Viertes Kapitel
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Willkommen hatte der Dekan ihn nicht geheißen und erwies sich auch in der Folge nicht als freundlich gesinnt wider ihn. Aber Georg Harteck hatte von seinen Vorgesetzten schon allerlei Übles erfahren und manches ertragen gelernt. Die Schule des Lebens hatte ihn gestählt und sein Grundsatz war, kein Bedauern mit sich selbst aufkommen zu lassen, denn er hatte das dunkle Gefühl, daß der Mensch, wenn er einmal anfängt, sich selbst zu bemitleiden, nicht wieder damit aufhören kann. Er bemühte sich denn, den Dekan, soweit es in seinen Kräften stand, zufrieden zu stellen, und wenn der Prinzipal ihn wegen irgend etwas tadelte, schwieg er, oder er versprach, die Sache in Zukunft anders zu machen. Die Dekanei war eine ergiebige Pfründe, verursachte aber auch viel Arbeit: nicht hinsichtlich der Seelsorge allein, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung; sie besaß reichliche Äcker, Wiesen und Vieh, über deren Erträgnisse genaue Rechnung geführt und die möglichst vorteilhaft verwendet werden mußten. Der Dekan hatte sich zum tüchtigen Landwirt herangebildet, wachte über alles, verstand alles und trieb allerlei Art von Handel. Er feilschte mit den Bauern um jede Kanne Milch, um jedes Kalb, um jeden Halm, wie ein echter Krämer. Dem jungen Kooperator mißfiel diese Habsucht in hohem Grade und er fing an zu begreifen, weshalb die Bauern ihren Seelenhirten nicht leiden mochten. Auch das Gesinde hatte keine guten Tage bei ihm; er forderte von den Leuten eisernen Fleiß und zahlte karge Löhnung dafür; niemals zufrieden mit dem, was die Knechte und Mägde taten, jammerte er beständig über die Trägheit, Gottlosigkeit und den Eigennutz der Menschen, und von den Bauern sprach er stets mit verbissener Unversöhnlichkeit. Seit Menschengedenken war in dem Dorfe niemand gestorben, der nicht der Kirche etwas vermacht hätte, und jeden Tag mußten sogenannte »gestiftete Seelenmessen« gelesen werden, für die ein kleines Kapital ausgesetzt worden war, von dessen Zinsen die Messe für die Seelenruhe des Verstorbenen, von dem die Stiftung ausging, bezahlt wurde. Aber auch darin erblickte der Dekan kein Zeichen von Frömmigkeit. »Ihr ganzes Leben verbringen diese Kerle in der Sünde,« sagte er, »vernachlässigen den Herrgott und seine Gebote, und auf dem Sterbebette packt sie die Furcht und sie meinen den lieben Gott dadurch zu versöhnen, wenn sie nach ihrem Tode Messen lesen lassen. Selbstsucht, Angst vor dem göttlichen Zorn ist's, ... nichts weiter.« Was aber würde der Herr Dekan erst gesagt haben, wenn ein reicher Bauer gestorben wäre, ohne der Kirche etwas zu hinterlassen? Aber das kommt in Tirol niemals oder doch sehr selten vor.
Weil der Dekan es so haben wollte, vermied Harteck einstweilen, mit den Leuten im Dorfe zu verkehren. Das kostete ihm auch kein schweres Opfer, denn er war es nachgerade müde geworden, immer wieder von vorne anzufangen. Kaum hatte er sich an einen Ort und dessen Bewohner gewöhnt, hieß es wieder wandern, alle lieb gewordenen Menschen und die vertraute Gegend verlassen und an fremdem Orte, unter fremden Menschen, ein neues Leben beginnen. Dreimal schon hatte er die Wehmut des Scheidens auskosten müssen, und er sagte sich, daß es für einen Priester vielleicht am besten wäre, sich niemandem anzuschließen, weil er niemals wissen könne, wie lange seines Bleibens an einem Orte sein würde. In seinen freien Stunden streifte er, von seinem Hunde begleitet, in Wald und Feld umher und freute sich der schönen Natur; oder er saß daheim, las, schrieb Briefe an seinen einzigen Freund, den jungen Geistlichen, dessen Krankenwärter er gewesen war und den er zärtlich liebte, oder er spielte Klavier, – oft bis spät in die Nacht hinein. Dieses Vergnügen war jedoch von keiner Dauer. Der Dekan beklagte sich eines Morgens darüber und sagte, daß ihn das Klavierspiel am Einschlafen hindere, und so mußte Harteck das Musizieren notgedrungen auf den Tag verlegen. Da war es freilich nicht so still wie in der Nacht, wo alles schlief; oft ließ der Geistliche es sein, weil im Hause gesägt, Holz gehackt und anderer Lärm verursacht wurde, was sein Spiel übertäubte.
