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Der geistliche Tod

Sechstes Kapitel

Reading edition

Sonntag war's; ein frostiger, klarer Septembermorgen. Von nah und fern strömte das festtäglich geputzte Landvolk in die Kirche. Die Leute hatten sich vorgenommen, den Herrn Dekan zu versöhnen; der gespannte Ton, der zwischen ihnen und dem Seelenhirten herrschte, fing an, ihnen unbehaglich zu werden; sie wollten ihm beweisen, daß sie noch fromm waren und sich bemühten, einen Ausgleich anzustreben. Heute predigte der gnädige Herr selber. Nun, er sollte sehen, daß sie ihm nicht auswichen. Auf eine Strafpredigt waren sie gefaßt. Aber das verschlüge ja nichts; der Herr Dekan hätte am Ende einige Ursache, ungehalten zu sein; man hätte ihn in den Landtag wählen sollen, dann hätte man doch Frieden.

Mißvergnügt über die Stimmung, die in dem Volke Platz gegriffen hatte, schlenderte der junge Schullehrer der Kirche zu. Seit einigen Wochen fühlte er, daß seine mühsam errungene Popularität in bedenklicher Weise abnahm. Er war ein »Liberaler«, hatte einiges dazu beigetragen, um die Kluft zwischen den Bauern und dem Dekan zu erweitern, und das nahmen ihm die Leute jetzt übel; besonders die Frauen. »Mit diesem Volk ist nichts anzufangen,« dachte er verdrießlich. »Immer kehren sie auf halbem Wege wieder um. Die Furcht vor der Hölle bannt sie stets aufs neue in den Zauberkreis von Rom. Da ist nichts zu machen.«

Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf, denn er sah die kleine Toni, festlich gekleidet, ihr Gebetbüchlein in der Hand, des Weges einherkommen.

»Guten Morgen, Toni,« sagte er und küßte sie trotz ihrem Widerstreben. »Wie geht es Dir? Bist Du schlechter Laune?«

»Nein,« antwortete das Kind. »Aber ich mag das Küssen nicht leiden.«

Toni wußte, daß der Lehrer um ihre Gunst buhlte, und das machte sie verwegen. Er ließ sich ja doch alles gefallen, ... ihn durfte sie ganz ohne Zeremonie behandeln.

»Wo bleibt Deine Schwester?« fuhr er fort.

»Sie wird später kommen. Jetzt hat sie im Hause zu tun.«

»Und Du? Willst Du die ganze Predigt anhören?«

»Ja. Sie nicht?«

»Nein, mein Kind. Ich gehe lieber ein wenig spazieren. Komm mit mir und laß die Predigt Predigt sein.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich will den Herrn Katecheten nicht böse machen.«

Fritz Stettner runzelte die Stirn. Dieser Katechet fing an, ihm nachgerade unangenehm zu werden. Toni sprach so oft von ihm, schwärmte für ihn, verehrte ihn, ... des Lehrers Herz empfand Groll und Eifersucht.

»Sag' mir, Toni ...«

Das Kind hörte ihn nicht einmal. Seine Augen späheten nach dem Pfarrhof und das Blut stieg ihm in die Wangen. »Da kommt er!« flüsterte es aufgeregt.

Georg Harteck trat aus dem Pfarrhof und näherte sich ihnen. Er trug den schwarzen Priestertalar, sein Haupt war unbedeckt und zur Erde gesenkt. Er bemerkte die beiden nicht.

»Herr Katechet!« rief Toni ein wenig schüchtern.

Er hemmte den Schritt, erblickte das Kind und seine Züge heiterten sich auf. Toni näherte sich ihm mit verlegener kindlicher Grazie, das Köpfchen auf die rechte Schulter geneigt, in den Augen und auf den Lippen ein Lächeln.

»Gehen Sie in die Kirche, Herr Katechet?« fragte sie, seine Hand küssend.

