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Der geistliche Tod

Sechzehntes Kapitel

Reading edition

Die Abwesenden sind bald vergessen. Nach kurzer Zeit schon sprachen die Bewohner St. Jakobs nicht mehr von ihrem alten Kooperator und gewöhnten sich an den neuen, und der Dekan, dessen flüchtiges Reuegefühl längst wieder verflogen war, fand sein Vorgehen wider Harteck nunmehr ganz in der Ordnung und zerbrach sich nicht weiter den Kopf über ihn und sein Schicksal. Im Hause des Arztes wurde der Name Hartecks niemals genannt und, äußerlich wenigstens, schien es, als ob in diesen Räumen mit dem Scheiden des Priesters der alte Friede wieder eingekehrt wäre. Den Vater freilich täuschte die scheinbare Ruhe seines Kindes nicht. Er kannte Paula zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nicht zu denjenigen gehörte, die vergessen, weil sie stumm bleiben. Aber wozu an die Wunde rühren? Mochte sie im stillen ausbluten; die alles mildernde Zeit wird auch diese Wunde schließen.

Paula lebte still dahin, beschäftigte sich viel mit dem Hauswesen, der Schwester, dem Vater, und war sanft und geduldig gegen jedermann. Wenn manchmal Leute, teils aus Mitgefühl, teils aus Neugier und nicht selten aus Bosheit, von dem Geistlichen zu sprechen anhoben und dabei dem Mädchen mit dummdreistem Blick ins Gesicht starrten, antwortete Paula ruhig und gelassen, und nichts in ihren Zügen tat kund, daß sie sehr gut wußte, weshalb die Menschen gerade so oft mit ihr von dem Geschiedenen redeten. Die Kirche besuchte sie nur zu Stunden, wo sie das Gotteshaus fast leer wußte; dann kniete sie an einem der Seitenaltäre nieder, legte Stirn und Hände auf die Umfriedung und dachte nach ... Beten konnte sie selten; doch wenn es geschah, war es ein Gebet für ihn, ... daß Gott ihn sie vergessen lassen möchte ... Für sich erbat sie nicht das gleiche. Sie wußte, daß diese Bitte nicht erfüllt werden konnte.

Im Anfang ertrug sie seinen Verlust mit großer Fassung. Ihr war zumute, als ob er gar nicht gegangen wäre, als ob er wieder kommen müßte. Als aber Tag um Tag, Woche um Woche verstrich und keine Kunde von ihm zu ihr gelangte; als sie immer umsonst auf ihn wartete oder auf ein Zeichen von ihm, – da begann sie eine ungeheure Leere in der Brust zu fühlen; da wurde ihr allmählich klar, daß sie ihn ganz und auf immer verloren, daß ihr Warten ein vergebliches, ... und es kam ihr vor, als ob alles um sie herum und in ihr abgestorben wäre. Was tut er? Wie lebt er? Sie zermarterte sich das Gehirn über diese Fragen. Oft sprang sie mitten in einer Arbeit vom Stuhle auf und stand, die Hand an die Lippen gepreßt, ängstlich horchend da ... »Er sehnt sich nach mir, ruft mich, kann mich nicht vergessen,« dachte sie dann. »Ich fühle es, und das ist es, was mich so emporreißt und hinzieht zu ihm ...«

»Warum bist Du so traurig, Paula?« fragte die kleine Toni zu wiederholten Malen. Was sollte sie dem Schwesterchen antworten? »Wenn Du einmal groß sein wirst, will ich's Dir sagen,« versetzte sie einmal. »Heute würdest Du es noch nicht verstehen.«

Mit Perkow traf sie selten zusammen. Sie vermied es, ihm zu begegnen und er – suchte sie nicht auf. Sie hörte viel Gutes über ihn, – wie eifrig er wäre, wie sittenstreng und brav und welch' große Stücke der Dekan auf ihn halte, ... aber alles dieses Lob stimmte sie nicht freundlicher wider ihn. Im Gegenteil! Lag darin nicht eine indirekte Herabsetzung des anderen? Den hatte niemand gelobt, obschon alle ihm gut gewesen waren. Aber sie sprachen nach, was sie vom Dekan gehört hatten: daß Harteck kein echter Priester gewesen wäre, daß er zu viel weltlichen Gedanken nachgehangen hätte ... Der neue Kooperator hingegen, – ja der, das wäre ein Mann! Vielleicht ein wenig streng, aber das müsse ein Priester sein, vor einem solchen habe man doch Respekt, während der andere, ... dem seien eben immer die Weiber im Sinn gelegen, der hätte nicht Geistlich werden sollen. Paula nährte einen geheimen Groll gegen den jungen blonden Priester, und daß er Hartecks Freund war, erbitterte sie noch mehr wider ihn. Der durfte ihm Liebesdienste erweisen, mit ihm verkehren, brauchte seine Freundschaft nicht scheu zu verbergen, während sie alle ihre Liebe in ihr Herz verschließen und schweigend zusehen mußte, wie diese Liebesfülle nutzlos und einsam verdorrte.

Eines Tages ging sie im Garten spazieren und sah den jungen Kooperator vor demselben auf und ab wandeln. Von Zeit zu Zeit stand er still, schaute um sich, schien auf jemanden zu warten ... Sie näherte sich ihm. Perkow erblickte sie, fuhr grüßend an den Hut und trat an das Geländer heran.

»Wünschen Sie etwas von mir?« redete Paula ihn an.

