Siebzehntes Kapitel
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Der Dekan fühlte sich von einer schweren Last befreit, als er bei seiner Rückkunft von Salzburg vernahm, daß die beiden Priester St. Jakob schon verlassen hätten. Er schrieb unverzüglich an Harteck, daß dessen Wunsch nach Versetzung entsprochen worden wäre, und bezeichnete ihm den Ort, den man zu seinem künftigen Aufenthalt bestimmt hatte. Er könne, teilte er dem Priester ferner mit, die Reise in vierzehn Tagen schon antreten; der Ort wäre seines südlich milden Klimas wegen bekannt und berühmt und er, der Dekan, hoffe zuversichtlich, daß Harteck dort genesen würde. Schließlich ersuchte er ihn noch, ihm dann und wann über sein Befinden Nachricht zu geben und sendete ihm herzliche Grüße und Wünsche für sein Wohlergehen. Die Antwort auf diesen Brief langte umgehend ein. Joachim hatte sie geschrieben. Im Namen des Freundes dankte er dem Dekan für dessen erfolgreiche Bemühungen, doch müsse er ihm zu seinem großen Schmerze mitteilen, daß Hartecks Zustand sich derartig verschlimmert hätte, daß an eine Abreise vorläufig nicht gedacht werden könne. Sobald eine Wendung zum Besseren eingetreten sein würde, wolle er den Dekan davon in Kenntnis setzen. – Aber die Tage verstrichen und die Nachricht von der »Wendung zum Besseren« traf nicht ein. Der Dekan entschloß sich endlich, noch einmal zu schreiben und anzufragen, was es denn gebe, ob die Abreise nicht bald stattfinden werde? Der Brief blieb unbeantwortet. »In Gottes Namen!« dachte der Dekan. »Ich habe getan, was in meiner Macht lag, ... alles andere geht mich nichts an.« Trotzdem vermochte er eine gewisse nervöse Unruhe nicht abzuschütteln. »Ich würde viel darum geben, wenn wir diesen Mann hier gelassen hätten,« sagte er einmal zu dem jungen Pater. »Er verfolgt mich Tag und Nacht ... Wenn er nur von dem verwünschten Keßten fortkommen könnte!«
Der Mönch nickte stumm.
»Weiß man in St. Jakob, daß er so krank ist?« fragte der Dekan.
»Ja,« sprach der Mönch, das Gesicht abwendend. »Unsere Leute haben es erzählt ...«
Er dachte dabei an eine, der er heute auf der Straße begegnet war. Warum konnte er dieses Bild nicht loswerden? Ein Jahr war es her, ... damals traf er zwei Menschen ins Herz, – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus schlecht verstandenem Eifer. Warum ließ ihm das jetzt keine Ruhe? Wie sie an ihm vorüberging, gleich einer Nachtwandlerin, die großen Augen starr ins Leere geheftet, im abgemagerten Antlitz namenlose Pein ... O! wie dies Bild ihn verfolgte! Er hatte sie gegrüßt, sie aber war an ihm vorbeigeglitten mit scheuem, hastigem Gang, ohne ihn, ohne irgend etwas zu sehen ... Wie quälte ihn in der Erinnerung das harte Wort, das er damals über sie gesprochen, in jener unglückseligen Neujahrsnacht: »Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten ...« Ein hartes, hartes Wort, das ihm jetzt auf der Seele brannte. »Wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein auf sie!« Er aber hatte den ersten Stein geworfen, rasch, unbesonnen und mitleidlos ... O! hätte er es nicht getan!
Das Leben der beiden Freunde ging einstweilen seinen traurigen Gang. Wenn Joachim durch das Dorf schritt, begrüßte alles ihn ehrfurchtsvoll, denn jedermann wußte, welches schwere Kreuz auf den Schultern des jungen Priesters lastete und wie mutig und unverdrossen er sich den Pflichten der Seelsorge und der Pflege des kranken Amtsbruders widmete. Im Pfarrhof ging es sehr still zu. Fremde wurden nicht eingelassen, um die Ruhe des Kranken nicht zu stören; Joachim und die Wirtschafterin wagten kaum aufzutreten und sprachen mit gedämpfter Stimme; und Cäsar, der arme Cäsar mußte manchmal aus dem Hause entfernt werden, weil er oft ein ohrenzerreißendes Geheul anstimmte ... »Das bedeutet den Tod!« sagten die Leute, wenn sie den Hund heulen hörten, schlugen das Kreuz und beteten ein Vaterunser. Der Arzt, in einem nahegelegenen Dorfe ansässig, fand sich täglich im Pfarrhof ein; wenn Joachim ihn fragte, ob es denn noch nicht möglich wäre, den Freund von dem unglücklichen Ort fortzubringen, zuckte der Arzt die Achseln und antwortete: »Noch nicht, ... vielleicht später.«
»Aber Sie sollten sich schonen,« sagte er eines Tages zu dem jungen Priester. »Diese anstrengende Krankenpflege reibt Sie auf. Nehmen Sie doch eine Wärterin ins Haus.«
»O nein,« entgegnete Juchei. »Fürchten Sie nichts für mich. Ich werde aushalten bis zum letzten Augenblick. Meinem teuern Georg darf niemand als ich nahe kommen.«
»Sagen Sie mir aufrichtig,« fragte er den Arzt ein anderes Mal, »ist wirklich keine Hoffnung mehr, ihn zu retten?«
»Keine. Gegen die galoppierende Lungensucht, wenn sie mit solcher Heftigkeit auftritt, ist kein Kraut gewachsen.«
»Und können Sie auch seine Schmerzen nicht lindern? Es zerreißt mir das Herz, wenn ich ihn husten höre, ... ich meine immer, daß der Husten seine Brust zersprengen muß, ... er läßt ihn weder schlafen noch liegen. Er muß immer aufrecht sitzen im Bett und ringt mit dem Ersticken ... Wenn dieses Elend nicht bald ein Ende nimmt, werde ich noch den Verstand verlieren.«
»Fassen Sie Mut, ... es kann nicht mehr lang dauern. Und seine Schmerzen will ich nach besten Kräften zu mildern suchen. Freilich bedeuten die starken Mittel, die man den Kranken in solchen Fällen verabfolgt, eine Verkürzung des Lebens, ... aber sie erleichtern das Sterben.«
»Tun Sie, was erlaubt ist,« sagte Juchei und preßte die Hand an die Stirn, »wenn es nur sein Leiden verringert ...«
»Ist er sich selbst klar über seinen Zustand?« fragte der Arzt.