»Ja. Ich zelebriere heute das Hochamt.«

»Ach! Das ist gescheit! Ich werde so andächtig sein, o! so andächtig ...«

»Das sollst Du immer sein, wenn Du betest.«

»Und heute wird Paula singen,« fuhr das Kind mit großem Stolze fort. »Daß Sie heute gut spielen, Herr Stettner!« rief sie dem Lehrer zu. »Wenn Sie es nicht tun, dann geben Sie acht!«

Der Lehrer begrüßte den Geistlichen mit einem gezwungenen Lächeln. In welch' verschiedenem Tone sprach die Kleine zu diesem Menschen! Ihn behandelte sie immer von oben herab ... Ja, wenn sie nicht Paulas Schwester wäre! Aber so, ... was konnte er machen?

»Jetzt muß ich in die Kirche hineingehen,« sagte Toni. »Die Predigt fängt schon an.«

Sie grüßte und entfernte sich mit abgemessenen Schritten und sittsam niedergeschlagenen Augen.

»Folgen Sie ihr nicht?« fragte Harteck den Lehrer.

»Nein; ich habe keine Lust, mich abkanzeln zu lassen,« versetzte der junge Heißsporn, zog den Hut ab und ging rasch davon.

Harteck mußte über ihn lächeln. Im Grunde genommen konnte er es dem Lehrer nicht verargen, daß dieser der Predigt auswich; tat er doch das nämliche. Er blieb vor der Kirche stehen und blickte nach der Richtung, die in das Dorf führte. Er hatte die Absicht zu warten, bis Paula käme. Er wollte das junge Mädchen endlich einmal sehen. Im unverwandten Hinblicken nach der bezeichneten Gegend bemerkte er nicht, daß Fräulein Aurelie aus dem Pfarrhofe trat und auf die Kirche lossteuerte. Sie trug ein sehr enges Kleid und Schuhe mit Pariser Absätzen, was ihrem Gange einige Unsicherheit verlieh. In der Hand hielt sie ein großes, mit Silber beschlagenes Gebetbuch in braunen Sammet gebunden, das sie zärtlich an das Herz drückte. Ihr kleines, spitzes, über und über mit poudre de riz bestäubtes Gesicht hatte einen gesucht frommen Ausdruck. Sie wurde des Geistlichen sofort gewahr; schnell senkte sie den Blick und trippelte auf ihrem schwanken Schuhwerk auf ihn zu. Schon war sie ihm ganz nahe gekommen und er bemerkte sie noch immer nicht. Da ließ sie ein fistelartiges Räuspern ertönen: »Hm! hm!«

Er fuhr zusammen und drehte das Haupt nach ihr hin.

»So in Gedanken, Herr Kooperator?« redete sie ihn an. »Sie müssen an sehr interessante Dinge gedacht haben. O! werden Sie nicht rot! Denken darf man ja was und woran man will.«

Er war gar nicht rot geworden. Das Fräulein stand vor ihm, nickend, kichernd, mit schalkhaft erhobenem Zeigefinger. Harteck zwang sich zu einem Lächeln.

»Sie sind heute gut gelaunt, gnädiges Fräulein,« sagte er.

»Nur äußerlich,« antwortete sie mit einem Seufzer und blickte ihr Gebetbuch an. »Ich will nun in die Kirche gehen und beten, ... um den inneren Frieden will ich bitten.«

»Tun Sie das,« sagte er zerstreut.

»Erwarten Sie jemanden?« fragte sie, von dem stimmungsvollen Tone plötzlich in einen gereizt klingenden übergehend.

»Weshalb diese Frage?«

»Nun, – so. Sie sehen danach aus. Ich will Sie nicht länger stören, hochwürdiger Herr,« sagte sie pikiert.

»Aber, mein Fräulein ...«

»Schon gut, schon gut, mein Herr. Ich bedauere Sie gestört zu haben,« schloß sie mit Emphase und ging in die Kirche hinein.

