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Der geistliche Tod

Drittes Kapitel

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Von Uschei hörte Harteck, daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre. Hastig vertauschte er den langen Priestertalar mit einem schwarzen Rocke, bürstete sorgfältig sein unglücklicherweise natürlich gelocktes Haar und trat also gerüstet in das Speisezimmer.

Der Dekan saß am Tische und las in einer Zeitung. Den Platz ihm gegenüber nahm der junge Mönch ein und in dessen Nähe stand eine Dame, die sich gerade anschickte, den Kaffee in die Tassen zu gießen. Sie verrichtete das häusliche Geschäft mit zimperlicher Geziertheit, ihr blasses Gesicht sah ziemlich verschlafen aus und ihre Toilette verriet, daß sie erst vor kurzem aus den Federn geschlüpft war. Sie trug einen hellen Schlafrock und ihr ungekämmtes Haar war nachlässig aufgesteckt.

Die drei Personen blickten nach der Tür, als Harteck eintrat, und erwiderten seine Verbeugung auf verschiedene Art. Der Dekan nickte bloß mit dem Kopfe und vertiefte sich allsogleich wieder in seine Zeitung. Der Mönch erhob sich halb von seinem Sitze und verneigte sich, die Dame ließ einen durchdringenden Blick über den Ankömmling gleiten, verwirrte sich, wurde rot und goß eine der Tassen mit so großer Eile voll, daß sie überfloß.

»Ach! Wie ungeschickt ich bin!« rief das Fräulein kichernd.

»Was ist denn geschehen?« fragte der Dekan, legte die Zeitung auf den Tisch und blickte das Fräulein streng an. »Gib doch acht, Aurelie! Du wirst wieder etwas zerbrechen. – Und Sie, Herr Kooperator, nehmen gefälligst Platz; Sie sitzen neben dem Pater. Doch zuerst will ich Sie mit meiner Nichte bekannt machen. Fräulein von Gerstenbeck, Herr Kooperator Harteck.«

Der Genannte verbeugte sich abermals und setzte sich dann neben den jungen Mönch. Die Dame im Schlafrock, die Harteck mit einem lautlosen Gegengruß und einem schmachtenden Blick beglückt hatte, reichte zuerst ihm, dann dem Pater eine Tasse hin, nahm dann an der Seite ihres Onkels Platz und begann gleich den anderen ihr Frühstück zu verzehren. Nach einer Weile sagte der Dekan: »Du bist heute abermals nicht in der Messe gewesen, Aurelie.«

»Ach, Onkelchen, nicht böse sein!« antwortete sie und faltete kindlich die Hände. »Ich habe mich verschlafen. Als ich erwachte, war es bereits zu spät, zur Messe zu gehen, ... ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich anzukleiden und mein Haar in Ordnung zu bringen, ... ich schäme mich so vor dem Herrn Kooperator,« sagte sie unter heftigem Kopfschütteln, drehte ihre Tasse hin und her und lächelte den Kaffee an. »Was soll er von mir denken!«

»Ich, gnädiges Fräulein?« fragte Harteck aufblickend. »Ich würde trostlos sein, wenn Sie sich meinetwegen irgendeinen Zwang auferlegten.«

»Sie sind zu freundlich,« sagte sie mit denselben Gesten wie vorhin. »Aber ich weiß, daß es sich nicht schickt, vor Herren ...« Sie stockte und errötete. »Wirklich, ich schäme mich zu Tode.«

»Laß jetzt diesen Gegenstand fallen und steh' in Zukunft früher auf,« sagte der Dekan.

»Wie kann ich das, Onkelchen, wenn ich so schlecht schlafe in der Nacht? Ich habe mich gestern sehr geärgert, und wenn ich mich ärgere, kann ich nicht schlafen.«

»Ich möchte doch wissen, worüber oder über wen Du Dich schon wieder geärgert hast,« versetzte der Dekan mit einem Achselzucken.