»Ich weiß es nicht, ... er spricht so wenig ...«
»Morgen komme ich wieder,« sagte der Arzt und drückte dem anderen teilnahmvoll die Hand. »Die Medikamente will ich Ihnen sofort herüberschicken ... Nur Mut, Herr Kooperator, und Ergebung. Wir alle müssen sterben, – früher oder später.«
Juchei kehrte in das Haus zurück. »Es erleichtert das Sterben ...« Also wirklich, wirklich ... Er mußte sich am Stiegengeländer festhalten, um nicht umzusinken. Selbst ihm, dem Priester, erschien in diesem Augenblick die Verheißung des ewigen Lebens ein armseliger Trost.
Langsamen Schrittes verfügte er sich zu dem Freunde. Von Kissen unterstützt und in wollene Decken gehüllt, saß dieser nahe am Ofen und starrte in das Feuer. Zu seinen Füßen kauerte, leise zitternd, sein Hund und schaute mit jenem, dem Tier eigenen tieftraurigen Blick den kranken Gebieter an. Das Sprechen verursachte dem unglücklichen Manne große Pein und er hatte sich angewöhnt, sich mit seinem Wärter fast nur noch durch Zeichen zu verständigen. Er wagte kaum sich zu rühren, aus Angst, den ewig grollenden Husten wachzurufen; wenn dieser nicht länger zu unterdrücken war, sagte er gewöhnlich: »Ach Juchei, der Husten!« Und er sprach diese Worte in einem so klagenden und furchtsamen Ton, daß es Joachim jedesmal kalt überlief. Sie litten viel, diese beiden. Es würde schwer zu entscheiden gewesen sein, wer mehr zu ertragen hatte: ob derjenige, der die Schmerzen empfand, oder der andere, der den Freund leiden sah, ohne ihm helfen zu können.
»Ein Brief für Dich ist da,« sagte Juchei, als er in das Krankenzimmer trat. »Soll ich ihn öffnen?«
Harteck nickte mit dem Kopfe.
»Er ist von Deiner Schwester,« fuhr Juchei, das Schreiben mit den Augen überfliegend, fort. »Sie fragt an, ob sie oder die Mutter zu Dir kommen sollen.«
»Beide mögen bleiben, wo sie sind,« versetzte Harteck.
»Sie sind sehr besorgt Deinetwegen.«
Der Kranke lächelte bitter und gleichgültig zugleich. »Schön von ihnen,« murmelte er.
»Ich werde ihnen also antworten, daß sie in Kufstein bleiben sollen und ich ihnen nach wie vor über Dein Befinden Bericht erstatten werde ... Ist es Dir so recht?«
Georg nickte abermals.
»Wie fühlst Du Dich jetzt? Besser als in der Nacht?«
»Viel besser. Ich werde hoffentlich bald reisen können.«
»Ohne Zweifel,« sagte Juchei mit mühsamer Fassung.
»Du sagst das so traurig ... Meinst Du, daß diese Stunde niemals schlagen wird?«
»Warum sollte sie nicht? Wenn die Besserung anhält ...«
Harteck sprach eine Weile nichts.
»Es ist doch seltsam,« sagte er dann plötzlich. »Ich habe durch meinen Stand mein Leben verspielt und sterbe auch an meinem Stande ... Das ist doch ein Fingerzeig Gottes, daß ich nicht Priester hätte werden sollen ... Aber meine Mutter wollte klüger sein als Gott ... Sie mag nun sehen, was sie aus ihrem Sohne gemacht hat.«
Juchei trat zu ihm hin.
»Hänge dem nicht so nach,« sagte er leise.