Seine Wohnstube hatte er sich mehr nach seinem Geschmacke eingerichtet. Er hatte unnötige Schränke daraus entfernen lassen, und an deren Platz standen jetzt sein geliebtes Klavier, das Notenpult, sein Schreibtisch und Bücherschrank. Gleich Freunden schauten diese vertrauten Gegenstände ihn an; wie viele schöne, ruhige Stunden verdankte er dem Klavier und seinen Büchern! Aus seinen eigenen kargen Mitteln hatte er sich größtenteils klassische Dichterwerke angeschafft; die Bücher theologischen und religiösen Inhaltes waren Geschenke seiner Lehrer und Kollegen und seiner Mutter; von dieser stammten auch alle Gebet- und Erbauungsbücher her, die jetzt auf dem Betschemel lagen und in denen der junge Priester niemals las. Doch davon wußte die Geberin nichts und sollte auch niemals davon erfahren.
Die häßlichen Heiligenbilder hatte er ebenfalls von den Wänden genommen und sie durch andere, bessere ersetzt. Ein Christus am Kreuz von van Dyck, Delaroches Karfreitag, das auf dem Kreuze schlafende Jesukind von Reni, die sixtinische Madonna hingen, in guten Kupferstichen ausgeführt, nunmehr an den Wänden. Der Herr Dekan hatte zwar darüber gemurrt und gemeint, daß ein Heiligenbild niemals häßlich sein könne, weil die Idee, die es verkörpere, schön sei; der junge Priester aber hatte dieses Mal nicht nachgegeben und auf der Entfernung der Bilder beharrt, und weil die Kupferstiche ebenfalls nur religiöse Motive darstellten, hatte der Dekan sich beruhigt und den jungen Mann gewähren lassen. In seiner Wohnung fühlte Harteck sich wohl und er würde viel darum gegeben haben, wenn er die Mahlzeiten auch in seiner Stube hätte einnehmen dürfen. Der Dekan tat bei dieser Gelegenheit entweder den Mund nicht auf und las während des Essens, oder er ergoß sich in bitteren Ausfällen wider die Menschen und spielte immer wieder auf seine verunglückte Landtagskandidatur an. Fräulein Aurelie ihrerseits war sehr veränderlich: beim Frühstück so freundlich und geschwätzig, daß einem ordentlich bange wurde, beim Mittagessen reserviert, beim Abendessen schmachtend und sentimental, und am nächsten Tage war die Reihenfolge ihrer Stimmungen wieder umgekehrt; und wenn man sich am Abend im besten Einvernehmen von ihr trennte, konnte man beinahe sicher sein, daß sie am folgenden Morgen tödliche Kälte zur Schau tragen würde. »Sie ist unausstehlich!« dachte Harteck oft; doch wenn er ihr den Rücken kehrte, vergaß er sie wieder.