»Was hat sie nur?« dachte Harteck. »War ich schon wieder unhöflich?«

Der Klang einer ihm bekannten Stimme lenkte seine Gedanken von Fräulein Aurelie ab. Er sah den Lehrer kommen; diesem zur Seite, das Haupt halb abgewendet von ihm, ging ein junges Mädchen. Was die beiden miteinander sprachen, konnte Harteck nicht verstehen; jedoch aus dem Tone ihrer Stimmen war zu erraten, daß sie über irgend etwas uneinig waren. Eine Ahnung sagte dem Priester, daß dieses Mädchen Paula wäre ... Nun denn! Sie ging mit dem Lehrer, ließ sich von ihm abholen und begleiten, zankte mit ihm, ... also doch zwei Verliebte. Harteck empfand ein Gefühl, das der Enttäuschung nahe kam. Er würde lieber gesehen haben, wenn diese viel besprochene, viel gerühmte Paula nur für die Ihrigen gelebt, wenn sie diesen langhaarigen, überspannten Schullehrer nicht geliebt hätte ... Wie konnte ein feines und kluges Mädchen sich in solchen Kauz verlieben?

Paula näherte sich ihm; er konnte ihr Gesicht sehen; ihre blassen, feinen Züge drückten einige Unzufriedenheit aus und zwischen ihren Brauen lag eine Falte. Mit stolzer Ruhe ging sie einher, den Schritt weder beschleunigend noch ihn verzögernd. Ihr Begleiter gestikulierte heftig, redete in sie hinein, schien sie von irgendeiner Sache überzeugen zu wollen ... Sie schüttelte bloß den Kopf.

»Ich habe Sie oft schon ersucht, mich nicht abzuholen und sich mir nicht anzuschließen, wenn wir einander auf dem Weg nach der Kirche begegnen,« hörte der Priester sie sagen. »Warum beachten Sie meine Worte nicht?«

»Weshalb aber,« fiel er aufgeregt ein, hielt jedoch plötzlich inne. Er hatte den Geistlichen bemerkt. Paula folgte der Richtung, die sein Blick genommen. Ihre grauen ernsten Augen begegneten Hartecks forschendem Blicke, sie sah ihn ruhig an, und er, der Sitte des Dorfes entgegen, verbeugte sich unwillkürlich. Es war eine Seltenheit, daß auf dem Lande ein Priester ein Glied seiner Gemeinde zuerst grüßte ... Paula jedoch schien diese kleine, ihrem Geschlechte dargebrachte Huldigung nur natürlich zu finden; sie dankte ohne zu lächeln und ging an ihm vorüber. Harteck schaute der schlanken Mädchengestalt nach, bis sie verschwunden war.

»Eine marmorkalte Schönheit!« dachte er. »Armer närrischer Friedrich! Von diesem Bild ohne Gnade ist freilich nicht viel zu hoffen.«

Er blickte auf die Uhr. Es war Zeit, sich für das Hochamt anzukleiden. Was ihm sonst beinahe niemals widerfuhr, – heute freute er sich auf die Abhaltung des Gottesdienstes. Er war auf Paulas Gesang gespannt.

Bald darauf stand er vor dem Altar. Das Hochamt begann. Als Paulas Stimme ertönte, – so ganz verschieden von den übrigen Stimmen auf dem Chor, so weit besser geschult und seelenvoller, – da durchrieselte die Glieder des jungen Mannes ein Schauder des Entzückens. Er hatte Sinn und Verständnis für alles Schöne, und das Leben, das er führte, brachte das Schöne in der Kunst so selten auf seinen Weg. Mit lautschlagendem Herzen lauschte er der tiefen, klangvollen Mädchenstimme und empfand eine seltsame Befriedigung, wenn unmittelbar auf seine Stimme der Gesang des Mädchens einfiel. Stundenlang hätte er sie singen hören, hätte diese Töne gleichsam trinken mögen, um sein durstiges Herz zu erquicken, – aber das Hochamt ging zu Ende, die Andächtigen entfernten sich, Gesang und Orgelspiel verstummten, der Genuß für Ohr und Seele war vorbei. Eine Woche, eine ganze lange Woche mußte er auf die Wiederholung dieser belebenden Stunde warten, ... vielleicht länger noch; denn wer weiß, ob Paula am nächsten Sonntag abermals singen würde? Rasch verfügte er sich in die Sakristei und legte hastig das Meßgewand ab. Er wollte dem jungen Mädchen zuvorkommen, wollte früher als sie außerhalb der Kirche sein, Paula noch einmal sehen, ... vielleicht, daß die kleine Toni ihn anreden und sich ihm dadurch die Gelegenheit bieten würde, mit Paula zu sprechen; er würde dem jungen Mädchen gern gesagt haben, wie sehr ihr Gesang ihn entzückt hatte. Das war doch erlaubt, nicht wahr? Er war gewohnt, daß sein Vorgesetzter an allem, was er tat, zu rügen fand, ... vielleicht würde er auch darin Tadelnswertes erblickt haben. In Gottes Namen! auf einen Verweis mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich stelle ihn doch nicht zufrieden,« dachte Harteck und eilte ins Freie.

