Neunzehntes Kapitel
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Zehn Jahre waren verflossen. An einem Oktobernachmittag war es, daß ein kräftig-schlanker Mann, der die schwarze Kleidung eines katholischen Priesters trug, durch die Straßen Salzburgs schritt. Er ging einher in selbstbewußter Haltung und man sah ihm an, daß er gewohnt war, das Haupt hoch zu tragen ... Flüchtig erwiderte er die Grüße der an ihm vorbeieilenden kleinen Buben und Mädchen, sah bald die Häuser an, an denen er vorüberging, bald empor zu den nahen Bergen, und seine männlichen, sonnverbrannten Züge nahmen dabei einen ziemlich ernsten, fast nachdenklichen Ausdruck an. Plötzlich hielt er im Gehen inne und blickte mit einer Bewegung der Überraschung auf ein freundliches, sauber gehaltenes Haus. Ein Name, an dem Haustor angebracht, war es, was seinen Blick getroffen hatte ... »Dr. Reinberg!« murmelte der Priester vor sich hin. »Ist es möglich? Sollte es derselbe Mann sein? So wären wir einander so nahe gewesen und ich hätte nichts davon gewußt?« Kopfschüttelnd wollte er seinen Weg fortsetzen, – da aber war ihm, als tauchte das Bildnis eines Toten vor ihm auf, als flüsterte eine einst geliebte, seit langen Jahren nimmer gehörte Stimme in sein Ohr: So eilst du vorüber an dem Hause, das dasjenige birgt, was mir das Liebste war auf dieser Welt? So eilst du vorüber und gehst nicht hinein und fragst nicht, wie es ihr ergeht und wie sie lebt? Bin ich schon ganz vergessen?
Rasch entschlossen wendete er sich um und lenkte den Schritt hinein in das Haus.
Während er die Treppe emporstieg, überkam ihn eine Art von Beklemmung. Jahre waren hinweggerauscht über alle jene Begebenheiten, die in dem abgeschiedenen und traurigen Dorfe Keßten sich abgespielt, – das Leben und Joachims Jugend hatten ihre natürlichen Rechte geltend gemacht, Ereignisse aller Art waren zwischen ihn und die Vergangenheit getreten und hatten das Bild des toten Freundes gewaltsam in den Hintergrund gedrängt. An Paula Reinberg vollends hatte er jahrelang kaum gedacht. Aber jetzt, wo er sich ihr so nahe wußte, sank die Schranke ein, die die Zeit aufgerichtet hatte, und scharf wie in alten Tagen grub der alte Jammer seine Zähne ein in des Mannes unruhig pochendes Herz.
Zögernd legte er die Hand an die Wohnungsglocke. Wie wird Paula ihn aufnehmen? Wird sein unvermuteter Anblick nicht alte, mühsam vernarbte Wunden aufreißen? Wird sie es ihm danken, daß er, ungerufen, ungebeten, zu ihr gekommen?
Er wußte selbst kaum, daß er an der Glocke gezogen: aber das Geläute, das nun erscholl, belehrte ihn, daß er es getan. Vorwärts denn! Zur Umkehr war es jetzt doch zu spät.
Eine Minute darnach trat er in das Wohnzimmer. Vom Sofa erhob sich eine schlanke, schwarzgekleidete Frauengestalt ... Des Priesters Herz empfand eine schmerzliche Regung. Nach zehn langen Jahren standen die zwei Menschen, die dem, der in Keßten begraben lag, das Teuerste gewesen waren und die auch ihn am innigsten geliebt hatten, einander zum erstenmal wieder gegenüber.
»Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind,« begann Paula und sah ihn mit warmem Blick an: mit einem Blick, wie ihn die Menschen nur für jene haben, die sie an eine gemeinsam verlebte frohe Zeit oder an ein gemeinsam empfundenes Leid erinnern.
»Ich wußte nicht, daß Sie sich in Salzburg aufhalten,« sagte Joachim. Seine Stimme klang bewegt.
