Fünfzehntes Kapitel
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Er ging zu Paula. Sie war allein. Beschäftigungslos saß sie am Fenster und rührte sich nicht, als sie ihn eintreten sah. Sie hatte seinen Schritt erkannt. Im Anfang sprachen beide nichts. Georg setzte sich aufs Sofa und zerrte an den Quasten, die von der Lehne herabhingen.
»Wo ist Ihr Vater?« fragte er endlich.
»Noch nicht daheim. Toni ist zu den Nachbarleuten gegangen. Soll ich sie holen lassen?«
»Wozu? ... Sie brauchen sich vor einem Alleinsein mit mir nicht zu fürchten.«
»Ich fürchte mich nicht,« sagte Paula; doch als sie seinem Blick begegnete, schrak sie zusammen. Solch ein Blick voll Leidenschaft und Seelenpein war ihr fremd. Mit gewaltsamer Fassung fragte sie: »Warum sind Sie gestern nicht gekommen?«
»Weshalb hätte ich kommen sollen? Um noch mehr verachtet zu werden? Denn Ihr Vater verachtet mich und mit Recht. Ich bin ein Feigling.«
»Vater hat mir von seiner Unterredung mit Ihnen erzählt,« sagte Paula und ihre Stimme bebte. »Aber daß von anderem als von Ihrer Gesundheit die Rede war, hat er mir nicht gesagt.«
»Nicht? Wahrscheinlich wollte er Ihnen nicht weh tun ... Aber ich werde ihm beweisen, daß auch ich stark sein kann ... Ich habe ihm schon versprochen, daß ich Ihnen niemals schreiben werde, daß Sie nie wieder von mir hören sollen, und ich werde mein Wort halten.«
»Hat er es von Ihnen verlangt?« fuhr Paula auf. »Das kann er nicht verlangt haben. Diesen armseligen letzten Trost kann er mir nicht rauben wollen ... Ist er doch ohnehin gering genug!«
»Eben deshalb,« murmelte der Priester vor sich hin. »Das Wenige sättigt nicht, ... es zeigt vielmehr bloß an, wie groß der Hunger ist.«
Paula stützte die Arme auf das Fensterbrett und legte das Kinn in die gefalteten Hände. Ihre Augen schweiften über den grauen, endlosen Himmel.
»Bleibt es dabei, daß Sie übermorgen reisen?« fragte sie.
»Ja.« – »Sie wird mir den Betrug verzeihen,« dachte er. »Ich tue es zu ihrem Besten, ... sie wird mich verstehen.«
»Und Sie werden mir nicht schreiben, – kein einziges Mal?« fuhr Paula fort.
»Nein. Ich darf und will nicht. Zu tief habe ich mich an Ihnen versündigt ... Lassen Sie uns der Tragödie ein für allemal ein Ende machen.«
Paula beugte den Kopf. Lange konnte sie kein Wort hervorbringen.
»Sagen Sie mir,« hob sie endlich wieder mit dumpfer Stimme an, »warum sind Sie Priester geworden?«
Er antwortete nicht sogleich.
»Fragen Sie meine Mutter,« sprach er dann. »Die wird es Ihnen sagen.«
Er stand auf und trat zu ihr hin.