Wirklich sah er Paula mit Toni kommen. Die Kleine hing am Arm der Schwester und plauderte eifrig mit ihr. Rasch entschlossen ging Harteck dem Paare entgegen, – die Schwestern konnten ihm nicht ausweichen, sie mußten ihn sehen. Toni hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu übersehen; sie zupfte die Schwester am Kleide und flüsterte ihr, während sie den Priester mit lachenden Augen anschaute, einige Worte zu. Paula aber blickte nicht einmal auf. »Komm!« sagte sie bloß zur Kleinen, die nicht üble Lust zu haben schien, stehen zu bleiben; widerstrebend gab Toni nach und die beiden gingen an dem Priester, der enttäuschten Gesichtes dastand, vorüber. Das Kind blickte noch einmal zurück und lächelte ihn an, – er nickte ihm flüchtig zu und begab sich langsamen Schrittes nach Hause. Am Frühstückstisch fand er niemanden als den jungen Mönch, der ihm schweigend mehrere Briefe überreichte. Gleichgültig schob Harteck die Briefe in die Tasche. Sie waren aus seiner Heimat, von seiner Mutter und Schwester; die konnte er auch später lesen.

»Wo sind der Herr Dekan und das Fräulein?« fragte er, um etwas zu sagen.

»Im Garten.«

Gut, daß er das hörte. Er hatte die Absicht gehabt, nach dem Frühstück in den Garten zu gehen; jetzt aber ließ er den Plan hurtig fahren.

»Sie sollten Ihren Hund jedesmal, wenn Sie fortgehen, sorgfältig einschließen,« sagte der Pater. »Er hat sich schon wieder mit dem Hofhund gerauft. Der Herr Dekan war darüber sehr aufgebracht.«

»Ist meinem Hunde etwas geschehen?« fragte Harteck beunruhigt.

»Nein; aber der andere ist ganz zerbissen. Weshalb haben Sie sich auch ein so bösartiges Tier angeschafft?«

»Bösartig? Mein Hund? Der ist fromm wie ein Lamm. Aber der andere fängt immer mit ihm zu raufen an. Es wäre kein Schaden gewesen, wenn mein Cäsar die Bestie totgebissen hätte.«

»Meinen Sie? Ich weiß nicht, was der gnädige Herr dazu gesagt haben würde. Jedenfalls hätte Ihr Hund aus dem Hause müssen.«

»So?« sprach Harteck zwischen den Zähnen. Der bloße Gedanke, ihn von seinem Hunde trennen zu wollen, machte sein Blut kochen. Aber er beherrschte sich.

»Ich werde den Hund künftighin in meine Stube einsperren,« sagte er, »und damit werden diese Balgereien ein Ende haben.«

Er verzehrte sein Frühstück und verließ sodann den Mönch. Auf der Treppe nach seiner Wohnung begegnete ihm Uschei, die junge, freundliche Magd. Ihr Gesicht glühte über und über.

»Wer hat meinen Hund geschlagen?« fragte Harteck mit starker Stimme und zornblassem Gesicht.