»Wir sind erst seit kurzem hier, erst seit ein paar Wochen,« antwortete Paula mit erzwungener Fassung. »Mein Vater ist zum Bezirksarzt von hier ernannt worden ... Wir fühlen uns schon ganz heimisch in Salzburg, nicht anders, als ob wir schon jahrelang hier wohnten.«
Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich zu setzen; er folgte ihrer Aufforderung und Paula nahm ihren Platz auf dem Sofa wieder ein.
Er wußte nicht recht, was er ihr sagen sollte. Die Vergangenheit heraufbeschwören? Reden von Dingen, die so viel Leid gebracht? Dazu hatte er keinen Mut.
Aufmerksam hingen seine Augen an dem blassen, ernsten Mädchenbilde. In ihrem schwarzen Kleide, mit dem schlicht gescheitelten Haar sah sie beinahe matronenhaft aus. Es war die alte Paula und war es doch wieder nicht. Ihre Wangen waren hagerer geworden, sie war noch bleicher als ehedem und um ihre festgeschlossenen Lippen lag ein herber Zug. In ihre Stirn hatte die Zeit – wohl auch anderes – die ersten Falten gegraben; ihre Augen aber hatten einen sanften, schwermütigen Blick. »Ich habe entsagt:« stand nicht das in deutlichen Lettern in diesen tiefliegenden grauen Augen geschrieben?
Auch Paula betrachtete ihn mit forschendem Blick. Sie fand ihn wenig verändert; seine Gestalt war kräftiger, seine Züge gereifter geworden. Er sah so selbstbewußt aus wie in alter Zeit. Nur die Sturm- und Drangperiode, der Ungestüm und Überschuß an gärender, felsenfest an sich selbst glaubender Jugendkraft schienen einem gesetzteren Wesen, einer etwas nachsichtigeren Denkungsart gewichen zu sein. Wenigstens glaubte Paula, es aus seinen Zügen herauszulesen.
»Wir haben einander lang nicht gesehen,« sagte sie, ohne den Blick von ihm zu wenden. »Wie ist es Ihnen ergangen seit dem Tag, wo ...« Sie stockte plötzlich. Die Vergangenheit war heraufbeschworen. Wie konnte es auch anders sein? Seit er das Zimmer betreten, hatten er und sie ja nur an das Eine, gemeinsam Erlittene, längst Begrabene gedacht.
»Seit dem Tag, wo wir in St. Jakob einander zum letztenmal gesprochen,« vollendete Paula nicht ohne Anstrengung.
»Mir ist es ganz gut ergangen,« versetzte Joachim. »Von St. Jakob bin ich, wie Sie wissen, bald abberufen worden ... Eine Zeitlang habe ich für Blätter unserer Partei geschrieben, bin auch Redakteur gewesen und bekleide derzeit die Stelle eines Sekretärs bei seiner Eminenz dem Fürsterzbischof von Salzburg. Er ist mir sehr freundlich gesinnt und ich hatte im verflossenen Jahr das Glück, ihn nach Rom begleiten zu dürfen, wobei mir die Gnade zuteil wurde, seiner Heiligkeit dem Papste vorgestellt zu werden. Übrigens reise ich morgen früh von hier ab.«
»Für immer?« fragte Paula.
»Wahrscheinlich für immer. Der Erzbischof von Wien wünscht, mich um sich zu haben, und ich trete von morgen an in seine Dienste. Das ist mir natürlich sehr angenehm, weil sich mir dadurch die Aussicht eröffnet, rascher vorwärts zu kommen, als es hier möglich wäre. Indessen tut es mir einigermaßen leid, von der Heimat scheiden zu müssen.«
»Sie haben es für Ihre Jugend weit gebracht,« sagte Paula. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu allem, was Sie bis jetzt erstrebt haben und noch erreichen werden.«
»Besten Dank,« antwortete Joachim. »Es ist wahr, daß man allenthalben sehr wohlwollend gegen mich ist und meinen Fähigkeiten oder, wenn Sie wollen, meinem guten Willen die weitestgehende Anerkennung zollt.«
Paula sah ihn mit einem eigentümlichen Blick an; man hätte sagen können, daß Neid aus ihren Augen sprach. Dann wendete sie das Haupt zur Seite und ließ den Blick hinauf zum grauen Himmel schweifen.