Großes Vergnügen gewährte ihm der Religionsunterricht in der Schule. Er war ein Kinderfreund und die kleinen Buben und Mädchen merkten das bald. Während sie vor dem Herrn Dekan zitterten und bebten, hatten sie zu dem jungen Kooperator unbedingtes Zutrauen und hingen bald mit jener Zärtlichkeit an ihm, die Kinderherzen für alle jene hegen, die gut und freundlich gegen sie sind. Der Geistliche bemerkte, daß die Kleinen ihren Katechismus mit großer Geläufigkeit hersagen konnten, doch wenn er sie um die Bedeutung des Gesagten befragte, verstummten sie und schauten ihn verlegen an. Nur ein einziges Kind machte davon eine Ausnahme. Das etwa zehnjährige Mädchen war ihm gleich im Anfang aufgefallen. Es trug ein bloß über die Knie reichendes Kleidchen, das rückwärts von einer breiten Masche zusammengehalten wurde, und das dunkle Haar nach altdeutscher Art verschnitten, anstatt wie die anderen kleinen Mädchen in dünnen Zöpflein um den Kopf gewunden. Ein hübsches Ding war sie auch, diese Kleine mit ihrem rundlichen Apfelgesicht und den klugen, großen, wißbegierigen Augen; weder scheu noch dreist dabei, wohl aber lebhaft und ehrgeizig. Sie war die beste Schülerin und tat sich darauf ein weniges zugute. Ihre Religionskenntnisse, die verrieten, daß die Kleine nicht bloß wie ein Starmatz plappern konnte, sondern auch über alles, was sie auswendig lernte, nachdachte, setzten den jungen Priester in großes Erstaunen. Einmal redete er die Kleine nach der Schule auf der Straße an.
»Du heißt Toni Reinberg, nicht wahr?«
»Ja, Herr Katechet.«
»Sag' mir, Toni, wer erklärt Dir denn alles so gut und richtig?«
»Meine Schwester,« antwortete das Kind mit großem Stolze. »Wenn ich etwas nicht verstehe, brauche ich nur meine Schwester zu fragen. Die kann und weiß alles. Sie macht auch meine Kleider und unterrichtet mich im Zitherspiel. Kennen Sie meine Schwester Paula noch nicht, Herr Katechet?«
»Nein,« versetzte er lächelnd.
»O!« Sie schien es nicht zu fassen, daß jemand im Dorfe ihre Schwester nicht kannte.
»Du hast sie wohl sehr lieb?«
»Sehr lieb. Sie und meinen Vater.«
»Und Deine Mutter?«
»Ist tot. Meine Schwester sagt mir immer, daß der liebe Gott einen Engel gebraucht und deshalb die Mutter zu sich genommen hat, und daß sie oben im Himmel auf uns wartet.«
Wie süß es klang, dieses kindliche Vertrauen in der Schwester Wort, und wie zart und weiblich schön es von der Schwester war, für den frühen Tod der Mutter eine so poetische Erklärung zu ersinnen! Der Priester beugte sich auf das Kind herab und küßte es auf die volle rote Wange.
»Ich bin doch schon seit drei Wochen hier und habe Deine Schwester noch niemals singen gehört,« sagte er dann. »Sie singt doch manchmal auf dem Chor?«
»Jetzt nicht. Aber warum sie es nicht tut, darf ich nicht sagen.«
»Dann behalte Dein Geheimnis, mein Kind, und geh' jetzt nach Hause.«
Sie küßte seine Hand und sprang davon, – hochbeglückt, wie es schien, darüber, daß der geistliche Herr sie eines Gespräches gewürdigt hatte. Dieses Kind wurde Hartecks erklärter Liebling. Gern würde er Toni auf seinen Spaziergängen mitgenommen oder sie aufgefordert haben, zu ihm zu kommen, die Zither mitzubringen und ihm vorzuspielen, nur um das hübsche, aufgeweckte Kind recht oft und lang zu sehen und es plaudern zu hören. Aber Toni war die Tochter des Arztes, eines Mannes, mit dem der Dekan nicht verkehrte: wer weiß, ob der Vater des Kindes damit einverstanden gewesen wäre; vom Dekan gar nicht zu sprechen, der daran gewiß zu tadeln gefunden hätte. Auch das sollte und durfte nicht sein, wie so vieles, vieles andere.