»Der Herr Dekan, die gnädige Fräul'n, die Knecht', ... alle sein über ihn herg'fallen.«

»Wo ist der Hund?«

Harteck drückte ihre Hand. »Ich danke Ihnen, liebe Uschei,« sagte er. »Sie sind ein gutes Mädchen. Ich danke Ihnen herzlich ...«

Und eilig lief er die Treppe hinauf. Vor der Tür lag Cäsar, den Kopf zwischen den Vorderpfoten, und schaute seinen Herrn demütig und traurig an.

»Cäsar!« rief Harteck. Der Hund bewegte die Rute.

»Steh' auf, mein Alter!« sagte der Geistliche im liebreichsten Tone. »Was haben sie Dir denn getan?«

Cäsar sprang in die Höhe und schmiegte sich an die Kniee des Gebieters.

»Geschlagen haben sie Dich, nicht wahr?« fuhr Harteck, den Hund streichelnd und liebkosend, fort. »Na, laß es gut sein.«

Er öffnete die Tür und der Hund sprang vergnügt an ihm empor. Er schien gefürchtet zu haben, daß auch sein Herr böse auf ihn sein würde.

»Komm herein!« sagte Harteck und schloß die Tür ab. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, umfaßte mit beiden Händen den Kopf des Hundes, der neben ihm stand, und ließ Cäsars Ohren durch die Finger gleiten. Sein Gesicht nahm dabei einen finsteren, gespannten Ausdruck an. Es war, als ob Schatten seiner Brust entstiegen und sich verdunkelnd auf seine Züge legten. Schatten aus der Vergangenheit, unvergeßliche Stunden, sie kamen wieder, tauchten auf aus ihrem dürftig bedeckten Grab und stellten sich vor ihn hin. Er mochte die Augen wenden, wohin er wollte, ... überall stand die Vergangenheit und nickte ihm höhnisch zu. Er hatte sich strenges, unverbrüchliches Schweigen auferlegt; nicht den Menschen gegenüber: das hatte er gelernt von Jugend auf; wohl aber gegenüber sich selbst. Nicht rühren an der Vergangenheit, nicht grübeln oder trauern, nicht fragen, ob sie nicht besser hätte sein können, nicht jammern über Dinge, die nun einmal nicht zu ändern waren, ... das war es, was er sich zugeschworen hatte und auch treulich hielt. Aber heute wankte er in seinem Entschluß. Es war doch nur eine Kleinigkeit, die ihn dazu brachte; der Hund hatte die ungerechten Schläge schon wieder abgeschüttelt, ... und dennoch: just dieser Kleinigkeit, dieses Tropfens hatte es bedurft, und die Schale floß plötzlich über. Ertragen, immer ertragen müssen, nicht schützen dürfen das, was man liebt ... Gott im Himmel! Er war kein Weichling, er litt ja alles, biß die Zähne zusammen und überwand den Schmerz, ... aber nur die Menschen, die er liebte, sollten sie nicht kränken. Er dachte nicht an den Hund. Das arme Tier! Dem hatten die Schläge nicht so wehe getan; ein paar Liebkosungen oder ein Knochen – und vergessen war das Leid. Aber ein anderes Unrecht schwebte dem Priester vor, ein ungesühntes und nicht zu sühnendes. Unrecht ...? Die Herren urteilten anders. Der Dekan hatte ihm niemals gesagt, daß er bei seinen früheren Vorgesetzten nach seiner Vergangenheit gefragt; aber Harteck fühlte und ahnte das. Sie hatten ihn nicht geliebt, diese seine Vorgesetzten. Der erste war noch zu ertragen, war ein gutherziger, schwacher alter Mann gewesen, der sich sogar recht schwer von ihm getrennt hatte. Aber der zweite. Der hatte ihn gehaßt, haßte ihn noch und würde ihm schaden, wo immer er nur konnte. Der hatte ihm auch geschadet bei dem Dekan, das fühlte Harteck instinktiv; auch hatte manche Andeutung des Dekans ihn vermuten lassen, daß der Prinzipal um seine Vergangenheit wisse. Einmal hatte er zu ihm gesagt: »Sie sprechen sehr häufig mit der Uschei ... Lassen Sie sich nicht einfallen, dem Mädchen unerlaubte Gedanken in den Kopf zu setzen. In meinem Hause würde dergleichen ebensowenig geduldet werden wie anderswo.« Hatte das eine Anspielung sein sollen? Vielleicht! Der Mund des jungen Priesters verzog sich zu einem matten Lächeln, er stand auf, ging zu einem Schranke hin, zog eine der Laden heraus und kramte darin herum. Bald hatte er gefunden, was er suchte. Ein kleines Paket war es, das eine Photographie und einen Brief enthielt. Die Photographie stellte ein Tiroler Bauernmädchen im Sonntagsstaat dar. Es schaute ihn an aus treuherzigen blauen Augen, und während er es betrachtete, dachte er an vergangene Stunden und wie oft er diese Augen, diese Lippen, dieses blonde Haar geküßt, wie oft diesen jungen, blühenden Leib umfangen ... Armes, zärtliches, liebevolles Mädchen! An ihr hatten die Menschen schweres Unrecht verübt. Sie hatte ihn geliebt mit selbstloser, hingebungsvoller Liebe, hatte nichts begehrt, keinen Schwur, keinen Ring, und hatte ihm doch alles gegeben, was ein Weib dem Manne geben kann, ... und was war der Lohn dafür! Ein verbotenes Liebesglück, Spott, Verachtung, und dann hatte der Pfarrer sie aus dem Hause gejagt. In Hartecks Abwesenheit war es geschehen. Der Pfarrer hatte ihn fortgeschickt, und während er ihr fern, hatten der harte Mann und dessen tugendhafte Wirtschafterin dem Mädchen Beleidigung um Beleidigung ins Gesicht geschleudert, und sie hatte vor ihnen auf den Knieen gelegen und sie angefleht, Erbarmen mit ihr zu haben: sie würde ja gehen, auf immer gehen ... Sie aber hatten kein Erbarmen gehabt, hatten sie gehöhnt und beschimpft, und er war nicht dabei gewesen, hatte sie nicht schützen, nicht mit seinem Leibe decken können ... Als er heimkam, war die Unglückliche schon weit, und von den Knechten und Mägden hörte er, was sich begeben in seiner Abwesenheit.