»Es ist doch seltsam,« sagte sie dabei. »Zwei Menschen betreten denselben Weg, gehen weiter auf demselben Wege, haben die gleichen Bestrebungen, die gleichen Ziele, ... und mit einemmal trennen sich ihre Wege: den einen trägt der seine empor zu Ansehen und Ehren und den anderen führt er hinab in das Grab ...«
Sie ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin.
»Wenn er, wie ich, Lust und Liebe zu seinem Beruf gehabt hätte,« sprach Joachim mit einem Anflug von Strenge, »würde er gleichen Schritt mit mir haben halten können.«
Einen Namen zu nennen, war nicht nötig. Sie beide wußten ja, von wem sie sprachen, an wen sie dachten.
»Klagen Sie ihn nicht an,« sagte Paula und ihre Stimme zitterte. »O! Wenn die Menschen ihm überlassen hätten, sich seinen Lebensweg selbst vorzuzeichnen: wie anders wäre dann alles gekommen.«
Joachim sagte nichts darauf. Ihn, den Priester aus Überzeugung, berührte es immer peinlich, wenn er daran erinnert wurde, daß der Freund unglücklich gelebt hatte und unglücklich gestorben war, weil er das priesterliche Kleid getragen.
»Ich habe seine Mutter kennen gelernt,« hob er nach einer bedrückenden Stille wieder an.
Flüchtig sah Paula in sein Gesicht.
»Seine Schwester ließ mir keine Ruhe,« setzte er erläuternd hinzu. »Sie schrieb mir Briefe um Briefe, in denen sie mich immer wieder beschwor, sie und ihre Mutter zu besuchen, damit sie von mir hören könnten, wie Georg die letzten Lebenswochen zugebracht hätte und ob er christlich und ergeben gestorben wäre. Aber diese Schwester hatte einen so widerwärtigen Eindruck auf mich hervorgebracht, daß ich mich wahrscheinlich niemals entschlossen haben würde, ihrer Einladung Folge zu leisten, wenn nicht am Ende die Mutter selber mich brieflich gebeten hätte, sie doch, um Gottes willen, einmal wenigstens aufzusuchen: sie könne nicht ruhig sterben, wenn sie mich nicht vorher gesehen und gesprochen hätte.«
»Nun?« fragte Paula in dumpfem Ton, da er im Sprechen innehielt.
»Ich reiste denn nach Kufstein,« fuhr Joachim fort. »Es war etwa ein halbes Jahr nach Georgs Ableben. Als mich die Schwester vor seine Mutter führte, sah ich eine bejammernswerte, hinfällige Greisin vor mir, die kaum die Kraft hatte, sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben. Wie genau erinnere ich mich an jede Einzelheit, ... an die verdrießliche, ungeduldige Miene der Schwester und an das furchtbar blasse, strenge, vom Leid verwüstete Gesicht der alten Frau, – sogar an ihre Worte. ›Hilf mir auf‹, sagte sie zur Tochter. ›Ich bin so mühselig geworden, seit mir die Kunde seines Todes zugekommen ist‹ ... Könnte ich Ihnen nur den Ton wiedergeben, in dem diese Worte gesprochen wurden ... Er drang mir bis ins Mark.« Paula beschattete die Augen mit der Hand. »Unwillig genug leistete ihr die Tochter die gewünschte Hilfe,« erzählte der Priester weiter. »Ich las ihr vom Gesichte ab, daß ihr die gebeugte alte Mutter, der tote Bruder, kurz alles, was sie in ihrer Behaglichkeit störte, unsäglich lästig war ... ›Eine gute Schwester ist sie ihm gewesen,‹ fuhr die alte Frau, zu mir gewendet, fort. ›Warum ist sie nicht rechtzeitig zu ihm geeilt? Hast ihn unter Fremden sterben lassen, Deinen einzigen Bruder,‹ sagte sie zur Tochter. ›Gott vergebe es Dir.