»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das Singen in der Kirche gänzlich aufgegeben haben. Der Herr Dekan hat neulich davon gesprochen ...«

Um ihr das zu sagen, war er sicherlich nicht gekommen. Aber Paula hatte keine Lust, ihm zu helfen.

»Ich bin heiser und kann nicht singen:« das war alles, was sie erwiderte.

»Mein Freund Harteck –,« er, nicht sie, errötete, als er diesen Namen aussprach, – »schwärmt heute noch von Ihrem Gesang. Die Leute in Keßten haben erbärmliche, schlecht geschulte Stimmen.«

Paula war bei diesen Worten, als ob die Schranke zwischen ihr und ihm plötzlich fiele; er war gekommen, um ihr von Georg zu erzählen ... Konnte sie da noch zögern? Ihr ganzes Herz verlangte ja danach, von ihm zu hören.

»Wie geht es Ihrem Freunde?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Danke, recht gut,« antwortete er, durch die entgegenkommende Frage sichtlich erleichtert. »Ich habe vor kurzem einen Brief von ihm erhalten. Vielleicht wollen Sie diesen lesen ...?«

»Ja,« sagte Paula. Sie wußte nun, daß Perkow von ihrem traurigen Geheimnisse unterrichtet war, und gab auch ihrerseits jede Verstellung auf. Er überreichte ihr das Schreiben und blickte, während sie las, von ihr weg, die Straße hinab.

»Du teilst mir mit, daß Deine Berufspflichten es Dir einstweilen unmöglich machen, mich zu besuchen,« hieß es in dem Briefe, »und so muß ich denn nolens volens zur armseligen Kritzelei meine Zuflucht nehmen, um mich mit Dir zu unterhalten. Ein recht erbärmliches Auskunftsmittel, lieber Juchei, das mich nur wenig befriedigt. Daß ich es Dir nur bekenne: täglich stehe ich mit der Hoffnung auf, daß Du vielleicht heute kommen wirst, und blicke hundertmal im Tag die Straße hinauf und hinunter, ... aber immer vergeblich. Was ich tue und treibe? Ach Lieber! Was soll, was kann ich tun? Du weißt doch, welches unser Leben ist. In Keßten, so klein das Nest ist, gibt es viel zu schaffen. Die Seelsorge ist recht anstrengend, da ich alles allein besorgen muß und die Kirche von meiner Wohnung weit entfernt liegt. Und dann ist meine Gemeinde auf Wallfahrten sehr erpicht, und die muß ich natürlich immer mitmachen. Den Leuten geht es aber trotzdem ziemlich schlecht, sie sind arm und der Boden wirft, außer Gras, nichts ab. Das junge Volk verdingt sich als Knechte und Mägde in die reicheren Nachbardörfer, die Alten und Verheirateten bleiben daheim und schlagen sich kümmerlich genug durchs Leben. Die Männer betreiben einen kleinen Milch- und Käsehandel, die Weiber spinnen, sticken, flechten Strohhüte. An Kranken und Kretins herrscht hier trauriger Überfluß. Die Kranken sind sehr fromm und sehen es gern, wenn ich sie besuche; ich tue ihnen den Gefallen und tröste sie, so gut ich es vermag, und sie haben mich schon recht lieb gewonnen. Besonders leid tun mir die Kinder. Diese armen Würmer müssen eine Stunde lang in die Schule laufen, und wenn ich nicht fürchtete, daß ich mir dadurch Verdrießlichkeiten zuziehen könnte, würde ich es gern übernehmen, sie zu unterrichten; zum mindesten die kleinsten und schwächlichen. Aber dann würde es wahrscheinlich heißen, daß ich die Kleinen ›verfinstern‹ wolle und mich in Dinge menge, die mich nichts angehen. Du weißt, wie die Herren Lehrer über uns denken. Darum lasse ich es lieber sein.

Hier bietet sich mir auch Gelegenheit zu erfahren, was arm sein heißt. Solang ich unter einem Vorgesetzten stand, wußte ich nicht, wie arm ich war, weil ich mit den Haushaltauslagen nichts zu schaffen hatte. Ich brauchte nur für Kleider, Bücher, Musikalien usw. zu sorgen und dafür reichte meine karge Einnahme immerhin aus. Jetzt aber soll ich alles bestreiten, alles besorgen, und meine Einkünfte sind verzweifelt gering. Ich bin sozusagen in einer höchst peinlichen Lage ... Ich habe doch meine Junggesellenwirtschaft einrichten müssen, vieles fehlt noch darin und meine Haushälterin jammert mir täglich vor, sie brauche das und jenes, ... aber mein Geld ist alle. Ich bitte Dich jedoch mit aufgehobenen Händen, mir nur um des Himmels willen keines zu schicken. Du hast selbst sehr wenig und benötigst es für Dich, und außerdem weiß ich nicht, wann ich es Dir zurückerstatten könnte. Ich werde mich wohl durchschlagen. Die Leute sind so komisch zu glauben, daß ich mich pekuniär ziemlich gut stehe, und haben nicht selten den unglücklichen Einfall, mich um milde Gaben anzusprechen. Wenn diese armen, bedrängten Menschen nicht einen so jammervollen Anblick böten, würde ich über solche Zumutungen lachen. Ich gebe sehr gern, – aber leben muß man doch auch, und ich kann Dir versichern, daß ich schlecht genug lebe. Mein Vorgänger hat eine Art Gemüsehandel getrieben, – das aber bringe ich nicht zuwege. Offen gesagt, ich schäme mich, es zu tun. Lieber esse ich mich an Gemüsen satt, – das Fleisch ist hier ohnehin selten und teuer.

