Achtes Kapitel
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Toni schlief. Wie allabendlich saßen Vater und Tochter, einander gegenüber, am Speisetische, der Arzt mit einem Buche, Paula mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie hatten zu Nacht gegessen und wenig dabei geredet; jetzt schwiegen beide. Endlich legte der Vater das Buch auf den Tisch und stand auf.
»Heute habe ich mit dem Schullehrer gesprochen,« sagte er. »Die Schule kann Montag wieder eröffnet werden.«
»Und Toni?« fragte Paula.
»Sie ist gesund und mag getrost in die Schule gehen. Es sind nun schon zwei Monate her, daß sie erkrankte. Da sie jetzt glücklicherweise wiederhergestellt ist, wäre es an der Zeit, ihren Religionslehrer der Aufgabe, sie zu besuchen, zu entheben. Sie kann ihn künftighin in der Schule sehen und sprechen.«
Paula blickte von ihrer Arbeit auf. Der Arzt sah das Mädchen an und senkte dann die Augen.
»Ich weiß und glaube, daß er die Kleine lieb hat und bloß ihretwegen in unser Haus kommt,« sagte er in seinem sanftesten Tone. »Aber die Besuche müssen wieder ein Ende nehmen. Das Kind ist gesund. Wir haben nunmehr kein Recht, über die Zeit des Herrn Kooperators zu verfügen.«
»Hat wieder jemand auch darüber geschwatzt?« fragte Paula und ihre Lippen zuckten verächtlich.
»Die Leute im Pfarrhof halten sich darüber auf. Du weißt doch, daß der Dekan und ich einander kaum grüßen, ... deshalb mag er es wohl nicht gern sehen, wenn sein Kollege in unser Haus kommt.«
»Von wem hast Du das gehört?«
»Von verschiedenen Personen.«
»Und Du willst, daß ich dem Kooperator sagen soll: Wir brauchen Sie jetzt nicht mehr. Sie können Ihrer Wege gehen und vergessen, daß wir hier wohnen? Gut.« Sie beugte sich über ihre Arbeit und begann mit großer Hast zu nähen. Selten noch hatte sie so herbe gesprochen ... Der Arzt blickte das junge Mädchen staunend an.
»Ich habe mich schlecht ausgedrückt oder Du verstehst mich absichtlich falsch,« versetzte er. »Es fällt mir nicht ein, irgendeinen Vorwurf gegen Dich oder den Geistlichen zu erheben. Meines kranken Kindes wegen, auf unsere Bitte hin, kam er in unser Haus und wir sind ihm dankbar dafür; aber die Verpflichtung, uns mit ihm zu befreunden, erwächst uns nicht daraus.«
Paula blieb stumm auf diese Worte. Endlich sprach sie, ohne aufzusehen: »Er kommt sehr gern zu uns. Er selbst hat es mir gesagt.«
»Umso mehr Grund, mit ihm zu brechen, mein Kind. Sieh, Paula, als ich vorhin nach Hause kam, schaute ich von der Straße aus zufällig zu Deinem Fenster empor. Du und der Geistliche, Ihr standet nahe beisammen, Du blicktest zu Boden und er auf Dich, – wie eben ein Mann ein junges Mädchen, das ihm gefällt, anzublicken pflegt ...«
»Er hat nie ein Wort zu mir gesagt, das nicht jedermann hätte hören dürfen,« fiel Paula ein. Ihre Finger zitterten, sie legte die Arbeit in den Schoß.
»Das glaube ich gern, weil ich Dich kenne. Aber sei gerecht, Paula. Würde die Welt an einen Freundschaftsbund zwischen einem jungen Mädchen und einem dreißigjährigen Priester glauben?«
»Was liegt an der Welt! Wenn nur ich selbst daran glaube.«
Der Arzt ging, die gefalteten Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und ab.
»Daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können!« bemerkte er endlich.
»Wir sind einig,« entgegnete Paula. »Ich werde Deinem Wunsche nachkommen. Mehr verlangst Du wohl nicht.« Sie stand auf. »Aber um eines möchte ich Dich bitten: sag Du ihm, was Du ihm sagen willst, daß er nicht wiederkommen soll oder was es sonst ist ... Gute Nacht.«
Der Vater ging auf sie zu und hielt sie zurück.
»Sollten wir zum erstenmal voneinander gehen, ohne uns verstanden zu haben?« fragte er und zog sie an sich. Sie küßte flüchtig seine Wange und wich seinem Blicke aus. Er ließ sie fahren.