‹ – Die Junge zog ein Gesicht und blieb die Antwort darauf schuldig. Ich aber konnte mich nicht enthalten, zu sagen: ›Es war ihm viel lieber so; er hat mit keinem einzigen Wort nach seiner Schwester verlangt.‹ – Das schien doch einigen Eindruck auf das stahlharte Gemüt der Jungen zu machen, ... wenigstens fuhr sie zusammen und ging rasch aus dem Zimmer. Einem Steinbild gleich saß die alte Frau vor mir, ... es wurde mir fast unheimlich sie anzusehen. ›Wie geduldig und liebevoll er im Vergleich zu meiner Tochter gewesen ist,‹ sprach sie mit klangloser Stimme. ›Wenn Gott mir nur sagen möchte, ob ich recht an ihm gehandelt habe. Ich habe meine Pflicht getan und Gott höher gehalten als alles andere, ... und darüber ist mir der Sohn weggestorben; vor mir und nicht in meinen Armen. Und ich fürchte‹, sagte sie flüsternd und umklammerte mit ihrer abgemagerten Hand meinen Arm, ›ich fürchte, daß er in Groll wider mich aus der Welt gegangen ist ... Das nagt an mir, hochwürdiger Herr, ... wie ein Wurm nagt das an mir‹ ...«
Jucheis Stimme war bei diesem Bericht leiser und leiser geworden. Nun seufzte er tief auf und blickte, in Erinnerungen verloren, vor sich hin. Paula hielt die Augen noch immer mit der Hand bedeckt.
»Grauenvoll!« murmelte sie in sich hinein.
»Jawohl, – grauenvoll!« sprach Joachim nach. »Das ist das rechte Wort. Habe ich nicht im Sinn des Toten gehandelt, wenn ich ihr diese Gedanken auszureden, sie zu trösten und zu beruhigen versuchte? Denn das habe ich getan.«
Paula nickte stumm.
»Zwei Monate später erfuhr ich, daß sie gestorben wäre,« sagte Joachim. »Sie hat den Sohn nicht einmal ein Jahr überlebt.«
»Sie ruhe in Frieden,« sprach Paula mit leiser Stimme. »Damals – vor zehn Jahren – hegte ich andere, wildere Gedanken. Heute wiederhole ich die Worte, die Sie einstens zu mir gesprochen: Gott vergebe ihr; sie wußte nicht, was sie tat.«
Eine Zeitlang verharrten sie in Stillschweigen.
»Cäsar,« bemerkte der Priester endlich, »hat seinen Herrn nicht vergessen können. Ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn an mich zu gewöhnen und habe ihn, da er krank war, Tag und Nacht gepflegt; aber er starb ab, wie eine Lampe erlischt, deren Brennstoff verbraucht ist. Ein paar Monate nach Georgs Tode war auch sein Hund tot.«
»Und die anderen ... Hartecks Feinde ... leben wohl alle noch?« fragte Paula mit bitterem Lächeln. »Wahrscheinlich geht es ihnen auch vortrefflich.«
»Nicht die Menschen waren seine schlimmsten Feinde,« entgegnete Joachim. »Er ist an einem verfehlten Leben zugrunde gegangen. Nichts mehr davon. – Seine Widersacher leben alle noch und leben ganz vergnügt.«
Paula versank in Nachdenken. Die Menschen hatten Georg vergessen und sich getröstet darüber, daß er tot; alle waren ihren Weg gegangen, hatten das Glück oder doch ein Ziel gefunden: sie nicht. Die Lücke, die sein Tod gerissen, war geblieben. Sie hatte keinen Ersatz gesucht, hatte den Gedanken, noch einmal zu lieben, mit Hohn von sich gewiesen. Glücklich sein, sich freuen, während er in seinem Grabe moderte, ... nein! O nein! Sie war ihm treu geblieben und die Jugendzeit war verronnen. Was lag daran? Nicht allen ist beschieden, das Glück zu finden, und die Trauer um einen geliebten Toten ist ja auch ein Schatten von Glück.
»Sie wollen schon fort?« fragte sie den Priester. Dieser hatte sich erhoben.