»Gott hat es gut mit mir gemeint,« fuhr Harteck mit bewegter Stimme fort. »Ich hätte ein glücklicher Mensch werden können, ... ich bin ehrlich und fleißig und besitze die Gabe Liebe zu erwecken, ... ich hätte eine mir zusagende Beschäftigung erwählen, mir einen Herd gründen können, ... aber meine Mutter, meine eigene Mutter! Sie weiß nicht, was sie an mir getan hat und darum will ich ihr vergeben, ... obwohl ...« Er hielt inne und seufzte schwer. »Am Rande des Grabes ist es wohl erlaubt, die Maske abzuwerfen ... Den ärmsten Knecht habe ich oft um seine harte Arbeit beneidet ... Wenn er sich den ganzen Tag redlich abgemüht hat, sieht er am Abend das Ergebnis seiner Plage, ... er weiß, weshalb er arbeitet, ... aber ich ... Alles, was ich tat, war Grimasse, ... mein Herz wußte nichts davon. Oft erfaßten mich Ekel und Abscheu, wenn ich von weitem die bloße Turmspitze einer Kirche sah ...«
»Georg,« fiel Joachim ihm ins Wort. »Was hat der priesterliche Stand Dir getan, daß Du ihn so sehr herabsetzest?«
»Nichts ... Verstehe mich nicht falsch, lieber Juchei, ... ich achte den Stand, aber ich, ich tauge nicht zum Geistlichen. Gott weiß es, ... ich wäre ein guter Christ und, noch mehr, ein eifriger Katholik geblieben, ... aber der Welt hätten sie mich lassen sollen; mein ganzes Herz drängte zurück nach der Welt und ihren Freuden, ... nach dem Familienleben, nach Gatten- und Vaterglück, das dem katholischen Priester so grausam verwehrt ist ...«
»Da rüttelst Du an einer der Grundsäulen unserer Kirche,« sagte Joachim. »Das Gesetz, das der große Gregor angestrebt und der noch größere Innocenz durchgesetzt hat, ist ja eine der Hauptstützen des katholischen Klerus. Vielen mag es ungeheuerlich erscheinen, viele mögen darunter leiden, ... aber daran darf die Kirche sich nicht kehren. Familienidyllen kann sie nicht brauchen. Der Mann, der für Frau und Kinder zu sorgen hat, wird immer in erster Linie an die Seinen denken, und die Kirche duldet keinen Rivalen neben sich. Einsam muß der Priester im Leben dastehen, wenn er der Kirche mit allen seinen Kräften dienen will, – die Kirche muß sein erstes, sein letztes sein, und darum darf der Zölibat erst mit der Kirche selber fallen, was Gott verhüten wird.«
»Du hast ja recht, tausendmal recht, Juchei, Du sprichst als katholischer Priester, ... aber ein solcher bin ich niemals gewesen, trotzdem ich die Tonsur trage. Ich verlange nicht, daß meiner nichtigen Persönlichkeit halber der Zölibat hätte aufgehoben werden sollen, ... ich wiederhole bloß, daß ich nicht zu Euch gehörte. Das war mein Unglück. Der Stand hat nicht mich, – ich habe den Stand belogen, indem ich mich einschlich ins Priestertum, ohne daß mein Herz mir dazu riet. Ich bin auch stets ein Eindringling geblieben, ... habe unsicher umhergetappt, ohne das Richtige zu finden, ... habe weder zu tadeln noch eine Meinung zu fassen gewagt, ... und wenn ich unter eine Schar von Schurken geraten wäre, ich hätte geschwiegen zu allem und jedem: der Betrüger war ja ich, ... ich hatte kein Recht mich zu beschweren; dies Recht steht nur dem Betrogenen zu. Teilweise aus diesem Grund habe ich auch ausgeharrt: ich durfte nicht austreten und einen Skandal wachrufen, der dem ganzen Stand geschadet hätte, ... ich hatte mich genug versündigt an dem Kleide, das ich trug, ohne ein Recht darauf zu haben. Das habe ich auch stets wie eine Kette mit mir herumgeschleppt, ... welche Mühe ich mir auch gab, meine Pflichten zu erfüllen, ... ich strauchelte immer wieder über die Kette und nannte mich selbst einen Heuchler, ... und alle haben stets gemerkt, wie es um mich stand. Und darum gehe ich auch zugrunde. Ein vortrefflicher Priester bin ich gewesen,« schloß er mit einem halb bitteren, halb wehmütigen Lächeln. »Anstatt vor dem Altar Kniebeugungen zu machen, wäre ich immer lieber zu den Füßen eines schönen Weibes gelegen ... Doch jetzt ist alles vorüber, – so oder so. Nun heißt es hinuntersteigen in das kalte Grab, – und damit ist die Komödie zu Ende.«
Seit manchem Tag schon hatte er nicht so viel auf einmal gesprochen. Joachim, der ihn verloren wußte, hatte es aufgegeben, ihn mit jenen allen Kranken lästigen Einwürfen wie: »Sprich nicht so viel! Tu das nicht, schone Dich!« zu quälen, mit jenen Ermahnungen, die den armen Kranken, der sein Leiden vielleicht augenblicklich halb und halb vergaß, rücksichtslos daran erinnern. Er stand neben dem Freunde und dieser streichelte sanft die Hand des jungen Geistlichen.