Sie war ihm noch immer teuer und würde ihm teuer bleiben, solang Leben und Atem in ihm. Wohl war der Liebesrausch verflogen, und er gestand sich heute, daß es besser gewesen war für ihn und sie, daß man sie voneinander gerissen hatte. Im Anfang hatten sie sich oft geschrieben; das ist ja der einzige Trost zweier Menschen, die das Schicksal auf immer getrennt hat. Er hatte diese Briefe später verbrannt, – bis auf einen, den letzten, den er von seinem Mädchen erhalten. Der lag getreulich aufbewahrt neben der Photographie und den schlug er auch jetzt auseinander und las ihn durch.

»Ich schreibe Dir heute zum letztenmal,« hieß es darin. »Du mußt mir deshalb nicht böse sein, liebster Georg, aber ich kann nicht anders. Ich hab' Dir genug Plage und Schmerz gekostet und das soll jetzt aufhören und Du mußt mich vergessen. Ich hab' einen braven Mann kennen gelernt und der will mich heiraten. Ich hab' ihm alles gesagt und er hat mir's verziehen, aber schreiben darf ich Dir nicht mehr und so muß ich Abschied von Dir nehmen. Ich hab' mich ja doch schwer versündigt an unserem Herrgott, dem lieben Heiland, der Jungfrau und den Engeln, daß ich einen Priester gern gehabt hab' und ich will umkehren und wieder rechtschaffen werden. Mein zukünftiger Mann hat von seiner ersten seligen Frau drei liebe Kinder und denen will ich mit dem Beistand der hochgebenedeiten Jungfrau Maria eine gute Mutter werden. Ich hab' so viel zu ihr gebetet und ich glaube, daß sie mich erhört hat und daß es so am besten ist. Ach, Georg, ich hab' Dich so lieb gehabt und mir ist oft so bang um Dich und ich meine, daß ich Dir doch recht abgehen muß. Verzeih mir, daß ich so rede, es soll nicht mehr geschehen, das alles ist ja vorbei. Denk an mich wie an eine Tote und bete für mich, und die Photographie schicke ich Dir zum Andenken; die heb auf und vergiß nie, daß Du mein alles gewesen bist, daß Du auf Deine Gesundheit schauen und wieder lustig werden mußt; denn das Herz tät mir brechen, wenn ich hören tät, daß Du Dich heruntergrämst wegen mir und krank bist. Schau, das mußt Du nicht tun, das wär' ein armes Dirndel wie ich gar nicht wert. Ich hab' gehört, daß Du vom Ort fortkommen wirst, und ich bin froh drum. Du wirst einen besseren Pfarrer finden und neue Freunde und dann wird wieder alles gut sein. Und so leb' wohl, lieber Georg. Ich denke Tag und Nacht an Dich –