Meine gute Gemeinde benutzt mich überhaupt zu allem möglichen. Die Leute sind, wie alle Bauern, interessiert und habsüchtig, und wenn sie irgend etwas wissen wollen, wenden sie sich an mich, der jede Auskunft gratis verabfolgt. Auch zum Schiedsrichter ernennen sie mich oft – Bauern streiten ja immer untereinander und suchen sich gegenseitig zu übervorteilen –, und ich muß dann entscheiden, wer von den Streitenden recht habe und wer unrecht. Von meiner Unparteilichkeit sind sie überzeugt und dann kostet mein Richtspruch keinen Kreuzer, – das ist die Hauptsache. Aber halsstarrig und eigensinnig sind meine Schäflein, – es gehört eine große Dose Geduld dazu, mit ihnen fertig zu werden. Auch kann man sich nicht auf sie verlassen. Ins Gesicht geben sie mir recht, und kaum drehe ich ihnen den Rücken, tun sie das verkehrte. Vielleicht bin ich ein Narr, daß ich mir ihr Wohl und Wehe so angelegen sein lasse; aber ich möchte, daß sie friedlich nebeneinander lebten, möchte sie vernünftiger machen. Was die Gesundheitpflege anbelangt, so haben sie davon keinen Begriff. Die Kinder leiden am meisten darunter; in den Stuben wird die freie Luft ängstlich abgesperrt, die Fenster bleiben konsequent geschlossen und die Reinlichkeit des Körpers gilt als eine überflüssige Sache; kaum, daß die Leute sich täglich das Gesicht waschen; das Haar kämmen sich die Frauen oft bloß am Sonntag. Könnte man da nicht rasend werden! Aber rede mit diesen Leuten! Sie halten mich für überspannt, wenn ich ihnen irgendeinen Rat erteile, und lachen mich im geheimen wahrscheinlich aus. Die Kinder sind klein und schwach für ihr Alter, die Frauen sehen vor der Zeit welk und verblüht aus, haben dünnes Haar und schlechte Zähne, ... das sind die Folgen der grenzenlosen Beschränktheit. Ich bin oft recht mutlos; vielleicht, daß mit der Zeit – Du lieber Gott! Was alles habe ich nicht schon von der Zeit erhofft! Vielleicht, daß sie dieses Mal sich wirksamer erweisen wird, als sie bisher getan hat.

Ich bin jetzt leidlich gesund, obschon ich mich meistens abgespannt und ermüdet fühle; besonders das Predigen strengt mich an. Auch das Klavierspiel, meine liebste Beschäftigung, darf ich nicht allzu fleißig pflegen. Aber ich gehe viel ins Freie und Cäsar ist dabei mein steter Begleiter. Mein Husten hat sich gebessert, auch bin ich weniger heiser als früher und sehe gesünder aus. Meine brave Wirtschafterin, die mir treu ergeben ist und gewissenhaft für mein leibliches Wohl sorgt, macht mir täglich ein Kompliment über mein Aussehen. Ich schreibe Dir alles das, weil Du es wissen wolltest, und Du darfst mir's auch glauben. Weißt Du, daß nun schon zwei Monate verflossen sind, seit Du bei mir gewesen bist? Mach Dich doch frei und komm Dir Deinen Freund ansehen. Oder schreib mir wenigstens bald und recht ausführlich, hörst Du, Juchei? Ich sehne mich unaussprechlich nach Dir –

Mit tausend Grüßen Dein getreuer Georg.«

Kein Wort von ihr in dem Schreiben ... Paula faltete es schweigend zusammen und steckte es in den Umschlag. Wahrscheinlich hatte der Geistliche sie den Brief just deshalb lesen lassen ... Georg mußte von ihr gesprochen oder geschrieben haben; wie würde sein Freund sonst auf den Gedanken verfallen sein, zu ihr zu kommen? Dieses Schreiben war wohl das gefaßteste, sollte sie über sein Schicksal beruhigen. Ein ungläubiges und bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie mußte eine Bewegung machen, um die Aufmerksamkeit Perkows, der bis jetzt den Blick absichtlich von ihr abgewendet gehalten, auf sich zu lenken.

»Da haben Sie den Brief wieder,« sagte Paula. Er nahm ihn in Empfang.

»Sind Sie zufrieden?« fragte er.

»O ja ... Wann werden Sie wieder nach Keßten gehen?«

»Sobald es mir möglich sein wird. Der Ausflug nimmt doch einen ganzen Tag in Anspruch und der Herr Dekan sieht es nicht gern, wenn die Arbeiten im Rückstand bleiben.«

Er grüßte und ging seiner Wege.

»Er mag mich nicht,« dachte Paula. »Seines Auftrages hat er sich entledigt, und er ist froh von mir fortzukommen. Vielleicht haßt er mich sogar, klagt mich an, ... und doch, ... ist es denn meine Schuld, daß ich dort Leid bringen muß, wo ich so gern beglücken möchte? Hartes, hartes Schicksal ...«

Und wieder folgte ein Tag dem anderen. In trostloser Einförmigkeit verstrich Woche um Woche, verging der Sommer, kam der Herbst ... Schon färbten sich die Blätter der Bäume gelb und rot, lag frischer Schnee auf den Bergen; der ernste Oktober brach herein, der traurige November kam gezogen, ... und immer noch wartete Paula auf eine neue Kunde, schlich oft an dem Pfarrhof vorbei, um den jungen Priester vielleicht zu erspähen ... Sie besaß ihm gegenüber keinen Stolz mehr. War er doch der einzige, der ihr Nachricht geben konnte von dem Freunde ... Gern hätte sie sich vor dem kalten jungen Manne gedemütigt, ihn angefleht, ihr ein, nur ein Wort zu sagen, ... aber der Geistliche wußte ihr immer auszuweichen. Einmal jedoch traf sie ihn zufällig auf der Straße, und da sie ihm den Weg vertrat und vor ihm stehen blieb, hemmte auch er den Schritt.