»Nun, ... über Fräulein Reinberg, Onkel.«

Der Dekan fuhr von seinem Sitze auf: »Habe ich Dir nicht schon zu wiederholten Malen untersagt, mit diesen Leuten umzugehen?«

»Verzeih' mir, Goldonkelchen!« antwortete sie und faltete neuerdings die Hände. »Ich bin nun einmal so, ... ich kann die Menschen nicht entbehren. Den ganzen Tag bin ich allein, ... alle Welt ist beschäftigt und hat keine Zeit, mit mir zu plaudern ... und das macht mich ganz krank. In meiner Verzweiflung bin ich denn gestern zu Fräulein Reinberg gegangen und habe sie zu einem gemeinsamen Spaziergang aufgefordert.«

»Nun, und sie? Sie hat doch nicht die Unverfrorenheit gehabt, Dich abzuweisen?«

»Das nicht, ... aber sie ist eine so kalte, man möchte sagen hochmütige Person. Hochmütig, Onkel, gegen mich! Ich bitte Dich! Denn ohne mir zu schmeicheln, nehme ich doch in der Welt eine ganz andere Stellung ein als Fräulein Reinberg, ihr Vater ist am Ende nur ein simpler Landarzt, und sie sollte sich, meinte man, beglückt fühlen, wenn die Tochter eines Hofrates sich herbeiläßt, mit ihr zu verkehren ...«

»Dir geschieht ganz recht. Wer Pech angreift, besudelt sich, und wer sich in den Kopf setzt, mit Leuten zu verkehren, die nicht zu ihm passen, wird immer unangenehme Erfahrungen machen.«

»Du hast ja so recht, Onkelchen. Nicht wahr, ich bereite Dir viel Verdruß? Ich wette, ich wette,« sagte Fräulein Aurelie und drohte schelmisch mit dem Finger, »daß Du im Grunde Deines Herzens manchmal denkst: Wenn doch meine querköpfige, närrische kleine Nichte wieder fort wäre! Ist es nicht so?«

»Du bist vom Gegenteil so gut überzeugt wie ich,« versetzte der Dekan und stand auf. »Herr Kooperator,« wendete er sich an diesen, der sich gleichzeitig mit dem Dekan erhoben hatte und dem Gespräche ohne eine Miene zu verziehen gefolgt war, »Sie bitte ich, sich nach Ablauf einer halben Stunde in meinem Arbeitszimmer einzufinden. Ich habe wegen der Kirchenordnung, der Geschäftseinteilung, des Unterrichts und so weiter mit Ihnen zu sprechen.«

Harteck verneigte sich, der Dekan grüßte und ging aus dem Zimmer. Die beiden anderen Herren wollten sich ebenfalls entfernen.

»Sie haben einen schönen Hund, Herr Kooperator,« sagte da Fräulein Aurelie und zwang ihn dadurch zu bleiben, während der junge Mönch, dessen stummer Gruß von der Dame nicht erwidert wurde, schleunig seiner Wege ging.

»Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt,« sagte Harteck mit einem Lächeln.

»Ja, er gefällt mir. Wie heißt er?«

»Cäsar.«

»Besitzen Sie ihn schon lange?«

»Seit zwei Jahren. Als ich ihn bekam, war er erst sechs Wochen alt und nicht größer als ein Schoßhündchen.«

»Ach, wie lieb muß er damals gewesen sein!« sagte Fräulein Aurelie mit mehr Rührung in der Miene, als die Situation erheischte. »Ist er brav und folgsam?«

»Er hat alle guten Eigenschaften, die man von einem Hunde fordern darf.«

»Wenn er sich nur an mich gewöhnte! Dann könnte er mich manchmal auf meinen einsamen Spaziergängen begleiten. Es ist so traurig, ja, man möchte sagen, ängstlich für eine junge Dame, allein spazieren zu gehen.«

Harteck blickte sie an. Sollte das eine Aufforderung sein? Erwartete das Fräulein, daß er sich zu ihrem Begleiter auf ihren »einsamen Spaziergängen« anbieten würde?

»Hier in Tirol können Sie sich wohl vollkommen sicher fühlen,« sagte er. »In Wien und dessen Umgebungen mag es wohl vorkommen, daß Damen Belästigungen aller Art ausgesetzt sind, ... aber bei uns ist das nicht der Fall. Doch wenn Sie meinem Hunde die Ehre erweisen wollen, sich mit ihm abzugeben, steht er natürlich jederzeit zu Ihrer Verfügung.«

Sie schien von dieser Antwort nicht befriedigt, denn sie schwieg und ihr Gesicht nahm einen geschraubten Ausdruck an; der junge Priester benützte die Pause, um sich zurückzuziehen und ging nach einem im höflichsten Tone gesprochenen: »Auf baldiges Wiedersehen, gnädiges Fräulein!« aus dem Zimmer.