»Gute Nacht, mein Kind,« sagte er. »Du bist heute aufgeregt. Verschlafe diese Angelegenheit und ich bin überzeugt, daß Du morgen anders darüber denken wirst.«
Schweigend entfernte sie sich. Er hatte sie niemals noch so gesehen, – so eigensinnig, heftig und herbe. Hatte er sie beleidigt? Zum erstenmal war eine Meinungsverschiedenheit eines Fremden halber zwischen ihnen eingetreten. Der Arzt hatte die Tochter nicht kränken, sondern sie bloß aufmerksam machen wollen darauf, daß der Verkehr mit dem jungen Priester nicht ewig fortgesetzt werden könnte; auf Widerstand war er durchaus nicht gefaßt gewesen. Paula fühlte sich offenbar verletzt. Gewissermaßen hatte er ihr doch Vorwürfe gemacht, und das mochte sie, die sich schuldlos wußte, beleidigt haben. Daß aber zwischen zwei Menschen, die einander innig lieben, so leicht ein Mißton entstehen könne, war dem Arzt doch nicht recht begreiflich. »Empfindlich sind wir alle,« dachte er, und damit suchte er sich zu trösten.
Am nächsten Tage war davon nicht weiter die Rede. Der Arzt fragte nur: »Wird der Kooperator heute kommen?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Paula.
»Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?«
»Zwischen fünf und sechs Uhr.«
»Dann will ich um diese Zeit zu Hause sein.«
Er hielt Wort, aber derjenige, den er erwartete, traf nicht ein. Hingegen kam der junge Schullehrer, um, wie er sagte, nachzusehen, was seine kleine Schülerin mache.
»Toni ist längst wieder gesund,« sagte Paula zu ihm. »Am Montag wird sie, wie die anderen, die Schule besuchen. Verwöhnen Sie das Kind nicht allzu sehr und stellen Sie Ihre Krankenvisiten von heute ab ein ... Toni glaubt sonst am Ende wirklich, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei, um deren Befinden sich alle Welt kümmert.«
»Aber ich komme doch nicht bloß Tonis wegen hierher,« stammelte der junge Mann bestürzt.
Paulas Augen fixierten ihn kalt und mitleidlos, als ob sie sagen wollten: »Eben darum will ich, daß Du wegbleibst!« Und ohne zu antworten, ließ sie ihn stehen und ging aus dem Zimmer.
Der arme Lehrer war so außer sich über diese Behandlung, daß er, unfähig ein Wort zu sprechen, den Arzt stumm grüßte und sich hastig entfernte.
»Warum warst Du gegen Herrn Stettner so unfreundlich?« fragte der Arzt, als Paula wieder in das Zimmer trat.
»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden. Ich will kein Gerede wachrufen.«
Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht.
Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre. Nach Paula fragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu, wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon: man wünschte hier sein Kommen nicht weiter.
»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...«
Der Geistliche schüttelte das Haupt.
»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte er.
»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück. Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht vorbereitet gewesen; hatte nicht im Traume daran gedacht. Er tat einen tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang.
Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula. Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe, zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen, die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu, stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen.
»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich. »Geschah das auf Ihren Wunsch?«
Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die des jungen Mädchens.
»Es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist,« sagte er. »Die Zeit, die ich bei Ihnen zubrachte, war für mich die schönste im ganzen Tag. Ich habe mich sehr wohl in Ihrem Hause gefühlt ... Aber Ihr Vater hat recht. Mein Prinzipal sah diesen Umgang mit mißliebigen Augen, und die Welt, die alles falsch und hämisch beurteilt, mag auch daran zu mäkeln gefunden haben. Fügen wir uns denn dem Gesetze der Notwendigkeit.«
Er griff nach ihrer Hand. »Leben Sie wohl, liebes Fräulein.«
»Kann ich nicht irgend etwas tun, um Ihnen zu beweisen, wie dankbar ich Ihnen bin, ... Tonis wegen?« fragte Paula mit stockender Stimme.
»O ja,« antwortete er. »Sie können sehr viel für mich tun; aber nicht, um mir zu danken, sondern um mir zu zeigen, daß Sie mir eine Freude bereiten wollen, wenn ich Sie darum bitte.«
»Was kann ich denn tun?«
»Singen Sie in der Kirche, so oft ich Hochamt halte ... Wollen Sie mir das versprechen?«
»Ja,« sagte Paula.