»Meine Mutter hat es gewollt,« sprach er weiter. »Ich hätte freilich nicht gehorchen müssen. Aber das hätte die alte Frau getötet. Sie ist nicht schlecht, sie meinte es gut mit mir und darum klage ich sie nicht an. Ich könnte heute noch den Priesterrock von mir werfen und ein neues Leben anfangen, ... und ich habe, seit ich Sie kenne, Paula, manchmal daran gedacht. Doch was mich davor zurückhält, ist meine alte Mutter, deren Elend der Preis dieses Schrittes sein würde. Was sage ich Elend! Sie würde in Seelenqual und Verzweiflung dem Tode entgegensehen, würde glauben, daß ihr Sohn sich das Himmelreich verwirkt habe, ... ich würde der Mörder ihres Friedens sein ... und das ... das kann ich nicht auf mein Gewissen laden. Sie ist am Ende doch meine Mutter, ist alt, hat viel gelitten, und ihr einziges Glück, ihr Trost und ihre Hoffnung ist der geistliche Sohn, der, wie sie in ihrem Irrwahn glaubt, berufen sei, Gott dem Herrn allein zu dienen und dadurch sich selbst und den Seinigen die ewige Seligkeit zu sichern. Ein beklagenswerter Wahn, dem mein Leben zum Opfer fiel, das sich viel schöner und segensreicher gestalten hätte können, wenn meine Mutter mich meinen eigenen Weg hätte gehen lassen. Aber ich will mich darein ergeben. Wenn das Opfer nun einmal gebracht werden muß, soll es wenigstens mit christlicher Demut geschehen. Gott wird mir mein Kreuz tragen helfen, ohne daß ich unter seiner Last zusammenbreche.«
Er schwieg und beugte sich über Paula, die in sich versunken dasaß. Sie erfaßte seine Hände und lehnte das Gesicht an seine Brust.
»Ach! Dieses kalte schwarze Kleid!« sprach sie zurückschaudernd. »Wie schwer haben die Menschen sich an Ihnen vergangen!«
»Nicht doch, Paula. Klagen Sie niemanden an. Soviel bin ich doch Christ und Priester, daß ich aus ganzem Herzen verzeihen kann.«
»Aber ich nicht! Gott helfe mir! Ich kann nicht...«
Sie verkreuzte die Arme, sah zu ihm empor, dann zu Boden und grub die Zähne in die Unterlippe ein. In ihren Zügen arbeitete ein heftiger, innerer Kampf.
»Meine tote Mutter wird es mir vergeben,« sprach sie endlich.
»Was wollen Sie damit sagen, Paula? Worüber sinnen Sie nach?«
»Hören Sie mich an,« fuhr sie mit unbeugsamer Entschlossenheit fort. »Ich habe oft darüber nachgedacht; denken auch Sie darüber nach. Wir werden voneinander scheiden. Versuchen Sie es, sich darein zu schicken. Doch wenn es Ihnen unmöglich, wenn Sie fühlen, daß Sie meiner bedürfen zum Leben, – dann rufen Sie mich. Ich werde warten, – wochen-, monate-, jahrelang, wenn es sein muß. Ich gehöre Ihnen, wenn Sie es wollen, und ich bleibe hier, wenn Sie anders entscheiden.«
»Sie wissen nicht, was Sie reden, Paula,« sagte er und faßte sich an der Stirn. »Es ist nicht großmütig, einen Menschen in solche Versuchung zu führen. Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich nur einen Augenblick schwanken könnte. Bedenken Sie ... Ihr Vater, Ihre kleine Schwester, die Ihrer so notwendig bedarf, ... Ihr eigenes Leben, Ihre ganze Zukunft ...«
»Ich habe alles bedacht. An meinem Leben und meiner Zukunft ist wenig gelegen. Und Vater und Toni würden mich vergessen, wie man eine Unwürdige vergißt.«
»Sie sprechen damit Ihr Urteil aus. Sie, die Sie so ehrlich, pflichtgetreu und opferwillig sind, wollten etwas begehen, was, wie Sie selbst gestehen, unwürdig ist? Sie würden elend werden und auch mich elend machen, wenn ich ruchlos genug wäre, Sie Ihrem Hause zu entreißen. Wissen Sie, was Reue heißt? Sie würden es erfahren. Liebesbande, wie es diejenigen sind, die Sie mit Ihrem Vater und Ihrer Schwester verbinden, lassen sich nicht zerreißen. Sie würden sie immer fühlen, diese Bande, würden sich zurücksehnen nach Ihrem reinen Familienleben, würden sich und mich verfluchen. Nein, Paula. Dazu soll es niemals kommen. Glücklich zu werden ist uns verneint; fügen wir zum Schmerz nicht noch die Sünde hinzu. Wir beide sind nicht schlecht geboren, ... wir könnten uns vielleicht zum Schlechtsein zwingen, vielleicht eine Zeitlang wähnen glücklich zu sein ... wenigstens ich, der ich Sie so sehr liebe ..., dann aber würden wir erwachen und uns gänzlich verarmt finden. Sie, Paula, die Geliebte eines katholischen Priesters, ... verachtet, verhöhnt, ausgestoßen von allen, ... und ich an Ihrer Seite, unfähig, Sie zu schützen, ohnmächtig gegenüber allem Spott und Hohn ... Nein! Tausendmal nein. Für solch ein Glück danke ich.«
»Es ist gut,« sagte Paula. »Ich will Sie nicht weiter drängen. Wie ich denke, wissen Sie. Vergessen Sie es nicht. Und wenn eine Zeit kommen sollte, wo Sie denken wie ich, dann erinnern Sie sich, daß ich warte.«
Sie stand auf.