»Ich bin mit dem Befinden meines Freundes gar nicht zufrieden,« sagte er unaufgefordert. »Vor mehreren Wochen hat er sich stark erkältet. Er wurde in der Nacht zu einem Sterbenden geholt, der Weg war weit und beschwerlich, das Wetter sehr häßlich ... und seitdem geht es ihm schlecht. Auf meinen Rat hin hat er nach Salzburg geschrieben und um seine Versetzung nachgesucht ... Hoffentlich wird seinem Wunsche bald entsprochen werden. Die Seelsorge in Keßten ist zu anstrengend für ihn und das Klima zu ungesund.«

»Ja, ... der geistliche Tod,« sprach Paula dumpf vor sich hin.

Mit einer Mischung von Verwunderung und Schrecken schaute Perkow sie an: »Was sagten Sie?«

»Nichts ...« Sie blickte starr in die Luft. Unausweichlich sah sie es kommen, ... Schritt vor Schritt, ... das längst Geahnte, oft Gefürchtete. Es konnte nicht anders sein. Menschen und Schicksal reichten einander die Hand, um ihn zu verderben.

»Wann gehen Sie wieder zu ihm?« fragte sie.

»Dieser Tage. Der Gedanke an ihn läßt mir keine Ruhe. Ich sehe ihn immer vor mir ...«

Hastig brach er ab und entfernte sich.

Kurz vor Weihnachten fand Paula sich an einem Morgen zur Frühmesse in der Kirche ein. Sie saß teilnahmlos in einer Kirchenbank, während Toni neben ihr kniete und andächtig betete. Das junge Mädchen faltete mechanisch die Hände, ihre Gedanken aber weilten nicht bei Gott. Unverwandt hingen ihre Augen an der Gestalt des jungen Priesters, der die heilige Messe las ... Ach! wenn sie doch endlich vorüber wäre, diese Messe. Nicht des Gebetes halber war Paula gekommen. Die Messe war zu Ende, der junge Geistliche erteilte der Gemeinde den Segen, setzte sein Barett auf und begab sich in die Sakristei.

»Geh Du nach Hause,« sagte Paula zu Toni. »Ich komme bald nach ...«

Sie stand auf und folgte dem Priester. Er war eben im Begriff, das Meßkleid auszuziehen und sah die Eintretende nicht sonderlich freundlich an.

»Was wünschen Sie?« fragte er.

»Mit Ihnen sprechen, ... unter vier Augen ...«

Perkow zuckte die Achseln, gab aber dem Meßner und dem Ministranten die Weisung, sich zu entfernen. Die beiden gehorchten mit verwunderten Gesichtern.

»Sie wollen wahrscheinlich wissen, was Harteck macht,« sagte der Geistliche in hartem, fast erbittertem Tone und fuhr fort sich auszukleiden. »Vernehmen Sie denn, daß er sehr krank ist, ... nicht herzkrank, meine ich, sondern physisch krank, ... und wenn die Herren in Salzburg nicht bald die Gnade haben, seinen wiederholten Bitten um Versetzung von Keßten nach einem milderen Klima Gehör zu geben, wird er wohl auf immer dort bleiben müssen ... Wünschen Sie noch etwas zu erfahren?«

»Warum hassen Sie mich?« fragte Paula mit versagender Stimme. »Was habe ich getan? Als ob er allein ... Ich bin ja auch unglücklich.«

»Das bedaure ich von Herzen,« erwiderte er frostig. »Halten Sie mir meine Kälte nicht für übel, ... ich habe meinen Freund sehr lieb; er hat ohnehin genug zu tragen, ... mußte auch das noch über ihn kommen!«

»Ist keine Hoffnung da, daß er Keßten verlassen wird?« fragte Paula.

»Bis jetzt keine ... Er hat schon einige Male nach Salzburg geschrieben, ... aber die Herren dort scheinen an seine Krankheit nicht recht zu glauben, denn sie geben ihm einfach keine Antwort. Wenn ihm nur wenigstens ein Hilfsgeistlicher zugeteilt würde! Auch darum hat er gebeten, ... aber bei der herrschenden Seelsorgernot hält es wahrscheinlich schwer, sein Ansuchen zu erfüllen. Er ist ganz verändert, ... so reizbar, erbittert und ungeduldig, ... ein ganz anderer Mensch, als er war.«

»Er war so gut, so weich,« sagte Paula und Tränen stürzten aus ihren Augen. »Gott! mein Gott! Und wir stehen müßig da und können nichts tun für ihn ...«

Sie lehnte sich an die Wand und weinte bitterlich, hilf- und trostlos.

Perkow schien gerührt.