»Ich danke Ihnen.« Er beugte sich auf ihre Hand herab, als ob er sie küssen wollte. Vielleicht fiel ihm aber dabei ein, daß sich dies mit seinem Priesterberuf nicht recht vertragen würde; er gab die Hand des Mädchens frei, grüßte und entfernte sich. Paula schaute ihm nicht nach; schweigend stand sie am Geländer, pflückte ein Blatt nach dem anderen ab und ließ sie auf die Erde fallen. Erst als sie sich beim Namen rufen hörte, machte sie eine Bewegung wie jemand, der aus einem Traum emporfährt, strich sich mit der Hand über die Stirn und ging langsam in das Haus hinein.
Ebenso langsamen Schrittes war Harteck zum Pfarrhof zurückgekehrt. Er verfügte sich in den Garten, setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, unter den Lindenbaum, faltete die Hände im Schoße und zeichnete mit dem Fuße Figuren in den Sand. Entsagen, wieder entsagen; das alte, wohlbekannte Lied, das er so oft schon hatte singen hören. Daß er sich noch nicht daran gewöhnt hatte, daß er noch immer die Kraft und den Mut besaß, sich neuen Menschen anzuschließen, Pläne zu machen; daß er nicht lang schon jede Hoffnung auf Erfüllung großer und kleiner Wünsche aufgegeben hatte! Er wunderte sich über die Zähigkeit seines Herzens.
Herbst war es geworden. Der traurige November hielt seinen Einzug. Entlaubt standen die Bäume da und auf der Erde lagen die dürren Blätter. Von Zeit zu Zeit erhob sich ein Windstoß, wirbelte die Blätter auf und spielte mit den Haaren des jungen Priesters, der, ungeachtet der frostigen Luft, mit unbedecktem Kopfe dasaß. Er dachte an Paula. Er hatte sich gewöhnt an sie und sie sich an ihn, und nun war wieder alles vorbei und der schöne, harmonische Verkehr hatte ein Ende. Wie sie ihn angesehen hatte, – so ernst und kummervoll, – es tat ihr wie ihm wehe, daß es so gekommen war, – vielleicht bloß seinetwegen. Sie wußte ja, wie einsam er lebte, wie er sich sehnte nach Mitgefühl und Freundschaft; sie wußte, was sie ihm galt, und nun wird Tag um Tag verstreichen und er wird sie nicht sprechen, vielleicht nicht einmal sehen. Ja, dieses schwarze Kleid und die priesterliche Tonsur, – die erforderten schwere Opfer; die hatten ihm schon viel gekostet, – unsäglich viel.
Seit er das Haus des Arztes besuchte, hatte er den Rest von Sympathie, den er im Pfarrhof noch genossen, eingebüßt. Der Dekan sah ihn kaum an, und wenn er in Hartecks Gegenwart den Mund öffnete, geschah es bloß, um ihn zu tadeln oder sich in beißenden Anspielungen zu ergehen. Fräulein Aurelie, die er nur bei den Mahlzeiten sah, saß ihm stets so steif gegenüber, als ob sie ein Lineal verschluckt hätte, rümpfte beständig die Nase, und wenn er es wagte, das Wort an sie zu richten, antwortete sie entweder gar nicht oder in schnippischem, hochmütigem Tone. Der Mönch ging ihm aus dem Wege, und die Geistlichen, die dann und wann zum Besuch kamen, behandelten ihn mit kühler Zurückhaltung. Die Briefe seiner Mutter enthielten ebenfalls nichts als Tadel und Ermahnungen. Er wußte, daß die alte Frau mit jedem seiner Vorgesetzten in Briefwechsel stand und sich genauen Bericht über seine Aufführung erstatten ließ; sie war von allem, was er tat, unterrichtet, kannte sein unglückliches Verhältnis mit jenem Bauernmädchen und kam selbst jetzt noch, wo es doch so lang schon vorüber, manchmal darauf zurück. Er hatte Mutter und Schwester seit zwei Jahren nicht gesehen. Zuzeiten erfaßte ihn eine Art von Verlangen nach einem Wiedersehen, – es war dies eine alte Gewohnheit aus den Kinder- und Jugendtagen. Aber er brauchte sich die Mutter bloß vorzustellen und die Sehnsucht nach ihr schlug in erkältende Furcht um. Sie würde von jenem Mädchen sprechen, an alte, mühsam vergessene Geschichten rühren, mit erbarmungsloser Hand vernarbte Wunden aufreißen ... Sie wußte nichts von Schonung, hatte nie davon gewußt. Besser war es für ihn