»Mein braver, wackerer Priester!« sagte Georg leise; seine Stimme klang überhaupt wie zerrissen. »Wirst Du es mir nicht nachtragen, Juchei, daß Du mit mir so wenig Ehre eingelegt hast?«
»Wie kannst Du so sprechen, Lieber! Beklagen muß ich es um Deinetwegen, ... mir warst Du ein treuer Freund und mehr verlange ich nicht.«
»Ich bin stolz auf Dich, ... Du wirst es weit bringen, wirst Deinem Stande Ehre machen, ... nicht so wie ich ...« Er brach mit einem Seufzer ab. Nach einer Weile fragte er: »Hast Du nichts vergessen von dem, was zu besorgen ich Dir aufgetragen habe, falls ich ...«
Juchei legte die Hand auf seinen Mund.
»Still, Georg, still. Nichts davon, ich bitte Dich.«
»Aber ...«
»Ich habe nichts vergessen.«
»Du warst so gut gegen mich, ... ich danke Dir tausendmal für Deine Liebe und Treue. Gib mir einen Kuß, Joachim.«
Der junge Geistliche sank vor dem Kranken auf die Kniee. Ihre Lippen berührten sich in einem langen, zitternden Kusse.
»Vielleicht gibt es doch ein Wiedersehen,« sprach Georg und ließ den Kopf auf die Schulter des Freundes fallen. – Vielleicht! Ein trauriges Wort im Munde eines Priesters.
»O Georg!« rief Joachim vorwurfsvoll.
»Verzeih mir ... Und eines noch: Versäume nicht, mir auch noch die letzte Ölung zu erteilen. Was würde meine Gemeinde sagen, wenn ihr Seelsorger ohne die letzte Ölung dahinginge ... Ich will sterben, wie es einem Katholiken geziemt ...«
»Ja, ja. Das hat noch Zeit ...«
»Wer weiß, wie bald schon ... Doch jetzt will ich zu schlafen versuchen.« Seine Gedanken schienen zu wandern ... »Was wird sie sagen, wenn sie von meinem Tod erfährt? ... Juchei, vielleicht können wir morgen reisen, ... bestelle einen Wagen. Ist alles zur Reise vorbereitet?«
»Alles.«
»Dann reisen wir morgen,« sagte Georg und sein Kopf sank auf das Kissen, das ihn stützte. »Morgen, Juchei.«
»Amen,« dachte dieser. –
Am Abend entstand im Pfarrhof ein sonderbarer Lärm. Türen flogen auf und zu, eilende Schritte ertönten, und leichenblassen Gesichtes stürzte die Wirtschafterin auf die Straße. Die Inwohner der nächsten Häuser traten vor die Tore, alle scharten sich um die Frau, fragten, forschten ...
»Schnell! Lauft's einer um den Doktor!« rief diese, »und Du, Meßner, läut' die Zügenglock' ... Der Herr Vikar liegt im Sterben.«
Die Leute, Männer, Frauen und Kinder waren es, fielen auf die Kniee und fingen laut zu beten an. Einige stürzten fort. Bald darauf erscholl leises Glockengeläute; im ganzen Dorfe ward es lebendig. Alle strömten dem Pfarrhof zu; dort knieten sie nieder und murmelten die Gebete für Sterbende. Dazwischen fuhren langgezogene, jämmerliche Töne ... Cäsar war es, der mit gesträubtem Fell und eingeklemmter Rute, die Schnauze zum Himmel erhoben, dies schauerliche Geheul anstimmte, als ob auch das Tier, die Todesqual des Herrn mitempfindend, Gott anflehen wollte, den Sterbenden zu erlösen ... Die Weiber und Kinder, selbst die Männer schauderte es.
Hinter den verhüllten Fenstern erglänzte Kerzenschein. »Jetzt gibt ihm sein Freund die Wegzehrung!« flüsterte eine alte Frau. »Er hat schon heut' nachmittag das hochwürdigste Gut aus der Kirche geholt, ... hat wohl gewußt, daß er's bald brauchen wird ...« Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze ab und betete murmelnd weiter.
Nach einer Stunde kam der Arzt angefahren. Wie ein rettender Engel wurde er begrüßt. Er aber wehrte die Leute ab und trat eilenden Schrittes in das Haus. Draußen verharrte die Gemeinde im Gebet und in todesbanger Erwartung.
»Der arme Herr stirbt schwer!« sagte ein alter Mann. »Herr Jesus! Nimm ihn zu Dir!«
Nach Mitternacht entstand eine Bewegung. Niemand hatte sich entfernt, nur die Kinder waren nach Hause geschickt worden. Die Leute sahen den Arzt, gefolgt von der schluchzenden Wirtschafterin, aus dem Hause kommen und hielten im Beten inne.
»Geht nach Hause, Ihr Leute,« sagte der Arzt und bestieg seinen Wagen. »Der Herr Vikar hat es überstanden ... Vorwärts, Hansei.«
Der Wagen rasselte mit Windeseile davon. Die Leute erhoben sich von den Knieen und sahen zum Pfarrhof empor.
»Wer wird Nachtwach' halten bei ihm? Wo ist die Leichenfrau?« fragten einige.
»Geht's alle miteinander z'Haus,« sagte die Wirtschafterin. »Der Herr Kopp'ratter hat mir g'sagt, daß er niemanden haben will, ... er wird selber bei sei'm Freund bleiben.«
»Heilige Mutter Anna! Haben die zwoa sich gern g'habt!« bemerkte eine alte Bäuerin.