»Beruhigen Sie sich,« sagte er, »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie hart anließ ... Ich hatte unrecht.«

»Was liegt an mir!« rief sie unter Tränen. »Helfen Sie ihm, ... alles andere ist gleichgültig.«

»Was kann ich tun?« entgegnete Perkow. »Ich habe alles versucht, ... habe mit dem Dekan gesprochen und ihn gebeten, sich für Georg zu verwenden, ... habe selbst nach Salzburg geschrieben, ... wer aber bin ich? Meine Stimme verhallt ungehört. Ich will noch ein Letztes wagen und, wenn die Feiertage vorüber sind, nach Salzburg reisen, ... vielleicht, daß es etwas nützen wird.«

»Ja, reisen Sie hin,« sprach Paula hastig. »Gott segne Sie!« Und das Taschentuch an die zuckenden Lippen und nassen Augen pressend, enteilte sie mit raschen Schritten. In Gedanken versunken blieb der junge Priester stehen. Es war doch etwas Erhabenes um eine so tiefe, hingebungsvolle Liebe, trotz allem Schmerz und aller Pein. Sogar er mußte das zugeben. Dieses Mädchen hatte nichts zu hoffen, die Welt und vor allen er nannte ihre Liebe eine sündige, ... und dennoch, ... wie frei trug Paula das Haupt, verachtend jeden Spott und Hohn, alles vergessend, alles ertragend bis auf das Leid, das der geliebte Mann zu erdulden hatte. »Ich will ihr nie wieder hart begegnen,« gelobte sich Perkow. »Sie ist, trotz allem, treu und brav.«

Weihnachten kam und ging, – Silvester, – das alte Jahr sank ins Grab. Trübe genug waren die hohen Festtage für den jungen Geistlichen verstrichen; die Sorge um den kranken Freund verdrängte jeden anderen Gedanken, verfolgte ihn bis ins Gotteshaus, bis in die Ausübung seiner teuersten Berufspflichten. Am heiligen Christtag hatte er sanfter als sonst gepredigt; und als er von der Liebe und den Leiden des Gottessohnes sprach und seine Gläubigen daran erinnerte, sie möchten dem Heiland zuliebe gut gegen ihre Nebenmenschen sein, möchten sein Gebot: ›Liebet Euch untereinander‹ treu befolgen, denn die Menschen stürben, und wenn wir jemand Teuren verloren und ihn, solange er lebte, gekränkt hätten, käme alle Reue zu spät, und wir möchten die Erde aufscharren, um den Dahingeschiedenen nur noch einmal zu sehen, ihm ein Liebeswort, ein Wort der Reue zu sagen, ... da zitterte die Stimme des jungen Predigers und in seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Er dachte an den Freund.

An einem eisig-kalten Januarabend saß der junge Priester allein in seinem Zimmer, damit beschäftigt, an Georg Harteck zu schreiben. Aber mutlos ließ er die Feder sinken. Was sollte er dem Freunde sagen? Daß er in Salzburg gewesen war und nichts erreicht hatte? Ach! Immer nur Trauriges berichten können! ... Er stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. War denn alles schon versucht worden? Alle Hilfsquellen erschöpft? Er drückte die geballte Hand wider die Stirn und sann und grübelte ...

Horch! Ein Wagen. Er hielt vor dem Hause still. Wer kommt um diese Stunde? Vielleicht der Bote eines Kranken, der nach einem Priester sendet? Perkow stand still und horchte. Schritte und Stimmen auf der Treppe; sie nähern sich, die Tür geht auf und: »Jesus!« entringt sich unwillkürlich den Lippen des jungen Geistlichen, er weicht ein paar Schritte weit zurück, ... meint er doch ein Gespenst zu sehen. »Du hier, Georg?« stotterte er, »bei dieser Kälte, in so später Stunde! Was, um aller Heiligen willen, führt Dich hierher?«

Der Ankömmling schüttelte sich und griff mit der Hand an die Kehle, als ob etwas ihn würgte ...

»Gib mir Wein,« brachte er mit heiserer Stimme heraus, »Glühwein, wenn möglich ... Ich bin ganz starr vor Kälte.«

Joachim ging um ihn herum, befühlte seine Hände, seine Kleider, ... er glaubte noch immer zu träumen.

»Ich will sogleich ... Setz Dich einstweilen ... oder, besser noch, leg Dich zu Bett ... Wie kannst Du mich so erschrecken, Georg!«

»Es ist nun einmal mein böses Schicksal, die zu quälen, die mich lieben,« erwiderte Harteck und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Ich vermag es nicht zu ändern.«

Joachim entfernte sich und kehrte sehr bald zurück.

»Nun sag mir, was Du hier zu suchen hast,« begann er, holte seine Bettdecke und warf sie über die Kniee des Freundes. »Weshalb bist Du gekommen? Doch nicht ... wegen des Mädchens?«

»Nein. Ich bin auf dem Wege nach Salzburg.«

»Dort bin ich gewesen und ...«

»Und sie haben Dich abgewiesen, nicht wahr? Eben, weil ich das voraussah, gehe ich hin. Sie sollen mit eigenen Augen sehen, was sie aus mir gemacht haben.«

Ein heftiger Hustenanfall zwang ihn, seine Rede zu unterbrechen.

»Dieser verdammte Husten!« murrte er, als er wieder sprechen konnte. »Tag und Nacht läßt er mir keine Ruhe. Immer röchelt er in meiner Brust und will heraus, heraus ... Der Dekan schläft wohl schon?« fragte er ablenkend und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

»Ich weiß es nicht ... Was willst Du von ihm?«

»Mit diesem Herrn habe ich auch ein Wort zu sprechen. Er wolle nichts für mich tun, schriebst Du mir. Ich möchte einmal sehen, ob er mir das Aug' in Auge zu wiederholen wagt!«

»Georg, rege Dich nicht gewaltsam auf,« sagte Joachim und legte beschwichtigend die Hand auf die Schulter des Freundes.