Trotzdem er keinen eigentlichen Umgang mit der Gemeinde pflog, hatte er sich doch schon einen ziemlich genauen Einblick in die Verhältnisse der Dorfbewohner zu verschaffen gewußt. Hierbei ging der junge Mönch ihm an die Hand; der Pater nannte ihm die Namen der Leute und sagte ihm, was sie trieben, ob sie reich, ob arm wären und was für ein Familienleben sie führten. Bei diesen Mitteilungen trat Gutes und Schlimmes zutage: im großen und ganzen wären die Leute wohlhabend, lebten gut und ließen die Armen leben, wären nicht übermäßig fleißig und säßen viel im Wirtshause. Jeder Bursche hätte seinen Schatz, mitunter auch zwei, und junge unverheiratete Mütter gebe es nicht wenige im Dorfe. Die betreffenden Väter wären indessen ehrlich genug und auch vom Gesetze dazu angehalten, für ihre unehelichen Kinder zu sorgen, und so litten die armen Würmer wenigstens keinen Mangel; auch treffe diese weder Spott noch Mißachtung und die gefallenen Mädchen heirateten meistens später einen anderen Mann; in Tirol seien ja derlei Verhältnisse gang und gebe, und man nehme es da mit der Sittenreinheit nicht sehr genau. Wohl seufzte der Pater über diese Verhältnisse und sagte, daß er von der Kanzel und im Beichtstuhl den Burschen und Mädchen oft schon ins Gewissen geredet hätte; sie versprächen dann zwar für die Zukunft alles Gute, aber es bleibe beim Versprechen. »Man hat sein Kreuz mit der Jugend,« sagte der Mönch mit altkluger Miene und zählte doch selber nicht mehr als fünfundzwanzig Jahre. Harteck befragte ihn auch um die Familie des Arztes und ob dessen ältere Tochter Paula ein braves Mädchen wäre. Die Antwort lautete über alle Maßen befriedigend. Dem jungen Mädchen lasse sich nichts, auch nicht das geringste nachsagen. Ein junger Kaufmann und ein Bahnbeamter hätten um ihre Hand angehalten, wären jedoch abgewiesen worden. Im Dorfe gelte sie für stolz, doch für brav und gut. Jetzt bewerbe sich der Schullehrer um ihre Gunst: aber man wisse nicht, ob sie seiner Werbung ein geneigtes Ohr leihe. Harteck freute sich, der kleinen Toni wegen, über die gute Nachrede. Es würde ihm leid getan haben, wenn die Schwester seines Lieblings nicht so gewesen wäre, wie ein anständiges junges Mädchen sein soll. Er war oft schon am Hause des Arztes vorbeigegangen, hatte die Sauberkeit des Hauses und den wohlgepflegten kleinen Garten bewundert, – Paula jedoch hatte er noch niemals zu Gesichte bekommen. Das war Zufall. Ihren Vater, den Arzt, hatte er bereits gesehen und im Spital auch einige Male mit ihm gesprochen. Ein hagerer, ernster, wenig zugänglicher Mann: aber die Kranken waren seines Lobes voll und hatten großes Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit. Er scheine nur äußerlich so kalt, sagten sie, sein Herz wäre ein vortreffliches. Oft gehe er lange, beschwerliche Wege, um einen armen Kranken zu besuchen, und verlange keine Bezahlung dafür. Er mache wenig Worte, aber das wäre nun einmal seine Art. Er lebe einzig und allein seinem Berufe und seinen Kindern und wäre als Arzt und Vater der beste Mensch, den man sich denken könne. Das alles klang sehr schön und Harteck war froh, daß er die kleine Toni so gut versorgt wußte. Er hätte die ältere Schwester gern gesehen. Sie interessierte ihn. Ob sie dem Vater oder der kleinen Schwester glich? Ohne sie zu kennen, wünschte er ihr jeden Liebreiz und jedes Glück. Sie mußte nach allem, was er über sie gehört hatte, ein ausgezeichnetes Geschöpf sein. Ihretwegen interessierte ihn auch der Lehrer, den der Mönch als ihren Freier bezeichnet hatte und den sie – wer weiß? – vielleicht heiraten würde.