»Und so schnell hat's kimma müssen! So oan braver Herr!«
»Ich hab's gleich g'wußt,« sagte die Wirtschafterin, sich zum Gehen wendend. »Bei uns halt's koaner lang aus. Und heut' noch hat er davon g'sprochen, daß er morgen furtfahren will, ... der arme Herr!«
Und doch hatte er recht behalten. Er hatte eine Reise angetreten, wenn auch nach einem andern Ort, als er im Sinne gehabt. Er war nach einem Ort gegangen, wo es für ihn wohl besser sein war als überall sonst.
Am Nachmittag vor dem Tage des Begräbnisses, das, wie es auf dem Lande Sitte ist, frühmorgens stattfinden sollte, saß Joachim in der Wohnstube am Tische und ordnete die Briefe und Papiere, die der Verstorbene hinterlassen hatte. Im Nebenzimmer, wo die Leiche aufgebahrt lag, herrschte beständiges Geräusch; Menschen kamen und gingen, flüsterten und beteten, – Joachim warf mehr als einmal einen unruhigen Blick auf die geschlossene Tür. Ihm war, als ob alle diese neugierigen und teilnahmvollen Gaffer den Schlaf des Freundes stören müßten, und er würde es als eine Wohltat empfunden haben, wenn er den Brauch des Leichenanschauens für dieses Mal wenigstens hätte abschaffen können. Am ersten Tag hatte er die Leute ferngehalten. Er selbst war es gewesen, der dem Freunde die letzten Liebesdienste erwiesen, ihn angekleidet und in den Sarg gelegt, ihm ein Kruzifix in die Hände gegeben und die Kerzen um den Sarg herum angezündet hatte ... Entweihung würde es ihm geschienen haben, wenn andere Hände als die seinen den toten Freund berührt hätten. Das Sterbezimmer hatte außer ihm kein Mensch betreten dürfen. Er wollte den Freund ganz allein für sich haben, allein und ungesehen von ihm Abschied nehmen, und die Wirtschafterin hatte strengen Auftrag gehabt, jeden Zudringlichen abzuweisen. Doch heute war das nicht mehr möglich. Er mußte sich dem allgemeinen Brauche fügen, den Freund den Blicken aller, die da kamen, aussetzen lassen und das fiel ihm unsäglich schwer. Auch Teilnehmer an der morgigen Bestattung hatten sich schon eingefunden: Geistliche aus der Nachbarschaft und andere Leute, die Harteck gekannt hatten; ein Mönch war gekommen, der bis zum Eintreffen eines Nachfolgers die Seelsorge bestellen sollte. Alle diese gleichgültigen Menschen empfangen, mit ihnen sprechen, ihre müßigen Fragen: wie der Tote gestorben, ob er viel gelitten, wie lang er krank gewesen, – das alles anhören und beantworten müssen, – das war viel verlangt von einem tödlich verwundeten Herzen, wie es das seine war. Er hatte außerdem allerhand zu tun: Anstalten für das Begräbnis zu treffen, die nötigen Einladungen hierzu ergehen zu lassen, den Dekan und die Familie des Dahingeschiedenen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen, nach Salzburg zu schreiben, daß ein Nachfolger bestimmt werden möchte, die Partezettel drucken zu lassen und zu versenden, – alle diese unerläßlichen Dinge, die in den Stunden des ersten Schmerzes getan werden müssen und dem Trauernden kaum Zeit gönnen, sich auszuweinen: das alles wird besorgt im frischesten Schmerze, in der lebhaften Erinnerung an Krankheit, Todeskampf und die letzten Augenblicke des geliebten Dahingeschiedenen ... »Und dennoch,« hatte Joachim sich dabei sagen müssen, »ist auch diese traurige Notwendigkeit von Nutzen. Betäubt sie doch das erste Weh, lenkt die Gedanken gewaltsam ab von dem einen ... Wenn er in der Erde ruhen wird, können die Tränen ungehindert fließen. Die Zeit zur schrankenlosen Trauer wird früh genug kommen.«
Gewissenhaft hatte Joachim alle diese Pflichten erfüllt; nun schickte er sich an, den letzten Wünschen des Freundes gerecht zu werden. Georg hatte ihn gebeten, alle Briefe, die er vorfinden würde, zu verbrennen, und Juchei warf sie, ohne ihren Inhalt zu prüfen, in den Ofen. Es waren Briefe von der Familie und Bekannten des Verstorbenen, – jetzt wert- und inhaltlos, da derjenige tot, an den sie gerichtet gewesen. Als Joachim auf mehrere Photographien stieß, zögerte er einige Augenblicke ... Sollte er auch diese vernichten? Es waren die Photographien von Georgs Anverwandten; ferner eine Photographie Jucheis, die dieser dem Freunde gegeben, als sie voneinander schieden, und endlich die Photographie der armen Kathei. »Er hat sie lieb gehabt und mein Bild hielt er in Händen,« dachte Juchei. »Mögen diese beiden denn verschont bleiben.« Er verwahrte sie an der Brust, die drei andern aber schleuderte er mit einer fast zornigen Gebärde in das Feuer. »Brennt zu!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Ihr seid des Aufbewahrtwerdens nicht wert.