»Was haben Sie vor?« fragte er erschrocken und hielt sie am Kleide fest. »Wollen Sie mich schon verlassen?«
»Ich muß. Für heute ist es genug. Vater kann jeden Augenblick kommen und ich will, daß er mich ruhig finde, ... und so lang Sie bei mir sind ...« Sie lächelte mühsam und streckte ihm die Hand hin. »Morgen wollen wir von dem allen nicht weiter sprechen und gelassen Abschied voneinander nehmen, ... ja?«
Er neigte sich über ihre Hand und drückte die Lippen darauf. Jetzt wurde es Ernst. Gott im Himmel! So schwer hatte er sich diesen Augenblick nicht gedacht.
»Auf morgen denn,« sagte Paula.
»Auf morgen,« sprach er nach. Er war blaß wie eine Leiche. Fort, fort von hier; keine nutzlose Verlängerung des Todeskampfes.
Eine halbe Minute später stand er auf der Straße. Der Wind peitschte seine Kleider und fuhr ihm mit mürrischem Gruß ins Gesicht. Es war vorüber. –
Geduldig lehnte Perkow am Fenster und wartete auf den Freund. Er sah ihn kommen und eilte ihm entgegen.
»Schon zurück?« redete er ihn an, verstummte jedoch allsogleich. Das Aussehen des anderen war so sonderbar ...
»Ist Dir etwas geschehen?« fragte Joachim erschreckt.
Harteck wollte antworten, vermocht' es aber nicht.
Stumm schritt er durch das Zimmer nach seiner Schlafstube und warf sich dort auf das Bett. Der junge Priester war ihm gefolgt.
»Um Gottes willen, was hast Du nur?« fragte Joachim und beugte sich über ihn.
Harteck stieß ihn von sich.
»Laß mich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich will schlafen.«
Ohne ein Wort zu erwidern, zog Perkow sich zurück in das Wohnzimmer, setzte sich und starrte mit trüber Verwunderung im Gesicht auf den Boden. Unsäglich langsam verstrich die Zeit. Der Geistliche stützte den Kopf mit beiden Händen und dachte über den Freund nach. Es war so still, so dunkel in der Stube, tief und ruhig atmend lag Cäsar unter dem Tische ausgestreckt, ... der junge Mann versank in eine Art Halbschlummer. Das Geräusch eines näher rollenden Wagens brachte ihn indessen bald wieder zu sich; er hörte den Wagen am Tor halten, vernahm Stimmen; der Dekan und dessen Nichte waren von ihrem Ausfluge heimgekehrt.
Harteck fuhr aus seinem dumpfen Schlaf empor.
»Ist es schon Morgen? Muß ich fort?« fragte er verwirrt. »Ich höre einen Wagen.«
Joachim trat zu ihm hin.
»Es ist zehn Uhr,« sagte er. »Der Dekan und das Fräulein sind zurückgekommen. Schlafe nur weiter; der Wagen geht Dich nichts an.«
Harteck seufzte und stöhnte wie ein Mensch, der physische und geistige Qual erduldet, und fiel neuerdings auf die Kissen zurück.