Aurelie setzte sich mit verdrießlicher und enttäuschter Miene an den Speisetisch. Sie gefiel jenem Herrn nicht und er – hatte ihr gefallen. (Jetzt war das natürlich vorbei.) Es war doch recht langweilig in diesem Neste! Nichts als Bauern und – Geistliche, ... denn mit den übrigen Honoratioren des Ortes durfte sie nicht verkehren. Sie langweilte sich bereits und war doch erst seit drei Wochen hier und sollte den ganzen Sommer und Herbst über hier bleiben ... Eine verlockende Aussicht. Daheim war es freilich auch just nicht zum Besten bestellt. Der Herr Hofrat nahm zwar eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, aber der Herr Hofrat hatte kein Vermögen und eine zahlreiche Familie. Wenn ihre Mama, die Schwester des Dekans, am Leben geblieben wäre, würde sie, Aurelie von Gerstenbeck, anders dastehen. Aber die Mama war seit fünfzehn Jahren tot, der Herr Hofrat hatte sich zum zweiten Male verheiratet und seine Frau Gemahlin hatte ihn – Gott sei es geklagt! – mit fünf Kindern beschert. Ach, die Rangen! was für einen Lärm die machten und wieviel Geld sie kosteten! Alles ging für die Kinder auf, zu Mittag gab es immer nur Suppe, gesottenes Fleisch und Gemüse, ... kein Wunder, daß Aurelie stets so mager blieb! Auf das Land zu ziehen im Sommer, daran konnte ebenfalls nicht gedacht werden: man mußte sparen für die Kinder ... Papa war nicht mehr jung. Die Luft in Wien ist zur Sommerzeit sehr ungesund, und um ihrem schädlichen Einflusse zu entgehen, war Aurelie der Einladung des hochwürdigen Onkels gefolgt und hierher gekommen. Es gefiel ihr nicht übel im Dorfe, sie hatte sich auch schon zusehends erholt und sah viel besser aus, als bei ihrer Ankunft; kein Mensch würde glauben, daß sie bereits – dreißig Jahre zählte; höchstens fünfundzwanzig würde man ihr geben, ... mehr gewiß nicht. Und dieser neue Kooperator! Sie hatte sich auf sein Kommen gefreut, ... ein neuer Mensch ist immer eine Abwechslung. Seine Erscheinung hatte sie im ersten Momente beinahe aus der Fassung gebracht, ... so elegant und gentlemanlike hatte sie sich einen Dorfgeistlichen nun und nimmer vorgestellt. Sie fand nichts Strafwürdiges darin, wenn ein Priester sich sorgfältig kleidete und sich das lockige Haar nicht verschnitt, ... aber sie verlangte für diese Nachsicht auch, daß derjenige, dem sie zu teil wurde, sie gebührend zu schätzen wisse. Harteck jedoch hatte sie, Aurelie von Gerstenbeck, kaum angesehen, nicht einmal das Wort an sie gerichtet und es sehr eilig gehabt, fortzukommen, ... und sie hatte doch sehr freundlich mit ihm gesprochen, aus purer Höflichkeit von seinem Hunde geredet, wo sie in Wirklichkeit die Hunde nicht ausstehen konnte; wie ihresgleichen hatte sie den jungen Mann behandelt, sie, eine Hofratstochter, eine Wienerin, und obendrein die Nichte seines Vorgesetzten! »Es ist mir unbegreiflich!« dachte Aurelie, legte den Zeigefinger an den Mund und sog daran. »Ich sehe doch so interessant aus!«

Interessant? Das war Ansichtssache; hübsch einmal gewiß nicht. Fräulein Aurelie machte einen farblosen Eindruck; alles an ihr war so verblaßt, wie ein ausgewaschener Kleiderstoff. Die graubraunen glanzlosen Haare, die lichten Augen, das fahle spitze Gesichtchen, ... nichts stach ab, nichts hatte eine kräftige Farbe. Dazu kam noch die kleine magere Gestalt, die in dem dünnen Schlafrock schlotterte, die hastigen, nervösen Bewegungen, des Mädchens geziertes Wesen und eine eigentümliche gesuchte Unbeholfenheit in allem, was sie sagte oder tat ... Interessant? Armes Geschöpf! Sie wußte nicht, daß des Dekans Gesinde heimlich über sie lachte, wenn sie, das Gesicht mit poudre de riz überstäubt, in ihren Hakenschuhen und städtischen Kleidern, in Haus, Hof und Garten umherstolzte, die Leute bei der Arbeit störte, unnütze Fragen stellte, über Dinge urteilte, von denen sie nichts verstand, und die Mägde und Knechte glücklich zu machen glaubte, wenn sie ihnen im Vorübergehen ein paar herablassende Worte zurief, sie ihres Fleißes wegen belobte oder mit gnädigem, affektiertem Gruß auf ihren hohen Stiefelchen an ihnen vorbeitrippelte.

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