« Er blätterte weiter in den Papieren und fand eine Anzahl unvollendeter Briefe vor; sie waren von Georgs Hand geschrieben, ohne Datum. Für wen waren sie bestimmt gewesen? Ohne Mühe erriet er's. Sie enthielten größtenteils nur einige Worte und ihr Inhalt war der gleiche, wenn auch die Worte verschieden lauteten. Aus jedem klang der sehnsuchtsvolle Ruf: »Komm! Komm zu mir!« ... Was mochte in dem Herzen des Mannes vorgegangen sein, als er die Worte schrieb? Die Briefe waren nicht vollendet, nicht abgeschickt worden, ... sie lagen da, das beredte Zeugnis der Schlacht, die Pflicht und Leidenschaft in der Brust des nun Stillen geschlagen hatten. Joachim blickte starr auf sie herab. Wenn er sie dem Mädchen brächte? ... »Würdest Du damit einverstanden sein, Georg? Soll ich diese kostbaren letzten Erinnerungen zerstören oder sie derjenigen geben, der sie zugedacht waren? Sprich nur ein Wort, gib mir ein Zeichen, auf daß ich das Rechte finde!« ... In schwerem Kampfe stand Juchei da; dann aber besann er sich. Der Freund hatte ihm aufgetragen, alle Briefe zu verbrennen; er hatte wohl auch diese Zeugen seiner Schwäche ins Grab mitnehmen wollen. »Sein Wille vor allem!« dachte Juchei. »Ihr aber will ich sagen – Oder nein. Ich werde ihr nichts davon sagen. Er hat darüber geschwiegen, folglich wollte er, daß sie nichts davon höre, ... und was für ein Trost wäre es auch für sie, zu wissen, daß er sich so sehr nach ihr gesehnt und sie doch nicht gerufen hat? Dieser traurige Herzenskampf soll ihr verborgen bleiben. Hat er mich doch in seinen letzten Lebensstunden mit aufgehobenen Händen beschworen, ihr niemals zu sagen, wie sehr er gelitten hat, ... er wollte sie schonen, ... fort mit euch!« Seine Hände zitterten, als er die Briefe in das Feuer steckte; in kauernder Stellung verblieb er vor dem Ofen und starrte in die Flammen, die die Papiere beleckten und verzehrten. Damit war diese Arbeit abgetan. Auf dem Tische lagen noch einige Schriften: Georgs Taufschein, seine Schulzeugnisse und endlich das Dekret, das seine Priesterernennung bestätigte. Diese Papiere band Juchei zusammen und legte sie in die Lade. Dann sank er auf einen Stuhl, stützte den Arm auf den Tisch, die Stirn auf die Hand und verharrte lange Zeit in dieser Stellung. Das Öffnen der Tür erweckte ihn aus seiner Versunkenheit, – er fuhr in die Höhe.
»Was gibt es?« fragte er und strich sich das Haar aus der Stirn. Er sah die Wirtschafterin im Zimmer stehen.
»Die Frau Schwester vom Herrn Vikar ist da,« sagte die Frau und brach in Tränen aus, wie es nun einmal ihre Gewohnheit war.
»So! Schön,« sagte Juchei mechanisch. »Sie soll nur hereinkommen.«
Sie trat nach wenigen Momenten ein, ganz in Schwarz gekleidet, ihren sauber frisierten, ebenfalls in Schwarz gekleideten Knaben an der Hand. Sie sah blaß, aber ruhig aus; ihre Augen zeigten nicht die Spur einer Träne. Wer hier der wahrhaft Trauernde – ob die Schwester oder der Freund –, darüber konnte wohl niemand im Zweifel sein. Joachim bot das jammervolle Bild aller jener, die einen teuren Menschen in seiner letzten Krankheit bis zum Ende gepflegt haben. Die letzten schrecklichen Wochen, Tage und Stunden spiegeln sich wider in den verhärmten Zügen, den verschwollenen Lidern, den geröteten Augen, ... sogar in der vernachlässigten Kleidung. Des jungen Priesters Gesicht und Haltung erzählten von durchwachten Nächten und hinabgewürgten Tränen, und man brauchte ihn bloß anzusehen, um zu erraten, was alles er durchgemacht hatte in der letzten Zeit. Der Schwester sah man nichts an.
Sie begrüßte ihn mit Anstand und reichte ihm die fein gantierte Hand. Die junge Frau war sorgfältig gekleidet und frisiert. Ihr gewöhnlich spöttisch-lächelndes Gesicht hatte einen der Gelegenheit angemessenen ernsten Ausdruck angenommen. Sie hatte ihrem Söhnlein zugeflüstert, den Hut abzunehmen und nun befahl sie dem Knaben, zu grüßen. Der Kleine gehorchte. Sein hübsches, altkluges Gesicht verriet Neugier, er blickte in der Stube umher und fragte leise: »Mutter, wo ist der Onkel?«
»Sei still,« sagte Anna. »Die Mutter hat mich nicht begleitet,« sagte sie zu Perkow gewendet. »Sie ist kränklich und schwerfällig und ich drang darauf, daß sie allen diesen Aufregungen fernbleibe ... Sie ist ohnehin ganz desperat und wird ihren Sohn nicht lang überleben, fürchte ich, ... ihr Geist ist wie gestört ... Wer hätte das auch ahnen können! Als der Bruder uns im Frühjahr besuchte, war er noch ganz gesund.«
Sie machte ein Pause. Die sorgfältig gekleidete junge Dame, die so ruhig und zusammenhängend sprach; der neugierige, wohlerzogene Knabe, – sie waren Blut von Georgs Blut. Juchei konnte es kaum glauben.