»In den Kleidern schläft es sich schlecht,« sagte Joachim. »Willst Du sie nicht ablegen? Komm, ich will Dir dabei behilflich sein.«
Georg nickte stumm und ließ sich wie ein Kind von dem Freunde auskleiden.
»Vergiß nicht, mich morgen rechtzeitig zu wecken,« sagte er dann und schloß die Augen.
»Sei ohne Sorge.«
Joachim rückte einen Stuhl an das Bett, setzte sich und wachte am Lager des Freundes. Dieser schlief bald wieder ein, doch sein Schlaf war unruhiger Art. Um Mitternacht erwachte er.
»Juchei!«
»Was willst Du?«
»Du bist so gut, ... Ich muß Dir noch etwas sagen, Dich um etwas bitten, ... Du wirst es mir nicht abschlagen.«
»Wenn es in meiner Macht steht, Deinen Wunsch zu erfüllen ...«
»Hier lebt ein Mädchen. Du kennst sie, ... sie heißt Paula Reinberg. Versprich mir, freundlich gegen sie zu sein, wenn sie Dich nach mir fragen sollte, ... ja, noch mehr, ... suche sie manchmal auf und erzähle ihr unaufgefordert von mir ... Willst Du mir das geloben?«
»Ja,« antwortete Juchei gepreßten Tones. Jetzt war ihm alles klar.
»Dank, tausend Dank,« sagte Harteck und drückte die Hände des Freundes. »Nun bin ich ruhig.«
Er sank in Schlaf und Juchei wachte getreulich an seiner Seite. Erst als der Morgen zu dämmern begann und der junge Priester bemerkte, daß Georg fest schlief, beugte sich Joachim, vom Wachen müde, auf das Bett herab und legte den Kopf auf den Rand des Kissens. Sein Blondhaar streifte das dunkle Gelock des Freundes, ihre Atemzüge flossen ineinander und beide schliefen bis zum Morgen.
Joachim war es, der zuerst erwachte. Rasch machte er Toilette, suchte Uschei auf und bat sie, in einer halben Stunde das Frühstück zu bringen und anspannen zu lassen. Dann erst weckte er den Freund. Georg sah sehr schlecht aus, war jedoch leidlich heiter oder stellte sich wenigstens so, und die zwei Freunde verfügten sich in die Kirche, um dort eine heilige Messe zu lesen. Dann kehrten sie in den Pfarrhof zurück und setzten sich zum Frühstück nieder. Während sie damit beschäftigt waren und mehrere Knechte das Gepäck hinaustrugen, um es hinten an dem Wagen festzubinden, trat der Dekan in das Zimmer.
»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er, mit der Hand winkend, da die jungen Männer sich erhoben. Harteck bot ihm einen Stuhl an. Der Dekan setzte sich. Man mag einem Menschen noch so unhold gesinnt sein: im Moment des Scheidens sieht man ihn immer mit milderen Augen an. Der Dekan betrachtete das blasse, hagere Gesicht des jungen Priesters, das im fahlen Frühlicht beinahe grau erschien, und etwas wie Mitleid regte sich in seiner Brust. Hatte er ihn vielleicht nicht doch allzu hart beurteilt und verurteilt? Nun aber waren die Würfel gefallen. Die leisen Selbstvorwürfe kamen zu spät.
»Wie reisen Sie?« fragte der Dekan sich räuspernd. »Wenn ich nicht irre, muß man einen Berg übersetzen, um nach Keßten zu gelangen.«
»Das wäre freilich der kürzeste Weg,« sagte Harteck. »Aber ich habe meiner Bagage wegen beschlossen, um den Berg herumzufahren. Ich muß die Fahrt im Schritt zurücklegen und werde Keßten vor dem Abend schwerlich erreichen.«
»So, so,« sprach der Dekan. Er hätte ihm gern etwas Freundliches gesagt, aber es fiel ihm nichts ein. »Wenn es Ihnen angenehm ist,« fuhr er nach längerer Überlegung fort, »kann Herr Perkow Sie begleiten und morgen mit dem Wagen hierher zurückkehren. Ich gebe ihm gern einen zweitägigen Urlaub.«
Überraschung und Freude malten sich im Gesicht des Priesters; er stand auf und ergriff die Hand des Prinzipals.