Deine Kathrin.«

So oft er diesen Brief durchlas, beschlich ihn ein Gefühl, das halb Beruhigung, halb Wehmut war. Gott sei Dank! er hatte das gute Mädchen nicht ganz zugrunde gerichtet; rechtzeitig noch hatte sie sich emporgerafft und ein neues Leben angefangen. Wohl mochte ihr das im Anfang schwer gefallen sein, aber sie hatte sich tapfer durchgerungen und lebte heute geachtet und geliebt von allen im Hause ihres Gatten. Seit einem halben Jahre hatte sie auch ein eigen Kind. Das alles wußte er durch Fremde, denn sie hatte ihm, ihrem Vorsatz getreu, nie wiedergeschrieben. Ein paarmal hatte sie ihm durch dritte Grüße zukommen und ihm sagen lassen, daß es ihr wohl ergehe und daß ihr Kind ein kleiner Engel sei. Er wußte sie versorgt und geborgen und somit war alles gut.

Er legte die Photographie und den Brief in die Lade zurück und erinnerte sich dabei an die Briefe, die der Mönch ihm eingehändigt und die er noch nicht gelesen hatte. Er griff in die Tasche seiner Soutane, zog die Briefe hervor und erbrach sie. Sie enthielten nichts Neues. Das Leben seiner Mutter und Schwester, die in seiner Vaterstadt, in Kufstein, wohnten, ging seinen hergebrachten Gang. Die Mutter schrieb ihm, wie gewöhnlich, in strengem pietistischen Ton, sprach von Gott und der Kirche und hielt ihm seine Priesterpflichten vor. Der Sohn war ihr immer noch nicht geistlich, nicht ernst und fromm genug. Ein zärtliches Wort, der Wunsch ihn zu sehen, die Hoffnung, daß er sich glücklich fühle, sprachen nicht aus dem langen Schreiben; es enthielt bloß Ermahnungen. Die Schwester schrieb in einem anderen Tone; kurz und verständig, wenn auch nicht liebevoll. Sie war erst siebenundzwanzig Jahre alt und schon Witwe, hatte einen einzigen kleinen Knaben und lebte in geordneten Verhältnissen. Sie sprach in ihrem Briefe hauptsächlich von sich und dem Kinde und daß sie ihre Schwiegereltern um den kleinen Finger wickele, daß diese alles täten, was sie wünschte und den Knaben sehr verzögen, und so nebenbei erkundigte sie sich auch nach dem Befinden des Bruders und forderte ihn auf, ihr wieder einmal zu schreiben. Harteck durchflog die Briefe, legte sie dann in eine Lade und klappte sein Album auf. Er wollte die Bilder der Mutter und Schwester betrachten. Da standen sie nebeneinander, beide so gut getroffen, so lebenswahr. Das waren die harten Züge der Mutter, ihr festgeschlossener Mund, der niemals lächelte, ihr silbergraues Haar und ihre strengblickenden Augen; und das nebenan war das feine, kluge Gesichtchen der Schwester, mit dem spöttischen Ausdruck und den kalten, klaren Augen, aus denen grenzenlose Selbstsucht und eine gewisse mitleidige Geringschätzung sprachen, ... ja, das war sie, wie sie leibte und lebte. Als Kind schon hatte sie die Menschen zu bezaubern verstanden, und jedermann, obwohl sie äußerlich so sanft und still tat, nach ihrer Pfeife tanzen lassen; den Bruder hatte sie immer beherrscht und ihm alles, was er besaß, Spielsachen, Naschwerk, abgeschmeichelt ... Er hatte sie abgöttisch geliebt und sie – nun! sie war ihm leidlich gut gewesen, weil er immer ihren Willen tat, jedes von