Anna, der sein Schweigen unbequem war und die in seinen Mienen las, daß sie keinen günstigen Eindruck auf ihn machte, fuhr mit einiger Hast zu sprechen fort: »Ich wäre früher gekommen, wenn Sie mir nicht geschrieben hätten, daß der Bruder mein Fernbleiben wünsche. Der arme Georg war immer ein wenig eigensinnig. Es tut mir wirklich leid, daß Sie alle die Plage allein gehabt haben.«
»Plage!« wiederholte Perkow mit so markiertem Hohn, daß Anna nicht umhin konnte zu fühlen, sie hätte abermals ein falsches Wort gewählt. Ein leises Rot färbte ihre Wangen.
»Wo liegt der Bruder?« fragte sie und zog ihr Taschentuch hervor.
»Nebenan,« antwortete Juchei und wies auf die Tür.
Anna führte das Taschentuch an den Mund und begab sich, also vorbereitet, in das Totenzimmer. Mit Verachtung blickte Perkow ihr nach ...
Beim Anblick des Toten fing Anna zu weinen an. Der Knabe, noch zu jung, um zu verstehen, was der Tod bedeute, starrte die Leiche und die umstehenden fremden Menschen mit halb erschrockenen Augen an. Dem Beispiel der Mutter folgend, hatte auch er sein kleines Taschentuch hervorgeholt und an die Lippen gebracht. Er bemühte sich auch redlich zu weinen wie sie, doch das wollte ihm nicht gelingen. Er flüsterte bloß: »Wie schlecht es hier riecht, Mutter!«
»Schweig,« herrschte diese ihn mit unterdrückter Stimme an, trat an den Sarg heran und blickte in das Gesicht des Toten. Ihn zu küssen, vermochte sie nicht. Nicht jener Scheu wegen, die Leichen einflößen, ... etwas anderes war es, das sie davor zurückhielt; etwas Geheimes, Uneingestandenes, das sie quälte, seit ihr die Kunde seines Todes zugekommen. Jetzt sprach es laut und lauter, und wie sehr sie sich auch bemühte, die lästige Stimme zum Schweigen zu bringen; wie eindringlich sie sich auch vorsagte, daß es nun doch zu spät wäre, daß Vorwürfe nichts mehr nützten, ... die Stimme redete fort und flüsterte ihr zu, daß sie nicht schwesterlich an dem Toten gehandelt, daß sie und die Mutter sein weiches Herz mißbraucht hätten, daß er glücklicher hätte werden können, wenn sie und die Mutter nicht eingegriffen hätten in sein Schicksal. Diese Selbstvorwürfe waren ihr unangenehm; sie verabscheute alles, was ihre heitere Ruhe störte. Ihre Tränen versiegten und kalten Blickes starrte sie in das Antlitz des Toten, auf den schwarzen Talar, in den Juchei ihn gekleidet, auf das Kreuz in seinen Händen, auf das schwarze Barett, das ihm zu Häupten lag ... Warum hatte er nachgegeben? Sie würde sich, der Mutter zuliebe, nicht geopfert haben ...
Perkow trat in das Zimmer und gebot den Leuten in gedämpftem Tone hinauszugehen. Sie grüßten schweigend und entfernten sich.
Der junge Geistliche näherte sich dem Sarge und sah den Toten an.
»Er ist arg verändert,« sagte Anna leise.
»Ja. So hart und fremd sieht er aus, wie mein Georg niemals gewesen ist.« Seine Stimme bebte, und mit sanfter Hand richtete er an den Kleidern des Toten, glättete das Kissen unter seinem Haupt und streichelte sein Haar. Der Blick des jungen Priesters hing dabei so liebevoll an dem starren Gesicht des Freundes, wie etwa eine Mutter ihr totes Kind betrachten würde. »Und doch,« fuhr er fort, »sieht man selbst jetzt noch, wie schön er war, ... das Profil wie rein und edel ... O Georg!« Er neigte sich auf ihn herab und legte die Stirn auf die kalten Hände.
Von tiefstem Unbehagen erfaßt stand Anna da. Ja, der hatte sich keinen Vorwurf zu machen; in dessen Brust erweckte der Anblick des Toten nur lichte, erhebende Erinnerungen; der durfte ihm nahen und ihn berühren sonder Scheu noch Selbstanklage. Er hatte ihn nie gekränkt, ihm nie weh getan, war ihm im Leben und im Sterben treu zur Seite gestanden ... Mit einem furchtsamen Blick streifte Anna die rührende Gruppe, nahm den Knaben bei der Hand und ging aus dem Zimmer.
Perkow folgte ihr nach einer Weile.
»Erzählen Sie mir von ihm,« sagte Anna, setzte sich und zog den Kleinen an ihre Seite.
Joachim machte eine ablehnende Bewegung.