»Ich danke Ihnen, Herr Dekan,« sprach er mit Wärme.
»Aber bis morgen abend müssen Sie zurück sein,« sagte der Dekan zu Perkow gewendet. »Übermorgen ist Bittgang und den müssen Sie anführen.«
»Sie dürfen sich auf mich verlassen, gnädiger Herr,« sprach Joachim, der sich gleichfalls erhoben hatte.
Der Dekan nickte und legte die Hand auf Hartecks Schulter.
»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und seine Stimme klang nicht ganz rein, »und lassen Sie sich Ihre Pflichten recht angelegen sein. Der Herr gebe Ihnen seinen Segen dazu.«
»Ich stelle mich unter seinen Schutz,« antwortete Harteck. »Leben Sie wohl, Herr Dekan.«
Dieser entfernte sich rasch.
Uschei trat ein mit der Meldung, daß der Wagen bereit stehe.
Harteck gab auch ihr die Hand und sprach mit ihr, während Joachim, einen Plaid und Georgs Handtasche über dem Arm, zum Wagen hinabeilte. Georg folgte ihm bald.
»Wo ist der Pater?« fragte er, im Begriff einzusteigen.
Der Pater war nicht zu Hause. Hatte eine Pflicht ihn abgerufen oder wollte er dem Abschied aus dem Wege gehen? Harteck zerbrach sich nicht lang den Kopf darüber, trug Uschei auf, den Pater von ihm zu grüßen, schüttelte die Hände des um ihn versammelten Gesindes und stieg in den Wagen. Cäsar hatte keine Lust, ein gleiches zu tun und sprang, trotz Jucheis Pfeifen und Locken, laut bellend vor den Pferden her.
»Mag er laufen!« sagte Harteck. »Wenn er müde ist, bequemt er sich wohl, hereinzukommen. – Das gnädige Fräulein schläft wahrscheinlich noch?« wendete er sich an Uschei.
»Ja,« sagte diese.
»Vermelden Sie auch ihr meine Grüße und Empfehlungen. – Vorwärts, Kutscher!«
Die Pferde zogen an, die Knechte schwenkten die Mützen, die Dirnen winkten mit den Händen und die gefühlvolle Uschei führte ihre Schürze an die Augen. Juchei breitete den Plaid über die Kniee des Freundes, und, hart aneinander gerückt, fuhren sie in den kühlen Morgen hinaus. Georgs Lippen zitterten und an seinen Wimpern hingen schwere Tränen.
»Nicht weinen, Alter,« sagte Juchei bittend und schmiegte sich an ihn. »Sieh, wie schön die Sonne hervorbricht!«
Georg schaute nach Osten.
»Ade,« sprach er leise. Wem galt dieser letzte Gruß? Joachim ahnte, wem er gelten mochte, aber er sagte nichts und überließ den Freund seinen Gedanken.
Fräulein Aurelie war an diesem Morgen bitter verstimmt. Daß Harteck fort war, ärgerte sie nicht, wohl aber, daß sie sein Fortgehen hatte wünschen müssen. Ein so unhöflicher, geschmackloser Mensch! Aber der neue »Pfaff« war auch nicht besser. Harteck war doch wenigstens gutmütig gewesen, – aber dieser junge Lecker verstand so spöttisch zu blicken und so herrisch zu sprechen, daß man billig staunen mußte. Dazu eine wahrhaft empörende Gleichgültigkeit gegen – sie ... Das war es. Um sich zu zerstreuen, unternahm das Fräulein nach dem Frühstück einen Spaziergang. Auf dem Wege begegnete ihr Paula, die gerade vom Markte kam.