In der Schule machte er die Bekanntschaft des Lehrers. Er hieß Fritz Stettner, war kaum dreißigjährig und sah in seiner verschossenen braunen Sammetjacke, den hellen Beinkleidern, mit seinen langen, blonden, flatternden Haaren und dem breitkrempigen Filzhut fast wie ein Künstler aus. Er gefiel dem Geistlichen nicht übel, denn der junge Mann war ein aufgeweckter Geselle und seinem Fache mit Begeisterung zugetan. Schmächtig von Gestalt, nervös und beweglich, mit einem schmalen, von Blatternarben zerrissenen Gesichte, aus dem ein Paar kleine hellbraune Augen blickten, konnte seine Erscheinung, wenn auch nicht gerade hübsch, so doch recht sympathisch genannt werden.
Im Anfang beobachtete er dem neuen Priester gegenüber strenge Reserve: »Schule und Kirche sind nun getrennt; merke Dir das!« Mit der Zeit jedoch und nachdem er einsehen gelernt hatte, daß es dem Geistlichen sehr fern lag, in Herrn Stettners Unterrichtsmethode hineinreden und etwas daran ändern zu wollen, wurde der Lehrer zutraulicher. »Sie müssen mir meine anfängliche Kälte nicht verargen,« sagte er eines Tages zu Harteck. »Ich kannte Sie nicht und glaubte mit einem Manne zu tun zu haben, dessen Ansichten mit denjenigen des Herrn Dekans übereinstimmen. Mit diesem hochwürdigen Herrn ist's schwer zu leben. Er mengt sich in alles, tadelt alles, forscht die Kinder aus und läßt sich von ihnen berichten, was sie von mir hören und lernen, guckt in die Schulbücher und findet ihren Inhalt nicht genug christkatholisch und setzt alle Mittel in Bewegung, um die Kinder und deren Eltern gegen mich aufzuhetzen. Er hat mir das Leben im Anfang meines Hierseins sehr sauer gemacht. Doch mit der Zeit hat der gesunde Sinn der Bauern gesiegt, sie haben erkannt, daß sie mir ihre Kinder getrost anvertrauen dürfen, und ich bin jetzt überall gern gesehen. Ich weiß, daß mir der Herr Dekan darum übel will, aber ich mache mir nicht so viel daraus,« schloß er seine Rede und schnalzte mit den Fingern.
»Ich hoffe, daß Sie den Kindern gegenüber Ihrer Freimütigkeit mehr Zwang auferlegen,« erwiderte Harteck. »Oder lassen Sie sich am Ende gar einfallen, die Person des Herrn Dekans in den Augen der Kinder herabzusetzen? Dagegen müßte ich energischen Einspruch erheben.«
Der Lehrer beruhigte ihn: so weit gehe sein Groll nicht. Er, für seine Person, würde ja gern Frieden schließen mit dem Herrn Dekan, aber der hochwürdige Herr wolle den Frieden nicht, sondern Krieg, erbitterten, unversöhnlichen Krieg.
Harteck verfolgte dieses Thema nicht weiter und fing von seinem Liebling, der kleinen Toni, zu sprechen an. Die Augen des Lehrers leuchteten. Ja, das wäre ein Kind! So klug und fleißig, so lebhaft und lernbegierig, ein Phänomen, ein Muster für die ganze Klasse. Freilich dürfe man sich darüber nicht allzusehr verwundern: wie könnte es denn anders sein bei der Erziehung, die das Kind daheim genieße?
»Man macht im Ort viel Aufhebens von ihrer Schwester,« bemerkte Harteck.
»Und mit Recht!« rief der Lehrer begeistert und eine hohe Röte überzog seine hageren Wangen. »Fräulein Paula ist ein Geschöpf, wie es auf Erden kein zweites geben kann. Ich mache kein Geheimnis daraus, daß ich sie liebe und verehre, denn es kann einem Manne nur zur Ehre gereichen, wenn er ein Mädchen wie Paula Reinberg liebt.«
Dem jungen Priester gefielen diese Offenherzigkeit und diese enthusiastische Hochachtung für das geliebte Mädchen sehr.
»Sie werden wohl bald Hochzeit halten?« fragte er mit einem Lächeln.
