß recht müde, hungrig und ausgekältet,« sagte der Vater und half Paula Hut und Mantel ablegen, während Toni mit geschäftiger Eile die Hausschuhe der Schwester herbeibrachte. »Komm, setze Dich, mein Kind; erwärme und stärke Dich.«
In Paulas Augen blitzten Tränen. Dieser liebevolle Empfang rührte sie und erweckte ein Gefühl der Reue in ihrer Brust. Wie sehr vernachlässigte sie diese Menschen, die ihr vor kurzem noch so viel, ja, alles gewesen waren! Sie hatten sich nicht verändert; was aber war mit ihr vorgegangen! Seit vielen Tagen fehlte ihr der Mut, das Bild der Mutter anzuschauen und sie um ihren Segen anzuflehen. Sie wußte, daß die Tote, wenn sie sprechen könnte, jetzt nicht mehr sagen würde: »Ich bin mit Dir zufrieden, Paula.«
Als Toni schlafen gegangen war, stand Paula auf, kniete neben dem Vater nieder und legte die Arme und den Kopf auf seinen Schoß. Er beugte sich auf sie herab und streichelte sanft ihr Haar. Lang, lang blieben beide stumm.
Endlich sagte Paula: »Du fragst mich nicht, wo ich heute war. Ich will es Dir unaufgefordert sagen. Ich war in Keßten. O Vater, der Ort ist greulich. Sie heißen ihn den geistlichen Tod, weil die Luft dort so ungesund und die Seelsorge so beschwerlich ist, daß die Priester über kurz oder lang zugrunde gehen. Du weißt, Vater, daß er ... Herr Harteck, wollte ich sagen, ... nicht stark ist auf der Brust ... Ich beschwöre Dich« ... und sie blickte auf und hob die gefalteten Hände zu ihm empor ... »ich beschwöre Dich, rette ihn. Wenn Du ihn auch nicht liebst, ... so kannst Du doch nicht wünschen, daß er sterben soll!«
»Ich wünsche nichts dergleichen,« versetzte der Arzt. »Was aber vermag ich zu tun? Soll ich mich in die Angelegenheiten mir völlig fremder Personen mengen? Mich um das Schicksal eines Priesters kümmern, der, wie leider allenthalben bekannt ist, meine eigene Tochter liebt? Soll ich zum Dekan gehen und ihn bitten, den Herrn hier zu lassen?«
»Nein, Vater. Daß er gehen muß, ... darein habe ich mich gefunden. Aber nicht dorthin! Nicht an jenen traurigen Ort! Du brauchst ja bloß zu sagen, daß Du, als Arzt, für dringend geboten hältst, daß Harteck nach dem Süden gehe, ... daß die Herren ihn anderswohin versetzen möchten ...«
»Was aber würde der Geistliche dazu sagen? Er hat meinen ärztlichen Rat niemals begehrt und ist, soviel ich weiß, gesund. Ich kann mich ihm doch nicht aufdrängen.«
»Das sollst Du auch nicht. Gib mir nur Dein Wort, daß Du so sprechen wirst, wenn Deine Meinung verlangt werden sollte, ... alles andere überlaß mir.«
»Das verspreche ich Dir gern,« sagte er und strich mit der Hand ihren Scheitel glatt. »Was aber hast Du vor? Ich spreche nicht von mir, bloß von Dir. Du wirst Deinen Ruf, Deine Zukunft, Dich selbst zugrunde richten, armes Kind.«
»Ich habe nichts Schlimmes im Sinn,« antwortete Paula. »Ich gedenke nur Herrn Harteck zu bestimmen, sich von Dir untersuchen zu lassen, – weiter nichts. Ich bereite Dir vielen Kummer, Vater, ich weiß es. Aber Gott ist mein Zeuge, daß ich es nicht mit Willen tue; wenn ich allein elend wäre, würde niemand darunter zu leiden haben, ... am allerwenigsten Du und Toni. Aber daß auch er unglücklich ist, ... das ist es, was mich niederdrückt. Ich bin nun einmal so angelegt, daß ich diejenigen, die mir teuer sind, nicht leiden sehen kann, ohne daß mir das Herz darüber bricht.«
»Du bist jung,« sprach der Arzt. »Ein langes Leben liegt vor Dir. Du wirst vergessen lernen.«
»Niemals,« sagte Paula feierlichen Tones. »Ich werde ihn nie vergessen, Vater.« Sie stand bei diesen Worten auf und reichte ihm die Hand. »Nun gute Nacht,« sagte sie. Er schaute sie an und, von einem inneren Impulse getrieben, warf sie sich an seine Brust.
»Verzeih mir, ... verzeih mir ...«
Er war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Stumm hielt er sie an sein Herz gedrückt, – seine Brust arbeitete heftig. Wohl stand ein Schatten zwischen ihm und dem Glück seines Hauses, er sah die Tochter elend und konnte nicht helfen. Aber er besaß doch wieder ihr Vertrauen, offen lag ihr krankes Herz vor ihm, er sah, daß in diesem verirrten Herzen noch Liebe für ihn wohnte und Reue, und er fing aufs neue zu hoffen an, daß alles noch gut werden könnte. Sie, die er in seinen Armen hielt, war die alte, schon verloren geglaubte Tochter; dem Himmel sei Dank! sie war endlich, endlich zum Vater zurückgekehrt.