und sie, wenn Berge zwischen ihnen lagen und sie voneinander trennten. Vielleicht, wenn Mutter oder Schwester ihm geschrieben hätten, daß sie sich nach ihm sehnten, daß er zu ihnen kommen möchte, würde er trotz alledem zu ihnen geeilt sein. Das aber schrieben sie ihm nicht. Die Mutter war unzufrieden mit ihm und der Schwester war er gleichgültig, und so schob er denn den Plan, die Seinen zu besuchen, immer wieder auf. Nach dem jungen Priester, mit dem er sich so innig befreundet hatte, zog es ihn oft mit unwiderstehlicher Gewalt hin. Jedoch eine abergläubische Furcht hielt ihn ab, den Freund zu besuchen. Harteck war bei allen seinen Vorgesetzten schlecht angeschrieben, galt für einen unverwendbaren, nachlässigen Priester, – Gott weiß warum! Er gab sich doch redlich Mühe, seinen Pflichten so gut wie möglich nachzukommen; aber es war, als ob seine Stirn ein Brandmal trüge, als ob er gezeichnet wäre. – Alle betrachteten ihn mit mißtrauischen Augen und wichen vor ihm zurück. Deshalb fürchtete er, daß dem jüngeren Freunde ein Verkehr mit einem solchen Manne in seiner Laufbahn schaden könnte, und das wollte er verhüten. Er hatte über das Mädchen, das mit Liebe an ihm gehangen, schweres Leid gebracht; er wollte an dem einzigen Freunde nicht ähnliches erleben.
So verstrichen denn seine Tage neuerdings in reizloser Monotonie. Dem Herbste folgte der Winter; er brach jählings herein und hielt einen häßlichen Einzug. Ein eisiger Nordwind blies beinahe ununterbrochen; schwere, undurchdringliche Nebelmassen hüllten die Berge ein und über der Erde wölbte sich ein grauer, trüber Himmel. Die Straßen, auf denen halb zerflossener Schnee lag, waren kaum gangbar. Harteck war kein kräftiger Mensch, aber er tat alles, um sich abzuhärten und wagte sich bei jedem Wetter in das Freie. Stundenlang streiften er und sein Hund auf den Straßen umher, Cäsar jagte in großen Sätzen voraus und der Geistliche folgte ihm mit raschen Schritten. Manchmal stand der Herr still, hustete und drückte das Taschentuch an die feuchte Stirn und der Hund sah ihn dann fragend an ... »Komm nur! Mir ist nichts,« sagte dann Harteck gewöhnlich, und sie gingen wieder weiter.
Auf das Hochamt am Sonntag freute sich der Priester von einer Woche zur anderen. Paula hielt Wort. Sie sang an allen Sonn- und Feiertagen, auch wenn nicht an Harteck die Reihe war, die hohe Messe zu zelebrieren; sie wußte, daß er sich trotzdem in der Kirche befand, und vom Chor aus sah sie ihn links vom Altar auf einem Betschemel knieen, vor sich ein Brevier, in dem er selten las. Meistens stellte er die Arme auf die Brüstung und barg das Gesicht in die verschlungenen Finger ... Sie wußte dann, daß er ihrem Gesange lauschte und sich daran erquickte und sie sang mit Begeisterung ... Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der Straße, vor der Kirche oder im Dorfe; dann tauschten sie einen Gruß aus, wechselten im Vorübergehen ein paar Worte miteinander und gingen, ohne jemals den Schritt zu hemmen, ihre Wege. Zu Hause sprach Toni oft von ihrem Religionslehrer, was er gesagt, wen er gelobt, wen getadelt hätte ... Paula hörte ihr schweigend zu und sah die kleine Schwester manchmal von der Seite an: etwas wie Neid lag dann in ihrem Blick. Das törichte Kind sah ihn so oft, sah ihn täglich, hörte ihn sprechen und sprach mit ihm, plauderte harmlos davon und verstand nicht, was der dunkle Blick im Auge der großen Schwester sagen wollte. Äußerlich war Paula beinahe unverändert; nach wie vor erfüllte sie ihre hausmütterlichen Pflichten mit großer Pünktlichkeit; das Haus war so gut bestellt wie ehedem: der Vater und Toni konnten sich über keinerlei Vernachlässigung beklagen. Aber dem schärfer blickenden Manne war stets zumute, als ob ein Schatten zwischen ihm und der Tochter stünde. Ernst war sie immer gewesen; das war eine natürliche