»Jetzt nicht,« erwiderte er. »Ich kann wirklich nicht. Vielleicht später einmal, ... bis ich ruhiger geworden bin.«
»Wie Sie wollen. Lassen Sie uns von anderem sprechen. Was soll mit Georgs Sachen geschehen? Hat er sich diesbezüglich geäußert?«
»Ja. Ein Testament hat er zwar nicht gemacht: es wäre auch kaum der Mühe wert gewesen ... Seine Bücher und Möbel dachte er mir zu, ... als Erinnerung an ihn.«
Anna sah den Sprecher forschend und mißtrauisch zugleich an. Wenigstens kam es ihm so vor. Er schaute ihr mit durchbohrendem Blick in die kalten, hellen Augen.
»Glauben Sie mir etwa nicht?«
»Was fällt Ihnen ein? Wie sollte ich nicht, ... sobald Sie es sagen. Übrigens haben Sie sich diese bescheidene Erbschaft redlich verdient ... Hat er Geld hinterlassen?«
»Geld?« sprach Juchei mit bitterem Lachen nach. »Sie scheinen nicht zu wissen, daß seine Einnahme eine sehr karge war ... Das wenige, was er besaß, ist für die Herbeischaffung des notwendigsten Hausrates aufgegangen. Wir mußten sogar sein Klavier verkaufen, um die Kosten der Krankheit zu decken, ... und der Rest von diesem Verkaufe muß auf die Bestattung und den Grabstein verwendet werden. Was er sonst hinterläßt, wie seine Wäsche und Kleider und die Kücheneinrichtung, steht zu Ihrer Verfügung. Wie gräßlich ist es doch, von alledem sprechen zu müssen,« schloß er und kehrte sich angewidert von ihr ab.
»Wir sind ja schon fertig,« sagte Anna und stand auf. »Kann ich hier im Dorf Unterkunft für die Nacht finden?«
»Im Gasthof sind noch ein oder zwei Zimmer frei. Dort können Sie übernachten.«
»Und das Begräbnis ist ... um wieviel Uhr?«
»Um acht Uhr.«
»Ich will Sie denn nicht länger stören. Sie bedürfen der Ruhe.«
»Der Einsamkeit vor allem,« dachte Juchei.
»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Anna. Er aber begleitete sie bis an die Tür und öffnete dieselbe. Anna verbeugte sich, der kleine Knabe grüßte höflich, und damit gingen sie.
Joachim schüttelte sich und seine Züge überflog ein Ausdruck, der halb Erstaunen, halb Widerwillen war. Daß ein solcher Bruder diese Schwester haben konnte! Aber er wollte nicht nachdenken über sie; die hohle Puppe war es nicht wert.
In der Ruhelosigkeit, die ihn seit Georgs Tode quälte, beschloß er, teils um irgend etwas zu tun, teils um mit Anna nichts weiter besprechen zu müssen, die Hinterlassenschaft des Freundes zu ordnen und zu verpacken. Die Haushälterin war ihm dabei behilflich; mit trübem Blick betrachtete er, als sie fertig waren, die Kisten und verpackten Möbel und die unwohnliche Stube. Wie kahl es hier aussah, wie traurig!
Die Wirtschafterin trat ein, sah den jungen Priester einsam und verlassen in der Mitte des Zimmers stehen und fragte ihn schüchtern, ob er nichts zu essen begehre.
Er schüttelte den Kopf. »Aber Wein können Sie mir bringen.«
»Ja, Hochwürden.«
»Wo ist der Hund?«
»Unten, ... vor dem Hause.«
»Lassen Sie ihn herauf zu mir, ... ich möchte ihn um mich haben.«
Das Tier fühlte wie er, und darum sehnte er sich nach seinem treuherzigen Anblick.
Am nächsten Morgen, eine Viertelstunde vor acht Uhr, waren die Wohnstube und das Totenzimmer von Leuten überfüllt. Alle hielten einen brennenden Wachsstock in der Hand, wie es bei Begräbnissen der Brauch ist in Tirol. Anna brachte ihr Tuch nicht von den Augen, und als das Zimmer, wo der Tote lag, am vollsten war, beugte sie sich auf die Leiche herab und küßte den Bruder auf die Wange. Juchei stand im Nebenzimmer, abseits von den übrigen, starrte vor sich hin und fuhr manchmal mit der Hand nach dem Herzen. Einer der fremden Geistlichen näherte sich ihm.
»Jetzt wird der Sarg geschlossen,« flüsterte er dem jungen Amtsbruder zu. »Wollen Sie den Toten noch einmal ansehen?«
»O nein,« antwortete Juchei. »Ich habe schon Abschied von ihm genommen, heute nacht, als wir allein waren ... Lassen Sie den Sarg schließen.«
Das war bald geschehen. Vier Männer luden die Bahre auf die Schultern; die Anwesenden ordneten sich und folgten dem vorangetragenen Sarge. Die Glocken begannen zu läuten. So hatten sie auch geläutet, als Georg einzog in das Dorf; damals hatten sie ihn willkommen geheißen und heute riefen sie ihm die letzten Grüße zu.
Nach einer Stunde war alles vorüber. Georg ruhte im Grabe, unter derselben Scholle, auf der Paula gekniet hatte, als sie das Grab seines Vorgängers betrachtete. Die Wohnung war jetzt nicht mehr leer.