»Ach! Damit hat es noch seine guten Wege,« antwortete der Lehrer seufzend. »Es ist seltsam: ich, der ich das Herz auf der Zunge trage und jedem Fremden von meiner Liebe erzählen möchte, – ihr gegenüber sinkt mir aller Mut und ich habe noch nicht gewagt, ihr zu sagen, daß ich sie liebe. Sie ist ein eigentümliches Wesen. Manchmal kommt mir vor, als ob sie überhaupt kein Herz habe.«
»Kein Herz für Sie, meinen Sie wohl?«
»Für mich und die Männer im allgemeinen. Sie hat schon zwei sehr annehmbare Freier verworfen. Vielleicht wird es mir ebenso ergehen.«
Der Priester hütete sich, das Vertrauen des jungen Mannes mit gleichem Vertrauen zu erwidern. Der Lehrer lebte mit dem Dekan auf dem Kriegsfuß und konnte aus diesem Grunde niemals Hartecks Freund werden. Nun, diese heilige Stelle nahm schon allein und unbestritten ein anderer, Ferner, ein; aber vielleicht würde Harteck sich näher an den Lehrer angeschlossen haben: doch so, wie die Dinge standen, ließ er nicht einmal den Wunsch nach einem vertrauteren Verkehr in sich aufkommen, suchte den Lehrer außerhalb der Schule niemals auf und überging dessen Vorschlag, manchmal den Abend in seiner Gesellschaft in einem Gasthause zuzubringen, mit Stillschweigen. Der Dekan verübelte ihm ohnedies, daß er überhaupt mit dem Lehrer sprach, und der junge Pater teilte die Ansicht des gnädigen Herrn.
»Sie werden in eine schiefe Stellung geraten,« sagte der Mönch einmal zu Harteck. »Bei den jetzigen Verhältnissen gibt es keinen Mittelweg. Sie müssen entweder zu uns oder zu den Feinden des Herrn Dekans halten, und die Wahl kann Ihnen doch unmöglich schwer fallen.«
»Hat der Herr Dekan Sie beauftragt, mir das zu sagen?« fragte Harteck ärgerlichen Tones.
»Darauf muß ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Verhehlen will ich Ihnen indessen nicht, daß Ihr Benehmen dem Herrn Dekan nicht sonderlich behagt.«
»Weshalb nicht? Was tue ich Unrechtes?«
»Können Sie leugnen, daß Sie einen Umgang mit seinen Feinden anzubahnen suchen?«
»Das leugne ich allerdings. Soll ich den Leuten keine Antwort geben, sobald sie mich ansprechen? Übrigens existieren diese Feindschaften nur in der Einbildung des Herrn Dekans.«
»Mag sein. Darüber haben weder Sie noch ich zu entscheiden. Unsere Pflicht ist, uns den Wünschen des Herrn Dekans zu unterwerfen. Wenn wir es nicht tun, werden die Folgen davon auf unser eigenes Haupt zurückfallen.«
»Soll man denn keine freie Bewegung machen dürfen?« dachte Harteck, als der Mönch ihn verlassen hatte. »Die harmloseste selbst wird einem verleidet. Mögen sie in Gottes Namen ihren Willen haben! Wenn jede kleine Annehmlichkeit durch schwere Opfer erkauft werden muß, ist es wohl besser, allem im voraus zu entsagen.«
Er handelte diesem Vorsatz gemäß, ging allen Leuten aus dem Wege und sprach mit beinahe niemandem als mit dem mürrischen Dekan, dem ihm ungnädig gesinnten Fräulein Aurelie und dem wortkargen Mönch und hoffte, daß diese Personen nunmehr zufrieden mit ihm sein würden. Seine einzige liebe Gesellschaft war sein Hund, der sich, trotz allem Schmeicheln und Zureden, nicht mit Fräulein Aurelie befreunden wollte; das Fräulein bestrafte den Hund dafür mit stiller Verachtung und gänzlichem Ignorieren seiner Persönlichkeit, – eine Strafe, aus der sich Cäsar freilich nichts machte.