Folge ihres Lebens und Charakters; aber sie war nicht mehr so hingebungsvoll, wie sie es einstens gewesen. Eine gewisse Herbheit klang aus allem, was sie sagte; sie war zerstreut, ließ manchmal ihre Handarbeit oder ihr Buch in den Schoß fallen und versank in Nachdenken; dann zogen ihre Brauen sich zusammen und um ihre Lippen trat ein trotziger, schier feindseliger Zug, und wenn der Vater, unbemerkt von ihr, sie längere Zeit beobachtet hatte und sie dann unvermutet ansprach, erschrak sie und schaute ihn an, ... nicht verwirrt oder furchtsam, sondern mit zürnendem Blick, der wohl bedeuten mochte: Laß mich doch träumen! Mißgönnst Du mir sogar dieses karge Glück!? – Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte nur getan, was er für Recht gehalten hatte; im Dorfe war über das häufige Kommen des Priesters geschwatzt worden, er hatte dem Gerede ein Ende setzen wollen, – weiter nichts. Hatte er ahnen können, daß Paula, seine kalte, stolze Tochter, die allen Männern gegenüber schrankenlose Gleichgültigkeit bewiesen hatte, im geheimen schon so sehr an diesem Geistlichen hing? Und wenn er es gewußt hätte: würde es dann nicht um so mehr seine Pflicht gewesen sein, sie aus dieser Gefahr zu erretten? Ungerechtes, verblendetes Mädchen! Er meinte es gut und treu mit ihr und sie – behandelte ihn nicht anders, als ob er ihr schweres Unrecht zugefügt hätte. Wenn sie lieber noch gemurrt, wenn sie Vertrauen gezeigt hätte! Aber sie blieb verschlossen und unzugänglich, wich seinen schüchternen Anfragen eigensinnig aus und machte dadurch eine Verständigung zur Unmöglichkeit. Er ließ sie ungern allein; nicht, weil er für sie gefürchtet hätte: er wußte, daß sie brav war. Aber er fürchtete sich vor ihrer Einsamkeit; sie sollte und durfte nicht grübeln. Oft forderte er sie und Toni auf, ihn auf seinen Fahrten in die umliegenden Dörfer zu begleiten, und sie saßen dann beisammen in dem kleinen Wagen, auf dem breiten Ledersitz, Toni durfte manchmal das Pferd lenken und lachte fröhlich ... Das Kind war die einzig Glückliche von den dreien. Paula achtete nicht wie sonst auf die Kleine, sondern spähte angestrengt umher, als ob sie jemanden zu erblicken wünschte ... Wenn sich von weitem eine schwarzgekleidete Gestalt zeigte, erblaßte sie, zog den Hut ins Gesicht und drückte sich fest an die kleine Schwester. Aber demjenigen, den sie zu sehen hoffte oder fürchtete, begegnete sie auf ihren Fahrten niemals.
Manchmal besuchten sie auch das naheliegende Städtchen; dort wurden im Winter allerhand Lustbarkeiten veranstaltet, Konzerte, Theatervorstellungen, Tanzunterhaltungen. Der Arzt war mit der Gesellschaft dort gut bekannt und er drang darauf, daß jeder Einladung, die ihm aus dem Städtchen zukam, Folge geleistet werde. Paula hatte weder etwas dafür noch dagegen. Sie begleitete den Vater, beteiligte sich an allem, und wenn der Arzt sie beim Nachhausefahren fragte, wie sie sich unterhalten hätte, antwortete sie gewöhnlich: »Es war sehr hübsch, ich habe mich gut unterhalten.« Bei Gott! er würde vorgezogen haben, wenn sie gesagt hätte: »Vater, ich möchte viel lieber mit Dir zu Hause bleiben und mich an Deinem Herzen ausweinen,« anstatt jene kalte, immer gleichlautende Antwort von ihren Lippen zu vernehmen.
Daß ein Dorf so klein ist! Daß keines dem andern entfliehen kann! Daß ewig eines vom anderen hören muß! Wie ist es da möglich, zu vergessen!? In seinen mutlosesten Augenblicken war der Arzt oft nahe daran, zum Dekan zu gehen und ihn zu bitten, die Versetzung dieses – Menschen zu erwirken ... Aber das hieße ja die Tochter bloßstellen, ihren Ruf unwiederbringlich untergraben. Nein, das konnte er nicht tun. Er mußte diesem stummen, im verborgenen wühlenden Unheil schweigend zusehen, mußte tatlos zusehen, wie es immer weitere Kreise zog und das Glück seines Hauses langsam untergrub.