Aurelie blieb stehen, grüßte überaus höflich und erkundigte sich nach Paulas Befinden. »Sie müssen krank sein, meine Liebe,« sagte sie mit süßlichem Lächeln. »Sie sehen erschreckend schlecht aus, nicht anders, als ob Sie die ganze Nacht gewacht und geweint hätten. Wahrhaftig! so sehen Sie aus. Der Herr Kooperator – oder, wie er jetzt heißt, der Herr Vikar – sah vorgestern ebenso aus, – genau so schlecht wie Sie.«
Paula fühlte den Stich, gab jedoch keine Antwort.
»Sie wissen ja, daß er uns heute verlassen hat?« sprach Aurelie, noch immer lächelnd, weiter und verwandte keinen Blick von dem Mädchen.
»Heute?« wiederholte Paula mit tonloser Stimme. »Ich dachte, ... erst morgen ...«
»Nein, heute schon. Wußten Sie's nicht? Das nimmt mich Wunder.«
Hämisch fixierte sie das junge Mädchen, dessen farbloses, bestürztes Gesicht jedem anderen als ihr einiges Mitleid hätte einflößen müssen.
»Er fuhr sehr früh fort,« sagte Aurelie. »Ich habe seinetwegen meinen Schlaf natürlich nicht abbrechen wollen und seine Wegfahrt auch verschlafen. Er ist mir immer höchst gleichgültig gewesen.«
Sie sprach diese Worte affektiert genug, – aber Paula war zu zerstreut, um darauf zu achten. Sie dachte bloß an ihn, der ohne Abschied von ihr gegangen war, ... wahrscheinlich, um sie zu schonen. Darum also war er gestern so blaß gewesen, hatte er sie so lang angesehen, so lang, als ob er ihr Bild seiner Seele einprägen gewollt ... Er hatte ihr im Geiste Lebewohl gesagt und sie hatte nichts geahnt.
Und aus diesem höhnischen Munde hören müssen, daß er fort! Das war unerträglich. Sie nickte dem lächelnden Fräulein einen Gruß zu und ließ sie stehen. Schadenfroh blickte Aurelie ihr nach. Sie wußte und verstand nicht, was in diesem armen jungen Herzen vorging: sonst hätte sie erröten müssen darüber, daß sie bei so tiefem, wortlosem Weh nichts anderes empfand als hämische Schadenfreude.
In Keßten war man von dem Eintreffen des neuen Seelsorgers bereits unterrichtet. Um die siebente Abendstunde langten ein paar kleine Buben atemlos im Dorfe an, mit der Meldung, daß der Herr Vikar angefahren komme.
Wirklich tauchte auf der Heerstraße ein Wagen auf, der sich im Schritt dem Dorfe näherte. Alles, was Beine hatte, voran die Alten, hinterher die Jungen, eilte dem neuen Seelsorger entgegen.
»Das ist Keßten,« rief Juchei, sich von seinem Sitz erhebend; doch als er die Leute kommen sah, setzte er sich wieder und drückte sich in die Ecke. Die Leute sollten wissen, daß nicht er, sondern der Priester an seiner Seite der Erwartete wäre.
»Es ist für unsereinen doch viel besser, auf dem Lande als in einer Stadt zu leben,« sagt er zu Harteck. »Hier gelten wir doch etwas ... Nimm den Hut ab, Georg, ... Deine Gemeinde ist schon ganz nahe.«
Harteck richtete sich in die Höhe und tat, was der Freund von ihm begehrte hatte. Mit inniger Rührung sah er auf seine neue Gemeinde und sein Herz fing beim Anblick des kleinen, armen Dorfes laut zu schlagen an. Seine neue Heimat, – ach! die wievielte schon!? Aber er schüttelte die schwermütigen Gedanken rasch wieder ab; diese Menschen kamen ihm mit Liebe entgegen, – er wollte die sich ihm entgegenstreckenden Hände mit gleicher Liebe erfassen.