ihr verübte Vergehen und die darauf folgende Strafe auf sich nahm, die Schulaufgaben für sie machte und ihr jeden Wunsch erfüllte. Mit dem Plan der Mutter, daß er Priester werden sollte, war sie höchlich einverstanden gewesen; da kostete seine Erziehung nichts, weil ein ihnen befreundeter Priester die Kosten davon tragen wollte, er konnte nicht heiraten und somit gehörte alles, was die Mutter besaß, ihr allein; er brauchte ja nichts, hätte als allein lebender Priester an seiner Einnahme genug ... Er wußte, daß ihre Gedanken solcher Art waren, obschon sie ganz anders sprach, ihm das Schöne und Erhabene des Priesterberufes vorhielt, und daß der Mutter Herz an diesem Plane hinge und: »Du bist so gut, Georg, Du wirst der Mutter dieses Opfer bringen« ... Und er hatte es gebracht und Gott allein weiß, was dieses Opfer ihm gekostet hatte. Doch nichts davon. Daran durfte er niemals rühren; das war nun einmal geschehen und mußte getragen werden. Genug! Er hatte ihnen ihren Willen getan und sie waren es zufrieden. Die kluge Schwester hatte sich mit neunzehn Jahren vermählt; nicht aus Liebe. Aber ihr Mann war jung, gutherzig und vermögend, ein einziger Sohn. Sie wußte ihm Liebe vorzuheucheln und schmeichelte sich in sein und seiner Eltern Herz, und er heiratete sie in dem festen Glauben, daß sie ihn ebenso liebe wie er sie, und sie war klug genug, ihm eine liebenswürdige, pflichtgetreue Gattin zu sein. Er starb nach kurzer Ehe, sie trug Trauer um ihn, verblieb im Hause der Schwiegereltern, deren alleiniger Erbe ihr Söhnchen war, und lebte heute nur für das Kind, das sie, weil ein Stück von ihr, wirklich liebte. Die Mutter lebte allein. Das war Georgs Familie, waren die einzigen Menschen, die ihm verwandt.

Beim Nachdenken über die Seinen kamen ihm plötzlich Paula und Toni in den Sinn. Ja, das war Geschwisterliebe; eine solche Liebe würde, müßte über vieles hinweghelfen. Wenn seine Schwester Paula oder der kleinen Toni gliche, wenn die Mutter ihn so geliebt hätte, wie der Arzt seine Töchter liebte, wenn ihm ein so schönes, harmonisches Familienleben beschieden gewesen wäre: dann würde er wohl nicht geworden sein, was er war. Schon wieder! Er wollte ja daran nicht denken. Rasch entschlossen griff er nach einem Buche, setzte sich ans Fenster und fing zu lesen an. Cäsar, der alle seine Bewegungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, legte sich zu seinen Füßen nieder, postierte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und verhielt sich ganz ruhig. Fliegen summten in der Stube, durch das offene Fenster strömte die frische Herbstluft herein und auf den Gartenwegen stolzierte Fräulein Aurelie auf und ab und tat oft einen verstohlenen Blick aufwärts nach dem Priester, in der Hoffnung, daß er sie bemerken, grüßen, vielleicht – man kann nicht wissen – herunter in den Garten kommen würde ... Aber Harteck blickte kein einziges Mal von seinem Buche auf. Die Lektüre fesselte ihn. Seine Züge hatten ihren gewohnten resignierten Ausdruck angenommen. In seinem Herzen war es wieder still geworden.

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