»Ich soll wohl noch ruhig bleiben?« rief dieser leidenschaftlich. »Was habe ich getan? Daß ich ein paar alten, miserablen Pfaffen nicht zu Gesicht stand, ... kann ich dafür! Was habe ich sonst verbrochen, daß sie mich verenden lassen wollen wie einen räudigen Hund? Mir soll mein Recht werden, das schwöre ich! Ich will den Herren Pfaffen und Ultramontanen in Salzburg Dinge sagen, die ihnen noch lang in den Ohren liegen sollen ... Ich bin nicht mehr der sanfte, furchtsame Narr, der ich war, ... leider zu lang gewesen bin, ... sonst stünde ich heute anders da. Aber noch ist es Zeit ...«

Ein lautes Klopfen an die Tür machte ihn verstummen und nach der Tür hinblicken.

»Wer ist es?« fragte Perkow, aus dessen Gesicht, während der Freund gesprochen, alle Farbe gewichen war.

»Kann ich eintreten?« fragte es draußen zurück.

»Der Dekan!« murmelte Joachim mit einem verstörten Blick auf Georg.

»O ja! Warum nicht?« antwortete Harteck für den anderen. »Im Gegenteil! Ich werde mich sehr freuen, den gnädigen Herrn Dekan zu begrüßen ...«

Die Tür ging auf und hereintrat mit zögernden Schritten die beleibte Gestalt des Dekans. Seine Miene war ängstlich und vorsichtig schloß er die Tür.

»Ich habe gehört, daß Sie gekommen sind,« hob er an; doch was er ferner sagen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken. Hartecks Anblick entsetzte ihn. Diese abgemagerten Glieder, um die der schwarze Priestertalar schlotterte, die eingesunkene Brust, die hinaufgezogenen Schultern, die hohlen Wangen und Schläfen, die gespenstisch großen Augen und um die Lippen ein scharfer, krankhafter Zug: in so kurzer Zeit eine solche Verwandlung, ... das zu finden, hatte der Dekan nicht erwartet.

Harteck war sitzen geblieben und sah den ehemaligen Prinzipal mit höhnisch herausfordernden Blicken an.

»Sie finden mich sehr verändert, nicht wahr?«

»Allerdings ... ein wenig,« stammelte der Dekan.

»Wenn das hochwürdige Domkapitel von Salzburg« – er schnitt bei diesen Worten eine Grimasse – »mich sehen wird, werden die Herren vielleicht an meine Krankheit glauben, meinen Sie nicht, Herr Dekan? Dann wird es nicht mehr heißen: Was dieser Mensch nur will, ... in einemfort will er anderswohin ... Oder vielleicht irre ich ... vielleicht beurteile ich die Herren zu menschlich, ... vielleicht werden sie sagen: Um so besser! Werden wir ihn endlich los! Er tut ja doch nirgends gut ... Keiner seiner Vorgesetzten mochte ihn leiden, und der hochwürdige Herr Dekan von St. Jakob hat uns streng auf die Seele gebunden, diesen Menschen nicht zu schonen, seinen Alfanzereien kein Gehör zu leihen ...«

»Ich bitte Sie,« fiel ihm der Dekan verstört in die Rede, »halten Sie inne! Was glauben Sie von mir? Es ist mir doch niemals in den Sinn gekommen ...«

»Nicht? Dann bitte ich um Verzeihung, obwohl ich, entschuldigen Sie, Ihren Worten keinen rechten Glauben beimessen kann. Sind nicht Sie es gewesen, der meine Versetzung nach Keßten in Vorschlag gebracht hat?«

»Das habe ich zwar getan ... Wie aber konnte ich voraussehen ...«

»Daß ich erkranken würde? Das konnten Sie freilich nicht voraussehen. Als aber mein Freund Sie bat, Sie wiederholt bat, ein gutes Wort für mich einzulegen, ... was gaben Sie ihm zur Antwort? Daß er Sie verschonen möchte, Sie hätten sich mit diesem Menschen – mit mir nämlich – schon genug gequält und seine Krankheit wäre ohnehin nur erlogen, ... das haben Sie ihm geantwortet. Glauben Sie wirklich, daß ein Mensch mit einem so ehrlichen Gesicht und so treuen Augen wie mein Joachim lügen könne? Das können Sie nicht geglaubt haben, ... aber es war Ihnen lästig, sich meinethalben zu bemühen. Freilich hätte es Ihnen bloß einige Zeilen gekostet, ... aber auch das war zu viel verlangt. Sie wollten mir keinen Liebesdienst erweisen. Das war's.«

Der Dekan sah sich hilfesuchend nach Perkow um. Der aber war zum Fenster hingetreten und kehrte den Sprechenden den Rücken zu. Seine Hände lagen auf dem Fensterbrett, seine Stirn lehnte an der Scheibe. Sogar aus der Entfernung konnte der Dekan wahrnehmen, daß der junge Priester am ganzen Leibe zitterte.