Die Leute zerstreuten sich bald. »Ein feiner Herr und so freundlich,« sagten einige. »Aber gar so viel blaß,« meinten andere. »Der Blonde sieht viel lustiger aus.«
Im großen und ganzen waren sie jedoch seines Lobes voll; er hatte jedermann gefallen.
Er bat sie, sich zu beruhigen: er werde sich alle Mühe geben, ihr den Verstorbenen zu ersetzen, und sie faßte sich auch und geleitete ihn in das Wohnzimmer, wo der gedeckte Tisch ihn belehrte, daß er erwartet worden war.
»Aber auf zwei Gäste haben Sie nicht gerechnet?« fragte Harteck lächelnd. »Ist genug Essen vorhanden für mich und meinen Freund und können Sie ihm ein Lager bereiten?«
Sie antwortete, daß sich das schon werde machen lassen, nur müßten die Herren eben mit geringem vorlieb nehmen. Ihre Miene blieb eine bekümmerte, in ihren Augen glänzten Tränen und alles, was sie sagte, brachte sie in traurigem Tone vor.
»Der tote Herr will mir halt nicht aus dem Sinn,« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme; hatte doch Paula von ihr und für sie gesprochen. Er nahm sich vor, gut und geduldig gegen die arme Frau zu sein.
Während diese sich anschickte, das Essen aufzutragen, besichtigten die Geistlichen den Pfarrhof. Das Haus war allerdings armselig, die Zimmerchen niedrig und in schlechtem Stande. Aber Georg ließ sich dadurch nicht verstimmen, sondern sprach die Hoffnung aus, daß es ihm wohl gelingen würde, sein kleines Besitztum wohnlich zu gestalten, und Joachim bestärkte ihn in seiner Zuversicht. Heiterer als sie gedacht hatten, setzten sie sich an den gedeckten Tisch und verzehrten das einfache Mahl.
Am folgenden Tag war ihre erste Sorge, in die Kirche zu gehen und die Messe zu zelebrieren. Die ganze Gemeinde hatte sich eingefunden und wohnte mit großer Andacht der heiligen Messe bei, und als der Gottesdienst vorüber war, kamen viele Leute in die Sakristei und begehrten mit dem neuen Vikar zu sprechen; ein jeder hatte ein anderes Anliegen und alle wollten gehört sein. Harteck ersuchte die Leute, nach Ablauf einer Stunde in den Pfarrhof zu kommen, dort werde er alle Wünsche entgegennehmen, und kehrte mit Juchei in den Pfarrhof zurück. Da nahmen sie das Frühstück ein und plauderten eine Weile; dann stand Juchei auf und sagte, daß es Zeit für ihn wäre, die Heimfahrt anzutreten. Harteck schloß ihn in die Arme und Juchei hing lang an seinem Halse.
»Laß es Dir gut gehen,« sagte Juchei endlich mit schwankender Stimme, »und schreib mir oft ...«
Er riß sich aus seinen Armen und ging rasch davon. Harteck stellte sich ans Fenster. Er sah Juchei aus dem Hause treten und in den Wagen steigen.
»Besuche mich bald!« rief er hinunter.
»Sobald ich kann,« antwortete Juchei und erhob grüßend die Hand. Ein stechender Schmerz durchzuckte Hartecks Brust, als jetzt der Wagen sich in Bewegung setzte. War ihm doch, als ob die Pferde sein Einziges, das Letzte, was das Schicksal ihm gelassen hatte, entführten. Jetzt erst fühlte er, wie teuer und notwendig der Freund ihm war und wie einsam, wie freudlos das neue Leben. Er trat vom Fenster zurück. Er konnte den Freund nicht fortfahren sehen. Und drunten auf der Straße fuhr Joachim, drückte sich in eine Ecke und zog den Hut bis auf die Augen herab, – damit niemand die Tränen sehe, die der Abschied vom Freunde ihm erpreßte.