»Ich muß,« sagte er. »Grüßen Sie die Ihren von mir und leben Sie wohl.«
Paula stand auf und gab ihm die Hand.
»Zum Schlusse noch eine Frage,« sagte Joachim und behielt ihre Hand in der seinen. »Wie leben Sie ...? Davon haben Sie mir noch kein Wort gesagt.«
Mit ruhigem Ernste sah sie ihm in die Augen.
»Wie soll ich leben? Sehr still und friedlich ... Toni ist meine größte Freude. Sie hat gehalten, was sie als Kind versprochen und ist ein blühend schönes, reich begabtes Geschöpf geworden. Vielleicht, daß sie ein wenig zu ehrgeizig, zu hochstrebend ist, ... ich aber liebe sie so wie sie ist und möchte sie nicht anders haben. – Über mich selbst,« fügte sie nach augenblicklicher Stille hinzu, »denke ich wenig nach. Ich bin alt geworden. Wenn ich Vater und Toni glücklich sehe, bleibt mir nichts zu wünschen übrig.«
Ein Seufzer der Beruhigung hob seine Brust. Er hatte die Empfindung, als stünde eine nach schwerer, langer Krankheit Genesene vor ihm. Der wildtobende, verheerende Schmerz hatte diese edle Natur wohl erschüttern, nicht aber zerstören können.
Mit einem Händedruck nahm er Abschied von ihr und ging, – ging hinaus ins volle Leben und sie blieb zurück in ihrer eng begrenzten Welt und schaute ihm nach mit ernstem, ergebenem Blick.
Sie wollte den Ihren nichts sagen von dieser Begegnung. Sie möchten fürchten, daß dies Wiedersehen sie erregt haben könnte, und diese Sorge sollte ihnen erspart bleiben. Sie dachten ja immer an sie, der Vater und Toni. Wie geduldig war der Vater stets gewesen! Jahrelang hatte er gewartet, – immer gleich mild und liebevoll, bis sie endlich ruhiger geworden war. Er und Toni hatten sich bemüht, ihr zu ersetzen, was sie verloren, hatten sie ihrer stillen Traurigkeit halber niemals getadelt, hatten jedes heitere Wort, jedes Lächeln von ihr mit heller Freude begrüßt. Wie eine Schwerkranke hatten sie sie behandelt, ... der Vater, der Vater besonders. In ihrem Hause wurde sie geliebt mit treuer, niemals wankender Zärtlichkeit, ... das tat so wohl und warf einen Sonnenstrahl auf das Grab ihrer armen, einzigen Liebe.
Mit leisem Schritt trat sie vor das Bild der Mutter hin, kniete nieder davor und betete lange. Tränen rollten dabei über ihre Wangen, aber es waren sanfte, erlösende Tränen. Sie konnte wieder beten, sie haderte nicht mehr: es war ihr viel genommen, doch auch viel gegeben, viel gelassen worden. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Obschon Paula wußte, daß sie jenen Toten lieben würde, solang ein Herzschlag in ihr, fühlte sie doch auch, daß sie endlich ruhig geworden war. Mit Georg Harteck war alles geschieden, was wie ein dunkler Fleck an ihrer reinen Seele gehaftet hatte. Mit fast sündiger Leidenschaft hatte sie an dem Manne gehangen, hatte, ihm zuliebe, geschwankt zwischen Recht und Unrecht, ja, sie wäre, ihm zuliebe, besinnungslos abgewichen vom Weg der Pflicht gegen sich selbst und gegen teure Menschen, – der Tod hatte dem traurigen Kampf ein Ende gesetzt. Sie war sich heute bewußt, daß es so hatte kommen müssen, um sie sich selbst zu retten; trotz dem Schiffbruch, den ihre einzige Liebe erlitten, war ihr unsäglich viel geblieben: die Selbstachtung, ein Herd und zwei ihr mit echter Liebe ergebene Menschen. Das war viel, mehr vielleicht, als sie verdiente, – mehr, als es braucht, um mit dem Leben fertig zu werden.
Ende.