»Sie gehen denn doch zu weit,« sagte der Dekan, der einsah, daß er nicht länger stumm bleiben konnte. »Weshalb sagen Sie mir das alles? Warum sind Sie überhaupt hier?«

»Um Ihnen das alles zu sagen. Zuerst Ihnen, dann der ehrenwerten Gesellschaft in Salzburg. So krank ich bin, ... ich schleppe mich hin zu diesen Herren und fordere Gerechtigkeit. Daß sie sich hüten! Ich bin ein verzweifelter Mensch. Wenn sie nicht nachgeben, will ich andere Saiten aufziehen, ... will aller Welt verkünden, wie man in dieser Diözese gegen den niederen Klerus verfährt, ... austreten will ich aus dieser Diözese und in allen Blättern veröffentlichen lassen, wie man gegen mich vorgegangen ist, ... sie sollen an mich denken, diese Diener der Kirche. Zertreten haben sie mich, – aber ich will den Fuß stechen, der mich zertreten hat. Vielleicht, daß ein Skandal anderen armen, unterdrückten Pfaffen zum Heile werden wird, ... dann mag ich in Gottes Namen zugrunde gehen.«

»Hören Sie mich, Herr Vikar,« sagte der Dekan sichtlich aufgeregt. »Kommen Sie doch zu sich! Sie waren ja sonst nicht so heftig ...«

Harteck lachte bitter in sich hinein.

»Sehen Sie das jetzt ein?«

»Alles sehe ich ein. Hören Sie mich nur, ich beschwöre Sie. Einen Skandal können und dürfen Sie nicht machen. Was würde die Welt dazu sagen? Daß wir den jungen Klerus nichtswürdig behandeln, ... von dem einen Beispiel würden unsere Gegner auf die Gesamtheit schließen. Und das wäre doch eine Unwahrheit ... Fragen Sie Ihren Freund, fragen Sie alle jungen Geistlichen, die in meinem Hause lebten, ... alle werden Ihnen sagen, daß ich sie anständig behandelt habe. Ich bitte Sie, nehmen Sie Vernunft an. Ich werde alles für Sie tun, werde selbst nach Salzburg gehen und den Herren erzählen, was ich gesehen und gehört habe, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie von Keßten fortkommen sollen ... Wollen Sie noch sonst etwas? Ich bin bereit, alle Ihre Wünsche zu erfüllen.«

Harteck dachte nach. In seinem gesenkten Gesichte dämmerte kein Schimmer von Versöhnung auf, ... seine Züge blieben finster, wie sie gewesen. Er wußte, was den Dekan so nachgiebig stimmte. Nicht Reue war es oder Mitgefühl; einzig und allein die Furcht vor einem möglichen Skandal.

»Ich bin unfähig, den Seelsorgedienst in Keßten zu versehen,« sagte er nach einer Stille. »Indessen muß er besorgt werden. Verschaffen Sie mir einen Hilfspriester, der, solang ich noch dort bin, den Dienst für mich verrichtet.«

»Gern,« versetzte der Dekan hastig. »Wenn Sie wollen, stelle ich Ihnen den Pater Benediktus zur Verfügung.«

»Den mag ich nicht.«

»Oder Ihren Freund, ... wir werden uns auch ohne ihn behelfen. Lang dauert es keinesfalls ... Ich werde darauf dringen, daß Sie schleunigst versetzt werden.«

Harteck nickte bloß schweigend mit dem Kopfe. Seine Züge verrieten große Erschöpfung, er atmete unruhig. Plötzlich faßte er sich an der Brust und sein Gesicht überflog ein Ausdruck schmerzhafter Ungeduld.

»Der Husten kommt schon wieder,« sagte er verzagten Tones und blickte wie in Angst um sich. »Wenn ich mich nur vor dem erretten könnte! Es tut so weh ...«

Joachim eilte rasch zu ihm hin und stützte sein Haupt mit beiden Händen. Während sich der Brust des Kranken ein lauter, quälender Husten entrang, hielt sich Georg krampfhaft an Joachims Rock fest und auf seine Stirn trat kalter Schweiß.

Der Dekan wurde blutrot im Gesichte. Er glaubte nicht anders, als daß der Priester ersticken müßte. Erleichtert atmete er auf, als der Anfall endlich vorüber ging und er den Kranken mit erloschener Stimme sagen hörte: »Gib mir Wasser, Juchei.«

»Warten Sie! Ich will es ihm bringen!« rief der Dekan. »Bleiben Sie bei ihm.«

Und eilfertig goß er ein Glas voll und setzte es an die Lippen des Priesters, während Joachim mit einem Tuch leise die Schweißtropfen von Georgs wachsbleicher Stirn wischte.

»Danke,« sagte Harteck kurz zum Dekan und trank. Der Dekan betrachtete die abgemagerten, zitternden Hände des Kranken und tiefe Wehmut beschlich seine Seele. Erst dreißigjährig und vielleicht nur noch einen Schritt vom Grabe entfernt! Das war doch namenlos traurig ...

»Weiß Ihre Familie um Ihre Erkrankung?« fragte er.

»Nein.«

»Aber das ist nicht recht von Ihnen ... Sie sollten Ihre Mutter zu sich berufen, um sich von ihr pflegen zu lassen.«

»Ich brauche niemanden, wenn ich Joachim habe,« antwortete Harteck mit unsäglicher Zärtlichkeit und führte die Hand des Freundes an die Lippen. Juchei kämpfte augenscheinlich gegen Tränen.

»Unter meiner Pflege wirst Du gewiß wieder gesund werden,« sagte er mit dem Versuch, seiner Stimme einige Festigkeit zu verleihen, was ihm jedoch schlecht gelang.

»Dazu ist es wohl zu spät. Aber vielleicht, daß in einem milderen Klima, ... ich bin noch jung, ... nur noch ein paar Jahre, ... nur nicht schon jetzt! Jetzt ist es noch zu früh. Nicht daß ich so sehr an diesem elenden Dasein hinge, ... nicht meinetwegen kämpfe ich so ängstlich um das Leben, ... es ist ja doch verspielt ... Dennoch flehe ich zu Gott, mir noch einige Jahre zu schenken und mich erst dann abzuberufen, wenn – jemand mich vergessen hat ...«

Er stand rasch auf und ging mit großen Schritten in Joachims Schlafstube.

»Morgen reise ich nach Salzburg,« sprach der Dekan erschüttert. »Und Sie, ... was gedenken Sie mit ihm anzufangen?«

»Ich werde morgen mit ihm nach Keßten fahren, wenn sein Zustand es erlaubt. Es ist doch besser für ihn, wenn er wieder zu Hause ist.«

»Freilich, freilich,« sprach der Dekan. Er würde viel darum gegeben haben, wenn er den unerwünschten Gast nach Keßten hätte zurückversetzen können; seine Nähe war ihm unheimlich. Eilig sagte er zu Perkow gute Nacht und entfernte sich so schnell er konnte. Joachim stand lang in düstere Gedanken verloren da. Erst als er eine Magd eintreten sah – nicht die hübsche Uschei, die hatte mittlerweile geheiratet, sondern eine Fremde –, schreckte er aus seinem Sinnen empor und folgte dem Freund.

Georg lag auf dem Bette, das Gesicht in die Kissen vergraben.

»Der gewünschte Glühwein steht auf dem Tisch, Georg,« sagte Juchei.

»Ach ja! Den hatte ich vergessen. Verzeih, daß ich Dich umsonst bemüht habe, ... ich darf keinen Wein trinken und das war mir entfallen. Aber Eis soll ich nehmen, wenn ich fühle, daß das Blut kommt.«

»Das – Blut?« wiederholte der andere mit starrem Blick. »Hustest Du denn Blut?«

»Ja, manchmal,« antwortete Harteck gleichgültig. »Im Anfang hat es mich erschreckt, doch jetzt habe ich mich bereits daran gewöhnt. Es verschafft mir sogar eine Art von Erleichterung.«

»Ich werde Eis holen lassen,« sagte Joachim leichenblaß und starrte den Freund noch immer an. Georg versuchte zu lächeln, aber der Versuch mißlang. Seine Mundwinkel bebten nervös, als ob er gegen Tränen kämpfte, – dann fiel er auf die Kissen zurück und: »Paula! Paula! Paula!« kam es mit wildem, sehnsuchtkrankem Schrei von seinen Lippen.

»Georg!« rief Joachim und stürzte zu ihm hin. »Du tötest Dich, Georg, ...« er faßte ihn bei den Schultern und rüttelte ihn, ... der arme Junge wußte in seiner Hilflosigkeit nicht, was er tat, ... »komm zu Dir!«

»Mein süßes, treues, armes Mädchen!« rief Harteck mit schluchzender Stimme. »Wenn sie wüßte, daß ich ihr so nahe bin! Ach! Wie es mich gepackt hat, als ich an ihrem Hause vorüberfuhr! Alles lebte in mir auf, ... all unser kurzes, jammervolles Liebesglück ... Glück! Daß Gott erbarm!«

»Willst Du sie sehen? Soll ich sie holen?« fragte Joachim, der sich nicht mehr zu raten wußte.

»Nein! O nein! Gleichgültige sogar erschrecken bei meinem Anblick, ... wie dann erst sie, die mich so zärtlich liebt! ... O Joachim! Wie lebt sie? Siehst Du sie manchmal? Spricht sie von mir?«

»Wenn wir zusammentrafen, sprachen wir bloß von Dir. Du hast recht, ... sie ist Dir treu ergeben.«

Harteck seufzte und blieb lange still.

»Brauchst Du außer Eis noch etwas?« fragte Joachim endlich.

Georg verneinte die Frage mit einer Kopfbewegung.

»Dann will ich um Eis schicken,« sagte sein Freund. »Nur vorsichtshalber ... Hoffen wir, daß wir es in der Nacht nicht benötigen. Und glaubst Du, Georg, Lieber, daß Du morgen imstande sein wirst, nach Keßten zurückzukehren?«

»Wenn Du mit mir kommst, ... ja. Nur laß mich nicht allein.«

»Natürlich begleite ich Dich, ... der Dekan hat es erlaubt. Bist Du schläfrig?«

»Ja ...«

»Dann erlaube, daß ich Dir die Kleider ablegen helfe.«

»Du hast das schon einmal getan,« sagte Harteck, während Joachim ihm die Kleider vom Leibe zog. »Weißt Du es noch? In der Nacht war es, die meinem Scheiden von hier voranging ... Du mußt viel Geduld mit mir haben.«

»Du Narr!« sagte Juchei mit erzwungener Heiterkeit. »Hast Du die Zeit vergessen, wo ich krank war und Du mich pflegtest? Jetzt ist die Reihe an mir, ... ich vergelte nur gleiches mit gleichem.«

»Gute Nacht,« sagte Harteck und drückte seine Hand. Joachim machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und schlich dann auf den Fußspitzen hinaus, um Auftrag zu geben, daß Eis geholt werden möchte.

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